Schweiz: Die stärksten Männer kommen aus Engelberg

Die stärksten Seilzieher kommen aus Engelberg -Titis  Bildnachweis: Engelberg-Titlis

Die stärksten Seilzieher kommen aus Engelberg -Titis Bildnachweis: Engelberg-Titlis

Die stärksten Seilzieher der Welt kommen aus Engelberg in der Zentralschweiz. Auch in Deutschland wird Tauziehen, das von 1900 bis 1920 sogar olympische Disziplin war, in verschiedenen Gewichtsklassen betrieben. Doch in der Liste der seit 1975 ausgetragenen Weltmeisterschaften liegt die Schweiz klar vorne – im Land selbst haben die Burschen vom Engelberger Seilziehclub schon 35 Schweizermeistertitel geholt. Derzeit trainieren sie für die kommende Saison, die Ende April beginnt. Das öffentliche Heimturnier findet vom 17. bis 19. Juli 2015 im Sporting Park Engelberg statt. Als erster Seilziehclub der Schweiz kann die Mannschaft auf eine lange Tradition zurückblicken, dabei begann alles mit einer gemeinen List …

Das Seil am Weidepflock

Herbst 1970. Die Engelberger messen sich auf heimischem Grund mit den Seilziehern aus Beckenried vom Vierwaldstättersee. Davor hatten die Burschen vom Klosterdorf dort beim Feuerwehrball haushoch verloren und wollen nun die Revanche unbedingt gewinnen. Je acht Mann auf beiden Seiten stemmen sich fest in die Erde und versuchen, das 32 Meter lange Seil über die Mittellinie zu ziehen. Vier Meter müssen sie insgesamt schaffen, doch die Markierung rückt kaum einen Zentimeter näher. Schon ewig scheint der Kampf zu dauern, die Kräfte schwinden. Als es allmählich dunkel wird, greifen die Engelberger zu einer List: Der erschöpfte Ankermann, der sich als Letzter des Teams das Seil normalerweise um den Körper legt, entdeckt hinter sich einen Weidepflock – und schlingt das Seilende darum. „Niemand hat’s bemerkt“, erinnert sich Hans Bünter, „die Beckenrieder zogen und zogen, konnten aber nichts mehr ausrichten.“ Am Tag danach gründet er mit seinem Team den SZC Engelberg, den ersten Seilziehclub der Schweiz.
Bünter, inzwischen über 70 Jahre alt und viele Jahre Geschäftsführer der Brunni-Bahnen Engelberg, war damals Skilehrer. Als Trainer der Mannschaft beschäftigte er sich aber zunehmend mit dem Seilziehen und 1974 trug das eigene Dorf sogar die Europameisterschaft aus. Schnell breiteten sich landesweit weitere Seilziehclubs aus, Bünter wurde Bundestrainer und sollte dies rund 20 Jahre lang bleiben. Seinem Team, das im Winter bei den Bergbahnen und im Sommer als Bauern arbeitete, stand damit plötzlich die weite Welt offen: Europa- und Weltmeisterschaften, Einladungen nach Israel, Südafrika oder in die Türkei. Das ist bis heute so.

Europameisterschaft in Belfast
Die diesjährigen Europameisterschaften 2015 finden Anfang September in Belfast statt. Doch dafür müssen sich auch die erfolgsverwöhnten Engelberger erst qualifizieren – entsprechend hart ist das Training: Bereits seit Dezember stählen die kräftigen, hochgewachsenen Burschen des SZC Engelberg ihre Muskeln. Beim Zirkeltraining in der Turnhalle vor den Toren des Benediktinerklosters stemmen sie Gewichte oder reihen zahllose Klimmzüge aneinander. Beim abschließenden Hockeyspiel geht’s recht derb zu, so dass Verletzungen schon mal vorkommen können.
Am Seil trainieren sie derzeit auf der Sandbahn in einer Halle: mit Baumharz an den Händen, stahlbesetzten Stiefeln und einem Bauchgurt. Denn beim Startkommando „Pull“ muss die Wirbelsäule einer enormen Belastung standhalten, wie bei einem Gewichtheber. Wenn Ende April die Meisterschaftsturniere beginnen, zählen aber nicht nur Kraft, Ausdauer und mentale Stärke sondern auch der Blick auf die Waage: In diesem Jahr tritt das Team in der Kategorie 640 Kilo, der sogenannten Königsklasse, an. Liegt das Mannschaftsgewicht nur ein Kilo darüber, werden alle acht Athleten disqualifiziert. Da hilft nur noch schnelles „Abschwitzen“ bis zum Nachwiegen.

„Gwunnä hemmr!“
Club-Mitgründer Hans Bünter feuert beim öffentlichen Heimspiel vom 17. bis 19. Juli 2015 im Sporting Park Engelberg auf jeden Fall „sein“ Team mit den grün-weißen Trikots und den kurzen schwarzen Hosen an. Einziger Haken: Es wird bei Tageslicht gezogen – keine Chance also für den Trick mit dem Weidepflock. Mit den Beckenriedern haben sich die Engelberger übrigens noch einmal gemessen – und gewonnen, diesmal ganz ohne List. Und dann erklang wieder ihr inzwischen gewohntes: „Gwunnä hemmr!“