Deutschland/Schleswig-Holstein: Plädoyer für ein Fischbrötchen

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Am 2. Mai 2015 wurde entlang der Ostseeküste von Schleswig-Holstein zum fünften Mal der Weltfischbrötchentag gefeiert. Endlich findet der „Ostsee-Burger“, eine Mahlzeit gewordene Innovation, die ihm gebührende Aufmerksamkeit.

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Eine kräftige Scheibe Schwarzbrot, bestückt mit Fisch, ja, das passt wie die Faust aufs Auge. Aber ein mit Zwiebelringen und Gewürzgurken drapierter saurer Bismarckhering zwischen zwei knusprig-knackige, weizenhelle Brötchen-Hälften platziert, nein danke, das ist ja wie Bratwurst mit Sahne. Ein Widerspruch in sich. Die zarte Semmel und der feuchte, saure Hering, das kann ja nicht schmecken! Rein theoretisch gesehen. Praktisch gegessen aber ist so ein Fischbrötchen ein Gedicht.

K1024_Grömitz (28)Der Bismarck als Hering, in eine Schrippe geklemmt, dafür geb‘ ich mit Freuden mein letztes Hemd, reimte denn auch ein unbekannter Konsument und Dichter, von dem man nicht so recht weiß, ob er als Bismarck-Verächter oder als Liebhaber des Fischbrötchen diesen kleinen Vers schmiedete. Nehmen wir letzteres an, es würde gut zum Enthusiasmus passen, mit dem in Scharbeutz, in Heiligenhafen oder Grömitz auch in diesem Jahr für das Ansehen des Fischbrötchens in der Welt gekämpft wird. Zum fünften Mal schon feiert man mit großem Ernst und einer nötigen Portion Ironie den Weltfischbrötchentag.

K1024_Grömitz (26)Bislang gibt es diesen Ehrentag nur in Schleswig-Holstein, aber das muss ja nicht so bleiben. Schließlich ist die norddeutsche Geschmacksrevolution nicht weniger deutsches Kulturgut als die Weißwurst in Bayern oder die Currywurst in Berlin.
Jedenfalls trägt diese kleine, gesunde Zwischenmahlzeit hervorragend dazu bei, mit sattem Bauch durch das Ostseeheilbad Heiligenhafen zu bummeln. Strandattraktion schlechthin ist die neue Erlebnis-Seebrücke, 2012 eröffnet, 5,3 Millionen Euro schwer, zwei Flanier-Ebenen, Meereslounge, Sonnendeck, Kinderspielplätze, man ist mächtig stolz auf diesen hölzernen Zeigefinger, der 435 Meter lang in die See ragt. Überhaupt zählt die altehrwürdige Stadt zu den schönsten Ferienzielen an der holsteinischen Ostseeküste. Sonderlich heilig sieht sie aber keineswegs aus, bis heute ist es der Wissenschaft nicht gelungen, den Namen Hilgenhavene zu deuten. Wie auf einer Insel thront die schöne Kirche (um 1250) inmitten der Altstadt. Im Inneren des Backsteinbaus erinnert vieles an die christliche Seefahrt. Die Empore am Altar heißt denn auch „Schifferstuhl“, hier saßen nach Zahlung eines ordentlichen „Stohlgeldes“ die „Stohlbröders“, Kapitäne und Steuerleute auf große Fahrt. Über dem Schifferstuhl hängt eines der ältesten Votivschiffe im Ostseeraum, die Fregatte „Samson“, 1636 von einem Bürger der Stadt gespendet. Das wohl schönste Gebäude von Heiligenhafen ist der „Alte Salzspeicher“ aus dem Jahre 1587, heute eine Gaststätte, in der die reichhaltige Speisekarte so ziemlich alles bietet, was Leib und Seele zusammenhält, nur kein leckeres Fischbrötchen.
K1024_Grömitz (19) - KopieÜbrigens ist der Weltfischbrötchentag mehr als nur ein Werbegag. Die Fischer in Schleswig-Holstein (ja, es gibt noch einige) nutzen den Anlass, um neugierigen Touristen die regionale Fischereigeschichte nahe zu bringen. Navigation und Wetterkunde, Angel, Reuse, Stell- und Schleppnetze, man sieht den kleinen Fischkuttern, die im Möltenorter Hafen in Heikendorf oder in Neustadt/Holstein vor Anker liegen, die Mühen an, die es macht, im Zeitalter überfischter Meere Heringe, Sprotten, Dorsch, Flunder oder Scholle bei Wind und Wetter ins Netz zu bekommen. „Die Alternative zur Fischindustrie ist die handwerkliche, nachhaltige Fischerei mit Direktvermarktung, wie sie hier bei uns in Heikendorf betrieben wird“, sagte Gerhard Draasch, ein älterer Fischer. „Wir fahren nachts zum Fischen raus, und kommen in den Morgenstunden zurück. Kaum im Hafen wird vom Kutter runter Fisch verkauft. Frischer als bei uns kann er nicht sein.“
Auch in Grömitz gibt es noch Fischer, obwohl die kleine Stadt vor allem vom Tourismus lebt. Inmitten der Lübecker Bucht gelegen wirkt der Ort, der schon seit 1813 Seebad ist, ein wenig geschichtslos. Lediglich die Kirche fällt aus dem Rahmen. Um 1230 errichtet wurde sie dem Heiligen Nikolaus geweiht. Der Tourismusdirektor der Stadt, Olaf Dose-Miekley, erklärt das alterslose Aussehen der Stadt so: „Alles, was wir an schöner Bäderarchitektur hatten, wurde in den fünfziger Jahren gnadenlos abgerissen. Heute bedauern wir das sehr.“
K1024_Grömitz (7)Den historischen Mangel macht Grömitz durch ein Freizeitangebot wett, das seinesgleichen sucht. Einmal abgesehen vom 3,5 Kilometer langen Strand mit Saharasand-Qualität, an dem sich blendend weiße Strandkörbe wie stolze Einfamilienhäuser in der Sonne rekeln, einer lebendigen Fußgängerzone, auf der es schon eines eisernen Willens bedarf, die vielen Geschäfte, Cafés, Restaurants und Kneipen links liegen zu lassen, einen Hochseilpark, ein Wellarium, eine 27-Loch-Golfanlage, ein Erlebnis-Meerwasser-Brandungsbad und eine fast 400 m lange Seebrücke, an deren Ende elegant eine Gondel hängt, in der man auf Tauchfahrt in die Ostsee gehen kann. Bis zu 30 Leute finden Platz, um vier Meter tief ins Innere des Meeres abzutauchen. Lautlos schweben Quallen an den Scheiben der Gondel vorbei, ein paar Heringe betrachten neugierig die seltsame Konstruktion… Die Gondel steht vierzig Minuten lang ein Meter über dem Meeresgrund, um Brackwassermeerboden-Bewohnern wie Krabben, Seesternen oder Muscheln nicht zu stören. Und was das Schönste ist: Jeder kann Unterwasser-Gondoliere in Grömitz werden, die Gondel ist das ganze Jahr über in Betrieb.

Text und Fotos: Bernd Siegmund