Kroatien: Rovinj – Die romantische Schönheit der Adria

Markus Haslinger

Dicht drängen sich die verschachtelten Häuser mit ihren Ziegeldächern um den Altstadthügel, über dem die Hl. Euphemia, in Kupfer gegossen, auf ihrem venezianischen Campagnile über das Wohl der Bewohner wacht. Wie ein dicker Honigtropfen liegt Rovinj mitten im ruhigen Blau der Adria. Erst im Jahr 1763 wurde die einst vorgelagerte Altstadtinsel durch Aufschüttungen mit dem Festland verbunden. Wo einst sanfte Wellen glucksten, sitzen heute Touristen und Istrier traut vereint beim Cappuccino auf den Plätzen Trg Matteottija und Trg Tita oder flanieren die Giuseppe-Garibaldi-Straße entlang. Die beiden großen Plätze an der Mole sind der Salon der Stadt, hier plaudert sich’s gut und von hier lässt sich aus dick gepolsterten Korbsesseln die Ankunft der Schnellfähre aus Venedig beobachten wie auch die Eis schleckenden Gästegrüppchen aus allen Ländern, die auf der Hafenpromenade aus Übersee importierte Riesenmuscheln und getrocknete Kugelfische bestaunen. Die echten Fischer sind von ihrem Morgenfang schon lang an die befestigten Kaimauern zurückgekehrt und prüfen nun abseits der Segelyachten mit sonnengegerbter Ruhe ihre Netze. Ihre Beute ist weniger exotisch, aber umso schmackhafter: Wolfsbarsch, Barbe und Dorade und manchmal ein kleiner Thunfisch landen in den Küchen der lokalen Restaurants.

Gleich neben dem Markt geht es bergauf. Über uralte Pflastersteine, glatt geschliffen von vielen Sohlen und salziger Meeresluft, führen verwinkelte Gassen steil hinauf zum höchstgelegenen Platz der Stadt Rovinj. Blitzsauber sind diese engen Pfade, die immer wieder unerwartete Einblicke gewähren. Die kleinen Hinterhöfe quellen über vor lauter Blütenpracht und bunte Galerien links und rechts verpassen den mittelalterlichen Mauern einen Hauch von Bohème. Kunst auf Schritt und Tritt verspricht vor allem die Ulica Grisia, das Herz der Künstlerszene von Rovinj: Keramiker, Maler, Kunstschmiede präsentieren ihre Werke in ihren Ateliers oder auch unter freiem Himmel. Vor ihren Besuchern haben die Künstler keine Betriebsgeheimnisse und lassen sich gerne über die Schulter schauen, besonders beim „Grisia“-Fest im August, wenn sich die alte Gasse in einen turbulenten Kunstmarkt verwandelt. Wer „Originale“ sucht, wird hier zwischen Ölbild und handgezogenen Kerzen sicherlich fündig.

Ölbilder und Kerzen ganz anderer Art warten am Ende der Ulica Grisia auf die Besucher. Hoch über Rovinj thront die dreischiffige Kirche der hochverehrten Hl. Euphemia aus dem 18. Jahrhundert mit ihren Altären aus Carrara-Marmor und ihrem Glockenturm, dem höchsten Istriens. Dieser wurde bereits 1680 fertiggestellt – frei nach dem Vorbild des Campanile von San Marco in Venedig, der damals mächtigsten Stadt an der Adria. Neben Römern, Franken und Österreichern haben wohl die Venezianer durch die Jahrhunderte das Stadtbild am tiefsten geprägt, bis heute wird Rovinj als die „italienischste Stadt Istriens“ beschrieben. Aber vielleicht ist ja auch nur Venedig die kroatischste Stadt Italiens – sind doch die dortigen Prachtbauten entlang der Kanäle und nicht zuletzt auch der Dogenpalast aus dem schimmernden Kalkstein von Rovinj und anderen istrischen Steinbrüchen errichtet worden.

A.R.T. redaktionsteam