Frankreich: Im Land der Ketzer

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Wohnen am Canal du Midi.

Land der Katharer zwischen Pyrenäen und Mittelmeer. In den Städten, Dörfern und in den Köpfen der Menschen ist die Geschichte von vor 800 Jahren allgegenwärtig. Überall stehen mittelalterliche Burgen – Zeugen unruhiger Vergangenheit. Wanderungen und Radtouren entschleunigen in grandiosen Kulissen.

Wir sind spät dran – schon schiebt sich das fahlgelbe Licht der Burglaternen unter die letzten Sonnenstrahlen – und wollen die bilderbuchschöne Festung Carcassonne noch bei Tage erleben. Vorm Abendhimmel stehen die 52 Ziegeltürme der alten Grafenstadt, die sich hoch über dem Fluss Aude erhebt. So begeistert war Walt Disney, dass er Carcassonne zur Vorlage für seinen Schneewittchen-Film nahm.

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Oldtimer im mittelalterlichen Carcassonne.

Die Stadt, im 19. Jahrhundert nach langem Verfall restauriert, ist heute Unesco-Weltkulturerbe: erstaunlich lebendig mit den Straßencafés, Restaurants, lauschigen Plätzen, einem Museum, dem Grafenschloss und der Kathedrale. In den engen Gassen, zwischen dicken Mauern und Türmen, malt sich der Reisende seine mittelalterliche Festung. Die Einzigartigkeit und der – blutige – Hauch des längst Vergangenen nehmen ihn gefangen.

Carcassonne war Marktplatz der Kelten, gehörte Römern, Westgoten, Sarazenen, Franken und war im 12. und 13. Jahrhundert geistliches Zentrum der Katharer, der „Reinen“. Eine der überall zwischen Goslar, Toulouse und Mailand aufkeimenden christlichen Erneuerungsbewegungen. Ihre Führer im „Pays Cathare“, heute Departement Aude, die „guten Männer“ und „guten Frauen“, sahen sich als die wahren Nachfolger der Apostel. Sie predigten Keuschheit, verabscheuten Korruption, lebten asketisch in Armut, lehnten die Sakramente und das Kreuz ab. In Übereinstimmung mit Volk, Adel und Landesherren verweigerten sie der Kirche den Zehnten. Rom sah sich in Lehre und Macht gefährdet. Bald brannten in Europa die Scheiterhaufen und gegen die „Albigenser“, wie sie vom Vatikan bezeichnet wurden, rief 1209 der damalige Papst Innozenz III. zum Kreuzzug auf.

Die Katharer wurden verfolgt, massakriert und verbrannt. Ihre „guten Männer“ flohen in die Berge und auf die etwa zwanzig Burgen, die nach und nach von den Kreuzrittern erobert wurden. Den Rest erledigte die Inquisition: 1321 wurde der letzte Katharer auf den Scheiterhaufen gestellt.

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Bei Lapradelle auf 700 Meter Höhe thront Burg Puilaurens in wilder Berglandschaft.

Vom verschlafenen Lapradelle wandern wir bei Regen auf das 700 Meter hoch gelegene Château Puilaurens und lassen uns die Besonderheiten der Militärarchitektur erklären. Fantastisch ist der Ausblick in die wilde Berg-Kulturlandschaft der Corbières, deren Schönheit und Geschichte immer mehr Besucher anzieht.

Heute ragen die Burgenruinen wie hohle Zähne in den blauen Himmel. Quéribus, Peyrepertuse, Thermes, Puilaurens und Montségur sind die fünf berühmtesten in dem karstigen Land, das fasziniert mit wilden Flüssen, zerklüfteten Bergen, reicher Flora, mit Menhiren und kleinen Dörfern mit ländlichen Kneipen und Weinkellern. An Weinen wie dem Corbière oder einem Musquat de St. Jean sollte man nicht vorbei gehen.

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Eingang zum Hotel ‚Château des Ducs de Joyeuse‘ in Couiza.

Rennes-le-Château – ein zum Verlieben schönes Dorf auf einem Bergrücken nahe den Pyrenäen – ist eine vergessene Katharer-Bastion. Im Jahr 1885 kam dort bettelarm ein Priester, ein gewisser Bérenger Saunière, an und alsbald wegen seines aufwändigen, teils lockeren Lebenswandels – wie „Gott in Frankreich“! – und seiner enormen Bautätigkeit ins Gerede. Die wenigen Einwohner fragten sich: „Woher nur hat er die finanziellen Mittel für die teuren Renovierungsarbeiten an der Dorfkirche St. Maria Magdalena und für Neubauten wie seine Luxusvilla „Bethania“, eine Bibliothek mit Aussichtsturm und eine Orangerie mit Glasveranda?“ Man spekulierte, Saunière habe einen Katharer-Schatz – eine Schale mit echten Goldstücken – gehoben, was so abwegig im Tal der Burgen nicht schien. Sein Geheimnis nahm er mit ins Grab.

Spannender ist die zweite Geschichte: Die düstere Dorfkirche, im Jahre 1059 Maria Magdalena geweiht, blieb lange unbeachtet. Das änderte sich gründlich, als vor gut 12 Jahren ein Buch erschien, dessen Grundidee auf der mysteriösen Geschichte des Gotteshauses basiert: nämlich Dan Browns „Da Vinci Code“, meistverkaufter Roman aller Zeiten.

Ein paar Autominuten von Saunières Kirche entfernt liegt unser nächstes Domizil, das zu einer Luxusherberge umgebaute Château des Ducs de Joyeuse mit vier gewaltigen Rundtürmen aus dem 16. Jahrhundert. Dem Baustil entsprechend, wird später im Innenhof stilvoll ein „Renaissance-Diner“ serviert.

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Radtour im Naturpark Sainte Lucie.

Nach soviel Geschichte ist eine Radtour durch einen der drei Naturparks der Region Languedoc-Roussillon wie eine Offenbarung. Ranger Roland führt uns durch den Parc Naturel „La Narbonnaise en Méditerranné“. Die Corbières-Berge im Rücken, fahren wir durch Weingärten mit herrlich süßen Trauben bis sich eine horizontlose, sonnendurchflutete Weite auftut. Vor uns liegen glitzernde Salzseen, die wir über kleine Dämme problemlos abradeln. Wir mäandern um Tümpel, Teiche und Seen, zwischen Möwen, Reihern, gar Flamingos. Im kleinen Fischerdorf Cabane de Sigean überrascht Roland mit einem selbstgemachten Picknick, ein kulinarischer Paukenschlag an diesem verträumten Platz mit Sonne, Fischfang und Meer. Ein Boot bringt uns zur Ile de l’Autes. Von ihrem Hügel beglückt der Blick über die Küstenseen und das Mittelmeer.

In Narbonne, dem alten Handelsplatz und Hauptstadt der gleichnamigen römischen Provinz, hat man auf dem Marktplatz vor der burgartigen Kathedrale St. Just zehn Meter der römischen „Via Domitia“ freigelegt. Von hier ans Meer zu den kilometerlangen Sandstränden sind es nur wenige Autominuten ebenso wie zum nahen See Bages-Sigean mit seinen Flamingos.

Stille Morgenstimmung in Le Somail. Im Dörfchen mit 450 Einwohnern gibt es drei Malerateliers und – man staune – eine Bibliothek von 50 000 Bänden, zusammengetragen von einem Pariser Buchhändler.

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Willkommen an Bord! Kapitän Ruud.

Dann beginnt unser kurzes Abenteuer Canal du Midi, Unesco-Kulturerbe. Von der römischen Bogenbrücke tuckert Kapitän Ruud sein Holzboot parallel zu schattenspendenden Platanen-, Pappel- und Zypressenalleen, immer mit Durchblicken auf kleine Dörfer, wie man sie von den Impressionisten kennt. An den Ufern liegen nostalgische Kanalfrachter und – Vergnügen der Freizeitkapitäne – bunt angestrichene Hausboote. „Bevor Ludwig XIV., der Sonnenkönig, im Jahr 1681, nach 14 Jahren Bauzeit den Kanal zwischen Sète am Mittelmeer und Bordeaux am Atlantik einweihen konnte, mussten die Schiffer ganz Spanien umrunden – 3000 Kilometer gegen knapp 500, was für eine Ersparnis“, erzählt Ruud. Wir passieren gemächlich Wiesen und Felder, ducken uns unter kleinen Brücken, genießen die Langsamkeit. Ach, hätten wir doch mehr Zeit! Die Weinkeller und die Ausflugslokale am Wasser locken – klar, man muss wiederkommen.

Text und Fotos: Katharina Büttel