Deutschland/Bernkastel: 76 Oechsle, 160 Weine und 365 Kilometer Wanderweg

Bernkastel vom Kueser Ufer aus © Rasso Knoller

Bernkastel vom Kueser Ufer aus © Rasso Knoller

Martin Kerpen ist zufrieden. „Das wird ein richtig guter Qualitätswein“, sagt der 56-jährige Winzer aus Bernkastel-Wehlen an der Mosel. 76 Oechsle hat er gerade mit dem Refraktometer gemessen. In Oechsle gibt man das Mostgewicht des Traubenmostes an und die 76 auf der Skala ist ein durchaus ordentlicher Wert. Zu erwarten war das nicht unbedingt, denn die Essigfliege hatte den Trauben zugesetzt und auf vielen Anbauflächen Ertrag und Qualität gemindert. Nicht so bei Kerpen.

Winzer Martin Kerpen prüft den Oechslegrad © Rasso Knoller

Winzer Martin Kerpen prüft den Oechslegrad © Rasso Knoller

„2014 wird trotz alledem ein ganz ordentlicher Jahrgang“, ist der Winzer überzeugt. Freilich hat man oben am Berg bei der Lese viel zu tun und muss die fauligen Reben per Hand wegschneiden. Handlese ist in den Lagen der Mosel aber ohnehin die Regel. Erntemaschinen, die bei den Reben nicht zwischen gut und schlecht unterscheiden können, sind hier überfordert. Viel zu steil sind die Hänge für sie.

Weinlese mit Hund © Rasso Knoller

Weinlese mit Hund © Rasso Knoller

Die vielen kleinen Winzer aktivieren deswegen zur Lese Freunde und Bekannte, die größeren, wie Kerpen, heuern zusätzlich Arbeiter aus Rumänien an. „In den Steillagen ist die Arbeit sogar leichter“, verrät einer von ihnen. Denn so müsse man sich nicht ständig zu den Reben hinunterbücken.

Blick auf die Mosel, © Rasso Knoller

Blick auf die Mosel, © Rasso Knoller

Weg mit Aussicht
Für die Touristen haben die steilen Hänge einen ganz anderen Vorteil. Wer auf dem Moselsteig durch die Weinberge wandert, der genießt fast dauernd einen Panoramablick hinab auf den Fluss. 365 Kilometer ist der Weg lang. Wer gut zu Fuß ist, schafft ihn an 24 Tagen. Doch wer hier unterwegs ist, muss kein Marathonmann sein, denn selbstverständlich kann man auch jede Tagesetappe für sich bewältigen. Eine besonders schöne Tour führt von Bernkastel-Kues nach Traben-Trarbach. Wobei es vom Wanderer etwas Überwindung verlangt, damit er überhaupt losmarschiert. Bernkastel ist nämlich einer der schönsten Orte an der Mosel, die Altstadt mit ihren vielen Weinlokalen und den windschiefen Häusern scheint direkt einer Puppenstubenwelt entnommen.

Stadtführer Jürgen Kettern © R. Knoller

Stadtführer Jürgen Kettern © R. Knoller

Nach vorne geneigt sind die Hausfassaden aber nicht etwa, weil Architekt und Baumeister zu tief ins Glas geschaut haben, sondern weil sie so dem Steuerrecht der früheren Tage trotzten. Der Fiskus berechnete damals die Abgabe nämlich nach der Grundfläche, wer sein Häuschen also mit Überhang baute, konnte so den ein oder anderen steuerfreien Quadratmeter schinden. Das erzählt Stadtführer Jürgen Kettern, der die Gäste in alter Tracht durch die Stadt begleitet.
Gesund durch Wein
Er weiß auch vom Doctor Wein zu berichten, der seinen Namen daher hat, weil der ortsansässige Kurfürst im 14. Jahrhundert durch seinen Genuss von einer schweren Krankheit geheilt wurde. Nachdem der Adelige bereits jede andere Medizin ausprobiert und alle Ärzte der Region konsultiert hatte, kam ein Winzer aus Bernkastel zu ihm und bot ihm seinen Wein als Medizin an. Den Doctorberg gibt es noch heute, er ist die bevorzugte Lage für die Bernkastler Weine und erhebt sich gleich hinter dem letzten Haus am Ortsrand. Ob die Reben, die hier geerntet werden, immer noch heilende Wirkung haben, muss man schon selbst rausfinden. Der beste Wein der Region jedenfalls kommt von hier. Und der teuerste auch. Laut Stadtführer Kettern werden die letzten sechs Flaschen der 1921er Riesling Trockenbeerenauslese heute fast 15000 Euro gehandelt.
Drüben, auf der anderen Moselseite im Ortsteil Kues, geht es auch um Wein. Theoretisch und praktisch. Im Weinmuseum erfährt der Besucher so ziemlich alles, was er über Anbau und Ausbau des Moselweins wissen muss, und in der angeschlossenen Vinothek, in den historischen Kellerräumen des St. Nikolaus Hospitals, kann man seine theoretischen Kenntnisse auf die Probe stellen.160 Weine fast aller Winzer der Region stehen hier zu Verkostung bereit.

Weinprobe in der Vinothek © Rasso Knoller

Weinprobe in der Vinothek © Rasso Knoller

Weinseligkeit breitet sich bei den Gästen der Vinothek nicht nur wegen der Alkoholprozente aus, sondern auch wegen der hervorragenden Qualität des gebotenen. Gern stimmt man nach einigen Kostproben Jörg Lautwein zu, dem Geschäftsführer der Wein- und Ferienregion Bernkastel-Kues, der feststellt, „dass sich seit den 1990er Jahren der Weinanbau an der Mosel grundlegend geändert hat und man seitdem weniger auf Quantität denn auf Qualität setzt“. Wer aber noch auf dem Moselsteig weiter will, muss Selbstdisziplin beweisen, für den einmaligen Eintrittspreis von 15 Euro kann man in der Vinothek nämlich – zumindest theoretisch – alle Weine aus Deutschlands ältester Weinregion probieren.

Text und Fotos Rasso Knoller