Deutschland/Sächsische Schweiz: „… als hätten da die Engel im Sande gespielt“

Der Blick von der Bastei über die Tafelberge und Felsnadeln, über die nebelversponnenen Wiesen und Wälder, Mulden und Dörfer, dieser Blick ist einmalig. Es gibt ihn nur in der Sächsischen Schweiz.

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Mit einem satten „Klick“ schnappt die Spiegelreflexkamera zu, und das Bild ist gefangen. Die Bastei in lichtem Morgennebel, eine gespenstische Welt, in der nackte, nur spärlich bewaldete Felsgestalten aus tiefen Schluchten in den Himmel steigen, um sich von oben herab in der Elbe zu spiegeln. In einem prachtvollen Bogen verbindet der Strom die Städtchen Wehlen und Rathen, die Tafelberge Rauenstein, Lilienstein sowie die Festung Königstein. Die schroffen Gesteins-Haufen sind ein Eldorado für Meister-Kraxler aus aller Welt. Wie Superman kleben die Kletterer in der Felskulisse. Kein Wunder, dass in der Sächsischen Schweiz das Free Climbing, das freie Klettern, erfunden wurde. Rund 14.000 verschieden schwere Kletterwege gibt es hier. Und zahlreiche Wanderwege.

K1600_Bastei (1)Der Malerweg ist der schönste. Er führt vom wildromantischen Liebenthaler Grund bis zum Prebischtor in Tschechien und zurück nach Pirna. Seine 112 Kilometer, 68 rechts und 44 links der Elbe, sind auf das Beste erschlossen. Wo nötig, wurden Stufen in den Fels geschlagen, es gibt Geländer, Brücken, Griffe, Stege und Tafeln mit Verhaltensregeln. Der Weg ist unterteilt in acht Tagesetappen, der sportliche Wanderwert reicht von „leicht“ über „mäßig schwierig“ bis hin zu „anspruchsvoll“. Der „künstlerischer Wert“ dieser Märchenlandschaft dagegen lässt sich nicht benoten. Trotzdem regt er seit hunderten von Jahren Maler, Dichter und Musiker dazu an, grandiose Werke zu schaffen. Irgendwo hier auf dem Malerweg muss Caspar David Friedrich 1818 gestanden und die Skizzen zu einem seiner wichtigsten Bilder zu Papier gebracht haben. Im Dresdner Atelier geschah dann die Verklärung, an der heimischen Staffelei wurde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ in Öl geboren.

K1600_Bastei (4)Vom Komponisten Carl Maria von Weber erzählt man sich, dass ihn die Enge der Wolfsschlucht am Hockstein zur Beschwörungsszene im 3. Akt des „Freischütz“ inspirierte. Der Tonkünstler Richard Wagner war der steinernen Gefühlslandschaft regelrecht verfallen, und Heinrich von Kleist notierte begeistert: „Ich sehe die Elbhöhen […] und die Felsen im Hintergrund von Königstein, die wie ein bewegtes Meer von Erde aussehen und in den schönsten Linien geformt sind, als hätten da die Engel im Sande gespielt.“

K1600_Bastei (14)Der Malerweg fädelt wie an einem Band die Schönheiten der Landschaft auf, die Bastei, die Schwedenlöcher, die Wolfsschlucht, Burg Hohnstein, die Kuhstallhöhle, die Schrammsteine, die Edmundsklamm in Tschechien. Erstaunlicherweise existierte das steinerne Chaos von den Toren Dresdens Jahrhunderte lang ohne amtlichen Namen. Mal hieß es Böhmischer Wald, andere wieder redeten vom Meißnerischen Hochland. Dabei wurde das Elbsandsteingebirge, wie es heute heißt, seit dem Mittelalter ausgebeutet. Bekannt ist, dass sich schon Martin Luther für seine Frau Katarina von Bora eine sandsteinerne Badewanne aus Pirna liefern ließ.

K1600_Bastei (8)Auch der Dresdener Barock hätte nie stattgefunden ohne den sächsischen Sandstein, „aus dem die runden Formen gleichsam von selbst hervorzubrechen scheinen“. An die 600 Steinbrüche drängten sich zu Zeiten August des Starken (1670-1733) zwischen Wehlen und Schmilka. Heute gibt es nur noch den Wehlener, aus ihm stammen die Blöcke für den Wiederaufbau der Frauenkirche.
Der so einprägsame Name Sächsische Schweiz geht wahrscheinlich auf zwei Schweizer Künstler zurück, den Landschaftsmaler Adrian Zingg (1734-1816) und den Porträtmaler Anton Graff (1736-1813). Wie die Gemsen kletterten die beiden Freunde durch das raue, aber anmutige Naturbild und malten, was das Zeug hielt. Zingg bemerkte in seiner Begeisterung nicht einmal, dass er ins Visier der königlich-sächsischen Polizei geriet. Erst bei Wasser und Brot in der Arrestzelle wurde ihm klar, dass er mit der Festung Königsstein ein militärisches Geheimnis aufs Papier gebannt hatte.

K1600_Bastei (17)Da der junge Mann glaubhaft nachweisen konnte, als Professor für Landschaftszeichnen an die Dresdner Akademie berufen worden zu sein, blieb dieses „Rendezvous“ ein belächeltes Intermezzo. Heute gibt es über 200 Landschaften in der Welt, die sich den schmückenden Beinamen zugelegt haben. Allein in deutschen Landen sind es über 60. Ob Mecklenburger, Märkische oder Wolkensteiner Schweiz… Das Alpenland ist der Maßstab aller Dinge. Doch nicht nur die reine Schönheit der Berge hat es den Menschen angetan, es ist jene einzigartige Mischung aus Landschaft und Lebenskultur, die sich mit dem Namen verbindet.

Text + Fotos Bernd Siegmund