Kanada: Fernie – Am Powder-Highway sind die Bären los

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Es war die wohl absurdeste Szene der ganzen Saison. Als ein Bergwachtler in Fernie am Ende der Saison die Pistenmarkierungen einsammelte, lief ihm plötzlich ein Grizzly über den Weg. Der Bär setze sich in den Schnee, hob die Tatzen und schlitterte den Hang hinab.

Grizzlybären haben eine verdammt gute Nase. Anscheinend auch für Skigebiete. Der Grizzly, der vor einigen Jahren einen Ski-Patroler in British Columbia (BC) fast zu Tode erschreckt hat, wusste jedenfalls ganz genau, wo man richtig Spaß im Schnee hat: in Fernie, dem Tor zum Powder-Highway mit seinen legendären Heliskiing-Lodges von Canadian Mountain Holidays (CMH).

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„Der Bär hatte offenbar Riesenspaß und auch einen guten Riecher dafür, wo die besten Abfahrten sind“, scherzte der Ski-Patroler. Einen ähnlich guten Riecher für ideale Hänge hat auch Heiko Socher, ein großer deutscher Ski-Pionier in Fernie. Der weit über 80 Jahre alte Deutsche legte den Grundstein für eines der besten Skigebiete der Welt. In Europa ist das Minenstädtchen am Fuße der beeindruckenden Lizard-Felswand zwar bei Weitem nicht so bekannt wie Whistler oder Banff und Lake Louise, „dabei haben wir alles, was zu einem grandiosen Skiresort gehört“, sagt Heiko.

Ende der 1960er kam der Auswanderer nach Fernie und erkannte sofort das Potenzial des Gebiets im Südosten British Columbias, das pro Saison im Durchschnitt mehr als elf Meter Schnee abbekommt. Der studierte Forstwirt musste zunächst viel für seinen Traum opfern. Er gab seinen Job auf, begann Schneisen für Pisten zu schlagen und baute die ersten Lifte und Gebäude an der Talstation. Mit seiner Frau Linda eröffnete der gebürtige Berliner eine Skischule und einen Ski-Shop mit Verleih.

Fernie wurde als Familienbetrieb groß. Linda und Heiko führten das Skiresort 25 Jahre gemeinsam, bis sie es 1997 an die Gesellschaft Resorts of the Canadian Rockies (RCR) verkauften. Der Konzern des kanadischen Öl-Milliardärs N. Murray Edwards aus Calgary pumpte viel Geld in das Resort und verwandelte Fernie in ein Weltklasse-Skigebiet. Neue Lifte entstanden, die 142 Pisten bedienen und den Zugang zu über 1000 Hektar befahrbarem Gelände ermöglichen. Die Pionierleistung von Heiko aber bleibt unvergessen. Die Menschen in Fernie bewundern den unermüdlichen Selfmademan, der vor kurzem noch mit eigenen Händen ein historisches Gebäude auf der Rückseite der Main Street restaurierte.

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„Heiko ist schon jetzt eine Legende“, sagt Shawn Clarke, ein zugezogener Backcountry-Guide aus Ostkanada. Seit 18 Jahren lebt er in Fernie. Er schwelgt noch immer gerne in den Erinnerungen an die alten Zeiten: “Heiko sammelte damals persönlich den Müll auf dem Parkplatz ein, brachte die Dosen zum Recycling. Auch als Besitzer des Skiresorts war er sich für nichts zu schade“, erzählt Shawn.

Shawn ist Experte für steile Tiefschneehänge – und Fernie ist für eben diese besonders bekannt. „Die steilsten Hänge haben wir unter dem Polar Peak“, berichtet Shawn im Polar Peak-Sessellift, auf dem Weg zum höchsten Punkt des Skigebiets auf 2134 Metern. Fast alles hier oben ist „Double Black“, die schwierigste Pisten-Kategorie in Nordamerika.

In Kanada kann man, anders als in Europa, innerhalb des Skigebiets überall fahren, auch im Wald. Im Sommer wird immer wieder ausgelichtet, damit die Bäume beim „Tree-Skiing“ für den Naturslalom im perfekten Abstand zueinander stehen. „Wer sich auskennt, findet auch Tage nach dem letzten Neuschnee noch unverspurte Flächen“, verspricht Shawn. Die Wälder in der Timber Bowl, der Currie Bowl und den tieferen Lagen der Lizard Bowl sind erstklassig. Wer auf der Suche nach offenen Steilhängen ist, geht in das Lieblings-Areal des Grizzlys, in die Cedar Bowl, hoch hinauf an den Polar Peak oder in den oberen Teil der Lizard Bowl.

IMG_8837-Fernie-Fotos. Die Frau auf den Fotos ist die Autorin Brigita Krieger - der Mann dieser Shawn Clarke aus der Story.’

Fernie ist was für gute Skifahrer, sie werden von dem Ski-Ort regelrecht angezogen. Die Schickimicki-Fraktion ist da völlig fehl am Platz. Entsprechend locker geht es in den Kneipen und Restaurants zu. Fernie ist deutlich günstiger als Banff oder Whistler, ohne schlechter zu sein. „Gourmets halten unser Yamagoya sogar für eines der besten Sushi-Restaurants in British Columbia“, erzählt Shawn. Auch die Steaks in der Fernie Cattle Company sind top. Die Après-Ski-Schuppen Griz Bar im Ski Village und das Brick House an der Main Street sind Skifahrern in ganz Kanada ein Begriff.

Fernie ist eine echte Ski-Town mit Seele und viel Charme. Es ist ein idealer Ausgangspunkt für einen Roadtrip auf dem sogenannten Powder Highway, der in BC einige der besten Skiresorts, Cat- und Heliskiing-Orte verbindet. In Sachen Heliskiing befinden wir uns in Fernie in einer der legendärsten Gebiete Kanadas.

Hans Gmoser hat das Heliskiing in Golden, der Wiege der luxuriösesten Form des Skifahrerns, im Jahr 196 erfunden und sich mit seiner Firma Canadian Mountain Holidays (CMH) die Rosinen rausgepickt. Einige der besten Heliskiing-Areale in den Rocky Mountains konnte er sich sichern. Der Österreicher baute mit der Bugaboos Lodge die weltweit erste Heliskiing-Lodge mitten in die unberührte Wildnis „Die Bugaboos sind unser am besten erschlossenes Gebiet“, sagt Lodge-Manager Dave Cochrane. Die Purcell- und Selkirk-Mountains bieten ein beeindruckendes Panorama und herrliche Bedingungen zum Heliskiing. Die riesigen Gletscher werden von mächtigen Gipfeln eingerahmt und bieten zwischen 1370 und 3050 Meter schier unendlich viel Gelände. Ob bei der Herausforderung Tree-Skiing oder bei Genussabfahrten auf den breiten Gletschern, die Suchtgefahr ist enorm. Einer Gruppe von nur 44 Skifahrern steht ein Areal von 1053 Quadratkilometern zur Verfügung. Maximal elf Gäste bilden eine Helikopter-Gruppe.

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Sicherheit gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Lodge-Betreiber. Noch bevor es die erste Mahlzeit gibt, geht es zum Sicherheitstraining. In den Heli ein- und aussteigen, das Verhalten im Notfall, alles wird detailliert besprochen und geübt. Doch auch trotz der höchsten Sicherheitsstandards, wie sie bei CMH und den anderen kanadischen Heliskiing-Anbieter üblich sind, das Restrisiko eines Lawinenabgangs aber bleibt immer bestehen. Jeder Teilnehmer muss das Verhalten nach einem Lawinenabgang verinnerlicht haben, sonst ist die Gefahr für die gesamte Gruppe zu hoch.

Bereits am Anreisetag beginnen die Teilnehmer sich mit dem Terrain und dem Heli vertraut zu machen und können sich auf kurzen Runs einfahren, um gewappnet zu sein für das große Abenteuer Heliskiing. Die ersten Schwünge im knietiefen Schnee sind für viele noch ungewohnt, auch wenn die kostenlos bereitgestellten Powderlatten den Tanz durch den Pulverschnee enorm vereinfachen. Mit den breiten „Fat Ski“ schwimmt man förmlich auf dem Schnee auf.

Wer in den wahren Genuss des Heliskiing kommen will, sollte mindestens drei Tage in der Lodge einplanen. Bei den meisten hat sich nach dem zweiten Tag die Nervosität erst so richtig gelegt, die ungewohnt breiten Ski gehorchen immer besser und die Schwünge werden rhythmischer. „Mit diesen Brettern ist das Fahren purer Genuss“, sagt Edgar Isermann. Der ehemalige Richter ist nicht zum ersten Mal beim Heliskiing in Kanada, doch nach jedem Run ist er immer wieder fasziniert. „Der Schnee macht süchtig. Mit jedem Schwung tauchst du ein wie in ein Daunenbett“, berichtet Isermann. Allein die Flüge im Helikopter seien schon fantastisch. „Und wenn einen der Heli dann auf einem Gipfel irgendwo im Nichts absetzt, wieder wegfliegt und dann plötzlich absolute Stille herrscht, ist das schon unvergesslich“, erzählt der 68-Jährige.

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Exklusiver als Heliskiing geht es kaum, zumindest nicht im Wintersport. Je kleiner die Lodges und je kleiner die Gruppen sind, desto größer ist der Spaß. „Das Grandiose beim Heliskiing ist, dass du auch Tage nach dem letzten Schneefall immer noch jede Abfahrt im unberührten Powder fahren kannst“, erklärt Powder-Guide Shawn. Er hat in Fernie schon hunderte Heliskiing-Novizen fit gemacht für ihr großes Abenteuer. Shawn ist nicht verwundert darüber, dass so viele Europäer nach Kanada kommen zum Skifahren. “Der trockene Pulverschnee, das Heliskiing und dieses riesige Land mit so wenigen Menschen und so viel unberührter Natur“, listet der Skilehrer auf. Und auch die Tiere dürfen in dieser Liste nicht fehlen. In Fernie findet man Elche, Rehe, Stachelschweine, Füchse und mit ganz viel Glück auch mal einen Grizzlybären.

Text: Lukas Scheid und Brigita Krieger
Fotos: Bernhard Krieger