USA: SanDiego – West Coast und Lebenslust

Coronado Beach -Courtesy Brett Shoaf

Coronado Beach © Brett Shoaf

San Diego im Süden Kaliforniens besticht mit Traumstränden, viel Grün und einem sehr entspannten Lebensgefühl.

Wir sind in einem Lokal in North Park, einem angesagten Viertel von San Diego, verabredet. Mittags um halb eins. Bevor wir loslegen können, braucht der Mann, der mir mit Jeans, Karohemd und kurz gestutztem Backenbart gegenüber sitzt, aber erst einmal ein Frühstück. Er bestellt einen Burger mit Speck, einen großen Kaffee – ein kleines Bier. Dann plaudert Josh Damigo, Gitarrist und Singersongwriter, über die Musikszene in seiner Heimatstadt San Diego, erzählt von der Zeit vor zehn Jahren, als er mit seinen ersten selbstkomponierten Songs landauf, landab durch Kalifornien tingelte.

Josh Damigo

Local heroe Josh Damigo ©Susanne Kilimann

Der Konkurrenzdruck in Los Angelos habe ihm zu schaffen gemacht, sagt der 32jährige „In L.A. kann es passieren, dass du spielst und anschließend herrscht eisiges Schweigen im Raum.“ In San Diego habe er so etwas nie erlebt. „Hier helfen dir Kollegen, klopfen dir auf die Schulter, spornen dich an. Und das Publikum applaudiert immer. Selbst wenn es von deiner Musik nicht so begeistert war.“
Das entspannte Miteinander spürt man nicht nur in Damigos Branche. In der Millionenstadt nahe der Grenze zu Mexiko gehe man das Leben „laid back“, also zurückgelehnt, an, hört man allenthalben. Hier fühle sich selbst der Alltag immer ein bisschen wie Urlaub an. Dass das so ist, hat wohl in erster Linie mit dem ganzjährig milden Klima und mit den traumhaften Stränden zu tun, von denen es entlang der 110 Kilometer langen Küste von San Diego County Dutzende gibt.

Pacific Beach_Courtesy Brett Shoaf

Pacific Beach © Brett Shoaf

Feinsandige Bade- und Surfparadiese liegen quasi vor der Haustür. Black’s Beach, Cadriff Reef, Swami’s – das sind nur einige der Hotspots, an denen Surfer rund ums Jahr die Wellen reiten. Andere zieht es zu weniger adrenalinlastigen Aktivitäten an die Strände von La Jolla und anderen Vierteln der Stadt. Man kommt zum Joggen oder zum Yoga an den Strand, geht spazieren, schaut den Walen und Delfinen zu, die sich hier, vor der südkalifornischen Küste tummeln, trifft Freunde zum Beach Barbecue oder kommt, wie Josh Damigo, am liebsten nachts, um unterm Sternenhimmel auf der Gitarre zu klimpern und vielleicht ein Lied zu komponieren.
Natürlich verdienen auch in San Diego die wenigsten das Geld am Strand. Die großen Geschäfte werden Downtown gemacht. Vor allem Unternehmen der Kommunikations- und Biotechbranche haben sich in den letzten Jahrzehnten in der südkalifornischen Stadt angesiedelt, haben ihre Büros in den Glastürmen der City. Auf relativ kleiner Fläche konzentrieren sich sämtliche Wolkenkratzer. An die hochaufragende City schließen niedrig bebaute Wohnviertel an. South Park zum Beispiel, das mit kleinen Holz- oder Ziegelhäusern, Vorgärten und Straßenbäumen beschaulich wirkt. Oder North Park, wo sich in jüngster Zeit immer mehr kleine Läden auf Hand- und Hausgemachtes spezialisieren.

Little Italy Diners -Courtesy Joanne DiBona SanDiego.org

Little Italy ©Joanne DiBona

Selbstgenähte Mode, Schokolade mit Zutaten aus biologischem Anbau, Schmuck aus Recyclematerialien – Nachhaltiges ist in North Park total in.
Coronado, eine Insel, die sich von Downtown aus über eine hohe Brücke in wenigen Autominuten erreichen lässt, ist ein Wohnort der Besserverdienenden. Der breite, feinsandige Coronado Beach gilt als einer der schönsten des Landes. Zum Baden kann jeder kommen. Um „Hotel del Coronado“ zu logieren, braucht es schon ein etwas größeres Budget. Als das Luxushotel – eine Art Märchenschloss im viktorianischen Stil, mit Türmchen und Veranden – 1888 seine Türen öffnete, zog es sogleich den amerikanischen Geldadel an. Die Reichen kamen, um den strengen Wintern an der Ostküste zu entfliehen. Bald reihten sich auch Leinwandstars und US-Präsidenten in die illustre Gästeschar ein. Hollywood-Regisseuren gefiel das „Del“ auch als Kulisse. Am prominentesten hat Billy Wilder das Hotel am silberweißen Strand auf die Leinwand gebracht. Er drehte hier seine Komödie „Manche mögen’s heiß“ mit Marylin Monroe.
Heute geht es in dem 900-Zimmer-Haus eher lässig zu. Gäste schlendern mit Badelatschen und Shorts durch die vornehme Lobby und selbst im feinsten Hotel-Restaurant ist man zum Dinner in legerem Freizeitlook völlig korrekt gekleidet. Die Promi-Dichte ist nicht mehr so hoch wie einst, Berühmtheiten checken aber heute noch ein. First Lady Michelle Obama und die Töchter haben auch schon Urlaubstage im „Del“ verbracht.
Man könnte ohne weiteres jeden Tag am Strand verbringen, doch locken noch etliche andere Attraktionen.

Pandas im Zoo von San Diego ©San Diego Zoo

 

Eine davon ist San Diegos Zoo. Mit über 3700 Tieren und 650 Arten ist er einer der größten der Welt – und einer der besten. Besucher spazieren zwischen hohen Pflanzenwänden wie auf Dschungelpfaden, Affen, Zebras, Tiger & Co streifen durch große, naturnah gestaltete Gehegen. Dass sie sich wohlfühlen, lesen Zoologen an den Zuchterfolgen ab. Sogar bei den Pandas, die sich mit der Fortpflanzung im Tierpark gemeinhin schwertun, konnte San Diego schon mehrfach Nachwuchs vermelden.
Als grüne Lunge, botanischer Garten und Spielplatz für Golfer präsentiert sich der fast fünf Quadratkilometer große Balboa Park. Er wurde 1868 auf einem Hügel nördlich der Innenstadt angelegt. Zur Weltausstellung anlässlich der Eröffnung des Panamakanals im Jahr 1915 ließen die Planer Ausstellungsgebäude mit üppigen Barockfassaden in den Park setzten.

_Balboa Park Courtesy Museum of Man

Balboa Park ©Museum of Man

Noch heute wirkt das einstige Expo-Gelände wie eine fantastische Stadt in der Stadt, beherbergt rund ein Dutzend Museen und ist beliebte Fotokulisse.
Tief in die kalifornische Geschichte taucht man in Old Town San Diego ein. Das Gebiet zwischen Mission Valley und Mission Bay gilt als Geburtsstätte des 31. US- Bundesstaats. Hier wurde 1769 die erste von 21 Missionarsstationen an der kalifornischen Küstengegründet. Um diese christlichen Niederlassungen herum entstanden Siedlungen, die sich im Laufe weniger Jahrzehnte zu den großen Städten des amerikanischen Westens entwickelten. im alten Schulhaus, im Sheriffmuseum, im Drugstore Wild-West-Atmosphäre schnuppern, bei Kunsthandwerkern nach Souvenirs stöbern und den Köchinnen zuschauen, die virtuos mit hauchdünnen Teigfladen hantieren.
Während sich Touristen in Old Town Tortillas schmecken lassen, füllen sich anderswo in der Stadt die Bierlokale. Bier ist Kultgetränk in San Diego. Für Sortenvielfalt sorgen fast 100 Mikrobrauereien. Eine davon gehört Mike Hess, einem Selfmademan mit deutschen Wurzeln. Wie man Bier braut, das habe er sich im Internet angelesen und die ersten Brauversuche dann in der Küche gemacht, erzählt der ehemalige Soldat. Heute hat er sechs Angestellte, die vor den Augen der Kundschaft „Orange Honey Wheat“, „Vienna Cream Ale“ und „German Style Kölsch“ brauen. Kinder und Hunde sind sehr willkommen in dem lichtdurchfluteten Lokal. Für die einen hält der Wirt die guten alten Brettspiele bereit, für die anderen gibt’s Hundekekse an der Bar.
Nächte können kurz werden in Kaliforniens südlichster Stadt. Das historische Gaslamp Quarter mit den viktorianischen Klinkerbauten ist seit jeher Vergnügungsviertel und lockt noch immer mit Theatern, Konzerthäusern und gemütlichen Pubs. Auch Little Italy mit seinen durchgestylten Restaurants und den vielen Straßencafés ist ein quirliger Ausgehkiez. Allabendlich öffnet hier das Casbah die Tore. Seit Jahrzehnten gibt der Musikclub Newcomern der Rock- und Popszene eine Bühne. Natürlich rockt nicht jede Band den Laden, sagt Clubbetreiber Tim Mays. Ganz ohne Applaus musste aber auch hier noch keiner von der Bühne gehen.

Susanne Kilimann