Norwegen: Hol den Wagen, Harry!

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Mit Skiern und Pulka durch die winterliche Hardangervidda

Es gibt Dinge, die braucht man normalerweise nicht. Doch, was ist normal? Ist es normal freiwillig in den Schnee zu ziehen, zu frieren während sich die ganze Stadt auf den Frühling freut? Tagelang mit einem haarigen Kerl in einem viel zu engen Zelt zu verbringen, seine stinkenden Socken zu ertragen? Kälte ist nicht wirklich mein Ding – ich bin eben ein Normalbürger, bevorzuge es gemütlich. Es gibt aber auch Menschen, die gehören nicht zum Kreis dieser Normalbürger.

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Ein solcher ist Harry, er liebt die Kälte! 600 km Grönland, mit dem Zelt, natürlich im Winter, Herr habe Erbarmen! Harry und ich wir kennen uns schon seit Jahrzehnten. Nach vielen gemeinsamen Jahren beim Klettern, in Höhlen, auf den sommerlichen Gletschern der Alpen verloren wir uns aus den Augen. Karriere, Familie, das Übliche und dann führte uns ein Zufall nach 15 Jahren wieder zusammen. Wir wollten klettern, wandern, ich wollte ganz gewiss nicht in die Kälte.

Und Harry? Warum bestand er darauf bei unserer Winterbegehung der Alpspitz-Nordwand am Einstieg zu zelten, bei -17 °C? Das war ein Test, zugegeben, es war viel weniger unangenehm als erwartet. Im Gegenteil, in der Nacht musste ich mich Schicht für Schicht aus meinen Klamotten pellen, mir war zu warm in all den Dingen die ich mir aus Furcht zu frieren angezogen hatte! Auch die Raureif verzierten Zeltinnenwände, die weiß gepuderte Mütze konnten nichts daran ändern: es hat mir Spaß gemacht!

Auf den Spuren der Polarforscher

2012-03-04 155013 RawTja, und so rückte Harald mit seiner Idee heraus, gemeinsam die Hardangervidda auf Ski zu durchqueren. Die was bitte? Er klärte mich mit leuchtenden Augen auf: Die Hardangervidda ist diese riesige, unwirtliche, menschenarme Hochebene im Süden Norwegens, in der sich schon so berühmte Abenteurer wie Roald Amundsen, Robert Falcon Scott und Fridtjof Nansen auf ihre Arktistouren vorbereitet hatten. Stürme, Whiteouts und Temperaturen von -25  C sind dort ganz normal. Nicht umsonst wird die Region als das am südlichsten gelegene Trainingsgebiet für Arktisaspiranten betrachtet.

So reisten wir also mit 110 Kilo Gepäck, verstaut in zwei Pulken, nach Norwegen, dabei Nahrungsmittel für 14 Tage. Während der Anreise berichtete eine norwegische Bergführerin, dass die 120 km Tour von einigen sportlich ambitionierten jungen Leuten in zwei Tagen gemacht wird – natürlich ohne eine heftig bremsende Pulka an der Ferse. Wir aber wollten uns gemütliche 8-10 Tage Zeit lassen und die Natur genießen. In der Nähe des Valdalsvattnet spuckte uns der Bus von Oslo kommend aus, und da standen wir nun mit all unserem Plunder in der Pampa.

Ich stand hier am Rand der Wildnis das erste Mal vor einer Pulka und fühlte mit allen 2012-03-05 135125 RawLasteneseln der Welt. Hüüüüh, entfuhr es mir unwillkürlich, als ich die ersten Schritte wagte. Ach Harry, hol doch den Wagen, dachte ich mir als wir die Straße langsam hinter uns ließen – er holte ihn aber nicht. Stattdessen sah ich ein Bild vor mir, das sich mir in den kommenden Tagen einprägen sollte. Harry von hinten, die Pulka gemächlichen Schrittes ziehend – aus dem Manager wurde in wenigen Minuten der erfahrene Outdoormensch.

Zelten in Sturm und Schnee

Bereits am ersten Abend weihte er mich in die Routine des Zeltaufbaus ein, jeder Handgriff sollte sitzen. Weder durfte das Zelt im Sturm beschädigt werden, noch durften Teile verloren gehen. Etwa in der Mitte des 10 km langen Sees, bauten wir das Zelt in der Nähe einer kleinen Insel auf. Nur der Navi verriet uns, dass wir auf dem gefrorenen See zelteten. Schon die erste Nacht lehrte mich, welche Kraft der Wind hier entwickeln kann. Am Rande der Hardangervidda strömen Luftmassen von der Hochebene herunter und pfeifen durch das Vivassdalen. Die ganze Nacht zerrte der Wind knatternd an unserem Zelt. Am Morgen lag die große Pulka quer vor unserem Zelteingang, umgeblasen wie ein Ballen Stroh.

Für den zweiten Tag hatte Harry Wald versprochen, die letzten Bäume vor der weiten, baumlosen Hochebene. Gut, Wald ist ein großzügiger Begriff für das was ich zu sehen bekam. Kleinwüchsige, weit verstreute Birken, die Riesen unter ihnen maßen gerade 4 bis 5 Meter. Wir befanden uns auf dem Weg in eine klimatische Extremlandschaft. In der tundraartigen Hardangervidda existieren keine hoch wachsenden Pflanzen mehr, nur Felsen und weit geschwungene Berge prägen das Bild. Am Abend die nächste Ausbildungseinheit: „Wir bauen zum Schutz vor Sturm eine Schneemauer“.

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„Aber es geht doch kein Lüftchen“, beschwerte ich mich mit Blick auf das herrliche Abendlicht. Ich kam mir sehr ungeschickt vor. Während Haralds Schneeblöcke eine perfekte Mauer bildeten, zerbrachen meine immer wieder. Schon in der darauf folgenden Nacht erkannte ich die Notwendigkeit einer solchen Mauer. Nach einem Tag mit herrlichen Landschaftsbildern, ziehenden Wolken und Sonnenschein frischte der Wind am Nachmittag auf. Schneekristalle trieben über den Boden, die Landschaft schien im Gegenlicht zu gleiten. Wir bauten das Zelt in einem schmalen Hochtal auf. Nachts dann, ein fahler Mond beleuchtete die Szenerie, riss und zerrte der Wind so erbarmungslos am Außenzelt, dass wir unsere warmen Schlafsäcke verlassen mussten, um die vorhandene Schneemauer zu erhöhen. Gut geplant Harry!

Auch die kleine Plastikflasche mit der großen Öffnung lernte ich in jener Nacht zu schätzen. Wer verlässt schon gerne das schützende Zelt, zieht sich Schicht für Schicht komplett an, nur weil die Blase voll ist! Man stelle sich die Situation vor: Zwei gealterte Kerle hindern sich am Schlafen, weil im ohnehin engen Zelt die halbe Nacht jemand herumwühlt. Da hilft nur die Pippiflasche! … und das klingt einfacher als es ist! Wir haben Tabus verinnerlicht, zum Beispiel: „Im Schlafsack wird nicht gepinkelt“ ist so eine Regel. Da läuft dann zunächst gar nichts, aber ich will nicht zu sehr mit Details langweilen! Nur so viel: ich lernte meine Peebottle noch sehr zu schätzen – es ist doch so wunderbar warm und kuschelig des Nachts im Schlafsack!

Hütte oder Zelt

Der Lohn für die durchstandenen Nächte war immer ein herrliches Frühstück. Dort, in der Wildnis, lernt man einfache Dinge zu schätzen! Harry übernahm die morgendliche Aufgabe Schnee zu schmelzen und Wasser zu kochen. Das ist in einem engen Zweimannzelt eine logistische Herausforderung. Wenn dann aber der Pulverkaffee dampft, schmecken Knäckebrot und Bacon um so besser. Das abschließende Highlight war Morgen für Morgen die zweite Tasse Kaffee mit einem Stück sehr butterhaltigen Streuselkuchens. Köstlich!

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Der starke Wind blieb uns nahezu immer erhalten. Er blies uns geradezu in Richtung Saundhaug, einer der wenigen Hütten an unserer Route. Ein wunderbares Gefühl, trotz der Felle unter den Ski und der schweren Pulken, ohne viel Zutun über das Land geschoben zu werden. Kurz vor der Hütte schlug das Wetter schlagartig um und der Sturm trieb Schneeregen waagerecht über das Land. Innerhalb weniger Minuten waren wir pitschnass. Nein, Harry, wir suchen ganz gewiss keinen „gemütlichen“ Zeltplatz im Windschatten der Gebäude. In der schnuckeligen Hütte steht ein Ofen, wir können dort die nassen Sachen trocknen, sogar im Stehen kochen! Ich setzte mich durch und so war Haralds Kummer beschlossen. Es folgte ein bemerkenswert behaglicher Abend bei Kerzenlicht und mit leckerem Essen aus der Vorratslager der Hütte – und einem latent schmollenden Harald – ich glaube aber noch immer, dass er den gemütlichen Hüttenaufenthalt ganz tief in seinem Inneren genossen hat!

Whiteout – Nullsicht bei Schneetreiben und Nebel

Auch der nächste Tag brachte keine Verbesserung der Wetterbedingungen: Sturm mit Windgeschwindigkeiten von 25–30 m/Sekunde trieb Schneefahnen waagerecht über das Land, die nahen Nachbargebäude waren im verwischten Weiß kaum auszumachen! Trotzdem entschieden wir uns diesen anheimelnden Ort zu verlassen und zogen in den Sturm hinaus – mein Alptraumtag begann. Treibender Schnee und Nebel verdichteten sich zu einem ausgemachten Whiteout – alles verschwamm zu weiß – links, rechts, vorne, hinten, oben, unten – überall weiß! Stundenlang kämpften wir uns vorwärts ohne etwas von der Landschaft zu sehen.

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Bloß nicht den Blickkontakt zum Vordermann verlieren, Rufe waren in diesem infernalischen Getöse kaum zu hören. Stimmung auf dem Tiefpunkt. „Dieser Tag kann dafür verantwortlich sein, dass ich so eine Scheiße nie wieder mache!“ brüllte ich Harald in einer der wenigen, kurzen Pausen zu. Ein unachtsamer Moment und meine Lieblingsmütze wurde ein Opfer für die Trolle – vom Sturm weggerissen war sie innerhalb einer Sekunde außer Sichtweite! Warum mache ich das nur? Noch am selben Tag sollte ich es erfahren – es sind die oft kurzen aber magischen Momente die es wert sind loszuziehen.

Am späten Nachmittag stiegen wir einige Höhenmeter in einem weiten, flachen Tal ab. Das reichte um die Sicht deutlich zu verbessern – und dann kam einer dieser unvergesslichen, zauberhaften Momente. Schemenhaft, wie mit Kreide in pastellenen Farben gemalt schälte sich das Bild einer Hirtenhütte aus dem Weiß – das Dach grasgedeckt, die steinernen Wände schneegepudert wie Mutters Käsekuchen. Auf der windgeschützten Ostseite fanden wir einen kleinen aber sicheren Platz für unser Zelt. Geschafft! Endlich Muße zum Ausruhen und Trocknen der nassen Klamotten.

Blick auf den Hardangerjøkulen

Zum Glück gab es während all dieser Tage von allem etwas: Schneefall, Sonnenschein, Kälte, Wärme, ziehende Wolken vor tiefem Blau, unendlich weite Blicke über die verschneite, sich wie ein erstarrtes Meer wellende Landschaft und natürlich immer Wind. So mussten wir uns noch zwei weitere Tage bei unwirtlichem Wetter in Richtung Norden durchschlagen. Doch was für ein Moment, als kurz nach der Kjeldebu Hytta der Wind nachließ, die Wolken aufrissen und den Blick auf den Hardangerjøkulen freigab. Der Hardangerjøkulen ist mit etwa 70 km2 einer der großen Plateaugletscher Norwegens. Ihn galt es in der Schlussetappe zur Hälfte zu umrunden. Während sich in den weiten der Hardangervidda nur selten unser Weg mit der Route anderer Wanderer kreuzte, begegneten wir hier nun häufiger anderen Naturfreunden.

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Eine letzte Nacht im Zelt, in traumhafter Lage, mit Blick auf sanft geschwungene Berge, ein letztes Frühstück im goldenen Morgenlicht. Aber auch die Vorfreude auf  eine ausgiebige Dusche, ein Bett und all den Luxus den wir zuhause im Alltag gar nicht mehr als solchen wahrnehmen. Nicht ohne einen gewissen Stolz es geschafft zu haben erreichten wir bei schönstem Wetter nach 10 Tagen die Bahnstation Finse. Ja, und welche Gedanken gingen mir am Beginn der Tour durch den Kopf? “ Harry, hol doch den Wagen“, ich muss mich revidieren: „Harry, lass die Kiste stehen“, es war grandios!

Bernd Leideritz

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