Deutschland: Kunst der Vorzeit – Felsbilder aus der Sammlung Frobenius

15_Handsilhouetten, Fische und Mond   Handsilhouetten, Fische und Mond   Indonesien, West-Papua, Tabulinetin 500-1.500 n.Chr.  Aquarell von Albert Hahn, 1937 65x95 cm © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

15_Handsilhouetten, Fische und Mond, Handsilhouetten, Fische und Mond, Indonesien, West-Papua, Tabulinetin, 500-1.500 n.Chr., Aquarell von Albert Hahn, 1937, 65×95 cm, © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

In einer der Einleitungssequenzen von Ridley Scotts Science-Fiction-Film Prometheus entdecken Höhlenforscher eine prähistorische Wandmalerei, auf der eine anthropomorphe Gestalt zu sehen ist, die auf eine ferne Gestirnskonstellation hinweist. Wie sich im Verlauf der Handlung herausstellen wird, bezeichnet sie den Ort im Kosmos, von dem in ferner Vorzeit die „Konstrukteure“ aufgebrochen waren, um das Menschengeschlecht zu schaffen. Die Grundidee von Scotts ursprungsmythischem Zukunftsspektakel aus dem Jahr 2012 ist indes nur eine Wiederauflage der Spekulationen, die der Schweizer Autor Erich von Däniken bereits 1968 in seinem Buch Erinnerungen an die Zukunft angestellt hatte. Für ihn stellen die geheimnisvollen Wandjina-Figuren auf den Felsbildern der Kimberley-Region in Nordwest-Australien extraterrestrische Wesen dar: raumhelmbewehrte Astronauten, die vor Jahrtausenden die Erde besuchten und von ihren Bewohnern als Götter verehrt wurden. Die antikisierenden Gesichtszüge der prometheischen Aliens in Scotts Film könnte man wiederum als ein spätes Echo auf die Theorien von Leo Frobenius deuten, der bei seinen Expeditionen in das Innere Afrikas mythische Orte der antiken Überlieferung wiederentdeckt zu haben glaubte. Die in ihrer Nähe gefundenen Felsbilder betrachtete er als Belege für die Existenz uralter und über die ganze Mittelmeerwelt verbreitete Kulturkreise, aus denen auch die Kultur der griechischen Antike einst hervorgegangen war.

13_Stehender weiblicher Wisent Nordspanien, Cantabrien, Altamira 16.000-14.000 v.Chr.  Stehender weiblicher Wisent Aquarell von Elisabeth Charlotte Pauli, 1936 69x100 cm © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

13_Stehender weiblicher Wisent, Nordspanien, Cantabrien, Altamira, 16.000-14.000 v.Chr., Stehender weiblicher Wisent, Aquarell von Elisabeth Charlotte Pauli, 1936, 69×100 cm, © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

Seit ihrer Entdeckung im 19. Jahrhundert haben Höhlenmalereien und Felsbilder die Phantasie angeregt. Auch seriöse Wissenschaftler ergingen sich in vielfältigen Gedankenspielereien, nachdem die zunächst bezweifelte Echtheit der Funde im spanischen Altamira und in Südfrankreich erst einmal anerkannt war. Die einen zogen Parallelen zu den Ritualen zeitgenössischer indigener Gruppen und vermuteten, dass die Höhlen für Initiationszeremonien und die Malereien für die Unterrichtung der Initianden dienten. Andere sahen in den Tierdarstellungen primitiven Jagdzauber am Werk: die mimetische Magie des frühen Menschen. Religionswissenschaftler wie Mircea Eliade glaubten in ihnen dagegen Spuren einer ursprünglichweltweit verbreiteten ekstatischen Schamanentechnik zu entdecken: Ausdruck eines numinosen Grundgefühls, der Urreligion der Menschheit.

05_Elefantenkontur, riesiges rotes Tier, Böcke und Menschen  Elefantenkontur, riesiges rotes Tier, Böcke und Menschen Simbabwe, Marandellas Distrikt, Inoro-Höhle 8.000-2.000 v.Chr. Aquarell von Joachim Lutz, 1929 151x616 cm © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

05_Elefantenkontur, riesiges rotes Tier, Böcke und Menschen, Elefantenkontur, riesiges rotes Tier, Böcke und Menschen, Simbabwe, Marandellas Distrikt, Inoro-Höhle, 8.000-2.000 v.Chr.
Aquarell von Joachim Lutz, 1929, 151×616 cm, © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

Auch Philosophen nahmen sich des Themas an. Hans Jonas galten die prähistorischen Felsbilder als Beleg für seine Theorie vom homo pictor. Das Erzeugen von Bildern gehört für ihn zu den Wesensmerkmalen des Menschseins. Erst mit dem Herstellen symbolischer Zeichen habe der Menschdas Reich des Animalischen verlassen und seine Identität als Gattungswesen gewonnen. In den letzten Jahren haben sich auch Neurobiologen mit der Frage beschäftigt, welchem höheren Zweck die prähistorische Malerei gattungsgeschichtlich eigentlich gedient haben mag, und sie mit einem Verweis auf den evolutionären Vorteil beantwortet, den das zur künstlerischen Betätigung drängende ästhetische Empfinden dem Menschen angeblich verschafft. Man braucht also gar nicht auf die zahlreichen kunsthistorischen Theorien einzugehen, um zu sehen, in welchem Ausmaß die Felsbilder und Höhlenmalereien des vorzeitlichen Menschen zum Gegenstand spekulativer Erörterungen geworden sind. Der von dem Dahlemer Religionsphilosophen Klaus Heinrich geprägte Begriff der Faszinationsgeschichte – wo wäre er besser am Platze als hier?

11_Gruppe menschlicher Figuren Ägypten, Gilf Kebir, Wadi Sora 4.400–3.500 v.Chr.  Gruppe menschlicher Figuren Aquarell von Elisabeth Charlotte Pauli, 1933 35x41 cm © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

11_Gruppe menschlicher Figuren, Ägypten, Gilf Kebir, Wadi Sora, 4.400–3.500 v.Chr., Gruppe menschlicher Figuren, Aquarell von Elisabeth Charlotte Pauli, 1933, 35×41 cm, © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

Die moderne ur- und frühgeschichtliche Forschung legt sich bei der Interpretation paläo- und neolithischer Kunstwerke indes größte Zurückhaltung auf. Vor allem gegenüber den früher so beliebten Parallelisierungen zwischen den Lebens- und Denkformen archaischer und rezenter indigener Kulturen zeigt sie sich inzwischen sehr reserviert. Ähnliches gilt für die Annahme einiger Neuropsychologen, der zufolge sich die Ähnlichkeit der Felsbilder in aller Welt dem Umstand verdanken soll, dass sie auf Halluzinationen zurückgehen, die durch drogeninduzierte Altered States of Consciousness ausgelöst worden seien. Man kann zwar heute das Alter einzelner Fundstätten entschieden zuverlässiger als früher datieren, dochvon ihrem sozialen und kulturellen Umfeld weiß man nach wie vor so gut wie nichts. Welche Motive haben die frühen Maler bewogen? Welche Bedeutungen haben sie einzelnen Figuren beigelegt? Wie wurden sie von ihren Mitmenschen rezipiert? Hatten die bildlichen Darstellungen sakralen Charakter? War der homo pictor zugleich ein homo cultus? Auf diese und viele andere Fragen vermag die moderne Felsbildforschung keine definitiven Antworten zu geben. Jede Überlegung mag richtig, jede kann genauso gut falsch sein. Dass die Felszeichnungen australischer Ureinwohner schamanischen Entrückungsritualen dienten, lässt sich ebenso behaupten wie die These, dass sie Wesen aus extraterrestrischen Welten darstellen. Für die erste Behauptung spricht allein ihre größere Wahrscheinlichkeit. Empirisch belegen kann man sie nicht.

Von Karl-Heinz Kohl
Direktor des Frobenius-Institutes Frankfurt am Main