USA: Palm Springs – Im Bett von Frankie-Boy

© Palm Springs Bureau of Tourism

 

Palm Springs war einst der Rückzugsort der Hollywoodstars, dann besiedelten vermögende Rentner den kalifornischen Wüstenort. Heute finden die Jungen Palm Springs wieder hipp und wer mag, kann bei Sinatra wohnen.

Dass sie eine große Schönheit war, sieht man ihr immer noch an. Große blaue Augen, hellblondes Haar, markante Wangenknochen, die Figur grazil, fast mädchenhaft. Am schlanken Körper trägt die Siebzigjährige ein transparentes Kleid im Hippiestil, in der Hand eine Tasche mit dem Gerät, aus dem der Mann an ihrer Seite, ein attraktiver Endsiebziger, Sauerstoff bezieht. Im Purple Room, einem der Showtempel fürs gesetztere Publikum, werden sie an diesem Abend von der Bühne herunter begrüßt. „Alles Gute zum dritten Hochzeitstag, ihr Turteltauben“, ruft der Mann im silbernen Glitzeranzug dem händchenhaltenden Paar zu. An den kleinen Tischen ringsherum wird applaudiert. Man kennt und man feiert sich in Palm Springs. Die Bewohner der 45 000- Einwohner Stadt scheinen eine eingeschworene Gemeinschaft zu sein, die alle Annehmlichkeiten des Lebens für sich reklamiert, die jeden Tag, koste es, was es wolle, nach dem Carpe-Diem-Motto lebt. So lange es irgendwie geht.

Bei Mel Haber war Frank Sinatra Stammgast

Bei Mel Haber war Frank Sinatra Stammgast

„Dieser Ort ist wie gemacht fürs schöne Leben“, sagt der 78-jährigen Mel Haber, den ich am nächsten Morgen in seinem Hotel, dem Ingelside Inn, treffe. „Schauen Sie sich diesen Himmel an, so tiefblau und wolkenlos ist er hier 330 Tage im Jahr“. Haber ist vor 40 Jahren von New York nach Palm Springs gezogen und hat sich mit dem „Inn“ innerhalb kurzer Zeit einen Namen gemacht hat. In dem Hotel, das an eine spanische Hazienda mit lauschigen Terrassen erinnert, haben sich schon viele Berühmtheiten in den Betten geräkelt. Liza Minelli, Goldie Hawn, Rita Hayworth, Jerry Lewis, Kurt Russel, Sylvester Stallone und viele andere. Mit einem seiner Gäste hat den Hotelinhaber sogar eine Freundschaft verbunden. „Sinatra ging hier ein und aus, in meinem Restaurant hat er sich wie zu Hause gefühlt“, erzählt Haber mit einem zufriedenen Lächeln, das sein sonnengebräuntes Gesicht in unzählige, tiefe Knitterfalten legt.
Als Mitte der 1970er Jahre von New York nach Kalifornien kam, war das im Hinterland von Los Angeles gelegene Palm Springs schon lange beliebtes Winterquartier der Schönen und Reichen. Die Glamourbranche hatte den kalifornischen Wüstenort am Fuße der San Bernardino und der Santa Rosa Berge in den 1920er Jahren für sich entdeckt. Zunächst als wetterbeständige Western-Filmkulisse. Einer der ersten Stars, die sich hier ein Haus bauen ließen, war der Italo-Amerikaner Sinatra. Er hatte 1947 seine erste Million verdient und wollte das erfolgreiche Jahr in dem winterwarmen Wüstenort mit einer rauschenden Party in einer eigenen Villa ausklingen lassen. Dem Architekt E. Stewart Williams blieben also nur wenige Monate, um Sinatras Bauprojekt zu realisieren. Das Ergebnis war spektakulär, ein Bungalow mit riesigen Glasfronten, schlicht und konsequent schnörkellos. Eine Architektur-Ikone der Mid Century Modern Architecture, einem am Bauhaus inspirierten Stil, der zum Markenzeichen der kalifornischen Wüstenstadt geworden ist.

Das Haus von Frank Sinatra

Das Haus von Frank Sinatra

An dieser Adresse, 1148 Alejo Road, habe Sinatra mit Ava Gardener, der Liebe seines Lebens, gelebt, sagt Jeff, der Touristen mit dem Jeep durch die Stadt zu den Adressen der Promis kutschiert. „Die beiden führten eine leidenschaftliche Beziehung, mit erbitterten Streits.“ Der Guide, der das Haus auch von Innen kennt, erzählt von gesprungenen Fliesen – „Spuren eines entgleisten Abends, bei dem die beiden mit Champagnerflaschen nacheinander warfen.“
Zu Sinatras Zeiten ging nur die Creme de la Creme des Showbusiness in dem Bungalow an der Alejo Road ein und aus. Heute können Touristen das Haus mieten, in dem „Frankie Boy“ mit der schönen seiner Ava gelebt, geliebt, gestritten und im Pool geplanscht hat. 2600 Dollar kostet die Nacht. Jeff kurvt mit seinem Jeep um die Häuserblocks von Old Las Palmas und Vista Las Palmas, den Promivierteln von Palm Springs. Überall sattes Grün, hohe Palmen, blühende Hecken, Häuser, die mal Hollywoodstars gehörten. Die Liste der frühere Eigentümer liest sich wie ein „Who is Who“ der Traumfabrik – Clark Gable, Errol Flynn, Gary Grant, Dean Martin, Greta Garbo, Marlene Dietrich, Judy Garland, Liz Taylor, Marylin Monroe und Dutzende andere bildeten hier einst eine überaus illustre Nachbarschaft.
Unser Guide stoppt am Ladera Circle, vor einem runden Haus mit hochaufragendem Glasgiebel. Hier haben Elvis und Priscilla Presley das erste Jahr ihrer Ehe verbracht, klärt er uns auf. Die blutjunge Frau habe den Star auch im Jahr vor der Hochzeit schon in Palm Springs besucht. Das uneheliche Liebesverhältnis sei gar nicht gut fürs Presleys Image gewesen. Darum habe sein Manager auf Hochzeit gedrängt und die Verliebten zum Heiraten ins nahegelegene Las Vegas geschickt. Im Mai 1967 hat der King of Rock n‘ Roll seine Braut dann hier, am Ladera Circle 1350, über die Schwelle getragen.

Im Rundbau am Ladera Circle flirteten Elvis und Priscilla Presley

Im Rundbau am Ladera Circle flirteten Elvis und Priscilla Presley

Jahrzehntelang ist Palm Springs nur ein Platz für den Winter gewesen. Man kam, um das angenehme Klima von Oktober bis April zu genießen. In den Sommermonaten, in denen das Thermometer täglich auf Werte um 40 Grad Celsius klettert, standen die Häuser leer. Die Hotels, die Clubs, die Restaurants – Ende Oktober machte alles dicht. Das änderte sich ab Mitte der 1970er Jahre, erinnert sich Hotelier Haber. „Damals wurde jedes Haus mit Air Condition ausgestattet und auf einmal konnten es die Leute hier auch im Sommer gut aushalten.“ Die frühen Morgenstunden und die Nächste seien ohnehin angenehm kühl. Und der Rest des Tages lasse sich ohne Not in klimatisierten Räumen oder im Schatten hoher Palmen am Pool verbringen.
Die Karawane der Stars ist trotzdem weitergezogen. In den 1980er und 90er Jahren suchten sich die Leinwandhelden weitab von Hollywood andere Rückzugsorte. Millionäre und Milliardäre, die ihr Vermögen weniger publikumswirksam verdienten, kauften sich die Bungalows, verlegten ihren Erst- oder Zweitwohnsitz nach Palm Springs, weil das Klima den Knochen und die klare Luft der Lunge gut tut, und weil es hier, in der Wüste, keine langen Wege, keine Staus, keinen Stress, sondern allenfalls stilvolle Langeweile gibt.
In den letzten Jahren aber mischt die hippe Großstadtjugend den Wüstenort wieder auf. An den Wochenenden kommen Tausende aus dem nahegelegenen L.A., um in den Pools von Palm Springs Schaum-Partys zu feiern. Angesagte DJs liefern den Sound dazu. Die Jungen checken nicht im Ingelside Inn ein, sie wohnen im ACE und in anderen neuen Trend-Hotels. Mel Haber stört das nicht. Er kann noch immer gut von der Klientel leben, die zu ihm kommt, um der Atmosphäre einer vergangenen Epoche nachzuspüren. Die Zukunft seines legendären Hotels? Die interessiere ihn nicht, sagt der 78jährige und lacht. „Was nach mir kommt, ist mir völlig egal. Ich lebe jetzt. Und ich lebe hier, im Paradies.“

Text: Susanne Kilimann
Fotos: Susanne Kilimann (2),  Palm Springs Bureau of Tourism (2)