Australien: Zu den Felsenkrokodilen im Arnhemland

Tommo Nganjmirra erklärt die Felsenmalereien am Injalak Hill

Tommo Nganjmirra erklärt die Felsenmalereien am Injalak Hill

Viele Felsenmalereien australischer Aborigines sind nichts anderes als „Speisekarten“. Ihrem künstlerischen Wert tut dies aber keinen Abbruch.

Rostrot kriecht eine meterlange Schlange über den Fels. Ein Känguru in zarten Ockerstrichen betrachtet sie von der Seite. Gelbe Ameisenigel und braune Leguane, große und kleine Fische stehen Spalier. Sie alle bevölkern eine mächtige, drei Meter überhängende Felsplatte und sind natürlich nicht echt, sondern gezeichnet. Das aber erstaunlich lebensnah: Vor Tausenden von Jahren haben auf dem Felsplateau im australischen Busch die Aborigines ihre Lieblingsspeisen an den Fels gepinselt: Barramundis, noch heute die beliebtesten Speisefische des Nordens, Krokodile, Schlangen und Fische.

Blick vom Injalak Hill auf Gunbalanya

Blick vom Injalak Hill auf Gunbalanya

Tommo Nganjmirra ist mit mir hinaufgestiegen zum Injalak Hill, dem Hausberg seiner Heimatgemeinde Gunbalanya. Der Mittfünfziger lebt im Arnhemland im äußersten Norden Australiens. Das von den Aborigines selbst verwaltete Gebiet ist etwas größer als Portugal. Allerdings wohnen dort nur 20000 Menschen. Weiße dürfen Arnhemland nur mit einer speziellen Genehmigung betreten, es sei denn sie sind mit einem Reiseveranstalter unterwegs.

Felsenmalereien am Injalak Hill

Felsenmalereien am Injalak Hill

„Don’t touch“ – „Fass das nicht an“, ermahnt mich Tommo als ich den ockerfarbenen Gemälden zu nahe komme. Warum ich die Finger von den Bildern lassen soll, hat aber keine spirituellen, sondern allein konservatorische Gründe. Die Wandmalereien sollen auch für kommende Generationen erhalten bleiben.
Normalerweise nehmen es die australischen Aborigines sehr genau, wenn es darum geht, heilige Plätze vor den Blicken von Fremden zu schützen. Die Felszeichnungen am Injalak Hill darf ich aber sehen, denn hier haben Tommos Vorfahren einfach ihre Leibspeisen auf den Felsen gemalt, so wie wir heute Handyfotos von einem besonders guten Essen machen.
Neben den ganzen Leckereien kann man auch ein Bild eines Tasmanischen Tigers erkennen. Die Abbildung des größten fleischfressenden Beuteltiers in historischer Zeit ist deswegen interessant, weil es bereits vor 4000 Jahren auf dem australischen Festland ausgestorben ist, die Malerei somit einen Rückschluss auf das Alter der Kunstwerke am Felsen gibt. Tommo schätzt, dass die meisten Felsmalereien am Injalak Hill sogar über 10000 Jahre alt sind.

Ballander im Northern Territory
Die Bilder an Tommos Hausberg können es, was die Qualität angeht, problemlos mit der zum Weltkulturerbe ernannten Kunst am Ubirr Rock im benachbarten Kakadu Nationalpark aufnehmen. Es gäbe am Injalak Hill sogar noch viel mehr zu sehen. Die heiligen Plätze bleiben für „Ballander“ wie mich aber tabu. „Ballander“ ist eine Verballhornung des Wortes „Hollander“ und in der Sprache der Arnhemland-Aborigines ein Synonym für alle Weißen; waren es doch die Holländer, die im 17. Jahrhundert als erste Europäer im Norden Australiens auftauchten.

Der Barramundi ist für viele Aboriginemaler ein beliebtes Motiv

Der Barramundi ist für viele Aboriginemaler ein beliebtes Motiv

Die Felsenbilder aus der Höhle nimmt Tommo als Vorlage für seine eigene Kunst. Wie viele Männer aus seinem Dorf malt auch er. Anders als seine Vorfahren allerdings nicht mehr auf Felsen, sondern auf Papier, Pappe oder Holz. Das hat den Vorteil, dass Touristen die Kunstwerke einfach in den Koffer packen können. Aborigine-Kunst steht hoch im Kurs und für die Gemälde bekannter Maler sind schnell ein paar zehntausend Euro fällig. Ganz so viel bekommt Tommo nicht; seine Werke landen nicht in Museen und Galerien, sondern in den Wohnzimmern vieler seiner Wandergäste. Diejenigen, die mit ihm auf den Injalak Hill hinaufgestiegen sind, können auf diese Weise Motive aus der Höhle mit nach Hause nehmen. „Am liebsten male auch ich Barramundis“, sagt Tommo, „denn diese Fische schmecken einfach am besten.“

Texte und Fotos: Rasso Knoller