Deutschland/Dänemark: Mit dem Rad von Berlin nach Kopenhagen

Der Radfernweg Berlin – Kopenhagen führt durch die Mecklenburgische Seeplatte, alte Residenzstädte, die Hansestadt Rostock und über die Ostsee bis in die dänische Hauptstadt.

Wir treffen uns am Brandenburger Tor, dem Wahrzeichen Berlins, früher Symbol der Teilung und des Mauerfalls, heute Touristenmagnet und Mittelpunkt der zusammengewachsenen Hauptstadt. Von hier wollen wir den Radfernweg Berlin – Kopenhagen in Angriff nehmen. Offiziell beginnt er zwar knapp zwei Kilometer weiter östlich am Schlossplatz, doch bei den rund 630 Kilometern, die vor uns liegen, fällt die kleine Abkürzung kaum ins Gewicht.

Auf den ersten Kilometern zeigt sich Berlin mit Reichstagskuppel, Regierungsviertel und Hauptbahnhof modern und weltstädtisch, doch schon bald geht es dann bis zur Stadtgrenze fast nur noch am Wasser entlang. Hohenzollernkanal, Havel, Nieder Neuendorfer See und die Oder-Havel-Wasserstraße bilden den gelungenen Auftakt dieser grün-blauen Radtour, denn bis nach Kopenhagen schlängelt sich der Radweg durch unzählige Wälder und Felder und verläuft über lange Strecken am Wasser.

Wohlwollend nehmen wir schon nach wenigen Kilometern zur Kenntnis, dass sich die Initiatoren dieses Radfernweges sehr viel Mühe mit der Streckenführung gegeben haben. Denn wir radeln fast immer auf wenig befahrenen Straßen oder sogar autofreien Wald- und Uferwegen. Und auch der Straßenbelag wird diese Woche zur Genusstour machen, denn die Reifen rollen überwiegend über makellosen Asphalt, sodass die Fahrt nach Kopenhagen selbst auf dem Rennrad kein großes Problem wäre.

Doch wir lassen uns Zeit, denn rechts und links des Weges gibt es soviel zu sehen, dass wir die Fahrt alle paar Kilometer unterbrechen könnten. In Oranienburg wartet das älteste Barockschloss der Mark Brandenburg, das als Landsitz für die Frau des Großen Kurfürsten, Louise Henriette, gebaut wurde. 2009 war der historische Schlosspark Teil der Landesgartenschau, die unter dem Motto „Traumlandschaften einer Königin“ stand. Zumindest noch in diesem Jahr sind die liebevoll gestalteten Themengärten im Schlosspark zu besichtigen. Jenseits der bedrückenden Gedenkstätte Oranienburg-Sachsenhausen wird es schnell ländlich, dichte Wälder und Felder, die ihre Farbe mit der Jahreszeit von sattem Grün zu kräftigem Goldgelb ändern, aber auch Bauernhöfe, Dörfer und kleine Städte ziehen vorbei.

Ein Stück Industriegeschichte

Kurz nach Zehdenick führt der Radfernweg durch eine heute menschenleere Tonstichlandschaft, die auf den Ziegeleipark Mildenberg einstimmt. Mehr als 50 Seen, alles ehemalige und später geflutete Tontagebaue, sind entlang der Havel in eine wunderbar grüne Landschaft eingebettet. Von den 1890er Jahren ziemlich genau 100 Jahre lang war Mildenberg einer der wichtigsten Orte der Ziegelproduktion in ganz Europa. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass hier einst mehr als 5000 Menschen arbeiteten und rauchende Schlote die Luft verpesteten.

Vor allem das schnell wachsende Berlin der Gründerzeit hatte einen unersättlichen Bedarf an gebrannten Ziegeln und die kamen zum Großteil aus Mildenberg. Wichtigstes Relikt aus dieser Zeit ist der gewaltige Ringofen, der wegen seiner genialen Konstruktion ununterbrochen Tag und Nacht brennen konnte. Ab dem kleinen Ort Himmelpfort, in dem jedes Jahr ab Mitte November unzählige Briefe an den Weihnachtsmann beantwortet werden, radeln wir praktisch von See zu See, von denen viele bei schönem Wetter zum Baden einladen. Stolpsee, Röblinsee, Menowsee, Ellbogensee, Plättinsee, Gobenowsee, Woblitzsee und Zierker See bringen uns schließlich nach Neustrelitz.

Größte Sehenswürdigkeit der 1733 von den Herzögen von Mecklenburg-Strelitz gegründeten barocken Stadt ist ihr quadratischer Marktplatz, von dem sternförmig acht gerade Straßen in die Haupt- und Nebenhimmelsrichtungen abgehen. Hier steht auch das klassizistische Rathaus, das nach Plänen des Schinkelschülers Friedrich Wilhelm Buttel errichtet wurde. Auch nach Neustrelitz ist das Wasser allgegenwärtig, es sind die Seen der Mecklenburgischen Seenplatte. Nach einem kurzen Stück durch den Müritz Nationalpark führt ein wenige hundert Meter langer Abstecher zur Quelle der Havel, die von hier mehr als 300 Kilometer unter anderem durch Berlin und Brandenburg fließt, bevor sie bei Havelberg in die Elbe mündet.

Das Trojanische Pferd von Ankershagen

Der kleine Ort Ankershagen, im 12.Jahrhundert von Siedlern gegründet, ist ein typisches Angerdorf, hier befindet sich das weltweit einzige Heinrich-Schliemann-Museum. Auch wenn es von den Räumlichkeiten eher klein ist, zählt es doch zu den bedeutendsten Museen Mecklenburg-Vorpommerns. Diese Anerkennung verdankt es in erster Linie seinem Direktor Dr. Reinhard Witte, der sich seit Jahren der Schliemann-Forschung verschrieben hat, die seiner Meinung nach noch lange nicht abgeschlossen ist. Genügend Material für viele weitere Jahre der Forschung gibt es mit Sicherheit, denn Schliemann frönte während seines ganzen Lebens einer regelrechten Sammelleidenschaft, sein Nachlass besteht unter anderem aus rund 80 000 Briefen.

Das Museum befindet sich in einem schönen Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert, einst war es das Pfarrhaus von Ankershagen. Hier verbrachte Heinrich Schliemann, Sohn eines Pfarrers, acht Jahre seiner Kindheit. In seiner Autobiografie beschreibt er auch Ankershagen, den Ort seiner Jugend, die Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert, das Hügelgrab aus der Bronzezeit und das Ritterschloss, all das kann man auch heute noch besichtigen. Schon als Achtjähriger soll er in Ankershagen davon geträumt haben, irgendwann einmal Troja auszugraben. Vor dem Museum steht symbolträchtig ein großes hölzernes Trojanisches Pferd, in den Innenräumen fallen sofort die Nachbildungen aus dem Schatz des Priamos ins Auge.

Auf kleinen Straßen geht es nun durch Felder und kleine Dörfer an der Grenze des Nationalpark Müritz entlang bis nach Federow. Die Nationalpark-Information bietet je nach Jahreszeit Adlersafaris, Vogelstimmenführungen oder Radtouren durch das Kerngebiet des Nationalparks. Doch der Höhepunkt ist die Live-Übertragung aus einem Fischadlerhorst. Der Horst befindet sich an der Spitze eines Strommastes, eine Kamera mit Zoom- und Schwenkfunktion vermittelt hautnahe Einblicke in das Familienleben der Fischadler, ohne die Tiere beim Brutgeschäft zu stören. Im Laufe der Jahre sind so einmalige Aufnahmen auch vom Füttern der Jungtiere entstanden. Wer will, kann sich natürlich auch die Fischadler in der Natur anschauen, doch selbst mit einem guten Fernglas ist der Adlerhorst immer noch relativ klein und längst nicht so imposant wie aus der Kameraperspektive.

Über Waren, Krakow, Güstrow und Schwaan führt uns der Radweg nach Rostock und ans Meer, das wir von nun an kaum noch aus den Augen verlieren werden. Mit jedem Atemzug füllen sich die Lungen mit frischer Luft, feine Nasen können das Meer schon riechen und im Gesicht ist der Wind zu spüren. Stadtbrand und Zweiter Weltkrieg haben der Hansestadt Rostock arg zugesetzt, doch einige historische Giebelhäuser und Backsteinkirchen konnten rekonstruiert werden, auch das Rathaus am Neuen Markt und die Reste der Stadtmauer sind sehenswert.

Die Kreidefelsen von Møn – fast schöner als Rügen

Doch wir wollen schnell auf die Fähre und in knapp zwei Stunden hinüber nach Dänemark. Der Fährhafen Gedser besitzt wenig Reiz, lohnender ist der Abstecher zu den herrlichen Sandstränden von Marielyst. Die Inseln Falster und Lolland sind bretteben und wenig abwechslungsreich, deshalb entschließen wir uns, den rund 50 Kilometer langen Abstecher um die Insel Møn zu machen.

Vor allem wegen der Kreideklippen, als kilometerlange, senkrechte Wand steigen sie aus dem Meer, von einem Buchenwald gekrönt, der sich bis an die Abbruchkante wagt. Der Abstieg auf endlosen Treppen hinab zum Strand gleicht einer Zeitreise durch 70 Millionen Jahre Erdgeschichte, konserviert in der Kreide. Unten angekommen können sich die Augen dann nicht satt sehen an dem Farbendreiklang aus weißer Kreide, blauem Himmel und grünem Buchenwald. Zurück auf dem Radfernweg ist die Stadt Køge das nächste Ziel, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen. Aus dieser Zeit sind vor allem um den Marktplatz noch viele alte Häuser erhalten geblieben. In der Nørregade, Brogade, Vestergade und Kirkestræde, den kleinen Straßen rund um den weitläufigen Marktplatz, fallen immer wieder wunderschöne alte Fachwerkhäuser ins Auge.

Besuch bei der Kleinen Meerjungfrau

Doch nun lockt Kopenhagen, die wohl charmanteste Stadt Skandinaviens und Ziel des Radfernweges. Kopenhagen hat viel zu bieten, viel mehr als die Kleine Meerjungfrau und den Tivoli. Im Zentrum gibt sich Kopenhagen als weltstädtische Metropole, hier schlägt aber nur eines der vielen Herzen der Stadt. Was uns sofort auffällt, sind die vielen Radfahrer, mehr als ein Drittel der Pendler sollen mit dem Rad unterwegs sein, auch Anzug oder High Heels fahren in Kopenhagen Rad. Fast jede Straße hat einen Radweg oder Radstreifen und eine Grüne Welle für Radfahrer gibt es auch – davon können Autofahrer in Dänemarks Hauptstadt nur träumen.

Ungewohnt ist auch die Disziplin der Kopenhagener, jeder benutzt den Radweg und an roten Ampeln wird fast ausnahmslos gehalten. Die Stadtbesichtigung fällt viel zu kurz aus – denn für Kopenhagen braucht man mindestens zwei oder besser drei Tage. Um einige der rund 100 Museen anzuschauen, über die Einkaufsstraße Strøget zu schlendern, einen Kaffee vor der bunten Häuserzeile von Nyhavn zu trinken, die Marmorkirche und Schloss Amalienborg anzuschauen, die neue Oper zu bewundern oder dem Freistaat Christiania einen Besuch abzustatten. Es gibt viele Gründe, um wieder nach Kopenhagen zu kommen.

Christian Nowak

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *