Hongkong: Der Flughafen und die Delfine

Als Naturreiseziel ist Hongkong nicht gerade bekannt, trotzdem kann man dort eine Tierart beobachten, die es sonst nirgends gibt – die rosaroten Delfine von Lantau.

Es eilt. Der Autor meines Reiseführers drängt seine Leser zur Fahrt nach Hongkong. Baldmöglichst solle man aufbrechen, um eine der größten Sehenswürdigkeiten der Stadt noch bestaunen zu können: die rosaroten Delfine vor der Insel Lantau. Lange wird man die Tiere dort wohl nicht mehr sehen können. Sie sind vom Aussterben bedroht.
Die Wellen schlagen heftig gegen das Boot als ich an einem schwülen Sonntagmorgen das Rundfahrtboot der „Hong Kong Dolphinwatch Society“ besteige. Mit mir klettern 30 weitere Touristen an Bord. Erwartungsfrohe Kinder, ernsthafte Fotografen mit langen Linsen. Naturliebhaber und Stadttouristen.

Nur noch 60 von 180
Ich war schon einmal hier. Bereits vor mehr als zehn Jahren bin ich mit den Delfinfreunden hinausgefahren. Damals war ihr Boot noch kleiner und die Meeressäuger waren noch keine Topsehenswürdigkeit. Nur wenige Gäste wollten die Tiere sehen. Dafür aber schwammen noch 180 Rosa-Delfine durchs Meer vor Hongkong. Wenig genug schon damals, aber heute sind es kaum mehr als 60. Für den rapiden Rückgang des Bestandes gibt es mehrere Gründe. Der offensichtlichste ist die miserable Wasserqualität. Um die festzustellen, braucht es keine großen Tests, dazu genügt es, sich über die Reling des Rundfahrtbootes zu lehnen und nach unten zu schauen. Dass in der Brühe des Hafenbeckens überhaupt Tiere leben können, überrascht ohnehin. Die Stadtverwaltung versichert zwar, dass kaum noch ungeklärtes Abwasser ins Meer geleitet wird. Trotzdem zählt die Wasserstraße vor Hongkong zu den schmutzigsten Gewässern weltweit.
Das Rundfahrtboot tuckert an riesigen Landaufschüttungen vorbei. An kaum einem anderen Ort der Erde leben so viele Menschen auf so engem Raum. Jeder Quadratmeter bebaubares Land ist kostbar. Deswegen arbeiten sich die Hongkonger Meter für Meter ins Meer hinein vor und ringen ihm neuen Lebensraum ab. Mehr Platz für die Menschen bedeutet aber gleichzeitig weniger für die Delfine. Für die sesshaft lebenden Tiere wird langsam der Raum knapp.


Auch das Land für den 1998 erbauten riesigen Flughafen wurde dem Meer abgetrotzt. Wo heute Jumbos und Airbusse aus aller Welt landen, zogen noch vor wenigen Jahren Delfine ihre Bahnen. Trotz seiner Größe: Inzwischen ist der Flughafen schon wieder zu klein. Eine neue Piste muss her. Und wieder rollen die Lastwagen heran und schütten ihre Kiesladungen ins Meer. Wieder schafft sich der Mensch den Platz, den er braucht. Tak Ching Ho von „Hong Kong Dolphin Watch“ warnte zwar im Chinesischen Fernsehen: „Wenn ihr Lebensraum einmal zerstört ist, haben die Tiere keine Chance mehr.“ Die neue Piste zerschneidet einen natürlichen Wanderungskanal der Delfine, erklärt der Tierschützer. Auch der WWF hat für den Fall, dass die neue Startbahn gebaut wird, den Tod der Delfine vorausgesagt. Die Politiker kümmert das nicht. Klar wollen auch sie nicht, dass die Delfine sterben – immerhin sind sie ja sogar eines der Wahrzeichen der Stadt. Aber deswegen ein milliardenschweres Bauprojekt stoppen? Das kommt dann doch nicht in Frage.
Mit einem Passagieraufkommen von 60 Millionen pro Jahr ist der Flughafen von Hongkong der zweitgrößte Chinas. 60.000 Menschen finden hier Arbeit. Da zählen sechzig, allenfalls siebzig Delfine nicht viel. Zumal an anderer Stelle ohnehin bereits in deren Revier gebaut wird: Zwischen Hongkong und Macao entsteht eine 42 Kilometer lange Megabrücke und auch die durchschneidet den Lebensraum der Delfine. Vermutlich könnten sich die Meeressäuger sogar mit der Brücke arrangieren – wenn sie denn mal steht. Bis es soweit ist, werden hier keine Delfine mehr leben. Sprengungen, Erdarbeiten und Baulärm werden sie vertrieben haben. Die Frage ist nur: Wohin?
Als wäre all das nicht schon schlimm genug – den rosa Delfinen drohen noch mehr Gefahren. Das Meer vor Hongkong gehört zu den am stärksten befahrenen Wasserstraßen der Welt. „Zusammenstöße“ zwischen Delfinen und Schiffen sind häufig. Vor allem junge und unerfahrene Tiere werden von den Schiffsschrauben regelrecht zerhäckselt. Oder aber sie enden in den Fangnetzen eines Fischkutters. Am liebsten halten sich die rosa Delfine in Küstennähe auf – genau da, wo auch die meisten Schiffe fahren. Weil die Delfine von Lantau, im Gegensatz zu den meisten anderen Delfinarten, sehr langsame Schwimmer sind, können sie den Schiffen nur schwer ausweichen.
„Die Fischer von Hongkong haben nichts gegen die Delfine“, betont Lucie, die unsere Tour als Guide begleitet. Das kann man ihr durchaus glauben, doch Sympathie allein hilft den Delfinen wenig. Zumal Mensch und Tier in den überfischten Gewässern vor den Toren der Millionenstadt auch um die knappen Nahrungsressourcen wetteifern. Schon des Öfteren habe es Kadaver verhungerter Tiere an Land geschwemmt, erzählt unsere Führerin weiter.
Ausfahrt mit Sichtungsgarantie
Trotz alledem: Wer an einer Delfinsafari teilnimmt, wird mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit auch Tiere sehen – dass jedenfalls sagt die Statistik und das verspricht auch Lucie. Warum man denn so sicher sein könne, die seltenen rosaroten Delfine zu sehen, frage ich. Die Antwort ist so einfach wie deprimierend. „Das liegt nicht daran, dass sich die Population erholt“, sagt Lucie. Die Lebensgewohnheiten der Tiere machen es vielmehr leicht, sie aufzuspüren. „Die Delfine halten sich immer in einer bestimmten Region des Perlflussdeltas auf und da fahren wir jetzt hin.“
Nach knapp einer Stunde Bootsfahrt ist es dann soweit. „Delfine um zehn“, gibt der Kapitän von der Brücke in Seemannssprache den Hinweis. „Halb links vor dem Schiff“ heißt das übersetzt für uns Landratten. Dort soll man in ungefähr 200 Meter Entfernung zwei Delfine sehen können. Und wirklich am Horizont … nein, das ist nur eine Plastiktüte, und da noch eine … der erste Kontakt mit den Meeressäugern fällt enttäuschend aus. Inmitten der Plastiktüten und leeren Flaschen, die vor Hongkong im Meer schwimmen, sind mir die beiden Delfine entgangen. Lucie zeigt mir später ein Foto von einem Tier, das eine Plastiktüte über dem Kopf hat. „Wir haben versucht, es von der Tüte zu befreien“, erklärt sie. „Leider haben wir es nicht geschafft, das Tier ist erstickt.“ Und weiter: „Es werden immer wieder tote Delfine an Land geschwemmt. Die meisten davon sind Babys.“

Ein Ruf vom Ruder unterbricht ihre Ausführungen. Der Kapitän hat erneut einige Delfine gesichtet und diesmal sind sie auch deutlich zu erkennen. Eine Gruppe von vier oder fünf Tieren taucht nur etwa hundert Meter vor dem Schiff auf. Erst recken sie nur vorsichtig ihre Köpfe aus dem Wasser, so als würden sie sich vergewissern wollen, dass wir ihnen nichts Böses wollen. Dann schwimmen sie langsam Richtung Boot. Immer wieder tauchen Flossen aus dem Wasser. Bald sind die Delfine so nahe, dass man deutlich ihre lange Schnauze sehen kann. Um sie nicht zu stören, drosselt der Kapitän die Geschwindigkeit. Unter vielen „Ohs“ und „Ahs“ klicken an Bord die Kameraauslöser. Jetzt ist auch Lucie plötzlich aufgeregt. Sie streckt den Finger in Richtung der Tiere und ruft: „Baby, Baby!“ Und dann lacht sie und sagt: „So lange wir Babys sehen, gibt es noch Hoffnung.“

Text: Rasso Knoller, Fotos: Rasso Knoller (1), Fung Shun On/ Hong Kong Dolphinwatch Society (2)