Norwegen: Urtümliche Gestalten im Dovrefjell

In Europa gibt es heute nur noch einige 100 frei lebende Moschusochsen. Der Großteil von ihnen lebt im norwegischen Nationalpark Dovrefjell.

Die Kongsvold Fjellstue auf der Passhöhe des Dovrefjell ist der beste Ausgangspunkt für die Suche nach den Moschusochsen. Irgendwo zwischen Kongsvold und Reinheim sollen sich einige Tiere aufhalten, so lauten die Tipps aus dem Touristenbüro und von den Veranstaltern der örtlichen Wildnissafaris. Am Anfang der Suche steht aber der Schweiß treibende Aufstieg bis über die Baumgrenze. Der Wanderweg beginnt direkt an der E 6 und führt anfangs durch Birkenwald, der von mehreren Schafherden bevölkert wird.

Oberhalb von 1000 Metern gibt es dann plötzlich keine Birken mehr. Zu beiden Seiten des breiten Tales stehen massige, aber sanft gerundete Berge und am Horizont leuchtet der Schnee auf dem Snöhetta-Massiv. In dieser Gegend sieht man im Sommer immer wieder Moschusochsen. Eigentlich ist es ein ideales Gelände, um sie ausfindig zu machen, denn die Tiere müssten schon von weitem als braune Punkte auf dem mit grün-gelber Rentierflechte überzogenen Boden auffallen. Aber nichts tut sich, und langsam nimmt jeder Felsen die Gestalt eines Moschusochsen an und wir warten gespannt, daß er sich endlich bewegt. Als der Frust schon ziemlich groß ist, sind sie ganz plötzlich da. Gerade noch 50 Meter entfernt grasen drei Tiere vor uns, wir erstarren in der Bewegung und ziehen uns ganz vorsichtig auf eine sichere Entfernung zurück.

Ruhige Zeitgenossen

Überraschend klein sind die Tiere, mit einer Schulterhöhe von vielleicht 1,30 Meter ähneln sie eher Shetlandponys als Bisons, mit denen man sie immer unwillkürlich vergleicht. Moschusochsen bestehen auch im Sommer fast nur aus Fell, das am Hinterteil gut einen halben Meter lang ist und fast bis auf die Erde reicht. In diesem Pelz können ihnen grimmige Kälte und auch die schlimmsten Schneestürme wohl nicht viel anhaben. Aber der Sommer muss in diesem dicken Fell unerträglich sein. Auch Mücken, die uns gerade jetzt, wo Ruhe und vorsichtige Bewegungen nötig sind, in ganzen Schwärmen attackieren, haben bei den Moschusochsen keine Chance.

Im Moment legen sie ihr sprichwörtliches Phlegma und ein totales Desinteresse an ihrer Umwelt an den Tag. Nur wenn sie sich bedroht fühlen, bilden sie eine Wagenburg und warten erst einmal, ob sich der Eindringling zurückzieht. Wenn nicht, gehen sie zu blitzschnell ausgeführten Scheinangriffen über. Wenn auch das noch nicht ausreicht, den Kontrahenten zu beeindrucken, folgt ein ernsthafter Angriff. Dann setzen sich einige hundert Kilo blitzschnell in Bewegung, und die geschwungenen Hörner werden zu gefährlichen Waffen. Unsere drei Exemplare fühlen sich anscheinend nicht bedroht und arbeiten in aller Ruhe weiter am Aufbau ihres Winterspecks.

Ihre Heimat ist Grönland

Moschusochsen sind urtümliche Tiere, die schon während der letzten Eiszeit alle eisfreien Gebiete Europas und Asiens besiedelten. Aber nach dem Abschmelzen des Eises verschwanden sie, wahrscheinlich bekam ihnen das neue Klima nicht, zudem wurden sie Opfer der verbesserten Jagdmethoden des Menschen. In Skandinavien sind bis heute nur wenige Knochen aus dieser Zeit gefunden worden, deshalb wissen wir nicht viel über das Leben der damaligen Moschusochsen. Ihre Neuentdeckung ließ bis 1869 auf sich warten, als eine deutsche Nordpolexpedition sie in Nordostgrönland entdeckte. Nach dieser Entdeckung begann die Jagd gleich von neuem, wobei die Tiere ein Opfer ihres Phlegmas wurden.

Die während der Evolution perfektionierte Wagenburgverteidigung war Jahrtausende lang gegen Wölfe erfolgreich, gegen die Gewehre der Menschen aber hätte ihnen ein ausgeprägter Fluchtinstinkt erheblich mehr genutzt. So wurde ihr Fleisch an die Schlittenhunde verfüttert, die Felle wurden verkauft und die Kälber landeten in zoologischen Gärten. Schnell waren die Moschusochsen akut vom Aussterben bedroht, deshalb wurden sie schon 1917 unter Schutz gestellt, was den Bestand wieder einigermaßen stabilisierte.

In den dreißiger Jahren versuchte man, Tiere aus Grönland auf dem Dovrefjell anzusiedeln, der erste Versuch ging aber schief, alle wurden Opfer des Zweiten Weltkrieges. Zwischen 1947 und 1953 wurde mit 27 Kälbern ein neuer Versuch auf dem Dovrefjell gestartet, die wenigen, die in der neuen Umgebung überlebten, bildeten den Grundstock für den heutigen Bestand von 75 Tieren. Die rauhe Landschaft in dem 256 km 2 großen Nationalpark und die eisigen Winter waren anscheinend genau die richtigen Bedingungen für die Tiere, denn der Bestand hielt sich.

Abwechslungsreicher Nationalpark

Der Dovrefjell Nationalpark gehört zu den abwechslungsreichsten Hochgebirgslandschaften Südnorwegens. Der Park wird vom Drivdalen mit seinem beeindruckenden Canon, der Bahnlinie und der Europastraße 6 in zwei Hälften geteilt. Nicht nur für Moschusochsen-Fans ist das Dovrefjell interessant, auch Botaniker schwärmen von dem Park. Mehr als 400 verschiedene Pflanzenarten haben sie bereits bestimmt. Einige Raritäten wuchsen bereits von der letzten Eiszeit in diesem Gebiet. Schon von der Straße aus kann man den tiefen Canon, den der Fluss Driva ausgehöhlt hat, sehen.

Früher war das Dovrefjell mit seinem reißenden Fluss ein gefährliches Hindernis auf dem Weg von Oslo nach Trondheim. Auf dem alten Königsweg war es, besonders im Frühjahr oft lebensgefährlich, wenn der Fluss Hochwasser führte und den schmalen Weg unterspülte. Heute kann man gefahrlos auf dem „Gamle Kongeveien“, auf der südlichen Seite des Flusses, entlang wandern. So wie es unzählige Könige seit der Zeit der Wikinger auf ihren Pilgerreisen nach Trondheim getan haben.

Gefahren im Moschusochsenland

1971 beschloss eine Gruppe Moschusochsen nach Schweden auszuwandern und ließ sich in der Femundsmarka um den See Rogen nieder. Diese Gruppe besteht heute aus 20 Tieren. Der Bestand, der im Dovrefjell zurück geblieben ist, ist immer noch relativ klein, weil die Herde immer wieder dezimiert wird. So starben 1978 zwölf Tiere durch einen Blitzschlag, im selben Winter grassierte unter ihnen die Hirnhautentzündung, und auch die Zivilisation fordert immer wieder Opfer. Die Dovrebahn, die den Nationalpark in zwei Hälften teilt, ist ebenso eine Gefahr wie der Schießplatz bei Hjerkinn, wo in der Vergangenheit sechs Tiere durch eine Phosphorvergiftung starben.

Christian Nowak

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