Russland: Weliki Nowgorod, ein Besuch in der russischen Provinz

K1024_Nowgorod (33)Gestreichelt von der frühen Junisonne zeigt sich Nowgorod; die älteste Stadt Russlands, von ihrer freundlichsten Seite. Die breiten Straßen sind gesäumt von stattlichen Bäumen, das Stadtbild wirkt gepflegt, die Wohnhäuser, vier- und sechsgeschossig, könnten ein wenig mehr Farbe vertragen. 218.717 Einwohner leben hier. So lauten die letzten Zahlen. Damit ist Nowgorod, 180 km südöstlich von St. Petersburg gelegen, auch nach russischen Statistiken eine Großstadt. Und doch hat man das Gefühl, sich in tiefer Provinz zu befinden, Gast einer kleinen, gemütlichen Stadt zu sein.

K1024_Nowgorod (49)Dass dem nicht so ist, wird einem spätestens beim Anblick der zahlreichen Kirchen klar, die das weitläufige Stadtbild prägen. 70 sollen es im gesamten Nowgoroder Oblast sein. Meinte unsere Reiseführerin. Mehr als in jedem anderen russischen Gebiet. Aber sie war sich nicht ganz sicher, was die Zahl anbelangt. Vielleicht sind es auch nur neunundsechzig. Auf eine mehr oder weniger kommt es ja nun wirklich nicht an. In der Altstadt jedenfalls stehen 38 Kirchen und Klöster. Die meisten dieser frommen Häuser sind arbeitslos, einige verkünden noch aktiv das Wort Gottes, andere (so die Heilig-Geist-Kirche) haben sich in ein staatliches Archiv verwandelt. Angesichts dieser geistlichen Fülle nimmt sich der einstige Heilsbringer Lenin geradezu bescheiden aus auf seinem leicht ramponierten Denkmalssockel.

K1024_Nowgorod (12)Der breite, fischreiche Wolchow, der dem nahen Ilmensee entspringt, trennt Nowgorod in die Sophienseite und in die Handelsseite. Eine Fußgänger-Brücke verbindet beide Ufer. Auf der Sophienseite steht der Kreml, der touristische Höhepunkt der Stadt. Erstarrt in steinerner Schönheit wachsen die Zwiebeltürme der St. Sophien-Kathedrale in den Himmel. Ihr Anblick projiziert beim Betrachter eine Fülle nostalgischer Bilder, die sich alle um das alte Russland drehen. Erbaut zwischen 1045 und 1050 war die Kathedrale der Heiligen Sophia stets mehr als „nur“ ein Gotteshaus. In ihr wurden die Nowgoroder Fürsten gewählt, Kriege erklärt, Staatsposten verteilt. Die größte, die vergoldete Kuppel, trägt ein Kreuz, auf dem eine Taube sitzt. In einer Sage wird prophezeit, das Nowgorod niemals untergehen werde, solange es die Taube gibt. Sicherheitshalber hat man sie aus Metall gefertigt.

K1024_Nowgorod (8)Auch das Tor zum Westeingang der Kathedrale ist aus Metall. Auf zwei hölzerne Türflügel geschlagen erzählen 26 Bronzetafeln die Christus-Geschichte. Bis heute weiß niemand zu sagen, wie dieses 3,60 m hohe und 2,40 m breite Kunstwerk nach Nowgorod gelangte. Bekannt ist nur, das die Bronzetafeln um 1150 in Magdeburg gegossen wurde. Übrigens darf allein der Metropolit durch die „Magdeburger Tür“ die Kathedrale betreten. Sie ist für Otto Normalgläubiger seit ewig verschlossen.

Nowgorod gilt als Wiege Russlands. Auf diese Tatsache sind die Einwohner stolz. Für sie ist nur der ein echter Russe, der in hier geboren wurde. Sagen sie in selbstironischer Distanz.

K1024_Nowgorod (40)859 erstmals urkundlich erwähnt, gehörte die Stadt drei Jahrhunderte zur Kiewer Rus (9. – 12. Jh.), danach wurde sie Hauptstadt einer feudalen Kaufmanns- und Bojaren-Republik. Die Macht des Nowgoroder Fürsten wurde von der Volksversammlung (Wetsche) kontrolliert. Gelegen am Schnittpunkt wichtiger Handelswege pflegte Nowgorod beste Beziehungen zur Hanse. Man exportierte Holz, Flachs, Honig, Wachs, Leder und Pelze. Und importierte Edelmetalle, Salz, Tuche, Fisch, Schmuck und allerlei Tand. Um den Warenstrom zu bewältigen, richtete sich die Hanse sogar ein eigenes Kontor in Nowgorod ein. Handel machte die Stadt reich. Ehrfurchtsvoll nannte man in Russland Nowgorod „Gospodin“, „Herr Groß-Nowgorod“. Aber erst 1999, zum 1140. Geburtstag, erhielt die Stadt offiziell den Namenszusatz „Weliki“, Groß. Auf das achtungsvolle „Herr“ allerdings wurde verzichtet. Es passt nicht mehr in unsere Zeit. Wer weiß, zu welchen Höhen des Ruhms es das lebendige Geschichtsbuch Nowgorod noch gebracht hätte, wäre da nicht Zar Peter der Große gewesen, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, im Sumpf der Newa das prächtige St. Petersburg zu erbauen. Nowgorod stürzte aus den Himmel einer Quasi-Hauptstadt auf den harten Boden der Provinz.

K1024_Nowgorod (26)„Das ist lange her“, meinte Viktoria Selivyorstova, Besitzerin des gemütlichen Restaurants „Dom Berga“, in dem wir genussvoll zu Mittag gegessen haben. Die Stadt, so erzählte sie, hat alles, was man braucht, um gut zu leben. Und was braucht man? Eine Badeanstalt. Eine Philharmonie. Zwei Theater. Museen. Hotels. Ein Gourmetrestaurant. Galerien. Touristen (im vorigen Jahr wurden 200.831 gezählt, darunter 28.257 ausländische). Einen Italiener.

K1024_Nowgorod (1)Einen Nachtclub, ein Irish Pub mit 8 Bier- und 30 Whisky-Sorten, ein Teehaus, ein europäisches Kaffeehaus und natürlich ein Restaurant wie das ihre, in dem Chefkoch Michail Nekrasov es vortrefflich versteht, den Gaumen der Gäste zu kitzeln. Mit Bliny, das sind mit Pilzen oder Fleisch gefüllte Pfannkuchen. Mit gedünsteten Flusskrebsen. Und einer Gulaschsuppe im Steinguttopf. Und schließlich: Beef Stroganoff. Nach Art der Provinz. Viktoria Selivyorstova hat recht! In Nowgorod lässt es sich gut leben. – Zumindest als Gast.

Text und Fotos: Bernd Siegmund

 

Mehr Russland im WeltreiseJournal: http://www.weltreisejournal.de/2013/07/15/russland-st-petersburg-venedig-des-nordens/

Und noch einmal: http://www.weltreisejournal.de/2015/07/14/russland-noch-mal-schnell-nach-moskau/

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