Finnland: Åland – Die Champagnerinsel

Aland-Impression1 verkleinert60,6 Grad nördliche Breite, 19,55 Grad östliche Länge: Der teuerste und älteste Schaumwein der Welt kommt nicht etwa aus Frankreich, sondern von dem Archipel Åland mitten in der Ostsee!
Mund-geblasen, klobig und moosgrün. Von einem Etikett ist weit und breit nichts zu sehen, dafür scheint der Staub der Jahrhunderte an der bauchigen Flasche zu kleben. Dreckig ist sie, um ganz ehrlich zu sein. Was auf den ersten Blick wie ein längst überfälliger Kandidat für die Altglas-Sammlung wirkt, ist einem Paar aus Singapur einen Weltrekord wert – 30 000 Euro haben die beiden bei einer Auktion 2011 dafür hingelegt. Moment mal, 30 000 Euro? Man hat ja schon viel gehört von den Spleens der Superreichen aus Fernost, aber das ist dann doch ein bisschen … verrückt, oder? Alles eine Frage der Relation halten die Experten des französischen Auktionshauses Artcurial dagegen – schließlich handelt es sich bei dem Inhalt besagter Flasche um den ältesten Champagner der Welt. Ein Veuve Clicquot, vermutlich Jahrgang 1839.

Entdeckung eines Wracks

Der Reihe nach. Juli 2010. Alles fängt damit an, dass acht Männer und Frauen einen Tauchgang planen. Die Gruppe um Anders Näsman ist eine Art moderner Schatzsucher-Trupp. Die Profi-Taucher leben auf Åland, einer Inselgruppe am Eingang zum Bottnischen Meerbusen, die zu Finnland gehört, auch wenn ihre Einwohner Schwedisch sprechen. Die Ostsee ist das Heimat-Revier der Taucher. Hier grasen sie die dunklen Tiefen nach versunkenen Schiffswracks ab. An jenem Morgen albern sie herum, was sie wohl diesmal hochholen werden … Diamanten? Kisten voller Gold? Von einem befreundeten Fischer haben sie einen Tipp bekommen. Der will ein Wrack gesichtet haben, das noch keiner kennt. Die Crew nähert sich der beschriebenen Stelle, und tatsächlich ortet ihr Sonar in knapp fünfzig Metern Tiefe einen Schatten, der wie ein zweimastiges Segelschiff aussieht – scheinbar aufrecht auf dem Meeresboden stehend. Erregung breitet sich aus. Die Taucher schlüpfen in ihre Ausrüstung, gehen runter. Zuerst ist die Sicht noch gut, doch dann wird es trüb. Zwei, drei Meter, weiter können sie nicht sehen. Und doch … ein Segelschiff, wie vermutet! Sogar der circa 600 Kilogramm schwere Ziegelherd steht noch und ist bemerkenswert gut erhalten. Die Taucher finden einen Krug mit Olivenöl, eine Kaffeekanne, ein paar Teller der schwedischen Porzellanmanufaktur Rörstrand. 40 Minuten können die Taucher unter Wasser bleiben. Anders Näsman will schon wieder abdrehen, da wirft er noch schnell einen Blick in den hinteren Teil des Schoners … und entdeckt etwa 30 intakte Glasflaschen. „Ich wusste sofort, dass es sich um Champagner handeln musste, weil die Flaschen diese ganz spezifische Form hatten“, erzählt Anders Näsman später. Noch während er auftaucht, überlegt er: „Was sollen wir mit einem solchen Fund anstellen?“

Schwierige Bergung

Die åländischen Behörden erteilen den Tauchern die Erlaubnis, eine Flasche zu bergen, um so das Alter des Schiffs zu bestimmen. Champagner ist ein „hoch explosives“ Gut. Während der Taucher langsam mit der Flasche hochsteigt, merkt er, dass der Korken sich bewegt. Was tun? Ihm bleibt nichts anderes übrig, als den Daumen draufzupressen. Doch an Bord ist der Korken nicht mehr zu halten. Mit lautem Knall schießt er in die Luft, und so sind die Taucher die Ersten, die den wertvollen Tropfen kosten – aus Plastikbechern. Süß ist er, sehr süß sogar. Als nächste darf die lokale Sommelière Ella Grüssner Cromwell-Morgan ran. „Anders rief mich an und sagte, sie hätten da was aus einem Schiffswrack geholt, was ich probieren müsse“, erinnert sich die aparte Weinexpertin mit einem Schmunzeln. „Ich dachte nur: Das wird ja eine schöne Plörre sein!“ Weit gefehlt. Ella schnuppert, probiert und schwärmt: „Der Champagner hatte ein Bouquet von reifen Früchten, goldenen Rosinen und einem Hauch Tabak. Obwohl der Wein so unglaublich alt war, schmeckte er wunderbar frisch. Die Süße war perfekt in die Säure eingebunden.“ Tatsächlich scheint die Ostsee dem prickelnden Wein optimale Lagerbedingungen geboten zu haben: wenig Salzgehalt, kühl, ruhig und dunkel. Die Druckverhältnisse in 50 Metern Tiefe entsprachen mit fünf Bar in etwa dem Druck innerhalb der Flaschen. Perfekt!

Champagner aus der Zeit der Veuve Clicquot

Champagnerflaschen im Wrack verkleinertWas danach passiert, klingt wie die reinste Abenteuergeschichte. Erst mal muss festgestellt werden, wie viele Flaschen auf dem Boden des Schiffswracks schlummern. 30 hat Näsman beim ersten Tauchgang entdeckt, 162 werden es am Ende sein. Darunter übrigens auch vier Bierflaschen. 145 Flaschen werden nach und nach identifiziert – es sind Veuve Clicquot, Heidsieck und Juglar. Letztere ist eine Champagnermarke, die heute nicht mehr existiert. Sie ist 1829 im Haus Jacquesson aufgegangen. Die Åländer kontaktieren die Leute von Veuve Clicquot und berichten von ihrem Fund. In Reims reagiert man ungläubig. Champagner aus der Ostsee? Nie im Leben! Åland? Nie gehört! Wo soll das sein? Die Franzosen breiten eine Karte aus. Da wo die Inselgruppe angeblich liegen soll, ist nur blaues Wasser zu sehen. Åland gibt es nicht. Erst als Dominique Demarville, Kellermeister von Veuve Clicquot, die erste Flasche, die aus dem Wrack geborgen wurde, verkostet, malen die Franzosen ein dickes Kreuz in die Ostsee. Jetzt prangt auch auf ihrer Karte Åland, die Champagnerinsel! Die Schärengruppe wirkt mit ihren roten Holzhäuschen, den stillen Seen und den zahllosen Schäfchen, die wie weiße Sahnekleckse in die ansonsten grasgrüne Landschaft getupft sind, wie das reinste Astrid Lindgren Paradies. Hier geht das Leben einen gemächlichen Gang, doch damit ist es vorbei, als „die Fremden“ kommen. Im August 2010 reisen zwei Mitarbeiter von Veuve Clicquot in die Hauptstadt Mariehamn. Der Önologe Francois Hautekeur und die Historikerin Fabienne Moreau. Sie helfen den åländischen Fachleuten, den beinahe 200 Jahre alten Champagner umzukorken. Bei der heiklen Operation, die mit viel Fingerspitzengefühl durchgeführt werden muss, herrscht eine euphorische Stimmung. Der älteste erhaltene Champagner der Welt! Noch trinkbar! Von der legendären Witwe Clicquot selbst produziert! Wer glaubt, das berühmte Champagnerhaus hätte ohnehin von jedem seiner Jahrgänge ein paar Exemplare im Keller lagern, der irrt. „Die ältesten Flaschen, die wir haben, stammen aus dem Jahr 1905, also lange nach dem Tod von Madame Clicquot“, sagt Fabienne Moreau. Barbe-Nicole Clicquot Ponsardin, wie der vollständige Name der berühmten Witwe lautet, war eine bemerkenswerte Frau. Ihrer Zeit weit voraus, übernahm sie nach dem frühen Tod ihres Mannes 1805 die Leitung des Champagnerhauses kurzerhand selbst. Sie erfand neue Herstellungsverfahren, exportierte ihren Wein weltweit und machte ihren Namen zu einer berühmten Marke. Mit ihrem Konkurrenten Moët lieferte sie sich ein wahres Kopf an Kopf-Rennen, um den russischen Markt zu erobern.

Spitzenpreise bei Auktion

Und der Zarenhof in Sankt Petersburg könnte auch das Ziel des bis heute namenlosen åländischen Wracks gewesen sein. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging ohnehin ein Großteil der französischen Champagnerproduktion in den Osten. Die Russen waren verrückt nach dem prickelnden Luxuswein – je süßer, desto besser. „In heutigen Champagnern befinden sich maximal 15 Gramm Zucker pro Liter. Der Champagner aus dem Wrack enthält aber 140 Gramm pro Liter. Es ist ein Dessertwein“, erklärt der schwedische Fachmann Richard Juhlin.

Champagne_Foto_Daniel-Eriksson-verkleinertAufgeregt fieberte er der zweiten Auktion im Juni 2012 entgegen, denn er hat die 79 Flaschen des Funds, die noch trinkbar sind, klassifiziert. Zwei Flaschen des Schiffs-Champagners, der legal der autonomen åländischen Regierung gehört, wurden bereits im Jahr zuvor versteigert – die eine zu besagtem Rekordpreis von 30 000 Euro. Nun schreibt man den 8. Juni 2012. Der Schauplatz: Alandica Kultur- und Kongress-Zentrum, Mariehamn. Elf weitere Flaschen des ältesten Champagners der Welt stehen zum Verkauf. Wird ein neuer Rekord aufgestellt? Zum Ersten, zum Zweiten, zum … Nein. Als Auktionator Arnaud Oliveux den Hammer sausen lässt, geht die teuerste Flasche für 15 000 Euro weg. Natürlich ein Veuve Clicquot. Trotzdem gibt’s lange Gesichter. Ob man zu viele Flaschen in die Auktion gegeben hat? Drei Flaschen, die unter Wert versteigert wurden, ziehen die Veranstalter wieder zurück.

Insgesamt wird eine Summe von 109 280 Euro erzielt. Das Geld fließt in Umweltschutzprojekte in der Ostsee, der Champagner ähnlich wie im vergangenen Jahr nach Übersee. Bis auf jene Flasche, die als einzige nicht per Telefon oder Internet ersteigert wird, sondern von einem strohblonden Mann im Saal. Es ist Christian Ekström, einer der Taucher, die das Wrack entdeckt haben. Warum kauft ausgerechnet er seinen eigenen Fund? „Weil diese Flasche auf Åland bleiben soll“, erklärt er. „Und weil ich sie in meinem Pub in Godby ausstellen möchte. Sie wird zu einem ganz bestimmten Anlass geöffnet werden.“ Zu welchem, will er noch nicht sagen. Jetzt geht er erst mal mit seinen Taucher-Freunden feiern.

Aland-Impression3 verkleinert Kollege Anders Näsman verrät zum Abschied noch eins: Als nächstes werden sie ein weiteres Schiffswrack suchen, das alten Wein an Bord gehabt haben müsste. Welches Schiff? Wo? „Es ist in der Ostsee. Mehr sage ich nicht!“ Und dann dreht er sich um, greift nach einem Glas Champagner und führt es mit verschmitztem Lächeln an die Lippen.

Text: Alexa Christ, Fotos: Visit  Åland (2), Daniel Eriksson(2)

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