Portugal: Wohin man blickt Azulejos

 

Unterwegs in einem kleinen Land mit großer Geschichte und edlem Wein

P1050466Für viele ist sie die eigentliche Hauptstadt – Porto, die Stadt am Rio Duoro, die dem Land seinen Namen gab, wo der Portwein „erfunden“ wurde. Ihre Kirchen zählen zu den Schönsten, die Museen zu den Modernsten, der alte Bahnhof Estacao de Sao Bento mit seinen 30.000 weißblauen Azulejosfliesen zu den Prächtigsten seiner Art. In der hügeligen Innenstadt, die seit Mitte der 90ger Jahre zum UNESCO Weltkulturerbe gehört und die 2011 Kulturhauptstadt war, bezaubern fantasievolle Jugendstilfassaden. Auf einem Hügel hoch über der Stadt thront die mächtige Kathedrale Sé aus dem 12. Jahrhundert. Von hier geht der Blick über das faszinierende Gewirr der  roten Dachlandschaft tief unten. Weltstädtisch gibt sich die Handelsmetropole in der imposanten Avenida dos Aliado, einer Prachtstraße mit dem markanten Rathaus, Bankpalästen, herrschaftlichen Häusern mit Stuckfassaden und der Reiterstatue Dom Pedro IV. Hier kann man erahnen, wie das alte portugiesische Sprichwort „In Porto wird gearbeitet, in Lissabon gelebt“ entstand. Das Herz der Stadt schlägt jedoch am intensivsten in Ribeira, dem ältesten Stadtviertel am Rio Duoro. Mit seinem Gewirr von winzigen auf- und absteigenden Gassen, Treppen und seinen pastellfarbenen Häusern, den zahlreichen Restaurants und Bars an der Plaza Ribeira versprüht es ein mediteran-südländisches Flair.

P1050476Spektakulär überspannt die doppelstöckige stählerne Ponte Dom Luis I., erbaut von einem Mitarbeiter Gustave Eiffels, den Rio Duoro, auf dem die Barcos Rabelos an die große alte Zeit erinnern, als sie zum Transport der Portofässer dienten. In Vila Nova de Gaia, auf der anderen Flußseite, sind die meisten Portweinkellereien zu finden. Und was wäre Porto ohne den Besuch einer solchen und die Verkostung dieses berühmten Rebensaftes.

Nach der zweitgrößten Stadt Portugals geht es auf kurvenreicher Straße ostwärts in die idyllische Gegend der Weinberge am Duoro-Fluß, die als Weltnaturerbe gepriesen wird. In Arouca, dem kleinen Provinzstädtchen am Fuße der Serra da Freita, werden die Wanderstiefel geschnürt. Durch Kastanien- und Eichenwälder, entlang des lieblichen Tals des  Bestanca-Flusses geht es bergauf bergab. Abseits touristischer Routen und durch historische Schieferdörfer aus grauem Granit, die dank eines umfassenden Programms saniert und wiederbelebt werden. Von der in bunten Farben blühenden Heidelandschaft auf dem Kamm der 900 Meter hohen Serra da Freita geht der Blick hinunter in eine grüne Hügellandschaft mit weit verstreut liegenden weißen Dörfern.

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Universität von Coimbra © Andreas Trepte

Unser nächstes Ziel ist Coimbra, die ehemalige Hauptstadt. Schon aus der Ferne kann man sehen, wie sich die Stadt am nördlichen Ufer des Rio Mondego kontrastreich auftürmt, gekrönt vom Uhrenturm der Universität. Er ist das Wahrzeichen Coimbras und die Universität eine Stadt in der Stadt. Durch die uralte Porta Ferrea gelangt man hinein in den großen rechtwinkligen Universitätsplatz, der an drei Seiten von würdevollen weißen Gebäuden gesäumt wird. Ein ehemaliges Schloss mit Freitreppe führt zum Herz der Alma mater. Schon 1290 gegründet gehört die Universität neben Paris, Salamanca, Bologna und Oxford zu den fünf  ältesten der Welt. Geradezu atemlos macht die Pracht der drei ineinander gehenden riesigen Säle der Biblioteca Joanina mit ihren mehr als 300.000 Büchern, Inkunabeln und Handschriften. Studentisches Leben prägt noch immer das Bild der Stadt. Überall sind die jungen Leute in ihrer Capa e Batina, einem schwarzen bodenlangem Umhang, zu sehen. Besonders am ersten Maiwochenende feiern die 35.000 Studenten den Abschluss des Studienjahres ausgelassen mit einem Festumzug durch die ganze Stadt. Unweit des Universitätskomplexes erheben sich die beiden Kathedralen. Die Sé Velha aus dem 12. Jahrhundert ist eines der bedeutendsten romanischen Bauwerke. Vier Jahrhunderte später wurde die sehenswerte Neue Kathedrale errichtet, in deren ehemaliger großer Sakristei das originellste Cafe der Stadt, das „Cafe Santa Crus“, beliebter Treffpunkt der Studenten und Einheimischen ist. In Coimbra sollte man gut zu Fuß sein. Über rutschigem Kopfsteinpflaster geht es auf und nieder durch winklige Gassen, über steile Treppen, durch mittelalterliche Torbögen. Und überall sind Azulejos gegenwärtig – an Häuserfassaden, in Kirchen innen und außen, in Palästen, auf Wänden und Brunnen, Fußböden und Restaurants. Die weißblauen oder farbigen Fliesen erzählen Geschichten und sind seit Jahrhunderten bezaubernder und kostbarer Schmuck des ganzen Landes.

DSC03425Noch viel älter sind die Kunstwerke, die im 17 Kilometer entfernten Conimbriga, der bedeutendsten römischen Ruinenstadt Portugals, bewundert werden können. Bereits seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. von den Römern besiedelt, entstand hier eine Stadt mit Forum, Tempeln, Thermen und Aquädukt. Nach ihrem Niedergang versandet und  bis heute erst zu 20 Prozent wieder ausgegraben, zeugen die Ruinen vom hohen Lebensstandard dieser eleganten Stadt mit ihren wundervoll erhaltenen großflächigen Mosaikböden.
Weiter südwärts auf den Spuren der Geschichte Portugals nach Batalha. Einem kleinen Städtchen, das mit dem Dominikanerkloster Mosteiro da Batalha das bedeutendste Nationalmonument des Landes beherbergt. Errichtet nach dem Sieg der Schlacht anno 1385 über Kastilien mit der Portugal seine Unabhängigkeit sicherte, ist es steinerner Ausdruck des Nationalstolzes. Die mächtige Klosteranlage in gotisch-manuelinischem Stil beeindruckt mit ihrer überwältigenden Ornamentfülle. Obwohl zwei Jahrhunderte an ihr gebaut wurde, ist sie nie ganz fertig geworden, denn einige Kapellen ragen ohne Dach in den Himmel. Wie Batalha verdankt auch der unweit gelegene winzige Ort Alcobaca seine Entstehung und Ruhm dem  Zisterzienserkloster, das ebenfalls zum Weltkulturerbe gehört. Bereits im 12. Jahrhundert gegründet wird es als das größte und gewaltigste Bauwerk der portogiesischen Gotik gepriesen. Seine Geschichte ist in den ehrwürdigen Hallen durch beeindruckende großflächige Azulejos nachlesbar. Ein besonderer Anziehungspunkt sind auch die Sarkophage des portugiesischen „Romeo-und-Julia-Liebespaares“ Ines de Castro und Dom Pedro I. Weiter geht es nach Obidos, einem mittelalterlichen Juwel mit vollständig erhaltenem Stadtkern. Die wie ein Adlernest auf einem Felsrücken hockende weiße Stadt ist Idylle pur. Beim Rundgang auf der zinnenbewehrten Burgmauer geht der Blick über rote Ziegeldächer bis zu den Türmen der Festung. Ganz schmal sind die kopfsteingepflasterten Gassen, in deren Nischen, Winkeln und Treppchen sich so manches blumengeschmückte Patrizierhaus, zahlreichen Geschäfte, Lädchen und Restaurants verbergen. Hier würde man gern noch etwas verweilen, doch Lissabon wartet.
P1050653„Ein leuchtendes Meer von Häusern, wie Trauben über die Hügel verteilt“, so beschreibt Fernando Pessoa, Portugals berühmter Schriftsteller, sein Lissabon. Der Faszination dieser Stadt, die sich auf mehr als sieben Hügeln und überragt von der wuchtigen Kathedrale ausbreitet, kann sich wohl niemand entziehen. Tief unten, an der breiten Mündung des Tejo, steht Lissabons Wahrzeichen – die Torre de Belem. Von diesem historischen Ort waren einst die Abenteurer in See gestochen, um die Welt zu entdecken. Heute entdecken Besucher hier im Hieronymuskloster ein Meisterwerk manuelinischen Baustils, das mit seinem prächtigen Südportal, filigranen Türmen und dem zweistöckigen Kreuzgang fast orientalisch anmutet. Torre und Kloster sind Schätze des Weltkulturerbes. Lissabon hat zahlreiche grandiose Bauwerke zu bieten, doch sein Charme versteckt sich in einem Labyrinth von Straßen und Gassen, Treppen, lauschigen Plätzen, dem ständigen auf und nieder, seinen immer neuen und überraschenden Aussichten. Die berühmteste Flaniermeile ist die anderthalb Kilometer lange Avenida da Liberdade – ein dicht mit Laubbäumen und Palmen gesäumter Boulevard, an dem sich ein Geschäft an das andere reiht. Für viele Lisboar ist der Rossio mit dem Standbild für Dom Pedro IV. der schönste Platz – umgeben von Cafes und mit seinem herrlichen schwarzweißen wellenförmigen Straßenpflaster. Sehenswert ist auch der Elevator de Santa Justa, ein uriger gusseiserner Fahrstuhlturm mit Cafe unter freiem Himmel, der minutenschnell die Innenstadt mit dem oberen Viertel Bairro Alto verbindet. Dort hinauf rumpelt auch die „electrico“, eine nostalgische sonnengelbe Straßenbahn. In abenteuerlichen Haarnadelkurven, rasanten Auf- und Abfahrten schafft sie es bis in die Alfama, das pittoreske älteste Stadtviertel mit dem Castelo de Sao Jorge, wo Lissabon 1255 zur Hauptstadt erklärt wurde.

Nur 25 Kilometer von der Metropole entfernt – und seit 1995 UNESCO Kulturlandschaft und Weltkulturerbe – liegt Sintra. Eine üppig grüne Bergwelt mit Maurenburg und Pena-Palast, einem portugiesischen „Neuschwanstein“. Das romantische Städtchen mit Herrenhäusern und Palästen ist ein magischer Ort, der lange im Gedächtnis bleibt.

Text und Fotos: Christel Seiffert

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