Rumänien: Dracula – Liebe auf den ersten Biss

k1024_transsilvanien-31Ungefähr eine Stunde hinter Zarnesti, die Straßen durch den Wald werden immer enger und die Schlaglöcher tiefer, erreicht unser Kleinbus endlich Bären-Land. Von einem sicheren Hochstand aus werden wir Meister Petz zu Gesicht bekommen. Hoffentlich! 40 Euro kostet der Augenschmaus. Eine gut zweihundert Meter breite Lichtung, umstanden von Mischwald, liegt vor uns. Förster Andrei Ciocan flüstert, dass er zwar nichts garantieren könne, sich aber ziemlich sicher sei, dass sie kommen werden. Der Grund für seine Zuversicht heißt Mais, Gemüse und Schokolade. Er hat leckeres Bärenfutter ausgelegt.

k1024_braunbaeren-4Und wirklich, nach zwanzig Minuten etwa taucht der erste Bär aus dem Dunkel des Waldes auf, ein mittelgroßes Tier, vielleicht 250 kg schwer. Es ist mucksmäuschenstill auf dem Hochstand. Niemand wagt zu atmen oder gar zu hüsteln. Vorsichtig, ganz vorsichtig nach allen Seiten witternd, betritt der braune Zottelpelz die Lichtung und steuert die ausgelegten „milden Gaben“ an. Bären sehen nicht sonderlich gut, aber sie haben ein feines Gehör und einen ausgeprägten Geruchssinn. Offenbar hat er uns nicht bemerkt. Er setzt sich gemütlich an den „gedeckten Tisch“ und beginnt zu fressen.

k1024_braunbaeren-2Zirka 50 Bären leben in den Wäldern des Piatra-Craiului-Gebirges. Für Wald-Spaziergänger sind sie eine ernsthafte Gefahr. Zwar nimmt der Bär in der Regel vor dem Menschen Reißaus, aber es gibt Situationen, in denen es heikel werden kann. Wenn er sich gestört fühlt beispielsweise, Junge hat oder verletzt ist. In keinem anderen Land Europas findet man eine solche Dichte von Karnivoren, von Fleischfressern. 4500 Bären, 2500 Wölfe und 1500 Luchse zählt die Statistik in den Wäldern der Karpaten. Wo sonst in Europa kann man diese Tiere in freier Wildbahn beobachten?

Wir sind in Transsilvanien, zu gut Deutsch: in Siebenbürgen. Der Nationalpark Königstein (Piatra Craiului) ist unser Wanderrevier. Gebirgsbäche schlängeln sich durch wildromantische Täler, aus geheimnisvollen Mooren tönt das Quaken der Frösche, wie Inseln der Zivilisation liegen einsame Dörfer in der Landschaft. Die Natur ist von einer seltsamen, anrührenden Schönheit. Da die Wälder wirtschaftlich kaum genutzt werden, gehen die Bäume hier in der Regel an Altersschwäche ein. Niemand räumt die toten Riesen weg. Käfer, Pilze, Würmer, Flechten, Moose und Mikroorganismen nehmen sich ihrer an. Schon bald wächst aus dem Totholz neues Leben. Uhren messen hier nicht die Zeit, sie messen die Ewigkeit.

k1024_transsilvanien-83Im Frühsommer sind die Wiesen übersät mit Wildblumen. Das erste Gras des Jahres wird gemäht, die Bauern sind bei der Heuernte. Alles geschieht von Hand. Mit Sensen, hölzernen Rechen und Forken. Von früh bis abends ist das Dengeln der Sensen zu hören.

k1024_transsilvanien-58Unser Wanderprogramm durch den Nationalpark Königstein ist anspruchsvoll, aber nichts für Hochleistungssportler. Das tägliche Laufpensum liegt bei ca. 15 km, Höhenunterschiede von 400, 500 m sind normal. Wir wohnen in der „Villa Hermani“, einer kleinen Öko-Pension in Magura. Das Essen ist sehr gut, das Abendbier wohltemperiert und Wanderführer Thomas Oyntzen von der Alpinschule Innsbruck (ASI), ein echter Siebenbürger Sachse, tut alles, um die Wandergruppe bei Laune zu halten. Mit Humor, mit Bauernschläue und Autorität. „Ich kenne hier jeden Steg, jede Abkürzung, jede Gefahr“, sagt er. „Deshalb treffe ich im Gebirge die Entscheidungen. Ich weiß, was für die Gruppe gut ist.“ Sein häufigster Satz während der Wanderungen lautete: „Wir sind gleich da!“ Das stimmte nie. Wir wussten es alle. Trotzdem war es ein guter Satz.

Höhepunkt der Reise war die Wanderung von Magura, unserem kleinen Gebirgsdorf, nach Bran, ins sagenumwobene Dracula-Schloss. Leider spielte das Wetter nicht mit. Strahlend gelb hing die Sonne am Himmel. Gehört hätten sich wenigsten Nebelschwaden und feiner Nieselregen. Obwohl, es ist ja nicht mal sicher, dass der berüchtigte Blutsauger jemals in Bran gewesen war. Dichtung und Wahrheit liegen weit auseinander. Das ist Bram Stokers Schuld. Dem irischen Schriftsteller (1847-1912) diente Fürst Vlad Draculea Tepesz (1431-1476), der berühmte „Pfähler“, der seine Feinde auf Pfähle spießte, als Vorlage für sein Buch (1897) über die  Kunstfigur des Vampirs Dracula. „Sein Gesicht war raubvogelartig; Die Stirn war hoch … die Augenbrauen dicht, sein Mund sah hart und grausam aus; die Zähne waren scharf und ragten über die Lippen vor. Der allgemeine Eindruck war der einer außerordentlichen Blässe.“

k1024_draculas-schloss-7Dracula bekam erst Farbe ins Gesicht, wenn er einem attraktiven Mädchen an den zarten Hals ging, erklärt der Führer den Touristen aus aller Welt. Dann führt er sie an jene Lagerstatt, auf die der Vampir angeblich die Schönen bat, deren Blut er trinken wollte. „Stets war es Liebe auf den ersten Biss“, versichert er. Und indem er es sagt, schieben sich Wolken vor die Sonne, und es beginnt ganz fein zu nieseln.

Text und Fotos: Bernd Siegmund

 

 

Mehr zu Rumänien:

Rumänien: Reiterurlaub in den Karpaten, Teil 1