Italien: Turin – viel mehr als nur Fiat

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Wer bei Turin zuerst an Fiat denkt, kommt fünfzehn Jahre zu spät. In der Tat beherrschte Fiat zur Zeit der „Motorblüte“ fünfzig lange Jahre das wirtschaftliche Geschehen. Die 200 000 Mitarbeiter in den Siebzigern schrumpften zu einer Belegschaft von 10 000. Und die Roboter machen sich weiter breiter. Dass sich der Fokus so uneingeschränkt auf Autos konzentrierte, ist erstaunlich. Den barocken Reichtum der Altstadt kennt kaum einer. Dass man 18 Kilometer unter Marmor und Granitverzierten Arkaden sonnengeschützt wandeln kann, steht in keinem Shopping Guide.

bild-2-torino-palazzo-realeBei der Vereinigung Italiens 1861, wurde Turin zur Hauptstadt ernannt.

Abertausend Edle und Günstlinge zog es nach Turin. Allesamt  suchten sie die Nähe von König Viktor Emanuel II. Unversehrt prunken noch heute kilometerweit ihre historischen Palazzi und Residenzen. 14 Lust- und Jagdschlösser reihen sich wie Perlen auf. Der königliche Savoyen Palazzo an der Piazza Castello ist die kostbarste Krönung.
Apropos Perlen: Der Sohn König Umberto I. beschenkte seine streng religiöse Gattin Margherita nach jedem königlichen „Fehltritt“ mit einer Perlenkette. Sechzehn zählte man zuletzt an ihrem stolzen Hals. In einer freundlicheren Legende heißt es, dass anlässlich ihres Besuchs im armen Neapel, ihr zu Ehren ein Gericht kreiert wurde mit den Nationalfarben. Rot die Tomate, grün das Basilikum und weiß der Mozzarella.Die Pizza Margherita.
Kaum bekannt ist, dass sie als glühende Nationalistin den Aufstieg von Benito Mussolini, kurz bekannt als „Duce“, protegiert hatte. Der Ehrlichkeit halber sollte man auch erwähnen, dass Turin das Privileg Königssitz zu sein, schon vier Jahre später an Florenz abgeben musste.

bild-3-torino-palazzo-madamaDie Schönheit Turins schleicht sich langsam ins Herz

Vielleicht liegt es an den vielen autofreien Fußgängerzonen, dass man den Großstadtstress nicht spürt. Oder an der Harmonie der morbiden Farben, den pastellblauen verblichene Fensterläden und kunstvoll verzierten Balkongeländern. Von manchen Dachgärten rankt es grün. Aus brüchigen Mauerritzen sprießen Gräser. Die alten Kandelaber-Gaslaternen hat man gefühlvoll auf warmfarbene LEDs umgerüstet. Die Altstadt wurde schachbrettartig konzipiert, wie New York aufgebaut. Weniger hoch – dafür barock. Die Strassen haben klangvolle Namen wie Via Roma, Via Garibaldi, Via Cavour. Die Alleen nennen sich Corso.
Die Palazzi wie della Republica, Castello, Carlo Emanuele, Solferino beeindrucken durch die Eleganz der Arkaden und der großzügigen, für die Paraden gestalteten Weiten. Die schönste, im 17 Jh. erbaute Piazza San Carlo erinnert an den Markus Platz in Venedig. Es gibt nur weniger Touristen. Und die flatternden Tauben fehlen.

bild-4-caffe-fiorioDas „Turiner-Leben“ kann man wie in Wien in den Kaffeehäusern studieren. Im bekannten Café San Carlo oder das Café Torino kehrten in früheren Epochen Adelige und Politiker ein, um Ränke zu schmieden oder sich einfach nur dem Genuss von „Dolci“ kalorienunbeschwert hinzugeben.
Verzaubernd Italienisch, Sizilianisch wird’s, wenn Samstagabend Luigi schräg gegenüber vom Cafe Torino auf der Parkbank seine Mandola auspackt und vor sich hin zupft. Sein grauhaariger Freund Guiseppe, von Süden und Amore träumend, zu „Santa Lucia“ mit ihm summt.
Vor dem Cafe Torino glänzt ein aus Messing im Boden eingelassen Stier (Toro). Das Symbol der Stadt. Wer sich noch mehr Glück wünscht, sollte nicht versäumen sich darauf zu stellen. Kurz an den speziellen Wunsch denken und sich einmal um den Absatz drehen. Nebenbei, ein Espresso (Italienisch schlicht „il caffè“) passt zu jeder Tages- und Nachzeit. Den gibt es für einen Euro, inklusive charmantem Schwätzchen, im Stehen an der Bar.

bild-5-bicerin Auf Verführung war man in allen Epochen spezialisiert

Das Turiner Traditionsgestränk heißt „Bicerin“ (piemonteisch Gläschen). Heiße Schokolade, Espresso und obenauf Milch/Sahne, alles in einem im Gläschen. Seit 1763 trinken die Damen sonntags nach der Kirche auf der Piazza Consolata im Cafè Al Bicerin dies „Verwöhnungsschlückchen“. Selbst Friedrich Nietzsche und Alexandre Dumas waren zu Gast und sollen sich im Cafe den Morgen versüßt haben.
Auf Schokoladenkreationen und feinste Pralinen ist man besonders stolz. Sie sind und waren ein Teil der Turiner Lebenskunst. Die Haselnüsse wurden zu den besten der Welt gekürt.
Nicht verschämt braucht man Nutella erwähnen. Die Milchhändler der Stadt erzählten, dass der große Konditor, Pietro Ferrero, 1946 seine Kreation einem Missgeschick verdankte. Es handelte sich um Schokolade, die in der Hitze des Schaufenster schmolz und ungewollt zu Nutella zerfloss. Die Nougatcreme wurde einige Jahre später vom Sohn, Michele Ferrero im großen Stil produziert und wird heute auf jeden Frühstückstisch serviert.

bild-6-turin-und-die-alpen165 000 Bäume, davon 30 000 Jahrhunderte alte Platanen sorgen für Schatten und frisches Klima. Ein „grüner Spaziergang“ könnte an der Promenade des Po beginnen.Der längste Fluss Italiens zieht sich wie ein grünes Band durch Turin. Wo einst die Gerbereien, Wäschereien und Dockwerkstätten lagen, beleben heute trendige Bars und Discotheken das Nachtleben. Ab von der Via Murazzi del Po gondeln eineinhalb Kilometer zwei romantische Ausflugsboote Valentina & Valentino und legen am Steg des Borgo Medievale an. Ein Schloss im nostalgischen Stil des 15Jh. erbaut um 1884. In den Museumsräumen wird gezeigt, wie sich das Leben im Mittelalter abspielte. Im Garten drum herum pflanzte man vor einigen Jahren neu, was eine medievale Apotheke an Kräutern, Heilpflanzen, Obst und verträglichem Gemüse brauchte. Und wie einst, für die sinnliche Erbauung, Duftrosen dazu.

bild-7-verliebt-in-turinParco Valentino für Verliebte oder die, die es noch werden möchten

Zirka einen Kilometer vom Stadtkern entfernt, am linken Po-Ufer, liegt Turins beliebtester Landschaftspark. Voller exotischen Bäume., kleinen Bächlein, Steingärten, lauschigen Ecken und romantischen Lauben. Sich einfach in die Wiese legen und nur in die Wolken gucken, öffnet die Sinne. Man riecht den Duft der Akazien süßer, spürt sanfter das Gras schmeicheln und entdeckt die schön geformten Beine der vorbei spazierenden Italienerinnen Müßiggang nannten sie diesen Luxus, der nur den „Edlen“ vorbehalten war. Vielleicht der richtige Moment, um entspannt auf www.turismotorino.org zu gucken. Zu entscheiden, ob das heilige Grabtuch von Turin, das klassische Ägyptische Museum oder das Fussball Juventus-Museum spontan das Richtige wäre. Falls Regentropfen fallen sollten, keine Sorge, die Mole Antonelliana – das Filmmuseum hat nicht nur eine 167m hohe Aussichtsplattform, es ist dafür gemacht einen ganzen Tag interaktiv die Filmwelt zu erleben.

Text: Veronika Zickendraht

 

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