Norwegen: Fragmente aus Johan Bojers Roman „Die Lofotfischer“

 

Wenn ganz Norwegen im Winterschlaf liegt, kommt Leben in die Inseln am Polarkreis und die Fischer gehen auf Dorschfang. Dann ist noch ein klein wenig von der hektischen Aktivität zu spüren, die hier Ende des 19. Jahrhunderts herrschte.

Schon seit Menschengedenken kommt im Winter der Dorsch zur Laichablage in die Gewässer vor den Lofoten. Und mit ihm kommen die Fischer aus allen Teilen des Landes. Auch heute noch, selbst wenn durch die jahrelange Überfischung die Quoten drastisch zurückgegangen sind. Wie es einst auf dem Vestfjord zuging, erzählt Johan Bojer in seinem Roman Die Lofotfischer. Es ist die Geschichte vom Kampf der Fischer um die Jahrhundertwende gegen Wind und Wellen, und von ihrer Suche nach Reichtum und Glück. Der Held ist Kristaver Myran, der mit seinem Sohn Lars, Henrik Rabben, Kaneles Gomon, Elezeus Hylla und Arnt Aasan in dem neu gekauften Boot Robbe auf Dorschfang geht. Fragmente aus Johan Bojers Roman Die Lofotfischer und Beobachtungen beim heutigen Dorschfang mischen sich zu einem Kaleidoskop der Lofoten zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

„Für Kristaver Myran war es ein großer Tag. Das, wonach er sich viele Jahre lang in aller Stille gesehnt hatte, war endlich Wirklichkeit geworden. Hier stand er als Führer seines eigenen Lofotbootes. Der bekannte Strand mit den kleinen Häusern verschwand und der frische Landwind trug die “Robbe” durch die Krappseen. Es ging den alten Weg nordwärts, Hunderte von Meilen in Sturm, Frost und Schneegestöber. Denselben Weg, den die Vorfahren seit langen, langen Zeiten gezogen waren.“

Auf Flakstadöya hat man Spuren der ersten Lofotenbewohner gefunden. An der Ostküste der Insel, in der Nähe von Napp, gibt es einen überhängenden Fels, der den Menschen wohl schon vor 6000 Jahren Schutz gegen Schlechtwetter bot. Und in Storbathallaren hinterließen sie eine steinzeitliche Müllkippe, die wie ein offenes Geschichtsbuch ist. So wissen wir heute, daß die Bewohner auf die Jagd gingen, aber auch schon Ziegen und Schafe als Haustiere hielten. Sie waren wahrscheinlich die ersten Lofotfischer, denn in ihrer Müllkippe fanden sich Fischgräten, Angelhaken und primitive Harpunenspitzen. Da die Lofoten zu dieser Zeit noch mit ausgedehnten Kiefern- und Birkenwäldern bedeckt waren, hatten sie auch genug Baumaterial für primitive Boote.

„Auf den Klippeninseln lagen mehrere kleine Hütten mit Rasendach, überragt von der Kirche, dem Krankenhaus, dem Seemannsheim, sowie dem weißen Wohnhaus des “Platzkönigs”. In den Sunden und im Hafen wiegte sich ein Wald von Masten, da lagen Dampfer, Segelschiffe, große und kleine Boote. Mehr als dreißig solcher Fischerplätze gab es auf den Lofoten, in dieser Jahreszeit waren sie alle wimmelnden Städten gleich. Hier waren Fischer von Norden und Süden zusammengeströmt und überwinterten auf einem Küstenstreifen von einigen hundert Meilen.“

Rorbuer gehören wie die wilden Berge und das Meer zum Bild der Lofoten. Es sind bunt gestrichene Holzhäuser, direkt am Wasser oder auf Pfählen über dem Wasser errichtet wurden. Heute werden viele von ihnen als luxuriöse Ferienwohnungen im Sommer an Touristen vermietet. Gebaut wurden sie aber für die Lofotfischer, die ersten wahrscheinlich schon von König Öystein, der im 12. Jahrhundert ein Einsehen mit den Fischern hatte. Trotzdem schliefen auch später noch viele Fischer unter ihren umgedrehten Booten, einen ganzen harten Winter lang. Die Rorbuer wurden von den Besitzern an die Fischer für eine ganze Saison vermietet, als Gegenleistung verkauften sie ihnen ihren Fisch. Die Lebensbedingungen in solch einer Rorbu müssen furchtbar gewesen sein. Sie bestanden aus einem Vorraum für die Gerätschaften und Vorräte und einem Raum, den sich eine ganze Bootsbesatzung, in der Regel 10 Mann, teilte. Hier wurde gekocht, gegessen, geraucht, getrunken und geschlafen. Hygiene war ein Luxus, für den der Lofotenwinter keinen Platz ließ. So stank die Rorbu wohl immer nach nassen Kleidern, Schweiß, Fisch und Tran. Am Abend muß die heiße und feuchte Luft im Innern zum Schneiden dick gewesen sein; am Morgen, wenn der Ofen runter gebrannt war, waren die gefrorenen Sachen von Rauhreif überzogen. Heute wohnen die meisten Fischer zwar beengt, aber doch recht komfortabel, auf ihren Booten.

„Endlich war der erste Fischtag, und lange bevor es hell wurde, lag die Fischerflotte in dichtem Schwarm vor der Ausfahrt in die offene See und wartete, daß die Signalflagge von der Aufsicht gehißt wurde. Die Ruder rieben sich knarrend aneinander, ein Boot rannte gegen den Nachbarn und wurde gleichzeitig von der anderen Seite eingepfercht. Schimpfworte und Flüche erfüllten die Luft, alle wollten zuerst hinaus. Jetzt geht die Flagge hoch, war vorher Gedränge, gibt es jetzt wirklich Spektakel, Ruder werden zerbrochen, Geheul und Geschrei ertönt, hier und da fährt ein Bootshaken in die Höhe, um zu schlagen.“

Der arktische Kabeljau wird von den Norwegern “Skrei” genannt, für uns ist es Dorsch. Nach Neujahr brechen Millionen Fische aus dem Eismeer zu einer Wanderung entlang der norwegischen Küste auf. Erst vor den Lofoten, und besonders im Vestfjord, finden sie ideale Laichbedingungen. Hier werden sie von den Lofotfischern schon erwartet. Einige Fische kommen aber noch zum Laichen und die Eier entwickeln sich zu Larven, die mit der Strömung nach Norden treiben. Ab April ernähren sie sich von Plankton, das sich jetzt sprunghaft vermehrt. Der Zug der Jungfische nach Norden dauert ungefähr drei Jahre, im Alter von sieben bis zehn Jahren werden die Fische geschlechtsreif, und der Kreislauf beginnt von Neuem. Gerät der Kabeljau vor den Lofoten nicht ins Netz, kann er viele Laichzüge unternehmen.

„Die Fischer ziehen mit jedem Angelwurf einen Dorsch an Bord, die Netze sind heute schwer beladen, die Männer ziehen und ziehen, der graue Strom, der über die Rolle geht, ist zottig vor Fischen, hier und da fällt einer herunter und schwimmt mit dem Bauch nach oben. Der Bootsführer stürzt fast kopfüber ins Wasser, wenn er ihn mit der Gaff wieder ins Boot reißt. Heute bleiben sie lange auf See, denn alle Fische müssen aus den Netzen genommen werden, damit diese von Neuem ausgelegt werden können.“

Der gefangene Fisch wurde sofort ausgenommen und paarweise an den Schwänzen zusammengebunden auf große Holzgestelle gehängt. Dort trocknete er in einigen Monaten zu Stockfisch. Die Köpfe wurden ebenfalls zum Trocknen aufgehängt und dann zu Fischmehl verarbeitet. Die Zungen gelten als Delikatesse und wurden traditionsgemäß von den Kindern herausgeschnitten. Aus der Leber wurde Tran gekocht, der Rogen eingesalzen und in Holztonnen gefüllt. Die beste Qualität der Stockfische wird auch heute noch nach Italien exportiert, wo er während der Fastenzeit gegessen wird. Afrika bekommt die minderwertigen Trockenfische und, falls Nigeria, einer der Hauptabnehmer, mal wieder in Finanznöten ist, reicht es nur zum Kauf der getrockneten Fischköpfe. Ein Teil des Fanges wurde früher zu Klippfisch verarbeitet, dazu wurden die Fische ausgenommen, gesalzen und auf den Klippen am Ufer zum Trocknen ausgebreitet. Heute werden zuerst die Kühlhäuser mit Kabeljaufilets gefüllt, bevor die Trockengestelle bestückt werden.

„Sie hatten seit einer Woche kein gekochtes Essen bekommen, sie hatten tagelang gehungert, jetzt mußten sie etwas anderes haben als Kaffee und Fladenbrot. “Mölje!” sagte einer. “Mölje!” stimmten die meisten ein. Das war ein Essen, und es war dieses Jahr noch nicht auf den Tisch gekommen. Henrik trug mehrere Schüsseln mit zerstückeltem Fladbröd herein, dann kam der Topf mit gekochter, dampfender Leber, von der er eine reichliche Portion auf jede Schüssel verteilte. Das Fett glänzte auf den Fladbrödhaufen, jetzt wurde Molkenkäse geschabt und darüber gestreut und schließlich wurde Sirup in langen goldenen Schlangen über das ganze gegossen. Dann wird alles mit dem Löffel verrührt, daß es wie ein Brei wird, Herrgott, das schmeckt!“

Die Lofotfischer brachten ihren Fang nach Bergen und deckten sich danach für ein Jahr mit Vorräten ein. War es ein schlechtes Jahr auf dem Lofot gewesen, mußte der Fischer anschreiben lassen. Da die schlechten Jahre überwogen, waren viele bald hoffnungslos verschuldet. Von 1250 bis 1550 war Bergen fest in der Hand deutscher Kaufleute. Die Hanse lieferte Getreide und diktierte die Preise für Stockfisch. Die großen Zeiten der Lofotfischer sind wohl für immer vorbei. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten bis zu 30.000 Fischer auf den Lofoten und Fänge von weit über 100.000 Tonnen pro Saison waren keine Seltenheit. Doch bald machte sich der Raubbau bemerkbar, und trotz staatlich limitierter Fangquoten ging es immer weiter bergab. Dann kamen die Seehunde und fraßen den Fischern angeblich die Dorsche weg. Aber die Seehunde verschwanden wieder, und die Dorsche wurden nicht mehr. Ende der achtziger Jahre kamen deshalb nur noch ungefähr 2000 Fischer im Frühjahr auf die Lofoten. Ihnen wurden gerade noch gut 10.000 Tonnen Kabeljau zugeteilt. Wer heute den Lofotfischfang sehen will, der muß genau hinschauen. In jedem Hafen ein paar Boote, eine Handvoll Fischfabriken, aber die hölzernen Gestelle bleiben lange leer. Von der brodelnden Hektik, wie sie um die Jahrhundertwende einst herrschte, ist nicht mehr viel zu spüren. Nur der Geruch nach Fisch ist geblieben und erinnert an bessere Zeiten.

„Konnte der Sturm noch schlimmer werden? Es war, als berste der rauchende Himmel in großen Rissen, aus denen Feuer hervor züngelte. Die langen, gelben Unwetterlichter am Himmel warfen seltsame Flammenstreifen auf das rauchende Meer. Wenn sie auf einen Wellenkamm hinauf pflügten und von der rasenden Fahrt der Wogen mitgerissen wurden, dann schien das Boot selber sich aus dem Meer emporzuheben und in der Luft zu fliegen. Es war, als verliere das Boot den Halt, an den es sich anklammern mußte. Und in einem solchen Augenblick geschah es, daß die “Robbe” vornüber in ein Wellental hinunterfuhr, sich dann gegen den Wind drückte und kenterte. Die Wellen schlugen darüber hin, aber jetzt war der Kiel nach oben gekehrt. Es ertönte ein Aufschrei von fünf Männern, als sie umschlugen. Sturm und Meer verschlang sie, dann war nichts mehr.“

Christian Nowak

 

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