Deutschland: Zur Friesengeistmeile nach Carolinensiel

IMG_9726-Friesengeistmeile 2017-C. NowakAlljährlich versucht das ostfriesische Carolinensiel im Rahmen des Wintermarktes die längste Friesengeistmeile der Welt noch ein Stück länger zu machen. Geboren aus einer Schnapsidee, ist die Veranstaltung mittlerweile Kult und lockt Neugierige aus ganz Deutschland an.

IMG_9807-Friesengeistmeile 2017-C. NowakOrtsbrandmeister Jens Fremy kennt auch im 12. Einsatzjahr kein Pardon: „För de Jugendfüerwehr is dat nix“, so der Ortsbrandmeister mit einem Augenzwinkern. Fremy setzt im ostfriesischen Carolinensiel beim wohl skurrilsten Feuerwehreinsatz der Republik zwischen Weihnachten und Silvester ganz auf bewährte Routine. Gestandene Frauen und Männer entsprechen eher seinem Anforderungsprofil für den Großeinsatz an der Friesengeistmeile am 29. Dezember. Bis es ans „Löschen“ geht, ist aber noch einiges zu tun. Zu beiden Seiten des historischen Hafens werden schmale Tischvorrichtungen aufgebaut, auf denen dann die Holzschuhe mit den Friesengeistgläsern abgestellt werden. Da – wie jedes Jahr – eine neue Weltrekordfriesenmeile erwartet wird, müssen es mehr als 131 m sein, denn dies ist der aktuelle Rekord.

IMG_9800-Friesengeistmeile 2017-C. NowakWas vor zwölf Jahren entstand, war im wahrsten Sinn des Wortes eine „Schnapsidee“. Damals war die „Meile“ nur gut 30 m lang, heute ist sie nicht nur deutlich länger, sondern auch Kult. Nicht nur langjährige Stammgäste, sondern auch neugierige Besucher aus ganz Deutschland möchten inzwischen aktiv dabei sein und Teil der Meile werden. Voraussetzung für das kultige Spektakel ist der Kauf eines Holzschuhs, in den entweder zwei oder sechs Gläser passen. Echte Friesengeistenthusiasten lassen sich auf ihrem Schuh natürlich jedes Jahr eine neue Gravur einbrennen.

IMG_9761-Friesengeistmeile 2017-C. NowakWenn es dunkel wird, stehen die Menschen dann dicht gedrängt an den langen Tischen und warten darauf, dass ihre Gläser mit Hochprozentigem gefüllt werden. So bleibt genug Zeit für ein Schwätzchen mit dem Nachbarn, alle sind gut drauf und es herrscht eine friedliche, fast mystische Stimmung. Gegen 18.30 Uhr brennt dann der Friesengeist in allen Gläsern, dann murmeln alle andächtig den obligatorischen Trinkspruch: „Wie Irrlicht im Moor, flackert´s empor, lösch aus, trink aus, genieße leise, auf echte Friesenweise, den Friesen zur Ehr, vom Friesengeist mehr.“ So ist es seit 50 Jahren in Friesland Tradition. Danach steht man noch ein wenig zusammen, plaudert mit dem Nachbarn, schlendert über den Wintermarkt oder geht in einem der Restaurants essen – und freut sich schon auf das nächste Jahr im winterlichen Carolinensiel, um Teil des neuen Rekords zu sein.

Die Legende vom Friesengeist

Jedes Restaurant und jede Kneipe in Ostfriesland hat Friesengeist auf der Karte. Wer einen bestellt, bekommt das Glas mit dem Hochprozentigen in einem Holzschuh serviert. Während die Bedienung den klaren Kräuterschnaps mit der streng geheimen Kräutermischung entzündet, muss sie den Trinkspruch aufsagen. Nur mit diesem Ritual ist der Genuss perfekt.

Erfunden hat den Friesengeist in den 1950er Jahren Johann Eschen, der damalige Inhaber des Hotels Friesenhof im Ort Wiesmoor. Angeblich hat er beim Torfstechen im Moor ein kleines Fass mit schwarzgebranntem Schnaps gefunden. Dessen Inhalt schmeckte ihm so vorzüglich, dass er jahrelang herumexperimentierte, bis er schließlich hinter das Geheimnis des Geschmacks und der Ingredienzien kam. Den edlen Tropfen schenkte er von nun an in seiner Gaststätte aus und nannte ihn anfangs „Geist vom Friesenhof“, später dann „Friesengeist“. Ob er sich den Fund des Fässchens nur ausgedacht hatte? Wenn ja, war es ein genialer Einfall, denn bald verkaufte er seinen Friesengeist auch außerhalb Ostfrieslands und sogar in Dänemark, Schweden, Frankreich und den Niederlanden.

Drei Häfen, eine Geschichte

IMG_9636-Friesengeistmeile 2017-C. NowakIn den meisten alten Sielhäfen entlang der ostfriesischen Küste ist im Winter wenig los, anders in Carolinensiel da ist Hochsaison, und das nicht nur wegen der Friesengeistmeile. Schon seit 25 Jahren schwimmt zur Adventszeit ein stattlicher Weihnachtsbaum auf einem Ponton im Museumshafen. Vor gut zehn Jahren beschloss man dann, vom ersten Adventswochenende bis ins Neue Jahr, Carolinensiel in ein Lichtermeer zu verwandeln. Vom Museumshafen über die zwei Kilometer lange Harle-Promenade bis zum Harlesiel wurden Bäume und Häuser mit Lichterketten geschmückt. Die stimmungsvolle Kulisse kann man seitdem besonders gut vom Wasser aus bei Glühwein und Grog an Bord des Raddampfers Concordia II erleben.

IMG_9511-Friesengeistmeile 2017-C. NowakMit dem Weihnachtsbaum kommt auch der Wintermarkt in den Museumshafen. Rund zwei Dutzend Buden reihen sich dann zu beiden Seiten des Wassers und tauchen den Hafen bei Dunkelheit in ein warmes Licht. Bratwurst, Fischbrötchen, Glühwein, Grog und Friesengeist sorgen für das leibliche Wohl. Fehlen dürfen natürlich auch die frisch ausgebackenen Prülkers nicht. Immer der Nase nach, dann kann man das ostfriesische Hefegebäck, das andernorts als Ochsenaugen, Broden Klüten oder Krapfen bekannt ist, nicht verfehlen.

IMG_9603-Friesengeistmeile 2017-C. NowakDer Museumshafen

Carolinensiel-Harlesiel ist wegen seiner drei Häfen einmalig an der Nordseeküste. Vom Außenhafen legen die Fähren zur Insel Wangerooge ab, nehmen die Krabbenkutter Kurs auf die Fanggründe und starten die Ausflugsschiffe zu den Seehundbänken. Landeinwärts an der Harle kommt man zum Jachthafen und zum Museumshafen, dem Schmuckstück der Stadt. Eingerahmt von typischen Friesenhäusern liegen hier zahlreiche historische Segelschiffe vor Anker, die von ihren Besitzern liebevoll in Schuss gehalten werden. Rund um den Alten Hafen befindet sich in drei Häusern das Deutsche Sielhafenmuseum. Im Groot Hus, einem ehemaligen Kornspeicher, erfährt man alles über Siele, Häfen, Deiche und Küstenfischerei, im Kapitänshaus geht es um das Leben an Land und in der Alten Pastorei über die teils längst vergessenen Handwerke, die nötig sind, um einen Sielhafen am Laufen zu halten.

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Text und Fotos: Christian Nowak