Österreich: Ein bisschen höllisch darf’s schon sein

K1024_Salzburger Bergadvent_140_Krampus_(c) TVB GrossarltalDass der Nikolaus am 6. Dezember zu den braven Kindern kommt, weiß jeder. Dass es aber jährlich auch am 5. Dezember ein Spektakel für die bösen Erwachsenen gibt, ist nur in österreichischen Alpentälern wohl bekannt. In Groß Arl, im Salzburger Land, geht es ziemlich schaurig zu. Die Krampusse, ursprünglich Höllengenossen, halten an diesem Tag nicht hinterm Berg. Wer ihnen vor die Ruten kommt, muss mitleidlos leiden.

Womöglich ein geeigneter „Betriebsausflug“ für Investmentbanker, Immobilienhaie und sonstige Wuchergesellen, um sich einen kleinen Vorgeschmack für das höllische Jenseits im jungfräulichen Schnee zu gönnen. Der Nikolaus, der gute Mann, so will es der Brauch, soll dem Krampus mit Zuruf Einhalt gebieten. In Groß Arl war dies 2019 nicht möglich. Die Kerle traten in Passen auf, also in Gruppen, deren Masken auf einen Verwandtschaftsgrad hinweisen, und sind in ihrer Übergriffigkeit nicht zu stoppen. 140 Höllenbrüder trieben bei ihrem letzten Inferno die Marktstraße rauf und runter. Selbst mit einem Megaphon hätte der Nikolaus keine Milde einfordern können. Schöne, blutjunge, blonde Mädchen sind die bevorzugten Opfer. Die Einheimischen allerdings kennen seit Kindheit die Gefahren und rüsten sich mit dreifach dicken Hosen Und wenn es sein soll mit Knieschützern.
Das Krampuslaufen hat Tradition
In Groß Arl, wo man in allem, was den Tourismus toppt, ganz vorne steht, hat die Maskenschnitzerei Hochkonjunktur. Ein Business mit Qualitätsanspruch. Und alles ist Natur – die ausgehöhlten Hölzer, der Ruß für die Schwärze, das Tierblut für das rot der heraushängenden Zunge und Kalk für das weiß der verdrehten Augen.
Meine Kindheits-Krampus-Erfahrungen aus Oberösterreich sind längst  Schnee von gestern. Der alte Pelzmantel von Oma, die irgendwo gefundene Eisenkette um den Bauch, die Maske aus Pappmasche, die bis in den Fasching hinein neben den Clown-Nasen im Papierwarenladen hingen, würden heute schon Vierjährige belächeln.
Das Krampus-Brauchtum im Salzburgerischen hat nicht nur Tradition. Es wird sogar schon in Juniorengruppen, so ab dem zehnten Lebensjahr, eingeübt. Da muss Oma schon kräftig spenden. Die Ausrüstung für Kinder kostet für die Maskerade um die tausend Euro. Die Erwachsenen müssen erheblich mehr berappen. Für 1000 Euro gibt es nur eine Maske mittlerer Grausamkeit! Vom Ganzkörperfell ganz zu schweigen.
Die Brutalität muss überzeugend sein. Wen der Kramperl am Kragen packt, der spürt Sekunden später den Schleudereffekt und gleich darauf die Rute in den Kniekehlen. Flehen nutzt nichts, der große Bruder auch nicht. Am besten ist das Spektakel von einem sichern Hotelfenster ab dem 2. Stock zu betrachten.
Oder man wartet, bis der Krampus sich kaputt gelaufen hat, nur mehr nach Bier dürstet und sich seine fette Schweinestelze vom Grill sichern will. Friedlich sitzen sie dann, die Maske unterm linken Arm, in der rechten Hand den Knochen der Stelze fest im Griff, an langen Tafeln in der Marktstraße, den gefüllten Bierkrug als aggressionsloses Zeichen vor sich. Von der Stirn tropft ihnen der Schweiß, vom Kinn das Fett, und als wäre nichts gewesen plaudern sie fern jeder Gehässigkeit. Über was ? Ich glaube über Fußballergebnisse.

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Am nächsten Morgen wird alles wieder himmlisch
Schnee, so viel die Kanone gibt. Pulvrig unberührte Pisten erfreuen gerade mal eine Handvoll Skifahrer. Besonders Wochentags. Eine Idylle, wie sie nur im Prospekt vorkommt. Und bezahlbar. Mit verlockenden Rabatten.
Wenn es dann dämmrig wird, vielleicht noch echter Schnee rieselt, der Glühwein wärmt und die Waldhorn-Bläser Weihnachtsmelodien spielen, werden selbst die ruppigen Herzen der Krampusse von gestern verzaubert. Durch die kleinen Gassen wuseln frierende „Engerl“. Könnte  sein, dass sie aus dem nur ein paar Kilometer entfernten Waggrein zugeflogen sind. Aus Waggrein, aber das weiß ja jeder, stammt das Lied von der „Stillen Nacht“.
Der Weihnachtsmarkt mit gerade mal einem Dutzend Ständen mit Handarbeiten, Glühwein und Christbaumschmuck, darf mit keinem städtischen Weihnachtmarkt verglichen werden. Es ist wirklich still, rechts das Museum, links ein kleiner sprudelnder Gebirgsfluss mit Eiszapfen, man sollte dies nur lieben Freunden weitersagen.

Veronika Zickendraht