Deutschland: Der Skulpturenpark in Katzow

 

Das Dorf Katzow liegt in Mecklenburg-Vorpommern zwischen Greifswald und Wolgast. Hier stellt der Berliner Bildhauer Thomas Radeloff 1991 auf einer Wiese die ersten drei Skulpturen auf. Ein Jahr später lädet er vier Künstler zum Ersten Internationalen Bildhauerworkshop ein und ein weiteres Jahr später wird der gemeinnützige Verein „Skulpturenpark Katzow“ gegründet. 1997 schließlich wird die Kunstscheune fertig, in der bis 2012 mehr als 130 Ausstellungen veranstaltet werden, bis das Projekt aus Geldmangel eingestellt werden muss. Doch der Skulpturenpark wächst weiter – mittlerweile stehen auf dem über 20 Hektar großen Gelände mehr als 100 Skulpturen von fast 100 Künstlern aus 23 Ländern.

Weitere Infos:
www.skulpturenpark-katzow.eu

Island: Extreme Landschaften am Polarkreis

Inside the Vulcano

Abstieg in die Magmakammer

Reykjavík, die nördlichste Hauptstadt der Welt, ist nur zwei bis drei Flugstunden von Deutschland entfernt und lässt sich bequem an einem verlängerten Wochenende erkunden. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, kann spektakuläre Ausflüge in die Umgebung machen: In eine ausgebrannte Magmakammer einfahren, zwischen den Kontinenten abtauchen oder dampfende Solfatarenfelder erkunden.

Jules Vernes Helden begannen ihre „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ am isländischen Vulkan Snæfellsjökull. Alles nur Science Fiction? Nicht mehr, denn mittlerweile können sogar Touristen das Innere eines Vulkans erleben. Zwar nicht bis zum Mittelpunkt der Erde, aber immerhin bis in eine Tiefe von 120 m, was auch schon ziemlich beeindruckend ist.

Inside the Vulcano nennt sich das kleine Abenteuer und beginnt mitten in Reykjavík. Mit dem Kleinbus geht es in rund einer Dreiviertelstunde ins Bláfjöll, in die Blauen Berge, südöstlich der Hauptstadt. Bis zum Vulkan Þríhnúkagígur, ein Name, der für nichtisländische Zungen kaum auszusprechen ist und soviel wie Dreigipfelkrater bedeutet, sind es dann noch knapp eine Stunde Fußmarsch – hauptsächlich über mit Moos bedeckte Lavafelder.

Inside the Vulcano, Foto C. Nowak (3)

Farbiges Gestein im Innern dr Magmakammer

Zum Schluss geht es noch einige Meter steil bergauf, dann steht man am Kraterrand. Über den ist eine Art Leiter gelegt ist, an der ein Korb hängt, so wie ihn Fensterputzer an Hochhäusern verwenden. Fünf Touristen und der Guide passen in den Korb, den man über eine schwankende Leiterkonstruktion erreicht. An Stahlseilen schwebt der Korb dann mit den staunenden Touristen und einem mulmigen Gefühl in die Tiefe. Anfangs ist die Öffnung so eng, dass der Korb immer wieder an den Wänden anstößt und mit den Händen in die richtige Richtung dirigiert werden muss. Doch dann weitet sich die Öffnung zu einer riesigen, schwach beleuchteten Halle und frei schwebend geht es 120 m in die Tiefe. So sieht also ein Vulkanschlot von innen aus, durch den irgendwann mal glühend heißes, flüssiges Gestein an die Oberfläche geschleudert worden ist. Sechs oder sieben Minuten dauert der Schwebezustand, bis die allerdings wie im Fluge vergehen, denn das Innere des Vulkanschlots leuchtet in allen Farben. Das geschmolzene und in bizarren Formen wiedererstarrte Gestein ist mal gelb, dann violett oder sogar leuchtend rot. Das Loch durch das der Korb sich hindurchgezwängt hat, ist bald nur noch ein winzig kleiner Lichtpunkt in weiter Ferne zu erkennen, es ist wirklich ein Abstieg ins Erdinnere. Rund eine Dreiviertelstunde können Besucher am Grund der vor 4000 Jahren ausgebrannten Magmakammer bleiben und sich in der Magmakammer umschauen, bevor sie wieder in den Korb einsteigen müssen und wieder ans Tageslicht gebracht werden.

Schnorcheln zwischen den Kontinenten

Im Þingvellir-Nationalpark kann man nicht nur wandern sondern auch in eiskaltem Gletscherwasser Schnorcheln. Das Wasser ist kristallklar und die Sicht beträgt mehr als 100 Meter, was weltweit einmalig ist.

Für diese unglaubliche Unterwassersicht gibt es zwei Gründe: Das Wasser hat das ganze Jahr über eine Temperatur um 2° C und es ist das Schmelzwasser des rund 50 km entfernten Langjökull, das jahrelang durch das Lavagestein geflossen ist und dabei gefiltert wurde. Die Silfra-Spalte, die in den Þinvallavatn mündet, ist durch das Auseinanderdriften der Nordamerikanischen und Eurasischen Platte entstanden. Jedes Jahr wird die Spalte rund sieben Millimeter breiter.

Bevor man allerdings ans Schnorcheln denken kann, muss man sich erstmal warm anziehen: eine mühselige Prozedur! Lange Unterwäsche, warme Socken, dann erst zwängt man sich in den Dry Suit. Jetzt nur noch Handschuhe, Mütze, Taucherbrille, Schnorchel und Flossen, dann kann es endlich losgehen. Das Wasser ist wirklich eiskalt, man merkt es sofort im Gesicht und nach einer Weile werden auch Hände und Füße kalt. Aber es lohnt sich, vor allem wenn die Sonne scheint. Denn dann fluoreszieren die fadenförmigen Algen an den Felsen in einem unwirklichen Grün. Durch das unglaublich klare Wasser verliert man jegliches Gefühl für die Tiefe. Am Ende der Spalte lässt man sich dann noch eine Weile durch die flache Silfra-Lagune treiben, bevor es wieder an Land geht, wo Kekse und heißer Kakao warten.

Pingvellir Nationalpark, Allmännerschlucht

Pingvellir Nationalpark, Allmännerschlucht

Unterwegs auf der Rauchhalbinsel

Die Halbinsel Reykjanes bildet den südwestlichen Zipfel Islands. Hier begann mit der Landnahme von Ingólfur Arnason die Besiedlung der Insel, doch für Ackerbau und Viehzucht war die Gegend nicht besonders geeignet, denn es ist eine der unruhigsten Gegenden Islands.

Schon beim Anflug auf den internationalen Flughafen Keflavík sind die meist kahlen und trostlosen Lavaflächen auszumachen. An einigen Stellen steigt Rauch auf, weshalb der Name der Halbinsel mit „Rauchspitze“ oder „Rauchhalbinsel“ durchaus passend gewählt wurde. Auch die größte Attraktion Islands, die Blaue Lagune, ein Thermalbad mit herrlich warmem, milchig-blauem Wasser inmitten einer bizarren Vulkanlandschaft, ist ein Produkt der im Untergrund brodelnden Hitze.

Reykjanes, Geothermalgebiet Gunuhver

Reykjanes, Geothermalgebiet Gunuhver

Weit weniger bekannt und lange nicht so überlaufen wie die Blaue Lagune ist das Hochtemperaturgebiet am Kap Reykjanes. Der Leuchtturm weist nicht nur den Schiffen den Weg, auch von Land aus ist er weithin sichtbar und posiert auf einem Vulkanhügel als perfektes Fotomotiv. Im Hintergrund dampft das Geothermalgebiet Gunnuhver. Vom Küstenplateau, das von bizarr erodierten Felsen eingerahmt wird, ist der Vogelfelsen Eldey im Meer zu sehen. Hier lebten die letzten Riesenalke bevor sie 1844 ausgestorben sind. Eine Skulptur erinnert an die imposanten Vögel, ein ausgestopftes Exemplar befindet sich im Institut für Naturgeschichte in Reykjavík.

Reykjanes, Riesenalk

Reykjanes, Riesenalk

Nach einem Spaziergang erreicht man das Geothermalgebiet Gunnuhver, das erst in den 1960er-Jahren durch ein Erdbeben entstandenen ist. Erst seit Kurzem gibt es sichere Holzbohlenwege, von denen aus man sich die blubbernden Schlammtöpfe und die bunten Schwefelfelder anschauen kann.

Text und Fotos: Christian Nowak

 

Mehr über Island haben wir hier:
www.weltreisejournal.de/2014/01/02/island-rauchschwaden-am-muckensee

Und hier:
www.weltreisejournal.de/2013/08/13/island-schlammtopfe-und-solfataren

 

Frankreich: Korsikas Höhepunkte

Calvi

Auf Korsika gibt es Blutrache, die Siesta, politische Intrigen, den aromatischen Käse Casjiu Merzzu, wilde Schweine, Esskastanien und alterslose Greise, die einfach nur zuschauen, wie die Zeit vergeht. Den Korsen sagt man nach, sie seien Individualisten von überschäumendem Temperament, doch gleichzeitig beherrscht und gelassen in ihrem Gehabe, gastfreundlich, ihren Freunden treu, heimatverbunden, redegewandt und mutig – aber auch leicht beleidigt. Das ist die Quintessenz des Kultcomic „Asterix auf Korsika“. Recht hat der kleine Gallier, denn treffender kann man die Ile de Beauté, die Insel der Schönheit, wie die Franzosen Korsika nennen, kaum beschreiben.

Italienisches Flair im Norden

Bastia gibt sich geschäftig. Vor allem auf der Place Saint-Nicolas und am alten Hafen. Die weite Place Saint-Nicolas verströmt südländisches Flair, wirkt aber nicht unbedingt typisch korsisch, man wähnt sich eher in Italien. Hier trifft man sich zum Flanieren, zu einem Aperitif im Café, am Wochenende zum Flohmarktbesuch oder zu einem der Konzerte im Pavillon. Natürlich kommen auch die Boulespieler hierher und werfen mit stoischer Ruhe ihre Kugeln. Wer lieber einen Schaufensterbummel machen möchte, kein Problem, denn die Shoppingmeilen, der Boulevard Paoli und die Rue César Campinchi sind nur wenige Schritte entfernt.

BastiaZwei winzige Leuchttürme rahmen den alten Hafen mit seinen Jachten und Fischerbooten ein. Die hoch aufragenden Häuser der Altstadt Terra Veccia erinnern mit ihren bunten Fensterläden an ein ärmliches Dorf in Ligurien, im Hintergrund sind die Ausläufer des Pinto-Massivs zu erkennen. Überragt werden die Häuserschluchten von der Fassade der Barockkirche Saint-Jean Baptiste, dem Wahrzeichen Bastias. Hier lag einst die Keimzelle der Stadt.

Im alten Hafen reiht sich ein Restaurant ans andere, sie locken mit exklusiven Meeresfrüchteplatten, aber auch günstigen Touristenmenüs. Ein Drei-Gänge-Menü muss es aber schon sein, man ist schließlich in Frankreich. Zum Auftakt trinkt man statt des französischen Pastis lieber den korsischen Traditionsapéritif Cap Corse, den Myrtenlikör Murtellina oder den Kastanienlikör Castagnja. Als Vorspeise steht fast immer die Charcuterie Corse, eine Auswahl deftiger Wurst- und Schinkensorten auf der Speisekarte. Alternativ kommen eine kräftige Leberpastete oder eine Suppa Corsa infrage. Zum Hauptgericht sind Wildschwein, Lamm oder Zicklein immer eine gute Wahl. Als Nachspeise beliebt sind würziger Schaf- und Ziegenkäse. Der König der korsischen Käse ist der Brocciu, der vorzüglich mit Feigenmarmelade mundet. Als Alternative bieten sich Fiadone, die korsische Vairante des Käsekuchens oder die Torta Castagnina, ein süßer Kuchen aus Kastanienmehl an. Im alten Hafen bleibt jeder gerne länger sitzen, genießt die in warmes Licht getauchte Kulisse und lässt den Abend bei einer Flasche Wein oder einem Cocktail ausklingen.

Von L’Île Rousse nach Calvi

In Saint-Florent und L’Île Rousse, westlich von Bastia, geht es im Sommer fast wie in Saint Tropez zu. Im Hafen von Saint-Florent liegen Segelboote und Jachten dicht an dicht, auf der Promenade flanieren die Reichen, in den Clubs und Bars lässt man sich den Champagner munden. Die Altstadt von L’Île Rousse ist ebenso voll wie der Stadtstrand, wer viel Trubel mag, ist hier genau richtig.

Zwischen den beiden Städten ist nur Wüste – der Désert des Agrigates. Noch vor 100Calvi Jahren breitete sich hier fruchtbares Land aus, heute gibt es nur noch kahle Felsen und undurchdringliche Macchia. Doch an der Küste liegt ein Traumstrand am anderen, unvergesslich ist der Anblick der Plage de Saleccia mit seinem schneeweißen Sandstrand und dem azurblauen, glasklaren Wasser. Wer Robinson spielen will, kommt mit dem Boot, nimmt eine der Allradpisten oder bricht zu Fuß auf dem Küstenweg in die Einsamkeit auf.

Die Suche nach einem Traumstrand geht aber auch bequemer, denn im Sommer fährt die Tramway de Balagne mehrmals täglich auf der Strecke von L’Île Rousse nach Calvi. Ohne Eile ruckelt die Schmalspurbahn durch eine wunderschöne Landschaft, tutet vor jeder Kurve und hält unterwegs an rund einem Dutzend Strände.

Weithin sichtbar thront die mächtige Zitadelle von Calvi auf einem ins Meer ragenden Felsen, sie gilt als eines der imposantesten Bauwerke aus der Genuesenzeit. Zu ihren Füßen liegt der Jachthafen, in dem es ähnlich mondän wie an der Côte d’Azur zugeht. In den Bars und Restaurants trifft man sich nach einem Tag am Strand und lässt den Tag ausklingen.

Fruchtbare Hügel und kariöse Felsen

IMG_5184_DxO-klein-Les CalanchesNur wenige machen einen Abstecher ins Hinterland, in die fruchtbaren Hügel der Balagne, die bis zu den Gebirgsmassiven Zentralkorsikas reichen. Dank der guten Böden gedeihen im Garten Korsikas Zitrusfrüchte, Oliven und Vermentinu-Trauben der Spitzenklasse. Uralte Dörfer wie Sant’ Antonio, mit windschiefen Häusern aus Natursteinen, thronen wie Adlerhorste auf Bergrippen. Früher war es für die Bewohner wichtig, seeräuberische Sarazenen rechtzeitig auszumachen und sich in ihrer uneinnehmbaren Festung zu verbarrikadieren. Heute genießen Besucher den Rundumblick von der Küste bis zu den Bergen des Monte Grosso.

Zwischen Porto und Piana wird es spektakulär. An diesem Küstenabschnitt wird nicht gebadet sondern gestaunt. In unzähligen Kurven schlängelt sich die Straße durch die eigentümliche Felslandschaft der Calanche de Piana. Es ist die Steilküste der zerfressenen Felsen, ein Gebirge der kariösen Steine. Je nach Tageszeit erscheinen die Felsen Rot, Rosa oder Braun. Nur wenig Fantasie ist nötig, um allerlei Gesichter und Figuren, wie zusammen gekrümmte Löwen oder gehörnte Teufelsköpfe, in ihnen zu erkennen.

Auf Napoleons Spuren

Ajaccio, die größte Stadt Korsikas, verehrt noch heute Nepoleon Bonaparte. Sein AjaccioGeburtshaus, die Casa Buonaparte, ist heute Museum, im Rathaus wird seine Totenmaske ausgestellt, auf der Place de Gaulle zeigt er sich mit seinen vier Brüdern als römischer Imperator, auf der Place Maréchal Foch gibt er den Ersten Konsul, mit Löwen zu seinen Füßen. Höhepunkt des Napoleonkults ist die Place d’Austerlitz, die Heldentaten vor ihm in Stein gemeißelt, wacht er am Ende einer Triumphtreppe auf einem Sockel mit strengem Blick und Dreispitz über seine Geburtsstadt.

Aber auch wer mit Napoleon nichts am Hut hat, sollte sich für Ajaccio Zeit nehmen. Wegen Korsikas größter Kunstsammlung im Musée Fesch, dem bunten Markt auf dem Square Campinchi, der Einkaufsstraßen Cours Napoléon und Rue du Cardinal Fesch und dem mediterranen Treiben auf den mit Palmen und Platanen bestandenen Plätzen der Stadt.

Sandstrände und traumhaft schöne Buchten

An der Ostküste wartet das Kontrastprogramm. Von der Alsani-Mündung über Aléria bis nach Solenzara erstreckt sich die Plaine Orientale. Hier beginnen die Berge erst einige IMG_6298_DxO-klein-PinarelloKilometer hinter der fruchtbaren Schwemmlandebene des Tavignano und lassen Platz für Weinstöcke, Obstbäume, Weiden und Wiesen. Die gesamte Ostküste ist die Badewanne Korsikas, denn ein Sandstrand reiht sich an den anderen. Jeder Küstenabschnitt schmückt sich mit einem klangvollen Namen: Im Norden liegt die Costa Verde, die grüne Küste, um Aléria die Costa Serena, die heitere Küste, daran schließt sich die Côte des Nacres, die Perlmutt-Küste, an. Hinter dem Strand bleibt noch Platz für Dutzende Villages de Vacances, Campingplätze, Feriendörfer, Bungalowanlagen, FKK-Zentren und private Ferienhäuser.

Im Gegensatz zur Ostküste mit ihren rund 80 Kilometer langen Sandstränden ist die Südküste stärker gegliedert. Kleine Buchten werden immer wieder von vorspringenden, felsigen Landzungen unterbrochen. Jede dieser Buchten besitzt ihren ganz eigenen Charme. Doch überall gibt es glasklares, türkisfarbiges Wasser und einen feinkörnigen Strand, der von Felsen, Dünen und Pinienwäldern eingerahmt wird. Fotogen sind sie alle, die Buchten von Rondinara und Pinarellu, traumhaft auch die Plage de Santa Giulia und die Plage de Palombaggia südlich von Porto Veccio.

Bonifacio, die schönste Stadt Korsikas, thront im Süden der Insel auf einem hohenBonifacio Kreidefelsen. Die exponierte, früher strategisch ungemein wichtige Lage am Südzipfel Korsikas weckte über Jahrhunderte Begehrlichkeiten und machte Bonifacio immer wieder zum Zankapfel zwischen Pisa, Genua und Frankreich. Die scheinbar uneinnehmbare Zitadelle am höchsten Punkt mit ihren abweisenden Mauern hat die unruhigen Zeiten bis heute überdauert. Die Zukunft einiger Häuser scheint dagegen fraglich, denn sie stehen so dicht an der Kante der von Wind und Wellen zerfressenen Steilküste, dass ihr Absturz nur eine Frage der Zeit scheint. Im Winter ist Bonifacio fast menschenleer, doch ab Juni kommt wieder Leben in die schöne Kulisse, öffnen Restaurants und Souvenirläden und bald darauf füllen sich die Straßen wieder mit Touristen.

Christian Nowak

 

Schweden: Mit Schneeschuhen durchs sommerliche Moor

Foto C. Nowak-Bei Värnamo, Store Mosse Nationalpark, Wanderung mit Schneeschuhen

Der Store Mosse Nationalpark liegt in der historischen Region Småland einige Kilometer nordwestlich von der Kleinstadt Värnamo. Innerhalb des Nationalparks breitet sich eines der größten Moorgebiete Schwedens aus, eine liebliche Landschaft mit Hochmooren, Niedermooren, Seen und kleinen Wäldern. Auf geführten Schneeschuhwanderungen gelangt man im Sommer in Gebiete, die sonst nicht zu erreichen sind.

Unsere kleine Gruppe trifft sich an einem schönen Sommertag auf einem Waldparkplatz am Rande des Store Mosse Nationalparks. Unter fachkundiger Leitung wollen wir eine ganz besondere Moorwanderung unternehmen. Als Erstes bekommt jeder ein Fernglas, eine Lupe und ein Paar Schneeschuhe. So für alle Eventualitäten gerüstet, schlendern wir, die Schneeschuhe noch in der Hand, in den hügeligen Kiefernwald.

Foto C. Nowak-Värnamo, Im Store Mosse Nationalpark, Wanderung mit Schneeschuhen

Vorneweg geht Cornelia vom Informationszentrum des Nationalparks, erklärt dabei den Unterschied zwischen Blaubeeren, Preiselbeeren und Krähenbeeren, spürt Pilze, Libellen und Käfer auf. Sie erläutert auch die Entstehung des Store Mosse. Vor rund 18 000 Jahren begann das Eis der letzten Eiszeit zu schmelzen und bildete reißende Flüsse und große Seen. Sand und Moränenmaterial wurden mitgerissen und blieben schließlich in den Seen liegen. Besonders große Eisblöcke schmolzen erst viel später und bildeten Hohlformen im Gelände, die sogenannten Toteislöcher. Als erstes besiedelten Gräser, Kräuter und Flechten das vom Eis befreite Land, vor rund 11 000 Jahren wuchsen dann die ersten Kiefern und Haselnüsse.

Einige Tausend Jahre später wurde das Klima milder und feuchter, die Sandheide versumpfte und die ersten Torfmoose überzogen die Landschaft. Stetig wuchs der Moorboden in die Höhe, bis der Wasserstand sank und die Pflanzen den Kontakt zum Grundwasser verloren, aus dem Niedermoor wurde so ein Hochmoor, ein sehr nährstoffarmer Lebensraum. Heute besteht der Store Mosse Nationalpark aus mehreren von Sanddünen getrennten Hochmooren und Niedermooren.

Foto C. Nowak-Värnamo, Store Mosse Nationalpark

Erste Schritte mit Schneeschuhen

Bald kommen wir aus dem Kiefernwald ins Moor, doch noch laufen wir bequem über Bohlenwege. Am Ufer des Svartgölen Sees endet dann der Bohlenweg an einem schönen Picknickplatz. Ab hier kommen die Schneeschuhe zum Einsatz. Noch etwas zögerlich springen wir einer nach dem anderen auf den feuchten, federnden Moosboden und sind überrascht, dass wir kaum einsinken. Anfangs sind die XXL-Füße etwas ungewohnt, doch wenn man etwas breitbeinig geht und die Knie etwas höher hebt, klappt es ganz gut.

Früher wurde im Store Mosse Torf abgebaut, wovon heute aber kaum noch etwas zu sehen ist. Pflanzen haben es im Moor wegen der nährstoffarmen Böden schwer. In den mäßig nassen Senken wachsen gelbgrüne und grüne Torfmoose sowie der fleischfressende Sonnentau. Er kann sich mit Hilfe seiner klebrigen Blätter, die Verdauungsenzyme ausscheiden, einen Teil seiner Nährstoffe aus kleinen Insekten beschaffen. Die richtig nassen Bereiche hingegen bieten höheren Pflanzen kaum eine Nahrungsgrundlage. An relativ trockenen Stellen wachsen Heide, Glockenheide, Moosbeeren, Wollgras, Zwergbirken und Krüppelkiefern. Die Krüppelkiefern werden wegen der Nährstoffmangels zwar nur mannshoch, können aber trotzdem einige Hundert Jahre alt sein. In ihren Stämmen liegen die Jahresringe so dicht beieinander, dass man ihr Alter oft nur mit einem Mikroskop bestimmen kann.

Foto C. Nowak-Värnamo, Store Mosse Nationalpark, Schneeschuhwanderung

Vom Svartgölen See laufen wir zum Vitgölen, nehmen in seinem tiefschwarzen Wasser ein Bad, machen an seinem Ufer Picknick und stapfen schließlich zurück zum Ausgangspunkt. Dank der Schneeschuhe ist zwar keiner im Morast versunken, aber die Schuhe sind pitschnass und riechen noch tagelang nach Moor. Da bei jedem Schritt zudem Wasser an den Schneeschuhen hängenbleibt, sind auch Hose und Jacke völlig durchnässt. Keiner von uns hat eine Gehtechnik gefunden, die das verhindert, was an diesem sonnigen, warmen Sommertag aber niemanden gestört hat.

Christian Nowak

Foto C. Nowak-Värnamo, See im Store Mosse Nationalpark

Foto C. Nowak-Värnamo, Store Mosse Nationalpark, Wandern mit Schneeschuhen

Foto C. Nowak - Värnamo, Store Mosse Nationalpark, Wanderung mit Schneeschuhen

 

 

Christian Nowak: Merian Momente Island

815MDGMO9WLIsland

Mit MERIAN momente das Besondere erleben:

MERIAN TopTen: Die Höhepunkte der Insel auf einen Blick

NEU ENTDECKT: Schneller Überblick über die angesagtesten Locations

MERIAN MOMENTE – Das kleine Glück auf Reisen: Tipps für die ganz persönlichen Auszeiten

MIT ALLEN SINNEN – Island spüren und erleben: Für unvergessliche Erlebnisse

GRÜNER REISEN: Empfehlungen für den nachhaltigen Urlaub

Mit MERIAN momente Island erkunden:

Einsam die Fjorde, bizarr die Gebirge, aktiv die Vulkane, heiß die Quellen, mal in Lavawüsten, mal unter Eispanzern sprudeln. Island ist faszinierend, außergewöhnlich, unvergleichlich! Ein Land, das man in allen Dimensionen erleben muss – in seiner Größe wie in den Details.

Das bietet Ihnen MERIAN momente:

Praktische und übersichtliche Sortierung nach Regionen

Fundierte Beschreibungen aller wichtigen Orte und Strände sowie Sehenswürdigkeiten, Museen und Ausflugsziele

Sorgfältig ausgewählte Hotel- und Restaurantempfehlungen sowie Kultur-, Ausgeh- und Shoppingadressen

Stadtpläne von Reykjavík und Akureyri zur schnellen Orientierung

Extra-Faltkarte zum Herausnehmen

Christian Nowak: Best of Norwegen

51KlM5hk8BLBEST OF … ist eine Bildbandreihe professionell fotografiert von renommierten Reisefotografen — – – Bis zu 200 Bilder auf 140 Seiten – – – Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis – – – Die 66 wichtigsten Sehenswürdigkeiten einer Destination vorgestellt in Wort und Bild – – – Kenntnisreiche Texte – – – Ausführliche Bildunterschriften – – – Farbiger Lageplan zu jedem Highlight – – – Detailliertes Register und Übersichtskarte. Enge, tief in die Küste eingeschnittene Fjorde mit unzähligen Wasserfällen, glasklare Seen und dichte Wälder, schneebedeckte Hochgebirge und weite Täler, die einzigartige Inselwelt der Lofoten die Landschaften Norwegens bieten eine faszinierende Vielfalt. Die höchsten Berge liegen in Jotunheimen, ewiges Eis vor allem in den großen Gletschergebieten des Jostedalsbreen und Svartisen. Das Land im hohen Norden Europas ist Sinnbild für einzigartiges Naturerleben zwischen Meer und Bergwelt. Seinen Reichtum erwarb das Land einst durch Fischerei und Handel, von dem heute noch die Städte entlang der Küste künden, allen voran Bergen und Ålesund. Trondheim mit seiner prächtigen Kathedrale ist bis heute Krönungsort des norwegischen Königshauses. Urbanes Zentrum des Landes ist Oslo, die Hafen- und Hauptstadt im Südosten. Der Reihenband Best of Norwegen stellt die 66 lohnenswertesten Reiseziele vom Kap Lindesnes bis zum Nordkap vor. Dabei dürfen Sehenswürdigkeiten wie der Preikestolen, der Jostedalsbreen und Städte wie Bergen und Oslo natürlich nicht fehlen. Doch es findet sich auch Sehenswertes abseits der typischen Ziele: Etwa die Senja-Insel oder der Fischmarkt von Bergen. Die 66 Highlights geben einen umfassenden Eindruck von der Vielfältigkeit Norwegens.

Argentinien: Buenos Aires – Tango, Fußball, Maradona und saftige Steaks

Am Plaza de Mayo hat alles angefangen, hier soll Juan de Garay 1580 Bueos Aires gegründet haben. Rings um den Platz stehen pompöse Gebäude, vom rosaroten Regierungspalast über große Banken bis zum Rathaus.

Buenos Aires ist alles: eine riesige 12-Millionen-Metropole, laut, hektisch, immer in Bewegung, wenn nicht gerade wieder mal Megastau herrscht, voller Monumentalbauten mit prächtigen Fassaden, dazwischen quetschen sich jede Menge hässliche Betonbauten, jeder Quadratmeter ist kostbar, moderne Hochhäuser in Reih und Glied, dann wieder ärmliche Einwandererviertel. Nach ein paar Erkundungen zu Fuß wird mir schnell klar, dass so die Stadt nicht zu erkunden ist. Also eine Fahrt mit dem Hop on Hop off Bus und die Stadt vom Sonnendeck aus inspizieren. Gut drei Stunden wühlt sich der Bus durch den Verkehr, hält an hundert Ampeln, steckt im Dauerstau, kommt langsamer als so mancher Fußgänger vorwärts, angeblich alles ganz normal, deshalb verliert auch kaum einer die Nerven.

Egal, wo man hinkommt, wartet schon eine Schlange. Die Argentinier lieben es Schlange zu stehen. Ob an der Bushaltestelle oder vor dem Restaurant, da wird nicht gemurrt oder gedrängelt, egal, wie lange es dauert. Jeder Engländer würde bei so viel Disziplin vor Neid erblassen.

Puerto Madero ist der neueste Stadtteil von Buenos Aires und der am schnellsten wachsende. Hochhäuser schießen in dem einst heruntergekommenen Hafenviertel förmlich in den Himmel, ständig entstehen neue Büros, Wohnungen, Geschäfte und Restaurants. Geld scheint hier keine Rolle zu spielen.

Was fällt einem ganz spontan zu Argentinien ein? Tango, Fußball, Maradona und natürlich saftige Steaks. Wo Touristen sind, ist auch der Tango nicht weit. Zu jeder Tages- und Nachtzeit tanzt ein Paar auf der Straße oder in den Restaurants – natürlich nicht nur aus reinem Spaß, ein paar Pesos müssen dabei schon den Besitzer wechseln.

Maradona lebt immer noch in La Boca, zumindest will mir das sein Double weismachen. Seine Nationalmannschaftstrikots mit der legendären Nummer 10 verkaufen sich noch heute bestens in den Läden neben dem Stadion, dort wo der Göttliche für die Boca Juniors gespielt, nein gezaubert, hat. Auch in Caminito ist er allgegenwärtig.

Caminito ist bunt und touristisch, der Montmartre von Buenos Aires. Tangotänzer an jeder Ecke, bereit für ein Foto zu posieren, Künstler, Souvenirshops, Restaurants.

Die Argentinier sind Weltmeister im Rindfleischverbrauch. Hühnchen, Lamm und Schweinefleisch gibt es zwar auch, aber nur ein saftiges Rindersteak vom Grill zählt für Argentinier. Zu Recht, denn egal, wo man hingeht, die Steaks sind einfach göttlich. Leicht rauchig im Geschmack, wunderbar zart und auf den Punkt richtig gegrillt.

Christian Nowak

Christian Nowak: Baedeker SMART Island

51CZ-g-B0kLDer Baedeker SMART Island führt mit perfekten Tagesprogrammen durch alle Gebiete Islands und zeigt die beliebtesten Attraktionen, jeweils mit Tipps für kleine Pausen in Cafés, Restaurants oder Bars.

Den Auftakt bilden die TOP 10 Islands: die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die man unbedingt gesehen haben muss, von der absoluten Nummer eins bis zur nicht mehr ganz so wichtigen Nummer zehn. Erleben, was Island ausmacht – dabei helfen die Tipps des „Island Gefühls“, zum Beispiel Spaziergänge in weißem oder schwarzem Sand, die echte Mitternachtssonne auf Grimsey genießen oder essen Sie mit und bei Einheimischen. „Das Magazin“ erzählt spannende und unterhaltsame Geschichten z. B. über die Besiedlung Islands, das Hochland, das Islandpferd und die Krimiwelt.

In vier nach Regionen gegliederten Kapiteln werden die wichtigsten und interessantesten Sehenswürdigkeiten vorgestellt und auf erlebnisreichen Tagestouren erkundet, die natürlich auch Zeit für genussvolle Pausen einplanen. Detailreiche 3D-Grafiken blicken auf Geysire und auf die „Perle“.  Abgeschlossen werden die einzelnen Kapitel mit den Beschreibungen ausgewählter Restaurants, der besten Shoppingmeilen und der attraktivsten Ausgeh-Adressen. Auf einer Radtour  zum Leuchtturm oder bei einem Ausflug ins Selárdalur kann man die vielen verschiedenen Facetten der verschiedenen Regionen kennenlernen. Zum Schluss laden die amüsanten „10 Gründe wiederzukommen“ zu einem weiteren Besuch ein – schließlich bietet Island immer wieder Neues.

Deutschland: Kunst der Vorzeit – Felsbilder aus der Sammlung Frobenius

15_Handsilhouetten, Fische und Mond   Handsilhouetten, Fische und Mond   Indonesien, West-Papua, Tabulinetin 500-1.500 n.Chr.  Aquarell von Albert Hahn, 1937 65x95 cm © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

15_Handsilhouetten, Fische und Mond, Handsilhouetten, Fische und Mond, Indonesien, West-Papua, Tabulinetin, 500-1.500 n.Chr., Aquarell von Albert Hahn, 1937, 65×95 cm, © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

In einer der Einleitungssequenzen von Ridley Scotts Science-Fiction-Film Prometheus entdecken Höhlenforscher eine prähistorische Wandmalerei, auf der eine anthropomorphe Gestalt zu sehen ist, die auf eine ferne Gestirnskonstellation hinweist. Wie sich im Verlauf der Handlung herausstellen wird, bezeichnet sie den Ort im Kosmos, von dem in ferner Vorzeit die „Konstrukteure“ aufgebrochen waren, um das Menschengeschlecht zu schaffen. Die Grundidee von Scotts ursprungsmythischem Zukunftsspektakel aus dem Jahr 2012 ist indes nur eine Wiederauflage der Spekulationen, die der Schweizer Autor Erich von Däniken bereits 1968 in seinem Buch Erinnerungen an die Zukunft angestellt hatte. Für ihn stellen die geheimnisvollen Wandjina-Figuren auf den Felsbildern der Kimberley-Region in Nordwest-Australien extraterrestrische Wesen dar: raumhelmbewehrte Astronauten, die vor Jahrtausenden die Erde besuchten und von ihren Bewohnern als Götter verehrt wurden. Die antikisierenden Gesichtszüge der prometheischen Aliens in Scotts Film könnte man wiederum als ein spätes Echo auf die Theorien von Leo Frobenius deuten, der bei seinen Expeditionen in das Innere Afrikas mythische Orte der antiken Überlieferung wiederentdeckt zu haben glaubte. Die in ihrer Nähe gefundenen Felsbilder betrachtete er als Belege für die Existenz uralter und über die ganze Mittelmeerwelt verbreitete Kulturkreise, aus denen auch die Kultur der griechischen Antike einst hervorgegangen war.

13_Stehender weiblicher Wisent Nordspanien, Cantabrien, Altamira 16.000-14.000 v.Chr.  Stehender weiblicher Wisent Aquarell von Elisabeth Charlotte Pauli, 1936 69x100 cm © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

13_Stehender weiblicher Wisent, Nordspanien, Cantabrien, Altamira, 16.000-14.000 v.Chr., Stehender weiblicher Wisent, Aquarell von Elisabeth Charlotte Pauli, 1936, 69×100 cm, © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

Seit ihrer Entdeckung im 19. Jahrhundert haben Höhlenmalereien und Felsbilder die Phantasie angeregt. Auch seriöse Wissenschaftler ergingen sich in vielfältigen Gedankenspielereien, nachdem die zunächst bezweifelte Echtheit der Funde im spanischen Altamira und in Südfrankreich erst einmal anerkannt war. Die einen zogen Parallelen zu den Ritualen zeitgenössischer indigener Gruppen und vermuteten, dass die Höhlen für Initiationszeremonien und die Malereien für die Unterrichtung der Initianden dienten. Andere sahen in den Tierdarstellungen primitiven Jagdzauber am Werk: die mimetische Magie des frühen Menschen. Religionswissenschaftler wie Mircea Eliade glaubten in ihnen dagegen Spuren einer ursprünglichweltweit verbreiteten ekstatischen Schamanentechnik zu entdecken: Ausdruck eines numinosen Grundgefühls, der Urreligion der Menschheit.

05_Elefantenkontur, riesiges rotes Tier, Böcke und Menschen  Elefantenkontur, riesiges rotes Tier, Böcke und Menschen Simbabwe, Marandellas Distrikt, Inoro-Höhle 8.000-2.000 v.Chr. Aquarell von Joachim Lutz, 1929 151x616 cm © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

05_Elefantenkontur, riesiges rotes Tier, Böcke und Menschen, Elefantenkontur, riesiges rotes Tier, Böcke und Menschen, Simbabwe, Marandellas Distrikt, Inoro-Höhle, 8.000-2.000 v.Chr.
Aquarell von Joachim Lutz, 1929, 151×616 cm, © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

Auch Philosophen nahmen sich des Themas an. Hans Jonas galten die prähistorischen Felsbilder als Beleg für seine Theorie vom homo pictor. Das Erzeugen von Bildern gehört für ihn zu den Wesensmerkmalen des Menschseins. Erst mit dem Herstellen symbolischer Zeichen habe der Menschdas Reich des Animalischen verlassen und seine Identität als Gattungswesen gewonnen. In den letzten Jahren haben sich auch Neurobiologen mit der Frage beschäftigt, welchem höheren Zweck die prähistorische Malerei gattungsgeschichtlich eigentlich gedient haben mag, und sie mit einem Verweis auf den evolutionären Vorteil beantwortet, den das zur künstlerischen Betätigung drängende ästhetische Empfinden dem Menschen angeblich verschafft. Man braucht also gar nicht auf die zahlreichen kunsthistorischen Theorien einzugehen, um zu sehen, in welchem Ausmaß die Felsbilder und Höhlenmalereien des vorzeitlichen Menschen zum Gegenstand spekulativer Erörterungen geworden sind. Der von dem Dahlemer Religionsphilosophen Klaus Heinrich geprägte Begriff der Faszinationsgeschichte – wo wäre er besser am Platze als hier?

11_Gruppe menschlicher Figuren Ägypten, Gilf Kebir, Wadi Sora 4.400–3.500 v.Chr.  Gruppe menschlicher Figuren Aquarell von Elisabeth Charlotte Pauli, 1933 35x41 cm © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

11_Gruppe menschlicher Figuren, Ägypten, Gilf Kebir, Wadi Sora, 4.400–3.500 v.Chr., Gruppe menschlicher Figuren, Aquarell von Elisabeth Charlotte Pauli, 1933, 35×41 cm, © Frobenius-Institut Frankfurt am Main

Die moderne ur- und frühgeschichtliche Forschung legt sich bei der Interpretation paläo- und neolithischer Kunstwerke indes größte Zurückhaltung auf. Vor allem gegenüber den früher so beliebten Parallelisierungen zwischen den Lebens- und Denkformen archaischer und rezenter indigener Kulturen zeigt sie sich inzwischen sehr reserviert. Ähnliches gilt für die Annahme einiger Neuropsychologen, der zufolge sich die Ähnlichkeit der Felsbilder in aller Welt dem Umstand verdanken soll, dass sie auf Halluzinationen zurückgehen, die durch drogeninduzierte Altered States of Consciousness ausgelöst worden seien. Man kann zwar heute das Alter einzelner Fundstätten entschieden zuverlässiger als früher datieren, dochvon ihrem sozialen und kulturellen Umfeld weiß man nach wie vor so gut wie nichts. Welche Motive haben die frühen Maler bewogen? Welche Bedeutungen haben sie einzelnen Figuren beigelegt? Wie wurden sie von ihren Mitmenschen rezipiert? Hatten die bildlichen Darstellungen sakralen Charakter? War der homo pictor zugleich ein homo cultus? Auf diese und viele andere Fragen vermag die moderne Felsbildforschung keine definitiven Antworten zu geben. Jede Überlegung mag richtig, jede kann genauso gut falsch sein. Dass die Felszeichnungen australischer Ureinwohner schamanischen Entrückungsritualen dienten, lässt sich ebenso behaupten wie die These, dass sie Wesen aus extraterrestrischen Welten darstellen. Für die erste Behauptung spricht allein ihre größere Wahrscheinlichkeit. Empirisch belegen kann man sie nicht.

Von Karl-Heinz Kohl
Direktor des Frobenius-Institutes Frankfurt am Main

 

 

 

Norwegen: Hol den Wagen, Harry!

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Mit Skiern und Pulka durch die winterliche Hardangervidda

Es gibt Dinge, die braucht man normalerweise nicht. Doch, was ist normal? Ist es normal freiwillig in den Schnee zu ziehen, zu frieren während sich die ganze Stadt auf den Frühling freut? Tagelang mit einem haarigen Kerl in einem viel zu engen Zelt zu verbringen, seine stinkenden Socken zu ertragen? Kälte ist nicht wirklich mein Ding – ich bin eben ein Normalbürger, bevorzuge es gemütlich. Es gibt aber auch Menschen, die gehören nicht zum Kreis dieser Normalbürger.

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Ein solcher ist Harry, er liebt die Kälte! 600 km Grönland, mit dem Zelt, natürlich im Winter, Herr habe Erbarmen! Harry und ich wir kennen uns schon seit Jahrzehnten. Nach vielen gemeinsamen Jahren beim Klettern, in Höhlen, auf den sommerlichen Gletschern der Alpen verloren wir uns aus den Augen. Karriere, Familie, das Übliche und dann führte uns ein Zufall nach 15 Jahren wieder zusammen. Wir wollten klettern, wandern, ich wollte ganz gewiss nicht in die Kälte.

Und Harry? Warum bestand er darauf bei unserer Winterbegehung der Alpspitz-Nordwand am Einstieg zu zelten, bei -17 °C? Das war ein Test, zugegeben, es war viel weniger unangenehm als erwartet. Im Gegenteil, in der Nacht musste ich mich Schicht für Schicht aus meinen Klamotten pellen, mir war zu warm in all den Dingen die ich mir aus Furcht zu frieren angezogen hatte! Auch die Raureif verzierten Zeltinnenwände, die weiß gepuderte Mütze konnten nichts daran ändern: es hat mir Spaß gemacht!

Auf den Spuren der Polarforscher

2012-03-04 155013 RawTja, und so rückte Harald mit seiner Idee heraus, gemeinsam die Hardangervidda auf Ski zu durchqueren. Die was bitte? Er klärte mich mit leuchtenden Augen auf: Die Hardangervidda ist diese riesige, unwirtliche, menschenarme Hochebene im Süden Norwegens, in der sich schon so berühmte Abenteurer wie Roald Amundsen, Robert Falcon Scott und Fridtjof Nansen auf ihre Arktistouren vorbereitet hatten. Stürme, Whiteouts und Temperaturen von -25  C sind dort ganz normal. Nicht umsonst wird die Region als das am südlichsten gelegene Trainingsgebiet für Arktisaspiranten betrachtet.

So reisten wir also mit 110 Kilo Gepäck, verstaut in zwei Pulken, nach Norwegen, dabei Nahrungsmittel für 14 Tage. Während der Anreise berichtete eine norwegische Bergführerin, dass die 120 km Tour von einigen sportlich ambitionierten jungen Leuten in zwei Tagen gemacht wird – natürlich ohne eine heftig bremsende Pulka an der Ferse. Wir aber wollten uns gemütliche 8-10 Tage Zeit lassen und die Natur genießen. In der Nähe des Valdalsvattnet spuckte uns der Bus von Oslo kommend aus, und da standen wir nun mit all unserem Plunder in der Pampa.

Ich stand hier am Rand der Wildnis das erste Mal vor einer Pulka und fühlte mit allen 2012-03-05 135125 RawLasteneseln der Welt. Hüüüüh, entfuhr es mir unwillkürlich, als ich die ersten Schritte wagte. Ach Harry, hol doch den Wagen, dachte ich mir als wir die Straße langsam hinter uns ließen – er holte ihn aber nicht. Stattdessen sah ich ein Bild vor mir, das sich mir in den kommenden Tagen einprägen sollte. Harry von hinten, die Pulka gemächlichen Schrittes ziehend – aus dem Manager wurde in wenigen Minuten der erfahrene Outdoormensch.

Zelten in Sturm und Schnee

Bereits am ersten Abend weihte er mich in die Routine des Zeltaufbaus ein, jeder Handgriff sollte sitzen. Weder durfte das Zelt im Sturm beschädigt werden, noch durften Teile verloren gehen. Etwa in der Mitte des 10 km langen Sees, bauten wir das Zelt in der Nähe einer kleinen Insel auf. Nur der Navi verriet uns, dass wir auf dem gefrorenen See zelteten. Schon die erste Nacht lehrte mich, welche Kraft der Wind hier entwickeln kann. Am Rande der Hardangervidda strömen Luftmassen von der Hochebene herunter und pfeifen durch das Vivassdalen. Die ganze Nacht zerrte der Wind knatternd an unserem Zelt. Am Morgen lag die große Pulka quer vor unserem Zelteingang, umgeblasen wie ein Ballen Stroh.

Für den zweiten Tag hatte Harry Wald versprochen, die letzten Bäume vor der weiten, baumlosen Hochebene. Gut, Wald ist ein großzügiger Begriff für das was ich zu sehen bekam. Kleinwüchsige, weit verstreute Birken, die Riesen unter ihnen maßen gerade 4 bis 5 Meter. Wir befanden uns auf dem Weg in eine klimatische Extremlandschaft. In der tundraartigen Hardangervidda existieren keine hoch wachsenden Pflanzen mehr, nur Felsen und weit geschwungene Berge prägen das Bild. Am Abend die nächste Ausbildungseinheit: „Wir bauen zum Schutz vor Sturm eine Schneemauer“.

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„Aber es geht doch kein Lüftchen“, beschwerte ich mich mit Blick auf das herrliche Abendlicht. Ich kam mir sehr ungeschickt vor. Während Haralds Schneeblöcke eine perfekte Mauer bildeten, zerbrachen meine immer wieder. Schon in der darauf folgenden Nacht erkannte ich die Notwendigkeit einer solchen Mauer. Nach einem Tag mit herrlichen Landschaftsbildern, ziehenden Wolken und Sonnenschein frischte der Wind am Nachmittag auf. Schneekristalle trieben über den Boden, die Landschaft schien im Gegenlicht zu gleiten. Wir bauten das Zelt in einem schmalen Hochtal auf. Nachts dann, ein fahler Mond beleuchtete die Szenerie, riss und zerrte der Wind so erbarmungslos am Außenzelt, dass wir unsere warmen Schlafsäcke verlassen mussten, um die vorhandene Schneemauer zu erhöhen. Gut geplant Harry!

Auch die kleine Plastikflasche mit der großen Öffnung lernte ich in jener Nacht zu schätzen. Wer verlässt schon gerne das schützende Zelt, zieht sich Schicht für Schicht komplett an, nur weil die Blase voll ist! Man stelle sich die Situation vor: Zwei gealterte Kerle hindern sich am Schlafen, weil im ohnehin engen Zelt die halbe Nacht jemand herumwühlt. Da hilft nur die Pippiflasche! … und das klingt einfacher als es ist! Wir haben Tabus verinnerlicht, zum Beispiel: „Im Schlafsack wird nicht gepinkelt“ ist so eine Regel. Da läuft dann zunächst gar nichts, aber ich will nicht zu sehr mit Details langweilen! Nur so viel: ich lernte meine Peebottle noch sehr zu schätzen – es ist doch so wunderbar warm und kuschelig des Nachts im Schlafsack!

Hütte oder Zelt

Der Lohn für die durchstandenen Nächte war immer ein herrliches Frühstück. Dort, in der Wildnis, lernt man einfache Dinge zu schätzen! Harry übernahm die morgendliche Aufgabe Schnee zu schmelzen und Wasser zu kochen. Das ist in einem engen Zweimannzelt eine logistische Herausforderung. Wenn dann aber der Pulverkaffee dampft, schmecken Knäckebrot und Bacon um so besser. Das abschließende Highlight war Morgen für Morgen die zweite Tasse Kaffee mit einem Stück sehr butterhaltigen Streuselkuchens. Köstlich!

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Der starke Wind blieb uns nahezu immer erhalten. Er blies uns geradezu in Richtung Saundhaug, einer der wenigen Hütten an unserer Route. Ein wunderbares Gefühl, trotz der Felle unter den Ski und der schweren Pulken, ohne viel Zutun über das Land geschoben zu werden. Kurz vor der Hütte schlug das Wetter schlagartig um und der Sturm trieb Schneeregen waagerecht über das Land. Innerhalb weniger Minuten waren wir pitschnass. Nein, Harry, wir suchen ganz gewiss keinen „gemütlichen“ Zeltplatz im Windschatten der Gebäude. In der schnuckeligen Hütte steht ein Ofen, wir können dort die nassen Sachen trocknen, sogar im Stehen kochen! Ich setzte mich durch und so war Haralds Kummer beschlossen. Es folgte ein bemerkenswert behaglicher Abend bei Kerzenlicht und mit leckerem Essen aus der Vorratslager der Hütte – und einem latent schmollenden Harald – ich glaube aber noch immer, dass er den gemütlichen Hüttenaufenthalt ganz tief in seinem Inneren genossen hat!

Whiteout – Nullsicht bei Schneetreiben und Nebel

Auch der nächste Tag brachte keine Verbesserung der Wetterbedingungen: Sturm mit Windgeschwindigkeiten von 25–30 m/Sekunde trieb Schneefahnen waagerecht über das Land, die nahen Nachbargebäude waren im verwischten Weiß kaum auszumachen! Trotzdem entschieden wir uns diesen anheimelnden Ort zu verlassen und zogen in den Sturm hinaus – mein Alptraumtag begann. Treibender Schnee und Nebel verdichteten sich zu einem ausgemachten Whiteout – alles verschwamm zu weiß – links, rechts, vorne, hinten, oben, unten – überall weiß! Stundenlang kämpften wir uns vorwärts ohne etwas von der Landschaft zu sehen.

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Bloß nicht den Blickkontakt zum Vordermann verlieren, Rufe waren in diesem infernalischen Getöse kaum zu hören. Stimmung auf dem Tiefpunkt. „Dieser Tag kann dafür verantwortlich sein, dass ich so eine Scheiße nie wieder mache!“ brüllte ich Harald in einer der wenigen, kurzen Pausen zu. Ein unachtsamer Moment und meine Lieblingsmütze wurde ein Opfer für die Trolle – vom Sturm weggerissen war sie innerhalb einer Sekunde außer Sichtweite! Warum mache ich das nur? Noch am selben Tag sollte ich es erfahren – es sind die oft kurzen aber magischen Momente die es wert sind loszuziehen.

Am späten Nachmittag stiegen wir einige Höhenmeter in einem weiten, flachen Tal ab. Das reichte um die Sicht deutlich zu verbessern – und dann kam einer dieser unvergesslichen, zauberhaften Momente. Schemenhaft, wie mit Kreide in pastellenen Farben gemalt schälte sich das Bild einer Hirtenhütte aus dem Weiß – das Dach grasgedeckt, die steinernen Wände schneegepudert wie Mutters Käsekuchen. Auf der windgeschützten Ostseite fanden wir einen kleinen aber sicheren Platz für unser Zelt. Geschafft! Endlich Muße zum Ausruhen und Trocknen der nassen Klamotten.

Blick auf den Hardangerjøkulen

Zum Glück gab es während all dieser Tage von allem etwas: Schneefall, Sonnenschein, Kälte, Wärme, ziehende Wolken vor tiefem Blau, unendlich weite Blicke über die verschneite, sich wie ein erstarrtes Meer wellende Landschaft und natürlich immer Wind. So mussten wir uns noch zwei weitere Tage bei unwirtlichem Wetter in Richtung Norden durchschlagen. Doch was für ein Moment, als kurz nach der Kjeldebu Hytta der Wind nachließ, die Wolken aufrissen und den Blick auf den Hardangerjøkulen freigab. Der Hardangerjøkulen ist mit etwa 70 km2 einer der großen Plateaugletscher Norwegens. Ihn galt es in der Schlussetappe zur Hälfte zu umrunden. Während sich in den weiten der Hardangervidda nur selten unser Weg mit der Route anderer Wanderer kreuzte, begegneten wir hier nun häufiger anderen Naturfreunden.

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Eine letzte Nacht im Zelt, in traumhafter Lage, mit Blick auf sanft geschwungene Berge, ein letztes Frühstück im goldenen Morgenlicht. Aber auch die Vorfreude auf  eine ausgiebige Dusche, ein Bett und all den Luxus den wir zuhause im Alltag gar nicht mehr als solchen wahrnehmen. Nicht ohne einen gewissen Stolz es geschafft zu haben erreichten wir bei schönstem Wetter nach 10 Tagen die Bahnstation Finse. Ja, und welche Gedanken gingen mir am Beginn der Tour durch den Kopf? “ Harry, hol doch den Wagen“, ich muss mich revidieren: „Harry, lass die Kiste stehen“, es war grandios!

Bernd Leideritz

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Antarktis: Ein Besuch in der britischen Station Port Lockroy

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Im antarktischen Sommer – von November bis März – sind die Gewässer rund um den kältesten Kontinent soweit eisfrei, dass Expeditionsschiffe bis Antarktischen Halbinsel und zum südlichen Polarkreis vordringen können. Die Natur ist überwältigend: gigantische Tafeleisberge, unzählige Gletscher, wild gezackte Berge, Pinguinkolonien, Robben und Wale lassen jeden ehrfürchtig staunen. Nur wenige Menschen lieben hier im Sommer auf kleinen Stationen wie dem britischen Port Lockroy.

Vorsichtig tastet sich die „MS Fram“ auf der Suche nach einem sicheren Ankerplatz in die Bucht von Port Lockroy, so wie es früher auch die Wal- und Robbenfangschiffe gemacht haben. Die kleinen Eisberge, die überall auf dem Wasser treiben, fordern von Kapitän Rune Andreassen auf der Brücke höchste Konzentration, die Passagiere genießen derweil das antarktische Postkartenmotiv an der Reling. Mehrere Gletscher rahmen die Bucht ein, ihr gleißendes Weiß steht im Kontrast zu den hoch aufragenden, gezackten Bergen der Wieneckeinsel.

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Mitten in der Bucht liegt unser Ziel, die Goudierinsel, nur so groß wie eine Handvoll Fußballfelder. Die Franzosen haben die blank geschliffenen Felsen 1904 entdeckt, die Norweger danach als Walfangstation genutzt, bevor die Briten hier im Zweiten Weltkrieg eine Marinestation einrichteten, die sie 1962 wieder aufgaben und die daraufhin verfiel. Erst 1996 haben sich die Briten an Port Lockroy erinnert und die Station wieder instand gesetzt. Heute betreibt der United Kingdom Antarctic Heritage Trust auf dem winzigen Stück Land ein Museum, eine Post und einen Souvenirladen.

Antarktis, Antarktische Halbinsel, Port Lockroy, Eselspinguine„Mindestens fünf Meter Abstand zu den Pinguinen“, ermahnt uns wie immer beim Verlassen der Polarcircle-Boote Expeditionsleiterin Anja Erdmann. Doch bei diesem Landgang kann sie mit uns nicht so streng sein, denn auf der Insel brüten rund 800 Eselspinguin-Paare dicht an dicht. Sie besitzen die Insel und teilen sie freundlicherweise mit den vier ständigen Bewohnern und den Scharen neugieriger Touristen. Sie laufen geschäftig hin und her, suchen Steinchen für ihre Nester, klauen dem Nachbarn seine Steinchen, wenn er sie mal aus den Augen lässt, zanken und zetern – und ignorieren die großen Zweibeiner mit den Fotoapparaten vollkommen. Spätestens jetzt verstehen wir Anjas Warnung: „Wenn Sie Ihre Freunde nicht langweilen wollen, zeigen Sie ihnen zu Hause nicht mehr als fünf Pinguin-Fotos“. Das wird schwer, denn die Frackträger sind einfach zu putzig.

Die Station leitet eine Deutsche, Ylva Grams, Biochemikerin, gebürtige Marburgerin, Antarktis, Antarktische Halbinsel, Port Lockroydie, wenn sie nicht gerade in der Antarktis ist, in den Niederlanden lebt. „Als ich mit der Bark „Europa“ hier war, habe ich erfahren, dass die Leitung der Station frei wird. Daraufhin habe ich mich beworben und wurde genommen“. Jetzt ist sie schon das zweite Jahr von November bis März in Port Lockroy. Zusammen mit drei Britinnen unterhält sie die meistbesuchte Antarktis-Station. Knapp 14 000 Touristen kommen pro Jahr, Tendenz steigend, aber viel mehr geht nicht, denn maximal drei Schiffe dürfen pro Tag Passagiere anlanden und nur 60 von ihnen dürfen gleichzeitig an Land.

Die drängen sich dann in dem kleinen Museum, das die Station so zeigt, wie sie früher aussah. Von der Wand lächelt die jugendliche Queen würdevoll in schwarz-weiss, daneben ein Gemälde der blonden Diana Dors, einer englischen Schauspielerin aus den 50er Jahren, die auf Marilyn Monroe macht. In den Regalen stehen noch rostige Konserven mit „Hunter’s Royal Pork Sausages“ und „Christmas Pudding“. Ebenso beengt ist der Souvenirladen, in dem natürlich Pinguine die Hauptrolle spielen, selbst auf jedem Kugelschreiber ist das Pinguinlogo. Heiß begehrt ist auch der Stempel der südlichsten Poststelle der Welt – es dauert zwar eine ganze Weile, aber die Postkarten kommen wirklich an, Ehrensache für die britische Post. Laden und Post sind überlebenswichtig, denn sie finanzieren die Arbeit des Antarctic Heritage Trust, der historische Stätten wie diese renoviert und für die Nachwelt erhält.

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„Trotz 12-Stunden-Tagen haben wir eigentlich keine Zeit für Forschung. Nur eine kleine Pinguin-Studie führen wir seit einigen Jahren durch“, erklärt Ylva bedauernd. Die Studie zeigt Überraschendes. Im hinteren Teil der Insel dürfen die Pinguine ungestört brüten, Menschen haben keinen Zutritt. Doch die Tiere bevorzugen den Teil der Insel, über den jeden Tag Menschen laufen. Heißt das, dass Pinguine Menschen mögen? Nicht unbedingt, aber Menschen vertreiben Raubmöwen und die sind ständig hinter Pinguineiern her.

Eine Stunde unter Pinguinen ist viel zu kurz, doch fünf Monate inmitten einer streng riechenden Kolonie? „Pinguine nerven nie“, versichert Ylva Grams sofort. Und doch genießt sie es, zum Duschen, zum Dinner und um Mails zu schreiben, mit auf die „MS Fram“ zu kommen, denn diesen Luxus gibt es auf der Goudierinsel nicht – nur Gletscherwasser. „Wir haben nicht einmal ein Boot, um die Gegend zu erkunden, das wäre viel zu gefährlich.“

Christian Nowak

USA: Geheimtipp Telluride – Vom Minenstädtchen zum Weltklasse-Skiresort

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Aspen, Vail und Whistler kennen die meisten Snowboarder und Skifahrer. Aber Telluride? Das frühere Minenstädtchen ist ein echter Geheimtipp unter den Skigebieten Nordamerikas. Das herausragende Skiresort besticht durch Charme, Geschichte und erstklassigen Skihänge.

Tellurides Mainstreet sieht aus wie eine Western-Kulisse. Kein Wunder, dass die Straße im Schatten des 4.060 Meter hohen Palmyra Peak einst Schauplatz für einen filmreifen Banküberfall war. 1889 erbeutete Butch Cassidy bei seinem ersten Banküberfall 24.000 Dollar in der San Miguel-Bank – zur damaligen Zeit ein echtes Vermögen. Anschließend spazierte er seelenruhig aus dem Gebäude und ritt ohne einen einzigen Schuss abzugeben lässig über die Hauptstraße davon.

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Aus der boomende Minenstadt von einst ist längst ein Skiort geworden, auch wenn die kleinen Holzhäuser an der Mainstreet immer noch so aussehen wie vor 150 Jahren. Mittlerweile sind Sportshops, Galerien und Restaurants in die Häuser gezogen, die moderne Schilder über den Eingangstüren zieren.

In einem dieser Holzhäuser liegt die New Sheridan Historic Bar – Tellurides Après-Ski-Location Nummer eins. Einheimische und Skigäste drängen sich in dem urigen Saloon an den alten Mahagoni-Tresen.Viel scheint sich seit den Goldgräberzeiten nicht geändert zu haben. Das große Ölbild mit der nackten Frau über der Bar ist ein Zeugnis vergangener Tage. Eine Reminiszenz an die wilden Zeiten während des Goldrauschs. Damals beheimatete das Dorf im Süden Colorados knapp 5.000 Minenarbeiter.

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„Und sie vergnügten sich allabendlich in 29 Bordellen mit weit über 100 leichten Mädchen“, erzählt Ashley. Er ist Schauspieler und Teil eines Ensembles des Telluride Opera Houses. Schon im Jahr 1913 eröffnete die Bühne, auf der seither Stars wie Sarah Bernard, Bing Crosby und in jüngster Zeit Mel Gibson gespielt haben.

„Damals drehte sich hier alles um Gold, heute leben wir vom weißen Gold“, meint Ashley. Telluride drohte sich zu den vielen Geisterstädten Nordamerikas zu gesellen, nachdem in den 70er Jahren die letzten Minen schließen mussten. Doch einige Bewohner des Ortes wussten dem entgegenzuwirken und bauten die ersten Lifte. Der Grundstein für das landschaftlich schönste Skigebiet Nordamerikas war gelegt.

Die Bergstation des Revelation Lifts liegt auf 3.831 Metern, von dort oben bietet sich ein fantastisches Panorama. Sanfte Tafelberge und rot schimmernde Canyons, die bis nach Utah reichen, und auf der anderen Seite eine Kette majestätischer Viertausender.

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Telluride ist zu einem Weltklasse-Skigebiet geworden. Unzählige sogenannter Double Black Diamond-Abfahrten bieten Könnern schier unendliche Möglichkeiten. Freerider toben sich in der Black Iron Bowl unterhalb des Palmyra Peak aus. Ein kurzer Aufstieg und man hat den ganzen Hang für sich. Noch bequemer und exklusiver geht’s beim Heliskiing zu. Colorado bietet hierfür einen der wenigen Spots in den Staaten. Genießer sollten sich den Namen Alpino Vino merken. Auf dem Panoramadeck der Berghütte schlürft die High Society teure Weine und noch teureren Champagner, während sie sich auf mit Fell bezogenen Daybeds in der Sonne räkeln.

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Solange die Sonne scheint, ist es angenehm. Abends und nachts kann es in Colorado aber mit minus 20 Grad Celsius auch mal bitterkalt werden. Die Luft ist jedoch sehr trocken. Das macht die Kälte erträglich und den Schnee so wahnsinnig pulvrig. Auf die 120 Abfahrten verteilt auf 18 Lifte fallen jährlich knapp acht Meter feinsten Powders.

Unterhalb der Alpino Vino-Hütte und nahe des Village Express befindet sich ein gutes Dutzend breiter und mittelschwerer Pisten, ideal zum Cruisen. Auch der Saloon der Gorroncho Ranch ist nicht weit entfernt. Wenn die Sonne langsam über der Wilson Range untergeht, treffen sich dort die Locals auf ein erstes Bier.

„Das wirkliche Leben aber spielt sich in der Stadt ab“, sagt Ulli. Die Münchnerin liebt Telluride, weil es „so anders ist als viele andere Skiorte in den USA“. Telluride ist ein Sammelbecken für Künstler, Alternative und Aussteiger, selbst wenn es mehr und mehr auch Promis und Hollywood-Stars wie Oprah Winfrey oder Tom Cruise anzieht. Dieser Mix schafft das besondere Flair in der kreativen Skistadt, die trotz ihrer nur 2.000 Einwohner immer wieder mit Theater sowie Musik- und Kunstfestivals für Furore sorgt.

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Die Bewohner der Stadt sind zu einer großen Familie geworden, jeder kennt und hilft sich. Die meisten zugezogen. So auch Ulli, die in den 1970er Jahren als Lehrerin an einer Münchner Gesamtschule gearbeitet hat, bevor sie nach ein paar Umwegen als als Ski- und Snowshoe-Guide sowie als Musiklehrerin in Telluride heimisch wurde.

Telluride ist anders, erst seit kurzem gibt es in dem Tal Geldautomaten, nach Fastfood-Ketten sucht man vergeblich. Das Städtchen übt eine scheinbar magische Anziehungskraft aus. Sein grandioser Skiberg, das alternative Flair und seine Geschichte – mit dieser Mischung macht der einstige Geheimtipp mittlerweile sogar den Colorado-Platzhirschen Vail und Aspen Konkurrenz.

Text: Lukas Scheid und Bernhard Krieger

Fotos: Bernhard Krieger

Im Schnee ist es Ihnen zu kalt?  Dann auf in den Süden Kaliforniens

USA: Palm Springs – Im Bett von Frankie-Boy