Israel: Eine gar nicht klassische Rundreise – Gay-Bars und Kippa-Träger

K1024_israel stickerBei meiner Sitznachbarin im Flieger lag ich völlig daneben, als ich über ihren Beruf nachdachte. „Ich wünsche mir, dass du etwas Gutes über Israel schreibst. Bitte!“ Die Augen von Or, einer 19-jährigen Israelin, funkeln, als sie im Flugzeug nach Tel Aviv diese Bitte ausspricht. Or, eine zarte Gestalt, der die Haare bis über den Po reichen, leistet zur Zeit ihren Militärdienst ab.  „Vorher dachte ich, es wäre schrecklich, aber jetzt gefällt die Arbeit mir wirklich gut“, gibt sie zu verstehen. Natürlich kennt sie die Geschichten, die im Ausland über Israel geschrieben werden. Und eine Reise nach Israel ist für Deutsche noch immer vorurteilsbeladen und belastend.K1024_Soldatinnen Jerusalem

Stressig am Flughafen, entspannt in Tel Aviv

Eine Reise nach Israel ist immer eine besondere Reise. Schon die dreimalige Kontrolle des Handgepäcks am Flughafen in Deutschland, bei der der Beamte sogar jede einzelne Seite eines mitgebrachten Buches umblättert, weist auf besondere Umstände hin. Tel Aviv dagegen ist mindestens so entspannt wie Berlin. Religiös gekleidete Juden sind kaum zu sehen, die Strandpromenade wird von einem Heer von Joggern in Anspruch genommen. Touristen gehen gerne nach Old Yafo, wie Jaffa bei Einheimischen heißt. Galerien, Läden und Cafés haben das alte Quartier am Ende des langen Sandstrandes besetzt, das von Napoleon 1799 zerstört wurde und dann von den Türken wieder aufgebaut wurde. Hier hat Ilana Goor ihr Haus, das sie schon seit längerem zum Museum ausgebaut hat. Man könnte es ein Gesamtkunstwerk nennen – neben den Bildern, Skulpturen, Fotografien, Antiquitäten und Objekten, die sie in allen Räumen und auf der großen Dachterrasse ausgestellt hat, finden sich auch zahlreiche Installationen im Dalí-Stil. „Man mag es kaum glauben, aber bevor ich das Haus hier kaufte, stand es 30 Jahre leer“, erzählt Ilana, immer noch erstaunt. In den 80er Jahren war Jaffa ein schmutziges, kriminelles Viertel – niemand wollte dort auch nur einen Fuß hinsetzen. Wie oft, kamen Künstler, weil es so billig war, und markierten den Beginn einer Veränderung. Goor ist heute in Israel eine Berühmtheit, sogar Benjamin Netanyahu stattete sein Haus mit ihren Kunstwerken aus. „Er musste dafür aber wie jeder andere auch bezahlen“, fügt Ilana an. Das war ihr wichtig.
Tel Aviv ist richtungweisend, was internationale Trends angeht. Einat Rotfus liebt „ihr“ Tel Aviv. „In Jerusalem, Bethlehem oder Jericho mag es mehr Geschichte geben, aber wen interessiert das?“ Die 38-jährige genießt das Nachtleben der Stadt, das sich vor allem um den Rothschild-Boulevard herum abspielt. Viel Zeit hat sie nicht, denn sie ist die Gründerin des Verbandes der Modedesigner Israels und die Managerin der „Minicards“, einem Kartensystem für Gewerbetreibende. Es gibt Clubs für jeden Geschmack: im „22“ kostet alles 22 Shekel, deshalb ist es immer voll. „Polly“ hat sich in einer alten Bankfiliale eingenistet, und im Tresorkeller kann man einen Drink nehmen, wenn es oben zu voll wird. IMG_3541Im „Evita“ läuft die beste Musik, die Bar wird von Schwulen betrieben, während im „Solo“ zu Hip Hop wie in New York getanzt wird. Tagsüber zieht der Rothschild-Boulevard die Besucher vor allem wegen der Bauhaus-Architektur an. Viele Häuser sind allerdings dem Verfall nahe, einige auch besetzt. Insgesamt hat Tel Aviv rund 4000 weiße Häuser im Bauhaus – Stil! Nun bemüht sich die Stadtverwaltung, wenigstens 1000 von ihnen vor dem Verfall zu retten. Ein altes, leerstehendes Kino im Bauhaus-Stil der 30er Jahre wurde sogar zum Hotel umgebaut, es steht am Dizengoff Square.

Taufe im braunen Nass

Israel hat viel zu bieten für ganz unterschiedliche Zielgruppen. Eine ganz andere Art von Touristen sieht man dagegen am Qasr el Yahud, der Taufstelle am Jordan, an der Johannes der Täufer einstmals wirkte.

IMG_3404Eine russische Reisegruppe, gekleidet in weiße Gewänder, die man hier kaufen kann, taucht nacheinander in das braune Nass. Der Jordan ist an dieser Stelle nicht tief und nur wenige Meter breit. Gleichzeitig verläuft hier auch die Grenze zwischen Israel und Jordanien. Zwei sehr junge israelische Soldaten mit Maschinengewehren beobachten die Szene, auf der anderen Flussseite stehen ihre jordanischen Kollegen. Business as usual. Wer zum ersten Mal nach Israel reist und jene Stellen aus der Bibel kennt, ist vielleicht etwas enttäuscht, diesen Ort so zu sehen. Von Anspannung ist jedoch keine Spur, eine eher schläfrige Hitze liegt über der Szenerie.

Kippa und Handy

Auch Nazareth, die Geburtsstadt von Jesus, liegt friedlich da. Heute ist sie mit 60.000 Einwohnern die größte arabische Stadt in Israel. In der Josefskirche ist eine Grotte mit einem Quell, in der die heilige Familie einst genächtigt haben soll. Ziel der meisten Pilger ist die Verkündigungskirche, die erst im Jahr 1966 gebaut worden ist und ebenfalls eine Grotte hat. Architektonisch enttäuscht sie allerdings, und das liegt nicht nur am Baujahr.
DAS Ziel der Pilger ist jedoch Jerusalem, wo sich die Religionsgeschichte dreier großer Religionen kreuzt wie sonst nirgends.

IMG_3482Hier sieht man religiös gekleidete Juden mit Kippa und Schläfenlocken am Handy telefonieren. An der Grabeskirche, die von nicht weniger als 6 Religionen verwaltet wird, zieht sich eine lange Menschenschlange durch das Kirchenschiff, man wartet auf Einlass zum heiligen Grab. Ruth Holtzman, eine 66-jährige Jüdin, die Gäste durch Jerusalem führt, hat Verständnis, wenn man sich hier nicht anstellen möchte.

Meze bis zum Abwinken

Ihr Restaurantvorschlag ist ungewöhnlich. Statt in Jerusalem zu essen, führt sie uns hinaus aus der Stadt in ein „Schnellrestaurant“, in dem der Tisch so lange mit neuen Schälchen mit den köstlichsten Meze vollgestellt wird, bis auch der letzte satt ist. Eine Speisekarte gibt es nur auf hebräisch – da man jedoch eine geringe Pauschale für das Essen bezahlt, ist diese auch nicht mehr wichtig. Alkohol wird hier allerdings nicht serviert.
Dass die Reise durch ein Land führt, das andauernd wegen Bombenanschlägen, Hamas-Terroristen und kriegerischen Auseinandersetzungen in den Nachrichten ist, haben wir unterdessen völlig vergessen. Auch an den restlichen Orten der Rundreise, am Toten Meer, in Haifa, Magdala, Tiberias, Massada und Capernaum, ist die Stimmung absolut friedlich. Nicht einmal ein Panzer ist auf der Landstraße zu sehen.

IMG_3432Ein Gastbeitrag  von Dirk Engelhardt, der den Blog www.dergutereisende.com betreibt

Fotos: Dirk Engelhardt (4), Rasso Knoller (2)

Kanada: Zum Biertrinken nach Edmonton

K1024_Sonnenaufgang in edmonton

Sonnenaufgang über Edmonton

Eine Gesetzesänderung hat Edmonton zu einem Lieblingsreiseziel für Biertrinker gemacht.   

Edmonton, die Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta, kennen hierzulande vor allem Eishockeyfans. Bei den dortigen Oilers hat nicht nur NHL-Legende Wayne Gretzky, der bekannteste und vermutlich beste Spieler aller Zeiten gespielt, aktuell steht auch der deutsche Spitzenspieler Leon Draisaitl bei den Kanadiern unter Vertag.

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Kult für Hockeyfans – Rogers Place, die Halle der Oilers

Die Art Gallery of Alberta gehört zu den wichtigen Museen des Landes und ist wegen ihrer wegweisenden Architektur im Stil der Brutalismus Besuchsziel für so manchen Architekten, das Flusstal von Edmonton bietet die größte innerstädtische Parkfläche aller kanadischen Städte und die West Edmonton Mall zählt zu den größten Einkaufszentren der Welt. Und halt – auch eines der bedeutendsten Rodeos Nordamerikas findet in der Hauptstad Albertas statt.

Hippster am Braukessel  

Doch jetzt gibt es einen viel besseren Grund die Stadt zu besuchen – ihre Kneipen und Mikrobrauereien. Vor einigen Jahren setzte das Provinzparlament ein Gesetz außer Kraft, das Brauereien bis dahin eine Mindestproduktionsmenge verordnete. Sinn hatte das Gesetz keinen, außer dass es  Großbrauereien vor der Konkurrenz der Kleinen schützte. Seit einigen Jahren darf nun jeder sein eigenes Bier brauen. Wie viel oder wie wenig auch immer.

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Chefbrauer Brandon Smith

Das hat Leute wie Brandon Smith an den Braukessel gelockt. Der junge Mann mit Zopf und Hippsterbart ist seit eineinhalb Jahren Chefbrauer bei Situation Brewing, einer der vielen lokalen Mikrobrauereien. Beigebracht hat sich Smith seine Braukünste selbst, vor fünf Jahren hat er als Hobbybrauer angefangen. Damals war er noch bei einer Helikopterfirma angestellt. „Dass ich damals so viel unterwegs war, hat meiner damaligen Beziehung nicht gut getan“ sagt er und erzählt weiter, dass er jetzt „beziehungsfreundlich“ nur zwei Blocks von seiner Arbeitsstelle entfernt wohnt. „Frau Lisa“ ist aber nicht der Name seiner neuen Freundin, sondern der des beliebtesten Bieres auf der Karte von Situation Brewing.

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Situation Brewing: Bier in allen Farben

Wem Lisa, ein eher klassisches „Vienna Style Lager“, nicht schmeckt, hat noch viele weitere Sorten zur Auswahl, u.a. in den Geschmacksrichtungen grüner Tee, Lavendel oder Pomeranze.

Leichte Küche statt Chips

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Biera: Der Name ist Programm

Im Biera, einer anderen Microbrewery,  steht Christine Sandford in der Küche. Ihr ist wichtig, dass das Essen mit dem Bier harmoniert – deshalb  stimmt sie die Speiskarte auf die Getränkeliste ab. Trotzdem sind die typischen Bierbegleiter wie Chips, Würstchen oder fette Rippchen für sie tabu – leichte Küche und Bier stehen für die resolute blonde Mitdreißigerin nicht im Widerspruch.
Yellowhead Brewing, Town Square Brewing, Brewster Brewing, Two Sergeants Brewing – die Liste der Mikrobrauereien in Edmonton ist lang. Auch die Zahl der Kneipen nimmt beständig zu. Besonders im Stadtteil Old Strathcona rund um die Whyte Avenue hat sich eine ganz neue Restaurantszene entwickelt. Edmonton kommt – und das nicht nur im Eishockey.

Text und Fotos: Rasso Knoller

Schweiz: Rhätische Bahn: Halt auf Verlangen!

K1024_Bernina Express (2)144 Kilometer nur sind es vom schweizerischen Chur ins italienische Tirano. Für die Hochgebirgsfahrt durch 55 Tunnel und über 196 Brücken benötigt der Bernina-Express volle vier Stunden. Und bietet ein grandioses Seh-Vergnügen!

K1024_Bernina Express (30)Die Reise zum Thema Rhätische Bahn ist auf die Minute genau geplant. Militärisch knapp kommen die Anweisungen per E-Mail. Zürich Hbf an: 11.59. Zürich Hbf ab: 12.07. Chur an: 13.22. Und wirklich… Bei Einfahrt des Zuges in den Bahnhof springt der Minutenzeiger in sekundengenauer Arbeitserfüllung auf die zweiundzwanzig. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte man wahrscheinlich sofort die Uhr ausgewechselt. Auf die Idee, der Zug könnte sich verspätet haben, kommt kein Schweizer. „Bei uns“, sagt Michael Christ, der Marketing-Chef von Chur-Tourismus, „kann man die Uhr nach dem Zug stellen.“ Er ist, wie alle Eidgenossen, stolz auf die helvetische Eisenbahn.

K1024_Chur (9)Wir sind in Chur. Die schöne Bischofsstadt residiert am Fuße imposanter Berggipfel. Sie hat 37 106 Einwohner, davon sind 21 930 steuerpflichtig und 7 372 Ausländer. Von denen die meisten auch steuerpflichtig sind. Offensichtlich lebt man gut in Chur. Im verkehrsberuhigten Zentrum gibt es schöne Cafés, Buchläden, Juweliere, Weinlokale, die Sonne sitzt vergnügt auf den Dächern der alten Häuser und taucht so manch kleine städtische Unvollkommenheit in mildes, warmes Licht. Mit über 5000 Jahren auf dem „Buckel“ ist Chur die älteste Stadt der Schweiz. Doch sie wirkt frisch und temperamentvoll. Vielleicht liegt das auch an den vielen modernen Kunstobjekten, die auf den Straßen und Plätzen der Innenstadt überraschen. Sie sind ein magischer Gegenpol zum Alter. Aber Chur ist nicht nur alt und liebenswert, Chur ist auch Verwaltungszentrum des Kantons Graubünden. Und Hauptsitz einer roten rollenden Schmalspur-Legende, der Rhätischen Bahn.

K1024_Chur (13)Von hier streben die Gleise in alle Himmelsrichtungen. Westwärts geht es durch das Felsentor des Vorderrheins nach Disentis, nördlich bis Landquart, in den Osten nach Arosa, Kloster oder Davos, südlich durch den Albula-Tunnel ins Engadin. Und über den Bernina-Pass hinab ins italienische Veltin. Soweit aber wollen wir nicht. Wir wollen nur von Chur nach Tirano. Viele Eisenbahn-Liebhaber halten diese Strecke für die schönste der Welt.

Die Reise beginnt am nächsten Morgen. Planmäßig! Chur ab: 08.32 Bernina Express. Tirano an: 12.45. Dazwischen liegen kühne Viadukte, Bergseen und Gletscher, tiefe Schluchten und schroffe Felswände, Dorfstraßen, wichtige Bahnhöfe und einsame Haltepunkte, an denen der Bernina Express auf ganz persönlichen Wunsch einer einzelnen Person seine Fahrt stoppt. Für Herrn Müller. Oder Frau Hagedorn. „Halt auf Verlangen“ nennt sich dieser Service, der oft wahrgenommen wird, um von hier aus durchs Gebirge zu wandern, in die Berge zu kraxeln oder ein kleines Kirchlein zu besuchen, dass eine Stunde Fußmarsch von der Bahn entfernt liegt, und einen Zwischenstopp wert ist. Mal wird der Halteknopf gedrückt, mal nicht. Diese Ungewissheit ist natürlich im Fahrplan eingepreist, der Bernina Express wird deswegen nie unpünktlich sein. Hoffentlich!

K1024_Bernina Express (42)Denn schnell ist er nicht gerade. Kein Wunder bei dieser atemberaubenden Gebirgslandschaft. Schade eigentlich, dass man im Zug sitzt, von innen nach außen gucken muss. Sicher wäre es bei einigen Passagen interessanter, von außen zu beobachten, mit welcher Fitness, mit welchem Mut sich der rote Bernina Express im Hochgebirge bewegt. In engen Schleifen geht es den Berg hinauf, durch schroffe Täler und Trassen, die an steile Felswände geklebt sind. Kurz bevor der Zug die Station Filisur erreicht, drängen sich die Fahrgäste schon an den Panoramafenstern. Was es jetzt zu sehen gibt, ist einmalig. Der unmittelbar an eine senkrechte Felswand gebaute Viadukt über die 65 m tiefe Landwasserschlucht.

K1024_Bernina Express (26)Kaum hat man Zeit, einen Blick in den schwindelerregenden Abgrund zu werfen, da ist der Bernina Express auch schon im Tunnel verschwunden. 1901/02 wurde diese architektonische Sensation gebaut. Ohne Gerüst! Nur mit zwei Kränen. Was Mut zum Risiko, Bautechnik und Linienführung anbelangt, macht den Schweizern keiner etwas vor. Die Trasse über den Bernina-Pass wurde 2008 von der UNESCO als Welterbe anerkannt.

K1024_Poschiavo (26)Nach so viel Aufregung ist es schön, am Ende des Tages in Poschiavo aussteigen zu dürfen. Nicht nur am Stand der Sonne merkt man, dass sich hier etwas verändert hat, die Schweiz ist italienisch geworden. Der warmherzige Ort Poschiavo hat 3 500 Einwohner, 5 Bäckereien, 4 Metzgereien, 1 Bierbrauer, 1 Spaghetti-Fabrik, 5 Weinproduzenten, 1 Schwimmbad, 1 Spital, 3 Coiffeure, 3 Allgemein-Mediziner, das ehrwürdige Hotel Albrici à la Poste und mit Wolfgang Hildesheimer (1916-1991) einen bekannten deutschen Dichter, der hier seine Heimat gefunden hat. Und sein Grab. 30 Jahre hat er in Poschiavo gelebt, 1982 wurde er Ehrenbürger. Was ihm hier besonders gefallen hat? „Das hier das Kleinkarierte, Spießbürgerliche, Engherzige fehlt, das Hosenträgerische, Hemdsärmlige.“

Text und Fotos: Bernd Siegmund

Mehr Graubünden gibt es hier.

Uruguay: Unbekanntes Weinparadies

K1024_dardanelli 3Der Tannat gilt als einer der besten Weine der Welt. Und nicht nur der ist einer der Vorzüge Uruguays

Das Netz wimmelt nur so von „Geheimtipps“. Berechtigt sind sie etwa, wenn Länder oder Regionen im Fokus stehen, die der Aufmerksamkeit des Massentourismus bisher entgangen sind. Das ist bei Uruguay der Fall, dem kleinsten spanisch-sprachigen Land Südamerikas. Es ist nur ein Drittel so groß wie Deutschland und hat mit 3,5 Millionen Einwohnern gerade mal so viele wie Berlin. Von den knapp 3 Mio. Touristen, die 2016 Uru­guay besuchten, kamen rund 82 Prozent aus den Nachbarländern Ar­gen­tinien und Brasilien. Überwiegend die Reichen und Schönen dieser Länder zog es bislang an die Jetset-Strände von Punta del Este, Rocha und Maldonado. Denn so manche Prominenten haben hier, sicherer als zuhause, ihr Geld in „Betongold“ investiert und damit einen Luxus-Im­mobilien-Boom in der „politischen Oase“ Südamerikas ausgelöst. Insider wissen: Nur wenige Länder des lateinamerikanischen Kontinents sind so stabil und demokratisch wie Uruguay.

K1024_Punta del Este in der Bucht von Maldonado_Foto_Ministero de Turismo_Departamento_MaldonadoAber nun sollen mehr und andere Besucher kommen, Urlauber, die nicht nur Luxus, sondern auch Tango, Tannat und Tiere lieben. Gäste aus Europa, dem Kontinent vieler uruguayischer Einwanderer. Nur die Kleinigkeit von 12 Flugstunden (ab Madrid) müssen sie auf sich nehmen, um eine angenehme Gegend zu erreichen, die vor allem eines ist – sehr sicher: Geringe Kriminalitätsrate, grundsolide politische Lage, keine Terroristen, vergleichsweise positive Menschenrechts­Situation, die Uruguay schon seit mehreren Jahren auf die Liste der ethisch empfehlenswerten Länder gebracht hat.

Natürlich hat Uruguay noch mehr zu bieten als Sicherheit und Strände. Der Tourist von heute will etwas erleben – vor allem etwas, das andere noch nicht erlebt haben. Weil es nun einmal so wichtig ist, von seinen touristischen Abenteuern zu Hause erzählen zu können. Das ist heute, in der der „Urlaub“ oder das „Reisen“ immer zentraler für das Leben der mehr oder weniger wohlhabenden Europäer geworden ist, mindestens das Zweitwichtigste.

Seehundkolonien_Punta del Este 36ministerio_de_turismo_Departamento_MaldonadoAlso, was hat nun Uruguay zu bieten? Sandboarding in Dünen und Segeln in einsamen Windsurf-Lagunen. Robben-Beobachtung, Reiten mit Gauchos, also ruralen Tourismus, viel Ruhe in kolonialen Fincas und fein-gestalteten Boutique-Hotels. Rinder in großer Freiheit auf saftigen Savannen-Weiden. Elektrizität zu 90 Prozent aus erneuerbaren Energien. Das in Apotheken unter bestimmten Einschränkungen erhältliche Marihuana lassen wir mal weg, um keine falsche Hoffnungen zu wecken.

Ein weiteres Attribut des kleinen Landes: Kurze Entfernungen, koloniale Vergangenheit und eine große kulturelle Vielfalt, die sich unter anderem in Tango und Tannat manifestiert. Tannat? Ja, diese Traube, die 1870 von baskischen Weinbauern eingeführt, zwischen­zeitlich vergessen und in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts von einigen ambitionierten, kreativen, uruguayischen Winzern wie­der ans önologische Tageslicht geholt wurde.

descarga (1)Auch wenn hier er­staunlich viele andere Sorten – Merlot, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Syrah – angebaut werden – die Tannat-Traube hat bei den Rotweinen einen absoluten Son­der­status. Sie zaubert jedem Winzer in Uruguay sofort einen Glanz in die Augen. So auch dem jungen Önologen Juan Andrés Marishal (37). „Tannat-Trauben“, sagt er verschmitzt und stolz, „haben ein Geheimnis! Ihr hoher Anteil von Antioxidantien erhält einen gesund und jung. Das macht den Tannat-Wein zu einem der gesündesten Rotweine der Welt.“

Juan läßtl keinen Zweifel daran, dass er diesen kräf­tigen, samtigen, rubinroten Rotwein für einen unverzichtbaren Jung­brunnen-Tropfen hält. Doch der junge Unter­neh­mer steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Seine Familie italie­nischer Abstammung baut bereits in der vierten Generation Wein in der Region Canelones an.  Praktisch ist, dass die hoch gelobte Tannat-Traube in Uruguay sehr guten Boden und gute Lagen vorfindet, um sich auszubreiten. Weinliebhaber können hier noch echte Entdeckungen machen.

K1024_foto molinoDoch erst seit rund zehn Jahren ist der Tannat allgemein in den lokalen Bodegas präsent. Und das in einem Land, in dem der Uruguayer auf vieles, wenn es sein muss, verzichtet, aber nie auf sein Gläschen Roten zum immer hervorragend gebratenen Rindfleisch!

Seine Winzerkollegin Analia Lazaneo kennt den Grund: „Wir dachten, wir sind vielleicht die größten Fußballer der Welt. Aber die besten Weinkenner?“ Die Winzerin, die mit ihrer Geschäftspartnerin Va­len­tina Gatti  seit 2007 das kleine Gut „Artesana“ mit preisgekrönten Weinen betreibt, lächelt und schweigt einen Moment. Lange hat es gedauert, bis ihr Engagement gefruchtet hat, mit Unterstützung eines amerikanischen Investors und der uruguayischen Regierung, den Tannat ins Bewusstsein der Einheimischen  zu bringen.

K1024_22022_584527204898140_1525221853_nDann sagt sie fast amüsiert: „Um ehrlich zu sein: Lange kauften die meisten ihren Wein im Supermarkt. Was auf dem Etikett stand, war relativ egal. Es war eben Rotwein. Oder Weißwein. Oder Schaumwein. Punkt. Bis vor einer Dekade gab es keine Bodegas in Uruguay! Heute haben wir rund 200. Damals pflegten wir keine Weinkultur. Der Durchschnittsbürger ging nicht in Weinfach­geschäfte, um schöne Tropfen für seine Freunde zu besorgen. Und es war ihm völlig unbekannt, den Reiz eines neuen Weins zu ent­decken.“

Das hat sich sehr geändert. Als Repräsentantin der „Asociación del Turismo enologico del Uruguay“ hat Analia, zusammen mit 15 weiteren, engagierten Winzern, vor zwei Jahren die ersten „Wein­straßen“ (los caminos del vino de Uruguay) ins Leben gerufen. Es folgten, zunächst als Pilotprojekte, Festivals, die die Idee trugen, Wein, Tourismus und Film zu kombinieren. Kino-Leinwände wurden im Freien zwischen Weinfeldern aufgestellt. Für acht US$ gab es bei solchen Festivals zum Open-Air-Kinoticket auch ein Glas Wein inklusive. Der rubinrote, tiefgründige Tannat, neuartig für viele Gau­men, schmeckte. Das bedruckte Festival-Glas durften die Wein-Cineasten behalten.

K1024_dardanelli-1Die Marketing-Idee ging allmählich auf: Immer mehr Gäste kamen zu den Festivals wieder, brachten ihre Freunde mit. Sie begannen, sich für die kleinen Hersteller zu interessieren, machten bei ihnen Termine zur Weinprobe aus. Nach und nach buchten sie Wein und Bodega-Räume, auch für Besuchergruppen, Familienfeste und Hochzeiten. Analia: „Heute leben wir davon, dass neben Einheimischen auch Urlauber aus Nachbarländern bei uns probieren und kaufen. Wir freuen uns sehr, unseren Wein über den Tourismus zu verkaufen.“ Damit das so bleibt, bekommen Lazaneo und Gatti seit diesem Jahr, wie andere lokale Winzer, auf Messen auch die offizielle Unterstützung des uruguayischen Weininstituts INAVI (Instituto Nacional de Vitivinicultura).

Unterstützung kann das winzige Weingut aus Canelones gut gebrauchen. Denn an massenhaftem Industriebetrieb sind die beiden Winzerfrauen trotz ihrer Erfolgsweine „Zinfandel 2015, Las Brujas“, dem „Tannat Rosé 2015“ (7 USD – ein tolles Preis-Leistungsverhältnis!) und dem „Tannat-Merlot 2012“ nicht interessiert. Um das “Kunst­handwerk” geht es schließlich, wie der Firmenname Artesana sagt. Auf etwa 8,5 Hektar Anbaufläche erzeugen sie jährlich 24 Mio. Flaschen, übrigens auch Merlot und Zinfandel. Das ist ein Weingut auf dem ein wunderbar entspanntes und entspannendes Klima herrscht. Man hat hier noch viel Zeit für den Kunden und stets sprudelnde Ideen. (Wer diese kennenlernen möchte, möge sich rechtzeitig anmelden, damit die Önologinnen ganz für den Gast da sein können.)

Die meisten Weingüter Uruguays liegen in den Provinzen im Süden und im Südosten. Hier herrscht ein mildes mediterranes Klima, wie einst im Baskenland. Das gilt vor allem für den größten Teil der Rebfläche am Mündungsgebiet des Rio de la Plata in den distritos (Distrikten) Canelones, San José und Montevideo. Eine individuelle Vermarktung eines jeden Bodega-Angebots wäre vielleicht spannend. Sinnvoller ist es aber, die Anstrengungen zu bündeln. Das geschieht eben mit dem uruguayischen Weininstitut INAVI, das nicht zuletzt dafür sorgt, dass die Winzer auf den wichtigen europäischen Weinmessen vertreten sein können.

K1024_DSC01275Chef von INAVI ist Juan Marichal. Trotz seines eigentlichen Jobs, des Verkaufs und Vertriebs von eigenen Weinen als Marketingverantwortlicher im Familienbetrieb schafft er diesen Zusatzjob mit bewundernswertem Engagement. Gut, dass sein Bruder Alejandro die Aufsicht über die Produktion und seine Mutter die Büroarbeit übernommen hat, der Vater mit einem Freund auf den Weinfeldern arbeitet und Großmutter Maria Teresa, genannt Teresita, immer für alle „sehr köstlich kocht“, wie Juan es herausstellt.

Auf den Visitenkarten und Prospekten eines anderen Traditions-Weinguts, der Bodega Carrau, liest man “desde 1752” (seit 1752). Damals kam der katalanische Fischer Don Francisco Carrau Vehils ins Land und seitdem existiert dieser älteste aller uruguayischen Weinhersteller nur 15 Autominuten vom Zentrum Montevideos entfernt. 265 Jahre Tradition, das ist schon was. Und nach wie vor ist die Winzerei zu 100 Prozent im Besitz der Familie. Besonders zu empfehlen: Der Gran Reserva Tannat “Amat” – der Name ist übrigens ein liebevoller Tribut an die Urgroßmutter der jetzigen Besitzerfamilie.

Um die Qualität noch mehr zu steigern, hatte der Begründer der modernen Winzerei, Juan Carrau Pujol – nach dem verschiedene Sorten benannt sind – auf dem höchstgelegenen Weingebiet Uruguays, dem Cerro Chapeu, einige Jahre lang in Zusammenarbeit mit der Universität von Californien ein Versuchsgelände etabliert. Das bringt heute ein Weinchen, von dem Hugh Johnson in seinem Weinführer in höchsten Tönen schwärmt. Sein Cuvée Tannat Cabernet Sauvignon 1989 war der erste große Reserva Uruguays. Er verlässt erst den Produktionsbetrieb, wenn er 20 Monate im Holzfass gereift und dann weitere vier Jahre in der Flasche verbracht hat. Für 33 USD ist dieses Genusserlebnis dann zu haben. Juan Carrau ist so begeistert vom Zauber dieses mittlerweile über Uruguays Grenzen hinaus bekannten Weins, dass er spontan beim Abschied sagt: „Der Tannat ist einer der besten Weine der Welt. Man sollte ihn getrunken haben, bevor man stirbt.“.

K1024_juanico 1Das bekannteste, weil größte, Weingut ist die Bodega Juanica der Familie Deicas. Ein gewisser Don Francisco Juanicó soll im Jahre 1830 mit dem organisierten Weinanbau begonnen haben, obwohl er eigentlich Tischler war, wovon noch heute historische Werkzeuge an der Wand zeugen. Gerne wird erzählt, dass der erste Weinkeller im Jahre 1840 auf alten Fundamenten der Guarani Ureinwohner gebaut wurde. Dieser natürlich klimatisierte Weinkeller prägte den guten Ruf des Weines. Heute ist daraus ein Unternehmen entstanden, das professionalisierte Produktion mit effizientem Marketing verbindet; die Marke “Don Pascual” ist in ganz Südamerika und sogar gele­gent­lich in Deutschland zu finden.

K1024_DSC03425Der Betrieb bietet auch das ganze Jahr über Besichtigungen und Führungen an, ausgeführt von fachkundigen Guides, die Önologie oder Tourismusmarketing oder beides studiert haben. Zum Abschluss gibt es in einer charmant restaurierten alten Scheune immer ein hervorragendes Essen. Und spätestens jetzt ist es an der Zeit, ein Wort zu verlieren über das Asado. Rindfleisch ist hier mehr als ein Nahrungsmittel. Es ist eine Lebensphilosophie. Die cualidad, Qualität, ist fantastisch, was nicht zuletzt damit zu­sam­menhängt, dass die Rohstofflieferanten das ganze Jahr (!) über auf ausgedehnten, saftigen Wiesen grasen können und keinen Stress haben.

Text : Kornelia Doren und Jürgen Kagelmann
Fotos:  Fremdenverkehrsministerium Uruguay uns Weingüter  Datrdanelli, Atensa und Marechal

Tipps:

Wer sich für eine Erkundungsfahrt durch die Weingebiete Uruguays interessiert und nicht gerade gut spanisch schreibt, kann sich entweder an das Tourismusministerium (über die deutsche Botschaft in Berlin) wenden oder an den engagierten Leiter der deutsch-uruguayischen Handels­kammer, Jan Kötschau.www.ahkuruguay.com

Eine empfehlenswerte Adresse zum Abschluss einer Reise durch Uruguay ist das bei den Einheimischen sehr beliebte Restaurant Francis in Montevideo, mit exzellenter Küche (nicht nur Fleisch, auch Fisch).www.francis.com.uy

Die beste Zeit für einen Besuch Uruguays sind die Monate Novem­ber bis April. Dann ist im Land Sommer.

Seychellen: Paradiesisches Inselhopping

Von der Eden Marina in Victoria starten viele MinikreuzfahrtenDie Seychellen sind in diesem Jahr Partnerdestination der Leipziger Messe Touristik & Caravaning vom 22. bis 26. November 2017. Aus diesem Grund haben wir der Inselwelt, die im Jahr 2016 gegenüber 2015 10 Prozent mehr deutsche Urlauber (2016 waren es 39488) begrüßen konnte, einen Besuch abgestattet.

Tropisches Flair, türkisblaues Wasser, feinsandige Strände, umrahmt von prächtigen Granitfelsen. Die Seychellen kommen dem Traum vom Paradies sehr nahe. Am besten lässt sich die exotische Inselwelt mit einem Katamaran erkunden.

Die Sonne strahlt, Luft und Wasser zeigen 27 Grad an und in den Straßen der Inselhauptstadt Victoria zaubert rhythmische Sega-Musik ein Lächeln auf die Gesichter der Einheimischen und Gäste. Willkommen auf den Seychellen! Schnell nimmt das Flair der Hauptinsel Mahé jeden Besucher gefangen. Man spürt, wie Gelassenheit und Wohlgefühl Besitz vom Körper ergreifen, wie sich Alltagsstress und Sorgen plötzlich in der schwülwarmen Luft auflösen.

Die Gauguin mit ihren 12 Doppelkabinen ist Fahrzeug, LebensraumVictoria ist die wohl quirligste Gegend des Inselreiches, dessen 115 Inseln sich auf ein Seegebiet von über 400 Tausend Quadratkilometern verstreuen. Rund ein Drittel der 93 Tausend Bewohner der Seychellen lebt in der Inselhauptstadt. Der Selwyn Clarke Markt inmitten der Stadt ist ein großartiger Ort, um sich auf das Savoir-vivre der Seychellois einzustellen. Es geht geschäftig zu, aber von Hektik keine Spur. Selbst wer nur ein Foto will, wird bedient. Der Fischhändler hebt seine prächtigsten Exemplare in die Höhe, die Gewürzhändlerin posiert mit Zimtstangen oder Muskatnüssen, der Kokosnussverkäufer steckt eine Frangipani-Blüte neben den Trinkhalm, damit das Motiv bunter wird.

In und rund um Mahé lässt sich neben den verlockenden Traumstränden viel entdecken. Katholische Kirchen und Hindu-Tempel künden von der tiefen Religiosität der Bewohner. Im Südosten Victorias liefern Bauern Zuckerrohr an, das Francis Mondon und sein kleines Team in ihrer Destillerie in köstlichen Takamaka-Rum verwandeln.

Micheline Georges hegt eine Gartenanlage, die die GewŸrzpflanze Zehn Autominuten später trifft man auf eine wunderbare, von Micheline Georges gehegte Gartenanlage, die die Gewürzpflanzen der Seychellen vereint. Vanille, Pfeffer, Zimt, Zitronengras, Gewürznelken, Muskatnüsse, gemischt mit wildem Ingwer und wilder Ananas sowie Frangipani bilden im „Jardin de Roi“ einen Mikrokosmos voller Farben und Aromen.

Nicht weit von diesem Garten Eden entfernt, liegt auch die Eden-Marina, von der viele der Minikreuzfahrten durch die innere Inselwelt der Seychellen starten. Skipper Dan und seine dreiköpfige Crew begrüßen wie so oft eine kleine Reisegruppe aus Deutschland an Bord ihres Katamarans „Gauguin“. Mit 260 PS Motorkraft manövriert Dan lässig mit dem Fuß am Steuerrad das 24 Meter lange Boot aus dem Yachthafen, bevor er das über 300 Quadratmeter große Segel hisst. Die „Gauguin“ mit ihren 12 Doppelkabinen ist Fahrzeug, Lebensraum und Unterkunft für ihre 11 Gäste in den nächsten Tagen.

06 Skipper Dan zeigt seinen GŠsten die schšnsten Seiten des InDan ist seit mehr als 20 Jahren auf See unterwegs, kennt nahezu alle Inseln und man merkt ihm an, dass er sich an Bord so richtig wohl fühlt. „Das ist meine Welt“, meint er und man kann ihn verstehen, wenn neben dem Boot die ersten Delfine auftauchen, Möven und Fregattvögel über ihm kreisen und hin und wieder eine Meeresschildkröte ihren Hals aus dem Nass reckt. Seine Gäste machen es sich mit Sonnenschutzfaktor 50 auf den bequemen Gummimatten unter dem Segel gemütlich, bis eine Bikinischönheit einen Bonito an der Angel aus den Fluten zieht. Das Abendessen ist gesichert und wenig später rufen Koch Mehdy und Hostess Wendy zum Dinner mit Bonito-Ceviche, Lammcurry und knackigem Salat.

Nach vierstündiger Fahrt ist der von bizarren Granitfelsen umgebene Strand von Anse Lazio auf Praslin erreicht. Das warme Wasser lädt zu einem abendlichen Bad ein, bevor die Sonne Abschied nimmt. Zu verlockend ist später der hell erleuchtete Sternenhimmel, so dass es nur wenige Reisende zur Nachtruhe von den Gummimatten auf dem Deck in die Kabine zieht.

Praslin, die zweitgrößte Seychellen-Insel, wartet nicht nur mit wunderbaren Stränden auf. Im Nationalpark des Vallée de Mai begegnet man auch den nur hier und auf Curieuse ursprünglich wachsenden Seychellenpalmen mit den größten Samen der Pflanzenwelt unserer Erde, den Coco de Mer. Bis zu 45 Kilogramm können die Früchte der weiblichen Palme wiegen.

Auf der Insel Curieuse leben rund 300 RiesenschildkrštenVor der Küste Praslins macht Dan einen Abstecher zur Insel Curieuse, auf der rund 300 Riesenschildkröten leben, deren Art bereits zu Saurierzeiten unsere Erde bevölkerte. Stundenlang könnte man den tapsigen urzeitlichen Gesellen zusehen, wie sie bedächtig durch den für sie reservierten Teil des Curieuse Marine National Park ziehen und dabei genüsslich die von Tagesgästen mitgebrachten Bananen verzehren.

Auf der Weiterfahrt zur Insel La Digue begleiten fliegende Fische den Katamaran. Dan legt vor der Miniinsel St. Pierre einen Zwischenstopp zum Schnorcheln ein. Leider hat eine überdurchschnittliche Erwärmung des Oberflächenwassers auch hier im vergangenen Jahr die bunte Korallenwelt zerstört, die sich nun zaghaft zu erholen scheint. Umso mehr überrascht die Vielfalt der Fischpopulationen. Falter- und Lippenfische, Napoleon-, Fledermaus- und Doktorfische, ja sogar Rochen schwirren um die wenigen Schnorchler herum.

Bizarren Granitfelsen umgeben die TraumstrŠnde, wie am Anse LaziAuf La Digue lassen sich per Drahtesel die schönsten Strände erreichen. Von Palmen, dichter Vegetation und majestätischen Felsen umsäumt bietet Grand Anse, eine traumhafte Kulisse. Der Strand von Anse Source d´Argent gehört heute zu den weltweit meistfotografierten Stränden. Doch wer hier wie im Paradies nur auf Adam und Eva zu treffen hofft, muss sehr früh unterwegs sein. Oder gegen sechs Uhr abends, wenn die Sonne untergeht und die Bucht in goldenes Licht taucht. Paradiesischer kann man sich kaum einen Ort auf unserem Planeten vorstellen.

Text undf Fotos: Michael Juhran

Infokasten

Jede Insel der Seychellen hat ihre eigenen Reize, die man beim IDie Seychellen sind in diesem Jahr Partnerdestination der Leipziger Messe Touristik & Caravaning, 22. bis 26. November 2017,

Öffnungszeiten: 10-18 Uhr

Ticketpreise: 11 Euro Tageskarte, ermäßigt 9 Euro (weitere Infos unter www.tc-messe.de/tickets)

Allg. Informationen: Seychelles Tourist Board, Berner Str. 50, 60437 Frankfurt,

Tel.: 069 297 207 89, info@seychelles-service-center.de, www.seychelles.travel
Einreise: Bei der Einreise bis zu einem Monat sind Reisepass, Rück- oder Weiterflug-Ticket, Adresse der Unterkunft und ausreichend Mittel für den Aufenthalt (ca. US$ 150 pro Tag) vorzuweisen. Deutsche Staatsbürger benötigen kein Visum.
Anreise: Die Condor fliegt ab Frankfurt in 10 Stunden direkt auf die Seychellen (hin und zurück ab 650 Euro). Qatar und Emirates legen Zwischenstopps ein.
Minicruise per Katamaran: 8 Tage / 7 Nächte ab ca. 1500 Euro p.P., www.vpm-yachtcharter.com
Per Fähre sind die Inseln Mahé, Praslin und La Digue verbunden. Tickets gibt es jeweils am Hafen.
Tipps:
Die Nationalwährung ist die Seychellische Rupie. Vielerorts wird der Euro als Zahlungsmittel akzeptiert.
Wer erstmals die Seychellen erkundet, sollte die drei Hauptinseln besuchen. Von Praslin aus lassen sich Tagesausflüge nach Curieuse oder auf andere kleine Inseln buchen.
Für ein Hotelzimmer im 4-Sterne-Bereich sollte man pro Tag 250-400 Euro einplanen. Es gibt aber auch nette Ferienhäuser oder Apartments ab ca. 150 Euro bei www.seyvillas.com.

Jede Insel der Seychellen hat ihre eigenen Reize, die man beim I

 

Russland: 6 Pluspunkte für Skiferien in Sotchi

 

Bild 1Rosa Khutor, nur einen Katzensprung von Sotchi am schwarzen Meeren entfernt, ist der feinste Wintersportort Russlands. Tief im westlichen Kaukasus hat man 2014 am Reißbrett eine Musterstadt für die olympischen Spiele geschaffen, der es noch an Patina fehlt, die sich aber schon heute allemal sehen lassen kann.

Unsere Dolmetscherin Galina Nisitarova unterstrich ihre Ausführungen in jedem dritten Satz mit Attributen wie am höchsten, am weitesten, am schnellsten. Gleich ob es um die Lage des Kurortes, die Qualität der Pisten oder den Service in den Hotels handelte. Lediglich die europäischen Besucherzahlen hinkten den Superlativen ein wenig hinterher. Zurzeit jedenfalls sind sie statistisch (noch) nicht erwähnenswert.

Dabei gibt es in Rosa Chutor 94 Kilometer perfekt präparierte Pisten. Davon sogar 13 Kilometer FIS zertifiziert. Manche Abfahrten sind bis spät in die Nacht beleuchtet. Die 27 Lifte und Seilbahnen sind von berühmten Herstellern, so steht es im Prospekt. In der Tat, das Umsteigen von einer Gondel in die nächste geht trotz der im Schnitt täglich 9000 Besucher reibungslos und flott. Die Schneequalität ist pulvriger als in den Alpen. Das verdankt man der Meeresbrise und dem mediterranen Klima, das hier am Meer, knapp 50 km entfernt, vorherrscht.

 

  1. Bild 2. Wer schon fünfzig Mal in Bayern oder Tirol war, sollte einen Schwenk nach Sotschi wagen. Das Abenteuer ist kalkulierbar. Auf der rot gepflasterten Promenade beiderseits des rauschenden Gebirgsflusses Msymta, verirrt sich keiner. Die Brand-Shops vermitteln ein Gefühl, als flaniere man in Kitzbühel. Alles ist vom Feinsten und noch ein bisschen teurer. Als Putin 2002 mit dem österreichischen Präsidenten Klestil in Tirol Ski fuhr, war er so angetan, dass er beschloss, ein „Alpen-Szenario“ im Kaukasus zu schaffen.

 

  1. K1024_Rosa Chutor (16)Wer Romantik liebt, kommt voll auf seine Kosten. Die Fassaden der 14 drei bis vier Sterne tragenden Hotels entlang der Promenade gestaltete man in einer Art „Zuckerbäcker-Architektur“. Sie erinnern an Disneyland. Bei Tageslicht mit nüchternem Auge betrachtet kam mir das Wort Kitsch leicht über die Lippen. Bei nächtlicher Stille und tausendfacher Beleuchtung kippte meine Kritik um in Verzauberung. Als dann noch zentimetergroße Schneeflocken fielen, verliebte ich mich in die Märchenwelt. Statt Autolärm einen rauschenden Gebirgsfluss zu hören, wann und wo hat man das schon?

 

  1. K1024_Rosa kleine Kamera (17) Autos braucht man nicht, man fährt Bahn, Gondel oder Lift. Die Infrastruktur in Rosa-Khutor ist perfekt. Vom Flughafen fährt in kurzen Takten eine Bahn, die einen in 45 Minuten fast ins Zentrum von Rosa Khutor bringt. Für die letzten 800 Meter Taxifahrt kann man noch ein Auge zudrücken. Die Seilbahnen sind allesamt nur ein paar hundert Meter von den Hotels entfernt und bis 23.00 Uhr in Betrieb. Wenn man sich dafür entscheidet, im Olympiadorf auf 1600 Meter Abendbrot zu essen, kann man zehn Minuten später – bei bester Aussicht – den Aperitif im Tal genießen.

 

  1. K1024_Rosa kleine Kamera (45)Dem Meer und dem milden Klima so nah. Wer dem Frost hinter sich lassen möchte,kann mit dem Bus in 40 Minuten in Sotschi sein, sich bei Frühlingstemperaturen am Meer entspannt die Bäderarchitektur der berühmten Sanatorien von Matsesta ansehen. Stalin schwor auf die Heilkraft dieser Quelle. Der gesamte Regierungsapparat übersiedelte manche Jahre wegen seiner geschwächten Gesundheit mit ins milde Sotschi. Der Botanische Garten gehört zu den drei sehenswertesten im ganzen Land. Oleander, Mandelblüten und die gelben Mimosen, sie alle blühen schon reichlich früh in den ersten Märztagen, kann man in den vielenParkanlagen der Stadt bewundern.

 

 

  1. K1024_Rosa Chutor (35)Rosa Khutor ist leistbar. Wer es klug anstellt, kann schon Packages mit Flug und 7 Tage im Drei Sterne Hotel für 750,- Euro bei pulexpress.de oder go-east.de buchen. Condor plant für den Winter 2017/2018 Direktflüge von Berlin-Schönefeld nach Sotschi. Die Flugzeit beträgt knappe drei Stunden. So kann die Anfahrtszeit mit einer Reise in die Alpen konkurrieren. Den Skipass von morgens um 9.00 bis 23.00 Uhr gibt es ab 25.- Euro. Ein großes bayrisches Bier wird für sechs Euro frisch gezapft von strahlenden jungen russischen Mädeln in roten Dirndlkleider serviert. Bayrische Küche steht hoch im Kurs.

 

  1. K1024_Rosa Chutor (31) Rosa Khutor ist ein jungfräulicher Wintersportort für europäische Touristen. Aus dem Russischen übersetzt hat es den bezaubernden Namen: „Rose – abseits des Weges“. Es ist die gehobene russische Mittelschicht, die die Ski-Hänge bevö Modebewusst, brandorientiert gekleidet und gut geschminkt für Selfis. Weit entfernt vom Image der “All-inclusiv-Jogginghosen tragenden Touristen“. Und noch eins soll nicht unerwähnt bleiben. Man hat ein Herz für Kinder. Die Hälfte der eleganten Lobbys sind offene Spielwiesen für die Jüngsten.

 

Text : Veronika Zickendraht

Fotos :Bernd Siegmund, Rosaski-Tourism

Kanada: Ottawa – die grüne Hauptstadt unterm Ahornblatt

© Rasso Knoller

© Rasso Knoller

Mit ihren vielen Parks und dem Ottawa River ist die kanadische Hauptstadt die perfekte Spielwiese für Outdoorfans. Museen der internationalen Spitzenklasse locken Kunstliebhaber an.

Es wird überall gejoggt und geradelt in der Stadt. Dem ersten Eindruck nach ist Ottawa nicht nur die kanadische Hauptstadt, sondern auch die Welthauptstadt des Sports.
Am Mittwochvormittag strecken und recken zwei- bis dreihundert Menschen auf ihren Matten liegend auf der Wiese vor dem Parlament ihre Arme und Beine dem kanadischen Himmel entgegen, schwingen sich zur Kerze auf und gehen in den Hund. Dann ist die Zeit für öffentliches Yoga.

© Rasso Knoller

© Rasso Knoller

Gäste der Stadt breiten vor dem Parlament nur selten ihre Yogamatte aus. Sie holen sich ihre Fitness beim Aufstieg zum 92 Meter hohen Turm des Parlaments, dem Peace Tower. Er war nach dem Ersten Weltkrieg in Gedenken an die dort gefallenen 65.000 kanadischen Soldaten errichtet worden. Wer will, kann im Anschluss an die Turmbesteigung an einer kostenlosen Führung durch die Räume des Parlaments teilnehmen. Kanadische Geschichte zum Anfassen sozusagen. Besonders stolz ist man in Ottawa auf die Parlamentsbibliothek, die in den 1860er Jahren im neogotischen Stil erbaut wurde.

© Rasso Knoller

© Rasso Knoller

Sportfans haben in und um Ottawa unzählige Möglichkeiten. Die Natur hat hier ihren Kampf gegen die Zivilisation noch lange nicht aufgegeben – große Parks ziehen sich durchs Stadtzentrum und über den Ottawa River kann man bis nach Montreal und Toronto paddeln. Zu Zeiten der ersten Siedler war der Fluss die wichtigste Verkehrsader im Osten Kanadas. Heute ist der Ottawa River Spielwiese für Wassersportler aller Art. Im Winter ist Eishockey die unangefochtene Nummer Eins unter allen Sportarten. Wer nicht selbst die Kufen schnüren will, sollte zumindest ein Spiel der Ottawa Senators besuchen. Wenn die Profis gegen ihre Gegner aus der NHL spielen, ist das 18.000 Zuschauer fassende Canadian Tire Centre meist ausverkauft. Schade nur, dass die Puckjäger aus Ottawa bisher noch kein einziges Mal den Stanley Cup, die gemeinsame Meisterschaft der kanadischen und amerikanischen Eishockeyteams, gewinnen konnten.

Hauptstadt der kurzen Wege
Ottawa zählt knapp 900.000 Einwohner. Trotzdem kann man fast jede Sehenswürdigkeit fußläufig erreichen. Das Canadian Museum of History, das, wie der Name nahelegt, einen Streifzug durch die Geschichte Kanadas anbietet, ist die meistbesuchte Ausstellung des Landes. Besonders aufwendig gestaltet ist die Abteilung, die sich mit dem Leben der Ureinwohner beschäftigt. Beliebtes Fotomotiv sind die riesigen Totempfähle, die, wie der Guide bei seiner Führung durch das Museum betont, nie „zum Martern“ verwendet, sondern zu Ehren eines bedeutenden Häuptlings oder Kriegers errichtet wurden. Ein bisschen waren sie auch zum Angeben da – denn einen Totempfahl weihte man mit einem riesigen, mehrtägigen Fest ein, zu dem man alle Stämme der Gegend einlud. Wer den schönsten Pfahl hatte und das aufwändigste fest feiern ließ, genoss ein besonderes Ansehen.

© Rasso Knoller

© Rasso Knoller

Noch mehr über das Leben der kanadischen Indianer erfährt man im Freilichtmuseum „Aboriginal Experiences“ am Rande der Innenstadt. Stephanie Sarazin vom Stamm der Pikwakanagan führt in einem purpurnen Stammeskleid und mit reich geschmückter traditioneller Perlenkette durch das Freilichtmuseum. In launigen Worten und immer lachend erzählt die junge Frau von der Geschichte der Indianer. Wenn sie von der Situation der Ureinwohner im heutigen Kanada erzählt, scheint sich ihre Stimme plötzlich vor Aufregung zu überschlagen. Dann sagt sie auch Sätze wie: „Ja, wir werden hier immer noch benachteiligt, aber damit muss ich lernen zu leben.“ Sie atmet tief durch und erzählt, wie die Regierung die Indianer denselben Jagdbeschränkungen unterwirft wie Hobbyjäger und somit vielen Stämmen die Lebensgrundlage entzieht.
Fast symbolisch ist es da, dass man vom Museum der Ureinwohner den besten Blick der Stadt auf das Parlament hat.

Restaurants in Byward Market

© Rasso Knoller

Ein Schloss am Rande des Zentrums
In der National Gallery werden die Werke der Großen der kanadischen Kunst ausgestellt – Namen wie Tom Thomson, Emily Carr und Alex Colville sind in Europa vermutlich nur wenigen Kunstkennern bekannt. Aber wer nach hierzulande berühmten Namen wie van Gogh, Cézanne oder Picasso sucht, wird ebenfalls fündig. Um die Sammlung mit europäischer Kunst dürfte so manches Museum auf dem alten Kontinent die Kanadier beneiden.
Allein schon das Museumsgebäude ist ein Hingucker. Erbaut von dem kanadisch-israelischen Architekten Moshe Safdie, der sich vor allem durch die Sanierung der Altstadt von Jerusalem international einen Namen gemacht hat, besticht das aus Glas und Granit erbaute Bauwerk durch seine klaren Linien.
Unmittelbar ans Zentrum schließt sich Byward Market an. Kleine Läden, Cafés und Restaurants prägen das Bild dieses Stadtteiles, der besonders bei Touristen beliebt ist. Wer Spitzenküche sucht und sein Steak mit einem hervorragenden kanadischen Rotwein hinunterspülen will, schaut im Play in der York Street vorbei. Die freundliche und kompetente Bedienung gehört in dem Restaurant zwar zum Konzept, doch liegt „Dauer-gute-Laune“ Kanadiern ohnehin im Blut. Muffigen Service gibt es nirgends.
Wie breit in Byward Market das Spektrum des gastronomischen Angebots ist, zeigt sich nur eine paar Schritte weiter die Straße hinunter. In „The Dominion Tavern“ legt man auf feine Tischsitten nur wenig Wert, Bier ist das meist bestellte Getränk und statt „Elchsteak medium rare“ isst man hier fettige Hamburger.

© Rasso Knoller

© Rasso Knoller

Sogar ein Schloss haben die Kanadier zu bieten. Allerdings war das Chateau Laurier niemals eine echte Adelsbehausung gewesen, sondern von Anfang an ein Nobelhotel – eröffnet 1912. Auch im Chateau hat man zum Thema Kunst einiges zu bieten; eine Dauerausstellung mit Fotos des weltberühmten Portraitfotografen Yousuf Karsh, der 18 Jahre lang in dem Hotel gewohnt hatte.

Text und Fotos: Rasso Knoller

 

Schweiz: Die Schatzalp, Thomas Mann’s Zauberberg

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Die Fahrt mit der Zahnradbahn, von der unterirdischen in die oberirdische, 1900 Meter hohe Graubündner Bergwelt, begann unerwartet gastfreundlich. Breit lächelnd sah mich der Mann im Kassenhäuschen an und fragte in typisch kehligem Schwyzerdütsch: „Warum wollen Sie bei mir bezahlen? Moment mal, erst einmal suche ich Sie auf der Gästeliste.“
Und Schwups, ohne weitere Worte, drehte sich die elektronische Schranke auf. Die Fahrt war kostenlos. Nach knappen sechs Minuten erreichte ich die Bergstation, und die Kabinentür zog sich wiederum wie durch Geisterhand beiseite. Dann Hopps, sechs Stufen, links durch die Schwingtür, und zehn Sekunden später tat sich ein atemberaubendes, zauberweißes Bergpanorama vor mir auf. Eine gigantische Bühnenkulisse.

Bild 2Das Einsinken im Neuschnee verlangsamte meinen Schritt, als wäre ich bereits Sanatoriums-Patient. Die abrupte Umstellung auf die dünne Höhenluft fühlte sich an wie Schwindel, wie auf Watte -Wolken wandern.
Vor hundert Jahren pries man die würzige Höhenluft der Schatzalp wie anderswo die Heilquellen. Wieder beschwerdefrei frei atmen zu können war für Tuberkulose-Patienten ein Zeichen von Freiheit und Genesung.
Bis zu Thomas Mann’s luxuriöser Sanatorienwelt war es ein Katzensprung. Keine hundert Meter. Über einen Wandelgang. Hier mussten täglich hüstelnde Kranke, zum Beispiel das von Thomas Mann so makaber beschriebene Grüppchen “Halbe Lunge“, auf und ab getappt sein.
Durch die bogenförmige Glastür warf ich einen Blick in die prachtvolle Jugendstil-Lobby. Auf der marmornen Theke, da wo einst illustre bourgeoise Patienten ihren Pass vorlegten oder ihre Rechnungen mit Geldbündeln beglichen, lag tatsächlich, behaglich ausgestreckt, ein echter schwarze Kater. Er schnurrte, als hätte man ihn mit der Gästebegrüßung beauftragt. Als ich durch die weiteren Glastüren rechts und links in die weißen Salons spähte, dachte ich unwillkürlich: Kein Wunder, das Thomas Mann tausend Romanseiten brauchte, um dieses mystische Berg-Jugendstil-Milieu so ausschweifend zu huldigen.

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Die Kategorisierung in Sterneklassen, ließ man mich wissen, würde das Gros der feinsinnigen Gäste als schnöde Normierung empfinden. Auf Perfektion pocht man nicht. Jede Restaurationsarbeit wird mit Bedacht überlegt, um den morbiden Charme nicht zu unterwandern.
Die Gästezimmer sind schlicht. Wie einst die Krankenzimmer. Die Messinglampen, die bollrigen Heizkörper und die eingebauten Kleiderschränke hat man im Original erhalten. Nur Bäder wurden im Zuge der Modernisierung in die Räume gezwängt. Ein kleines hölzernes Radio am Nachtkästchen ist für die Unterhaltung gedacht. Ein Flachbildschirm im Zimmer würde das Ambiente verfälschen.
Die Loggia mit Panorama-Bergblick ist der Schatz der spartanischen Zelle. Sechs Stunden am Tag, so lautete die Verordnung, hatte jeder Patient die Liegekur einzuhalten. Bei Wind und Wetter lag man eingehüllt in braune Kamelhaardecken, und sog die Luft wie Medizin ein.

Bild 4 Beim Bau von 1898 bis 1900, errichtete man hundert Meter oberhalb des Sanatoriums ein eigenes Kraftwerk. Jedes Zimmer verfügte vom ersten Tag an über elektrisches Licht. Vom Keller bis zum Dachboden wurde zentralgeheizt. Telefone installierte man auf allen Fluren.
Kaiser Wilhelm ließ sich in prophylaktischer Weitsicht, sollte er einmal Tuberkulose bekommen, eine noble Suite reservieren. Er kam nie nach Davos, aber man bezahlte über Jahrzehnte. In diesen Räumen ist heute noch das  damalige Mobiliar unberührt erhalten.
Die einstige Pracht ist in den Raucher-, Schach- und Musiksalons zu bewundern. Die meterhohen Jugendstilfenster, volle bunter Ranken und Blumen, sind im Original erhalten. Auf einige malte man Wolkengardinen, weil plüschig Textiles aus Hygienegründen nicht erlaubt war. Die Ölgemälde mit ihren romantischen Motiven sollten beruhigend auf die Psyche der Patienten einwirken.

 

Bild 5

Nur die kuschlig weißen Sofas sind neu. Ab 16.00 Uhr knistert das Kaminfeuer, und am Flügel klimpert eine bezaubernde rumänische Pianistin – mit und ohne Gäste – entspannt vor sich hin. Wer in der verträumt himmlischen Atmosphäre nüchterne Nachrichte aus der „Welt von unten“ möchte, kann sie im ehemaligen Röntgenzimmer auf einer Riesenleinwand sehen.

Wo denn tatsächlich der original Schauplatz für den Zauberberg war, hat Thomas Mann in weiser Voraussicht verschlüsselt. Das Luxussanatorium Schatzalp hat er als einzigen Handlungsort im Roman beim richtigen Namen genannt. Im „Berghof“, dem heutigem „Waldhotel“, litt und lebte nachweislich sein Protagonist Hans Castorp. Das Haus wurde 1911 als „Wald- Sanatorium Professor Jessen“ eröffnet.

Katja Mann begann hier am 22. März 1912 ihre sechsmonatige Kur auf Grund einer Lungenschwäche. Der Professor vermutete bei Thomas Mann während seines Davos Aufenthalts auch eine Tuberkulose. In seinen Aufzeichnungen steht: „Ich befand mich etwa zehn Tage dort oben, als ich mir bei feuchtem und kaltem Wetter auf dem Balkon einen lästigen Katarrh der oberen Luftwege zuzog.“ Na, was lag näher, als den Literaten umgehend als Patienten zu integrieren. Der Literat aber wehrte sich vehement. Sein Ansinnen war einzig und allein, das Milieu zu studieren, und die detaillierten Schilderungen seiner Frau noch illustrer zu Papier zu bringen.

Er schrieb: „Diese Krankenwelt dort oben ist von einer Geschlossenheit und einer einspinnenden Kraft, die Sie ein wenig gespürt haben werden, indem Sie meinen Roman lasen. Es ist eine Art von Lebens-Ersatz, der den jungen Menschen in relativ kurzer Zeit dem wirklichen, aktiven Leben vollkommen entfremdet. Luxuriös ist oder war alles dort oben, auch der Begriff der Zeit. Bei dieser Art von Kuren handelt es sich stets um viele Monate, die sich oft zu Jahren summieren.

Seine Anmerkung, wonach man im Winter die Leichen gefroren über die Bobbahn zu Tal schlitterte, sorgte in ganz Davon für Entrüstung. Dass es mit zur Kur gehörte, so eine Art Seelenklempner wie Dr. Korokowski zu konsolidieren, wollte man verschwiegen wissen. Fünfmaliges Fiebermessung als Lebensinhalt zu reduzieren, das ging zu weit. Die literarische Verarbeitung der amourösen Patienten-Episödchen fanden Sanatoriumsbetreiber ebenso geschmacklos. Bis sie merkten, dass der 1924 erschiene Roman „Der Zauberberg“ zum Muss der Gesellschaftsliteratur avancierte, Davos zum magnetischen Anziehungspunkt aufstieg.

Von 1950 bis 1954 ging es mit der Sanatoriumskultur steiler abwärts als auf der Bobbahn.

Die Erfindung des Penicillins brachte raschere Heilerfolge. Das Höhenklima war nicht mehr von Nöten und keiner wollte sich stundenlangen Liegekuren mit ungewissem Ausgang unterziehen. Mit der Erfindung von Antibiotika wurden die Sanatorien zu einem Schwanengesang einer Epoche, die sich überlebt hatte.

 

Text: Veronika Zickendraht

Fotos: Hotel Schatzalp

Finnland: Restaurant Day in Helsinki. Essen aus Nachbars Töpfen

Der Restaurant Day macht weltweit Furore. Überall kochen Nachbarn für Nachbarn. Erfunden hat man das Event aber in Helsinki. 

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Viermal im Jahr findet in Helsinki der Restaurant Day statt, dann werden Privatleute zu Köchen und zeigen was sie am Herd alles drauf haben.

Die Dame hatte mich durchs Wohnzimmerfenster zu sich herein gewinkt. Mitte dreißig war sie wohl, schwarze Haare und braune Augen. Sympathisch, sehr sympathisch sogar. Ich solle zu ihr kommen und mit ihr essen, hatte sie gesagt und mich dabei angelächelt. Die Tür stand offen. Aus der Küche rief sie mir zu, ich solle die Schuhe ausziehen. Ich tat wie geheißen und ging ich ins Wohnzimmer. K1024__MG_1997_4524

Da saßen sie dann, die anderen. Andrew aus Glasgow und seine Freundin Anne, Touristen auf der Durchreise. Lena, eine finnische Studentin. Meri, die Nachbarin der Gastgeberin. Und schließlich Wolfgang, „du kannst Wolfi zu mir sagen“, aus einem österreichischen Bergtal. Sie alle hatte die dunkelhaarige Schönheit ebenso wie mich in ihr Wohnzimmer gelockt.
Und dann kam sie, mit einer großen Platte voll Piroggen. Probieren sollten wir und so ihre Heimat kennenlernen.  Unsere Gastgeberin war, so sagte sie, in der ostfinnischen Stadt Joensuu geboren und Piroggen seien dort die Spezialität
Eine Pirogge, oder piirakka wie die Finnen sagen, ist eine mit Fleisch, Gemüse oder anderen Leckereien gefüllte Teigtasche, die man in ganz Osteuropa gerne isst. Die finnische Version, die karelische Pirogge, wird aus einem dünnen Roggenteig gemacht, der mit Milchreis gefüllt wird – früher, als es noch keine Reis in Finnland zu kaufen gab, bestand die Füllung aus Gerstenbrei.

K1024__MG_2027_4525Ein Gläschen Wein zur Pirogge gibt es auch. Der hat nichts mit Karelien zu tun, kommt aus Portugal und ist, wie Alkohol generell, in Finnland, ziemlich teuer. Die schöne Unbekannte verwöhnt uns. Mich sieht sie heute ebenso zum ersten Mal wie die anderen „Mitesser“, auch  diese hat sie von der Straße zu sich hereingewinkt.
Denn es ist Restaurant Day in Helsinki. Überall in der Stadt  wird gegessen und getrunken – aber nicht in Kneipen und Lokalen. Heute darf jeder kochen, der will und seine Speisen verkaufen, oder auch verschenken wie unsere Unbekannte hinterm Fenster. Sie sei Künstlerin, sagt Liisa und verrät schließlich doch noch ihren Namen. „Mir geht es nicht darum, Geld zu verdienen, ich will Leute kennenlernen“, lächelt sie und hebt ihr auf Glas uns, sagt „kippis“ und bringt ihren Gästen so auch das erste Wort Finnisch bei. „Prost“ meint der Finne, wenn er das sagt. Wolfi und ich schauen uns an. „Kipp es“, wie passend.

K1024__MG_2154_4531Den Restaurant Day haben die Helsinkier 2011 erfunden, jeder Hobbykoch und jeder Freizeit- Sommelier sollte an diesem Tag die Gelegenheit bekommen, sein eigenes „Restaurant“ zu eröffnen oder auch seinen eigenen „Weinkeller“. Eigentlich überrascht es, dass gerade die Finnen eine solche Idee hatten, eilt ihnen doch – nicht ganz zu Unrecht – der Ruf voraus,  eher zurückhaltend zu sein und nur selten Gäste zu sich nach Hause einzuladen. An vielen Häusern gibt es gar keine Klingeln – Zutritt nur mit Nummerncode –  und an denen, die Klingeln haben, werden sie abends abgestellt. Keine Chance für die Zeugen Jehovas und auch nicht für Freunde, die unangemeldet auf einen Sprung vorbeischauen wollen. Gastfreundschaft im mitteleuropäischen Sinne sieht anders aus. Gut, so wie offen und großzügig wie die  schöne Liisa gibt sich auch längst nicht jeder Gastgeber beim finnischen Restaurant Day.  An den Tisch in der guten Stube laden nur die wenigsten die fremden Gäste ein. Und kostenlos gibt‘s auch nur selten was.

K1024__MG_2118_4530Die meisten Hobbyköche bauen ihren Stand irgendwo in der Stadt auf, stellen einen Tisch vors Haus, packen ihn mit gefüllten Kochtöpfen voll oder legen einfach eine große Picknickdecke auf einer Wiese aus und präsentieren darauf die mitgebrachten Speisen. Manche errichten sogar Zelte – die sind dann klar im Vorteil, falls es regnet. Das Speise-Angebot reicht von Stullen bis Lachsfilet, von exotischen afrikanischen Gerichten bis zum Hamburger, dem „hampurilainen“,  der aus der Gefriertruhe direkt auf den Grill wandert. Große Kochkunst und Dilettantismus liegen mitunter eng  beieinander. Manchmal auch räumlich, wenn der  begnadete Hobbykoch auf Fast-Sterneniveau virtuos mit Pfannen und Töpfen hantiert und gleich neben ihm ein 15-jähriger für einen guten Zweck Würstchen brutzelt,– für neue Trikots für die B-Jugend im Fußballverein beispielsweise. Spaß haben sie aber alle, die beim Restaurant Day mitmachen. Käufer und Verkäufer. Und deswegen sind die Schlangen vor den improvisierten Ständen auch lang.

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Sizilianer auf Finnlandurlaub würden die Szenerie vermutlich nicht als besonders ausgelassen empfinden. Doch wer genau hinschaut, kann durchaus entdecken, dass an diesem Tag manche Dinge anders laufen als sonst – dass Menschen in der Warteschlange miteinander ins Gespräch kommen und ihre Plauderei sogar weiterführen, nachdem sie ihr Essen gekauft haben. Und, dass zwischen Kunden und Verkäufer nicht nur Geld und Speisen hin – und herwechseln, sondern auch freundliche Worte.
Angeblich baut auch ein Thüringer, der im finnischen „Exil“ lebt, an jedem Restaurant Day seinen Grill auf. Dann gibt es Bratwürste für die Helsinkier. So lernen nicht nur Deutsche und Österreicher – dank karelischer Piroggen – die finnische Kultur kennen, sondern auch Finnen die deutsche. Zumindest die deutsche Esskultur. Ich selbst habe den Mann mit den Rostbratwürstchen bei meinem Rundgang allerdings nicht entdeckt und so verlasse ich mich auf die Aussage meiner finnischen Freunde, die ihn “bisher jedes Mal gesehen haben“ und die sich sehr lobend über die Qualität seiner Grillware äußern. Das ist auch das Wichtigste, den Finnen muss es schließlich schmecken.

Von Rasso Knoller

Deutschland: Brandenburg für alle. Barrierefrei reisen

Zeuthen 06.06.2016 Fotos : YORCK MAECKE TMB Barrierefrei auf dem Boot.

Foto : Yorck Maecke, TMB Barrierefrei auf dem Hausboot

 

 

 

 

Ausgabe 2017des Magazins  für barrierefreies Reisen in Brandenburg erschienen

Neu in der diesjährigen Ausgabe, die jetzt im sechsten Jahr in Folg erschienen ist, sind Erlebnisberichte von Gästen, die den barrierefreien und für jedermann erreichbaren Ausflugszielen der einzelnen Reiseregionen Brandenburgs vorangestellt wurden. So berichtet der stark sehbehinderte Berliner Yannick von seiner Tour mit einem Oldtimer-Tandem und dem SUP-Board in Potsdam. Und die Rollstuhlfahrerin Judyta Smykowski beschreibt ihr unvergessliches Gefühl von Freiheit, als sie im Sommer das barrierefreie Hausboot Febomobil 990 von Kuhnle-Tours über die Gewässer des Dahme-Seenlandes steuerte. Aktuell nimmt das Heft auch Bezug auf das Lutherjahr 2017. So kann man sich beispielsweise in Jüterbog barrierefrei auf die Spuren der Reformation begeben. Pfarrer Bernhard Gutsche von der evangelischen Kirchengemeinde St. Nikolai gibt in dem Heft und bei einem Besuch lebendige Einblicke in die außergewöhnlichen Geschehnisse jener Zeit.
Insgesamt werden auf rund 100 Seiten ausgewählte Angebote für Rollstuhlnutzer, Gäste mit Seheinschränkungen, für gehörlose Menschen und Besucher mit Lernschwierigkeiten sowie Infos für Allergiker für einen erlebnisreichen Ausflug oder einen entspannten Urlaub im Bundesland Brandenburg und in der angrenzenden Mecklenburgischen Seenplatte präsentiert.
Noch mehr barrierefreie Urlaubsangebote – insgesamt über 800 – sind detailliert beschrieben im Internetportal www.barrierefrei-brandenburg.de. Hier kann die Broschüre auch als barrierefreies pdf kostenlos heruntergeladen werden, das auch für Leser mit Sehbehinderung gut geeignet ist. Ebenso ist die Broschüre auch kostenlos bei der TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH erhältlich. Telefon: 0331 – 200 47 47. Darüber hinaus wird das Spezial-Magazin ab März bundesweit über den Zeitschriftenhandel  zum Preis von 2,80 Euro vertrieben.

Deutschland: Harz – Die steilste Abfahrt nördlich der Alpen

K1024_Brockenbahn_in_Winterlandschaft__Harzer_TourismusverbandSchneesicher sind die Harzer Wintersportorte nicht. Doch sobald sich die weiße Pracht einstellt, bieten Harzer Loipen und Pisten, Rodelbahnen und Natureisflächen jede Menge Winterspaß.

Der erste Schnee fällt oft schon im Oktober. Zumindest auf dem höchsten und berühmtesten Berg des Harzes, dem 1141 Meter hohen Brocken. So auch in diesem Jahr. Bereits Mitte Oktober meldeten die Meteorologen von der Wetterwarte des Deutschen Wetterdienstes auf dem Brocken eine dünne Neuschneeschicht und posteten launig das Foto vom ersten Schneemann der Saison. Bis sich der ganze Oberharz in ein weißes Wintermärchenland verwandelt, gehen meistens noch etliche Wochen ins Land. Ein Garant für weiße Weihnachten ist auch der Oberharz mit Höhenlagen um 800 Meter schon seit den 1960er Jahren nicht mehr. Im Januar und Februar aber stehen die Chancen auf weiße Pracht noch immer ziemlich gut. Und wenn die Fremdenverkehrsbüros auf der Wintersport-Website die passenden Schneehöhen melden, zieht es nicht nur die Niedersachsen und Sachsen-Anhaltiner in ihre Berge. „Unsere Loipen und Pisten locken auch Hamburger und Berliner “, weiß Christin Faust vom Harzer Tourismusverband in Goslar. Mit dem Auto und auch mit Bahn oder Bus lassen sich die Wintersportorte in dem südlich von Braunschweig und Magdeburg gelegenen Mittelgebirge von Berlin aus in etwa drei Stunden erreichen. Spontan ein Hotelzimmer oder eine Ferienwohnung zu bekommen, ist in der Regel nicht schwer. „Die typischen Winterurlauber im Harz sind ja die Kurzentschlossenen“, so Christin Faust. „Die meisten buchen erst, wenn der Wetterbericht für die nächsten Tage Neuschnee und dann knackigen Frost und strahlenden Sonnenschein verspricht. Und denen können die Vermieter vor allem in den kleineren Orten immer noch Fremdenzimmer oder Appartements anbieten.“

K1024_Brockenkuppe_Winter__E._RonkainenWenn man Harzfans nach ihren Winterfavoriten befragt, fallen die Antworten ganz unterschiedlich aus. Für die einen gibt es nichts schöneres, als durch die verschneiten Wälder zu wandern, zum Beispiel auf dem sechs Kilometer langen Rundwanderweg bei Hohegeiß, der vorbei an der Alten Bobbahn durchs Wolfsbach- und durchs Gretchental führt. Andere, die mehr Action wollen, zieht es an den Wurmberg bei Braunlage. Hier liegt das größte Skigebiet des Harzes. Weil die Winterklientel heute anspruchsvoller ist, als noch vor 20 oder 30 Jahren, haben die Harzer hier vor ein paar Jahren die Infrastruktur nachgerüstet und der Natur hier und da nachgeholfen, um den Abfahrtspaß vielseitiger und attraktiver zu machen. Nun gibt es eine neue 1,2 Kilometer lange Piste am Osthang. Kenner loben die ideale Neigung, die zu flotten Carvingschwüngen animiert, Skiläufern und Snowboardern aber auch ganz gemütlich talwärts brettern lässt. Steil und „schwarz“ dagegen ist die neue Piste am Hexenritt, diese Direktverbindung vom Wurmberggipfel zur Mittelstation und ist selbst für Könner kein Spaziergang. Mit einem Gefälle von 60 Prozent sorgt sie – als steilste Skiabfahrt nördlich der Alpen – zumindest bei Nordlichtern für Adrenalinschübe. Anfänger können sich auf einer eigenen Piste ausprobieren, Snowboarder finden ihr Revier am Sonnenhang auf einen Freestyle-Parcours mit verschiedenen Features. Weil sich das größte Harzer Skigebiet vor allem als Freizeitziel für Familien empfehlen will, fehlt auch eine Snow-Tubing-Anlage nicht. In Schlauchreifen rutschen dort schon die Jüngsten jauchzend in den Abhang runter und liefern Bilder, wie sie die regionalen Fernsehsender lieben, wenn sich der norddeutsche Winter einstellt.

Ein Zug der Harzer Schmalspurbahn HSB fŠhrt zum Brocken (Aufgenommen am 7.2.10) Die Strecke zum hšchsten Harzgipfel ist das Zugpferd der HSB. Rund 700000 FahrgŠste nutzen jŠhrlich das Angebot mit dem Zug zum Brocken zu fahren. Auf der Pressekonferenz der HSB werden am Donnerstag den 11.02.10 die neuesten Zahlen des GeschŠftsjahres 2009 prŠsentiert.

Schnelles Gipfelglück

Lange Wartezeiten an den Wurmberg-Liften gehören erst einmal der Vergangenheit an. Eine neue Vierer-Sesselbahn verbindet Mittelstation und Gipfel. Seit dem Ausbau kann die Anlage nun 3000 bis 4000 Menschen pro Stunde auf den mit 971 Metern höchsten Berg Niedersachsens befördern. Um die weiße Saison ein wenig zu verlängern, haben die Betreiber der Wurmberg-Seilbahnen zudem in eine Beschneiungsanlage investiert. Sobald die Temperaturen unter null Grad sinken, können innerhalb von 72 Stunden fünfeinhalb  Pistenkilometer wintersporttauglich machen, ohne dass eine Flocke Naturschnee fällt.
Weniger idyllisch geht es bisweilen auf dem Parkplatz an der Mittelstation zu. Im Zuge der Modernisierung wurden hier 600 PKW-Stellplätze geschaffen. Doch an Wochenenden mit Bilderbuch-Winterwetter reichen die bei weitem nicht aus. Ab zehn Uhr ist meistens schon alles dicht. Zusätzliche Stellflächen will man aber nicht schaffen. Konflikte mit Umweltschützern wären vorprogrammiert. Wer sich den Parkstress ersparen will, muss frühaufstehen oder, wenn das keine Alternative ist, mit der Seilbahn anreisen, die den Ort Braunlage mit der Wurmberg-Mittelstation verbindet.

K1024_Am_Wurmberg_Braunlage__Wurmberg_AlmWer auf die Harzer Superlative verzichten kann, weder die steilste noch die – mit vier Kilometern längste Abfahrt zum Winterglück braucht, kann andere Orte ansteuern. Bad Sachsa, Hahnenklee, Hohegeiß, Sankt Andreasberg und Schulenberg betreiben ebenfalls Liftanlagen und präparierte Abfahrt-Pisten. Darüber hinaus locken, über den gesamten Harz verteilt, rund 500 Kilometer gespurte Langlaufloipen, Natureisflächen, Rodelberge und Rodelbahnen, auch solche, die abends beleuchtet werden. Eine der längsten Naturrodelbahnen kann Bad Harzburg für sich reklamieren, 1500 Meter lang ist das Vergnügen auf der alten Harzburger Molkenhaus Chaussee. Die Bergstation von Torfhaus, einem Ortsteil der Bergstadt Altenau, liegt in 820 Metern Höhe. Ski-Alpin- und Rodelpisten sind  hier zwar nur wenige hundert Meter lang. Dafür bietet sich bei der Talfahrt – klare Sicht vorausgesetzt – ein herrlicher Blick auf den Brocken. Den sagenumwobenen Hochharzgipfel kann man auch im Winter ganz bequem erreichen. Ab Schierke zuckelt die Schmalspurbahn durch die verschneite Märchenlandschaft. Oben angekommen hilft eine heiße Erbsensuppe gegen die klirrende Kälte.

Text: Susanne Kilimann
Fotos: Harz Tourismus

 

Italien: Turin – viel mehr als nur Fiat

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Wer bei Turin zuerst an Fiat denkt, kommt fünfzehn Jahre zu spät. In der Tat beherrschte Fiat zur Zeit der „Motorblüte“ fünfzig lange Jahre das wirtschaftliche Geschehen. Die 200 000 Mitarbeiter in den Siebzigern schrumpften zu einer Belegschaft von 10 000. Und die Roboter machen sich weiter breiter. Dass sich der Fokus so uneingeschränkt auf Autos konzentrierte, ist erstaunlich. Den barocken Reichtum der Altstadt kennt kaum einer. Dass man 18 Kilometer unter Marmor und Granitverzierten Arkaden sonnengeschützt wandeln kann, steht in keinem Shopping Guide.

bild-2-torino-palazzo-realeBei der Vereinigung Italiens 1861, wurde Turin zur Hauptstadt ernannt.

Abertausend Edle und Günstlinge zog es nach Turin. Allesamt  suchten sie die Nähe von König Viktor Emanuel II. Unversehrt prunken noch heute kilometerweit ihre historischen Palazzi und Residenzen. 14 Lust- und Jagdschlösser reihen sich wie Perlen auf. Der königliche Savoyen Palazzo an der Piazza Castello ist die kostbarste Krönung.
Apropos Perlen: Der Sohn König Umberto I. beschenkte seine streng religiöse Gattin Margherita nach jedem königlichen „Fehltritt“ mit einer Perlenkette. Sechzehn zählte man zuletzt an ihrem stolzen Hals. In einer freundlicheren Legende heißt es, dass anlässlich ihres Besuchs im armen Neapel, ihr zu Ehren ein Gericht kreiert wurde mit den Nationalfarben. Rot die Tomate, grün das Basilikum und weiß der Mozzarella.Die Pizza Margherita.
Kaum bekannt ist, dass sie als glühende Nationalistin den Aufstieg von Benito Mussolini, kurz bekannt als „Duce“, protegiert hatte. Der Ehrlichkeit halber sollte man auch erwähnen, dass Turin das Privileg Königssitz zu sein, schon vier Jahre später an Florenz abgeben musste.

bild-3-torino-palazzo-madamaDie Schönheit Turins schleicht sich langsam ins Herz

Vielleicht liegt es an den vielen autofreien Fußgängerzonen, dass man den Großstadtstress nicht spürt. Oder an der Harmonie der morbiden Farben, den pastellblauen verblichene Fensterläden und kunstvoll verzierten Balkongeländern. Von manchen Dachgärten rankt es grün. Aus brüchigen Mauerritzen sprießen Gräser. Die alten Kandelaber-Gaslaternen hat man gefühlvoll auf warmfarbene LEDs umgerüstet. Die Altstadt wurde schachbrettartig konzipiert, wie New York aufgebaut. Weniger hoch – dafür barock. Die Strassen haben klangvolle Namen wie Via Roma, Via Garibaldi, Via Cavour. Die Alleen nennen sich Corso.
Die Palazzi wie della Republica, Castello, Carlo Emanuele, Solferino beeindrucken durch die Eleganz der Arkaden und der großzügigen, für die Paraden gestalteten Weiten. Die schönste, im 17 Jh. erbaute Piazza San Carlo erinnert an den Markus Platz in Venedig. Es gibt nur weniger Touristen. Und die flatternden Tauben fehlen.

bild-4-caffe-fiorioDas „Turiner-Leben“ kann man wie in Wien in den Kaffeehäusern studieren. Im bekannten Café San Carlo oder das Café Torino kehrten in früheren Epochen Adelige und Politiker ein, um Ränke zu schmieden oder sich einfach nur dem Genuss von „Dolci“ kalorienunbeschwert hinzugeben.
Verzaubernd Italienisch, Sizilianisch wird’s, wenn Samstagabend Luigi schräg gegenüber vom Cafe Torino auf der Parkbank seine Mandola auspackt und vor sich hin zupft. Sein grauhaariger Freund Guiseppe, von Süden und Amore träumend, zu „Santa Lucia“ mit ihm summt.
Vor dem Cafe Torino glänzt ein aus Messing im Boden eingelassen Stier (Toro). Das Symbol der Stadt. Wer sich noch mehr Glück wünscht, sollte nicht versäumen sich darauf zu stellen. Kurz an den speziellen Wunsch denken und sich einmal um den Absatz drehen. Nebenbei, ein Espresso (Italienisch schlicht „il caffè“) passt zu jeder Tages- und Nachzeit. Den gibt es für einen Euro, inklusive charmantem Schwätzchen, im Stehen an der Bar.

bild-5-bicerin Auf Verführung war man in allen Epochen spezialisiert

Das Turiner Traditionsgestränk heißt „Bicerin“ (piemonteisch Gläschen). Heiße Schokolade, Espresso und obenauf Milch/Sahne, alles in einem im Gläschen. Seit 1763 trinken die Damen sonntags nach der Kirche auf der Piazza Consolata im Cafè Al Bicerin dies „Verwöhnungsschlückchen“. Selbst Friedrich Nietzsche und Alexandre Dumas waren zu Gast und sollen sich im Cafe den Morgen versüßt haben.
Auf Schokoladenkreationen und feinste Pralinen ist man besonders stolz. Sie sind und waren ein Teil der Turiner Lebenskunst. Die Haselnüsse wurden zu den besten der Welt gekürt.
Nicht verschämt braucht man Nutella erwähnen. Die Milchhändler der Stadt erzählten, dass der große Konditor, Pietro Ferrero, 1946 seine Kreation einem Missgeschick verdankte. Es handelte sich um Schokolade, die in der Hitze des Schaufenster schmolz und ungewollt zu Nutella zerfloss. Die Nougatcreme wurde einige Jahre später vom Sohn, Michele Ferrero im großen Stil produziert und wird heute auf jeden Frühstückstisch serviert.

bild-6-turin-und-die-alpen165 000 Bäume, davon 30 000 Jahrhunderte alte Platanen sorgen für Schatten und frisches Klima. Ein „grüner Spaziergang“ könnte an der Promenade des Po beginnen.Der längste Fluss Italiens zieht sich wie ein grünes Band durch Turin. Wo einst die Gerbereien, Wäschereien und Dockwerkstätten lagen, beleben heute trendige Bars und Discotheken das Nachtleben. Ab von der Via Murazzi del Po gondeln eineinhalb Kilometer zwei romantische Ausflugsboote Valentina & Valentino und legen am Steg des Borgo Medievale an. Ein Schloss im nostalgischen Stil des 15Jh. erbaut um 1884. In den Museumsräumen wird gezeigt, wie sich das Leben im Mittelalter abspielte. Im Garten drum herum pflanzte man vor einigen Jahren neu, was eine medievale Apotheke an Kräutern, Heilpflanzen, Obst und verträglichem Gemüse brauchte. Und wie einst, für die sinnliche Erbauung, Duftrosen dazu.

bild-7-verliebt-in-turinParco Valentino für Verliebte oder die, die es noch werden möchten

Zirka einen Kilometer vom Stadtkern entfernt, am linken Po-Ufer, liegt Turins beliebtester Landschaftspark. Voller exotischen Bäume., kleinen Bächlein, Steingärten, lauschigen Ecken und romantischen Lauben. Sich einfach in die Wiese legen und nur in die Wolken gucken, öffnet die Sinne. Man riecht den Duft der Akazien süßer, spürt sanfter das Gras schmeicheln und entdeckt die schön geformten Beine der vorbei spazierenden Italienerinnen Müßiggang nannten sie diesen Luxus, der nur den „Edlen“ vorbehalten war. Vielleicht der richtige Moment, um entspannt auf www.turismotorino.org zu gucken. Zu entscheiden, ob das heilige Grabtuch von Turin, das klassische Ägyptische Museum oder das Fussball Juventus-Museum spontan das Richtige wäre. Falls Regentropfen fallen sollten, keine Sorge, die Mole Antonelliana – das Filmmuseum hat nicht nur eine 167m hohe Aussichtsplattform, es ist dafür gemacht einen ganzen Tag interaktiv die Filmwelt zu erleben.

Text: Veronika Zickendraht

 

Lieber Alfa Romeo, statt Fiat? Dann ist dieser Italientext der Richtige für Sie

Italien: Targa Florio – Volksfest mit Motorengebrüll

Trüffel aus dem Piemont gibt es hier:

Italien: Trüffel – das weiße Gold des Piemonts