Mit 6237 Fotos in fünf Minuten um die Welt

Kien Lam war 343 Tage unterwegs, hat 17 Länder besucht und 6237 Fotos gemacht. Schauen Sie sich die Höhepunkte seiner Reise  in knapp fünf Minuten an.

Ägypten: Stille Tage im Land der Pharaonen

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Nach den Unruhen entdecken die Urlauber das Land neu: Ballonfahren über dem Tal der Königinnen, Wakeboarden in El Gouna – mit dem Nilkreuzer pendeln von Luxor nach Assuan.

In aller Frühe brechen wir in Luxor auf zum Nil. Eine Fähre setzt uns über zum Westufer; dort liegt Theben West, Totenstadt der alten Ägypter. Uns fröstelt es noch. Nur langsam bricht die Sonne durch. In Schwaden löst sich der Frühnebel aus der gelb schimmernden Bergkette und den sattgrünen Zuckerrohrfeldern.

Hoch am Him2.Hatschepsut-Tempel.jpgmel gleiten bereits bunte und knallrote Ballons, während sich unsere Ballonhülle in Zeitlupentempo bläht und aufrichtet. Mit einem mächtigen Feuerstoß hebt das Luftschiff mit uns im Korb vom Boden ab. Dahinschweben mit ungewissem Ziel, in feierlicher Stille – das ist es, was die Fahrt im Heißluftballon so wunderbar macht.

Wir staunen und schauen: unter uns die ganze Weite des Tales als eine Sand- und Felsenebene. In der Ferne schält sich im blassen Schein der Morgenröte der Terrassentempel von Hatschepsut heraus, der einzigen Frau auf dem Pharaonen-Thron.

3.Dorf v. oben.jpgDer Blick geht über Felder und Palmenhaine bis hin zu den zwei Sitzgiganten, den Memnon-Kolossen. Sie bewachten den Eingang zum Totentempel des Amenophis III. Wir überfliegen neue Ausgrabungsstätten; Archäologen und ihre Helfer halten inne. Winkende Kinder auf Eseln beeilen sich, zum Landeplatz zu kommen. Freudestrahlend vergraben sie Obst und Hühnerkeulen in ihren Hosentaschen – Reste unseres Esspaketes.

Stille im Tal der Könige

Totenstille und ungewohnte Leere in diesem Jahr auch im Tal der Könige mit seinen 62 Gräbern. Wie faszinierend die Reliefs von Mythen und Totenzeremonien in den Gräbern der Pharaonen aus der Zeit 1500 – 1050 v. Chr. auch sein mögen – die schönsten im Tal gehören Sethos II. und Ramses VI., das kleinste dem berühmten Tut anch Amun – wir müssen den Nilkreuzer auf dem Ostufer erreichen.

16.Ramses II-Kopf.jpg„Zum Glück, der Nil ist zurück“, bemerkt Reiseleiter Ahmed zuversichtlich. Neu ist der Reiseklassiker „Nilkreuzfahrt“ nicht, aber dass nach den „toten“ Jahren 2013/14 wieder ein Zehntel der 345 Schiffe im Einsatz ist, scheint die „Wende“ am Strom zu sein. Noch ist keins ausgebucht, die Flaute beschert den Gästen nahezu paradiesische Verhältnisse: keine Wartezeiten beim Dinner, kein Gedränge auf dem Sonnendeck, keine langen Schlangen vor den Tempeln und Gräbern. Die meisten sind im Pensionsalter, hier und da auch Familien und jüngere Pärchen, auch sie genießen die Langsamkeit des Dahingleitens und das Leben am Nil. „Tea Time“ an Deck, einen Cocktail unter funkelnden Sternen finden nicht wenige „bodenlos romantisch“ und komplettieren mit Agatha Christies „Tod auf dem Nil“ ihre Kreuzfahrt-Nostalgie.

13.Edfu-Tempel.jpgJahrzehntelang waren die Kreuzfahrtschiffe Garant für Umsatz durch Touristen aus aller Welt, gerne auch aus Deutschland. „Vielleicht gibt es nirgendwo sonst die Möglichkeit, in kurzer Zeit durch die Kulturgeschichte einer Zivilisation zu reisen – erholsame Zwischenaufenthalte an Bord eines schwimmenden Hotels inklusive. Und man reist beschützt: in jedem Hotel, jedem Tempel und auf jedem Schiff wachen Touristenpolizei oder Militär über die Sicherheit“, betont Eva Schlosser, Produktmanagerin beim Veranstalter FTI, der sich nach der Revolution die Marktführerschaft erarbeitet hat.

Zwischen Luxor und Assuan

Am nächsten Tag wird Edfu besucht in der Mitte zwischen Luxor und Assuan. Das über 2060 Jahre alte Heiligtum des Hauptgottes Horus beeindruckt allein schon durch seine Dimensionen: 36 Meter hoch und 64 Meter breit ist der Eingangspylon. Auf dem riesigen Relief packt der Pharao den Feind am Schopf und schlägt mit der Keule auf ihn ein – Machtsymbol des Herrschers. Wir finden Hieroglyphen für Lotos und Papyrus an den Mauern des Tempels, hören die blutig-makabre Story von Seth und Horus.

9.Nil-Dampfer.jpgSpätabends in Karnak die tiefe Lautsprecher-Stimme aus dem Schatten der mächtigsten Tempelanlage des Landes, dem Sonnengott Amun geweiht. Das Spektakel kann die „sieben Siegel“ des Buches Altägypten nicht lösen, aber es ist unmöglich, von den Obelisken und dem monumentalen Säulensaal nicht beeindruckt zu sein! Genauso wenig wie von der Sphinx-Allee und den Ramses II.-Sitzfiguren im „kleinen“ Amun-Tempel mitten in Luxor. Immer und überall Ramses II. – der ruhmreiche Pharao, größter Bauherr Ägyptens und Nubiens.

Am Roten Meer

Genug der Pharaonen! Mit einem Luftsprung von 20 Minuten oder einer 4-stündigen Fahrt durch die Wüste ist man in El Gouna am Roten Meer. Ein besseres Winter-Revier zum Baden, Surfen, Tauchen, Golfen, Reiten und mehr gibt es kaum: an 365 Tagen im Jahr herrscht hier trockenes Wüstenklima bei 22 bis 25 Grad Wärme und himmlischer Ruhe zum Entspannen.

19.Falafel.jpgAnders als an den Riffen von Hurghada ist hier die Welt unter Wasser noch intakt: die Korallenbänke sind lebendig, die Vielfalt der Fische groß, über Wasser keine fünfzig Boote. Als Alternative zum Tauchen bietet sich die neue Trendsportart „Wakeboarden“ im Rundkurs über den künstlich angelegten See an – weltweit eine der größten Anlagen.

El Gouna

Ein künstliches Urlauberdorf um türkisblaue, künstliche Lagunen, eine moderne Oase auf vier Quadratkilometern Wüste, wo heute immerhin 30.000 Einwohner leben. Mit privaten Residenzen, noblen Hotels, wie dem „Möwenpick“ direkt am Meer; im Dorf „Kafr El Gouna“ familiengeführte, kleine Hotels, wie das ‚Dawar El Omda“ mit drei Sternen, arabischem Innenhof und Wasserpfeifen; Apartments in verschiedenen Häusern. Der „Green Star“ ökologischer Nachhaltigkeit fast überall.

18.große Sphinx.jpgAuf der Bummelmeile schicke Läden, Straßen-Cafés, Restaurants, Bars. Wir schlendern durch sandsteingepflasterte Gassen, vorbei an ockergelben Häusern mit Bögen und Kuppeln im nubischen Stil. Architektur als moderner Traum aus Tausendundeiner Nacht: seit 1990 will hier der ägyptische Investor, der Multimillionär Samih Sawiris, das alte, wahre Ägypten zeigen – und geradezu magisch ist der Blick nachts von der Terrasse des ‚Captain’s Inn‘ auf den Yachthafen mit glitzernder Promenade und schnittigen Yachten aus aller Herren Länder.

Hier möchte man nächtelang sitzen und am tiefschwarzen Himmel die Milchstraße bewundern – mit einem Glas Wein, der in El Gouna gekeltert wird wie vor dreitausend Jahren zu Zeiten der alten Pharaonen.

Text und Fotos: Katharina Büttel

 

Gambia: Mit Domada fängt der Tag gut an

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Das kleine Land an der afrikanischen Westküste ist ein ideales Ganzjahres-Reiseziel: mit schönen Sandstränden, Strandresorts und ringsum Schwarzafrika in all seiner Farbigkeit.

Was soll’s denn sein? Bungafische, Baracudas, frisch Gepresstes aus Ananas und Mangos? „Welcome“, ruft der „fisherman“ aus seiner himmelblau gestrichenen Bude. Wir sind auf dem Fischmarkt von Tanji am Atlantik, dem wohl größten und lebhaftesten unter Afrikas Sonne. Frühmorgens laufen die buntbemalten Fischkutter aus, nachmittags schleppen die Fischer ihren Fang von Bord, sortieren ihn im Sand nach Qualität und Größe oder drapieren mit ihrem „Gold“ die hölzernen Stände – und der tägliche Wahnsinn nimmt seinen Lauf. Touristen und Einheimische kommen sich hautnah. Frauen in leuchtend bunten und glitzernden Kleidern balancieren nahezu alles, was es zu tragen gibt, auf dem Kopf: Wasserkanister, Geschirr, Körbe mit Fischen, Obst, Gemüse. Das Durcheinander der Menschen, die Fülle der Farben und Gerüche, das Geschrei der Händler, der Vögel – faszinierend.

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„Ida, Ida“, rufen Frauen aus allen Richtungen, strecken ihr laut lachend die schönsten Fische und Früchte entgegen. Ida prüft genau – ihr Korb füllt sich mit Makrelen und Jandori-Fisch, Okra, Kassava, Chili, frischen roten und grünen Tomaten. Regelmäßig zieht sie mit ihren Touristengrüppchen über den Markt am langen Sandstrand. Anschließend wird sie im eigenen Haus mit ihren Gästen einen Eintopf „Domada“ kochen.

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Gambia, halb so groß wie Hessen, ein Fleckchen Erde, von dem die Welt noch kaum etwas weiß. Zwei schmale Landstreifen ziehen sich nördlich und südlich den mächtigen Gambia-Fluss entlang, der sich über 600 Kilometer nach Westen in den Atlantik wälzt. Im Westen öffnet sich Gambia zum Meer, zu Lande ist es gänzlich vom Senegal umschlossen. Das Land ist arm, ohne Bodenschätze, seine 1,7 Millionen Einwohner leben von der Landwirtschaft, dem Fischfang, dem Export von Erdnüssen und dem Tourismus.

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Im Mündungstrichter liegt die etwas schläfrige Hauptstadt Banjul. Betriebsam ist es nur auf dem zentralen Albert Market, dem Holzschnitzermarkt Brikama gegenüber dem Ziegenmarkt und im Hafen, wo der Fährverkehr mit dem Senegal stattfindet. Der Reisende findet ein Sammelsurium von niedrigen Häusern und Hütten vor, ein paar bescheidene Kolonialbauten mit Veranden; heraus ragt ein protziger „Triumpfbogen“, der „Arch 22“, den sich Präsident Yammeh in den 90er Jahren bauen ließ. Schmuck herausgeputzt ist die Residenz des britischen Gouverneurs, heute Sitz der Regierung.

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1965 gaben die Briten ihre Kolonie auf, Gambia wurde unabhängig. Eine Konföderation mit dem Senegal scheiterte nach sieben Jahren, obwohl die Ethnien der Mandinka, Woolofs, Jola und Fula und anderer in beiden Ländern zu Hause sind. Langsam entwickelt sich Tourismus – die Voraussetzungen sind günstig: gerade zwischen November und Mai bietet Gambia Sonne über Sonne, jeden Tag das volle Touristenprogramm unter Palmen, am Strand, am Pool. Nur sechs Flugstunden von uns entfernt, ohne nennenswerte Zeitverschiebung!

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So sind in den letzten Jahren neue, schöne, flach gebaute Strandresorts entstanden – vor allem an den Stränden von Koto und Kololi, wo der berühmte „Senegambia strip“ mit Bars und Restaurants für beste Laune sorgt. Die südliche Küstenregion rund um Kartong hingegen ist zur offiziellen Ökotourismus-Region deklariert worden. Gemeindebasierter Tourismus mit Trommelkursen, Vogelbeobachtung, Kanutouren oder dem Besuch bei einer einheimischen Familie in Kartong sowie Yoga-Stunden stehen hier auf dem Urlaubsprogramm.

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Von besonderem Reiz sind Bootsfahrten auf dem Gambia vorbei an uralten, roten und weißen Mangrovensümpfen, die sich an den Ufern ausdehnen, Lebensraum von Fischen und Austern. Man kann hineinfahren in die Bolongs, mäandernde Seitenarme, Refugium zahlreicher Vogelarten. Seltene Spezies sind zu beobachten – aber auch Affen und Nil-Krokodile – im 1960 gegründeten Vogel-Nationalpark Abuko. Wer noch Schimpansen in freier Natur erleben will, muss sich flussaufwärts in den River Gambia Nationalpark mit den Baboon Islands begeben.

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Mit dem 1000 Hektar großen „Makasutu“-Refugium haben sich zwei Engländer – Ingenieur der eine, Architekt der andere – in den 60er Jahren einen Lebenstraum erfüllt. Im Nirgendwo des „heiligen“ Palmenwaldes an den Ufern eines Arms des Gambia schufen sie im Einklang mit der Natur ein touristisches Ökokultur-Projekt, das die Einheimischen beteiligt. 15.000 Bäume wurden gepflanzt, eine Bühne und neun wunderschöne Lodges, teils im Wasser auf Stelzen gebaut. Guides wurden ausgebildet, die den Touristen auch althergebrachte Zeremonien und die Wirkung von Heilkräutern erklären. Der Griot, der Geschichtenerzähler, zupft unter einer Kokospalme die Kora, eine 21-saitige Harfenlaute, und singt mit weicher Stimme von „Mama Africa“ – unter den Gästen kreist der Palmwein, den sie hier „Jungle Juice“ nennen. Makasutu ist in Gambia zur Attraktion geworden.

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„Ndakanka“ – easy going“, ruft der Bootsführer auf Woolof immer wieder auf der Fahrt flussaufwärts. Nördlich liegt das staubige Juffureh, weltweit bekannt durch den Roman „Roots“ von Alex Haley und dem danach hier gedrehten Film. Erzählt wird von der Verschleppung und Versklavung des Mandingo-Jungen Kunta Kinte. Auch für den heutigen Besucher schwer erträglich ist die Geschichte der Sklavenverschleppung und – verschiffung auf James Island – der „isle of no return“.

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Wenn im Mai das „Roots Festival“ stattfindet, kommen Besucher aus aller Welt zusammen und feiern mit ihren Ethnien im Tanz und im Gesang. Trommel- und Koramusik begleiten die Karnevalsumzüge, Maskeraden und Bootsrennen. Männer stolzieren in edlen Kaftanen und bestickten Käppis; die Frauen, in prächtigen Kleidern mit viel Schmuck und üppigen Hutfantasien, schreiten in Würde.

Text und Fotos: Katharina Büttel

 

Cabo Verde: Ausbruch des Pico de Fogo – Update vom 9.1.2015

Fogo,_Cape_Verde_Islands, von Jesse Allen (NASA Earth Observatory) [Public domain], via Wikimedia Commons

Diese Luftaufnahme zeigt die Insel Fogo vor dem Ausbruch vom 23.11.2014.

Gut zu erkennen sind die Caldera und der Pico de Fogo. Im oberen Teil der Caldera sind als weiße Punkte die Häuser des kleinen Dorfes zu sehen. Der aktuelle Ausbruch erfolgt um den Pico Pequeno an der linken Flanke des Pico.

Vulkan Fogo auf den kapverdischen Inseln 2009

Ein Blick in die Caldeira vor dem aktuellen Ausbruch, Foto: NASA

Ausbruch des Vulkan Fogo auf den kapverdischen Inseln

Gut zu erkennen ist die Feuerspalte, die sich am Pico Pequeno geöffnet hat, Foto: NASA

 

Update vom 9.1.2015

Mittlerweile sind die Lavaströme in der Caldeira zum Stillstand gekommen, aus den Spalten am Berghang treten nur noch Gase und Rauch aus. Da es aber immer noch seismische Aktivitäten gibt, sind weitere Ausbrüche nicht ausgeschlossen.

Die TACV hat den Flugverkehr nach Fogo mit einer Maschine täglich wieder aufgenommen .

Gestern Abend ist ein Frachter mit Hilfsgütern bei schwerer See vor Fogo untergegangen, von den 22 Menschen an bord konnten wohl nur wenige gerettet werden.

 

Update vom 17.12.2014

Der Vulkan ist immer noch aktiv, der Lavastrom bewegt sich – allerdings stark verlangsamt – weiter vorwärts. Der Flugverkehr nach Fogo ist wieterhin unterbrochen, die einzige Möglichkeit, die Insel zu erreichen ist mit der Fähre.

Hier noch zwei YouTube Videos, die die Ausbrüche bei Nacht sowie die schnell fließende Lava zeigen:

 

Update vom 10.12.2014

Die Lava bewegt sich weiter langsam auf den Kraterrand zu, wenn sie ihn erreicht, wird die Lava sehr schnell den Berghang hinunterfließen und den zweitgrößten Ort der Insel, Mosteiros, bedrohen.

Mittlerweile hat auch Spiegel online einen Bericht zur aktuellen Lage auf Fogo:

www.spiegel.de/wissenschaft/natur/vulkan-fogo-auf-kapverden-lava-zerstoert-zwei-doerfer-a-1007531.html

 

Update vom 8.12.2014

Die Situation hat sich nochmals verschlechtert: Dünnflüssige Lava hat weitere Häuser sowie große Teile der Weinkooperative von Portela zerstört und ist weiter in den tiefer gelegenen Ort Bangaeira geflossen. Portela ist mittlerweile komplett zerstört, Bangaeira mindestens zu zwei Dritteln, darunter auch die Pension Marisa. Die Behörden haben eine vollständige Evakuierung der Caldeira angeordnet und wohl auch weitestgehend durchgesetzt. Die Lava hat nicht nur die Häuser sondern auch den Großteil des fruchtbaren Bodens vernichtet, Landwirtschaft und Weinanbau werden wohl in Zukunft nicht mehr möglich sein.

Der weitere Weg des Lavastroms ist schwer vorhersehbar, ein Szenario könnte sein, dass er die Caldeira verlässt und den Hang in Richtung Nordosten hinunter fließt. Die Auswirkungen des Vulkanausbruchs sind auch nicht mehr auf die Caldeira begrenzt, denn das Wasser in den Zisternen im Norden und Ostern Fogos ist nicht mehr trinkbar. Wegen der Evakuierung gebt es praktisch keine aktuellen Videos mehr, eines in sehr schlechter Qualität ist hier zu sehen:

Aktuelle Bilder sind hier zu finden: https://www.facebook.com/Kapverden

 

Update vom 6.12.2014

Heute haben wir einen detaillierten Bericht der aktuellen Lage und Ideen für langfristige Hilfsmaßnahmen bekommen, den wir im Folgenden wiedergeben:

Einschätzung der Lage nach dem Vulkanausbruch auf der Kapverdischen Insel Fogo 2014 und Informationen zu unserem Projektkonzept

Von Mike Goike und Heike Alter con Vista Verde Tours (www.vista-verde.com)

Mit dem Augenblick des Ausbruchs begann der Gedanke zu reifen, eine Spendenaktion ins Leben zu rufen, um den betroffenen Menschen zu helfen. Wir haben von Kapverden-Reisenden und anderen Gästen, Freunden und Partnern eine große Anteilnahme erfahren mit dem Wunsch etwas zu tun. Wir brauchten etwas Zeit, um die Situation überhaupt einigermaßen begreifen zu können und auf dieser Basis eine Projektidee zu entwickeln. Im folgenden möchten wir kurz die aktuelle Situation beschreiben und auch formulieren, wie wir mittel- und langfristig unterstützen möchten. Denn wir denken, dass aktuell durch die Medienpräsenz der Wunsch zu helfen groß ist. Aber auch über die nächsten Monate hinaus wird eine nachhaltige Unterstützung notwendig sein, auf die wir uns fokussieren. Natürlich freuen wir uns über jegliche Unterstützung!

Grundlage dieser Einschätzung sind Berichte der Nachrichtenagenturen bis zum 4.12.2014 sowie Bilder, Videos und Interviews, die im Internet zugänglich sind und auch Erlebnisberichte der Menschen und MitarbeiterInnen vor Ort.

Aktuelle Situation

Die vulkanischen Aktivitäten setzen sich unter Schwankungen weiter fort. Bis zum Abend des 4.12.14 waren ca. 60 Häuser und eine ähnliche Anzahl von Zisternen des Ortes Portela zerstört. Dazu gehören nicht nur Wohnhäuser, sondern auch wichtige Teile der Infrastruktur, die Grundschule, das Gemeindebüro, die Gesundheitsstation, das Verwaltungs- und Besucherzentrum des Nationalparks, 2 Pensionen und ein Hotel.

Von der Lava wurden ebenfalls mehr als 400 Hektar Fläche überflutet. Dazu gehören auch große landwirtschaftlich genutzte Bereiche mit Obst-, Wein-, Gemüse- und Kaffeeanbau.

Die Evakuierung der ca. 1000 Bewohner der Chã das Caldeiras ist weitgehend abgeschlossen. Etwa die Die Hälfte ist bei Verwandten und Freunden aufgenommen worden, die übrigen wurden auf 3 Evakuierungszentren in Achada Furna, Mosteiros und Monte Grande verteilt.

Die Versorgung der Evakuierten mit dem Allernotwendigsten (Lebensmittel und Schlafgelegenheit) ist sichergestellt. Allerdings wird auch das Leben in den aufnehmenden Gemeinden beeinträchtigt. In Achada Furna wurden evakuierte Familien z.B. in der Schule untergebracht.

Nach Einschätzung der Leiterin der Gesundheitsstation in Achada Furna schwankt die Stimmung der Betroffenen zwischen Verzweiflung, Wut und Zukunftsangst. Eine zahlenmäßig nicht erfasste Anzahl von Menschen zeigt Symptome von Traumatisierung und bedürfte einer Behandlung, die jedoch nicht zur Verfügung steht.

Die Ordnungskräfte haben die Situation weitgehend unter Kontrolle, der Zivilschutz und andere beteiligte Institutionen haben die Evakuierung unter den gegebenen Umständen gut durchgeführt.

Der Vulkanausbruch hat auch international ein großes Medieninteresse ausgelöst. Die Versorgung der interessierten Öffentlichkeit mit Informationen und Berichten ist dank Internet und sozialen Netzwerken umfassend.

Hilfsprojekte wurden sowohl auf regionaler wie auf nationaler und Internationaler Ebene eingeleitet. Dies gilt insbesondere auch für die Kapverdische Emigrantengemeinde in den USA. Es gibt eine große Solidarität mit den evakuierten Familien, u. a. werden Spendensammlungen durchgeführt, Benefizkonzerte veranstaltet und eine portugiesische Fregatte mit Hilfsgütern ist auf Fogo eingetroffen. Auch die europäische Kommission hat materiellen Hilfen angekündigt.

Die lokale Durchführung der Hilfsmaßnahmen wird von den Gemeindeverwaltungen der drei Gemeinden auf Fogo (São Filipe, Mosteiros und Santa Catarina), staatlichen Stellen mit Sitz auf Fogo und einer Reihe von NGO’s vorgenommen. Zu letzteren gehören u. a. das regionale Rote Kreuz, die Kapverdische Frauenvereinigung (OMCV) und das Kapverdische Institut für Kinder und Heranwachsende (ICCA).

Perspektiven am 5.12.2014

Das Ausmaß der Katastrophe ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht absehbar, da der Vulkanausbruch noch in vollem Gange ist.

Das wahrscheinlichste Szenario ist unserer Einschätzung nach folgendes:

Der Lebensraum in der Chã das Caldeiras und die landwirtschaftlich genutzten Flächen sind so nachhaltig beschädigt, dass eine Wiederbesiedlung nicht in Frage kommt und ca. 200 Familien ihre Heimat verlieren.

Die anderen Inselbereiche werden durch die Emissionen des Vulkans beeinträchtigt, aber nicht zerstört.

Nicht einschätzbar ist im Moment, welche mittelfristigen und langfristigen Auswirkungen die Freisetzung von Asche, Schwefeldioxid und anderen Gasen auf die Gesundheit von Menschen und Tieren und die landwirtschaftliche Produktion der nächsten Jahre haben wird.

Die ehemaligen Bewohner der Chã das Caldeiras stehen in den nächsten Monaten und Jahren großen materiellen Problemen gegenüber, da nur die wenigsten über finanzielle Rücklagen verfügen:

  • sie müssen neue Unterkünfte finden
  • sie müssen neue Erwerbsmöglichkeiten finden.
  • Da die meisten in der Landwirtschaft tätig waren, benötigen sie entsprechend nutzbare Flächen.

Neben den materiellen gibt es auch massive psychosoziale Probleme:

  • die traumatische Erfahrung einer abrupten Entwurzelung muss verarbeitet werden
  • soziale Strukturen wie Nachbarschaftsverhältnisse und Freundschaften werden zerrissen und müssen allmählich durch neue ersetzt werden.
  • Massive Veränderungen in den Lebensumständen führen oft zu Spannungen und Konflikten in den Familien.

Auch auf die lokalen Institutionen kommen zusätzliche Aufgaben bei der Unterstützung der evakuierten Familien zu:

  • Hilfe bei Bewältigung materieller Probleme
  • Hilfe bei der Suche nach neuen Unterkünften
  • Hilfe bei der Suche nach neuen Erwerbsmöglichkeiten
  • Hilfe bei der Bewältigung psychosozialer Probleme
  • Schaffung oder Erweiterung von Infrastruktur in den neuen Lebensräumen der betroffenen Familien (Kindergarten, Schule)

Externe Hilfen, die über die aktuelle Katastrophenhilfe hinausgehen und eher mittel- und langfristigen Charakter haben, sind bei der Bearbeitung der genannten Problembereiche von größter Bedeutung, da weder die Familien noch die lokalen und staatlichen Behörden noch die lokalen nichtstaatlichen Organisationen über ausreichend Mittel verfügen.

Unterstützungsprojekte

Die Evakuierung und Notfallversorgung der betroffenen Familien hat gut funktioniert, Bedrohung an Leib und Leben ist abgewendet.

Auch die materielle Versorgung mit Lebensmitteln, Bekleidung, Medikamenten und Behelfsunterkünften scheint dank vieler nationaler und internationaler Hilfsaktionen für die nächsten Wochen gesichert.

Erfahrungen mit ähnlich gelagerten Katastrophen zeigen, dass der Zustrom von Hilfsgeldern und Hilfsgütern in dem Maße abnimmt, wie auch das Medieninteresse geringer wird und Bilder und Berichte spärlicher in den Medien auftauchen.

Es ist jedoch damit zu rechnen, dass der Bedarf der betroffenen Familien an materiellen Hilfen, aber auch an Beratung und psychosozialen Hilfen eher ansteigen wird. Dies wird dann der Fall sein, wenn die Familien den ersten Schock überwunden haben, anfangen nach vorne zu schauen und ihr Leben neu organisieren und gestalten wollen.

Unsere Projektidee

Das Projekt mit der Zielsetzung, den Neuanfang von derzeit evakuierten Familien zu begleiten und zu unterstützen, wird als Ergänzung und Fortsetzung der bestehenden Hilfsmaßnahmen von großem Nutzen sein. Aufgabenfelder sind u.a.:

  • Beratung bei der Planung der zukünftigen Lebensgestaltung
  • Anbahnung von Patenschaften
  • Hilfen bei Transport und Umzug
  • Hilfen bei der Erstausstattung von Wohnräumen
  • Hilfen im Umgang mit Behörden und Institutionen
  • Unterstützung bei der Beantragung von Hilfsgütern und Hilfsgeldern
  • Hilfen beim Wiedereinstieg in die Erwerbstätigkeit (Werkzeug, Saatgut)
  • Überbrückungsgelder und Gewährung von Mikrokrediten
  • Zusammenarbeit mit lokalen Behörden und Institutionen, die in diesem Bereich tätig sind
  • Dokumentation der Projektaktivitäten für Spender, Sponsoren und Öffentlichkeit

Die Durchführung eines solchen Projektes setzt die Mobilisierung von Sponsoren und Spendengeldern voraus.

Spendenkonto (für diesen Zweck eingerichtet):
Name: Heike Alter
Sparkasse Dortmund
IBAN: DE16 4405 0199 0002 9133 30
BIC: DORTDE33XXX
Stichwort: Fogo

(Spendenquittungen können wir nicht ausstellen)

VIELEN DANK FÜR IHRE UNTERSTÜTZUNG!!!

 

Update vom 5.12.2014

Die vulkanischen Aktivitäten haben sich wieder verstärkt, es tritt vermehrt Lava aus, die sehr dünnflüssig ist und deshalb seht schnell fließt. Es ist zu befürchten, dass durch diesem erneuten Lavastrom alle verbliebenen Häuser von Portela zerstört werden. Auch der nächte Ort in der Caldeira, Bangaeira, scheint in Gefahr.

 

Update vom 4.12.2014

Dei Lava, die immer noch aus drei Öffnungen austritt, hat ihre Fließgeschwindigkeit deutlich reduziert. Mittlerweile hat der Lavastrom rund 60 Häuser zerstört und befindet sich wenige Meter vor der Kirche und der Weinkooperative. Starke Erdbeben außerhalb des Kraters könnten die Vorboten von neuen Ausbrüchen sein.

 

Update vom 3.12.2014

Die Situation in der Caldeira hat sich mittlerweile dramatisch zugespitzt. Der Ortsteil Portela ist am stärksten betroffen. Nach der Zerstörung zahlreicher Privathäuser habt der Lavastrom nun auch das Hotel Pedra Brabo unter sich begraben. Die Lava ist dünnflüssig und deshalb relativ schnell. Kirche und Weinkooperative sind ebenfalls akut bedroht. Wenn nicht ein Wunder geschieht wird Portela bald vollständig zerstört sein. Schon jetzt scheint aber klar zu sein, dass Weinanbau im Krater nicht mehr möglich sein wird.

Ein aktuelles Video, das das ganze Ausmaß der Zerstörungen zeigt, ist hier zu sehen:
http://new.livestream.com/muzikatv/fogo

 

So hat es angefangen

Am Morgen des 23. November 2014 ist der Pico do Fogo, der höchste Berg der Kapverdischen Inseln ausgebrochen. Die Eruption kam nicht völlig überraschend, denn schon am Vorabend gab es starke seismische Aktivitäten. Die Aktivität konzentriert sich um den beim letzten Ausbruch im Jahr 1995 entstandenen Parasitärkrater Pico Pequeno an der westlichen Flanke des Pico. Die Situation in der Caldera wurde schnell dramatisch, denn aus der Eruptionsspalte trat Lava mit relativ hoher Geschwindigkeit aus. Deshalb wurden die Bewohner des in der Caldera gelegenen Dorfes evakuiert. Durch die Lavaströme wurde auch die Straße durch die Caldera zerstört. was die Evakuierung schwieriger machte. Mittlerweile haben die Lavaströme bereits eine Länge von rund vier Kilometern erreicht und einige Gebäude zerstört, darunter auch das neu erbaute Besucherzentrum. Zeitweise musste wegen der staken Rauchentwicklung auch der Flughafen São Filipe gesperrt werden. Mittlerweile bewegt sich die Lava wohl langsamer und es tritt vor allem Gas aus. Vulkanologen rechnen trotzdem mit einem rund zwei Monate andauernden Ausbruch des Pico de Fogo.

Wir haben einige Videos zusammengetragen, die den aktuellen Ausbruch dokumentieren:

Auch der Livestram von MuzikaTV zeigt viele Vides vom Ausbruch:

http://new.livestream.com/muzikatv/fogo

Satellitenaufnahme von der Caldera vom 28.11.2014 mit dem Lavastrom in der Nähe der Dörfer Cha das Caldeiras, Portela und Bangaeira:

http://reliefweb.int/map/cabo-verde/pico-de-fogo-volcanic-eruption-fogo-island-cape-verde-28-nov-2014

Aufnahmen des Ausbruchs in der Nacht vom 29.11.2014:

http://youtu.be/ps1QbTRI4Dg

Christian Nowak

 

Cabo Verde: Fogo – Ein perfekter Vulkankegel mitten im Meer

Alle Kapverdischen Inseln wurden aus dem Feuer des Erdinnern vor Urzeiten geboren. Auf Fogo scheint diese Geburt aber erst gestern vollzogen worden zu sein: Der Vulkan gab ihr die Form, spie den imposanten Kegel aus, der das unverwechselbare Markenzeichen der Insel ist. Fast 3.000 Meter ragt das perfekt geformte Dreieck in den Himmel, weithin sichtbar als unübersehbares Menetekel.

Dem Feuer verdankt Fogo alles. Es schuf den fruchtbaren Boden und nimmt ihn den Menschen immer wieder fort. Ohne Vorwarnung, auch wenn sie ihn gerade mühsam beackert haben. Die Fahrt von der Inselhauptstadt Sao Filipe an der Küste Fogos, bis hinauf zur Caldeira, dauert ungefähr zwei Stunden, in denen 100.000 dramatische Jahre Erdegeschichte zu Augenblicken komprimiert werden.

Lavaströme, Ascheberge und Tuffkegel

Anfangs beherrscht noch sonnenverbranntes Savannengras die Landschaft. Zu beiden Seiten der Straße gehen endlose Dörfer fast nahtlos ineinander über. Die Menschen nutzen jeden Quadratmeter des trockenen Bodens, ringen ihm in mühseliger Arbeit ein paar grüne Halme ab. Aber die meisten Pflanzen vertrocknen, noch bevor die Ernte eingebracht werden kann. Ein fast aussichtsloses Unterfangen in dieser archaischen Landschaft das Überleben zu sichern. Mit zunehmender Höhe werden die Dörfer seltener und die Landschaft immer lebensfeindlicher.

Dutzende Parasitärkrater überziehen den Berghang wie übergroße Pickel. Relikte einer langen vulkanischen Vergangenheit prägen hier das Bild der Insel: Erodierte Lavaströme, Ascheberge, Schlackehaufen und Tuffkegel lassen Menschen, Tieren und Pflanzen kaum eine Chance. Für den flüchtigen Besucher geht die Reise durch eine grandiose Welt, geformt von Naturgewalten. Rücksicht auf menschliche Bedürfnisse kann hier niemand erwarten.

In der Caldeira

Dann führt die Straße schnurgerade in die Caldeira hinein. In einen halbkreisförmigen Einsturzkrater mit acht Kilometern Durchmesser. Es sind die Reste eines gewaltigen Urvulkans 1.700 Meter über dem Meer. Geologen vermuten, dass dieser Vulkan den heutigen Kegel noch um 1000 Meter überragt hat, bis er in einer gewaltigen Katastrophe weg gesprengt wurde. Hier ist alles Schwarz – gerade so als ob der Vulkan sämtliche Farben verschlungen hätte.

Trotz Sonnenschein und strahlend blauem Himmel hat die Szenerie etwas Bedrohliches. Die Landschaft ist bizarr und faszinierend, übersät von dunkler, scharfkantiger Lava in allen erdenklichen Formen. Aber mitten im Krater leben Menschen! Ein paar Dutzend Häuser, die meisten aus scharfkantigen Basaltsteinen errichtet, zeugen von dem ungebrochenen Optimismus auch den widrigsten Bedingungen zu trotzen. Mittelpunkt des kleinen Ortes ist die Cooperativa. Sie dient als Minisupermarkt und Bar und ist Treffpunkt für Einheimische und Touristen.

Auf den Pico

Im Dorf beginnt der Aufstieg auf den fast 3.000 Meter hohen Pico de Fogo. Schon bald nach dem Verlassen des Dorfes treibt der Wind plötzlich einen atemberaubenden Gestank nach faulen Eiern heran. Er kündigt den Wechsel von monochromer, schwarzer Einöde zu einer bunten Farbenpracht an. Rund 50 Jahre lang schlummerte der Vulkan. Gelegentliche leichte Erdstöße nahm niemand ernst. Auch nicht die Bewohner von Cha das Caldeiras, die sich im Kesselboden direkt unter dem Vulkankegel angesiedelt hatten, wähnten sich in Sicherheit.

Doch am 2. April 1995 war es dann mit der Ruhe vorbei. Der Pico erwachte urplötzlich wieder zum Leben. Die Bergflanke brach auf und gewaltige Lavamassen ergossen sich in die Caldeira. Die einzige Straße wurde zerstört, das Dorf musste evakuiert werden. Am schlimmsten traf es die Weinkooperative, denn die Lava begrub einen Großteil der Weinstöcke unter sich und zerstörte damit die Lebensgrundlage vieler Menschen.

Eine trügerische Ruhe

Heute ist der Pico de Fogo wieder ein zahmer Riese mit einem zackig abgerissenem Hauptgipfel. Dort, wo vor vier Jahren die Lava hervorquoll, ist die Bergflanke aber noch immer schrundig zerklüftet, so wie eine frische Wunde. Ätzende und stinkende Schwefelschwaden dringen hier aus Spalten und Rissen. Mit jedem Schritt wird die Erde heißer, die schon erstarrte Außenhaut immer dünner. Plötzlich ist Gelb die dominierende Farbe. In allen Schattierungen von zartem Hellgelb über Goldgelb bis hin zu einem kräftigen Orange reicht die Farbpalette.

Um die fauchenden Löcher, die wie dunkle Augen wirken, bilden sich zarte Nadeln kristallinen Schwefels. Nach dieser grandiosen Farbenorgie ist der Gipfel fast eine Enttäuschung. Ein paar Rauchschwaden sind die einzigen Anzeichen, dass unter dem Vulkankegel noch Leben ist. Dafür entschädigt jedoch die Aussicht. Santiago und das kleine Brava sind gut zu erkennen und auch die anderen Inseln des Archipels sind im fernen Dunst zu erahnen.

Mehr als 1000 Meter unter dem Gipfel prallen die Passatwolken gegen den Berg und kriechen dann langsam über den Boden der Caldeira. Sie sorgen dafür, dass der Nordostteil Fogos eine grüne Oase inmitten der Lavamassen ist. Vom Gipfel aus sind die einzelnen Lavaströme noch gut zu unterscheiden. Der von 1951 ist durch Erosion schon braun geworden, der vom letzten Ausbruch 1995 ist dagegen noch tiefschwarz. Die Lavaströme haben das kleine Dorf regelrecht in die Zange genommen. Erst unmittelbar vor den ersten Häusern stoppte die meterhohe Lava.

Christian Nowak

Cabo Verde: Grogue – Das Lebenselixir von Santo Antão

Die alten Kupferkessel sind löchrig und von Grünspan überzogen. Jahrelang wurde in ihnen Grogue destilliert, jetzt warten sie darauf, in Luís Werkstatt ausgebessert zu werden. Luís ist Kesselflicker in der Ribeira do Paul auf Santo Antão. Ohne ihn würde die Insel wohl schon bald auf dem Trockenen sitzen, würde der Strom aus Zuckerrohrschnaps, der die ganzen Kapverden bei Laune hält, schon längst versiegt sein.

Aus seiner kleinen Werkstatt dröhnen die Hammerschläge monoton im Sekundentakt. Im Moment wird gerade ein neuer Kessel aus dickem Kupferblech gedengelt. Der Lehrling sitzt im Kessel und kontert die Nieten, die Luís mit wuchtigen Hammerschlägen durch das Blech treibt. Zwei Wochen dauert es, bis der Kessel fertig ist. Stolz zeigt Luís auf den kleinen Zettel an der Wand, auf seine Konstruktionszeichnung. Mehr als diese Zeichnung, ein Stück Kupferblech und seinen Hammer braucht er nicht, um einen perfekt geformten Kupferkessel herzustellen.

Die Ribeira do Paul ist ein wildzerklüftetes Tal zwischen bizarr gefalteten Berghängen und seit jeher das Zentrum der Zuckerrohrschnapsproduktion, der auf den Kapverden Grogue heißt. Das Tal liegt auf der dem Passatwind zugewandten und damit feuchten Seite der Insel. Hier ist die Vegetation teilweise üppig tropisch mit Bananenstauden, Kokospalmen, Papayas, Mangos und Brotfruchtbäumen.

Aber auf dem größten Teil des fruchtbaren Bodens wird Zuckerrohr angebaut. Das Zuckerrohr kam schon mit den ersten schwarzen Sklaven aus Afrika und schon bald danach fingen die Menschen auf Santo Antão an, Schnaps zu brennen. Anfangs war das Brennen illegal, aber niemand kümmerte sich um das Verbot, es wurde eben schwarz gebrannt. Bis die Behörden Mitte des letzten Jahrhunderts aufgaben und stattdessen beschlossen, sich am Gewinn der Schnapsbrenner mit einer Steuer zu beteiligen.

Über der ganzen Ribeira do Paul liegt ein charakteristischer Geruch nach vergorenem Zuckerrohrsaft. Die zahlreichen Rauchsäulen, die im ganzen Tal in den blauen Himmel aufsteigen, sind weitere, untrügliche Wegweiser zu den Destillerien. Oft versteckt hinter hohen Mauern, so als ob es noch verboten wäre, steht die Trapiche, die Zuckerrohrpresse. Früher wurde sie von Mulis oder Ochsen angetrieben, heute sind es meistens lärmende Benzinmotoren. Stundenlang wird die Maschine mit einer unendlichen Kette von Zuckerrohrstängeln gefüttert. Zwischen mehreren rotierenden Stahlwalzen wird der trübe, grünbraune Saft aus dm Zuckerrohr gepresst und kommt anschließend zum Gären in mehrere tausend Liter fassende Tanks. Die ausgepressten Reste werden getrocknet und dann unter dem Destillierofen verfeuert.

Der fermentierte Zuckerrohrsaft wird eimerweise in einen von Luís Kupferkesseln gekippt und zum Kochen gebracht, was dem Tal seinen charakteristischen Geruch verleiht. Irgendwann beginnt das Destillat dann tröpfchenweise zu fließen. Jetzt gilt es den richtigen Zeitpunkt abzupassen, wann statt Methylalkohol genießbarer Grogue herauskommt. Jeder Schnapsbrenner hat ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt, trotzdem schmeckt der Schnaps in jeder Kneipe anders.

Grogue ist ein Rachenputzer, besonders wenn man ihn noch warm direkt aus dem Destillierapparat trinkt. In jeder Kneipe auf Santo Antão bekommt man ihn nicht in Schnapsgläsern ausgeschenkt, sondern gleich die ganze Flasche auf den Tisch gestellt. So wie es zu John Waynes Zeiten im wilden Westen üblich war. Für die nicht ganz so harten gibt es aber auch noch die entschärfte Version, den Ponche. Das ist Grogue, gestreckt mit Limonen und Honig. Davon kann man schon ein paar Gläser trinken, ohne gleich zu erblinden.

Christian Nowak

Cabo Verde: Trittsteine im Atlantik zwischen Europa und Afrika

Bom dia, Cabo Verde! Willkommen auf den Kapverdischen Inseln – im Niemandsland zwischen Europa, Afrika und den beiden Amerikas – winzige Punkte in der Weite des Ozeans. Braune, verdorrte Geröllwüsten vulkanischen Ursprungs, bizarr gefaltete Gebirge, endlose Sandstrände und hin und wieder ein paar grüne Tupfer tropischer Vegetation – neun Inseln mit Herz und Seele, die niemand vergisst, der sie gesehen hat.

Die Kapverden – Inseln unter dem Wind, Inseln über dem Wind

Ilhas de Sotavento, Ilhas de Barlavento – Inseln unter dem Wind, Inseln über dem Wind. Der Wind ist hier allgegenwärtig, prägt Menschen und Landschaft. Fast das ganze Jahr hindurch bläst der Nordostpassat – verlässlich, stetig, treu. Manchmal, wenn der Harmattan aus der fernen Sahara Staubfahnen über das von der Trockenheit IMG_0478kerbarmungslos geschundene Land jagt, erscheint die Luft trübe und die Sonne milchig. Nur im Sommer, wenn der feuchtheiße Südwestwind weht, steigt die Hoffnung auf Regen. Dann prallt der Passat gegen die hohen Bergkämme, steigen die Wolken auf und kühlen sich ab, kondensieren, spenden in den höheren Lagen ein wenig Feuchtigkeit in Form von Wolken und Nebel. Gerade genug für ein paar grüne Oasen inmitten von Schutt und Geröll. Die Inseln ohne hohe Berge gehen leer aus, ihnen bleibt nur die Hoffnung auf den spärlichen Niederschlag, der an ein paar Tagen im Jahr etwas Linderung bringt. Viel zu oft aber vergehen Jahre ganz ohne Regen – auch die Kapverden bleiben von der Sahelkatastrophe nicht verschont.

Eine Geschichte zum Weinen

Cabo Verde – Inseln am grünen Kap von Afrika, ein Name wie er tragischer nicht sein könnte. Wer kann hier leben? Wer der Armut und der Dürre trotzen, fernab vom 21. Jahrhundert, am Rande der Zeit? Beim Blick in die Geschichte wird es düster: 500 Jahre portugiesische Kolonie, als ausgebeuteter Außenposten zwischen den Welten.IMG_0318k Piratenunterschlupf und Zwischenstation im Sklavenhandel zwischen Afrika und Amerika, dann Kohlehafen der East India Company. Dazwischen immer wieder Hungersnöte und Elend – eine Geschichte zum Weinen. Als letzte Hoffnung blieb immer wieder nur die Emigration. Hunderttausende machten sich im Laufe der Jahrhunderte auf den Weg in eine bessere Zukunft, hauptsächlich nach Amerika. So ist es nicht verwunderlich, dass heute mehr Kapverdianer im Ausland als auf den Inseln leben. Aber immer war die Trauer der Auswanderer groß, und die Bande in die alte Heimat blieben bestehen – materiell und immateriell.

Unerschütterlicher Optimismus

Auch wenn jede Insel ihre landschaftlichen Höhepunkte hat, das wirklich Faszinierende sind die Menschen. Geboren aus einer ewigen Vermischung von Schwarz und Weiß, die alle nur erdenklichen Brauntöne der Haut hervorgebracht hat. Europa, Indien, Afrika – die Erdteile haben ihre Spuren hinterlassen und an Augen-, Haar- und Hautfarbe mitgewirkt. Bei solch einer Vielfalt sind auch genetische Kapriolen nicht verwunderlich, die manchmal dunkelhäutige Menschen mit blonden Kraushaaren und blauen Augen IMG_1023khervorbringen. Allen Kapverdianern gemeinsam ist der unerschütterliche Optimismus und die ansteckende Fröhlichkeit. Weder die jahrhundertelange Ausbeutung durch die Kolonialherren noch die zahlreichen Dürrekatastrophen haben daran etwas ändern können. “Wir sind Kapverdianer und leben am schönsten Ort der Welt”, ist ihre Botschaft, so als sei die Geschichte der letzten 500 Jahre spurlos an ihnen abgeprallt.

In jedem noch so entlegenen Dorf schlägt dem Fremden eine unglaubliche Freundlichkeit entgegen. Dem vielstimmigen Bom dia kann man sich einfach nicht entziehen. Es ist ein ehrlich gemeinter Gruß, begleitet vom einem entwaffnenden Lächeln und dem Versuch trotz unüberwindlicher Sprachbarriere ein wenig über den Besucher zu erfahren.

Christian Nowak

 

Cabo Verde: Inseln des Windes und des ewigen Sonnenscheins

 

Auf den Kapverdischen Inseln weht ein ständiger Wind vom Atlantik. Er wirbelt Staub auf, formt die Landschaft und erfreut die Surfer.

Mehr als 300 Sonnentage auf Sal

Pfeilschnell jagen die Kitesurfer und Surfer unter den Augen der schläfrigen Sonnenanbeter am Strand über das Wasser. Eine schnelle Wende, Fahrt aufnehmen und schon kann das Adrenalin wieder durch den Körper strömen. Hier, an der Punta Preta, auf der Kapverdeninsel Sal werden Surferträume wahr, hier können sich die Besten hemmungslos dem Geschwindigkeitsrausch hingeben. Und danach an den Strandbars der Luxushotels mit Gleichgesinnten über Wind und Wellen fachsimpeln. Grund zur Klage gibt es so gut wie nie, denn auf 300 Sonnentage und den stetigen Wind kann man sich hier verlassen.

Ilhas de Sotavento, Ilhas de Barlavento – Inseln unter dem Wind, Inseln über dem Wind, haben die Portugiesen den Archipel vor dem grünen Kap von Afrika genannt. Ein Name, wie er passender nicht sein könnte, denn der Wind ist allgegenwärtig. Fast das ganze Jahr hindurch bläst der Nordostpassat – verlässlich, stetig, treu, und wenn er mal Pause macht, löst ihn der Harmattan ab, ein heißer Wüstenwind, der die Luft mit feinem Saharasand trübt. Im Sommer ist dann der feuchtheiße Südwestwind an der Reihe, der die Hoffnung auf Regen mit sich bringt. Seit Ewigkeiten formt der Treibstoff der Surfer Menschen und Landschaft, zerzaust das Gemüt und die wenigen Palmen, wirbelt Staub auf und treibt ihn ungehindert über die kahle, platte Wüsteninsel, die nur zum Baden und Surfen taugt.

Dünen soweit das Auge reicht

Auch Boavista gilt bei Surfern seit Jahren als Top-Spot. Hier ist der heiße Atem der Sahara besonders deutlich zu spüren, denn keine Kapverdeninsel liegt näher an Afrika. Schattenlose, menschenleere Sandstrände, die sich irgendwo im Hitzedunst am Horizont verlieren, gehen nahtlos in endlose Dünenlandschaften über. Einzig verstreute Dattelpalmen, die auch noch den letzten Tropfen Feuchtigkeit aus dem sandigen Meer saugen, trotzen der Trockenheit. Doch die schöne Kulisse, die gut für jeden Werbeprospekt wäre, täuscht. Unerbittlich laugt der Wind den Boden aus, treibt den Sand über die Insel, dringt in alle Ritzen, verweht Straßen und begräbt Hoffnungen.

Vielleicht bringt irgendwann der Tourismus die Rettung, denn die Voraussetzungen für Strandliebhaber und Sonnenhungrige könnten kaum besser sein. Boavista könnte mit allen Strandtraumzielen dieser Welt mithalten. Doch in Cabo Verde gehen die Uhren langsamer als anderswo und so wird es wohl noch eine Weile dauern, bis die hochfliegenden Pläne vom massenhaft besuchten Traumziel Wirklichkeit werden. Noch döst die Insel am Rand der Zeit und kann mit ihrem spröden Charme nur wenige Besucher anlocken.

Doch der Wind bringt auch Leben. Nicht den flachen Inseln Sal und Boavista, die gehen leer aus. Die gebirgigen Eilande Fogo, Santo Antão und São Nicolau haben mehr Glück. Denn wenn der Passat gegen ihre hohen Bergkämme prallt, steigen Wolken auf, kühlen sich dabei ab, die Luftfeuchtigkeit kondensiert, und hüllt die höheren Lagen in feuchten Nebel. So kommt genug Feuchtigkeit für ein paar grüne Oasen auf der Windseite zusammen, im Windschatten bleiben Schutt und Geröll ohne Vegetation.

Christian Nowak: Rother Wanderführer Kapverden – Neuauflage!

Kapverden ChristianBom Dia Cabo Verde Willkommen auf den Kapverdischen Inseln! Nur rund sechs Flugstunden liegt die Inselgruppe der Kapverden entfernt und doch liegt sie in einer anderen Welt. Massentourismus gibt es hier nicht, der raue Charme dieses Inselparadieses lässt niemanden los. Vulkane, tiefe Täler, wilde Steilküsten und endlose Sandstrände begeistern jeden Naturliebhaber. Mit den 46 Touren aus dem Rother Wanderführer »Kapverden« lässt sich auf Streifzügen so manch Neues entdecken. Das Tourenspektrum ist breit: Vorgestellt werden kurze Spaziergänge durch tropische Oasen, gemüt-liche Küstenwanderungen und Bergtouren, die aufgrund ihrer steilen und langen Aufstiege eine gute Kondition verlangen. Die Tourenvorschläge verteilen sich auf alle neun bewohnten Inseln und sind eine bunte Mischung aus Küsten- und Höhenwanderungen, Ausflügen in die Wüste und Touren durch immergrüne Nebelwälder. Jeder Tourenvorschlag verfügt über eine zuverlässige Wegbeschreibung, einen detaillierten Karten-ausschnitt mit eingezeichnetem Routenverlauf und ein aussagekräftiges Höhenprofil. Ein Touren-steckbrief informiert über Anforderung, Einkehrmöglichkeiten, Varianten und vieles mehr. Die farbige Schwierigkeitsbewertung erleichtert die Auswahl der Ziele, zahlreiche Farbfotos wecken die Wander-lust. Die Reisejournalisten und Autoren Christian Nowak und Rasso Knoller sind hervorragende Kenner der Kapverden. Sie haben mit diesem Rother Wanderführer einen zuverlässigen Begleiter für Wanderer verfasst, der dieser Inselwelt voller Kontraste und ursprünglicher Schönheit in jeder Hinsicht gerecht wird. Für die zweite Auflage wurde der Rother Wanderführer »Kapverden« sorgfältig aktualisiert.

Cabo Verde: São Nicolau – Auf der Suche nach den letzten Drachenbäumen

São Nicolau, mit 346 Quadratkilometern die fünftgrößte Insel der Kapverden, wäre sicherlich ein Touristenmagnet, wenn die Verkehrsanbindung nicht so schlecht wäre. Denn landschaftlich hat die Insel viel zu bieten und muss sich nicht hinter der größeren Schwester Santo Antão verstecken.

Die vier- bis fünfstündige Passage von Sal oder São Vicente mit dem betagten Frachtschiff, das sich traditionell an keinen Fahrplan hält, tun sich nur wenige Besucher an. So bleibt nur die Anreise mit dem Flugzeug. Auf dem kleinen Flugplatz landen aber selbst in der Hauptsaison nur selten mehr als 3-4 Maschinen pro Woche. Erschwerend kommt hinzu, dass wegen der kurzen Landebahn selbst die Fokker 50 der TACV São Nicolau nur halbvoll anfliegen können. So ist es nicht verwunderlich, dass die wenigen Sitzplätze in den Maschinen heiß begehrt sind und so mancher Tourist Opfer der nicht immer nachvollziehbaren Buchungspolitik der Fluglinie wird.

Ist man dann aber auf São Nicolau gelandet, sollte man sich mindestens eine Woche Zeit nehmen, denn die Insel bietet exzellente Tourenmöglichkeiten und viel Abwechslung. Klimatisch ist die Insel zweigeteilt, nördlich des Monte-Gordo-Massivs, stauen sich die Passatwolken, deshalb ist es hier feucht und grün. Der weitaus größere Teil São Nicolaus südlich des Monte Gordo und der weit nach Osten reichende Finger sind trocken und wüstenhaft.

Das beste Standquartier ist die charmante, ein wenig verschlafen wirkende Inselhauptstadt Vila da Ribeira Brava mit ihren schönen, pastellfarbenen Kolonialbauten. Der Hauptplatz zählt architektonisch zum Schönsten, was die Kapverden zu bieten haben. Noch ist die touristische Infrastruktur selbst im Hauptort äußerst bescheiden, einige Pensionen und Restaurants sind neben einigen kleinen Läden schon alles. Individualisten, die abseits des Massentourismus wohnen und wandern möchten, werden schnell dem Charme dieses vergessenen Eilandes verfallen und wünschen, sie hätten mehr Zeit eingeplant.

Entlang der Hauptstraße, die von Vila da Ribeira Brava kurvenreich und beileibe nicht auf direktem Weg nach Tarrafal führt, befinden sich die Ausgangspunkte der meisten Wanderungen. Regelmäßig fahren Aluguers zwischen den beiden Hauptorten, so dass man nie lange auf eine Transportmöglichkeit warten muss. Tarrafal, auf der Sonnenseite der Insel gelegen, hat mittlerweile den Hauptort Vila da Ribeira Brava in Bezug auf die Einwohnerzahl überflügelt und besitzt wirtschaftlich wegen des Hafens und der Thunfischfabrik wohl auch die besseren Zukunftsaussichten. Wegen des langen Sandstrandes im Ort und der Nähe zu einem der schönsten Wanderreviere bei Praia Branca lohnt auch Tarrafal einen Aufenthalt.

Die Berge São Nicolaus sind zwar nicht so hoch und die Ribeiras nicht so steil wie auf Santo Antão, was den Vorteil hat, dass die meisten Wanderungen nicht so anstrengend sind. Spektakuläre Ausblicke gibt es aber trotzdem genug. Erstaunlich grün und dank künstlicher Bewässerung intensiv landwirtschaftlich genutzt, ist das weite, dicht besiedelte Fajãtal. Hier kann man relativ einfache Spaziergänge und Wanderungen unternehmen. Spektakulärer ist die Kulisse am Vulkan Monte Gordo, an dessen Nordflanke dank der Feuchtigkeit spendenden Passatwolken üppig grüne Wälder wachsen. Wild, rau und einsam ist die Landschaft zwischen Monte Gordo und Praia Branca sowie an der Nordküste um Ribeira Funda und Ribeira da Prata.

Drachenbäume wachsen zwar auch auf Santo Antão und Brava, aber nirgendwo sind sie so häufig wie auf São Nicolao. Besonders zahlreich und stattlich kommen sie im Fãjatal vor.

Nicht versäumen sollte man einen Abstecher auf den schmalen Finger, der sich weit nach Osten erstreckt. Eine Pflasterstraße führt bis zum einzigen Ort Juncalinho, der nur rund 500 Einwohner hat, ansonsten ist dieser Inselteil verlassen. Sonnenverbrannte, fast vegetationslose Steinwüste soweit das Auge reicht, hier zeigt sich die immer mehr zunehmende Trockenheit der Kapverden, die eine Folge der sich ausdehnenden Sahelzone ist. Denn noch vor einer Generation war dieser Inselteil besiedelt, bewirtschafteten Bauern ihre Felder. Geblieben sind die gepflasterten Maultierpfade, die immer mehr verfallen und verlassene Dörfer wie Morro Alto, die an bessere Zeiten erinnern. Hier kann man endlos durch eine vom Vulkanismus geprägte Wüste wandern, die Aussicht entlang menschenleerer Küsten genießen und an einsamen Stränden baden.

Christian Nowak

Cabo Verde: Boavista – Sonne, Sand und schöne Strände

Schon beim Anflug auf Boa Vista sieht man das Kapital der Insel – ihre kilometerlangen Sandstrände. Aber auch die Probleme Boa Vistas sind augenscheinlich, denn der Sand bleibt nicht dort, wo ihn Einheimische und Touristen gerne hätten – am Strand. Der ständig kräftig wehende Wind treibt ihn stattdessen über die gesamte Insel und so müssen die Sandmassen in einer beständigen Sisyphosarbeit aus Dörfern und von Straßen weggeschafft werden.

Traumstrände und Wüstensand

Boa Vista, was soviel wie „schöner Anblick“ bedeutet, verdankt ihren Namen wohl einem der ersten Seefahrer, Aloiso Cadamosto, der hier im 15. Jahrhundert vorbeikam. Sie ist mit 620 Quadratkilometern die drittgrößte und östlichste Insel der Kapverden, nur 50 km von Sal und rund 450 km vom afrikanischen Kontinent entfernt.

Die Besiedlung verlief relativ schleppend, anfangs lebten auf dem kargen Eiland nur ein paar Hirten. Erst als der Salzhandel Anfang des 17. Jahrhunderts in Schwung kam, wurde der erste Ort, Povação Velha, gegründet. Rund 100 Jahre später entwickelte sich dank des immer mehr aufblühenden Salzhandels Porto Inglês, das heutige Sal Rei, zur wichtigsten Stadt der Insel und sollte sogar Hauptstadt des gesamten Archipels werden. Doch die guten Jahre waren bald vorbei, Dürrekatastrophen, Gelbfieberepidemien und der Zusammenbruch des Salzhandels brachten Armut und Elend.

Heute ist Boa Vista eine Insel im Umbruch, die in den nächsten Jahren ihr Gesicht wohl vollständig verändern wird. Erste Anzeichen wohin die Entwicklung geht, sieht man schon am Praia da Chave südlich von Rabil, wo ein riesiger Hotelkomplex entstanden ist. Und auch Rabil dehnt sich immer weiter aus. Es gibt viele, die Boa Vista besser für den Massentourismus geeignet halten als Sal, vor allem nach Fertigstellung des neuen internationalen Flughafens.

Die Inselhauptstadt Sal Rei ist eine einzige Baustelle, vor allem in den Außenbezirken entstehen unzählige Neubauten, wobei allerdings auf vielen Baustellen die Arbeit oft monatelang ruht und es nicht sicher ist, ob sie jemals wieder aufgenommen wird. Seit einigen Jahren haben vor allem Italiener die Insel für sich entdeckt – als Touristen und Investoren.

Boa Vista ist sicher keine klassische Wanderinsel, schon wegen des relativ flachen Inselreliefs kann sie Santo Antão keine Konkurrenz machen. Die höchsten Berge erreichen nicht einmal 400 m, deshalb darf man hier keine wilden Schluchten und spektakulären Ausblicke erwarten. So kommen die meisten Touristen wegen der phantastischen Strände zum Baden nach Boa Vista. Doch hin und wieder sollte man zu einer Erkundungstour aufbrechen. Wer dies tut, wird schnell feststellen, dass die Insel groß und relativ schlecht erschlossen ist. Preisgünstige Aluguers verkehren praktisch nur zwischen Sal Rei und Rabil, alle anderen Strecken muss man mit dem Taxi zurücklegen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Pisten in solch einem schlechten Zustand sind, dass das Befahren selbst mit einem Allradfahrzeug mühsam und zeitraubend ist. Da fast alle Touristen in und um Sal Rei wohnen, bieten sich in erster Linie Ausflüge von der Inselhauptstadt aus an.

Empfehlenswert ist die Küstenwanderung in Richtung Süden zum endlosen Sandstrand Praia da Chave, aber auch ein Ausflug zur Nordküste, zum Wrack der „Santa Maria“ ist problemlos machbar. Von Rabil oder Estância de Baixo ist die wüstenhafte Dünenlandschaft der Deserto Viana gut zu Fuß zu erreichen. Für alle anderen Unternehmungen, wie den Wanderungen zum Praia de Santa Mónica oder nach Oi d’ Água muss man sich für Hin- und Rückfahrt ein Taxi mieten.

Cabo Verde: Mindelo – Heimliche Hauptstadt und Hafenstadt mit Seele

Die Kinder von Mindelo sind allgegenwärtig. Von früh bis spät toben sie vor der Schule Jorge Barbosa und machen den Platz mitten im Zentrum von Mindelo zum Pausentreff. Das Gewirr ihrer hellen Stimmen übertönt mühelos den Autoverkehr. In jeder Pause versammeln sie sich um den längst ausgetrockneten Brunnen mit der Weltkugel. Unentwegt werfen sich die Mannschaften einen kleinen Gummiring mit Wucht und Geschmeidigkeit zu. Wird er mal nicht gefangen, schwillt der Geräuschpegel fast bis zur Schmerzgrenze an. Die schlichten Schuluniformen sollen für Gleichheit sorgen, aber die Gesichter bleiben vielfältig. Sie erzählen die Geschichte der letzten 500 Jahre. Von der immerwährenden Vermischung von Europa und Afrika. In allen Brauntönen schimmert ihre Haut, von einem nur zart angedeuteten Hellbraun über Bronze bis hin zum Blauschwarz sind alle nur denkbaren Farbtöne vertreten. Sie sind die fröhliche, optimistische Seele der Kapverden.

Die heimliche Hauptstadt der Kapverden

Ein paar Schritte weiter, den rosafarbenen Präsidentenpalast im Blick, sind aus deinem kleinen Café die Mornas von Cesaria Evora zu hören. Es sind Lieder von melancholischer Traurigkeit, die tief unter die Haut gehen. Sie haben die Ende2011 verstorbene „Diva mit den nackten Füßen“ berühmt gemacht. Keine hatte soviel Gefühl und Nostalgie in der Stimme. Gebannt muss man ihr zuhören, wenn sie das Schicksal der Sklaven in ihren Balladen besingt oder wenn sie Dürre und Hunger und Emigration in zarte Lieder verpackt. Ihr ganzes Leben hat sie in Mindelo verbracht. Hat in Bars gesungen, um zu überleben. Hat miterlebt wie der Hafen Ende der 1950er Jahre immer mehr an Bedeutung verlor und viele Künstler ins Ausland gingen. Sie ist geblieben. Hat sich den Schmerz von der Seele gesungen.

Der Harmattan, ein heißer, trockener Wind, kommt direkt aus der Sahara. Über 500 Kilometer weit bringt er im Januar unzählige, mikroskopisch kleine Sandkörnchen. Sie machen die Luft über Mindelo trübe, die ansonsten zum Greifen nahe Nachbarinsel Santo Antão verschwindet dann für Tage hinter einem undurchdringlichen Dunstschleier. Doch der Harmattan hat auch seine Guten Seiten. Wenn die Sonne gelblichrot und diffus wird, werden die Schiffswarcks im Hafen zu schwarzen Silhouetten.

Mindelo ist keine Liebe auf den ersten Blick. Die Vororte sind ein Sammelbecken für all diejenigen, die nicht unbedingt freiwillig sondern eher aus Verzweiflung in die Stadt gekommen sind. In der Hoffnung auf Arbeit und ein menschenwürdiges Leben. Aber Mindelo kann ihnen diese Hoffnung nicht erfüllen. In diesen Vororten wird die Statistik plötzlich lebendig, die lapidar feststellt, dass die Kapverden zu den ärmsten Ländern der Welt gehören. Auch die rostenden Schiffswracks im Hafen lassen Mindelo nicht reizvoller erscheinen.

Irgendwann springt dann aber der Funke über. Zeigt sich dem Reisenden der Charme der Stadt. An der Hafenstraße, sie Promenade uz nennen, wäre nicht angemessen, steht das Denkmal von Amilcar Cabral, der den Inseln die Freiheit gebracht hat und schaut in die Ferne. Zu seinen Füßen haben sich Matrosen und Zocker niedergelassen. Gleich daneben steht der Torre de Belem, ein Nachbau des Vorbildes in Lissabon, aber auf kapverdische Maße reduziert. Autos und Lastwagen rumpeln spärlich beschattet von einigen Palmen über das Basaltpflaster, vorbei an den bunten Fassaden der Kolonialhäuser.

Im Fischmarkt hinter dem Torre de Belem schlägt das Herz der Stadt und verschlägt es einem den Atem. In der Halle drängen sich die Marktfrauen, streiten, zanken und zetern mit Kunden und Konkurrentinnen gleichermaßen. Zentnerschwere Thunfische werden von Pick-Ups auf die Straße geworfen, in die Markthalle gezerrt und in einer blutigen Prozedur in kleine Stücke zerteilt. Hier gibt es alles, was das Meer zu bieten hat. Vor der Markthalle gibt es die Zutaten zum Fisch. Die Frauen stehen und sitzen am Straßenrand und verkaufen Kräuter und Gemüse, kostbare Beilagen in einem ausgedörrten Land.

Seine Existenz verdankt Mindelo nur der strategisch günstigen Lage mitten im Atlantik, auf halben Wege zwischen Europa und Südamerika. Ansonsten hätte sich wohl niemand die Mühe gemacht, die Insel zu besiedeln. Nach der Entdeckung 1462 geriet sie für Jahrhunderte in Vergessenheit. Nur für Piraten war der natürliche Hafen ein idealer Unterschlupf. Erst als die Schiffe statt unter Segeln mit Kohle die Weltmeere befuhren, kam für Mindelo eine kurze Zeit des Aufschwunges. Denn die Engländer benötigten Kohlebunker auf der Insel. Mindelo wurde wichtigster Zwischenstop bei der Atlantiküberquerung. Aber der Boom dauerte nicht einmal 50 Jahre, größere Reichweiten und der Vormarsch der Dieselmotoren ließen Mindelo schnell in der Bedeutungslosigkeit versinken. Letzte Spuren der Vergangenheit sind die typischen Kolonialbauten am Hafen.

Aber auch heute hat Mindelo noch immer viel von einer Hafenstadt. Für kapverdische Verhältnisse geht es in den Straßen hektisch zu. Ein ungewohnt reichhaltiges Angebot an Läden und Restaurants unterstreicht Mindelos Bemühen Praia den Ruf als wichtigstes wirtschaftliches und kulturelles Zentrum streitig zu machen. Und dann gibt es natürlich noch die vielen Kneipen und Bar rund um den Hafen, von denen einige nach Einbruch der Dunkelheit nicht unbedingt zum Besuch einladen.

Christian Nowak