Mosambik: Ein Elefant im Vorgarten

Das Niassa Nature Reserve in Moasambik ist der zweitgrößte Naturpark Afrikas. Er ist ein Paradies für Touristen, Naturliebhaber – und Wilderer.

Im äußersten Norden Mosambiks an der Grenze zu Tansania liegt das Niassa Nature Reserve. Bisher haben sich nur wenige Besucher in dieses schwer zugängliche Gebiet verirrt. Die Anreise war nur mit dem Jeep über staubige Pisten möglich. Inzwischen hat dort aber eine kleine exklusive Lodge mit eigener Landebahn eröffnet. Seitdem können auch Touristen Niassa besuchen. Überfüllung droht trotzdem nicht – im vergangenen Jahr übernachteten gerade einmal 140 Gäste in der Lodge.

Schon in der ersten Nacht steht Ben vor der Zeltvilla. Sein lautes Schmatzen hält mich wach. Auch muss ich mich zuerst einmal daran gewöhnen, nur durch dünne Stoffwände von einem dreieinhalb Tonnen schweren Elefantenbullen getrennt, zu schlafen.

Ben lebt wie 20.000 seiner Artgenossen im Niassa Nature Reserve im entlegenen Norden Mosambiks. Die einzige Unterkunft im Park ist die Lugenda Lodge und hier sind Elefantenbesuche nichts ungewöhnliches. Immer wieder streunen die Dickhäuter durchs Camp, aber nur Ben ist Stammgast. Er futtert sich dort mit frischem Gras satt und lässt sich dabei auch nicht von cocktailtrinkenden Touristen stören. Ohne es zu wissen, hat Ben dadurch einen besonders sicheren Aufenthaltsort gewählt.

Im  42.000 Quadratkilometer großen Niassa Park treiben nämlich regelmäßig Wilderer ihr Unwesen. „Erst vor zwei Wochen töteten Wilddiebe 21 Elefanten“, erzählt Nic van Rendsberg. Der 58 Jahre alte Südafrikaner arbeitet als Chef-Ranger im Niassa Park und kämpft mit seinen Mitarbeitern einen schier aussichtslosen Kampf gegen die illegale Elefantenjagd. Umso stolzer ist er, dass seine Leute diesmal fünf Wilderer festnehmen konnten. “Die sitzen jetzt im Gefängnis und warten auf ihren Prozess“, sagt Nic. Mit einer harten Strafe für die Wilderer rechnet er jedoch nicht. Die würden vermutlich nur zu einem Busgeld von 100 Dollar verurteilt werden, mutmaßt er. Im Nachbarland Südafrika wird Wilderei viel strenger bestraft, jahrelange Freiheitsstrafen sind da keine Seltenheit.

50.000 Dollar pro Elefant

Außerhalb einer Kernzone dürfen Elefanten auch legal geschossen werden – allerdings nur neun Tiere pro Jahr und auch nur in den Teilen des Parks, die Wissenschaftler zur Jagd freigeben. Umgerechnet 50.000 Dollar kostet eine Abschusslizenz. Dieses Geld wird dringend benötigt um die Infrastruktur des Parks einigermaßen in Schuss zu halten.

Niassa ist ein Paradies. Während der Zeit des Bürgerkriegs, der von 1976 bis 1992 in dem Land wütete, wurden die National- und Natureparks in den weniger entlegenen Gebieten des Landes zu Vorratskammern für die hungernde Bevölkerung. Die meisten Wildtiere wurden dort getötet und landeten im Kochtopf. Im weit entlegenen und nur schwer zugänglichen Niassa Park aber haben alle Tierarten außer den Nashörnern überlebt. Und die wurden auch nicht wegen ihres Fleisches geschossen, sondern weil das Pulver aus ihrem Horn in Asien und einigen arabischen Ländern als Aphrodisiaka gefragt ist – und teuer bezahlt wird.

Obwohl Niassa für seinen Tierreichtum bekannt ist, ist es gar nicht so einfach Tiere zu Gesicht zu bekommen. „Hier ist nicht die Serengeti“, stellt Nic gleich vor der ersten Ausfahrt klar. Freilich: Wasserböcke, Impalas und Kudus kreuzen immer wieder unseren Weg, die zeternden Meerkatzen sind kaum zu übersehen, und auch Elefanten trifft man an vielen Stellen im Park. Die Flusspferde planschen sogar im Lugenda River in Sichtweite der Lodge. Doch ansonsten ist hier eine Pirschfahrt noch wirklich eine Pirschfahrt. Das heißt, man muss nach den Tieren suchen. Oder man genießt einfach die grandiose Landschaft mit den charakteristischen riesigen runden Felsenbergen. Immer wieder erhascht der Gast einen Blick auf den Lugendafluss, der auch in der Trockenzeit Wasser führt und die Lebensader des ganzen Gebiets ist.

Und: Wer mit einem erfahrenen Ranger wie Nic unterwegs ist, entdeckt auch im dichten Buschland Tiere. Selbst gut getarnte Löwen bleiben Nics scharfen Augen nicht verborgen. Um einen Leopard zu entdecken, braucht man aber etwas Glück. Der geht zwar häufig in der Nähe der Lugenda Lodge auf Jagd, doch da er auf leiseren Pfoten als Ben der Elefant unterwegs ist, sieht man ihn nur selten.

Rasso Knoller