Kanada: Ottawa – die grüne Hauptstadt unterm Ahornblatt

© Rasso Knoller

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Mit ihren vielen Parks und dem Ottawa River ist die kanadische Hauptstadt die perfekte Spielwiese für Outdoorfans. Museen der internationalen Spitzenklasse locken Kunstliebhaber an.

Es wird überall gejoggt und geradelt in der Stadt. Dem ersten Eindruck nach ist Ottawa nicht nur die kanadische Hauptstadt, sondern auch die Welthauptstadt des Sports.
Am Mittwochvormittag strecken und recken zwei- bis dreihundert Menschen auf ihren Matten liegend auf der Wiese vor dem Parlament ihre Arme und Beine dem kanadischen Himmel entgegen, schwingen sich zur Kerze auf und gehen in den Hund. Dann ist die Zeit für öffentliches Yoga.

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Gäste der Stadt breiten vor dem Parlament nur selten ihre Yogamatte aus. Sie holen sich ihre Fitness beim Aufstieg zum 92 Meter hohen Turm des Parlaments, dem Peace Tower. Er war nach dem Ersten Weltkrieg in Gedenken an die dort gefallenen 65.000 kanadischen Soldaten errichtet worden. Wer will, kann im Anschluss an die Turmbesteigung an einer kostenlosen Führung durch die Räume des Parlaments teilnehmen. Kanadische Geschichte zum Anfassen sozusagen. Besonders stolz ist man in Ottawa auf die Parlamentsbibliothek, die in den 1860er Jahren im neogotischen Stil erbaut wurde.

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Sportfans haben in und um Ottawa unzählige Möglichkeiten. Die Natur hat hier ihren Kampf gegen die Zivilisation noch lange nicht aufgegeben – große Parks ziehen sich durchs Stadtzentrum und über den Ottawa River kann man bis nach Montreal und Toronto paddeln. Zu Zeiten der ersten Siedler war der Fluss die wichtigste Verkehrsader im Osten Kanadas. Heute ist der Ottawa River Spielwiese für Wassersportler aller Art. Im Winter ist Eishockey die unangefochtene Nummer Eins unter allen Sportarten. Wer nicht selbst die Kufen schnüren will, sollte zumindest ein Spiel der Ottawa Senators besuchen. Wenn die Profis gegen ihre Gegner aus der NHL spielen, ist das 18.000 Zuschauer fassende Canadian Tire Centre meist ausverkauft. Schade nur, dass die Puckjäger aus Ottawa bisher noch kein einziges Mal den Stanley Cup, die gemeinsame Meisterschaft der kanadischen und amerikanischen Eishockeyteams, gewinnen konnten.

Hauptstadt der kurzen Wege
Ottawa zählt knapp 900.000 Einwohner. Trotzdem kann man fast jede Sehenswürdigkeit fußläufig erreichen. Das Canadian Museum of History, das, wie der Name nahelegt, einen Streifzug durch die Geschichte Kanadas anbietet, ist die meistbesuchte Ausstellung des Landes. Besonders aufwendig gestaltet ist die Abteilung, die sich mit dem Leben der Ureinwohner beschäftigt. Beliebtes Fotomotiv sind die riesigen Totempfähle, die, wie der Guide bei seiner Führung durch das Museum betont, nie „zum Martern“ verwendet, sondern zu Ehren eines bedeutenden Häuptlings oder Kriegers errichtet wurden. Ein bisschen waren sie auch zum Angeben da – denn einen Totempfahl weihte man mit einem riesigen, mehrtägigen Fest ein, zu dem man alle Stämme der Gegend einlud. Wer den schönsten Pfahl hatte und das aufwändigste fest feiern ließ, genoss ein besonderes Ansehen.

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Noch mehr über das Leben der kanadischen Indianer erfährt man im Freilichtmuseum „Aboriginal Experiences“ am Rande der Innenstadt. Stephanie Sarazin vom Stamm der Pikwakanagan führt in einem purpurnen Stammeskleid und mit reich geschmückter traditioneller Perlenkette durch das Freilichtmuseum. In launigen Worten und immer lachend erzählt die junge Frau von der Geschichte der Indianer. Wenn sie von der Situation der Ureinwohner im heutigen Kanada erzählt, scheint sich ihre Stimme plötzlich vor Aufregung zu überschlagen. Dann sagt sie auch Sätze wie: „Ja, wir werden hier immer noch benachteiligt, aber damit muss ich lernen zu leben.“ Sie atmet tief durch und erzählt, wie die Regierung die Indianer denselben Jagdbeschränkungen unterwirft wie Hobbyjäger und somit vielen Stämmen die Lebensgrundlage entzieht.
Fast symbolisch ist es da, dass man vom Museum der Ureinwohner den besten Blick der Stadt auf das Parlament hat.

Restaurants in Byward Market

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Ein Schloss am Rande des Zentrums
In der National Gallery werden die Werke der Großen der kanadischen Kunst ausgestellt – Namen wie Tom Thomson, Emily Carr und Alex Colville sind in Europa vermutlich nur wenigen Kunstkennern bekannt. Aber wer nach hierzulande berühmten Namen wie van Gogh, Cézanne oder Picasso sucht, wird ebenfalls fündig. Um die Sammlung mit europäischer Kunst dürfte so manches Museum auf dem alten Kontinent die Kanadier beneiden.
Allein schon das Museumsgebäude ist ein Hingucker. Erbaut von dem kanadisch-israelischen Architekten Moshe Safdie, der sich vor allem durch die Sanierung der Altstadt von Jerusalem international einen Namen gemacht hat, besticht das aus Glas und Granit erbaute Bauwerk durch seine klaren Linien.
Unmittelbar ans Zentrum schließt sich Byward Market an. Kleine Läden, Cafés und Restaurants prägen das Bild dieses Stadtteiles, der besonders bei Touristen beliebt ist. Wer Spitzenküche sucht und sein Steak mit einem hervorragenden kanadischen Rotwein hinunterspülen will, schaut im Play in der York Street vorbei. Die freundliche und kompetente Bedienung gehört in dem Restaurant zwar zum Konzept, doch liegt „Dauer-gute-Laune“ Kanadiern ohnehin im Blut. Muffigen Service gibt es nirgends.
Wie breit in Byward Market das Spektrum des gastronomischen Angebots ist, zeigt sich nur eine paar Schritte weiter die Straße hinunter. In „The Dominion Tavern“ legt man auf feine Tischsitten nur wenig Wert, Bier ist das meist bestellte Getränk und statt „Elchsteak medium rare“ isst man hier fettige Hamburger.

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Sogar ein Schloss haben die Kanadier zu bieten. Allerdings war das Chateau Laurier niemals eine echte Adelsbehausung gewesen, sondern von Anfang an ein Nobelhotel – eröffnet 1912. Auch im Chateau hat man zum Thema Kunst einiges zu bieten; eine Dauerausstellung mit Fotos des weltberühmten Portraitfotografen Yousuf Karsh, der 18 Jahre lang in dem Hotel gewohnt hatte.

Text und Fotos: Rasso Knoller

 

Kanada: Einsamkeit und Elvis Presley – der Klondike Highway

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Der Klondike Highway zwischen Skagway in Alaska und der Goldgräberstadt Dawson in Kanada führt auf 700 Kilometer durch extrem dünn besiedeltes Gebiet. Zum Glück gibt es die Braeburn Lodge und Satellitenradio.

Die Verkehrspolizei in Whitehorse hat schlechte Nachrichten an diesem Wintermorgen. Der Highway, der nach Südwesten führt, ist wegen eines Lawinenabgangs gesperrt. Es kann Stunden dauern, bis die Schneemassen geräumt sind. Mit erneuter Sperrung wegen andauernder Lawinengefahr sei zudem zu rechnen. Skagway, Hafenstadt an der Fjordküste des Alaska Panhandles, jenes Landzipfels, der sich wie ein Pfannenstiel an Amerikas Nordwestküste in den Pazifik schiebt, wird es also vorerst nichts. Neuralgischer Punkt für Winterreisende auf dieser Strecke ist immer wieder der 873 Meter hohe White Pass. Er liegt in den Coast Mountains, jenen Bergketten, die sich an der Grenze zwischen Alaska und der kanadischen Provinz British Columbia ausbreiten. Schon Ende des 19. Jahrhunderts machte der White Pass von sich reden. Für Zehntausende von Glücksrittern aus aller Welt, die in Skagway an Land gingen, war er eines der beiden Einfallstore in den kanadischen Norden, wo man an der Mündung des Klondike ein Goldfeld entdeckt hatte, das eine nie dagewesene Ernte versprach.
Die Kunde von dem sensationellen Fund hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet und löste eine der bemerkenswerten Massenbewegungen aller Zeiten aus. Mehr als Hunderttausend Männer, Amerikaner, Europäer und Australier, sollen sich seinerzeit auf den Weg gemacht haben, um im fast menschenleeren Nordwesten Kanadas ihr Glück zu machen, arme Schlucker zumeist, die nicht einmal genügend Geld für eine ordentliche Ausrüstung hatten.

K1024_c130002_042rrMitten im eisigen Winter des Jahres 1897 erreichte der Ansturm seinen Höhepunkt. Zehntausende, die an der Küste Alaskas landeten, wollten nicht aufs Frühjahr warten, nicht auf die Eisschmelze, nach der auch der Yukon River wieder schiffbar gewesen wäre. Mit selbstgezimmerten Versorgungsschlitten hievten die Männer den Proviant für Wochen über den White Pass und über hunderte Kilometern durch die Weiten des Yukon-Gebiets. Bei Temperaturen von minus 40 Grad Celsius und arktischen Winden eine beinahe unmenschliche Strapaze. Viele erreichten das Ziel nicht, weil unterwegs die Kräfte versagten, und von denen, die es schafften, kamen Tausende zu spät. Die Claims am Klondike waren schon vergeben, abgesteckt und aufgeteilt. Auf manchen Grundstücken plagten sich arme Teufel ohne nennenswerte Ausbeute ab. Nur wenigen Glückspilze, mit denen es Schicksal oder Zufall besser meinten – gingen die richtig dicken Nuggets ins Sieb.

K1024_c130002_041rrEntlang der einsteigen Goldgräberroute verbindet der Klondike Highway – auch Yukon Highway 2 genannt – die Hafenstadt Skagway und Dawson City, das schmucke Städtchen, das die Goldsucher vor gut 100 Jahren am Klondike aus dem Boden stampften. Heute leben etwas mehr als 1000 Menschen in Dawson. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts waren es 40mal so viele. Doch die goldenen Zeiten waren kurz. Als man ab 1902 immer weniger Edelmetall im Klondike fand, kehrten die meisten Bewohner der Stadt mit den schmucken Holzhäusern den Rücken. Ein Museum hält dort die Erinnerung an die Helden jener Tage wach. Und der Saloon des Downtown Hotels, wo Gäste an einem hochprozentig eingelegten Zeh lutschen können, der einst einem der Goldgräber abgefroren ist.

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Bis in die 1950er Jahre war der 713 Kilometer lange Highway2 nicht viel mehr als eine unbefestigte Schotterpiste. Erst in den 1980er Jahren wurden sämtliche Teilstücke samt der modernen Stahlbrücken, die alte Ponton-Provisorien ersetzten, fertiggestellt. Doch von November bis März bildet auch heute noch eine feste Schneedecke den Fahrbahnbelag. Tückisch können die „soft shoulders“ sein, Pulverschneebänke am Fahrbahnrand. Wer auf der schmalen Highway-Piste zu weit nach rechts driftet, bleibt in diesen Schneebänken stecken. Auch ein Allradantrieb kann das nicht verhindern. Hilfe naht mit jedem Auto, das vorbeikommt – wenn denn eins kommt. Im Yukon, in dem es mehr Elche als Menschen gibt, der mit einem Einwohner auf 14 Quadratkilometer zu den dünnstbesiedelten Regionen der Welt gehört, können im Winter Stunden vergehen, bis jemand auf dem Highway des Weges kommt. Einen Hilferuf können Fahrer nur per Satellitentelefon absetzen. Gewöhnliche Handys haben außerhalb von Whiterhorse, der 25.000-Einwohnerstadt, in der rund zwei Drittel aller Yukon-Bewohner leben, kein Netz.

K1024_c130002_009rrVia Satellit werden auch die Trucker, die auf dem Highway pendeln, mit Musik versorgt. Etwa von Elvis Radio, einem Sender, der rund um die Uhr ausschließlich Presley-Songs dudelt. An der Kilometermarke 464,5 – gemessen ab Skagway – liegt Pelly Crossing, ein 300-Seelennest mit Erste-Hilfe-Versorgung, Postamt und der einzigen Tankstelle zwischen Whitehorse und Dawson City. Zu dieser gehört Supermarkt von beachtlicher Größe, der auch Camper mit dem Nötigsten versorgt. Das beste Frühstück am Highway bietet die Braeburn-Lodge an der Kilometermarke 280. Betreiber Steve ist für seine schmackhaften Zimtschnecken und Burger in XXL-Format bekannt. Im Sommer, wenn Wohnmobil-Touristen durch die Gegend touren, wird es schon mal turbulent in der urigen Lodge. Im Winter dagegen ist oft stundenlang gar nichts los. Eine Ausnahme machen da nur die Tage des Yukon Quest. Das „härteste Hundeschlittenrennen der Welt“ lockt Tausende Fans in die Gegend. Und viele davon wärmen sich in der vom Bollerofen beheizten Braeburnlodge bei Kaffee und Bohnensuppe auf. An anderen Wintertagen aber machen nur ein paar Trucker Halt an der Lodge. Mehr als ein Dutzend pro Tag sind es selten. Damit habe er aber schon deutlich mehr Winterkundschaft als noch vor einigen Jahren, sagt Steve. Die meisten LKW-Fahrer steuern die Silberminen des Yukon an. Dort, sagt der Wirt, herrscht derzeit mal wieder Hochkonjunktur.

Text: Susanne Kilimann

Fotos: Destination Canada

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Kanada: Fernie – Am Powder-Highway sind die Bären los

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Es war die wohl absurdeste Szene der ganzen Saison. Als ein Bergwachtler in Fernie am Ende der Saison die Pistenmarkierungen einsammelte, lief ihm plötzlich ein Grizzly über den Weg. Der Bär setze sich in den Schnee, hob die Tatzen und schlitterte den Hang hinab.

Grizzlybären haben eine verdammt gute Nase. Anscheinend auch für Skigebiete. Der Grizzly, der vor einigen Jahren einen Ski-Patroler in British Columbia (BC) fast zu Tode erschreckt hat, wusste jedenfalls ganz genau, wo man richtig Spaß im Schnee hat: in Fernie, dem Tor zum Powder-Highway mit seinen legendären Heliskiing-Lodges von Canadian Mountain Holidays (CMH).

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„Der Bär hatte offenbar Riesenspaß und auch einen guten Riecher dafür, wo die besten Abfahrten sind“, scherzte der Ski-Patroler. Einen ähnlich guten Riecher für ideale Hänge hat auch Heiko Socher, ein großer deutscher Ski-Pionier in Fernie. Der weit über 80 Jahre alte Deutsche legte den Grundstein für eines der besten Skigebiete der Welt. In Europa ist das Minenstädtchen am Fuße der beeindruckenden Lizard-Felswand zwar bei Weitem nicht so bekannt wie Whistler oder Banff und Lake Louise, „dabei haben wir alles, was zu einem grandiosen Skiresort gehört“, sagt Heiko.

Ende der 1960er kam der Auswanderer nach Fernie und erkannte sofort das Potenzial des Gebiets im Südosten British Columbias, das pro Saison im Durchschnitt mehr als elf Meter Schnee abbekommt. Der studierte Forstwirt musste zunächst viel für seinen Traum opfern. Er gab seinen Job auf, begann Schneisen für Pisten zu schlagen und baute die ersten Lifte und Gebäude an der Talstation. Mit seiner Frau Linda eröffnete der gebürtige Berliner eine Skischule und einen Ski-Shop mit Verleih.

Fernie wurde als Familienbetrieb groß. Linda und Heiko führten das Skiresort 25 Jahre gemeinsam, bis sie es 1997 an die Gesellschaft Resorts of the Canadian Rockies (RCR) verkauften. Der Konzern des kanadischen Öl-Milliardärs N. Murray Edwards aus Calgary pumpte viel Geld in das Resort und verwandelte Fernie in ein Weltklasse-Skigebiet. Neue Lifte entstanden, die 142 Pisten bedienen und den Zugang zu über 1000 Hektar befahrbarem Gelände ermöglichen. Die Pionierleistung von Heiko aber bleibt unvergessen. Die Menschen in Fernie bewundern den unermüdlichen Selfmademan, der vor kurzem noch mit eigenen Händen ein historisches Gebäude auf der Rückseite der Main Street restaurierte.

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„Heiko ist schon jetzt eine Legende“, sagt Shawn Clarke, ein zugezogener Backcountry-Guide aus Ostkanada. Seit 18 Jahren lebt er in Fernie. Er schwelgt noch immer gerne in den Erinnerungen an die alten Zeiten: “Heiko sammelte damals persönlich den Müll auf dem Parkplatz ein, brachte die Dosen zum Recycling. Auch als Besitzer des Skiresorts war er sich für nichts zu schade“, erzählt Shawn.

Shawn ist Experte für steile Tiefschneehänge – und Fernie ist für eben diese besonders bekannt. „Die steilsten Hänge haben wir unter dem Polar Peak“, berichtet Shawn im Polar Peak-Sessellift, auf dem Weg zum höchsten Punkt des Skigebiets auf 2134 Metern. Fast alles hier oben ist „Double Black“, die schwierigste Pisten-Kategorie in Nordamerika.

In Kanada kann man, anders als in Europa, innerhalb des Skigebiets überall fahren, auch im Wald. Im Sommer wird immer wieder ausgelichtet, damit die Bäume beim „Tree-Skiing“ für den Naturslalom im perfekten Abstand zueinander stehen. „Wer sich auskennt, findet auch Tage nach dem letzten Neuschnee noch unverspurte Flächen“, verspricht Shawn. Die Wälder in der Timber Bowl, der Currie Bowl und den tieferen Lagen der Lizard Bowl sind erstklassig. Wer auf der Suche nach offenen Steilhängen ist, geht in das Lieblings-Areal des Grizzlys, in die Cedar Bowl, hoch hinauf an den Polar Peak oder in den oberen Teil der Lizard Bowl.

IMG_8837-Fernie-Fotos. Die Frau auf den Fotos ist die Autorin Brigita Krieger - der Mann dieser Shawn Clarke aus der Story.’

Fernie ist was für gute Skifahrer, sie werden von dem Ski-Ort regelrecht angezogen. Die Schickimicki-Fraktion ist da völlig fehl am Platz. Entsprechend locker geht es in den Kneipen und Restaurants zu. Fernie ist deutlich günstiger als Banff oder Whistler, ohne schlechter zu sein. „Gourmets halten unser Yamagoya sogar für eines der besten Sushi-Restaurants in British Columbia“, erzählt Shawn. Auch die Steaks in der Fernie Cattle Company sind top. Die Après-Ski-Schuppen Griz Bar im Ski Village und das Brick House an der Main Street sind Skifahrern in ganz Kanada ein Begriff.

Fernie ist eine echte Ski-Town mit Seele und viel Charme. Es ist ein idealer Ausgangspunkt für einen Roadtrip auf dem sogenannten Powder Highway, der in BC einige der besten Skiresorts, Cat- und Heliskiing-Orte verbindet. In Sachen Heliskiing befinden wir uns in Fernie in einer der legendärsten Gebiete Kanadas.

Hans Gmoser hat das Heliskiing in Golden, der Wiege der luxuriösesten Form des Skifahrerns, im Jahr 196 erfunden und sich mit seiner Firma Canadian Mountain Holidays (CMH) die Rosinen rausgepickt. Einige der besten Heliskiing-Areale in den Rocky Mountains konnte er sich sichern. Der Österreicher baute mit der Bugaboos Lodge die weltweit erste Heliskiing-Lodge mitten in die unberührte Wildnis „Die Bugaboos sind unser am besten erschlossenes Gebiet“, sagt Lodge-Manager Dave Cochrane. Die Purcell- und Selkirk-Mountains bieten ein beeindruckendes Panorama und herrliche Bedingungen zum Heliskiing. Die riesigen Gletscher werden von mächtigen Gipfeln eingerahmt und bieten zwischen 1370 und 3050 Meter schier unendlich viel Gelände. Ob bei der Herausforderung Tree-Skiing oder bei Genussabfahrten auf den breiten Gletschern, die Suchtgefahr ist enorm. Einer Gruppe von nur 44 Skifahrern steht ein Areal von 1053 Quadratkilometern zur Verfügung. Maximal elf Gäste bilden eine Helikopter-Gruppe.

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Sicherheit gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Lodge-Betreiber. Noch bevor es die erste Mahlzeit gibt, geht es zum Sicherheitstraining. In den Heli ein- und aussteigen, das Verhalten im Notfall, alles wird detailliert besprochen und geübt. Doch auch trotz der höchsten Sicherheitsstandards, wie sie bei CMH und den anderen kanadischen Heliskiing-Anbieter üblich sind, das Restrisiko eines Lawinenabgangs aber bleibt immer bestehen. Jeder Teilnehmer muss das Verhalten nach einem Lawinenabgang verinnerlicht haben, sonst ist die Gefahr für die gesamte Gruppe zu hoch.

Bereits am Anreisetag beginnen die Teilnehmer sich mit dem Terrain und dem Heli vertraut zu machen und können sich auf kurzen Runs einfahren, um gewappnet zu sein für das große Abenteuer Heliskiing. Die ersten Schwünge im knietiefen Schnee sind für viele noch ungewohnt, auch wenn die kostenlos bereitgestellten Powderlatten den Tanz durch den Pulverschnee enorm vereinfachen. Mit den breiten „Fat Ski“ schwimmt man förmlich auf dem Schnee auf.

Wer in den wahren Genuss des Heliskiing kommen will, sollte mindestens drei Tage in der Lodge einplanen. Bei den meisten hat sich nach dem zweiten Tag die Nervosität erst so richtig gelegt, die ungewohnt breiten Ski gehorchen immer besser und die Schwünge werden rhythmischer. „Mit diesen Brettern ist das Fahren purer Genuss“, sagt Edgar Isermann. Der ehemalige Richter ist nicht zum ersten Mal beim Heliskiing in Kanada, doch nach jedem Run ist er immer wieder fasziniert. „Der Schnee macht süchtig. Mit jedem Schwung tauchst du ein wie in ein Daunenbett“, berichtet Isermann. Allein die Flüge im Helikopter seien schon fantastisch. „Und wenn einen der Heli dann auf einem Gipfel irgendwo im Nichts absetzt, wieder wegfliegt und dann plötzlich absolute Stille herrscht, ist das schon unvergesslich“, erzählt der 68-Jährige.

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Exklusiver als Heliskiing geht es kaum, zumindest nicht im Wintersport. Je kleiner die Lodges und je kleiner die Gruppen sind, desto größer ist der Spaß. „Das Grandiose beim Heliskiing ist, dass du auch Tage nach dem letzten Schneefall immer noch jede Abfahrt im unberührten Powder fahren kannst“, erklärt Powder-Guide Shawn. Er hat in Fernie schon hunderte Heliskiing-Novizen fit gemacht für ihr großes Abenteuer. Shawn ist nicht verwundert darüber, dass so viele Europäer nach Kanada kommen zum Skifahren. “Der trockene Pulverschnee, das Heliskiing und dieses riesige Land mit so wenigen Menschen und so viel unberührter Natur“, listet der Skilehrer auf. Und auch die Tiere dürfen in dieser Liste nicht fehlen. In Fernie findet man Elche, Rehe, Stachelschweine, Füchse und mit ganz viel Glück auch mal einen Grizzlybären.

Text: Lukas Scheid und Brigita Krieger
Fotos: Bernhard Krieger

Kanada: World Pride in Toronto. Stolz aufs Anderssein als Botschaft

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Im Gedenken an den Aufstand Homosexueller gegen Polizeiwillkür und Diskriminierung in der New Yorker Christopher Street im Juni 1969 feiern heute Schwule, Lesben und Transgender in der ganzen Welt ihr Anderssein mit Parties und Paraden. An diesem Wochende (19./20. Juli) etwa in Bielefeld, Frankfurt, Leipzig, München, Rostock, Trier, am nächsten Wochenende (26./27. Juli) unter anderem in Braunschweig, Duisburg, Mainz und Stuttgart, am ersten Augustwochenende in Bonn, Essen, Hamburg, Nürnberg, Ulm, Wiesbaden (weitere Termine unter www.queer-travel.net).

Als eine der homofreundlichsten Städte der Welt gilt Toronto. Als Gastgeberin des World Pride 2014 (vom 20. bis 29. Juni) hat die kanadische Multikulti-Metropole diesem Ruf alle Ehre gemacht. Weltreisejournal-Autor Carsten Heinke war live dabei.#

C.Heinke, Toronto Pride

Bäcker färben ihre Kekse bunt, Floristen ihre Blumen. Textilgeschäfte hängen ihre Sachen dem Farbenspektrum nach. Der CN-Tower wird nachts damit beleuchtet. Regenbogen, so weit das Auge reicht. Als Fahne, auf Plakaten, Werbetafeln, T-Shirts, Kinderwagen… Selbst im Schaufenster des Kebab-Ladens wirbt das internationale Symbol der Homosexuellen für Toleranz und sexuelle Freiheit.
Wenn die Schwulen und Lesben in Kanadas größter Metropole allsommerlich ihren Pride feiern, feiert mittlerweile die ganze Stadt. In diesem Jahr kamen besonders viele Gäste, denn Torontos 34. Gay-Festival war zugleich der vierte „World Pride“, der nach Rom (2000), Jerusalem (2006) und London (2012) erstmalig in Amerika stattfand. Weit über eine Millionen Besucher zählte das zehntägige Mammut-Event Ende Juni in Toronto. Ermöglicht wurde es durch eine starke politische Lobby, zahlreiche Sponsoren sowie mehr als 2.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer.
C.Heinke, Toronto Pride „Kanada gehört seit langem zu den homofreundlichsten Ländern der Welt. 2005 war es nach den Niederlanden, Belgien, dem US-Staat Massachusetts sowie Spanien weltweit einer der ersten Staaten, der die Ehe von Schwulen und Lesben gesetzlich erlaubte. Toronto, von dessen zweieinhalb Millionen Einwohnern mehr als 350 000 homosexuell sind, hat viel Erfahrungen mit schwul-lesbischer Alltagskultur“, weiß Michele Simpson von Tourism Toronto.
Seit vielen Jahren wirbt die Vielvölkermetropole mit dem Slogan „As gay as it gets!“ (etwa: „So schwul wie‘s geht!“) ganz gezielt auch um Touristen mit gleichgeschlechtlicher Lebensweise und setzt damit international Maßstäbe für eine offenere und tolerantere Gesellschaft.
„Toronto ist ein Vorbild in der Akzeptanz der Verschiedenartigkeit der Menschen“, sagte die in Hongkong geborene chinesisch-kanadische Stadträtin Kristyn Wong-Tam bei der Eröffnungszeremonie. Wie auch Ontarios Premierministerin Kathleen Wynne ist sie eine offen lesbisch lebende Politikerin, die die politische Forderung nach Gleichberechtigung durch ihr persönliches Vorbild unterstützt.

LGBTTIQQ2SA

Etwas zu gut gemeint war allerdings der eigens für den Torontoer World Pride kreierte, politisch absolut korrekt sein wollende Begriff für die Zielgruppen des Festivals: „LGBTTIQQ2SA“, bei dem sich selbst Frau Wong-Tam verhaspelte. Das unaussprechliche Konstrukt aus den Anfangsbuchstaben (bzw. -ziffern) der englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual, Transgender, Intersex, Queer, Questioning (für „drittes Geschlecht“), 2-Spirits und Allies (Verbündete) bestand den Praxistest nicht. Keiner der Rednerinnen und Redner brachte das verbale Monstrum fehlerlos und fließend über die Lippen.

Die Braut gibt der Braut das Jawort, der Bräutigam dem Bräutigam

Das Casa Loma ist Torontos Märchenschloss. Kein anderes Bauwerk in Kanadas größter Metropole steht bei Romantikern so hoch im Kurs wie dieser hundertjährige Bau mit seinen verspielten Mittelalter-Fassaden. Verliebte zieht er magisch an, scheint sie zu Treueschwüren zu ermuntern.C.Heinke, Toronto Pride

Wie so oft wird auch an diesem Bilderbuch-Sommertag im Casa Loma geheiratet. Doch diese Hochzeit ist anders – und das nicht nur, weil sich 110 heiratswillige Paare auf einmal das Jawort geben werden.
Sie tummeln sich im Garten, halten Händchen, küssen sich, spülen die sichtbare Aufregung mit Sekt hinunter. Sie tragen topmoderne oder altmodische Kleider, kurze Röcke, lange Hosen, Anzug oder Frack, in Weiß, Schwarz oder schreiend bunt. Auf Schritt und Tritt dabei: ein ganzer Pulk von Presseleuten. Statt ihnen auszuweichen, beantworten die Hochzeitskandidaten ihre Fragen und posieren bereitwillig für Zeitungsfotos.

C.Heinke, Toronto, im Park der Casa Loma
Das öffentliche Interesse ist gewollt. Denn hier haben sich nicht nur ungewöhnlich viele Paare aus aller Welt zu einer gleichzeitigen Vermählung zusammengefunden, sondern hier gibt – sofern sich die künftigen Eheleute einem Geschlecht zuordnen – die Braut einer anderen Braut das Jawort und der Bräutigam einem anderen Bräutigam.
„Unsere Hochzeit ist zugleich eine der größten Massentrauungen nicht-heterosexueller Paare. Es ist eine Botschaft an die Welt – insbesondere an die Länder, die ihren Menschen dieses Recht noch vorenthalten“, sagt die vor Freude strahlende Sydney Downey, eine junge Frau in weißem Hemd und Schottenrock. Mit ihrer Partnerin Laura Gillen, die ein klassisches weißes Brautkleid trägt, ist sie seit acht Jahren liiert.
Gleich werden die beiden Kanadierinnen ein Ehepaar sein – ebenso wie Colin Gunther und Richard Laslett aus Australien, Inae Lee aus Südkorea und Jenny Chang Ho aus Venezuela, Mareks Lindbergs aus Lettland und Felipe Mendes aus Brasilien und viele mehr. Zu den ältesten zählen der Frankokanadier Gerard Pouliot und der Tscheche Petr Rejcha, die sich vor 41 Jahren ineinander verliebten und seitdem ein Paar sind.

C.Heinke

Da alle unterschiedlichen Glaubensbekenntnissen angehörten, wurde die Trauzeremonie von Vertretern zwölf verschiedener Religionsgemeinschaften vollzogen – neben christlichen auch jüdische, muslimische, buddhistische und sikhistische Geistliche sowie der Stammesälteste eines kanadischen Ureinwohnervolkes. Die Leitung hatte Dr. Brent Hawkes, Pfarrer an der Metropolitan Community Church of Toronto. Mit einer faktisch illegalen Hochzeitszeremonie für zwei gleichgeschlechtliche Paare im Jahre 2001 gehört der langjährige Schwulenaktivist im Priestergewand zu den Wegbereitern der Homoehe in Nordamerika.

Programm von Party bis Politik

Neben zahllosen Parties, Straßenfesten und Konzerten, Ausstellungen und Filmen bot das Programm des World Pride auch politische Inhalte. Auf einer Menschenrechtskonferenz, die in Kooperation mit dem Mark S. Bonham Zentrum für Studien zu sexueller Diversität an der Universität Toronto durchgeführt wurde, diskutierten politische Aktivisten, Juristen, Wissenschaftler und Politiker aus der ganzen Welt über die Rechte Homosexueller. Im Vordergrund standen dabei menschenverachtende Gesetze und alltägliche homophobe Gewalt – besonders in afrikanischen und arabischen Ländern sowie in Osteuropa, Russland und Zentralasien.

TorontoPrideKostuem-HEINKEAuch die drei großen Umzüge hatten mehr als bloßen Spaß im Sinn. Trans March, Dyke March und Grand Parade setzten unter dem Motto „Wir marschieren für die, die es nicht können“ Signale für die Rechte sexueller Minderheiten. Viel unterstützenden Jubel erhielten besonders die mutigen Vertreter aus Ländern, in denen Homosexualität mit Gefängnis, körperlicher Züchtigung oder gar mit dem Tode bestraft wird. Für berührende Momente sorgte etwa auch PFLAG, die Vereinigung von Eltern homosexueller Kinder mit Plakaten wie: „Ich liebe meinen schwulen Sohn!“

Mehr als 12.500 Teilnehmer und insgesamt 285 Motivwagen zählte die fünf Stunden dauernde Große Parade von Torontos legendärem „Gay-Village“ Church-Wellesley über die Yonge Street bis zum Yonge-Dundas-Square, Höhepunkt und Abschluss eines überwiegend beispielhaften Events, dem – man mag es glauben oder nicht – nach einem kurzen Schauer mit Sonnenschein ein echter Regenbogen folgte. Hier und da ging dem Veranstaltungsmarathon mal die Luft aus – etwa wenn mehr Leute draußen Schlange standen, als drinnen Platz zum Feiern hatten oder wenn ein Veranstalter vergaß, dass viele Leute auch viel trinken… Trotz allen Frohsinns, trotz Massenhaftigkeit ließ dieser World Pride nicht vergessen, dass erst ein kleiner Teil der Menschen, die anders lieben, das auch offen zeigen kann.

TorontoPrideWagen-HEINKEText und Photos: Carsten Heinke

Kanada: Den magischen Polarlichtern auf der Spur

“Nanahboozho erschuf die Welt und die Menschen. Nachdem er sein Schöpfungswerk vollbracht hatte, zog er nach Norden. Doch bevor er die Menschen verließ, versprach er, sich immer um sie zu kümmern und sie auf ihrem irdischen Weg zu begleiten. Als ein Zeichen seines Schutzes wollte er von Zeit zu Zeit Flammen entzünden, deren Spiegelungen den Himmel zum Leuchten bringen würden”.

So erklären sich die kanadischen Indianer seit jeher den Ursprung des Polarlichtes, das sie fast jede Nacht am Winterhimmel beobachten können. Der leuchtende Nachthimmel wurde für sie nie zur profanen Alltäglichkeit, Aberglauben, Angst und ehrfürchtiges Staunen begleiteten das Nordlicht zu allen Zeiten, denn mit irdischen Maßstäben war es Jahrtausende lang nicht zu erklären.

Nicht nur für die kanadischen Indianer, sondern für alle Naturvölker im hohen Norden ist der flammende Nachthimmel ein fester Bestandteil ihres Lebens und damit auch untrennbar mit ihrer Mythologie verbunden. Besonders häufig wird das Nordlicht mit den Verstorbenen in Verbindung gebracht. Die kanadischen Eskimos sehen im Polarlicht die Fackeln der Götter, die die Seelen der Verstorbenen ins Paradies geleiten; die Samen glauben, dass die kämpfenden Geister von Ermordeten für das Lichtphänomen am Himmel verantwortlich sind. In Finnland ist es ein Fabelwesen, der Fuchs Repu, der mit seinem Schwanz Schneeflocken aufwirbelt, die dann den Himmel mit glitzerndem Licht überziehen.

Sonnenwind statt Fackeln der Götter

Die Wissenschaft hat sich viel Mühe gegeben, das Nordlicht von Mythen, Aberglauben und Übersinnlichem zu befreien. Mit Erfolg, denn heute weiß man, dass die Farbenspiele, die wir auf der Erdoberfläche beobachten, nur das Ergebnis einer Begegnung des Sonnenwindes mit den Gasen der Erdatmosphäre in einer Höhe zwischen 100 und 300 Kilometern sind. Der Sonnenwind ist ein stetiger Partikelstrom aus negativ geladenen Elektronen und positiv geladenen Protonen, der mit durchschnittlich 1000 km pro Sekunde von der Sonne ausgestoßen wird. Die geladenen Teilchen des Sonnenwindes kommen bei ihrer Reise durch das All mit dem Magnetfeld der Erde in Berührung und werden zu den geomagnetischen Polen umgeleitet. Hier kommt es dann zum Zusammenstoß mit dem Sauerstoff und Stickstoff der Erdathmosphäre, wobei ein Teil der Energie in Licht umgewandelt wird.

Der Sonnenwind weht aber nicht mit konstanter Stärke, sondern unterliegt ähnlichen Schwankungen wie der Wind auf der Erde. Werden die Sonneneruptionen stärker, wächst sich der Sonnenwind zum Magnetsturm aus, was durchschnittlich alle 11 Jahre passiert. Warum sich die Sonne auf diesen 11-Jahres-Rhythmus eingependelt hat, ist bis heute ein Rätsel. Für 2012 scheint sich wieder ein Maximum anzukündigen, also gute Chancen viele Nordlichter zu beobachten.

Nordlichter sind nicht auf den äußersten Norden Skandinaviens beschränkt. Auch in Mitteleuropa können sie durchschnittlich fünfmal im Jahr beobachtet werden. Voraussetzung ist allerdings ein absolut dunkler und sternenklarer Himmel. Im Mittelmeerraum sind sie ein äußerst seltenes Ereignis, das vielleicht alle 10 Jahre nach außerordentlich starken Sonnenaktivitäten zu beobachten ist.

Auf dem 60. Breitengrad, also in Oslo, Helsinki oder Leningrad, sind die Chancen, Nordlichter zu sehen schon recht gut. Weiter oben im Norden verbessern sich die Chancen noch einmal ganz erheblich, allerdings nur bis zum 80. Breitengrad. Zwischen diesen Breitengraden erscheinen sie am häufigsten, die Farben leuchten am intensivsten und ihre Formenvielfalt ist am ausgeprägtesten. Nördlich des 80. Breitengrades nimmt ihre Häufigkeit dann wieder ab, und in der Nähe des Nordpols sind sie äußerst selten.

Christian Nowak

 

Kanada: Auf der Suche nach dem König der Arktis

Jedes Jahr im Oktober wird der kleine Ort Churchill zur Touristenattraktion wenn die Eisbären vor der Stadt auf das Zufrieren der Bay warten. Für ein paar Wochen müssen Menschen und Bären dann miteinander auskommen, ohne sich gegenseitig umzubringen.

Langsam setzt sich der Zug in Bewegung und der Bahnhof von Winnipeg bleibt zurück. Für die nächsten 35 Stunden wird der Zug gemächlich über die auf dem Permafrostboden verlegten Gleise holpern. So lange dauert die Fahrt gen Norden bis zur Endstation Churchill an der Hudson Bay. Stunde um Stunde geht die Reise durch endlose Weizenfelder, die, dünn mit erstem Oktoberschnee überzogen, nicht von riesigen zugefrorenen Seen zu unterscheiden sind. Auf dem Weg nach Norden werden die Bahnhöfe immer seltener, sie sind die letzten Anzeichen einer spärlichen Besiedlung.

Polar Bear Alert

Churchill ist ein kleiner Außenposten der menschlichen Zivilisation in der kanadischen Tundra. Schon im Oktober ist es hier bitterkalt, die Hudson Bay wirkt wie ein riesiger Kühlschrank, bei dem jemand die Tür offen gelassen hat. Auch zu dieser Jahreszeit sind Schneestürme, die einem den Atem gefrieren lassen, keine Seltenheit. Aber wer hier lebt, hat sich mit dem extremen Klima arrangiert. Dick vermummt laufen die Menschen durch die Straßen, machen ihre Einkäufe oder besuchen Freunde. Ein paar Autos und Schneemobile sorgen für Leben auf den Straßen. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass hinter den letzten Häusern das Reich der Polarbären beginnt. Nur die giftgrünen Schilder mit der Aufschrift Polar Bear Alert warnen überall eindringlich davor, die Umgebung der Stadt zu Fuß zu erkunden. Und dann sind da noch die Bärenfallen hinter dem Gemeindezentrum, die vermuten lassen, dass ab und an mal ein Bär vorbeischaut.

Im Bärenland

Auf einer der wenigen Straßen gehr es einige Kilometer aus Churchill heraus bis zur Forschungsstation, wo einer der ortskundigen Bärenführer bereits wartet. Er soll uns mit seinem Tundra-Buggy sicher ins Bärenland bringen. Sein Buggy ist ein sonderbares Gefährt Marke Eigenbau. Über riesigen, grobstolligen Reifen thront ein Kleinbus mit Platz für ungefähr zehn Touristen. Die Konstruktion hat sich seit vielen Jahren bewährt, denn sie ist äußerst geländegängig und so robust, dass sich selbst ein ausgewachsener Eisbär daran die Zähne ausbeißt.

Nach einigen Kilometern querfeldein durch die menschenleere Tundra, bricht im Bus plötzlich Nervosität aus: Der erste Bär ist gesichtet worden. Langsam nähert sich ein ausgewachsener männlicher Eisbär mit gelblichweißem Fell dem Tundra-Buggy. Das imposante Tier nimmt keine Notiz von uns und trottet mit hängendem Kopf weiter, seine mächtigen Vorderpranken bei jedem Schritt nach innen drehend. Dann taucht ein Muttertier mit zwei Jungen im Schlepptau auf. Auch sie ziehen ganz gemächlich durch die Winterlandschaft. Wir halten an und hoffen auf die Neugier der Tiere.

Wie erwartet zieht das seltsame Gefährt die kleine Bärenkarawane magisch an. Den Kopf erhoben, die Nase im Wind, kommen sie langsam näher. Erst werden die Reifen inspiziert, dann beschließt die Bärenmutter einen Blick auf die Insassen zu werfen. Sie richtet sich auf und schaut uns direkt in die Augen. Die Bärin hat wahrscheinlich mit ihrer feinen Nase schon von weitem unsere Brote gerochen, aber sie macht keine Anstalten, sich eine Extraration zu sichern. Statt dessen rollt sie sich am Vorderreifen zusammen und bildet mit ihren Jungen ein weißes Fellknäuel.

Kampf der Giganten

Ein ganz besonderes Schauspiel sind kämpfende Eisbären. Immer wieder ziehen einzelne Bären gemächlich durch die weiße Tundra, andere liegen im Schnee und verschlafen den Tag. Plötzlich nähert sich ein Bär und fordert einen der Faulenzer heraus. Zunächst gibt es nur ein Tatzengeplänkel und eine spielerische Beißerei. Aber dann folgt der eigentliche Ringkampf. Beide Eisbären richten sich zu voller Größe auf, stehen einige Sekunden regungslos auf den Hinterbeinen und verhaken sich dann wie schwergewichtige Ringer mit den Vorderpfoten ineinander. Jeder drückt, schiebt und stößt aus Leibeskräften und versucht dabei, den Kontrahenten auch noch zu beißen.

Zwar laufen die Bewegungen wie in Zeitlupe ab, trotzdem keuchen die schweren Tiere vor Anstrengung. Bei diesem Zweikampf der aufgerichtet fast drei Meter großen Eisbären geht es nicht um Schnelligkeit, sondern Kraft ist gefragt. Nach einigen Sekunden lassen sie sich, noch immer ineinander verkeilt, in den Schnee sinken. Zum Finale beißen sie sich noch in Ohren und Nacken, wobei die Vorderpranken ineinander verschlungen bleiben. Dann ist die Auseinandersetzung plötzlich zu Ende. Die Kontrahenten gehen jetzt entweder wieder getrennte Wege, oder sie legen sich erschöpft nebeneinander in den Schnee und sammeln Kräfte für die nächste Runde. Zu dieser Jahreszeit tragen die Bären nur spielerische Gefechte aus, ernsthafte Verletzungen kommen dabei so gut wie nie vor. Wahrscheinlich sind es nur Trainingseinheiten für die Auseinandersetzungen während der Paarungszeit, während der die Männchen hemmungslos übereinander herfallen und sich dabei regelmäßig schwere Verletzungen zufügen.

Auf Nahrungssuche

Schon seit Jahrhunderten wandern die Bären im Herbst an der Küste der Hudson Bay nach Norden. Wenn es nach den Eisbären ginge, würden sie das ganze Jahr über auf dem Eis der Bay verbringen. Aber im Juli wird die Eisdecke dünn und zerbricht in große Schollen. Auf diesen Eisinseln treiben die Tiere dann in Richtung Süden. Irgendwann schließlich schmilzt ihnen auch noch das letzte Stückchen Eis unter den Füßen weg, und Ursus maritimus, der Meeresbär, wird auf Landurlaub geschickt.

Einige Tiere überrascht der arktische Sommer noch weit draußen auf der Bay, aber dann schwimmen sie mal eben die letzten 100 Kilometer bis zur Küste. Abgeschnitten von ihrer Lieblingsspeise, den Bart- und Ringelrobben, verbringen sie einen faulen Sommer und zehren von ihren Speckpolstern. Erst wenn es im September kälter wird, machen sich die Eisbären wieder auf den Marsch in Richtung Norden. Mitte Oktober sind dann einige hundert Tiere zielstrebig in Richtung Churchill unterwegs. Eigentlich scheren sie sich wenig um den Ort oder die Menschen, ihr Instinkt treibt sie dorthin, wo die Bay am ehesten zufriert. Sie haben genug von der sommerlichen Nulldiät und wollen so schnell wie möglich zurück aufs Eis, um den Robben an deren Atemlöchern aufzulauern.

Als Churchill noch aus einer Handvoll Hütten bestand, gab es kaum Probleme mit den Bären. Während der sechs gefährlichen Wochen im Herbst arrangierten sich die Menschen mit den Tieren, gefährliche Begegnungen waren selten. Erst als Churchill immer größer wurde, immer mehr Stadtmenschen in die Wildnis zogen und obendrein der Eisbärentourismus in Schwung kam, nahmen die Probleme zu. Besonders die wachsenden Müllberge, die vor den Toren der Stadt entstanden, waren eine unwiderstehliche Attraktion für die ausgehungerten Tiere. Für sie war das Wühlen in den Abfällen nach der langen Fastenzeit wie eine Stippvisite im Schlaraffenland. Der Duft lockte immer mehr Hungrige Bären an und im November 1968 wurden an einem Tag 40 ungebetene Gäste auf der Müllkippe gezählt.

Von Bären und Menschen

Die majestätischen Tiere mit dem seidig glänzenden Fell waren zu völlig verdreckten Stadtneurotikern verkommen, die in brennenden Abfallhaufen herumstöberten. Der König der Arktis bot ein jämmerliches Bild. Aber sie waren die Sensation für Sonntagsausflügler in ihren Autos, wurden provoziert und gefüttert. Die Zwischenfälle häuften sich. Die Bären gewöhnten sich an die Menschen, blieben aber weiterhin gefährlich. Selbst verschlossene Gebäude waren vor ihnen nicht sicher, und Polarbären, die seelenruhig durch die Straßen von Churchill trotteten, waren nichts Außergewöhnliches. Immer wieder wurden Menschen angegriffen, was manchmal sogar tödlich endete.

Da die Bewohner nicht auf den zunehmenden Eisbärentourismus verzichten wollten, der eine einträgliche Einnahmequelle war, musste das Zusammenleben von Bären und Menschen organisiert werden. Also wurden Spielregeln festgelegt, zu deren Einhaltung man die Bären allerdings zwingen musste. Dafür sorgt die Eisbärenpolizei. Sie hat die Aufgabe, die Bären von der Stadt fernzuhalten. Andererseits darf im Oktober und November niemand das Stadtgebiet zu Fuß verlassen.

Mit Allradfahrzeugen kontrollieren die Gesetzeshüter die neuralgischen Punkte. Mittlerweile gibt es eine 20 Kilometer breite Sicherheitszone um das Stadtgebiet. Sie besteht aus einem engmaschigen Netz von Bärenfallen, Fußschlingen oder großen Wellblechröhren, in denen Seehundköder liegen. Mehrmals täglich kontrolliert eine Patrouille die Fallen um gefangenen Tieren allzu großen Stress zu ersparen. Hat sich ein Eisbär vom Seehundköder anlocken lassen, und sitzt in der Falle, wird er betäubt und landet im Eisbärengefängnis.

Im Eisbärengefängnis

Der Arrest für uneinsichtige Eisbären ist eine fensterlose Wellblechröhre und ähnelt einem alten Flugzeughangar. Nur das kleine Schild Polar Bear Jail am Tor gibt Aufschluss über die Insassen. In dem Schuppen haben bis zu 20 Tiere Platz. Jeder Kandidat kommt in Einzelhaft, damit sie nicht übereinander herfallen, sich verletzen oder sogar zerfleischen.

Heute sollen Bären ausgeflogen werden. Wir warten vor dem Eisbärengefängnis auf den Hubschrauber, der schließlich in einem gewaltigen Schneegestöber auf dem Platz vor der Wellblechröhre landet. Die Beamten der Eisbärenpolizei mögen es überhaupt nicht, wenn man ihnen bei der Arbeit zuschaut. Mit mürrischen Gesichtern versuchen sie immer wieder Schaulustige fernzuhalten. So ist auch kein Blick in das dunkle Innere des Polar Bear Jail zu erhaschen.

Die offizielle Begründung lautet: Die Tiere sollen so wenig wie möglich gestört werden. Bei den Einheimischen aber hält sich hartnäckig das Gerücht, dass einige Könige der Arktis in einem schlechten Zustand und nicht vorzeigbar sind. Die mächtigen Tiere sind während der ganzen Prozedur bei vollem Bewusstsein und schauen die Beobachter mit großen Augen an. Nur ihre Muskeln sind nach einem Schuss aus dem Betäubungsgewehr zu keiner Bewegung mehr fähig. Vor dem Abflug nimmt man ihnen noch Blut ab, und sie bekommen auf die Innenseite der Oberlippe eine grüne Markierung. Anhand dieser Tätowierung lassen sich Wiederholungstäter leicht identifizieren, zum anderen kann man so mehr über ihre Wanderungen im Laufe der Jahre erfahren.

Die ausgewachsenen Eisbären werden auf einem Wagen heraus gefahren und vor dem Gefängnis auf ein Netz gelegt. Die Jungen werden unter den Vorderpfoten gefasst und wie große, weiße Kuscheltiere getragen. Jeweils zwei bis drei Bären kommen in ein Netz, das dann unter den Hubschrauber gehängt wird. Der Pilot bringt sie dann 50 bis 100 Kilometer nach Norden über den noch nicht zugefrorenen Churchill River, um ihnen den Rückweg zu erschweren.

Nach dem kurzen Flug setzt er die Tiere an der Hudson Bay aus. Anfangs torkeln sie noch benommen über das Eis, aber in der Regel erholen sie sich schnell von der Verbannung. Vielleicht ist der Aufenthalt in einem dunklen Wellblechschuppen nicht gerade angenehm für den König der Arktis, der gewohnt ist, in unendlicher Weite und Freiheit umherzustreifen, aber früher bezahlte er die Begegnung mit Menschen oft mit dem Leben. Denn in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zieht der Bär bei solchen Zwischenfällen den Kürzeren.

Friedliche Koexistenz

In Churchill leben heute Eisbären und Menschen relativ friedlich nebeneinander. Die Zeiten der vor Schmutz starrenden Bären, die in brennenden Abfällen stöbern sind vorbei. Heute wird kein Bär mehr in der Nähe der Deponie geduldet. Selbst die Wissenschaftler haben bei ihrem Studium der Lebens- und Wandergewohnheiten der Polarbären ihre Eingriffe auf ein Minimum reduziert.

Früher wurden den Bären regelmäßig Plastikknöpfe in die Ohren gedrückt, oder sie bekamen eine große Nummer auf den Rücken gemalt, damit man sie schon vom Hubschrauber aus identifizieren konnte. Viele liefen im Dienste der Wissenschaft auch jahrelang mit einem Radiosender um den Hals herum. Für die Wissenschaft waren die gewonnenen Erkenntnisse sicher wichtig, für ein ungestörtes Bärenleben sicher nicht.

Vielleicht haben auch die vielen Naturfotografen, die jeden Herbst nach Churchill kommen, diese Einsicht beschleunigt, denn wer bringt schon gerne Eisbärenfotos mit nach Hause, auf denen der König der Arktis eine große Nummer auf dem Rücken und um den Hals einen Radiosender trägt. Auch nach mehreren Wochen im Eisbärenland und viel Zutrauen zur Eisbärenpolizei ist es immer noch ein komisches Gefühl nachts durch die Straßen des Ortes zu gehen. Man geht unwillkürlich in der Mitte der Straße, macht einen großen Bogen um die Eisbärenfalle hinter dem Gemeindezentrum und achtet auf jeden Schatten.

Christian Nowak

 

Kanada: Angeln für Einsteiger

Angeln in Kanada

Fette Beute im hohen Norden

In den einsamen Seengebieten des kanadischen Nordwestens ist Angeln auch für Einsteiger ein ganz besonderes Erlebnis

Als ich das letzte Mal eine Angel in der Hand hielt, war ich acht Jahre alt und kannte lebende Fische nur aus dem Aquarium. Ich machte mit meinen Eltern Urlaub an einem Waldsee in Ostdeutschland. Mein Vater zeigte mir, wie man aufgeweichte Brotkrumen an einem Haken befestigt und den selbstgebastelten Köder ins Wasser wirft. Jetzt müssen wir nur noch warten, sagte er. Wirst schon sehen, macht Spaß, das Fischen.

Bestimmt zwei Stunden lang schaute ich nahezu regungslos aufs Wasser. Spaß machte das nicht gerade. Die Fische bissen einfach nicht an. Ich langweilte mich. Bis es plötzlich an der Strippe zuckte und ruckelte. Ich hatte eine Bachforelle an der Angel. Toll, dachte ich, als ich sie an Land zog. Und nun? Musst du sie töten, sagte mein Vater. Er reichte mir einen Holzknüppel, mit dem ich das zappelnde Ding erledigen sollte. Auf einmal tat mir der Fisch irrsinnig leid. Ich packte ihn an seinem glitschigen Körper – und warf ihn zurück in den See. Aus dem Jungen wird nie was, muss mein Vater in dem Moment gedacht haben.

Rund 20 Jahre ist das nun her, und doch fällt mir die Geschichte ein, als ich mit meinen drei Mitreisenden an einem verhangenen Nachmittag im August auf einen Angelkutter klettere. Wir befinden uns in Yellowknife, einer ehemaligen Goldgräberstadt, umgeben von den Wäldern und Seen der Nordwest-Territorien Kanadas. Der ostdeutsche Urlaubsort meiner Kindheit liegt über 6.500 Kilometer entfernt, die Erinnerung an mein erstes Angelerlebnis ist verblasst. Die Skepsis aber ist geblieben: Was um Himmels Willen soll am Fischen bloß so toll sein?

„Das ist fast wie Meditation“, erklärt Carlos Gonzalez, unser Steuermann und Guide, während er den Motor anlässt. „Beim Angeln kannst du alle Sorgen vergessen.“ Einfach abschalten, die Stille genießen, Vögel beobachten – seit er vor 32 Jahren mit seinen Eltern hierher gezogen ist, geht Carlos mehrmals die Woche aufs Wasser. Manchmal sieht der 52-jährige Spanier mit dem grauen Stoppelbart und den vom rauen Klima geröteten Wangen auch Adler über den See gleiten. „Ein tolles Schauspiel“, sagt er.

Carlo Gonzales

Carlo Gonzales zeigt wie es geht

Wir lassen Yellowknife hinter uns und fahren auf den Great Slave Lake, den fünftgrößten See Nordamerikas. Es weht ein frischer Wind, wir ziehen die Reisverschlüsse unserer olivegrünen Regenanzüge bis unters Kinn. Vereinzelt begegnen wir Cabins, fest verankerten Hausbooten mit begehbarer Veranda. Einige sind knallrot, andere in dunklen Blautönen gestrichen. In ihnen verbringen die Stadtbewohner ihre Wochenenden.

Je länger wir unterwegs sind, desto karger wird die Landschaft um uns herum. Unser Weg schlängelt sich an grünbewachsen Inseln vorbei, am Horizont reihen sich schmale Fichten und Kiefern wie aufgesteckte Streichhölzer aneinander. „Wegen der kurzen Sommer wachsen die Bäume hier nicht besonders üppig”, sagt Carlos. Die Weite des kanadischen Nordens übt eine ungewohnte Ruhe auf uns aus. Obwohl die Nordwest-Territorien etwa so groß sind wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien zusammen, leben hier gerade mal 40.000 Menschen. Hier draußen spielt die Zeit keine Rolle. Überfällige Termine und anstehende Telefonate sind wie vergessen.

Nach einer halben Stunde schaltet unser Guide den Motor aus, wir lassen uns treiben. „Lust auf eine Angelstunde?”, fragt Carlos. Klar, antworte ich. Jedes Hobby hat eine zweite Chance verdient – und einen Angelschein brauche ich hier ohnehin nicht. Er drückt mir einen der langen, spitz zulaufenden Bügel mit der metallikfarbenen Rolle in die Hand. Am Ende der gelben Angelschnur baumelt ein farbiger Blechköder, der in seiner Form an einen Schuhlöffel erinnert. Die Fische im Great Slave Lake müssen riesig sein – mit Brotkrumen kommt man hier offenbar nicht weit.

Ich schwinge den Haken erst über meine Schulter, dann mit einem Ruck in Richtung Wasser – und versuche, dabei weder meine Mitreisenden noch mich selbst zu verletzen. Der erste Versuch scheitert kläglich. Die Strippe verheddert sich, mein Köder trifft gefühlte fünf Meter vom Bootsrand entfernt ins Wasser. „Nein, nein, so nicht“, sagt Carlos und schüttelt den Kopf. Angeln sieht anders aus.

Dass Fischen aber keine schwarze Kunst, sondern durchaus schnell zu erlernen ist, erfahre ich schon nach einer halben Stunde Übung. Nach Carlos‘ Anleitung halte ich die Angel locker in der Hand, werfe den Köder in hohem Bogen über meinen Kopf. Anschließend ziehe ich ihn wieder ein, damit er unter Wasser für die bis zu 30 Kilogramm schweren Hechte und Forellen nach schwimmender Beute aussieht. Und beginne das Spiel von vorne. Gar nicht so schwer.

Über uns bricht plötzlich der Himmel auf, von Weite hören wir das Geschnatter eines Vogelschwarms. Tatsächlich, denke ich, während ich an meiner Kurbel drehe: Angeln hat etwas sehr beruhigendes.Erfolgreicher Fang

Gestört wird die Idylle, als bei einem meiner Kollegen der erste Fisch anbeißt. Ein Riesending ist das, ruft er schnaufend. Seine Angelspitze biegt sich, als würde sie gleich brechen. Carlos hilft, zieht einen riesigen Hecht ins Netz. Ein Prachtkerl. Und nun? Ich töte ihn nicht, murmle ich mit böser Vorahnung. Doch meine Befürchtungen sind ganz umsonst. Unser Motto lautet heute: „Catch and Release“. Was gefangen wird, wird kurz fotografiert – und kommt danach zurück ins Wasser.

Als wir zwei Stunden später an einer unbewohnten Insel anlegen, um über dem offenen Feuer ein Abendessen zu bereiten, ist meine Bilanz aus professioneller Sicht ernüchternd: Obwohl ich schnelle Fortschritte gemacht habe und zuletzt sogar mit dem Angeln gar nicht mehr aufhören wollte, habe ich nichts gefangen. Im Gegensatz zu meinen Mitreisenden: Mehr als fünf Fische haben sie am Haken gehabt.

Schlimm ist das für mich aber trotzdem nicht. Denn nach einem Tag auf dem Wasser fühle ich mich wie nach der Sauna: einfach rundum entspannt. Der frische Wind im Gesicht, vor einem das kräuselnde Wasser – das ist es wohl, was das Angeln ausmacht. Ein Gefühl, das besser schmeckt als jeder Fisch.

Philipp Eins  

Info:

British Airways fliegt für rund 600 Euro von Frankfurt nach Calgary und zurück. Von dort aus kann man die Nordwest-Territorien beispielsweise mit der Inlandsgesellschaft WestJet erreichen, ein Rundflug kostet rund 190 Euro.

Bei dem Anbieter Yellowknife Outdoor Adventures von Carlos Gonzalez lassen sich nicht nur Tagestouren, sondern zwischen Juni und Oktober auch dreitägige „Fishing Packages“ buchen. Darin enthalten sind neben geführten Angelrouten die Übernachtungen in einem Hotel und Verpflegung.