Venezuela: Der Angel Fall

Angel Fall, Venezuela

Venezuelas Tafelberge

Zum Abschluss meines Venezuela-Aufenthalts will ich den Angel Fall besuchen. Da hilft nur fliegen, mit dem Motorrad ist kein Durchkommen. Der höchste Wasserfall der Welt liegt mitten im Ur­wald. Endstation ist Ciudad Bolivar. Dort schlage ich seit langem Mal wieder mein Zelt auf. Schon am nächsten Tag kann ich nach Canaima in den Dschungel flie­gen, dort starten die Touren. Ich will den Last Minute-Effekt nutzen und habe deshalb nur einen Flug gebucht. Der Schuss geht aber nach hinten los, denn hier scheint es keinen Markt für Last Minute- Angebote zu geben. Ungewöhnlich, aber Realität in Canaima, so zahle ich im End­effekt genau soviel wie bei einer im Voraus gebuchten Package Tour. Dafür geht es aber gleich am Nachmittag los.

Wir fahren zuerst einige kleinere Wasserfälle in der Nähe an. Dann müssen wir ein wenig wandern und erreichen den Wasserfall El Saipa, unter dem wir durchlaufen können. Ein schö­nes kleines Abenteuer. Wir laufen nur wenige Meter von den gewalti­gen Wassermassen entfernt, die sich hier in die Tiefe stürzen. Tosender Lärm, und nass werden wir natürlich auch. Ein Deutscher hat den Weg unter dem Wasserfall per Hand in den Fels geschlagen. Er kam 1940 hierher und lebte drei Jahre im Dschungel, ganz auf sich allein gestellt. Nach der erfolgreichen Querung nehmen wir auch noch ein Bad. Dabei werde ich heftig von den Wassermassen weggedrückt und muss ganz schön paddeln, um nicht abzutreiben. Auf dem Rückweg zum Camp se­hen wir eine gefährliche Giftschlange. Glücklicherweise hat unser Füh­rer die Bedrohung gleich erkannt und wir können aus gebotener Dis­tanz Fotos machen.

Am nächsten Morgen werden wir in einen Einbaum platziert. Jetzt heißt es vier Stunden still sitzen, erst dann erreichen wir den Angel Fall. Nach der Hälfte der Strecke spüre ich meinen Rücken – kein Aus­flug für einen Menschen meiner Größe, aber die Entschädigung soll bald kommen. Vorher geht es noch über einige Stromschnellen. Selbst größere Steine umschifft unser Pilot professionell. Endlich tun sich die Tafelberge, die sogenannten Tepuy auf. Über tausend Meter hohe Fels­massive ragen aus dem dichten grünen Urwald heraus. Kleinere Was­serfalle stürzen hinab. Dann erblicke ich in der Ferne einen riesigen Wasserfall: der Angel Fall. Mit seiner Höhe, Größe und Schönheit stellt er alle anderen Wasserfälle in den Schatten. Mit 979 Metern ist er in der Tat der höchste Wasserfall der Welt.

Um seinen Fuß zu erreichen, müssen wir noch eine Stunde durch dichten Urwald laufen. Danach bietet sich uns ein atemberaubendes Bild. Nur wenige Meter von uns knallen die endlosen Wassermassen herunter. Ein leichter Regenschleier erfüllt die Luft. Einige Menschen baden am Fuße des Falls. Andere stellen sich gekonnt in Pose. Sie brau­chen noch ihr Beweisfoto für daheim. Ich lausche dem Rauschen des Wassers. Im Hintergrund zwitschern Vögel. Gerne würde ich oben auf dem Hochplateau stehen und von oben runter gucken, wie sich der Wasserfall vom Tafelberg stürzt. Doch dafür muss man zwei Wochen andern. Der Zugang ist äußerst schwierig. Diesmal nicht, aber beim nächsten Besuch, nehme ich mir vor…

Unser Leser Joachim von Loeben ist mit dem Motorrad um die Welt gefahren.  Bei uns im WeltreiseJournal erzählt er in unreglmäßigen Abständen von seinen spannendsten Erlebnissen. Die ganze Reise hat er in seinem Buch Echt mutig. Vom Banker zum Abenteurer beschrieben.