Antarktis: Impressionen vom Ende der Welt

Half Moon Insland
Die „Fram“ ankert in der halbmondförmigen Bucht von Half Moon Island, nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Die Insel erinnert an eine Caldera, ist aber nicht durch einen Vulkanausbruch entstanden. Schon vom Schiff aus sind die bizarren Felstürme der Insel, das benachbarte Livingston Island mit seinen Gletschern, die roten Häuser der argentinischen Sommerstation Teniente Camara und die Pinguinkolonien sowie einige Robben auf dem Kiesstrand zu sehen.

Half Moon Island

Half Moon Island

Half Moon Island

Half Moon Island

Half Moon Island

Antarctic Sound
Die Fahrt durch den Antarctic Sound bis zur Grenze des Wedell Meeres ist eine Panoramatour – Eisberge soweit das Auge reicht. Große, kleine, weiße, blaue und als Krönung Tafeleisberge, haushoch und mehrere hundert Meter lang. Jeder sieht anders aus und die „Fram“ gleitet an allem so langsam vorbei, dass jede Einzelheit zu erkennen ist. Trotz des eisigen Windes und mittlerweile Windstärke zehn gibt es nur einen Platz: an Deck mit der Kamera in den eiskalten Fingern.

Antarctic Sound

Antarctic Sound

Antarctic Sound

Antarctic Sound

Deception Island
Deception Island ist eine Vulkaninsel mit rund 13 km Durchmesser und einer mit Wasser gefüllten Caldera. Der einzige Eingang in die Caldera ist eine nur rund 200 m breite Öffnung. Dieser schmale Durchlass in den Vulkankrater wird Neptuns Blasebalg genannt. Deception Island ist ein aktiver Vulkan, der allein im 20. Jahrhundert mehrere Male ausgebrochen ist und dabei neue Vulkankegel gebildet und viel Asche gespuckt hat.

Deception Island

Deception Island

Deception Island

Deception Island

Deception Island

Neko Harbour
Heute sind wir in Neko Harbour an Land gegangen. Wer bei dem Wort „Harbour“ an einen Hafen denkt, liegt völlig falsch, denn es ist nichts weiter als ein kleiner Strand, an dem die Polar Circle Boote landen können, das große Schiff liegt wie immer einige Hundert Meter weiter draußen in der Bucht vor Anker. Schon die Anfahrt nach Neko Harbour ist spektakulär, Gletscher reiht sich an Gletscher, auf dem Wasser schwimmen Eisberge in allen Größen. Das Meer ist still wie ein See, der Himmel Blau, die Sicht schier unendlich.

Am Strand liegt faul eine Wedell-Robbe und lässt sich von uns überhaupt nicht stören. Die Pinguine auch nicht. Sie spazieren gerne ein Stück am Strand entlang, bevor sie ins Wasser springen. Nach erfolgreichem Beutezug kommen sie wieder zurück, um ihren Nachwuchs zu füttern. Die Brutkolonien liegt ein gutes Stück weiter oben am Hang. Die drolligen Vögel sind diesen Weg schon so oft rauf und runter gegangen, dass tief in den Schnee eingelassene Pinguinautobahnen entstanden sind. Mit kleinen Trippelschritten erklimmen sie den Berg, die Stummelflügel nehmen sie zum Balancieren. Auf Eisplatten rutschen sie trotz ausgefahrener Krallen schon mal aus, halten aber immer die Balance.

Neko Harbour

Neko Harbour

Neko Harbour

Neko Harbour

 

Antarktis: Ein Besuch in der britischen Station Port Lockroy

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Im antarktischen Sommer – von November bis März – sind die Gewässer rund um den kältesten Kontinent soweit eisfrei, dass Expeditionsschiffe bis Antarktischen Halbinsel und zum südlichen Polarkreis vordringen können. Die Natur ist überwältigend: gigantische Tafeleisberge, unzählige Gletscher, wild gezackte Berge, Pinguinkolonien, Robben und Wale lassen jeden ehrfürchtig staunen. Nur wenige Menschen lieben hier im Sommer auf kleinen Stationen wie dem britischen Port Lockroy.

Vorsichtig tastet sich die „MS Fram“ auf der Suche nach einem sicheren Ankerplatz in die Bucht von Port Lockroy, so wie es früher auch die Wal- und Robbenfangschiffe gemacht haben. Die kleinen Eisberge, die überall auf dem Wasser treiben, fordern von Kapitän Rune Andreassen auf der Brücke höchste Konzentration, die Passagiere genießen derweil das antarktische Postkartenmotiv an der Reling. Mehrere Gletscher rahmen die Bucht ein, ihr gleißendes Weiß steht im Kontrast zu den hoch aufragenden, gezackten Bergen der Wieneckeinsel.

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Mitten in der Bucht liegt unser Ziel, die Goudierinsel, nur so groß wie eine Handvoll Fußballfelder. Die Franzosen haben die blank geschliffenen Felsen 1904 entdeckt, die Norweger danach als Walfangstation genutzt, bevor die Briten hier im Zweiten Weltkrieg eine Marinestation einrichteten, die sie 1962 wieder aufgaben und die daraufhin verfiel. Erst 1996 haben sich die Briten an Port Lockroy erinnert und die Station wieder instand gesetzt. Heute betreibt der United Kingdom Antarctic Heritage Trust auf dem winzigen Stück Land ein Museum, eine Post und einen Souvenirladen.

Antarktis, Antarktische Halbinsel, Port Lockroy, Eselspinguine„Mindestens fünf Meter Abstand zu den Pinguinen“, ermahnt uns wie immer beim Verlassen der Polarcircle-Boote Expeditionsleiterin Anja Erdmann. Doch bei diesem Landgang kann sie mit uns nicht so streng sein, denn auf der Insel brüten rund 800 Eselspinguin-Paare dicht an dicht. Sie besitzen die Insel und teilen sie freundlicherweise mit den vier ständigen Bewohnern und den Scharen neugieriger Touristen. Sie laufen geschäftig hin und her, suchen Steinchen für ihre Nester, klauen dem Nachbarn seine Steinchen, wenn er sie mal aus den Augen lässt, zanken und zetern – und ignorieren die großen Zweibeiner mit den Fotoapparaten vollkommen. Spätestens jetzt verstehen wir Anjas Warnung: „Wenn Sie Ihre Freunde nicht langweilen wollen, zeigen Sie ihnen zu Hause nicht mehr als fünf Pinguin-Fotos“. Das wird schwer, denn die Frackträger sind einfach zu putzig.

Die Station leitet eine Deutsche, Ylva Grams, Biochemikerin, gebürtige Marburgerin, Antarktis, Antarktische Halbinsel, Port Lockroydie, wenn sie nicht gerade in der Antarktis ist, in den Niederlanden lebt. „Als ich mit der Bark „Europa“ hier war, habe ich erfahren, dass die Leitung der Station frei wird. Daraufhin habe ich mich beworben und wurde genommen“. Jetzt ist sie schon das zweite Jahr von November bis März in Port Lockroy. Zusammen mit drei Britinnen unterhält sie die meistbesuchte Antarktis-Station. Knapp 14 000 Touristen kommen pro Jahr, Tendenz steigend, aber viel mehr geht nicht, denn maximal drei Schiffe dürfen pro Tag Passagiere anlanden und nur 60 von ihnen dürfen gleichzeitig an Land.

Die drängen sich dann in dem kleinen Museum, das die Station so zeigt, wie sie früher aussah. Von der Wand lächelt die jugendliche Queen würdevoll in schwarz-weiss, daneben ein Gemälde der blonden Diana Dors, einer englischen Schauspielerin aus den 50er Jahren, die auf Marilyn Monroe macht. In den Regalen stehen noch rostige Konserven mit „Hunter’s Royal Pork Sausages“ und „Christmas Pudding“. Ebenso beengt ist der Souvenirladen, in dem natürlich Pinguine die Hauptrolle spielen, selbst auf jedem Kugelschreiber ist das Pinguinlogo. Heiß begehrt ist auch der Stempel der südlichsten Poststelle der Welt – es dauert zwar eine ganze Weile, aber die Postkarten kommen wirklich an, Ehrensache für die britische Post. Laden und Post sind überlebenswichtig, denn sie finanzieren die Arbeit des Antarctic Heritage Trust, der historische Stätten wie diese renoviert und für die Nachwelt erhält.

IMG_9007-Antarktis, Landgang mit Polarboot

„Trotz 12-Stunden-Tagen haben wir eigentlich keine Zeit für Forschung. Nur eine kleine Pinguin-Studie führen wir seit einigen Jahren durch“, erklärt Ylva bedauernd. Die Studie zeigt Überraschendes. Im hinteren Teil der Insel dürfen die Pinguine ungestört brüten, Menschen haben keinen Zutritt. Doch die Tiere bevorzugen den Teil der Insel, über den jeden Tag Menschen laufen. Heißt das, dass Pinguine Menschen mögen? Nicht unbedingt, aber Menschen vertreiben Raubmöwen und die sind ständig hinter Pinguineiern her.

Eine Stunde unter Pinguinen ist viel zu kurz, doch fünf Monate inmitten einer streng riechenden Kolonie? „Pinguine nerven nie“, versichert Ylva Grams sofort. Und doch genießt sie es, zum Duschen, zum Dinner und um Mails zu schreiben, mit auf die „MS Fram“ zu kommen, denn diesen Luxus gibt es auf der Goudierinsel nicht – nur Gletscherwasser. „Wir haben nicht einmal ein Boot, um die Gegend zu erkunden, das wäre viel zu gefährlich.“

Christian Nowak

Grönland: Im Hundeschlitten durchs ewige Eis

Fotograf: Thomas Bauer

 Abenteuer am Rand der bewohnbaren Welt

»Awwuuuii«, ruft Inuuta mit mächtigem Bass und lässt die Peitsche über den Köpfen seiner dreizehn pechschwarzen Hunde knallen. Und nochmals: »Awwuuuii«, als ich auf den Schlitten steige und auf einem Bärenfell Platz nehme. Unter der arktischen Sonne scheinen Millionen Eiskristalle, die die Walrossbucht bis zum Horizont bedecken, einander Morsezeichen zuzufunken. Selbst durch die Gläser der Sonnenbrille hindurch schmerzt das gleißende Weiß die Augen. Reglos liegt die gigantische Ebene vor meinen Blicken: ein endloses Blatt unbeschriebenes Papier, das jemand um den Erdball gewickelt hat.

 800 Kilometer bis Ittoqqortoormiit

Es ist nicht einfach, nach Ittoqqortoormiit zu gelangen. Der kleinste und entlegenste Distrikt Grönlands befindet sich über achthundert Kilometer entfernt von der nächstgelegenen Siedlung, Tasilak. Verkehrsverbindungen über Land gibt es nicht. Von Herbst bis weit ins Frühjahr hinein kann man ausschließlich auf dem Luftweg anreisen: von Reykjavik mit einer Propellermaschine, dann per Hubschrauber über das größte Fjordsystem der Erde hinweg. 1925 gründeten siebzig Wagemutige die Siedlung, da ihnen an dieser Stelle besonderes Jagdglück vergönnt war. Bis heute ist Ittoqqortoormiit die Heimat von Jägern geblieben. Seine Bewohner haben gelernt, unter harschesten Bedingungen zu überleben.

Fotograf Thomas Bauer

Ein drittes Mal lässt Inuuta sein weit schallendes »Awwuuuii« hören, ehe er sich zu mir umdreht. »Ready?«, fragt er mich. Als ich nicke, ruft er etwas nach vorn, das wie »geck« klingt. Im selben Moment staubt überall um uns herum Schnee auf. Dreizehn Energiebündel stemmen sich mit vollem Körpergewicht in die Riemen. Wie ein Kaninchen springt der Schlitten hakenschlagend über das Eis. Sofort stürzt sich der Fahrtwind auf mich. Eisdurchzogene Luft prasselt gegen meine Wangen, nistet in Nase und Mund. Wie ein Raubtier fällt sie über die Ritze her, die sich nach jeder Drehung meines Kopfes zwischen der Mütze und der Schneebrille auftut. Hastig stülpe ich eine Skimaske über das Gesicht, dabei muss ich aufpassen, dass ich nicht seitwärts vom Schlitten falle, der nach wie vor den Schneesalsa tanzt.

Weißgrau ist die Erde

Alle halbe Stunde dreht sich Inuuta zu mir um, als wolle er sich vergewissern, dass ich noch immer hinter ihm sitze. Er ist kein Mann der Worte; schwer rumpeln diese seine Kehle empor. Ohnehin sperrt sich Ostgrönländisch dem europäischen Sprachenverständnis; es knarzt wie eine defekte Tür im Wind. Unter uns knirscht das Eis wie Meeresbrandung, in die der Schlittenlenker seine kehligen Kommandos ruft. Der Himmel ist weißgrau, und weißgrau ist auch die Erde, auf der wir uns bewegen. Als seien wir samt dreizehn Hunden und einem fünfhundert Kilogramm schweren Schlitten in einen gigantischen Milchtopf gefallen.

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Nach anfänglichen Schwierigkeiten mag ich das einseitige Menü, das uns die Arktis Tag für Tag auftischt. Stolz werfe ich mich in die Brust, als sei ich ein direkter Nachkomme von Erik dem Roten. Dieser kam um das Jahr 983 nach Grönland. Von ihm stammt die Landesbezeichnung: Mit der Mär vom »grünen Land« wollte er Siedler auf die Insel locken. Nun also trete ich in seine Fußstapfen, und ich habe keine Angst! Ich habe drei Spezialunterwäschen an, darüber eine wattierte Hose, zwei Fleece-Oberteile, zwei windabweisende Jacken und über alldem noch einen gefütterten Winteranzug. Damit sehe ich ein wenig aus wie die Taliban-Ausgabe des Rocksängers Meat Loaf, der sich den Künstlernamen »Fleischklops« aufgrund seiner Leibesfülle gegeben hat. Das Erstaunliche ist, dass ich trotzdem noch immer friere. Vielleicht war Erik der Rote, der auf manchen Zeichnungen mit nacktem Oberkörper abgebildet ist, doch ein zäherer Hund als ich.

Bei minus 42 Grad übers Eismeer

Allerdings fahren Inuuta und ich direkt auf dem Eismeer; das Thermometer zeigt minus zweiundvierzig Grad Celsius an. Ich spüre, wie sich das Blut aus meinen Zehen und Fingerspitzen zurückzieht, und mir wird klar, dass die nordische Einöde niemals gezähmt werden kann. Aus Dschungeln können wir Felder machen, schroffe Berge mit Skipisten überziehen, sogar die Wucht des Meeres lassen wir für uns arbeiten. Doch wer von uns kann eine Leere beherrschen? Wer kann die drückende, sich von allen Seiten aufdrängende Abwesenheit füllen, und mit wem oder was?

In allen Himmelsrichtungen liegen bis zum Horizont Eis und Schnee, eine unbegreifliche Weite und die Ahnung, dass dieses Land uns nicht bei sich haben will. Dass es uns höchstens duldet, aber eigentlich auf andere Lebewesen ausgerichtet ist: auf Eisbären und Walrosse und Moschusochsen, unförmige, fellbehangene Kolosse – vielleicht auch auf die Dämonen und Geister, die die Inuit seit jeher im Inlandeis vermuten.

Fotograf: Thomas Bauer

Immerhin setzt Inuuta der Unwirtlichkeit der Landschaft einen rudimentären Luxus entgegen. Während einer Pause entzündet er einen Petroleumkocher, auf dem wir »arktischen Toast« zubereiten. Dafür rammen wir tiefgefrorenen Toastscheiben ein Messer in die Seite, halten sie über die Flamme und belegen sie anschließend mit halbgefrorenem Dosenfleisch, dessen Haltbarkeitsdatum auf Zeiten verweist, in denen Gerhard Schröder Kanzler war. Als weiteren »Leckerbissen« kramt Inuuta Eisbärfleisch hervor, das wir genauso zubereiten. Es schmeckt wie eine Mischung aus alter Schuhcreme und einem trockenen Lederlumpen.

In Inuuta spiegelt sich der Grundrhythmus der Arktis. Routinemaßnahmen – Hunde abschnallen, Schnee schmelzen, Lager bereiten – reihen sich aneinander, werden aber unvermittelt unterbrochen von Momenten höchster Spannung. Wer in dem Bruchteil der Sekunde, in dem eine Robbe auftaucht, ein Riss durchs Eis fährt, die Konturen eines Bären im Schnee sichtbar werden, nicht das Richtige tut, geht unter. Tagelang hält das Leben den Atem an, um ein auf das Extremste komprimierte Erleben plötzlich umso lauter hinauszuschreien. Wochenlang Claude Monets Wasserpflanzen, dann plötzlich Edvard Munchs Schrei. Monatelang »Das Traumschiff«, dann ohne Vorwarnung Bruce Willis. Das ist der Takt, den dieses gigantische Land allen Lebewesen vorgibt.

Keine Schmusehunde vor dem Schlitten    

Die Schlittenleine ist bis kurz vor dem Zerreißen gespannt, als wir unsere Fahrt fortsetzen. Mit jeder Faser ihres Körpers verkörpern die Hunde, woraufhin ihre Rasse in einem über zweitausendjährigen evolutionären Auswahlprozess getrimmt wurde: unglaubliche Lasten bei brutaler Kälte durch eine lebensfeindliche Einöde ohne festen Boden zu ziehen. Entgegen einer weitverbreiteten Meinung haben die knapp dreißigtausend grönländischen Schlittenhunde nichts mit Huskies zu tun. Schon gar nicht ähneln sie den verzärtelten Züchtungen, die in unsere Breiten leben. Stattdessen stammen sie direkt vom Wolf ab und können daher nicht bellen. Wenn sie raufen, schlagen sie einander die Zähne in die Flanke. Ohne zu zögern würden sie einen ausgewachsenen Bären angreifen. Bei minus fünfzig Grad legen sie sich in den Schnee und schlafen. Am nächsten Morgen ist ihr Fell mit einer Eisschicht überzogen. Sie stehen auf, schütteln die eisige Hülle ab und freuen sich aufs Weiterziehen. Eine Vermischung mit Artgenossen, die südlich des Polarkreises aufwachsen, zöge drakonische Strafen nach sich. An nordgrönländische Schlittenhunde darf nichts Weiches, nichts Zurückhaltendes, nichts Zweifelndes kommen.

Inuutas Leithund, ein zotteliges Muskelpaket, weiß, dass die Peitsche des Schlittenlenkers nicht bis zu ihm reicht. Diese braucht es auch nicht, da das Tier augenblicklich auf die raubeinigen Angaben seines Herrchens reagiert. Obwohl der Leithund am weitesten von Inuuta entfernt läuft, ist die Bindung zwischen diesen beiden am stärksten. Ihr Vertrauen in den jeweils anderen ist der Kitt, der die Hundeschlitteneinheit zusammenhält. »Er sieht zwar wild aus«, gibt Inuuta zu, als wir uns bei einer Pause je zwei Tafeln Schokolade einverleiben, »doch eigentlich kann mein Leithund richtig zutraulich sein. Überzeug dich selbst!«.

Der Leithund sträubt die Haare und lässt ein grollendes Gurgeln hören, als ich mich ihm nähere. Vorsichtig lege ich ihm meine Hand auf den Rücken. Gewaltige Muskeln arbeiten direkt unter seiner Haut. Als er die Pfote hebt, um sie mir in die Hand zu legen, wölbt sich der Bizeps nach außen, und als er sich spielerisch an meinen Beinen reibt, muss ich mein Gewicht fest in den Boden stemmen, um nicht zur Seite geschoben zu werden. Grönländische Schlittenhunde sind die Arnold Schwarzeneggers ihrer Art.

Kleiner "Schwarzenegger"

Kleiner „Schwarzenegger“

Wilde Dreizehn

Und ich bin im selben Moment ein Teil des Gespanns geworden. Ja, ich möchte am liebsten nur noch auf schneeumrankten Schlitten vorwärtsgleiten, gezogen von Inuutas »wilder Dreizehn«! Als sie merken, dass wir die Pause beenden, stimmen die Hunde ein melodiöses Jodeln an. Aufrecht stehen Inuuta und ich auf dem Schlitten, wie ein Surfbrett wollen wir ihn heute über das Eismeer jagen: vorneweg die schwarze Wolke und dahinter wir, aufrecht wie die Wikinger. Inuuta blickt mich an, und zum ersten Mal meine ich etwas wie Anerkennung in seinem Gesicht zu erkennen. Er nickt mir kaum merklich zu. Ich ziehe die Mützen tief ins Gesicht und drücke meine Schneebrille fest auf die Augen. »Geck«, rufe ich dann nach vorn.

 Mit einem hellen Vibrieren spannt sich das Seil. Überall um uns herum staubt Schnee auf. Der Schlitten tanzt über das Eis, und wir sind wieder unterwegs, werfen uns neuen grandiosen Abenteuern entgegen.

 Thomas Bauer Thomas Bauer

 

Grönland:Kreuzfahrt ins Land der Eisberge

Eisberge Grönland

Auf dem Weg nach Grönland muss auch der moderne Kreuzfahrer einigen Herausforderungen widerstehen, sei es einem übervollen Buffet auf dem Schiff oder einem Orkan im rauen Nordmeer. Am Ende aber warten Grönlands Eisberge, die Kathedralen des Meeres, auf die Schiffsurlauber.

Frau Uhrmacher steht als erste am Buffet. Die grauhaarige Dame in den Sechzigern hat ihren Teller gut gefüllt. Kein Wunder: Der Küchenchef auf der MS Ocean Nova kommt aus Österreich, und er macht dem ausgezeichneten Ruf seiner Landesküche alle Ehre.

Nach eineinhalb Tagen bei Windstärke 12 sind die Mägen geleert und die Passagiere ausgehungert. Doch seit das Schiff an der westgrönländischen Küste entlangfährt scheint die Sonne. Keiner der 74 Passagiere denkt mehr an den zurückliegenden Tag, als sich das 73 Meter lange Schiff durch die Dänemark Straße quälte. Als es ächzend gegen die Wellen ankämpfte, die hoch über dem Deck zusammenschlugen.

Erik der Rote und Edvard Grieg

Fast drei Wochen ist die MS Ocean Nova auf den Spuren von Erik dem Roten von Kopenhagen in Richtung Grönland unterwegs. Das jedenfalls verspricht der Katalog des Veranstalters Lernidee Reisen. Doch so ganz stimmt das nicht. Denn tatsächlich war Erik nie in Kopenhagen. Er lebte ungefähr um das Jahr 950 in Norwegen. Von dort musste seine Familie nach Island fliehen, weil sein Vater in seiner Heimat einen Mord begangen hatte. Der Jähzorn lag offenbar in der Familie, denn auch Erik erschlug einen Mann und wurde nach Grönland verbannt. Eisberg vor grönl. Südküste

Obwohl die MS Ocean Nova zu Beginn der Reise weit abseits der historischen Route fährt, werden sich die Passagiere gern an die ersten Tage an Bord zurückerinnern – vor allem an das ruhige Meer. Die Sonne strahlt, als die MS Ocean Nova in Bergen – der angeblich regenreichsten Stadt Europas – vor Anker geht.

Die Hansestadt Bergen, bekannt wegen des Kaufmannviertels Bryggen,  ist eine Stadt der Musik. Einmal im Jahr findet ein großes Musikfestival statt und von hier stammte auch Edvard Grieg, Norwegens bekanntester Komponist. Auch deswegen führt der Landgang nach Troldhaugen, dorthin wo der Meister von 1885 bis zu seinem Tod im Jahre 1907 wohnte und arbeitete.

Die Reisenden haben noch die Griegs Peer-Gynt Suite im Ohr, als das  Schiff hinaus ins Nordmeer aufbricht. Die Färöer sind sein Ziel. Als die MS Ocean Nova im Hafen von Thorshavn einläuft, begrüßen die Inseln die Passagiere mit Sonnenschein, nur um von da an im schnellen Wechsel Regen, Schneeregen und  Hagel zu bieten – alles, was das Wetter in seinem Spektrum vorsieht, ein Jahr im Schnelldurchlauf. Wolkenfetzen ziehen um die steilen Berge, die Sonne kämpft gegen sie an, behält für kurze Zeit die Oberhand und taucht die Hänge in mildes Licht.

Später in Island ist der Aufenthalt nur kurz – aber doch lange genug für eine Bustour zu drei Sehenswürdigkeiten die stellvertretend für das stehen, was Island bekannt gemacht hat: Thingvellir, Geysir und Gullfoss – also die Wiege der Demokratie, Geysire und mächtige Wasserfälle. Auch den inzwischen weltberühmten Eyjafjallajökull sehen wir, allerdings nur in der Ferne und in friedlicher Ruhe.Island, Gullfoss

Ins Zauberland der Eisberge

Und dann geht es hinüber nach Grönland durch die berüchtigte Dänemarkstraße. Sturm und schlechtes Wetter sind in der Meerenge zwischen Island und Grönland normal. Aber einen Orkan hat selbst Kapitän Niels Kallesen hier noch nie erlebt. Und der alte Haudegen, der sein Schiff mit kurzärmligem Oberhemd und in Lederpantoffeln kommandiert, hat schon einige Abenteuer durchgestanden. Seine Reederei hat ihn für ein paar Wochen aus dem Ruhestand zurückholt.

Die MS Ocean Nova hat aber schon kniffligere Situationen gemeistert. Im Februar 2009 wurde über sie in der Tagesschau berichtet –  sie war in der  Antarktis in der Nähe eines Gletschers auf Grund gelaufen. Die Gäste an Borde blieben zwar unverletzt, doch der Urlaub war für sie zu Ende. Sie mussten auf ein anderes Schiff evakuiert werden. MS Ocean Nova

Der Kapitän hatte es den Passagieren versprochen und der Wettergott hat Wort gehalten. „Sobald wir das Kap Farvel umrundet haben, scheint die  Sonne“, hatte Kallesen angekündigt. Und tatsächlich: Nur wenige Seemeilen nachdem das Schiff den südlichsten Punkt Grönlands umrundet hat, legt sich der Orkan.

Und dann tauchen ganz weit „backbord voraus“ – die ersten Eisberge auf.  Zwei schwimmende Kathedralen, die je nach Sonneneinstrahlung ihre Farbe verändern. Blau, weiß, grün und dann wieder blau. Unwirklich sehen sie aus, wie Gäste aus einer anderen Welt.

Gegrillter Lachs vor Gletscherzunge

Auf der Fahrt nach Norden steigen wir immer wieder in die Zodiacs. Die Beiboote bringen uns zu Ausflügen an Land. Etwa zur alten Kryolith Mine von Ivitut. Sie ist seit 1987 verweist und erinnert als Geisterstadt an bessere Zeiten. Wenn aber ein Kreuzfahrtschiff anlegt, fährt jemand aus dem fünf Kilometer entfernten Ort Kangilinnguit über den Berg und öffnet für die Passagiere das Museum. Man ist stolz  auf die Vergangenheit. Der Ort wirkt so, als hätte man ihn erst vor kurzem fluchtartig verlassen. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Mine liegen noch die Lohnabrechnungen auf dem Tisch. In einem der Häuser steht eine Bierflasche auf dem Tisch, so als wäre derjenige der sie geleert hat, nur eben mal kurz vor die Tür gegangen.

Kurz vor Ende der Reise legt das Schiff in der Hauptstadt Nuuk an. Schön ist die 15.000 Einwohner Hauptstadt Grönlands wahrlich nicht. Moderne Zweckbauten bestimmen das Bild. Nur am alten Hafen stehen noch ein paar der alten roten und gelben Holzhäuser, die so typisch sind für die Dörfer und Städte in Grönland. Dort liegt auch das Nationalmuseum. Absolut sehenswert sind dort die Eismumien von Qilakitsoq. Unter einem Steinhügel wurden in der westgrönländischen Gemeinde acht unglaublich gut erhaltene und mit Robbenfellen bekleidete Mumien gefunden. Ihr Todesdatum schätzt man ungefähr auf das Jahr 1475. Bei der Mumie eines vier Monate alten Babys, schaut jeder Besucher instinktiv zweimal hin. Das mumifizierte Kind sieht so aus als würde es nur schlafen. Als müsste es gleich aufwachen und nach seiner Mutter schreien. Vermutlich aber wurde das Baby lebend neben seiner toten Mutter begraben. Das war damals durchaus üblich. Ohne Eltern hatte ein Kleinkind keine Überlebenschance. Und in einer Natur, die kaum genug für das eigene Überleben hergab, wurden elternlose Kinder nur selten von Fremden adoptiert. Nuuk Nationalmuseum, Eismumie

Wer sich nach dem Museumsbesuch noch ein paar Wünsche erfüllen lassen will, wirft in den riesigen roten Briefkasten unten am Hafen einen Brief an den Weihnachtsmann ein. Einer meiner Wünsche geht gleich bei der Ausfahrt aus dem Nuukfjord in Erfüllung. Zwei Wale begleiten minutenlang unser Schiff, bevor sie sich dann mit einem wuchtigen Schlag der Schwanzflosse in die Tiefe verabschieden.

Noch beeindruckender ist der Evighedsfjord in den die MS Ocean Nova als nächstes einfährt. Direkt aus dem Meer ragen einige der höchsten Berge Grönlands, teilweise über 2000 Meter hoch, in den strahlend blauen Himmel. Am Ende des Fjords kalbt ein Gletscher ins Meer. Dort lässt der Kapitän auf Deck das Abschiedsessen auftragen. Gegrillten Lachs, zubereitet von dem jungen, österreichischen Koch. Trotz des Sonnenscheins zieht es kühl herüber vom Eis des Gletschers. Doch davon lässt ich Kapitän Kallesen nicht abschrecken. Wie immer trägt er seine offenen Lederslipper und das kurzärmlige Hemd. Frau Uhrmacher hat sich das Teller vollgepackt und balanciert zurück zu ihrem Stuhl. Sie setzt sich, stellt sich das Teller auf den Schoß und schneidet sich ein großes Stück von dem gegrillten Lachs ab.

Rasso Knoller

Eisberg vor der grönländischen Südküste

 

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 1: Ushuaia)

Fin del mundo, das Ende der Welt. So wirbt Ushuaia auf Dutzenden von Plakaten für sich. Durchaus zu Recht, denn es ist die südlichste Stadt der Welt. Nur noch 3926 km sind es von hier bis zum Südpol, aber 14105 zurück nach Berlin. Heute regnet oder stürmt es mal nicht und so zeigt sich die Stadt mit ihren bunten Häusern durchaus malerisch zwischen Beagle-Kanal und Andenkette. Im Hafen liegen die Kreuzfahrtschiffe, darunter auch unsere „Fram“ von den Hurtigruten, um Passagiere für einen Antarktistrip an Bord zu nehmen oder sie am Ende der Reise wieder an Land zu bringen. Rund 300 Schiffe starten von hier jedes Jahr in Richtung Süden. Entstanden ist Ushuaia aus einer Strafkolonie, denn freiwillig wollte niemand am Ende der Welt wohnen. Erst als 1978 die Zoll- und Steuerfreiheit eingeführt wurde, explodierte die Stadt förmlich und wuchs auf rund 70000 Einwohner.

Sieht so das Ende der Welt aus? Eigentlich nicht, das könnte auch ein Ort in Island oder Grönland sein. Sehenswürdigkeiten besitzt Ushiaia nicht, aber die bunt zusammen gewürfelten Häuser sind ganz nett anzuschauen. Auch ich schlendere, wie jeder, die Hauptstraße San Martin hinauf und hinunter, schaue in mindestens ein Dutzend Souvenir- und Outdoorläden, trinke einen Kaffee und gehe dann nach einer Stunde zur „Fram“. Bereit, in die Antarktis aufzubrechen.

Selbst einen Irish Pub gibt es am Ende der Welt, wirklich typisch sieht er allerdings nicht aus.

Pinguine an jeder Ecke: Nach Größen sortiert in den Schaufenstern der Souvenirläden, auf Plakaten, die Ausflüge in die Antarktis anpreisen und selbst als überlebensgroße Exemplare, die als Werbefiguren durch den Ort watscheln. Hoffentlich gibt es die bald in Natura.

Noch sind es genau 3926 km bis zum Südpol. Heute Abend legt die „Fram“ ab und bringt uns in den nächsten zwei Tagen noch einmal rund 1000 km näher an den Pol. Durch die wegen ihrer Stürme legendäre Drake-Passage!

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 2: Drake-Passage)

Irgendetwas stimmt hier nicht! Entweder ich bin auf dem falschen Schiff oder der Kapitän hat sich mit dem Kurs vertan. Warum? Weil das einfach nicht die Drake-Passage sein kann.

Gestern Abend war noch alles o.k. Einschiffen auf der „Fram“, Begrüßung durch den Kapitän, Sicherheitseinweisung, eben das normale Kreuzfahrtprogramm am ersten Tag.

Schon zu Hause habe ich alles gelesen, was es über die Drake-Passage zwischen Feuerland und der Antarktischen Halbinsel gibt. Egal, zu welcher Jahreszeit man unterwegs ist, der pure Horror solle sie sein, zumindest für Landratten, die nicht ganz seefest sind – zu denen ich mich leider zähle. Endgültig geglaubt habe ich die Schauergeschichten nach einem Video im Internet, in dem ein ausgewachsenes Kreuzfahrtschiff mit haushohen Wellen kämpfte. Daraufhin habe ich mir drei verschiedene Mittel gegen Seekrankheit griffbereit im Reisegepäck.

Beim Ablegen in Ushuaia weht nur eine leichte Brise und der Beagle-Kanal ist glatt wie ein norwegischer Fjord. Am späten Abend gleitet das Schiff durch die enge, geschützte Wasserstraße, die Ufer mit dem spärlichen Grün und den kahlen Bergen erinnern an Nordnorwegen.

Am nächsten Morgen, der Beagle-Kanal liegt schon lange hinter uns, wiegt sich das Schiff in einer nur leichten Dünung. Die Sonne scheint von einem blauen Himmel, soweit das Auge reicht, nur Wasser, keine Spur mehr von Land. Das also ist die gefürchtete Drake-Passage! Die Tabletten gegen Seekrankheit sind noch immer unbenutzt im Gepäck, stattdessen ist Sonnenbaden an Deck angesagt. Kapitän und Expeditionsleitung behaupten unisono, so eine ruhige Überfahrt hätten sie die ganze Saison über noch nicht gehabt – und so soll es bleiben!

Versprochen wurden uns Seevögel, die dem Schiff folgen würden, aber bis auf einen Albatros in weiter Ferne ist den ganzen Tag über kein Vogel zu sehen. Die brauchen Wind, viel Wind, um kraftsparend segeln zu können. Das ist heute nicht ihr Tag, sie schaukeln irgendwo auf den nicht vorhandenen Wellen und warten auf kräftigen Wind.

So ein Tag heißt im Kreuzfahrtprogramm normalerweise „Erholung auf See“. Bei unserer Expeditionskreuzfahrt stehen jede Menge Vorträge auf dem Programm. Wie man bessere Fotos macht, was man über Wale wissen muss oder warum man die Antarktis nur mit sauberen Schuhen betreten soll. Zu den sauberen Schuhen später mehr.

Morgen sollen wir die ersten Pinguine live zu sehen bekommen, deshalb gehört der Vortrag „Antworten auf die meistgestellten Pinguin-Fragen“ quasi zum Pflichtprogramm. Jetzt wissen wir unter anderem, dass einige der Frackträger mehr als 500 m tief tauchen können und nicht nur in der Antarktis, sondern auch am Äquator leben.

Der Beagle-Kanal ist nur 2-5 km breit, aber 250 km lang. Auf argentinischer Seite liegt Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, auf der chilenischen Seite die kleine Siedlung Puerto Williams. Den Namen erhielt die schmale Wasserstraße von Charles Darwins Schiff „Beagle“, mit dem er 1833 diese Gegend erkundet hat. Die Berge im Hinterland wurden später ihm zu Ehren „Cordillera Darwin“ genannt.

Das Ziel der nächsten Tage, die antarktische Halbinsel. Sie ist knapp 1000 km von Feuerland entfernt.

Hier geht es zum 2. Teil

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 3: Half Moon Island)

Das Ende der Drake-Passage kündigt sich durch Seevögel an, die das Schiff begleiten. In der Ferne tauchen die ersten kleinen Eisberge und Landfetzen auf und wenn man lange genug Ausschau hält, verraten sich einige Wale durch ihren Blas.

Heute, endlich, nach rund 15 000 km Anreise, steht der erste Landgang in der Antarktis auf dem Programm. Half Moon Island ist das Ziel. Doch davor gibt es umfangreiche Einweisungen, was wir tun dürfen und was wir auf jeden Fall lassen sollen.

Für die nassen Anlandungen sind Gummistiefel, wasserdichte Jacke und Hose sowie eine Schwimmweste Pflicht. Damit keine Pflanzensamen eingeschleppt werden, müssen Rucksäcke, Kleidung und Schuhe gründlich gereinigt werden. Alles ist generalstabsmäßig geplant, als erstes geht das Expeditionsteam an Land, schaut, ob eine Landung problemlos möglich ist, deponiert eine umfangreiche Sicherheitsausrüstung, damit wir, falls eine planmäßige Rückkehr zum Schiff nicht möglich ist, wir auch bei einem Wettersturz ein paar Stunden überleben. Wege werden markiert, auf denen wir uns bewegen dürfen. Die ganze Prozedur ist extrem aufwändig, vor allem, da jeder nur rund eine Stunde an Land bleiben darf. Bei 200 Passagieren dauert ein kompletter Landgang rund vier bis fünf Stunden. Denn es dürfen immer nur 100 Passagiere gleichzeitig an Land sein, um die Tiere möglichst wenig zu stören. Da sich das Wetter in der Antarktis innerhalb weniger Minuten dramatisch verschlechtern kann, hat Sicherheit oberste Priorität.

Dann endlich ankert die „Fram“ in der halbmondförmigen Bucht, nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Die Insel erinnert an eine Caldera, ist aber nicht durch einen Vulkanausbruch entstanden. Schon vom Schiff aus sind die bizarren Felstürme der Insel, das benachbarte Livingston Island mit seinen Gletschern, die roten Häuser der argentinischen Sommerstation Teniente Camara und die Pinguinkolonien sowie einige Robben auf dem Kiesstrand zu sehen.

Schon die ersten Schritte an Land sind einfach umwerfend. Mitten auf dem Strand stehen Dutzende von Zügelpinguinen, hin und wieder springen einige aus dem Wasser und watscheln über den Kiesstrand mitten zwischen den faul herumliegenden Pelzrobben hindurch. Von den Menschen, die zu Dutzenden in ihr Revier eindringen, nehmen weder Pinguine noch Robben Notiz. Bis auf wenige Meter können wir uns den Pinguinen nähern, sie lassen sich von uns überhaupt nicht stören, stehen entweder in Scharen auf den Felsen oder pendeln auf Pinguinstraßen zwischen Kolonie und Meer.

Wir erkunden die Insel auf dem uns erlaubten Pfad, treffen immer wieder auf neue Pinguinansammlungen, sehen spielerisch miteinander kämpfende Pelzrobben aus nächster Nähe und das alles vor der vergletscherten Kulisse der Nachbarinsel Livingston Island.

Beeindruckender könnte der erste Landgang in der Antarktis nicht sein, umgeben von einer grandiosen Landschaft sind wir Pinguinen und Robben näher als im Zoo gekommen.

Auch das morgige Programm verspricht einiges: Geplant ist der Besuch der argentinischen Station Esperanza und die Passage durch den Antarctic Sound, der auch „Straße der Eisberge“ genannt wird.

 

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 4: Esperanza)

Heute ist Pinguin-Wetter. Einige Grad unter Null, Windstärke acht, Schneetreiben, kaum Sicht – für uns mindestens gefühlte -15° C. Die Pinguine stört das alles wenig. Sie stehen stoisch im Schneesturm oder watscheln zum Wasser und gehen schwimmen, für sie fühlt sich das heute wahrscheinlich wie laues Sommerwetter an.

Heute früh tastete sich die „Fram“ langsam durch den Antarctic Sound, der die Antarktische Halbinsel von den vorgelagerten Inseln trennt. Rechts und links vom Schiff tauchen immer wieder Eisberge, allerdings noch in beruhigender Entfernung, auf. Darunter auch einige größere Tafeleisberge. Dieses Jahr gibt es laut Expeditionsteam selbst im Spätsommer noch sehr viel Eis, das sich unberechenbar in dem Sund festsetzt und die Durchfahrt schwierig machen kann. Versprochen hat man uns jedenfalls spektakuläre Eisberge hautnah.

Doch davor gibt es den ersten Landgang an der argentinischen Station „Esperanza“. Schon aus der Ferne ist sie an den gut zwei Dutzend roter Gebäude auszumachen. Rund 50 Menschen – darunter auch einige Kinder, die hier sogar zur Schule gehen – leben das ganze Jahr über auf der Station. Davon sind mehr als die Hälfte Militärangehörige. Ein wenig wird auf der Station auch geforscht, aber der eigentliche Zweck ist wohl eher politisch, denn Argentinien möchte mit dieser kleinen „Stadt“, die es schon seit 1952 gibt, seine Gebietsansprüche untermauern. Jedes Land, das sich um ein Stück Antarktis bemüht, hat seine eigenen Argumente, warum gerade seine Ansprüche legitim sind. So rühmen sich die Argentinier damit, dass in der Station schon 1972 das erste Kind in der Antarktis geboren wurde.

Wir haben heute jedenfalls erstmals den Fuß auf das antarktische Festland gesetzt, Half Moon Island gestern war ja „nur“ eine Insel.

Gut ein Jahr bleiben die Menschen in „Esperanza“, bevor sie wieder nach Hause dürfen. Um ihnen den Aufenthalt am Ende der Welt zu versüßen, bekommen sie deutlich mehr Lohn als anderswo. In jedem Fall freuen sie sich über den Besuch und laden uns zu einer Besichtigungstour ein.

Es gibt eine kleine Schule, die Kinder sind jetzt allerdings schon in den Sommerferien, eine Kapelle, ein Kasino sowie ein kleines Antarktis-Museum, in dem Ausrüstungsgegenstände früherer Expeditionen und einige Fossilien zu sehen sind. Außerdem gibt es einen Radiosender, eine Krankenstation und eine Halle zum Fußball spielen – sie ist das größte Gebäude der Siedlung. Mitten in der Station sind die Reste einer Hütte aus aufgeschichteten Steinen zu sehen, sie diente vor 100 Jahren drei Mitgliedern der schwedischen Nordenskjöld-Expedition als Notquartier, in dem sie einen ganzen antarktischen Winter überstanden.

Auf der Suche nach den Pinguinen, die im Schneesturm zwischen den Felsen mit ihrem schwarz-weißem Outfit so gut getarnt sind, dass man aufpassen muss, nicht auf sie zu treten.

Auf der Suche nach den Pinguinen

Pinguin in der Mauser

 

 

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 5: Antarctic Sound)

„Fragt uns nicht, wann der nächste Landgang ist, fragt uns nicht, wie lange ihr an Land bleiben könnt, erwartet auch nicht, dass wir euch einen genauen Wetterbericht geben können. Wir können euch nicht mal garantieren, ob der nächste Landausflug überhaupt stattfinden kann. Dies ist eine Expeditionskreuzfahrt!“

Diese Sätze mussten wir uns in den ersten Tagen vom Expeditionsteam mindestens ein halbes Dutzend Mal anhören. Geglaubt hat sie kaum jemand, zu schön war das Wetter, zu ruhig das Meer. Heute hat die Antarktis zum ersten Mal gezeigt, dass sie auch anders kann. Schon beim Vormittagslandgang hat es geschneit und der Wind war ziemlich frisch. Am Nachmittag sollten wir in Brown Bluff, einer vulkanischen Klippe, anlegen, doch der Wind war mittlerweile so stark, dass die kleinen Boote nicht mehr anlanden konnten.

Als Entschädigung gab es eine Panoramatour durch den Antarctic Sound bis zur Grenze des Wedell Meeres. Eisberge soweit das Auge reicht. Große, kleine, weiße, blaue und als Krönung Tafeleisberge, haushoch und mehrere hundert Meter lang. Jeder sieht anders aus und die „Fram“ gleitet an allem so langsam vorbei, dass jede Einzelheit zu erkennen ist. Trotz des eisigen Windes und mittlerweile Windstärke zehn gibt es nur einen Platz: an Deck mit der Kamera in den eiskalten Fingern.

Morgen fahren wir durch Neptun’s Blasebalg. Wer wissen möchte, was das ist, kann es morgen hier nachlesen. Oder einen Tipp im Kommentar abgeben.

Parade der Eisberge im Antarctic Sound

 

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 6: Deception Island)

Hier kommt die Auflösung der Frage von gestern: Was ist Neptuns Blasebalg? Über Nacht hat die „Fram“ Kurs auf Deception Island genommen, eine Vulkaninsel mit rund 13 km Durchmesser und einer mit Wasser gefüllten Caldera. Um 7 Uhr wurden wir geweckt, damit wir dem Kapitän dabei zuschauen können, wie er durch die nur rund 200 m breite Öffnung in die Caldera manövriert. Dieser schmale Durchlass ist der einzige Weg in den Vulkankrater und wird Neptuns Blasebalg genannt. Deception Island ist ein aktiver Vulkan, der allein im 20. Jahrhundert mehrere Male ausgebrochen ist und dabei neue Vulkankegel gebildet und viel Asche gespuckt hat.

Heute ist ein bedeckter Tag mit leichtem Schneefall, was Schnee und Vulkanasche zu einer Symphonie in Schwarz-Weiss mit zahlreichen geometrischen Mustern werden lässt. Der erste Landgang ist an der Telefon Bay im Norden des Kraters. Hier laufen wir ein wenig am Strand entlang, beobachten zwei faule Pelzrobben, die von uns keine Notiz nehmen und erklimmen dann über lose Vulkanasche ein kleines Plateau, von dem sich eine grandiose Aussicht über die Insel bietet. Über einen Grat geht es weiter bergauf durch eine vollkommen monochrome Landschaft, in der nur wir mit unseren hellblauen Jacken und roten Schwimmwesten die einzigen Farbkleckse bilden.

Drei Stunden später bietet sich ein völlig anderes Bild: Die Sonne scheint, der Himmel ist Blau und die Farben sind in die Vulkanlandschaft zurückgekehrt. Auf dem Programm steht Am Nachmittag ist eine Landung in Walers Bay, einer alten, verfallenen Walfangstation im Krater geplant. In der Bucht gibt es noch einige verfallene Gebäude und eine Handvoll großer rostiger Tanks, in denen früher das Walöl bis zum Abtransport aufbewahrt wurde, zu sehen. Auf dem Strand liegen noch einige Boote, deren Holz von Wind und Wetter im Laufe der Jahrzehnte weiß und morsch geworden ist.

Am Strand laufen einige Eselspinguine herum und wenn man nicht aufpasst, tritt man auf eine Pelzrobbe, die sich auf dem schwarzen Sand sonnt und aufwärmt. Ganz nah kommt man auch an die großen, braunen Raubmöwen Skua heran, die ebenfalls keine Scheu zeigen und gar nicht daran denken, wegzufliegen.

Nachdem alle wieder an Bord sind, nimmt der Kapitän in der Abendsonne wieder Kurs auf Neptuns Blasebalg und tastet sich langsam in Richtung offenes Meer. Was für ein Tag!

 

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 7: Neko Harbour)

Es ist schon erstaunlich, auf einem Schiff in der Antarktis überhaupt eine Internetverbindung zu haben, doch diese Verbindung ist weder schnell noch stabil. Das Hochladen von Blog-Inhalten unter diesen Umständen erinnert an früheste Modemzeiten, als die Daten nur tröpfchenweise flossen und an das Verschicken von Bildern gar nicht zu denken war. Gestern wollten die Daten aber nicht einmal mehr im Schneckentempo das Schiff in Richtung Internet verlassen. Da wir durch einen engen Kanal fuhren, der obendrein noch von hohen Bergen umgeben war, gab es praktisch keinen Empfang. Deshalb kommt der Blog heute etwas später.

Wie und wann soll ich bloß die ganzen Pinguin- und Eisbergfotos sichten. Allein heute sind wieder Dutzende dazugekommen. Zusammen mit den Hunderten der letzten Tage füllen sie mittlerweile alle Speicherkarten. Wahrscheinlich kann niemand, der nicht hier war, verstehen, wie vielfältig Eis sein kann. Und die drolligen kleinen Vögel begeistern mich immer wieder auf Neue.

Heute sind wir in Neko Harbour an Land gegangen. Wer bei dem Wort „Harbour“ an einen Hafen denkt, liegt völlig falsch, denn es ist nichts weiter als ein kleiner Strand, an dem die Polar Circle Boote landen können, das große Schiff liegt wie immer einige Hundert Meter weiter draußen in der Bucht vor Anker. Schon die Anfahrt nach Neko Harbour ist spektakulär, Gletscher reiht sich an Gletscher, auf dem Wasser schwimmen Eisberge in allen Größen. Das Meer ist still wie ein See, der Himmel Blau, die Sicht schier unendlich.

Am Strand liegt faul eine Wedell-Robbe und lässt sich von uns überhaupt nicht stören. Die Pinguine auch nicht. Sie spazieren gerne ein Stück am Strand entlang, bevor sie ins Wasser springen. Nach erfolgreichem Beutezug kommen sie wieder zurück, um ihren Nachwuchs zu füttern. Die Brutkolonien liegt ein gutes Stück weiter oben am Hang. Die drolligen Vögel sind diesen Weg schon so oft rauf und runter gegangen, dass tief in den Schnee eingelassene Pinguinautobahnen entstanden sind. Mit kleinen Trippelschritten erklimmen sie den Berg, die Stummelflügel nehmen sie zum Balancieren. Auf Eisplatten rutschen sie trotz ausgefahrener Krallen schon mal aus, halten aber immer die Balance.

Oben angekommen wartet der Nachwuchs und fordert resolut sein Futter. Stundenlang könnte ich dem Treiben in der Kolonie zuschauen – allen anderen geht es ähnlich. Auch der Blick von oben über die mit Eis bedeckte Bucht und die Gletscher am Ufer ist einmalig. Wenn es ganz still ist, hört man das Eis des Gletschers Knarzen und Grummeln, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er sich langsam in Richtung Tal bewegt.

Eines von den vieleln, vielen Eisbergfotos.

Ein perfekter Tag, denn die Antarktis zeigt sich heute von ihrer schönsten und friedlichsten Seite.

 

 

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 8: Port Lockroy)

Auch Pinguine würden gerne fliegen – oder war das gerade eine Bruchlandung?

Der heutige Tag war die Krönung der gesamten Tour, doch dazu später mehr. Heute gab es soviel zu sehen, das ich nicht dazu gekommen bin, den Rest des gestrigen Tages aufzuarbeiten, denn nach der Landung in Neko Harbour stand noch der Besuch von Port Lockroy auf dem Programm. Auf dem Weg dahin passierte die „Fram“ die Paradiesbucht. Normalerweise denkt man dabei an türkisblaues, herrlich warmes Meer und einen feinen, weißen Sandstrand mit Palmen. Hier, in der Antarktis ist es eine von mächtigen Gletschern umgebene Bucht, in der die ersten Walfänger Schutz vor Stürmen aus allen Windrichtungen fanden und sie deshalb Paradiesbucht nannten. Einen Strand sucht man hier vergebens – und das Wasser ist auch ziemlich kalt.

Royal Pork Sausages, geringfügig überlagert – Guten Appetit!

Port Lockroy, das sind drei Häuser auf einer winzigen Insel, die natürlich auch wieder von mächtigen Gletschern umgeben ist. In den 1940er Jahren haben die Engländer sich aus strategischen Gründen hier eingerichtet, da es einer der wenigen Ankerplätze in der Umgebung war. Später verfielen die Häuser, bis sie 1996 durch den Antarctic Heritage Trust restauriert wurden. Heute ist die Station den ganzen Sommer über eine der meistfrequentierten Besuchspunkte der Antarktis. Im Museum kann man sehen, wie die Station in den 1950er Jahren ausgesehen hat. Selbst einige Konservendosen stehen noch in den Regalen. Und noch ein Superlativ: Port Lockroy ist das größte – weil einzige – Souvenirgeschäft in der Antarktis. Die Souvenirs sind zwar teuer, dienen aber einem guten Zweck, nämlich dem Erhalt historischer Hütten. Sehr beliebt sind Postkarten mit Sonderbriefmarken und Antarktisstempel, die man in den roten Briefkasten einwerfen kann und die dann – hoffentlich – innerhalb von sechs Wochen zu Hause ankommen. Ich habe mir jedenfalls selbst eine Postkarte geschrieben.

Port Lockroy – Souvenirladen und Briefkasten am Ende der Welt!

Port Lockroy – Souvenirladen und Briefkasten am Ende der Welt!

Auch heute ist der Blog ohne Pinguine nicht vollständig. Obwohl die Insel winzig ist, müssen die vier Frauen der Station sie im Sommer noch mit einigen Hundert Pinguinen teilen. Sie stehen und liegen wirklich überall, selbst auf den Wegen und vor den Häusern. Deshalb gilt für uns hier auch nicht die Fünf-Meter-Abstand-Halten-Regel. „Stört die Tiere möglichst wenig, tretet nicht auf sie und – Pinguine haben immer Vorfahrt“, gibt man uns mit auf den Weg.

Gefiederte Freunde vor der Tür – leider riechen sie etwas streng!