Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 8: Port Lockroy)

Auch Pinguine würden gerne fliegen – oder war das gerade eine Bruchlandung?

Der heutige Tag war die Krönung der gesamten Tour, doch dazu später mehr. Heute gab es soviel zu sehen, das ich nicht dazu gekommen bin, den Rest des gestrigen Tages aufzuarbeiten, denn nach der Landung in Neko Harbour stand noch der Besuch von Port Lockroy auf dem Programm. Auf dem Weg dahin passierte die „Fram“ die Paradiesbucht. Normalerweise denkt man dabei an türkisblaues, herrlich warmes Meer und einen feinen, weißen Sandstrand mit Palmen. Hier, in der Antarktis ist es eine von mächtigen Gletschern umgebene Bucht, in der die ersten Walfänger Schutz vor Stürmen aus allen Windrichtungen fanden und sie deshalb Paradiesbucht nannten. Einen Strand sucht man hier vergebens – und das Wasser ist auch ziemlich kalt.

Royal Pork Sausages, geringfügig überlagert – Guten Appetit!

Port Lockroy, das sind drei Häuser auf einer winzigen Insel, die natürlich auch wieder von mächtigen Gletschern umgeben ist. In den 1940er Jahren haben die Engländer sich aus strategischen Gründen hier eingerichtet, da es einer der wenigen Ankerplätze in der Umgebung war. Später verfielen die Häuser, bis sie 1996 durch den Antarctic Heritage Trust restauriert wurden. Heute ist die Station den ganzen Sommer über eine der meistfrequentierten Besuchspunkte der Antarktis. Im Museum kann man sehen, wie die Station in den 1950er Jahren ausgesehen hat. Selbst einige Konservendosen stehen noch in den Regalen. Und noch ein Superlativ: Port Lockroy ist das größte – weil einzige – Souvenirgeschäft in der Antarktis. Die Souvenirs sind zwar teuer, dienen aber einem guten Zweck, nämlich dem Erhalt historischer Hütten. Sehr beliebt sind Postkarten mit Sonderbriefmarken und Antarktisstempel, die man in den roten Briefkasten einwerfen kann und die dann – hoffentlich – innerhalb von sechs Wochen zu Hause ankommen. Ich habe mir jedenfalls selbst eine Postkarte geschrieben.

Port Lockroy – Souvenirladen und Briefkasten am Ende der Welt!

Port Lockroy – Souvenirladen und Briefkasten am Ende der Welt!

Auch heute ist der Blog ohne Pinguine nicht vollständig. Obwohl die Insel winzig ist, müssen die vier Frauen der Station sie im Sommer noch mit einigen Hundert Pinguinen teilen. Sie stehen und liegen wirklich überall, selbst auf den Wegen und vor den Häusern. Deshalb gilt für uns hier auch nicht die Fünf-Meter-Abstand-Halten-Regel. „Stört die Tiere möglichst wenig, tretet nicht auf sie und – Pinguine haben immer Vorfahrt“, gibt man uns mit auf den Weg.

Gefiederte Freunde vor der Tür – leider riechen sie etwas streng!

 

 

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 9: Danco Island)

Ein gefürchteter Räuber – der Seeleopard

Mittlerweile ist die „Fram“ schon wieder auf dem Rückweg und hat den Windschutz der Antarktischen Halbinsel verlassen. Mal schauen, was die Drake-Passage auf dem Rückweg für Überraschungen bereithält. Noch steht aber der Bericht vom gestrigen Tag aus.

Einer meiner Lieblingseisberge

Wieder hat man uns einige Höhepunkte versprochen. Das erste Highlight ist das Wetter: spiegelglattes Wasser, blauer Himmel, strahlender Sonnenschein. Nein, ich übertreibe nicht; ja, das hatten wir auch schon gestern; nein, normal ist das nicht. Soviel Glück haben nur wenige!

Spiegelglattes Meer – in antarktischen Gewässern eine Seltenheit

Pünktlich zum Frühstück sind wir an der Einfahrt zum Lemaire Channel, einer gut zehn Kilometer langen und nur rund eineinhalb Kilometer breiten Wasserstraße zwischen Antarktischer Halbinsel und Booth Island. Hängegletscher und Felswände spiegeln sich im Wasser und je weiter wir in den Kanal vordringen, desto mehr Eis schwimmt auf dem Wasser.

Auf der Suche nach Robben und Seeleoparden

Am Vormittag steht statt einem Landgang eine Rundfahrt mit den Polar Circle Booten auf dem Programm. So dicht über der mit Eisbrocken und Eisbergen bedeckten Wasseroberfläche bietet sich eine völlig neue Perspektive. Die robusten Boote schlängeln sich durch die wenigen eisfreien Passagen, hin und wieder schaben Eisstücke an der Bordwand und wir blicken staunend aus nächster Nähe zu den Eisbergen auf. Dann entdecken wir einen Seeleopard, der sich auf einer Eisscholle sonnt. Er blickt kurz auf, zeigt seine beeindruckenden Zähne, beschließt dann aber schnell, dass wir keine Gefahr darstellen.

65° 04′ Süd – weiter geht es dieses Mal nicht

Im Lemaire Channel haben wir unsere südlichste Position erreicht, ab jetzt geht es wieder in Richtung Norden – nach Hause. Was jetzt folgt, ist eine Panoramakreuzfahrt zurück durch den Lemaire Channel und dann über die Paradise Bay nach Danco Island.

Danco Island ist winzig und von einer Kolonie von Eselspinguinen bewohnt. Für uns ist es wieder ein wunderschöner Anblick, wie die Pinguine auf mehreren Felsplateaus teils erstaunlich hoch über dem Meer ihre Jungen aufziehen. Doch Manuel, unser Ornithologe an Bord, erkennt sofort, dass die Jungtiere in der Kolonie in keinem guten Zustand sind. Viel zu klein für den Spätsommer seien sie, sagt er. Durch den langen Winter mit viel Eis konnten die Pinguine erst spät mit dem Brutgeschäft beginnen, außerdem haben sie sich sehr weit oberhalb des Meeres angesiedelt. Dies bedeutet, dass die kleinen Kerle nach jedem Fischzug mühsam den Berg hinauf watscheln müssen, was viel Zeit und Kraft kostet. Bei einem normalen Winteranfang haben nur wenige Jungtiere eine Chance.

Am späten Nachmittag setzen wir unsere Fahrt in Richtung Norden fort. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit werden von der Brücke Wale gesichtet. Die „Fram“ stoppt und wir beobachten knapp eine halbe Stunde lang, wie mindestens vier Buckelwale vor dem Bug schwimmen. Wir sind so nah, dass wir ihren Blas hören können. Hin und wieder tauchen sie ab und zeigen uns ihre Fluke. Ein perfekter Abschluss eines grandiosen Tages.

Sind Sie schon ein Pinguinexperte? Dann wissen Sie bestimmt zu welcher Pinguinart diese Füße gehören. Ich freue mich über Antworten und vor allem wie Sie es herausbekommen haben.

 

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 10: Drake-Passage)

Vor dem Ablegen in Ushuaia hat man uns gesagt, „Drake is a shake or a lake“. Auf der Hinfahrt war die Drake-Passage fast so still wie ein See, auf der Rückfahrt schaukelte das Schiff eine Zeitlang schon etwas kräftiger. Die Monsterwellen blieben uns aber erspart. Wegen des guten Wetters hat sich der Kapitän entschlossen, einen etwas weiter westlichen Kurs zu nehmen und einen kleinen Abstecher zu den Diego-Ramírez-Inseln und zum Kap Hoorn zu machen. Die Diego-Ramírez-Inseln liegen rund 100 Kilometer südlich von Feuerland und sind der letzte Ausläufer des Andengebirges, der die Wasseroberfläche durchstößt. Auf den Inseln wächst hohes Bültgras, auf kahlen Flächen brüten Felsenpinguine. Die vorgelagerten Klippen sind der bevorzugte Brutplatz von AlbatrossKap Hoorn, ohne Sturm und Monsterwellen, dafür mit ein paar Regenwolken

Das legendäre Kap Hoorn gilt allgemein als die Südspitze Südamerikas, was gleich doppelt unlogisch ist. Einerseits ist es nicht der südlichste Punkt, das sind die Diego-Ramírez-Inseln, zudem ist das Kap nicht Teil des Festlandes oder der Insel Feuerland. Kap Hoorn ist eine kleine Insel – sechs Kilometer lang und zwei Kilometer breit – die eigentlich Isla Hornos heißt. Legendär und gefürchtet war das Kap Hoorn zu Zeiten der großen Frachtsegler im 19. Jahrhundert. Sie konnten wegen schlechter Manövrierfähigkeit nicht durch die weiter nördlich gelegene Magellanstraße, sie mussten außen herum segeln. Damals war es eine der gefährlichsten Seepassagen weltweit und unzählige Schiffe zerschellten an der felsigen Küste. Einer dieser Frachtsegler, die „Passat“, liegt heute als Museumsschiff im Hafen von Travemünde vor Anker.

Morgen früh legt die „Fram“ in Ushuaia an und dann geht es über Buenos Aires und Frankfurt zurück nach Berlin.

 

Kanada: Auf der Suche nach dem König der Arktis

Jedes Jahr im Oktober wird der kleine Ort Churchill zur Touristenattraktion wenn die Eisbären vor der Stadt auf das Zufrieren der Bay warten. Für ein paar Wochen müssen Menschen und Bären dann miteinander auskommen, ohne sich gegenseitig umzubringen.

Langsam setzt sich der Zug in Bewegung und der Bahnhof von Winnipeg bleibt zurück. Für die nächsten 35 Stunden wird der Zug gemächlich über die auf dem Permafrostboden verlegten Gleise holpern. So lange dauert die Fahrt gen Norden bis zur Endstation Churchill an der Hudson Bay. Stunde um Stunde geht die Reise durch endlose Weizenfelder, die, dünn mit erstem Oktoberschnee überzogen, nicht von riesigen zugefrorenen Seen zu unterscheiden sind. Auf dem Weg nach Norden werden die Bahnhöfe immer seltener, sie sind die letzten Anzeichen einer spärlichen Besiedlung.

Polar Bear Alert

Churchill ist ein kleiner Außenposten der menschlichen Zivilisation in der kanadischen Tundra. Schon im Oktober ist es hier bitterkalt, die Hudson Bay wirkt wie ein riesiger Kühlschrank, bei dem jemand die Tür offen gelassen hat. Auch zu dieser Jahreszeit sind Schneestürme, die einem den Atem gefrieren lassen, keine Seltenheit. Aber wer hier lebt, hat sich mit dem extremen Klima arrangiert. Dick vermummt laufen die Menschen durch die Straßen, machen ihre Einkäufe oder besuchen Freunde. Ein paar Autos und Schneemobile sorgen für Leben auf den Straßen. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass hinter den letzten Häusern das Reich der Polarbären beginnt. Nur die giftgrünen Schilder mit der Aufschrift Polar Bear Alert warnen überall eindringlich davor, die Umgebung der Stadt zu Fuß zu erkunden. Und dann sind da noch die Bärenfallen hinter dem Gemeindezentrum, die vermuten lassen, dass ab und an mal ein Bär vorbeischaut.

Im Bärenland

Auf einer der wenigen Straßen gehr es einige Kilometer aus Churchill heraus bis zur Forschungsstation, wo einer der ortskundigen Bärenführer bereits wartet. Er soll uns mit seinem Tundra-Buggy sicher ins Bärenland bringen. Sein Buggy ist ein sonderbares Gefährt Marke Eigenbau. Über riesigen, grobstolligen Reifen thront ein Kleinbus mit Platz für ungefähr zehn Touristen. Die Konstruktion hat sich seit vielen Jahren bewährt, denn sie ist äußerst geländegängig und so robust, dass sich selbst ein ausgewachsener Eisbär daran die Zähne ausbeißt.

Nach einigen Kilometern querfeldein durch die menschenleere Tundra, bricht im Bus plötzlich Nervosität aus: Der erste Bär ist gesichtet worden. Langsam nähert sich ein ausgewachsener männlicher Eisbär mit gelblichweißem Fell dem Tundra-Buggy. Das imposante Tier nimmt keine Notiz von uns und trottet mit hängendem Kopf weiter, seine mächtigen Vorderpranken bei jedem Schritt nach innen drehend. Dann taucht ein Muttertier mit zwei Jungen im Schlepptau auf. Auch sie ziehen ganz gemächlich durch die Winterlandschaft. Wir halten an und hoffen auf die Neugier der Tiere.

Wie erwartet zieht das seltsame Gefährt die kleine Bärenkarawane magisch an. Den Kopf erhoben, die Nase im Wind, kommen sie langsam näher. Erst werden die Reifen inspiziert, dann beschließt die Bärenmutter einen Blick auf die Insassen zu werfen. Sie richtet sich auf und schaut uns direkt in die Augen. Die Bärin hat wahrscheinlich mit ihrer feinen Nase schon von weitem unsere Brote gerochen, aber sie macht keine Anstalten, sich eine Extraration zu sichern. Statt dessen rollt sie sich am Vorderreifen zusammen und bildet mit ihren Jungen ein weißes Fellknäuel.

Kampf der Giganten

Ein ganz besonderes Schauspiel sind kämpfende Eisbären. Immer wieder ziehen einzelne Bären gemächlich durch die weiße Tundra, andere liegen im Schnee und verschlafen den Tag. Plötzlich nähert sich ein Bär und fordert einen der Faulenzer heraus. Zunächst gibt es nur ein Tatzengeplänkel und eine spielerische Beißerei. Aber dann folgt der eigentliche Ringkampf. Beide Eisbären richten sich zu voller Größe auf, stehen einige Sekunden regungslos auf den Hinterbeinen und verhaken sich dann wie schwergewichtige Ringer mit den Vorderpfoten ineinander. Jeder drückt, schiebt und stößt aus Leibeskräften und versucht dabei, den Kontrahenten auch noch zu beißen.

Zwar laufen die Bewegungen wie in Zeitlupe ab, trotzdem keuchen die schweren Tiere vor Anstrengung. Bei diesem Zweikampf der aufgerichtet fast drei Meter großen Eisbären geht es nicht um Schnelligkeit, sondern Kraft ist gefragt. Nach einigen Sekunden lassen sie sich, noch immer ineinander verkeilt, in den Schnee sinken. Zum Finale beißen sie sich noch in Ohren und Nacken, wobei die Vorderpranken ineinander verschlungen bleiben. Dann ist die Auseinandersetzung plötzlich zu Ende. Die Kontrahenten gehen jetzt entweder wieder getrennte Wege, oder sie legen sich erschöpft nebeneinander in den Schnee und sammeln Kräfte für die nächste Runde. Zu dieser Jahreszeit tragen die Bären nur spielerische Gefechte aus, ernsthafte Verletzungen kommen dabei so gut wie nie vor. Wahrscheinlich sind es nur Trainingseinheiten für die Auseinandersetzungen während der Paarungszeit, während der die Männchen hemmungslos übereinander herfallen und sich dabei regelmäßig schwere Verletzungen zufügen.

Auf Nahrungssuche

Schon seit Jahrhunderten wandern die Bären im Herbst an der Küste der Hudson Bay nach Norden. Wenn es nach den Eisbären ginge, würden sie das ganze Jahr über auf dem Eis der Bay verbringen. Aber im Juli wird die Eisdecke dünn und zerbricht in große Schollen. Auf diesen Eisinseln treiben die Tiere dann in Richtung Süden. Irgendwann schließlich schmilzt ihnen auch noch das letzte Stückchen Eis unter den Füßen weg, und Ursus maritimus, der Meeresbär, wird auf Landurlaub geschickt.

Einige Tiere überrascht der arktische Sommer noch weit draußen auf der Bay, aber dann schwimmen sie mal eben die letzten 100 Kilometer bis zur Küste. Abgeschnitten von ihrer Lieblingsspeise, den Bart- und Ringelrobben, verbringen sie einen faulen Sommer und zehren von ihren Speckpolstern. Erst wenn es im September kälter wird, machen sich die Eisbären wieder auf den Marsch in Richtung Norden. Mitte Oktober sind dann einige hundert Tiere zielstrebig in Richtung Churchill unterwegs. Eigentlich scheren sie sich wenig um den Ort oder die Menschen, ihr Instinkt treibt sie dorthin, wo die Bay am ehesten zufriert. Sie haben genug von der sommerlichen Nulldiät und wollen so schnell wie möglich zurück aufs Eis, um den Robben an deren Atemlöchern aufzulauern.

Als Churchill noch aus einer Handvoll Hütten bestand, gab es kaum Probleme mit den Bären. Während der sechs gefährlichen Wochen im Herbst arrangierten sich die Menschen mit den Tieren, gefährliche Begegnungen waren selten. Erst als Churchill immer größer wurde, immer mehr Stadtmenschen in die Wildnis zogen und obendrein der Eisbärentourismus in Schwung kam, nahmen die Probleme zu. Besonders die wachsenden Müllberge, die vor den Toren der Stadt entstanden, waren eine unwiderstehliche Attraktion für die ausgehungerten Tiere. Für sie war das Wühlen in den Abfällen nach der langen Fastenzeit wie eine Stippvisite im Schlaraffenland. Der Duft lockte immer mehr Hungrige Bären an und im November 1968 wurden an einem Tag 40 ungebetene Gäste auf der Müllkippe gezählt.

Von Bären und Menschen

Die majestätischen Tiere mit dem seidig glänzenden Fell waren zu völlig verdreckten Stadtneurotikern verkommen, die in brennenden Abfallhaufen herumstöberten. Der König der Arktis bot ein jämmerliches Bild. Aber sie waren die Sensation für Sonntagsausflügler in ihren Autos, wurden provoziert und gefüttert. Die Zwischenfälle häuften sich. Die Bären gewöhnten sich an die Menschen, blieben aber weiterhin gefährlich. Selbst verschlossene Gebäude waren vor ihnen nicht sicher, und Polarbären, die seelenruhig durch die Straßen von Churchill trotteten, waren nichts Außergewöhnliches. Immer wieder wurden Menschen angegriffen, was manchmal sogar tödlich endete.

Da die Bewohner nicht auf den zunehmenden Eisbärentourismus verzichten wollten, der eine einträgliche Einnahmequelle war, musste das Zusammenleben von Bären und Menschen organisiert werden. Also wurden Spielregeln festgelegt, zu deren Einhaltung man die Bären allerdings zwingen musste. Dafür sorgt die Eisbärenpolizei. Sie hat die Aufgabe, die Bären von der Stadt fernzuhalten. Andererseits darf im Oktober und November niemand das Stadtgebiet zu Fuß verlassen.

Mit Allradfahrzeugen kontrollieren die Gesetzeshüter die neuralgischen Punkte. Mittlerweile gibt es eine 20 Kilometer breite Sicherheitszone um das Stadtgebiet. Sie besteht aus einem engmaschigen Netz von Bärenfallen, Fußschlingen oder großen Wellblechröhren, in denen Seehundköder liegen. Mehrmals täglich kontrolliert eine Patrouille die Fallen um gefangenen Tieren allzu großen Stress zu ersparen. Hat sich ein Eisbär vom Seehundköder anlocken lassen, und sitzt in der Falle, wird er betäubt und landet im Eisbärengefängnis.

Im Eisbärengefängnis

Der Arrest für uneinsichtige Eisbären ist eine fensterlose Wellblechröhre und ähnelt einem alten Flugzeughangar. Nur das kleine Schild Polar Bear Jail am Tor gibt Aufschluss über die Insassen. In dem Schuppen haben bis zu 20 Tiere Platz. Jeder Kandidat kommt in Einzelhaft, damit sie nicht übereinander herfallen, sich verletzen oder sogar zerfleischen.

Heute sollen Bären ausgeflogen werden. Wir warten vor dem Eisbärengefängnis auf den Hubschrauber, der schließlich in einem gewaltigen Schneegestöber auf dem Platz vor der Wellblechröhre landet. Die Beamten der Eisbärenpolizei mögen es überhaupt nicht, wenn man ihnen bei der Arbeit zuschaut. Mit mürrischen Gesichtern versuchen sie immer wieder Schaulustige fernzuhalten. So ist auch kein Blick in das dunkle Innere des Polar Bear Jail zu erhaschen.

Die offizielle Begründung lautet: Die Tiere sollen so wenig wie möglich gestört werden. Bei den Einheimischen aber hält sich hartnäckig das Gerücht, dass einige Könige der Arktis in einem schlechten Zustand und nicht vorzeigbar sind. Die mächtigen Tiere sind während der ganzen Prozedur bei vollem Bewusstsein und schauen die Beobachter mit großen Augen an. Nur ihre Muskeln sind nach einem Schuss aus dem Betäubungsgewehr zu keiner Bewegung mehr fähig. Vor dem Abflug nimmt man ihnen noch Blut ab, und sie bekommen auf die Innenseite der Oberlippe eine grüne Markierung. Anhand dieser Tätowierung lassen sich Wiederholungstäter leicht identifizieren, zum anderen kann man so mehr über ihre Wanderungen im Laufe der Jahre erfahren.

Die ausgewachsenen Eisbären werden auf einem Wagen heraus gefahren und vor dem Gefängnis auf ein Netz gelegt. Die Jungen werden unter den Vorderpfoten gefasst und wie große, weiße Kuscheltiere getragen. Jeweils zwei bis drei Bären kommen in ein Netz, das dann unter den Hubschrauber gehängt wird. Der Pilot bringt sie dann 50 bis 100 Kilometer nach Norden über den noch nicht zugefrorenen Churchill River, um ihnen den Rückweg zu erschweren.

Nach dem kurzen Flug setzt er die Tiere an der Hudson Bay aus. Anfangs torkeln sie noch benommen über das Eis, aber in der Regel erholen sie sich schnell von der Verbannung. Vielleicht ist der Aufenthalt in einem dunklen Wellblechschuppen nicht gerade angenehm für den König der Arktis, der gewohnt ist, in unendlicher Weite und Freiheit umherzustreifen, aber früher bezahlte er die Begegnung mit Menschen oft mit dem Leben. Denn in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zieht der Bär bei solchen Zwischenfällen den Kürzeren.

Friedliche Koexistenz

In Churchill leben heute Eisbären und Menschen relativ friedlich nebeneinander. Die Zeiten der vor Schmutz starrenden Bären, die in brennenden Abfällen stöbern sind vorbei. Heute wird kein Bär mehr in der Nähe der Deponie geduldet. Selbst die Wissenschaftler haben bei ihrem Studium der Lebens- und Wandergewohnheiten der Polarbären ihre Eingriffe auf ein Minimum reduziert.

Früher wurden den Bären regelmäßig Plastikknöpfe in die Ohren gedrückt, oder sie bekamen eine große Nummer auf den Rücken gemalt, damit man sie schon vom Hubschrauber aus identifizieren konnte. Viele liefen im Dienste der Wissenschaft auch jahrelang mit einem Radiosender um den Hals herum. Für die Wissenschaft waren die gewonnenen Erkenntnisse sicher wichtig, für ein ungestörtes Bärenleben sicher nicht.

Vielleicht haben auch die vielen Naturfotografen, die jeden Herbst nach Churchill kommen, diese Einsicht beschleunigt, denn wer bringt schon gerne Eisbärenfotos mit nach Hause, auf denen der König der Arktis eine große Nummer auf dem Rücken und um den Hals einen Radiosender trägt. Auch nach mehreren Wochen im Eisbärenland und viel Zutrauen zur Eisbärenpolizei ist es immer noch ein komisches Gefühl nachts durch die Straßen des Ortes zu gehen. Man geht unwillkürlich in der Mitte der Straße, macht einen großen Bogen um die Eisbärenfalle hinter dem Gemeindezentrum und achtet auf jeden Schatten.

Christian Nowak

 

Grönland: INUK – Der erste grönländische Film in deutschen Kinos

Erzählt wird die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, die zwei Menschen zurück ins Leben holt. In der grönländischen Hauptstadt Nuuk lebt der Junge Inuk ein nicht ganz einfaches Leben. Allein gelassen von seiner Mutter und ihrem Freund gerät er immer mehr außer Kontrolle, so dass er von den Behörden schließlich nach Uummannaq geschickt wird. Hier begegnet er Ikuma, einem wortkargen Jäger, dessen mysteriöse Vergangenheit ihm Rätsel aufgibt. Gemeinsam begeben sie sich auf eine einsame und doch heilsame Reise in die weiße Wildnis.

Auf der gefährlichen Robbenjagd im ewigen Eis lernen die beiden nicht nur einander, sondern auch sich selbst ganz neu kennen. Jenseits des Polarkreises, zwischen Eislandschaften und Gletscherpässen tauchen beide tief in die Geschichte der Inuit ein. Beide müssen verstehen lernen, dass die Erinnerung zum Schlüssel für die Zukunft werden kann. Die Hauptperson findet nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu den Traditionen Grönlands zurück: der Fahrt mit dem Hundeschlitten und der Jagd. Uummannaq bietet einen Mix aus Moderne und Ursprünglichkeit, aus „städtischem“ Leben und rauer Natur.

Uummannaq gilt als einer der Orte, an denen das echte und mystische Grönland noch lebendig ist. Etwa 1.300 Menschen leben hier auf 12 Quadratkilometern, bunte Häuser erstrecken sich am Fuße schroffer Felsen, Eisberge treiben um die Insel und Wale tummeln sich im Wasser. „Der Robbenherzförmige“ bedeutet Uummannaq auf deutsch, benannt nach dem Aussehen des fast 1.200 Meter hohen Berges, der die Landschaft prägt. Die Inuit leben von der Fischerei und der Robbenjagd, dennoch hat auch hier die Moderne Einzug erhalten: die Kajaks wurden von Motorbooten abgelöst und Fußball beim FC Malamuk Uummannaq hat sich zu einer der beliebtesten Freizeitaktivitäten entwickelt.

Naturliebhaber erleben die Insel bei Wandertouren oder Kajakausflügen, im Winter bieten die Einwohner Hundeschlittentouren für Touristen an. Die Insel ist aber nicht nur wegen des Einklangs von Ursprünglichkeit und Moderne sowie für Naturerlebnisse bekannt. Hier liegt auch das Polar Institute und zeigt unter anderem eine Ausstellung über den deutschen Pionier der Polarforschung Alfred Wegener, der 1930 auf einer Grönlandexpedition ums Leben kam.