Hongkong: Der Flughafen und die Delfine

Als Naturreiseziel ist Hongkong nicht gerade bekannt, trotzdem kann man dort eine Tierart beobachten, die es sonst nirgends gibt – die rosaroten Delfine von Lantau.

Es eilt. Der Autor meines Reiseführers drängt seine Leser zur Fahrt nach Hongkong. Baldmöglichst solle man aufbrechen, um eine der größten Sehenswürdigkeiten der Stadt noch bestaunen zu können: die rosaroten Delfine vor der Insel Lantau. Lange wird man die Tiere dort wohl nicht mehr sehen können. Sie sind vom Aussterben bedroht.
Die Wellen schlagen heftig gegen das Boot als ich an einem schwülen Sonntagmorgen das Rundfahrtboot der „Hong Kong Dolphinwatch Society“ besteige. Mit mir klettern 30 weitere Touristen an Bord. Erwartungsfrohe Kinder, ernsthafte Fotografen mit langen Linsen. Naturliebhaber und Stadttouristen.

Nur noch 60 von 180
Ich war schon einmal hier. Bereits vor mehr als zehn Jahren bin ich mit den Delfinfreunden hinausgefahren. Damals war ihr Boot noch kleiner und die Meeressäuger waren noch keine Topsehenswürdigkeit. Nur wenige Gäste wollten die Tiere sehen. Dafür aber schwammen noch 180 Rosa-Delfine durchs Meer vor Hongkong. Wenig genug schon damals, aber heute sind es kaum mehr als 60. Für den rapiden Rückgang des Bestandes gibt es mehrere Gründe. Der offensichtlichste ist die miserable Wasserqualität. Um die festzustellen, braucht es keine großen Tests, dazu genügt es, sich über die Reling des Rundfahrtbootes zu lehnen und nach unten zu schauen. Dass in der Brühe des Hafenbeckens überhaupt Tiere leben können, überrascht ohnehin. Die Stadtverwaltung versichert zwar, dass kaum noch ungeklärtes Abwasser ins Meer geleitet wird. Trotzdem zählt die Wasserstraße vor Hongkong zu den schmutzigsten Gewässern weltweit.
Das Rundfahrtboot tuckert an riesigen Landaufschüttungen vorbei. An kaum einem anderen Ort der Erde leben so viele Menschen auf so engem Raum. Jeder Quadratmeter bebaubares Land ist kostbar. Deswegen arbeiten sich die Hongkonger Meter für Meter ins Meer hinein vor und ringen ihm neuen Lebensraum ab. Mehr Platz für die Menschen bedeutet aber gleichzeitig weniger für die Delfine. Für die sesshaft lebenden Tiere wird langsam der Raum knapp.


Auch das Land für den 1998 erbauten riesigen Flughafen wurde dem Meer abgetrotzt. Wo heute Jumbos und Airbusse aus aller Welt landen, zogen noch vor wenigen Jahren Delfine ihre Bahnen. Trotz seiner Größe: Inzwischen ist der Flughafen schon wieder zu klein. Eine neue Piste muss her. Und wieder rollen die Lastwagen heran und schütten ihre Kiesladungen ins Meer. Wieder schafft sich der Mensch den Platz, den er braucht. Tak Ching Ho von „Hong Kong Dolphin Watch“ warnte zwar im Chinesischen Fernsehen: „Wenn ihr Lebensraum einmal zerstört ist, haben die Tiere keine Chance mehr.“ Die neue Piste zerschneidet einen natürlichen Wanderungskanal der Delfine, erklärt der Tierschützer. Auch der WWF hat für den Fall, dass die neue Startbahn gebaut wird, den Tod der Delfine vorausgesagt. Die Politiker kümmert das nicht. Klar wollen auch sie nicht, dass die Delfine sterben – immerhin sind sie ja sogar eines der Wahrzeichen der Stadt. Aber deswegen ein milliardenschweres Bauprojekt stoppen? Das kommt dann doch nicht in Frage.
Mit einem Passagieraufkommen von 60 Millionen pro Jahr ist der Flughafen von Hongkong der zweitgrößte Chinas. 60.000 Menschen finden hier Arbeit. Da zählen sechzig, allenfalls siebzig Delfine nicht viel. Zumal an anderer Stelle ohnehin bereits in deren Revier gebaut wird: Zwischen Hongkong und Macao entsteht eine 42 Kilometer lange Megabrücke und auch die durchschneidet den Lebensraum der Delfine. Vermutlich könnten sich die Meeressäuger sogar mit der Brücke arrangieren – wenn sie denn mal steht. Bis es soweit ist, werden hier keine Delfine mehr leben. Sprengungen, Erdarbeiten und Baulärm werden sie vertrieben haben. Die Frage ist nur: Wohin?
Als wäre all das nicht schon schlimm genug – den rosa Delfinen drohen noch mehr Gefahren. Das Meer vor Hongkong gehört zu den am stärksten befahrenen Wasserstraßen der Welt. „Zusammenstöße“ zwischen Delfinen und Schiffen sind häufig. Vor allem junge und unerfahrene Tiere werden von den Schiffsschrauben regelrecht zerhäckselt. Oder aber sie enden in den Fangnetzen eines Fischkutters. Am liebsten halten sich die rosa Delfine in Küstennähe auf – genau da, wo auch die meisten Schiffe fahren. Weil die Delfine von Lantau, im Gegensatz zu den meisten anderen Delfinarten, sehr langsame Schwimmer sind, können sie den Schiffen nur schwer ausweichen.
„Die Fischer von Hongkong haben nichts gegen die Delfine“, betont Lucie, die unsere Tour als Guide begleitet. Das kann man ihr durchaus glauben, doch Sympathie allein hilft den Delfinen wenig. Zumal Mensch und Tier in den überfischten Gewässern vor den Toren der Millionenstadt auch um die knappen Nahrungsressourcen wetteifern. Schon des Öfteren habe es Kadaver verhungerter Tiere an Land geschwemmt, erzählt unsere Führerin weiter.
Ausfahrt mit Sichtungsgarantie
Trotz alledem: Wer an einer Delfinsafari teilnimmt, wird mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit auch Tiere sehen – dass jedenfalls sagt die Statistik und das verspricht auch Lucie. Warum man denn so sicher sein könne, die seltenen rosaroten Delfine zu sehen, frage ich. Die Antwort ist so einfach wie deprimierend. „Das liegt nicht daran, dass sich die Population erholt“, sagt Lucie. Die Lebensgewohnheiten der Tiere machen es vielmehr leicht, sie aufzuspüren. „Die Delfine halten sich immer in einer bestimmten Region des Perlflussdeltas auf und da fahren wir jetzt hin.“
Nach knapp einer Stunde Bootsfahrt ist es dann soweit. „Delfine um zehn“, gibt der Kapitän von der Brücke in Seemannssprache den Hinweis. „Halb links vor dem Schiff“ heißt das übersetzt für uns Landratten. Dort soll man in ungefähr 200 Meter Entfernung zwei Delfine sehen können. Und wirklich am Horizont … nein, das ist nur eine Plastiktüte, und da noch eine … der erste Kontakt mit den Meeressäugern fällt enttäuschend aus. Inmitten der Plastiktüten und leeren Flaschen, die vor Hongkong im Meer schwimmen, sind mir die beiden Delfine entgangen. Lucie zeigt mir später ein Foto von einem Tier, das eine Plastiktüte über dem Kopf hat. „Wir haben versucht, es von der Tüte zu befreien“, erklärt sie. „Leider haben wir es nicht geschafft, das Tier ist erstickt.“ Und weiter: „Es werden immer wieder tote Delfine an Land geschwemmt. Die meisten davon sind Babys.“

Ein Ruf vom Ruder unterbricht ihre Ausführungen. Der Kapitän hat erneut einige Delfine gesichtet und diesmal sind sie auch deutlich zu erkennen. Eine Gruppe von vier oder fünf Tieren taucht nur etwa hundert Meter vor dem Schiff auf. Erst recken sie nur vorsichtig ihre Köpfe aus dem Wasser, so als würden sie sich vergewissern wollen, dass wir ihnen nichts Böses wollen. Dann schwimmen sie langsam Richtung Boot. Immer wieder tauchen Flossen aus dem Wasser. Bald sind die Delfine so nahe, dass man deutlich ihre lange Schnauze sehen kann. Um sie nicht zu stören, drosselt der Kapitän die Geschwindigkeit. Unter vielen „Ohs“ und „Ahs“ klicken an Bord die Kameraauslöser. Jetzt ist auch Lucie plötzlich aufgeregt. Sie streckt den Finger in Richtung der Tiere und ruft: „Baby, Baby!“ Und dann lacht sie und sagt: „So lange wir Babys sehen, gibt es noch Hoffnung.“

Text: Rasso Knoller, Fotos: Rasso Knoller (1), Fung Shun On/ Hong Kong Dolphinwatch Society (2)

Hongkong: Mehr als Tee und Wasser – die Teezeremonie

„Eine chinesische Teetasse mag klein aussehen, sie enthält jedoch viel mehr als nur Tee und Wasser“. Diese und viele weitere Weisheiten lernen Hong Kong Besucher im Lock Cha Tea Shop, während sie in die Geheimnisse der traditionellen Teezeremonie eingeweiht werden. Der Kurs „Chinese Tea Appreciation Class“ ist fester Bestandteil des „KulturellenKaleidoskop Programmes“, mit dem das Hong Kong Tourism Board Touristen größtenteils kostenlose Einblicke hinter die Kulissen der asiatischen Metropole bietet.

„Es gibt drei Regeln, die bei der Zubereitung von Tee unbedingt eingehalten werden müssen“, erklärt der Kursleiter, während er die filigranen Teetassen vor sich aufreiht. Tee, so sagt er, sei das Lebenselixier der Hong Kong Chinesen und allein die Zubereitung eine Kunst für sich. Wenn man ihm zusieht, wie konzentriert er bei der Sache ist, gibt man ihm unweigerlich recht und hat dabei das Gefühl, sogleich an der Essenz jahrhundertealter chinesischer Kultur zu nippen.

„Wichtig ist vor allem die richtige Menge an Teeblättern. Es hängt natürlich auch vom persönlichen Geschmack ab, aber wir verwenden etwa fünf Gramm für normalen und acht Gramm für stärkeren Tee“, so Tang weiter. „Ebenso wichtig ist die richtige Temperatur. Nicht alle Teesorten werden mit kochendem Wasser übergossen. Grüner Tee darf maximal mit 40 bis 70 Grad heißem Wasser zubereitet werden. Die dritte Regel ist das richtige Timing. Greenish Oolong Tee darf nur kurz ziehen, andere Teesorten sind da flexibler zu handhaben. Zieht ein Tee jedoch zulange, wird er schnell bitter“.

Während des Unterrichts lernen Besucher sechs unterschiedliche Teetypen kennen, die sich vor allem durch ihre Fermentierung unterscheiden. Dazu gehören grüner, weißer, gelber, grünlicher, chinesischer schwarzer sowie roter Tee. Abgerundet wird der Kurs durch einen Besuch im angrenzenden Flagstaff House, dem Museum of Tea Ware, in dem seltenes und teilweise antikes Teegeschirr ausgestellt wird.

 

 
 

China: Hinter dem herben Charme von Songzhuang blüht die Kunst

China, Songzhuang, Li Xiu Fang und ihre Lampen, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Li Xiu Fang und ihre Lampen, Foto: C. Nowak

Die Industriestadt Songzhuang bei Peking hat sich zum kreativsten Zentrum der modernen Kunst in China gemausert und selbst der Beijing 798 Art Zone, bekannt durch die Kunstikone Ai Weiwei, den Rang abgelaufen. Maler, Bildhauer, Fotografen und Konzeptkünstler haben in Songzhuang Fabrikgelände in Ateliers umgewandelt und können hier von der Staatsmacht relativ unbehelligt arbeiten.

Ein wenig schüchtern steht Li Xiu Fang in ihrer Werkstatt, denn Besuch aus dem fernen Deutschland hat sie noch nie gehabt. So wirkt sie zwischen all den extravaganten Lampen, an denen sie gerade arbeitet, ein wenig verloren. Aus Guandu, der Hauptstadt der Provinz Yunnan, stamme sie und arbeite seit zehn Jahren als Künstlerin. Früher sei die Werkstatt Teil eines kleinen Bauernhofs gewesen, hinter dem Haus liegen noch heute Felder. Für ihre Kreationen verwendet sie viele Naturmaterialien, aber auch Kunststoff und Metall. Sie zeigt auf die gerade Daumennagelgroßen braunen Punkte auf den Lampenschirmen: „Das sind Jadeschmetterlinge, hauchzarte Samen, die im Herbst von jedem Windhauch wie Schmetterlinge über die nahen Felder getragen werden.“ Aber erst, wenn sie das Licht in ihren Lampen anschaltet, erwachen sie zum Leben. Dann erstrahlen sie in warmen Farben, werden zu fast magischen Kunstobjekten, die die Fantasie anregen. Gleich mitnehmen möchte man sie, doch fürs Handgepäck sind sie viel zu groß.

China, Songzhuang, Li Xiu Fang und ihre Lampen, Foto: C, Nowak

China, Songzhuang, Li Xiu Fang und ihre Lampen, Foto: C, Nowak

Songzhuang nennt sich Art Village – Künstlerdorf. Wer jedoch ein pittoreskes Dorf erwartet, wird enttäuscht. Der Ort, gut eine Autostunde östlich des Pekinger Zentrums, ist keine ländliche Idylle sondern eine Industriestadt mit 100.000 Einwohnern. Selbst der künstliche See mit seinen felsigen, nur von spärlichem Grün bewachsenen Ufern wirkt wie eine Industriebrache. Schnurgerade, trostlos und staubig zieht sich die von Industrieanlagen gesäumte Hauptstraße durch den Ort. Nur die vielen, teils meterhohen Skulpturen, die schon von der Straße auszumachen sind, lassen erahnen, welch kreatives Potential in den schmucklosen Lagerhallen und Bürogebäuden am Werke ist.

„Viel Platz, viel Ruhe, erschwingliche Mieten und wenig Kontrolle“ waren für Li Xiu Fang entscheidende Argumente, sich in Songzhuang niederzulassen. Mittlerweile fährt sie nur noch selten mit dem Bus nach Peking, für häufigere Besuche ist ihr der Millionenmoloch zu laut und zu hektisch.

Unbehelligt von der Staatsmacht

Seit Anfang der 1990er-Jahre zieht es Künstler nach Songzhuang und jedes Jahr kommen mehr. Viele auch aus der Beijing 798 Art Zone, wo auch der bekannteste chinesische Künstler Ai Weiwei lebt. Denn mittlerweile ist das ehemalige Fabrikgelände 798 trendgerecht saniert und Anlaufpunkt für Touristen und angesagte Galeristen. Vor allem Kunst teuer zu verkaufen statt Kunst zu produzieren, werfen deshalb immer mehr der Art Zone 798 vor. Ganz anders dagegen Songzhuang: Touristen verirren sich bis jetzt nur ganz selten hierher, dabei organisiert das Sunshine International Art Museum – immerhin eines der größten seiner Art in China – seit 2008 jedes Jahr mehrere hochkarätige Ausstellungen. Da größtenteils private Sponsoren die Finanzierung übernehmen, mischt sich der Staat nur selten ein.

China, Songzhuang, Künstler Wu Zhen Huan, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Künstler Wu Zhen Huan, Foto: C. Nowak

Li Xiu Fang und Wu Zhen Huan sind Nachbarn und Kollegen. Wus Gemälde sind groß – sehr groß, dementsprechend gleicht sein Atelier auch eher einer Lagerhalle. Eimerweise verteilt er schwarze Farbe auf weißen XXL-Leinwänden. Seine Werke kennt man mittlerweile auch außerhalb Chinas. Stolz erzählt er von Ausstellungen in Italien, England und Malaysia. „Moderne Kunst hat in China keine Tradition“, sagt er, „früher habe ich anders gemalt, gegenständlicher und farbiger.“ Mit seinen großformatigen Schwarz-Weiss-Orgien möchte er eine Verbindung zwischen chinesischer Tuschemalerei und westlicher Ölmalerei herstellen.

Ein wahrer Meister dieser klassischen Tuschemalerei ist Wang Tao, der ebenfalls sein Atelier in Songzhuang hat. Auch Wang Taos Werke sind Schwarz-Weiss-Kunstwerke, passen aber noch auf seinen großen Ateliertisch. Mit unglaublich ruhiger, aber erstaunlich flinker Hand setzt er die Pinselspitze auf das Papier. Zurück bleiben unzählige schwarze Striche, die sich schließlich zu Blättern, Ästen und Bäumen vor Bergen und Seen zusammenfügen.

China, Songzhuang, Künstler Wang Tao, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Künstler Wang Tao, Foto: C. Nowak

Es lohnt sich, in Songzhuang auf Entdeckungstour zu gehen, denn Li Xiu Fang, Wu Zhen Huan und Wang Tao sind nur drei von mittlerweile mehr als 2000 Künstlern, die in dem Ort leben und arbeiten.

Impressionen aus Songzhuang

China, Songzhuang, Sunshine Art Museum, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Sunshine Art Museum, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

Text und Fotos: Christian Nowak

Mehr über Songzhuang lesen Sie HIER

 

 

 

 

 

 

China: Die Wehrtürme von Kaiping

Maja Linnemann, Kaiping

Rund hundert Kilometer südwestlich der Provinzhauptstadt und Millionenmetropole Guangzhou (auch: Kanton) stehen inmitten von idyllischen Dörfern und leuchtend grünen Reisfeldern seltsam anmutende, gleichzeitig abweisende und verspielte „Hochhäuser“. Die Wehrtürme von Kaiping wurden erst vor wenigen Jahren wieder entdeckt und als historisches Zeugnis der südchinesischen Auswanderergeschichte im Juni 2007 in das Weltkulturerbe aufgenommen.
Im 19. Jahrhundert  war die heute wirtschaftlich führende Provinz Guangdong Schauplatz mehrerer kriegerischer Auseinandersetzungen, wie der Taiping Rebellion (1851-1864), des „Roter-Turban“-Aufstands (1854 – 1856) sowie seiner brutalen Niederschlagung und eines langjährigen Krieges zwischen den Völkern Hakka und Punti (
1856-1867). Anfang des 20. Jahrhunderts kämpften hier verschiedene Warlords um die Vorherrschaft (1916-1926). Die Folgen dieser Auseinandersetzungen wurden durch zahlreiche Naturkatastrophen noch verschlimmert. Die bäuerliche Bevölkerung verarmte, viele wanderten aus, vor allem nach Amerika, Südostasien und Australien, wo sie beim Eisenbahnbau und in Bergwerken Arbeit fanden. Heute sollen 750.000 Menschen mit Wurzeln in Kaiping im Ausland leben. Hinweise auf die Auswanderungswellen tauchen immer wieder ganz unerwartet auf: Auf einer Reise nach Kambodscha im Januar 2007 erzählte mir der Englischlehrer in dem Küstenstädtchen Kampot, dass sein Urgroßvater aus Guangdong ausgewandert sei und damals „nicht einmal ein Hemd besessen“ habe. Und China Daily berichtete im April 2006 von den Nachkommen chinesischer Auswanderer, die vor anti-chinesischen Ausschreitungen auf den Solomon-Inseln zurück nach Kaiping geflüchtet waren.

Räuber trieben ihr Unwesen

Abgesehen von der traditionell starken Heimatverbundenheit der Chinesen wurde die Bindung an den Geburtsort noch dadurch gestärkt, dass es vielen Auswanderern im 19. Jahrhundert nicht erlaubt war, Ehefrauen mitzunehmen. Es blieb ihnen also gar nichts anderes übrig, als zurückzukehren, sobald sie genügend Ersparnisse hatten, um Land zu kaufen, ein Haus zu bauen und eine Familie zu gründen. Oder, so sie bereits eine Familie hatten, diese mit Geldsendungen zu unterstützen. Die unsichere politische Lage, kombiniert mit dem Wohlstand, der aus dem Ausland in die Gegend zurückfloss, bot einen idealen Nährboden für Räuber, die – wie lokale Chroniken belegen – in großer Zahl ihr Unwesen trieben. Die Bewohner Kaipings mussten sich und ihr Hab und Gut schützen. So entstanden die Wehrtürme von Kaiping, chinesisch Diaolou. Maja Linnemann Kaiping

Wenn man sich Kaiping aus der Millionenmetropole Guangzhou kommend nähert, entsteht der Eindruck, dass die Diaolou praktisch überall sind. 1.833 von den ehemals über 3.000 Diaolous sollen gegenwärtig noch existieren vor allem in den vier 4 Bezirken Tangkou, Baihe, Xiangang and Chikan Township. Errichtet wurden sie als Wohnhäuser, Wachtürme und kommunale Schutzhäuser. Am interessantesten sind die oft opulenten Wohnburgen, die ganz unterschiedliche architektonische Stile vereinen und damit oft einen Hinweis darauf geben, wohin ihre Erbauer ausgewandert waren. Es heißt sogar, einige der Diaolous seien nach Ansichtskarten aus dem Ausland entstanden. Heute gibt es u.a. ein Kanada-Dorf, aber auch ein Mexiko- und ein Burma-Dorf.

Häuser ohne Angriffsfläche

Bis zum vierten oder fünften Stockwerk sind die grauen Mauern glatt mit kleinen Fenstern, die mit eisernen Läden verschlossen werden können und wenig Angriffsfläche bieten. Die oberen Stockwerke stehen in deutlichem Kontrast zur unteren Wehrhaftigkeit, sie ragen meist über den Grundriss des Fundaments hinaus, und erinnern an eine Hochzeitstorte: Galerien, Aussichtsplattformen und Balkone türmen sich übereinander, traditionelle chinesische Elemente wurden mit klassischen europäischen kombiniert und mit Kuppeln, Türmchen, Spitz- und Rundbögen, Mäuerchen, griechischen und römischen Säulen und Verzierungen aus dem Barock und Islam garniert. Fast jedes Diaolou trägt hoch über dem Eingang eine Inschrift mit seinem Namen. Da die neueren Diaolous mit modernen, oft importierten Materialien wie Stahl und Beton gebaut wurden, dominiert die Fassaden ein ernstes  Grau. Hier und da finden sich aber auch eher villenartige Behausungen in warmen, mediterranen Rottönen oder grauen Ziegeln. Der surreale Eindruck der zugleich abweisenden und  verspielten Hochhäuser, die eine fast urbane Würde verströmen, wird durch die ländliche, von schnatternden Gänsen bevölkerte Umgebung und die üppige tropische Vegetation – die ausladenden Bananenbäume,  die schlanken, weit in den blauen Himmel ragenden Palmen und die urigen Banyanbäume – noch gesteigert.

Weltkulturerbe

Das älteste Diaolou, das Yinglonglou, ist allerdings bereits über 300 Jahre alt und steht mitten in dem adretten Dorf Sanmenli. Es ist ein dreistöckiger, massiver Ziegelbau mit fast 1-Meter dicken Wänden, wenigen, kleinen Fenstern und praktisch ohne jede Verzierung. Die meisten der heute existierenden Diaolou wurden allerdings erst in den 1920er und 30er Jahren gebaut.Maja Linnemann, Kaiping

Der jüngste Turm ist mit 1948 datiert. Manches Diaolou ist so gut erhalten, dass man nur einmal abstauben und dann gleich einziehen möchte.  Da die Türme von Kaiping 2001 als Geschütztes Kulturgut deklariert und 2007 als Weltkulturerbe bei der UNESCO aufgenommen wurden, ist die touristische Infrastruktur erfreulich gut ausgebaut. Gleichzeitig ist Kaiping aber noch nicht so überlaufen, wie viele andere Sehenswürdigkeiten in China. Die meisten Besucher kommen aus Hongkong oder Guangdong. Schon 2006 gab es eine detaillierte, chinesische Karte der Gegend, auf der alle Sehenswürdigkeiten eingezeichnet sind. Manche der Sehenswürdigkeiten, wie der malerische Ort Chikan, sind gut mit dem öffentlichen Bus zu erreichen. Wer in Eile ist, kann ein Taxi für den ganzen Tag mieten, wobei man aber nicht davon ausgehen kann, dass der Fahrer alle interessanten Plätze kennt – hier hilft die Karte! Wer genug Zeit mitbringt, könnte die überwiegend flache Gegend auch mit dem Fahrrad erkunden.

Eine Etage für jede Ehefrau

 Einer der Höhepunkte ist das Dorf Zili in Tangkou, wo eine Gruppe gut erhaltener Diaolous steht. Um das touristische Potential der Diaolous voll ausschöpfen zu können, hat sich die Regierung von Kaiping seit einigen Jahren bemüht, die Wohntürme mit Genehmigung der Eigentümer für Besichtigungen zu öffnen. Im Erdgeschoss des Zhulin Turms in Zili liegen Küche und Empfangsraum, an der hinteren Seite führt ein Treppenhaus in die oberen Geschosse. Wer ein Diaolou bauen ließ, erfreute sich eines gewissen Wohlstands und konnte sich entsprechend auch mehrere Ehefrauen leisten. Es scheint, dass jede Ehefrau mit ihren Kindern eine eigene Etage bewohnte. Aufschluss über die Familienverhältnisse geben manche der alten Familienfotos, die in den zugänglichen Diaolou hängen. Im obersten Stockwerk über den Wohnräumen hat der Ahnenschrein seinen Platz. In den Räumen sieht man ein Sammelsurium von klassischen chinesischen und europäischen Möbeln, Haushaltgeräten, Werkzeugen und Geschirr. Ein Grammophon ist Zeuge des westlichen Einflusses.

Maja Linnemann, Kaiping

Von der Terrasse hat man einen schönen Rundblick, aber die Schießscharten an den vier „Ecken“ des Balkons, runde Ausbuchtungen, die als „Schwalbennester“ bezeichnet werden, erinnern daran, dass der Alltag der Bewohner in alter Zeit unvorhersehbaren Störungen unterworfen war. In der Nähe von Zili liegt der Liyuan Garden, eine gut erhaltene Villenanlage, die ursprünglich nach dem „Grand View Garden“ aus dem chinesischen Klassiker „Traum der Roten Kammer“ entworfen wurde, und bei den meisten Touren ganz oben auf der Liste steht.

Das Ruishilou im Kreis Xiangang, ca. 40 km südwestlich von Kaiping, gilt als das prächtigste unter den Diaolou und ist mit 9 Stockwerken auch das Höchste. Heutzutage führt ein Urenkel des Erbauers Huang Bixiu Besucher durch das Gebäude. Auf dem Dach des Ruishilou steht ein alter Stromgenerator deutscher Produktion.

Maja Linnemann

ist freie Autorin, Redakteurin und Übersetzerin in Peking

 

 

Hongkong: Ein Diamant im Kohlestück

 

Kunst aus der Volksrepublik China erzielt derzeit Höchstpreise. Hongkongs Kunstszene dagegen ist noch unentdeckt. Dort können auch Spitzenkünstler kaum von ihrer Arbeit leben.

Hongkong ist das Zentrum des Kunsthandels in Asien: Hier sind alle großen Auktionshäuser und Galerien vertreten. Etwa die von Nicole Schoeni, die sich auf den Verkauf von moderner Kunst vom chinesischen Festland spezialisiert hat. Manfred Schoeni, ein Schweizer Hotelier, hatte die Galerie 1993 gegründet und bis im Jahre 2004 geleitet.

Seitdem führt seine Tochter die Geschäfte. Im Träger-Shirt, Sommerrock und in Flip-Flops sitzt sie mir gegenüber. Entspannt lächelnd und gut gelaunt, wirkt die 29-jährige so gar nicht wie eine geschäftstüchtige Galeristin, die mit millionenschweren Gemälden handelt und zugleich eine der wichtigsten Figuren der Hongkonger Kunstszene ist.

Die Galeristin Nicole Schoeni

Nicole Schoeni erzählt von den Zeiten, als ihr Vater noch die Bilder unterdrückter Künstler eigenhändig aus China herausschmuggelte und Malern wie Yue Min Jun zu den ersten Ausstellungen verholfen hatte. Heute ist Yue Min Jun weltberühmt, seine Werke erzielen Millionenerlöse auf dem internationalen Kunstmarkt. Die von ihm geschaffenen „lachenden Gesichter“,  die Menschen mit einem entstellenden oder entfremdeten Lachen darstellen, sind weltbekannt.

Manfred Schoeni war ein Pionier, was den Handel mit chinesischer Kunst angeht. Der richtige Boom begann aber erst 2004, erzählt seine Tochter. „Damals sind auch die Preise für die Kunstwerke explodiert, chinesische Kunst wurde zu einem  lohnenden Investment.“ Kaum ein Kunstmarkt hat eine solch rasende Entwicklung genommen wie der chinesische. Nicole Schoeni mutmaßt, dass dies daran liege, dass China ein großes Land sei und deswegen im Bewusstsein der Sammler auch eine entsprechend wichtige Rolle spiele.

Kunst zwischen zwei Welten

Von der Beliebtheit moderner chinesischer Kunst konnten die Hongkonger Künstler bisher nicht profitieren – international werden sie kaum wahrgenommen. „Das ist schon ein bisschen komisch“, sagt Nicole Schoeni. „Der Kunst hat es hier schon immer an Unterstützung gefehlt“. Nur die wenigsten Künstler könnten von ihrer Arbeit leben.

Zudem fehle es den Hongkong-Chinesen an einer eigenen Identität. Das spiegele sich auch in der Kunst wider. „Die Künstler bewegen sich zwischen zwei Welten – Europa und Asien, bzw. Großbritannien und China – und wissen nicht  so recht wo sie hin gehören“, so Schoeni.

Das bestätigen auch Kacey Wong und  Cassian Lau, zwei Künstler, denen ich im Madhouse begegne, einer der wenigen Galerien der Stadt die auch einheimische Künstler ausstellt. Beide haben in London studiert und sprechen akzentfreies Englisch.

Sie jedoch bewerten ihre Stellung zwischen den Kulturen  positiv und als zusätzliche Quelle der Inspiration. Nirgendwo auf der Welt finde man diese einmalige Mischung: Künstler, die sowohl vom Westen als auch vom Osten beeinflusst sind. „In unseren Adern fließt chinesische Blut, wir denken wie Briten,  tragen italienische Mode, fahren deutsche Autos und schauen amerikanische Filme an“, sagt Cassian Lau.

Cassian Lau erklärt sein jüngstes Gemälde

Er beschreibt die Kunstszene in Hongkong als ein Kohlestück, das einen wertvollen Diamanten in sich trägt.  Noch jedoch hat niemand den Diamanten entdeckt.

Selbst Lau, der zu den bekanntesten Malern Hongkongs zählt, kann allein vom Verkauf seiner Gemälde nicht leben. Seine Frau hat eine kleine Textilfabrik, die sie zusammen leiten, sagt er.

Für die Leute in Hongkong sei Geldverdienen das Wichtigste. „Kunst ist für sie zweit- oder sogar drittrangig“, so Kacey Wong. „Die Menschen sind früher als Flüchtlinge nach Hongkong gekommen und mussten immer Geld verdienen  um zu überleben“, sagt er. Diese Mentalität habe sich bis heute fortgepflanzt.

Kunst wird deshalb in Hongkong nicht um ihrer selbst Willen geliebt, sie wird erst dann interessant wenn sich mit ihr Geld verdienen lässt.

Im Bereich der Hollywood Road reiht sich eine Galerie an die andere. In denen kann man aber entweder moderne chinesische Kunst oder aber Antiquitäten kaufen – Kunst, die einen hohen Preis erzielt, und mit der sich entsprechend viel verdienen lässt.

Vicki Lui leitet die Galerie Madhouse

Galerien wie das Madhouse, die Hongkonger Künstler ausstellen gehören zur Ausnahme. Bilder von Malern aus der ehemaligen Kronkolonie werden fast ausschließlich von Expats, in Hongkong lebenden Ausländern, gekauft. „Hongkonger hassen Langweile“, sagt Vicki Lui, die Galeriechefin im Madhouse.  „Kunst ist für die Leute in Hongkong etwas Langweiliges, wir müssen die Menschen nun vom Gegenteil überzeugen.“

Rasso Knoller

 

 

 

 

 

Hongkong: Sommerfrische am Strand

 

Wenn die Hongkonger einen Wochenendausflug aufs Land machen wollen, fahren sie nach Stanley. Dann drängen sich die Menschen auf der Strandpromenade wie in der U-Bahn zur Rushhour und die Touristen schieben Schulter an Schulter durch den berühmten Stanley Market.

Ich mache mich lieber an einem Mittwoch auf den Weg nach Stanley, steige in Central in den Bus und suche mir dort erst einmal einen Platz auf den Oberdeck. Die Fahrt hinaus nach Stanley dauert eine gute halbe Stunde und führt an der Küstenstraße entlang. Ausblicke aufs Meer sind dann vom Oberdeck inklusive.

An der Endstation steige ich aus und gehe hinab zur Strandpromenade. Die Restaurants die sich hier aneinander ignoriere ich erst einmal; zunächst ist Sight Seeing angesagt.

Ein Haus geht auf die Reise

Mein Weg führt mich hinaus zum Murray House, einer alten neoklassizistischen Kaserne der britischen Armee. Erbaut im Jahre 1843 ist es eines der ältesten Gebäude der Stadt. Allerdings wurde Murray House erst 1998 nach Stanley umgesetzt. Ursprünglich stand die Armeekaserne nämlich mitten in der Stadt. Dort aber sind die Gunststückspreise so gestiegen, dass dort ein zweistöckiges Gebäude – und sei es von noch so großem historischen Wert – nichts verloren hat. Nach Hongkonger Verständnis wäre das reine Platz- und damit Geldverschwendung. Murray House musste deswegen weichen und dem 70 Stockwerke und 368 Meter hohen Wolkenkratzer der Bank of China Platz machen. Doch auch in Hongkong, der Stadt die das Neue liebt, erkannte man den historischen Wert von Murray House. Und so beschloss man, es Stein für Stein abzutragen und es an andere Stelle  – weit vom Stadtzentrum entfernt in Stanley – wieder aufzubauen. In der alten Kaserne sind heute einige Restaurants untergebracht und das Meeresmuseum der Stadt. Das Essen hebe ich mir für später auf, dem Museum statte ich einen kurzen Besuch ab. Wenig überraschend warten da eine ganze Reihe von Schiffsmodellen auf den Besucher und eine genaue Dokumentation über die Entwicklung des Hafens von Hongkong.

Mich aber fasziniert eine kleine Ecke, in der die Ausstellungsstücke von einem Teil der deutschen Geschichte erzählt. Sie befasst sich mit dem mit dem nordchinesischen Hafen Qingdao, der von 1897 bis 1914  unter deutscher Herrschaft stand. Und so kann man hier eine Seidenstickerei  des Kreuzers S.M.S Leipzig bewundern, der Teil des deutschen Ostasienregiments war und eine Bild des Seesoldaten Bergmann, der 1914 in Qingdao in japanische Gefangenschaft geriet.

Vor dem Murray House ragt das Blake Pier ins Wasser von dem die Fähren zu den Po Toi Inseln ablegen. Auch Blake Pier stand einst im Stadtteil Central – und dort irgendwann im Weg.

Restaurants am Meer

An der Strandpromenade entlang gehe ich zurück und lege ich einen ersten Zwischenstopp in einem der vielen Restaurants ein, die am Meer entlang wie an der Perlenschnur aufgereiht sind. Ungewöhnlich für Hongkong – wo man eigentlich lieber unter eisigen Klimaanlagen drinnen sitzt – kann man hier einen Stuhl im Freien ergattern. Ich fühle mich fast wie in Italien und lasse die Meeresbrise über die Haut streicheln. Anders als in den Ristorantes jenseits der Alpen bestelle ich aber hier keinen Capuccino, sondern „schon ganz Chinese“ einen grünen Tee. Die Bestellung scheint zu überraschen, Offenbar ist man im Boatshouse doch eher auf die Getränkewünsche von Touristen eingestellt. Für dieses Restaurant habe ich mich auf Anraten eines Freundes entschieden, der die Dekoration, die sich ein wenig an eine Segelboot anlehnt, bemerkenswert fand. Nun ja, in Sachen südländischer Dekoration liegt Italien dann doch noch vor Hongkong. Nachdem ich meinen Tee geschlürft habe, setze auch meinen Rundgang fort. Vorher werde ich aber noch einen kurzen Blick ins Smugglers Inn. Auch dieses Restaurant wurde mir von meinem Freund empfohlen. Es soll angeblich das älteste Restaurant in Stanley  sein. Hier hätten einst die britischen Soldaten ihren Sold versoffen. Da mein Freund  Engländer ist, akzeptiere ich ihn in dieser Frage als glaubwürdige Quelle.

Nur wenige Minuten erreiche ich den „Stanley Market“. Er  wird in jedem Reiseführer erwähnt und deswegen bin ich etwas überrascht wie klein er eigentlich ist. Stände mit T-Shirts bestimmen das Bild. Bruce Lee und Barack Obama, sind gegenwärtig die favorisierten Vorlagen für den T-Shirt Aufdruck, dicht gefolgt vom Dauerbrenner Che Guevara. Daneben wird allerlei Souvenirtand und Kunsthandwerk wird angeboten. Einige Galerien verkaufen durchaus ansprechende Gemälde an – jedes einzelne  natürlich ein  Original und von einem ganz bekannten Hongkonger Künstler.

Badeurlaub in Hongkong

Hongkong hat viele Märkte zu bieten die spannender sind, keinen aber der so nah am Meer liegt. Und deswegen steht nach dem Marktbesuch für mich der Stanley Beach auf dem Programm. Ein paar hundert Meter lang und vielleicht zwanzig, dreißig Meter breit, ist er am Wochenende überfüllt. Jetzt aber ist kaum jemand da, für mein Handtuch bleibt genügend Platz.

Und die Lifeguards haben genügend Zeit für ein Schwätzchen. Mack, ist ihr Chef und erzählt mir, dass immer zehn Leute gleichzeitig Dienst haben. Heute bedeutet das: für jeden Badegast ist ein Lebensretter zuständig. Ich fühle mich sicher.

Ein Lifeguard sitzt sogar auf einer künstlichen Insel im Meer, etwas 50 Meter vom Strand entfernt und von einem Sonneschirm geschützt. Hongkong passt auf seine Bürger auf. Sogar ein Haifischschutznetz haben Mack und seine Leute vor dem Strand aufgespannt. Ob er denn hier schon mal einen Hai gesehen habe frage ich ihn. Mack nickt eifrig. Vor zwei Jahren sei das gewesen – am Rande des Haifischnetzes. Allerdings sei der Hai schon tot gewesen und allenfalls einen Meter groß.

Ich steige beruhigt ins warme Wasser und plansche entspannt vor mich hin. Badeurlaub in Hongkong. Nach einer langen halben Stunde im Wasser muss ich zum Unziehen auch keinen Storchentanz mit dem Handtuch um die Hüfte machen. Umkleidekabinen und Duschen gehören, wie mir Mack bestätigt“ nicht nur am Strand von Stanley zum normalen Service.

Besuch bei der Meeresgöttin

Frisch geduscht mache ich mich auf zu meinem letzten Besichtigungspunkt. Ein paar hundert Meter  abseits des Ortskerns liegt der Tempel der Meeresgöttin Tin Hau.1762 wurde er erbaut und gehört im ewigen jungen Hongkong damit zu den ältesten Bauwerken. Drinnen wabert der Nebel der Räucherstäbchen, ein süßlicher Duft liegt in der Luft, vor mir ein Betender der sich tief vor dem Standbild der Göttin verbeugt. Auf dem Altar liegt frisches Ost -eine Opfergabe für Tin Hau.

Auch ich zünde eine paar Räucherstäbchen an, verbeuge mich tief und mache es wie die Einheimischen – spreche einen Wunsch aus, den mir Tin Hau erfüllen möge.

Rasso Knoller

 

China: Sunshine in Songzhuang

China hat sich gewandelt. Zumindest zum Teil. Der Staat geht zwar immer noch mit Härte gegen Regimekritiker vor, doch viele Künstler haben sich inzwischen Freiräume ermalt.

80 Prozent  der „richtigen Künstler“ des Landes wohnten in Songzhuang, sagt Guangming Li, der Leiter des dortigen Sunshine-Museums. „Das Zentrum der Kunst in China ist Peking und das künstlerische Zentrum von Peking wiederum Songzhuang.“  Das „Dorf der Song“, so die wörtliche Übersetzung, liegt etwa 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt und ist für chinesische Verhältnisse in der Tat ein Dorf. Hierzulande würde man Songzhuang eher als Industriestadt bezeichnen. Ländliche Idylle sucht man vergebens. Der See, der Künstlern zur Inspiration dient, ist nichts als ein viereckiges künstliches Wasserloch, an dessen felsigem Ufer sich ein paar magere Bäume festklammern.

Guangming Li lebt wie fast 2000 andere Künstler in Songzhuang. Anfangs der neunziger Jahre zogen immer mehr Maler, Bildhauer und Fotografen aus ganz China hierher, um billig zu wohnen und abseits der Überwachung durch die Staatsregierung arbeiten zu können. Anfangs gab es Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung. Die Bauern und einfachen Industriearbeiter hatten Zimmer an die Neuankömmlinge vermietet, aber mit deren  unangepasster Lebensweise Probleme. Inzwischen hat man sich aneinander gewöhnt und lebt friedlich nebeneinander.

Viel Platz und wenig Kontrolle

Der Kunstkritiker Xianting Li zählt zu den Gründern des Künstlerdorfs. Er war einer der ersten, der hierher kam. Der kettenrauchende Mitsechziger wird heute von allen Künstlern als ihr Sprecher, als graue Eminenz, die die Fäden in der Hand hält, anerkannt.  „Songzhuang  ist der ideale Ort für uns“, sagt Xianting Li. Hier finden Künstler, was sie für erfolgreiche Arbeit brauchen: „Viel Platz, viel Ruhe und wenig Kontrolle“.

Heute könnten die Künstler im wesentlichen ausstellen was sie wollten, betont Museumsdirektor Guangming Li. Zum größten Teil würde das „Sonnschein-Museum“ ohnehin von Sponsoren aus der Privatindustrie unterstützt, und damit sei man unabhängig. Wenn man dennoch Geld von der Regierung wolle, müsse die das Konzept der Ausstellung absegnen, so Li. Sie bestimme dann auch, welche Künstler ausgestellt werden dürfen. Doch Li, der lässig in Jeans und gestreiften T-Shirt im Stuhl lümmelt, sieht das entspannt: „Manchmal ist die Regierung gegen das, was wir ausstellen wollen“, sagt er, „dann gibt´s eben kein Geld“. Eine Ausstellung verändern, nur um staatliche Förderung zu bekommen, würde er nicht. „Doch wir versuchen schon, dass eine von unseren drei  Ausstellungen pro Jahr der Regierung gefällt und wir von ihr dann finanziell unterstützt werden“, so Guangming Li.

China hat sich verändert und der Maler Guolei Yang auch. Er sei ruhiger geworden und seine Bilder seien nicht mehr so kritisch wie früher, sagt er und lächelt. Auf den ersten Blick scheint sein Werk auch vor allem aus Selbstbetrachtung zu bestehen. Wo man in seinem Atelier hinsieht, auf jeder Leinwand entdeckt man Guolei Yang selbst – vorzugsweise nackt. Bei näherer Betrachtung ist sein Werk aber voller politischer Anspielungen. Selbst vor Mao macht er mit seinem Spott nicht halt. Auf einem Gemälde ist der große Vorsitzende mit heraushängender Zunge vor einem ausgeweideten Kadaver zu sehen. Viel Fantasie braucht es nicht, um die Symbolik zu verstehen. Staatstragende Kunst sieht anders aus.

Einzelausstellungen könne er in China zwar keine mehr zeigen,  aber durchaus ungestört arbeiten, betont Yang. Vor drei Jahren sei die Polizei das letzte Mal dagewesen, doch außer, dass die Beamten sein Atelier durchsucht hätte, sei nichts passiert, so der großgewachsene Künstler. Er habe sogar Freunde unter den Polizisten, betont Yang, der nicht nur in China mit seinen Werken aneckt. Auch in den USA werde er nicht mehr ausgestellt, sagt der Mitvierziger, der  sich nur ungern von seiner Zigarette trennt. Während er in einer Hand einen Glimmstengel balanciert, kramt er mit der anderen einen alten amerikanischen Ausstellungskatalog heraus. Auf dessen Titel ist ein Bild von ihm abgebildet, dass ihn in Unterhose zeigt. Die Unterhose habe er nachträglich anfügen müssen, sagt er.

Die Pistole am Kopf

Ihr politisches Engagement scheint Yan Ling Ma nicht geschadet zu haben. Mit ihrem ebenmäßig geschnittenen Gesicht und ihren braunen Rehaugen könnte Ma das Cover jeder Modezeitung zieren. Sie aber arbeitet als Künstlerin und beschäftigt sich neben Malerei auch mit Fotografie. Der Bungalow, den sie bewohnt, ist erst ein Jahr alt und verfügt einen riesigen Innenhof mit eigenem Basketballplatz. Und das Atelier im Nebengebäude ist noch einmal so groß wie der Bungalow. Die Wohnung ist auch im Winter mollig warm, etwas das in China nicht überall selbstverständlich ist. Geheizt wird bei Mas stilecht mit offenem Kamin. Am Wohnungseingang ist ein mehrere Quadratmeter großer Teich mit glücksbringenden Goldfischen in den Boden eingelassen. Yang Ling Ma achtet auch bei der Wohnungseinrichtung auf Stil. Bevor wir bei Ma an der Haustür klingelten, hatte mir der Übersetzer zugeflüstert: „Frau Ma ist eine reiche Frau“. Vor Reichtum hat man Respekt in China. Yan Ling Ma besitzt zwei Galerien in China und eine in New York.

Eines ihrer bekanntesten Werke zeigt sie selbst, wie sie sich auf dem Platz des Himmlisches Friedens eine Pistole an die Schläfe hält. Als ich nach der symbolische Bedeutung des Fotos frage, wird der Übersetzer vorsichtig. Er lächelt mich an und sagt: „Über Politik sprechen wir hier nicht immer gern“. Später erfahre ich, dass Ma das Bild, das ursprünglich im Kunstzentrum von Songzhuang ausgestellt war, dort hatte abhängen müssen.

Sie erzählt, dass sie mehrere Versuche gebraucht hatte, bevor sie die Pistole auf den Platz schmuggeln konnte. Wieder und wieder sei sie entdeckt und aufgehalten worden. Meine erstaunte Frage, ob ihr denn sonst nichts passiert sei, bleibt unübersetzt. Dass der Pistolenschmuggel überhaupt gelingen konnte, verwundert ohnehin: Der Platz des Himmlischen Friedens ist nur durch einen Fußgängertunnel erreichbar, und der Zugang wird ähnlich streng kontrolliert wie ein internationaler Flughafen.

Huang Wen Feng ist der direkte Nachbar von Frau Ma. Er verdient noch mehr als sie und gehört zu zehn bestbezahlten Künstlern Chinas. Er ist im ganzen Land unterwegs, um seine Ausstellungen zu organisieren, und deswegen empfängt mich auch sein Sekretär, ein langhaariger Künstlertyp mit schlechten Zähnen und Ledermantel. Er zeigt mir Fengs jüngstes Werk. Das zehn Meter lange und vier Meter hohe Monumentalgemälde, auf dem alle 97 Kaiser der chinesischen Geschichte und neun Drachen abgebildet sind,  braucht einen Raum für sich. Gemütlich ist es in der eiskalten Betonhalle nicht. Doch am Geld liegt es sicher nicht, dass Huang Wen Feng an der Heizung spart. Das Bild mit den 97 Kaisern ist längst verkauft. Für umgerechnet 1,2 Millionen Euro. Der Käufer ist Chef einer Firma die mit Abnehmtees ihr Geld verdient. Die aufstrebende chinesische Wirtschaft lässt die Kunstszene florieren. Die neuen Reichen schmücken sich gerne mit den Werken einheimischen Künstler. Was genau in den Vorstandszimmern hängt, scheint dabei egal zu sein: Regimekritisch oder angepasst – Hauptsache teuer.

Rasso Knoller

Weihnachts-Kreuzfahrt im Südchinesischen Meer

Asien-Kreuzfahrt, Begrüßung Da Nang Vietnam

Schiffsreisen boomen. Ein besonderes Erlebnis ist  eine Kreuzfahrt zu Weihnachten und über den Jahreswechsel.  Mit etwa einhundert deutschsprachigen Passagieren war ich auf der COSTA CLASSICA im Südchinesischen Meer unterwegs.

Gemeinsam mit Touristen aus 53 (!) Nationen startete in Hongkong die Kreuzfahrt der Superlative. Sieben Länder und acht Häfen standen auf dem 15tägigen Programm der über 7000 km langen Seereise zu Höhepunkten Asiens.

Kreuzfahrt-Direktorin Monja Salvati: „Diese Weihnachts- und Silvester-Kreuzfahrt ist auch für uns eine besondere Herausforderung. Das gilt nicht nur für vier festliche Gala-Dinner und die über 50 Landausflüge, sondern auch für die allabendlichen Shows im Colosseo-Theater des Schiffs.

Für alle war diese Weihnachts-Kreuzfahrt im Südchinesischen Meer etwas Besonderes. Einmal auf dem schwimmenden Hotel eingecheckt, gab’s jeden Tag viel Neues und Interessantes zu erleben. Weihnachtliche Deko samt geschmückter Riesentanne in der Lobby erinnerten bei tropischen Temperaturen auf hoher See an die Feiertage. Von erholsamen Seetagen an Bord unterbrochen, konnten so 1300 Passagiere ihre Reise von Hongkong über Manila, Kota Kinabalu (Malaysia), Bandar Seri Begawan (Sultanat Brunei), Singapur, Ho-Chi-Minh-Stadt, Da Nang, Sanya nach Hongkong in vollen Zügen genießen, auf den Sonnendecks im tropischen Südchinesischen Meer Sonne satt tanken. Weihnachten in Singapur – die Stadtrundfahrt durch die Mega-Metropole und ein Bummel durch den einzigartigen Botanischen Garten versetzten uns in eine ganz besondere Stimmung weit von der Heimat entfernt.

Unvergesslich der Heiligabend bei 33 Grad (im Schatten) im Sultanat Brunei und die Silvesternacht zwischen Da Nang (Vietnam) und Sanya (China). Nachdem wir das neue Jahr zwischen der imposanten Lobby mit der Riesentanne, Weihnachtssternen und der aus Eis geformten 2010 sowie dem Theater zünftig gefeiert hatten, klingelte bereits sieben Stunden später (Zeitumstellung) wieder der Wecker. Per Deutsche-Welle-TV konnten wir den von Schneefall begleiteten Jahressstart in Berlin live miterleben, bevor es nach einem Glas Sekt zum touristischen Buddhismus-Centrum auf der tropisch warmen chinesischen Insel Hainan ging. Ein unvergesslicher Neujahrstag zwischen imposanten Buddhas, Tempel und Pagoden.

Hans-Peter Gaul

Hongkong: Inseln vor der Großstadt I

Central

Hongkongs Innenstadt wirkt auf viele wie ein Strudel. Wer aber aus dem Gewusel zurücktritt und die umliegenden Inseln erkundet, kann die Vielseitigkeit der Metropole entdecken.

Die Skyline entlang des Victoria Harbour bei Nacht. Märkte, auf denen von geschnitzten Namensstempeln bis zu tanzenden Coladosen alles feilgeboten wird. Geschäftsleute in Anzügen, die von ihren Luxushotels zum nächsten Meeting flitzen. Tempel, umzingelt von Wolkenkratzern. Vollgestopfte Fußwege, auf denen die Leute ihrem nächsten Restaurantbesuch entgegeneilen und sich dabei zwischen McDonalds und Hühnerfüßen entscheiden.

Das sind Bilder, die der Begriff Hongkong hervorruft. Doch Hongkong ist keineswegs ein reiner Großstadtdschungel voller Betonbauten, glitzernder Glaspaläste und überfüllter Straßen – im Gegenteil: In den Randgebieten übersteigen die Geburtenraten wildlebender Affen jene ihrer menschlichen Verwandten um ein Vielfaches. Mehrere tausend Makaken bevölkern die Gegend um das Shek Lei Pui Reservoir und Golden Hill, der mittlerweile auch „Monkey Hill“ genannt wird, und vermehren sich nahezu unkontrolliert.

Wandern in HongkongLediglich ein Viertel der Metropole ist bebaut. Der Rest: wogende Hügellandschaften, Berge und Wälder, Küsten mit ihren Buchten und Stränden, und 236 Inseln. Viele von ihnen sind unbewohnt. Manche sind karg und felsig, andere bedecken Graslandschaften, auf wieder anderen sind tropische Wälder entstanden. Auf einigen liegen  Dörfer und kleine Städte, in denen das Leben meist traditionell und ländlich ist. Die Bewohner leben seit mehreren tausend Jahren vom Fischfang, von der Landwirtschaft und vom Verkauf ihrer Waren in bescheidenen Läden.

Hinaus auf die Inseln

Im Fünfminutentakt tuckert die Star Ferry über Victoria Harbour. Seit 1888 setzen die historischen, grünweißen Schiffe an dieser Stelle über – heute befördern sie täglich 70.000 Menschen. Sie bringen Reisende aus den nördlichen Bezirken nach Hongkong Island. Die quirlige Insel bietet all das, was sich viele Besucher unter Hongkong vorstellen: den Victoria Peak am Hafen, Bürotürme in Central, Märkte in Stanley – und noch mehr. Auch auf dieser Insel, die heute neben den New Territories, der Kowloon-Halbinsel und den vorgelagerten Inseln eines der vier Hauptgebiete Hongkongs ist, gibt es grüne Flecken und interessante Wanderrouten. Der Dragon’s Back Trail wurde 2004 von der asiatischen Ausgabe der Time als der „beste städtische Wanderweg Asiens“ ausgezeichnet.

Hongkong IslandAuf Hongkong Island befinden sich die Anlegestellen der Fähren, die die vorgelagerten Inseln ansteuern. Die Sitze auf der linken Seite bieten die beste Sicht, denn hier ziehen Central und der Western District mit ihren Hochhäusern und Einkaufszentren vorüber, hinter denen die Berge in die Höhe ragen. Die Fähre teilt sich das Wasser mit haushohen Containerschiffen sowie nussschalenartigen Fischerbooten und passiert winzige Inseln.

Lamma Island Nach einer guten halben Stunde erreicht die Fähre Sok Kwu Wan, die kleinere und südlicher gelegene der zwei erwähnenswerten Ortschaften auf Lamma Island. Das 300-Seelennest lockt mit seinen Open-Air Fischrestaurants mit Blick auf schwimmende Fischfarmen, wo die Malzeiten frisch gefangen werden. Die Farmen sind Hongkongs größte Ansammlung traditioneller Flöße zur Fisch- und Garnelenaufzucht und eines der letzten Überbleibsel der hiesigen Fischindustrie vergangener Tage.

Yung Shue Wan, der größte Ort der Insel, quillt von Cafés, Handwerkshops und Besuchermassen beinahe über. Der Weg dorthin führt durch Old Village Mo Tat. Diese Siedlung ist beinahe ausgestorben, die 1932 eröffnete Schule zerfallen.

Fischfarm auf Lamma Island „Damals war das Leben noch einfach“, sagt Huang Shuo, einer der wenigen verbliebenen Einwohner im Dorf, und deutet auf das zweistöckige Gebäude.

„Aber die Dorfschulen genügen den Ansprüchen schon lange nicht mehr. Klassenräume müssen jetzt klimatisiert sein und über Computer verfügen und all das.“

Heute kümmert sich der ehemalige Lehrer um seine kleinen Reisfelder und eine Bananenplantage.

Kurz vor Yung Shue Wan, nachdem mehrere Berge überwunden sind, passiert der Wanderer den Hung Shing Yeh Strand mit seinen BBQ-Plätzen. Er ist der beliebteste Strand der Insel, obwohl er auf bizarre Weise von drei riesigen Schornsteinen eines Kraftwerks überschattet wird, das auf der angrenzenden Landzunge Kohle in Energie umwandelt und neben dem Zementwerk einer der landschaftlichen Wermuttropfen auf Lamma Island ist.

Die mittlerweile stillgelegte Zementfabrik hat ihrerseits Spuren hinterlassen. Nicht nur die Hänge wurden – wie überall in Hongkong – auf wenig ansehnliche Weise einbetoniert. Nein, auf Lamma Island bestehen auch sämtliche Wander- und Spazierwege aus Betonplatten. Der Wanderer kann stundenlang an Buchten entlang schlendern, Wälder erkunden und Berge bezwingen, ohne den Fuß ein einziges Mal auf ein Stück Erde gesetzt zu haben. Aber die abwechslungsreiche Natur beiderseits der Wege entschädigt allemal für diese Eigentümlichkeit.

Erik Lorenz (www.Erik-Lorenz-Autor.de)

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Hongkong: Inseln vor der Großstadt II

Lantau Island

Weiter nach Cheung Chau und Lantau

Ähnlich beliebt wie Lamma Island ist Cheung Chau. Die hantelförmige Insel ist eines der Lieblingsausflugsziele sowohl der Hongkong-Chinesen als auch der Touristen aus aller Welt. Während in den abgelegenen Teilen noch das althergebrachte Dorfleben beobachtet werden kann, herrscht im Sommer besonders in der Nähe des Hafens geschäftiges Treiben. Hier tummeln sich Einwohner, die ihre Erzeugnisse anbieten, Fischer, die auf dem Weg zu ihren Booten sind, und die zahlreichen Touristen. Viele Besucher leihen sich an der Hafenpromenade, der Praya, Fahrräder aus, um die Insel mit ihren Bergen und Aussichtspunkten zu erkunden – das ist besonders reizend, weil es auf der ganzen Insel kein einziges Auto gibt. Die einsamen Buchten, die sie dabei entdecken, sehen von den Hügeln aus wie aus dem Bilderbuch, bieten aber nach dem Abstieg aus der Nähe zum Teil ein anderes Bild: streunende Hunde durchstreifen das Treibgut, das von Hongkong City angespült wurde und mit dem die Strände gepflastert sind – ein Abbild der Abfälle einer modernen Gesellschaft. Obstreste, Plastikflaschen, Handschuhe und Glühbirnen, es gibt nichts, was hier nicht herumliegt.

Als Ergebnis der fortschreitenden Entwicklung Hongkongs verschlechtert sich die Wasserqualität des Meeres in einigen Gegenden stetig, so dass in einigen Buchten, besonders in den Northern Territories, das Schwimmen bereits verboten ist. Die beiden Hauptstrände Cheung Chaus, Cheung Chau Tung Wan und Kwun Yam Wan, werden jedoch sauber gehalten und wurden mit der Bestnote auf der vierstufigen Skala für Wasserqualität eingeteilt.

alte Damen in Hongkong

Hier trainierte die Windsurferin Lee Kin Wo, die erste und letzte Athletin, die eine olympische Goldmedaille für Hongkong gewann, bevor es 1997 wieder ein Teil von China wurde. Noch heute betreiben Windsurfer und Kanupaddler hier Sport, und auf den strandnahen Bänken sitzen Verliebte und beobachten, wie Ausflügler Frisbee spielen oder Drachen steigen lassen. Dabei sind sie stets darauf bedacht, ihre Haut so wenig wie möglich der direkten Sonne auszusetzen. Während in Deutschland eine gebräunte Haut gemeinhin auf einen gewissen Wohlstand hindeutet, der sonnige Urlaube ermöglicht, bringen die Chinesen dunkle Haut mit niederen sozialen Schichten in Verbindung, die körperliche Arbeit verrichten müssen, etwa auf den Feldern.

Cheung Chau BUnfestivalBerühmt ist die Insel neben den vorzüglichen Fischrestaurants für das farbenfrohe Cheung Chau Brötchen Festival. Jedes Jahr schminken und kostümieren sich die Menschen eine Woche lang; Kinder „schweben“ durch die Luft, befestigt an Seilen und auf Stelzen laufend; es gibt Löwentänze und Paraden. Beim Höhepunkt, dem Brötchenturm-Wettbewerb, klettern Wagemutige mit Brötchen gespickte Bambusgerüste hinauf und sammeln möglichst viele der glückbringenden Gebäcke. Der Wettkampf findet auf dem Platz vor dem Pak Tei Temple statt, der 1783 gebaut wurde und damit der älteste Tempel der Insel ist.

Eine Besichtigung dreitausend Jahre alter Steinschnitzereien unweit des Warwick Hotels und der Cheung Po Tsai Höhle schließen den Besuch dieser Insel ab.

Ihren Namen verdankt die Höhle einem Piraten aus Guangzhou, der während der Qing-Dynastie die umliegenden Gemeinden terrorisierte und sich in der Höhle versteckte. Dieser Pirat versuchte den Überlieferungen zufolge auch, die winzige Insel Peng Chau zu plündern, wurde aber durch das Erscheinen der Meeresgöttin Tin Hau abgehalten, der Beschützerin von Seefahrern und Fischern. Ihr zu Ehren wurde 1798, im dritten Jahr der Herrschaft des Qing-Kaisers Jiaqing, auf Peng Chau der Tin Hau Tempel errichtet – einer von mehr als zwei Dutzend in ganz Hongkong. Er beherbergt nicht nur ein Gedicht, das dem rechtzeitigen Erscheinen der Tin Hau gedenkt, sondern auch eine Walrippe von der Größe zweier Menschen.

Wie im extrovertierteren Cheung Chau befindet sich das Dorf in der Mitte der Insel, mit Bergen im Norden und Süden. Auf diesen Bergen ruhen zwischen Bananenplantagen in typischen Grabstätten aus geschwungenen Betonformen die Dahingeschiedenen, meist chinesische Fischer früherer Generationen. Schmetterlinge tanzen zwischen Bambusdickichten, Kakteen und Farnen, Grillen zirpen und Vögel singen, und Hähne krähen in der Ferne. Die Luftfeuchtigkeit ist in dem kleinen tropischen Dschungel um ein Mehrfaches höher als in der Siedlung.

Dort reihen sich Geschäfte links und rechts der schmalen Gassen auf: Textilien stapeln sich in winzigen Einbuchtungen, Fleischer zerhacken am Rand des Gehwegs das nächste Abendessen der Anwohner, Gemischtwarenhändler bieten von Räucherstäbchen über Fahrradschläuche bis hin zum neuen Haarschnitt alles an.

Auf der Südseite der Insel, zwischen Finger Hill und der Choi Yuen Schule, betreibt eine Gemeinschaft von Einwohnern eine organische Farm. Eine von ihnen ist Xu Zhang, eine 75-jährige Frau, die mit ihrem Hund in einem einfachen Haus unweit der Farm lebt. Sie bewirtschaftet nur noch ein kleines Feld. Ein paar Zeilen mit Salaten, einige Tomatenstauden, das ist alles, was sie noch bewältigt.

„Vor einigen Jahrzehnten haben wir noch unseren eigenen Bedarf an Gemüse gedeckt“, erinnert sie sich. „Die ganze Insel hat von dem gelebt, was ihre Bewohner angepflanzt haben. Aber den jungen Leuten ist die Landwirtschaft zu anstrengend geworden.“

Sie lächelt milde und erklärt, dass zur Bewässerung das Bergwasser verwendet wird. Strom wird durch die Energie der Sonne und des Windes gewonnen. Xu Zhang ist stolz auf die Fortschrittlichkeit in der Tradition.

Peng Chau ist nicht einmal einen Quadratkilometer groß; trotzdem produzierten hier während der 60er und 70er Jahre hunderte Fabriken Güter. Eine von ihnen war die größte Streichholzfabrik Südostasiens. Mittlerweile sind die Fabriken lange verschwunden: Die Streichholzfabrik ist nur noch eine Ruine ohne Fenster und Dächer. Aus den Betonwänden wachsen Sträucher und kleine Bäume.

Vor der Promenade tänzeln einige Fischkutter und Dschunken in den sanften Wellen. Fischer flicken alte Netze, Frauen zerlegen den frischen Fang oder trocknen ihn in der Sonne, runzlige Damen sitzen auf Plastikstühlen am Ufer und beobachten das Geschehen. Es sind die alltäglichen Szenen eines Dorfes, in dem das Leben ruhiger und geordneter ist als in den Teilen Hongkongs, die die meisten Touristen kennenlernen.

Wandern auf lantauIn krassem Gegensatz zum Mikrokosmos von Peng Chau steht Hongkongs größte Insel Lantau Island. Infolge der Gründung moderner Siedlungen, Hongkongs neuem Flughafen und dem 2006 eröffneten Disneyland haben sich Teile der Insel in den vergangenen Jahren stark verändert. Dennoch bleibt die Insel anziehend: Parkanlagen, einsame Strände, Tempel und kleine Dörfer wollen besichtigt werden. In Tai O leben Angehörige des Tanka-Fischervolkes in einem Wirrwarr aus Häusern, die auf Pfählen über dem Wasser gebaut wurden.

Über die Insel schlängelt sich der Lantau Trail, ein siebzig Kilometer langer Wanderweg mit zwölf Abschnitten, der ungerechtfertigter Weise ein Schattendasein hinter dem deutlich bekannteren MacLehose Trail fristet, obgleich besonders die ersten drei Sektionen durch einige der spektakulärsten Landschaften führen, die Hongkong zu bieten hat. Der Pfad windet sich an eindrucksvollen Felsformationen vorbei und über schroffe Berge hinweg, die sich beinahe eintausend Meter über die an ihren Füßen liegenden Strände erheben. Big Buddha, Lantau

Abschnitt drei endet am Po Lin Kloster und dem Großen Buddha, der mit über dreißig Metern Höhe weltgrößten sitzenden Buddhastatue und einer der größten touristischen Attraktionen Hongkongs. Das umliegende Dorf Ngong Ping ist nach der Naturbelassenheit des Lantau Trails ein kleiner Schock: Heerscharen von Besuchern werden von einer Seilbahn den Berg hoch gebracht. Asphaltierte Wege, Imbissbuden, Souvenirgeschäfte mit Buddhas aus Holz, Jade und Plastik in allen Größen und Farben, ein Animationstheater und ein Museum – ein kleiner Freizeitpark.

Die Inseln Hongkongs verändern sich. Nachkommen von Familien, in denen der Fischfang und die Landwirtschaft über Jahrhunderte Brauch waren, suchen ihr Glück auf dem Festland. Und Menschen, die dem Trubel der Großstadt entfliehen wollen, ziehen auf die Inseln. Schulen schließen, Restaurants eröffnen. Neue Siedlungen werden gebaut, während alte Felder brach liegen. Die Veränderungen sind an vielen Orten sichtbar. Eines wird sich aber so schnell nicht ändern: Wer Hongkong kennenlernen möchte, sollte Hongkongs Inselwelten nicht verpassen. Wie die pulsierende Innenstadt sind sie ein wesentlicher Bestandteil der Identität der Metropole.

Erik Lorenz

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China: Das Jahr des Drachen

Feiern zum Chinesischen Neujahr

Chinesisches Neujahr

Am 23. Januar beginnt für die Menschen in China das Jahr des Drachen. Zum wichtigsten Familienfest reisen Millionen von Chinesen zurück in ihre Heimatdörfer um dort das neue Jahr zu begrüßen. Es wird mit über 2,6 Milliarden Reisen innerhalb der zweiwöchigen Feiertage gerechnet. Obwohl in China inzwischen offiziell auch der gregorianische Kalender gilt, wird das Neujahrsfest immer noch nach dem Mondkalender und als traditionelles chinesisches Fest gefeiert. Offiziell gibt es sieben arbeitsfreie Tage für die Bevölkerung und die Feierlichkeiten dauern bis zum 15. Tag des neuen Jahres und enden mit dem Laternenfest.

Das chinesische Neujahrsfest, oder auch Frühlingsfest genannt, hat für die Chinesen eine so große Bedeutung wie für den westlichen Kulturkreis die Zeit um Weihnachten und Silvester. Es richtet sich nach dem traditionellen chinesischen Bauernkalender und beginnt mit dem ersten Neumond des neuen Mondjahres. Dadurch gibt es für den Neujahrstag der Chinesen auch kein festes Datum wie im westlichen Kalender.

Der Drache war das herausragende Merkmal des chinesischen Kaiserhauses. Der Kaiser saß auf dem „Drachenthron“ und durch sein vorbildhaftes Leben sollte der ganze Erdkreis nach dem konfuzianischen Idealbild positiv beeinflusst werden. Menschen, die im Jahr des Drachen geboren sind, werden die Eigenschaften Gesundheit, Kraft, Langlebigkeit und Hartnäckigkeit zugesprochen. Vor allem aber sollen sie äußerst erfolgreich sein. Daher erwartet China in diesem Jahr einen regelrechten Baby-Boom.

Der Legende nach lud Buddha einst alle Tiere zu einem Fest ein. Es kamen nur zwölf Tiere. Das erste Tier war die Ratte (Maus), ihr folgten der Büffel (das Rind), der Tiger, der Hase, der Drache, die Schlange, das Pferd, das Schaf, der Affe, das Huhn, der Hund und schließlich das Schwein. Jedes Tier bekam ein Jahr geschenkt und er benannte es nach ihm; ganz in der Reihenfolge, in der sie gekommen waren. So ist seitdem jedes Jahr von den Merkmalen eines der zwölf Tiere gekennzeichnet.

Hongkong/Thailand: Der Ferne Osten, wie er tanzt & trinkt

Sehnsucht Asien: Strände und Berge, exotische Kulturen, verführerische Kulinaria – Touristen werden von dem Kontinent, der immerhin 60 Prozent der Weltbevölkerung ausmacht, magisch angezogen. Weltmetropolen wie Hongkong mit seinen nahe gelegenen Inseln oder Bangkok werden gern angeflogen und neu entdeckt. Hier zwei Genießer-Tipps für den Städtetrip:

City Contemporary Dance Company (CCDC) sind Hongkongs 1. professionelle Vollzeit-Tanztruppe und Pioniere des zeitgenössischen Tanzes. Mehr als 30 Jahre schon werden sie vom Gründer Willy Tsao geführt, traten schon in namenhaften Metropolen auf – von New York bis Berlin.
Während der Asien-Pazifik-Wochen begeisterte die Company im Berliner Admiralspalast mit ihrem Programm „Silver Rain“. Mit einer starken Bühnenpräsenz überzeugten die Tänzer mit Auszügen von Werken namhafter Choreographen Hongkongs. Die Inszenierungen zeigen die Verbindung von modernem, westlichen Ausdruckstanz mit chinesischen Tanztechniken – und das im Weltklasseformat.
CCDC ist bei „Heimspielen“ im Hong Kong Cultural Centre zu sehen. Auftrittstermine unter www.ccdc.com.hk.

Heiratsantrag unterm Himmel: Der perfekte Ort für Liebende liegt in Bangkok 63 Etagen über der Erde. Die Skybar des 5-Sterne Hotels „Lebua“ ist einer der beliebtesten Orte in der thailändischen Metropole, wenn es darum geht, um die Hand der Liebsten anzuhalten. Gleich neben der Skybar liegt das Scirocco, das höchstgelegene Freiluftrestaurant der Welt. Wer dort zu viel vom Hauscocktail „Hangovertini“, kann sich am nächsten Tag vielleicht nicht mehr ans „Ja“ erinnern.
Info: www.lebua.com.

Katrin Fiedler//Rasso Knoller