Georgien: In einem unbekannten Land

„Der Gast kommt von Gott!“ Für Irakli Schurgulaia steht außer Frage, dass er uns zum Essen einlädt – und nicht etwa umgekehrt. Jeglicher Widerspruch ist zwecklos. Der stämmige Professor für Deutsche Literatur führt uns in sein Lieblingsrestaurant und lässt unermüdlich auftischen. Dabei kennen wir Irakli Schurgulaia gar nicht. Auf dem Hinflug von Deutschland in die georgische Hauptstadt Tiflis haben wir zufällig neben ihm gesessen und ihn vor ein paar Minuten vor der Philharmonie genauso zufällig wiedergetroffen.

Vor der Tür tanzen zerfetzte Plastiktüten und vertrocknete Platanenblätter auf den löchrigen lauten Straßen im Wind. Ein nicht endender Blechstrom wälzt sich über den Rustaweli-Boulevard, die zentrale Hauptstraße in Tiflis: Moskwitschs und Opels, Ladas und Daimler, Wolgas und Fords. Auf  Schritt und Tritt wird der Besucher in Tiflis mit Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert. Manche der prächtigen Häuser aus dem 19. Jahrhundert sind aufwändig saniert, unmittelbar daneben fallen Gebäude gleicher Bauart in sich zusammen. Plattenbausiedlungen aus den 70er Jahren verrotten unweit moderner Hochhausneubauten. Alle paar Meter stehen Straßenhändler auf dem Bürgersteig, die an klapprigen Ständen Sonnenblumenkerne, Kaugummis, Rosen, Bonbons, getrocknetes Apfelmus und Zeitungen feilbieten.

Durch den wilden Kaukasus

Über die Alte Heerstraße, so benannt nach dem Einmarsch der Russen nach Georgien im Jahr 1801, fahren wir am folgenden Tag nordwärts Richtung Hoher Kaukasus. In Kasbegi – auf 1.700 Metern Höhe kurz vor der Grenze zu Russland gelegen – nächtigte vor uns schon Fritz Pleitgen bei seiner Reise „Durch den Wilden Kaukasus“. Pleitgen schlief im Haus Luisa Ziklauris, wir bei ihrer Nachbarin Natela Sujaschwili gegenüber. Frau Sujaschwili kann ein einziges Wort Deutsch: „Essen!“ Sie sagt es lächelnd, mit freundlich-forderndem Unterton. Doch obwohl wir unser Bestes geben, steht der Tisch nach dem Abendessen noch fast genauso voll wie vorher. Immer wenn ein Teller leer ist, bringt Frau Sujaschwili sofort wieder Nachschub.

Bei Sonnenaufgang gibt der tags zuvor noch trübe Himmel die Sicht auf Prometheus‘ ehemalige Leidensstätte frei: Majestätisch erhebt sich der schneebedeckte und zuckerhutförmige Kasbek in mehr als 5.000 Meter Höhe. Der Kasbek ist nach Meinung der Georgier nicht nur der schönste Berg des Landes. Sondern auch der Berg im Hohen Kaukasus, an den der Sage nach Prometheus auf Befehl von Zeus zur Strafe angekettet wurde, weil er gegen Gottvater Zeus‘ Willen den Menschen das Feuer gebracht hatte. Drei Jahrzehnte soll Prometheus‘ Martyrium gedauert haben.

Gänsegeier und Enzian

Auf der Spitze eines dem Kasbek vorgelagerten, mit Kiefern bewaldeten Hügels thront malerisch die Dreifaltigkeitskirche Zminda Sameba aus dem 14. Jahrhundert. Nach einem schweißtreibenden Aufstieg über einen steilen Pfad oben angelangt, haben wir einen faszinierenden 360-Grad-Rundumblick: auf den strahlenden Kasbek, auf den gegenüberliegenden verschneiten Bergkamm und auf Kasbegi. Grell blitzen die Blechdächer des Ortes im Sonnenlicht. Um uns herum wiegt sich ein betörender blauer Blumensee aus vielen tausend Enzian im Wind. Den Adler, der einst dem angeketteten hilflosen Prometheus bei lebendigem Leib die ständig nachwachsende Leber aus dem Leib riss, bekommen wir nicht zu Gesicht. Stattdessen kreist über uns minutenlang ein riesiger Gänsegeier, so tief, dass wir ihm fast in die Augen schauen können.

Gott habe ein besonderes Verhältnis zu Georgien, hatte uns der Literaturprofessor Irakli Schurgulaia erzählt: „Eines Tages verteilte Gott auf der Erde Länder an die einzelnen Völker. Nachdem er fertig war, kamen die Georgier. Gott sagte: Es tut mir leid, jetzt habe ich kein Stück Erde mehr für euch übrig. Da waren die Georgier sehr traurig und sagten: Lieber Gott, wir so spät gekommen, weil wir die ganze Zeit gefeiert und auf dein Wohl getrunken haben. Dann fingen sie an, Gott zu Ehren zu tanzen und zu singen. Der liebe Gott war von ihren Darbietungen und Lobpreisungen so gerührt, dass er ihnen daraufhin das Stück Erde schenkte, dass er eigentlich für sich selbst reserviert hatte.“ Hier oben drängt sich der Gedanke auf: So könnte es tatsächlich gewesen sein.

Die Tier- und Pflanzenwelt in Georgien ist so vielfältig wie in kaum einem anderen Land Europas; beispielhaft zu erleben auch im Borjomi-Kharagauli-Nationalpark im Kleinen Kaukasus im Süden des Landes. Außer Buchfinken, Tannenmeisen, Schwarzspechten und Zwergschneppern leben in dem mehr als 76.000 Hektar großen, bis in annähernd 3.000 Meter Höhe aufragenden Schutzgebiet auch Luchse, Bären und Wölfe. Allerdings eher im Verborgenen. Anders als Waldvögelein, Waldhyazinthe, geflecktes Knabenkraut, Storchenschnabel, Gauklerblume, Frauenmantel, Vergissmeinnicht, Margariten – an den prachtvoll leuchtenden Blumenmeeren kann man sich fast nicht satt sehen.

Kein Wunder, dass auch Anton Tschechow, Peter Tschaikowsky und anderen Berühmtheiten dieser Landstrich gut gefiel. Im nahegelegenen ehemaligen Fürstensitz und Kurort Borjomi verbrachten sie ihren Urlaub. Wie wir tranken sie von dem berühmten Borjomi-Heilwasser, dem magische Kräfte nachgesagt werden. Am Ortsausgang laden uns vier charmante betagte Damen vor ihrem Tante Emma-Laden mit einem Lächeln zu einer ausgiebigen Vesperpause ein – obwohl wir eigentlich nur ein Foto von ihrer Auslage machen wollten. Großzügig beschenken sie uns mit Bier, Limonade, Tomaten, Gurken, Peperoni und Brot: Der Gast kommt von Gott.

Volker Wartmann

INFOS

Georgien, östlich des Schwarzen Meeres und südlich des Großen Kaukasus gelegen, liegt geografisch bereits in Vorderasien. Die Georgier sehen ihre Heimat aber eher als „Balkon Europas“ oder als „Tor zu Europa“. Im Norden grenzt Georgien an Russland, im Süden an die Türkei und an Armenien und im Osten an Aserbaidschan. Die Größe Georgiens entspricht etwa der Bayerns. In Georgien leben etwa 4,5 Millionen Menschen. Seit Anfang der 90er Jahre wanderten schätzungsweise rund eine Million Georgier aus, vor allem wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage. Politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum des Landes ist die Hauptstadt Tbilissi, in der etwa 1,4 Millionen Menschen leben.