Indien: Ladakh – weiter Schulweg im Land der Götter

© Rasso Knoller

Abstieg nach Lingshed © Rasso Knoller

Mein Atem geht schwer, der Schweiß rinnt mir am Körper hinunter. Langsam setze ich einen Schritt vor den anderen. Kehre um Kehre schleppe ich mich den Berg hinauf. Die Höhe macht mir zu schaffen. Ein junger Mann überholt mich, mit „Tschulleh“ freundlich grüßend. Kurz hinter ihm eine Frau mit einem Kleinkind an der Hand. Auch die beiden schmettern mir ein „Tschulleh“ entgegen und marschieren dann zügig an mir vorbei. Bis ich endlich zu Atem gekommen bin und zur Antwort ansetzen kann, sind sie schon hinter der nächsten Kehre verschwunden.
Ich bin im Hochland von Ladakh unterwegs, wandere über mehrere 4000 Meter hohe Pässe hinweg nach Lingshed, einem kleinen abgelegen Dorf in mitten majestätischer Berge. Ladakh liegt in Nordindien und zählt zu den höchsten bewohnten Gebieten der Erde.
An meiner Seite wandert Christian Hlade. Er ist Geschäftsführer des österreichischen Reiseveranstalters „Weltweitwandern“, eine Art Botschafter für Ladakh und so etwas wie der gute Geist von Lingshed.

Eine Schule am Ende der Welt

© Rasso Knoller

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Es klingt ein bisschen wie im Märchen. Ein junger Mann aus Österreich macht sich auf den Weg in die Welt. Nach langer Reise kommt er in ein armes Dorf und wird dort mit großer Gastfreundschaft aufgenommen. Das beeindruckt ihn so sehr, dass er beschließt, den Menschen zu helfen. Und weil er Architekt ist, will er für die Kinder in dem Dorf eine Schule errichten. Geld hat er zwar keines, aber dafür umso mehr Begeisterung und Überzeugungskraft. Und so gelingt es ihm schließlich, viele Leute in seiner Heimat für sein Projekt zugewinnen.
Die Geschichte ist aber kein Märchen und hat einen realen Hauptdarsteller. Christian Hlade, der einstige Architekt, ist inzwischen Reiseunternehmer und führt seine Gäste dorthin, wo er vor mehr als 15 Jahren die Schule baute – in die kleine Ortschaft Lingshed. Selbst heute muss man noch mehr als vier Stunden über steile Pässe wandern, bevor man vom Ende der Straße aus das Dorf erreicht. Zumindest ich bin so lange unterwegs. Die Einheimischen legen die Strecke in weniger als der Hälfte der Zeit zurück. Als Hlade das erste Mal hierher kam, war er fünf Tage lang zu Fuß unterwegs. Und auch als man die Schule baute, musste das gesamte Baumaterial über Pässe und durch Täler herangeschleppt werden.

© Rasso Knoller

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Jetzt wird eine Straße nach Lingshed gebaut. Eigentlich sollte sie schon seit Jahren fertig sein, weil der Bauunternehmer aber mit dem indischen Staat über die Bezahlung streitet, ruhen die Arbeiten nun seit geraumer Zeit. Noch endet die Straße deswegen einige Kilometer vor dem Ort. Irgendwann aber wird sie nach Lingshed führen. Schon jetzt bedeutet sie eine enorme Erleichterung für die Menschen.
Fast scheint es so, als bedauere Christian Hlade die Veränderung ein wenig. Er gibt offen zu, dass er als Veranstalter von Wanderreisen mit Einbußen rechne, wenn die Autos durch die Berge rasen und der Zanskar Treck, die bisher beliebteste Himalayaüberquerung, an der auch Lingshed liegt, seinen Ruf verliert. Denn parallel zur Straße wandert keiner gerne. Doch auch der Österreicher sieht die Vorteile für die Menschen – die Zivilisation und damit auch Ärzte, Krankenhäuser und Einkaufsmöglichkeiten rückt näher. Wie überall stellt sich aber die Frage nach Nutzen und Gefahren, die die Moderne mit sich bringt. Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft – Eigenschaften, die für die Ladakhis so typisch sind und die das Überleben in dieser unwirtlichen Region erst möglich gemacht haben – werden sie erhalten bleiben, wenn plötzlich Touristen in Massen durch das Dorf spazieren?

Mönchsspeisung im Kloster Lingshed

Mönchsspeisung im Kloster Lingshed © Rasso Knoller

Wer heute nach Lingshed reist, kann Hlades Befürchtung nur zum Teil verstehen. Denn der bisher ausgebaute Teil der Straße ähnelt immer noch sehr einem Wanderweg. Befahrbar ist er nur mit starken Nerven und einem vierradbetriebenen Fahrzeug. Touristenbusse, die das Kloster von Lingshed als Fotostopp anfahren, kann man sich momentan noch schwer vorstellen.
Dorfspaziergang als Tagesausflug
Als wir in Lingshed ankommen, wird Hlade schon von den Honoratioren und den Kindern erwartet. Die stehen am Dorfeingang Spalier für den Mann, der durch den Schulbau das Leben vieler Menschen im Dorf verändert hat.

Christian Hlade vor der Schule in Lingshed © Rasso Knoller

Christian Hlade vor der Schule in Lingshed © Rasso Knoller

Die Beliebtheit des groß gewachsenen Österreichers färbt auch etwas auf seine Begleitung ab. Auch ich werde von allen Kindern des Dorfes begrüßt und bekomme einen Katak umgehängt, einen Schal, den man in Ladakh besonders willkommenen Gästen zur Begrüßung schenkt. Seit einigen Jahren werden die Kinder in einem größeren Schulgebäude unterrichtet – indirekt hat aber Hlade auch zu dessen Bau beigetragen. Er erzählt, dass „seine Schule“ damals die indische Regierung herausgefordert habe. Die wollte sich nicht von einem irgendeinem Österreicher übertrumpfen lassen – und was jahrelang nicht möglich war, in Lingshed eine große Schule zu bauen nämlich, wurde nun innerhalb kürzester Zeit realisiert. Auch Stanzin Thinless, der junge Guide, der uns her geführt hat, drückte hier die Schulbank. Er ist ein Beispiel dafür, was Bildung bewirken kann. Der junge Mann verdient mittlerweile gutes Geld im Tourismus und kann damit seine Familie unterstützen.
Inzwischen bringt Hlade regelmäßig Reisegruppen nach Ladakh – und oft genug auch nach Lingshed. Damit sorgt er dafür, dass sich die Menschen Geld verdienen können – als Guides, Träger, Köche oder indem sie ihre Pferde und Maultiere für den Lastentransport vermieten.

Guide Stanzin Thinless © Rasso Knoller

Guide Stanzin Thinless, © Rasso Knoller

Lingshed ist ein kleines Dorf, in dem ein paar hundert Menschen leben. 60, vielleicht 70 Häuser liegen verstreut in dem Hochtal. Wer einen „Dorfspaziergang“ unternimmt, ist locker einen halben Tag unterwegs und legt dabei auf und ab sicher tausend Höhenmeter zurück. Die grün leuchtenden Felder bilden einen deutlichen Kontrast zu den kargen Bergen, steile Hänge rahmen das Dorf ein. Erhaben mag man die Landschaft nennen – Wölfe durchstreifen die Gegend, auch wenn einem Bergschrate oder Yetis auf den Bergpfaden entgegenkämen, würde das niemanden wundern.
Keine Eile für die Wiedergeburt
Lingshed liegt in einem Hochtal und bietet spektakuläre Fotomotive. Jeder Tourist kehrt von hier mit beeindruckenden Bildern nach Hause zurück. Zum Leben haben sich die Menschen von Lingshed aber eine der unwirtlichsten Gegenden unseres Planeten ausgesucht. Im Winter sinkt das Thermometer auf minus 30 Grad, im Sommer steigt es auf den gleichen Wert der Plusskala. Das schwere Leben und das Klima haben tiefe Furchen in die Gesichter der Menschen gezogen.

Auf dem Weg zur Schule. © Rasso Knoller

Auf dem Weg zur Schule. © Rasso Knoller

Und anders als man es aus den im Himalaya spielenden Bergsteigerfilmen kennt, türmen sich hier auch keine meterhohen Schneemassen auf. Lingshed liegt auf der Nordseite des Himalayahauptkamms und bis dahin schaffen es die Wolken meist nicht. Schnee oder Regen fällt fast ausschließlich auf der Südseite der Berge. Und deswegen haben die Menschen ein riesiges Problem: Wassermangel. Früher speisten die Gletscher im Frühjahr und Sommer Flüsse und Bäche. Inzwischen sind sie – Stichwort Klimawandel – fast abgeschmolzen, die meisten Wasserläufe zu Rinnsalen verkommen. Die Felder können oft nicht mehr ausreichend bewässert werden und so fällt die Ernte von Jahr zu Jahr spärlicher aus. Selbst die Gerste, das Hauptnahrungsmittel in den Hochlagen des Himalayas, wird knapp. Fleisch von Yaks, Ziegen oder Schafen gibt es ohnehin nur an hohen Feiertagen.
Dann tritt der nepalesische Schlachter des Ortes in Aktion. Er ist vor Jahren als Bauarbeiter ins Dorf gekommen und geblieben. Wenn auch die Menschen in Ladakh arm sind, so gibt es doch noch Ärmere. In der Regel heuert man Nepalis als Bauarbeiter an. Dass einer von ihnen dann als Metzger blieb, hat einen ganz praktischen Grund. Buddhisten, und das sind die Bewohner Lingsheds allesamt, dürfen zwar Fleisch essen, selbst schlachten dürfen sie aber nicht. Da war es durchaus willkommen, dass für hinduistische Nepalis dieses Tabu nicht gilt.

© Rasso Knoller

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Der Weg von Lingshed zurück in die Hauptstadt Leh ist auch heute noch eine Zweitagesreise. Eilig hat es hier in den Tälern zwischen den Himalayagipfeln ohnehin niemand. Die Straßen sind holprig, die Berge steil und meist nur zu Fuß zu bezwingen. Die Langsamkeit aber gibt einem die Möglichkeit, viel genauer hinzusehen. Die grandiose Landschaft rast nicht vor dem Autofenster dahin, man muss sie Schritt für Schritt erobern. In den Klöstern bleibt Zeit, den Gebeten der Mönche zu lauschen oder mit ihnen in die Meditation zu versinken. Ladakh ist ein Land, das seine Bewohner und Besucher zur Langsamkeit erzieht. Hier zählen nicht Minuten und Stunden, hier geht es um Größeres – um die sich beständig wiederholende Reise aus Leben, Tod und Wiedergeburt.

Text+Fotos: Rasso Knoller

Indien: Ladakh – das Land der Langsamkeit

Knoller Das Hochland von Ladakh

Ladakh, die Region im Norden Indiens, ist kein Ziel für eilige Reisende. Wer hierher kommt, muss sich Zeit nehmen, und lernt, die Dinge anders zu sehen.
Der Flughafen der Hauptstadt Leh liegt 3600 Meter über dem Meer. Schon der Anflug lässt empfindlichen Passagieren den Atem stocken. Verwegen stürzt sich der Pilot zwischen den Gipfeln des Himalayas in das enge Tal hinab, die Flügelspitzen scheinen fast die Berghänge zu streifen. Die Aussicht ist grandios. Die Gipfel des mächtigsten Gebirgszuges der Welt sind zum Greifen nah. Das Flugzeug folgt unbeirrbar seinem Weg und setzt sicher auf der Landepiste auf. Angst muss man trotz der waghalsigen Manöver keine haben. Zumindest wenn man der Statistik glaubt. Zu gefährlichen Zwischenfällen, geschweige denn Abstürzen, ist es hier noch nie gekommen. Das mag auch daran liegen, dass alle Piloten die auf dem Flughafen in Leh landen, eine Zusatzausbildung absolvieren müssen. Oder daran, dass sich die Ladakhis darauf verstehen, böse Geister zu vertreiben. Obwohl der Buddhismus weit verbreitet ist, spielt hier der animistischen Volksglaube nämlich nach wie vor eine große Rolle.

Knoller, Chörte mit Gebetsfahnen
Kaum angekommen, ergreift den Reisenden Schwindel. Jeder Meter, den man zurücklegt, scheint ein Kilometer zu sein. Selbst wenn man sich nur die Schnürsenkel binden will, wird das zur Herausforderung. Doch auch hier muss sich der Reisende nicht sorgen. Es sind keine bösen Geister, die ihn schwächen, es ist die Höhe, die ihm Probleme macht. Und wer seinem Körper Zeit zur Anpassung gönnt, den macht bald nur noch die Schönheit des Landes schwindelig.

Knoller Wandern in Ladakh
Ohnehin ist Ladakh ein Land, das seine Besucher zur Langsamkeit erzieht. Die Straßen sind holprig, die Berge steil und meist ohnehin nur zu Fuß zu bezwingen. Die Langsamkeit gibt einem aber die Möglichkeit, viel genauer hinzusehen. Die grandiose Landschaft rast nicht vor dem Autofenster dahin, man muss sie Schritt für Schritt erobern. Auf den Wanderpfaden begegnet man nur wenigen Touristen, dafür Einheimischen, die gerne anhalten, um mit dem Fremden ein paar Worte zu wechseln. In den Klöstern – wie dem in Thiksey, nur wenige Kilometer von Leh entfernt – bleibt Zeit, den Gebeten der Mönche zu lauschen oder mit ihnen in die Meditation zu versinken. Hier zählen nicht Minuten und Stunden, hier geht es um größere Zusammenhänge – die sich beständig wiederholende Reise aus Leben, Tod und Wiedergeburt.

Text und Bild: Rasso Knoller

 

Indien: Ladakh – Das letzte Shangri La im Himalaya

Die Zähne gefletscht, Gift und Galle kläffend, schießt der Wachhund des Klosters Thardot Chöling auf uns zu. Mit einigen gezielten Steinwürfen halten wir uns die aggressive Töle vom Leib. Gottlob pfeift eine Nonne das geifernde Ungeheuer zurück. Schlagartig verwandelt es sich in einen sanften, schwanzwedelnden Schoßhund. Dieser Zwischenfall wird während unseres Aufenthaltes hier oben im Himalaja das einzige unangenehme Erlebnis sein.

Wir sind im nördlichsten Zipfel Indiens, in Ladakh, einer Region die nicht in das Klischee von indischen Palästen und Maharadschern passt. Ladakh, vormals ein eigenständiges Königreich, ist hingegen eine Miniaturausgabe Tibets und gehört heute zu Indien. Noch vor 25 Jahren war das Land durch die umgebenden hohen Berge des Himalaja hermetisch von der Außenwelt abgeschnitten. Viele Namen wurden für das karge, wüstenartige Bergland erfunden: Mondland, Klein-Tibet , einige nennen diese Oase der Ruhe sogar „Das letztes Shangri La“. All‘ diese Bezeichnungen enthalten ein Quäntchen Wahrheit. Trocken und karg ist das Land, nur einigen spezialisierten Pflanzen gelingt es, an den steilen, staubigen Berghängen Fuß zu fassen. Vor allem entlang der kleinen Bäche trotzen die Ladakhis, in gemeinsamer, harter Arbeit, den Böden ihr tägliches Brot ab.

Momente betörender Schönheit

Im Kloster Thardot Chöling lebten früher 25 bis 30 Nonnen. Heute sind es gerade noch vier Frauen, die sich hier der Meditation widmen. In ihre traditionellen aus Jakwolle gewebten, schweren Mäntel gehüllt, sitzen sie bei unserer Ankunft im Hof, vor sich einen Berg aus Aprikosenkernen. Entspannt miteinander plaudernd, knacken sie die Kerne, um die darin enthaltenen Samen anschließend zu rösten. Der Hof ist erfüllt von den knisternden Geräuschen der auf einer riesigen, verrußten Pfanne berstenden Samen, ein appetitlicher Duft umschmeichelt unsere Nasen. Am Boden sitzt eine kurzgeschorene Nonne, lacht uns herzerfrischend zu und stimmt ein altes Volkslied an. Gesänge begegnen uns in Ladakh zu jeder Gelegenheit. In den Klöstern, in den Dörfern, und selbst auf den Feldern. Häufig kündigt sich auf Wanderungen das nächste Dorf bereits durch die weit schallenden Arbeitsgesänge an. Die Ankunft in den Oasen sind Momente betörender Schönheit. Der Kontrast zwischen der ausgedörrten Berglandschaft und den fruchtbaren Oasen könnte kaum größer sein. Während sich aus den geröllübersäten Tälern steile, kahle Bergflanken erheben, die Landschaft in einer Sinfonie aus Braun- und Ockertönen vibriert, werden die Sinne in den Oasen durch saftiges Grün, sanft plätschernde Bäche, von dem durch Pappelkronen rauschenden Wind verzaubert. Über allem die Rufe, Pfiffe und Lieder der Ladakhis. Ladakh ist Balsam für die Seele!

Im Kloster Lamayuru

Am 4100 Meter hohen Fatu Pass liegt das Kloster Lamayuru. Es ist stürmisch und regnerisch, als wir den märchenhaften Ort erreichen. Obgleich auf der Passstraße die moderne Welt in Form sich dröhnend den Berg hinauf quälender Lastwagen vorbei flaniert, hat der Ort seinen Zauber bewahren können. Hoch über dem Dorf thront das annähernd tausend Jahre alte, weiß getünchte Kloster auf einem von Wind und Wetter zerfressenen, sandfarbenen Felsen. Tiefe Rinnen und hohe Felssäulen sind im Laufe der Jahrhunderte durch Erosion entstanden. In einem Nebenraum der Klosterbibliothek treffen wir auf Lobsang Gandlin. Sein weithin hörbarer murmelnder Gebetsgesang, das Dröhnen einer „Trommel“ und der helle Klang einer Glocke hatten uns angelockt. Lobsang führt uns bereitwillig durch die Räume, zeigt die wertvollen, teilweise mehrere hundert Jahre alten Bücher, an den Wänden und Säulen des Gebetsraumes hängen farbenprächtige Rollbilder, sogenannte Thanka. Das Tal, so erzählt uns Lobsang lächelnd, lag der Sage nach unter einem heute längst vergangenen See. Am Ufer betete zu jener Zeit ein einsamer Mönch dafür, dass an diesem Ort ein Kloster gegründet werde. Er opferte den Geistern geweihtes Korn, bis das Wasser ablief. Das geopferte Korn wuchs mysteriöserweise in Form eines Yung Dung, eines Hakenkreuzes, das in der buddhistischen Religion ein Glückssymbol ist. Im späten 10. Jahrhundert kam dann der tibetische Yogi Naropa, Mitbegründer des Drugpa-Ordens, auf seiner Wanderung an diesen abgelegenen Ort. Mehrere Jahre meditierte er hier in einer Höhle. Um diese Höhle entstand das Kloster Lamayuru. Die Höhle in der Naropa meditierte ist noch heute der Kern des Klosters. Lobsang lässt uns einen Blick durch ein kleines Fenster in die Höhle werfen. Eiskalte Luft strömt uns entgegen. Die Größe des dunklen Raumes lässt sich kaum abschätzen. Im flackernden Licht einer Butterlampe tanzen die Schatten einiger Buddhafiguren hin und her. Es ist kaum vorstellbar, wie ein Mensch in dieser winzigen, zugigen Höhle kauernd die bitter kalten Winter überstehen konnte.

Karge Felder, glückliche Menschen

Es wird eine kalte Nacht in der unbeheizten Klosterherberge. Doch als am nächsten Morgen die Sonne über den Bergen aufgeht, ein lauer Wind aus der Ferne die Lieder, Rufe und Pfiffe der Bauern herauf weht, ist unsere Welt wieder in Ordnung. Da die Temperaturen im Sommer tagsüber bis auf über 30° C steigen, werden vor allem die Morgen- und Abendstunden für die Feldarbeit genutzt. Unten im Tal dreschen Bauern bereits die Gerste, treiben ihre zotteligen Dzos, eine Mischung aus Yak und Rind, über die Halme. Mit beeindruckendem Gleichmut drehen die Tiere ihre Kreise. Die verbleibenden Familienmitglieder sind damit beschäftigt, immer neue Bündel unter den Hufen der Tiere zu verteilen. Man arbeitet harmonisch Hand in Hand, selbst als eines der Tiere seinen Schwanz hebt, eilt ohne besondere Aufforderung ein kleiner Junge heran, greift sich etwas Stroh und fängt den fallenden Haufen geschickt auf. In der vegetationsarmen Hochwüste Ladakhs ist Brennmaterial rar, so landet der Dung sofort in einem extra Korb. Später wird er dann in der Sonne getrocknet und zum Befeuern des Küchenofens genutzt. Obgleich sehr arm, strahlen die Menschen eine ungewöhnliche Zufriedenheit aus.

Das Klima mit extremen Temperaturunterschieden, mit chronischer Trockenheit sowie der annähernd acht Monate anhaltende Winter schaffen Rahmenbedingungen, unter denen die Bevölkerung nur äußerst mühselig ihr Dasein sichern kann. Die Aufgabe, in nur vier Monaten zu säen, zu bewässern und zu ernten, lässt sich nur in der Gemeinschaft bewältigen. Von Jung bis Alt wird jeder gebraucht. Im Laufe von Jahrhunderten haben die Menschen die ökologischen Zusammenhänge ihrer Umwelt erkannt und ihren Alltag daran angepasst. Das Gefühl gebraucht zu werden, einen sicheren Platz in der Gemeinschaft zu haben und sicherlich auch der buddhistische Hintergrund scheinen den Ladakhis ihren beneidenswerten Seelenfrieden zu geben. In unseren westlichen Augen sehen sie in ihren abgetragenen Kleidern arm aus. Wer jedoch versucht, hinter dieses Bild zu schauen, entdeckt schnell den Frieden, den sozialen und spirituellen Reichtum dieser Menschen.

Auf dem Dach eines Lasters fahren wir auf einer schwindelerregend ausgesetzten Straße zurück zur Hauptstadt Leh. Wiederholt passieren wir Kontrollposten und Lager der indischen Armee. Es sind vor allem die Militärs, die aus Angst vor dem riesigen Nachbarn China und wegen des jahrzehntelangen Konflikts mit Pakistan diese unwirtliche Region durch Straßen erschließen und besser kontrollieren wollen. In den wenigen schneefreien Wochen des Jahres schuften hunderte junge Männer aus dem Süden Indiens, nur mit Schaufeln und Hacken bewaffnet, bis in Höhen über 5000 Meter, um den Bergen eine wenige Meter breite, halbwegs befahrbare Piste abzuringen. Der schützende Wall der das Land umgebenden Berge ist damit durchbrochen. Mit den über die Pässe in das Industal strömenden Soldaten, Händlern und Touristen, den von ihnen importierten Moral- und Wertvorstellungen hat Ladakh begonnen, sich zu verändern.

Bernd Leideritz

Ladakh: Im Bann des Schneeleoparden

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In Ladakh, dem äußersten Norden Indiens, gelang es Reisebuchautor Thomas Bauer, einen Schneeleoparden in freier Wildbahn zu beobachten. Die Geschichte einer Suche im Himalaya.

„Ist er das, Jigmet?“

Ich starre auf die Felswand, die sich sechzig Meter vor uns jäh erhebt. An einer Stelle scheint sich plötzlich der Boden zu bewegen. Die Umrisse eines großen Tieres schälen sich aus dem schneebedeckten Hintergrund. Dann stehe ich einem ausgewachsenen Schneeleoparden gegenüber.

Sein buschiger Schwanz, beinahe so lang wie sein Körper, zuckt nervös. Er dreht den massigen Kopf in unsere Richtung und wittert, als wolle er herausfinden, welche Absichten wir hegen, ehe er sich würdevoll in höhere Lagen zurückzieht und schließlich in einem Felsspalt verschwindet. Niemals zuvor habe ich ein anmutigeres Tier gesehen.

Der Autor auf 5000 Meter Höhe

Der Autor auf 5000 Meter Höhe

Begegnung mit dem „Phantom der Berge“

 Die Hoffnung, einen der verbliebenen dreihundert Schneeleoparden Ladakhs in den rauen Berghängen des Himalaya zu entdecken, ließ mich gemeinsam mit fünf weiteren Abenteurern zu einer Reise der besonderen Art aufbrechen. Zwei auf außergewöhnliche Tierreisen spezialisierte Anbieter, die Berliner Planeta Verde (www.planeta-verde.de) und das in Kalifornien beheimatete KarmaQuest (www.karmaquest.com), haben sich zusammengetan, um Gästen in Ladakh ein selten gewordenes Naturereignis zu bieten: eine Schneeleopardenbeobachtung in freier Wildbahn.

Die beiden wissen, was sie tun. Seit Jahren kooperieren sie mit der in Ladakhs Hauptstadt Leh ansässigen Umweltschutzorganisation Snow Leopard Conservancy. Deren Programmleiter, Jigmet Dadul, hat in seinem Leben vermutlich mehr Schneeleoparden gesehen als jeder andere. Er weiß, dass die scheuen Jäger ihrer Beute im Winter hinab in die Täler folgen. Dann kann man sie in Höhen zwischen drei- und fünftausend Metern beobachten. Außerdem, vertraut er mir zu Beginn unserer Reise mit einem Augenzwinkern an, sind die ansonsten einzelgängerischen Katzen dann auf Partnersuche und insofern etwas abgelenkt.

Geduld muss man dennoch aufbringen. Jeden Tag verlassen wir mit Sonnenaufgang unser Zeltlager auf knapp viertausend Metern Höhe, folgen dem Verlauf mehrerer Täler, überwinden Hügel und Felsspalten und tasten uns auf vereisten Flüssen voran. Bei minus fünfzehn Grad beißt jeder Atemzug in der Nase, das Wasser in den Trinkflaschen gefriert zu Eisklumpen. In der ungewohnten Höhe setze ich langsam und konzentriert einen Schritt vor den anderen. „Genau wie eine Schildkröte“, bemerkt Jigmet taktvoll. Regelmäßig gehöre ich zu den Letzten, die eine Bewegung in der bizarren Mondlandschaft ausmachen. Jigmets Augen dagegen sind geübt darin, das Terrain abzusuchen. Beinahe stündlich läuft ein Blauschaf, ein Steinbock oder ein Fuchs vor die Linse seines Teleskops.

Der Gedanke, dass der rauchgraue Räuber, den wir so innig herbeisehnen, ganz in der Nähe ist und sich keine unserer Bewegungen entgehen lässt, macht unsere Suche zur Obsession. Nach einigen Tagen halten wir jeden von der Erosion verformten Felsen für einen Schneeleopardenkopf und vermuten den Gefleckten hinter jedem noch so kleinen Gebüsch. Nachts besucht er unsere Träume. Tatsächlich verschmilzt die Bergkatze zuweilen so gekonnt mit ihrer Umgebung, dass man ihr in Teilen Ladakhs magische Kräfte zuschreibt. In Liedern und Erzählungen ist vom „Phantom der Berge“ die Rede, dessen klagendes Rufen den Menschen nachts den Schlaf raubt und Kindern die Haare zu Berge stehen lässt. Es ist dieses Heulen, der Paarungsruf des Schneeleoparden, das bei westlichen Bergsteigern immer wieder Gerüchte über den Yeti befeuert.

 Das Erbe Tibets

 Dr. Rodney Jackson von der Snow Leopard Conservancy lächelt, wenn er solche Geschichten hört. Die Faszination, die von den letzten verbliebenen Schneeleoparden unseres Planeten ausgeht, führt ihn seit über dreißig Jahren auf die Spur der Tiere. Er hat früh erkannt, welches Potenzial der Schneeleopard für die Entwicklung ländlicher Gebiete in Ladakh besitzt. Und dass es sich lohnt, sich gemeinsam einzurichten, statt einander als Konkurrenten zu bekämpfen.

Junger Moench„Wir setzen dabei vor allem auf die Zusammenarbeit mit dörflichen Gemeinschaften. In Ladakh haben wir ein Bildungsprogramm initiiert, das Schulkindern die Vorteile eines funktionierenden Ökosystems nahe bringt. Farmern gegenüber argumentieren wir, dass der langfristige Nutzen durch den aufkommenden Tourismus größer ist als der kurzfristige Schaden, den ein Schneeleopard anrichten kann. Gleichzeitig arbeiten wir darauf hin, dass die Gehege, in denen das Nutzvieh nachts untergebracht ist, durch Elektrozäune verstärkt werden. Auf diese Weise wird von vornherein ausgeschlossen, dass ein Schneeleopard ein Schaf oder eine Kuh reißt.“

Der Autor vor Rumbak

Der Autor vor Rumbak

Das gilt an diesem Abend umso mehr, da wir unseren Triumph in Rumbak feiern. Alle zwanzig Bewohner des Dorfes, das sich zwischen mehreren Sechstausendern in einer Falte des Himalaya versteckt, sind zusammengekommen. Während sich „unser“ Schneeleopard längst in ein einsames Versteck zurückgezogen hat, singen und tanzen wir bis Mitternacht zu ladakhischer Volksmusik. Jigmet lächelt mir zu, und ich weiß, dass ich die Ereignisse der vergangenen Tage nie mehr vergessen werde.

Thomas Bauers Ladakh-Reisebuch „Nurbu – Im Reich des Schneeleoparden“ erschien  2012 im Wiesenburg Verlag. Mehr zum Autor: www.literaturnest.de

 

 

Indien: Backwaters in Kerala

Eine Fahrt mit dem Hausboot durch die Backwaters, einem faszinierendes Labyrinth aus Kanälen, Flüssen und Seen,  gehört zu den Highlights einer Keralareise.

Käpt´n Babu hat den Schirm aufgespannt. Obwohl der Tag noch jung ist, strahlt die Sonne unerbittlich von einem wolkenlosen Himmel. Babu sitzt am Bug und steuert sein Schiff mit fester Hand über das ruhige Wasser. „Aqua Land“ – Wasserland steht in weißen Buchstaben am Bug der rattangedeckten Reisbarke. Ein ungewöhlicher Name für ein Hausboot, finden wir. Jedoch treffend für die Backwaters, jene einzigartige Landschaft, die sich 75 Kilometer lang zwischen den Küstenstädten Kochi und Kollam erstreckt, bestätigt unsere Reiseleiterin Anuja.

An Bord ist es still. Größer könnte der Kontrast zum lärmenden, quirligen Kerala nicht sein, das wir noch vor wenigen Stunden erlebten. Entspannt sitzen wir auf dem Vordeck und lassen die wunderbare Landschaft an uns vorüberziehen. Am Ufer recken sich dicht gedrängt Palmen in die Höhe oder neigen sich auf schlankem Stamm ins Wasser. Im grüngelben Dickicht versteckt gleiten kleine Häuser und Kirchen vorbei. Junge Frauen in leuchtend bunten Saris stehen am Ufer bis in die Hüften im Wasser und schlagen ihre Wäsche auf den Stein. Sie lächeln und winken, wir winken zurück. Fischer in winzigen Einbaukanus werfen ihre Netze aus.

Das Thermometer zeigt inzwischen 38 Grad, die Luftfeuchtigkeit beträgt 77 Prozent – aber der leichte Fahrtwind sorgt für angenehme Kühle. Und Bootsmann Vinod serviert frische Kokosmilch. Mit Koch Vijo sorgt er für das leibliche Wohl und die Bequemlichkeit von uns vier Damen an Bord. Ja, die ein- oder mehrtätige Fahrt mit dem Hausboot ist komfortabel, denn die umgebauten Reisboote sind schwimmende Hotels – die drei Zimmer sind mit Ventilator, Aircondition, Fernseher und Bad mit Dusche und Toilette ausgestattet. Punkt 13 Uhr werden wir zum Dinner gebeten, es gibt Reis, gegrillten Fisch und verschiedene Sorten Gemüse. Zum Kaffee am Nachmittag munden uns die gebackenen Bananen.

Währenddessen geht die Reise durch die jadegrüne Welt weiter. Wir fühlen uns wie auf einem Logenplatz. Die Füße liegen ausgestreckt auf der Reling. Ein Gefühl inneren Friedens, eine wohltuende Gelassenheit macht sich breit. Schauen, plaudern und sich immer wieder an Neuem erfreuen. Wie ein endloses Empfangskomitee stehen Palmen an beiden Ufern des Kanals.

„Kerala bedeutet Land der Kokospalmen“, erläutert Anuja. Hier gebe es so viele Kokospalmen wie Sterne am Himmel. Und die Einheimischen preisen ihren Nutzen, denn kein Baum sei so vielseitig verwendbar wie die Palme: sie liefert Stroh für die Dächer, Öl zum Braten, Saft zum trinken und Kokosfleisch und –milch für die keralische Küche, weiß unsere Begleiterin. Die 35-jährige, die fließend Deutsch spricht, hat in Oberhausen studiert, war mit einem Deutschen verheiratet und lebt jetzt mit ihren beiden Kindern im unweit gelegenen Fort Kochi. Aus der Ferne dringen plötzlich Trommelklänge und Gesang herüber. Minuten später sehen wir die Ursache: ein buntfröhliches Bild, blumengeschmückte Menschen, die  sich um einen Altar drängen. In riesigen Kesseln dampft Reis. Es sei ein Tempelfest der Hindus, bei dem vier Tage lang mit Musik, Essen und abendlichem Feuerwerk gefeiert wird, verrät Anuja.

Gemächlich tuckert das Schiff durch einen Teppich aus schwimmenden Wasserhyazinthen, auf denen weiße Reiher nach Futter suchen. An manchen Stellen ist der Kanal so schmal, dass sich die langen Palmwedel von beiden Uferseiten zu berühren scheinen. Als die Dämmerung anbricht, hält Kapt’n Babu nach einem Ankerplatz Ausschau, denn nachts wird nicht gefahren. Ruhe, Zeit die Seele baumeln zu lassen und zu beobachten, wie die Sonne letzte goldene Lichter auf die Wasserfläche zaubert, bevor das Abendbrot aufgetragen wird. Koch Vijo hat Lamm, mehrere Gemüsesorten und natürlich Reis vorbereitet. Die Schwüle des Tages ist vorbei und in den Zimmern sorgt nachts die Klimaanlage für angenehme Temperaturen.

Seit dem Sonnenaufgang ist die Schiffscrew schon auf den Beinen. Für uns steht das Frühstück bereit und Käpt´n Babu steuert sein Kettuvallam, so nennen die Einheimischen die palmstrohgedeckte Reisbarke, in einen anderen Kanalarm. Reisfelder schimmern im Morgenlicht und in den Dörfern ist längst das Leben erwacht. Wir sehen Frauen beim morgendlichen Bad im Fluss, Schulkinder sind fröhlich lachend auf dem Weg oder werden mit dem Wassertaxi zur Schule gebracht, im Einbaum wird dem Nachbarn ein Besuch abgestattet.

An manchen der kleinen Häuser sehen wir eine rote Fahne mit Hammer und Sichel. „Kerala ist seit 1957 eine Bastion des Kommunismus in Indien“, erklärt Anuja. Der Bundesstaat sei bekannt für seinen relativen Wohlstand und den hohen Bildungsgrad, mehr als 90 Prozent der Bevölkerung kann lesen und schreiben. Auch Lebenserwartung und Pro-Kopf-Einkommen liegen hier weit über dem normalen Durchschnitt. Kurzer Halt am Bootssteg einer geräumigen Villa. Der Hausherr bittet uns auf einen Tee herein, führt uns durch das Haus und den großen grünen Garten. Es ist eines der Backwaters Farmhouses, in denen Touristen einige Tage mit Familienanschluss verbringen und sich von ihren Gastgebern verwöhnen lassen können. Ein verlockendes Angebot. Doch für uns schlägt nun die Stunde des Abschieds aus diesem Garten Eden. Und von Kerala, das nur ein schmaler Streifen zwischen dem Arabischen Meer und hohen Bergen, jedoch einer der schönsten Bundesstaaten des indischen Subkontinents ist.

Christel Seiffert

Indien: Unterwegs mit dem Rotel-Bus

Rotelbus in Indien

Möglicherweise habe ich gerade meine Großmutter erschlagen. Aber in diesem Moment ist mir das völlig egal. Augenblicklich rückt Nachschub von Omas Artgenossen an – Moskitos. Ich ergebe mich meinem Schicksal, Gegenwehr ist aussichtslos. Zumal mein Bewegungsspielraum stark eingeschränkt ist. Er bemisst sich auf 65 mal 70 mal 190 Zentimeter. So groß sind hier die Schlafzimmer.

Wir sind unterwegs in Nordindien. Von Reiseleiter Hermann haben wir bereits am ersten Tag gelernt, dass verstorbene Angehörige nach hinduistischem Glauben durchaus als Moskito wiedergeboren werden können. Was das Erlegen der Plagegeister außerdem erschwert: Bei jedem Schlag gegen die Wand könnte man seinen Nachbarn zu Tode erschrecken, der ja nur zwei Zentimeter Luftlinie weiter neben, unter und/oder über einem liegt.

Zu achtzehnt sind wir auf Tour mit einem „Rollenden Hotel“, kurz Rotel genannt. Rotel ist eine Form des Reisens, die der Bayer Georg Höltl Ende vor 50 Jahren erfand: Ein „Rollendes Hotel“ ist ein Anhänger mit 42 Schlafkabinen, jeweils 14 neben- und drei übereinander. Dieser Schlafanhänger wird von einem Bus mit ebenso vielen Sitzplätzen gezogen, zu fast allen erdenklichen Reisezielen in der Welt. Bei unserer „kleinen“ Rotel-Variante für bis zu 20 Teilnehmer sind die Kabinen direkt im hinteren Teil des zwölf Meter langen Busses montiert.

Zwischenstopp Neu Delhi

Als in Neu Dehli die Klappen unseres Rotels das erste Mal geöffnet werden – eine nach oben, eine nach unten – trennt sich binnen Sekunden die Spreu vom Weizen, sprich die erfahrenen „Rotelianer“ von den Neulingen. Mit routinierten Handgriffen montieren die „Erfahrenen“ die Stahlstützen unter der nach unten geklappten Rampe, die quasi das „Vorzimmer“ bildet. Neuling Ingeborg erstickt fast an ihrem Lachanfall, einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Verzweiflung, als die Vorhänge zu den Kabinen aufgezogen werden. „Das ist ja kaum größer als ein Sarg.“ Die einzelnen Kabinen sind nicht breiter als sie in den Hüften ist. Die anderen Neulinge murmeln beim Anblick der Schlafgemächer Worte wie „Karnickelstall“ oder „Brutkasten“. Die erfahrenen „Rotelianer“ lächeln gelassen: „Das ist viel bequemer, als es auf den ersten Blick aussieht.“ Bus in Indien

Reiseleiter Hermann verteilt die Schlafplätze – so weit es geht demokratisch. Die beliebtesten Kabinen sind offensichtlich die auf der mittleren hüfthohen Ebene, in die man ohne große Anstrengung vorwärts hineinkrabbeln kann. Mit Mitte vierzig bei weitem der jüngste der Gruppe, muss ich nach ganz oben. Der Einstieg klappt nur mit einer Methode – siehe Original-Rotel-Gebrauchsanweisung: „So schlüpft man richtig: Nach alter deutscher Art arbeitet man sich robbend zum Kopfkissen vor. Dann liegt man gut und bequem.“ Am Kopfende befindet sich ein DIN A4-großes Fensterchen, das man in der Hoffnung auf etwas Durchzug nachts aufklappen kann. Gleichzeitig ist es aber auch eine gute Einfallsmöglichkeit für kleinwüchsiges Getier. Das Moskitonetz kann mühelos seitlich umflogen werden. Was aber eigentlich egal ist: Der Vorhang am Fußende stellt ein noch geringeres Hindernis für Stechmücken dar.

Die erste Nacht ist gleich eine richtige Herausforderung – nicht nur für die unerfahrenen Teilnehmer. Nach tagsüber mehr als vierzig Grad sind die Kabinen in der Nacht noch ordentlich aufgeheizt. Durchzug, Ventilator, Klimaanlage – Fehlanzeige. Nackt und verschwitzt starre ich an die Decke und hoffe, dass diese Nacht bald vorbei sein möge. Zwischendurch erlege ich ein paar Moskitos, die langsamen vollgefressenen. Am nächsten Morgen wird das gesamte Ausmaß der Angriffe deutlich. Wo man hinschaut beim gemeinschaftlichen Anziehen auf der Rampe: überall dicke Flatschen an Waden, Schenkeln und Unterarmen.

Eine Reise mit Rotel ist eine Mischung aus Klassenfahrt und Campingurlaub. Der Altersdurchschnitt der Reisegäste liegt deutlich über Mitte 50. Bereitschaft zu Geselligkeit ist unabdingbar. Wenn keine Besichtigungen auf dem Programm stehen, ist der Bus der unangefochtene Lebensmittelpunkt der Gruppe. Neuling Klaus kapituliert nach der ersten Nacht: „Das muss ich nicht haben.“ Ab der zweiten nimmt er sich abends immer ein Hotelzimmer. Christoph zieht einen Tag später nach. Für Routinier Hans ist ein solches Verhalten nicht nachvollziehbar: „Wo ist das Problem?“ Er ist seit vier Jahrzehnten überzeugter „Rotelianer“, war 1969 bei der ersten Sahara-Durchquerung dabei. „Bei Rotel man muss keinen Einzelzimmerzuschlag bezahlen, man sieht mehr als mit anderen Veranstaltern und das für weniger Geld“, sagt Hans.

Vielerorts ist das Auftauchen des großen roten Busses noch immer ein ähnlich spektakuläres Ereignis wie kurz nach seiner Erfindung vor einem halben Jahrhundert. Bei Zwischenstopps in kleinen Dörfern scharen sich binnen Sekunden Dutzende Menschen um das monströse Gefährt und staunen. Noch mehr, wenn ihnen die Reisenden erzählen, wo und wie sie übernachten.

Volker Wartmann

 

Indien: Mantra unter Palmen

Yoga in Indien – so finden Sie einen guten Lehrer und eine gute Schule

Yoga boomt seit 30 Jahren im Westen. Um es zu lernen und zu vertiefen, fahren viele Yogis auch nach Indien, in das Ursprungsland dieser Lehre von der Einheit von Körper, Geist und Seele. Dort können sie in einem Yogazentrum oder Yoga-Ashram – so wird in der indischen Sprache ein klosterähnliches Meditationszentrum genannt – von einzelnen Tagen bis hin zu mehreren Wochen von einem Guru, Lehrer oder Meister körperliche und geistige Übungen lernen. Ein Vorteil: Anders als in Deutschland, wo viele Yogaübende nach dem Job in den Kurs hetzen, hat man hier im Urlaub die Möglichkeit, stundenlang jenseits der Hektik zu üben und zu meditieren.

Ein weiterer Vorteil: In Indien beschäftigen sich Yogaübende häufig stärker mit Meditation, Gesang oder den im Yoga so wichtigen Pranayamas, den Atemtechniken, als in vielen europäischen Zentren und Schulen. Denn in Europa findet man – anders als in der natürlichen Wiege des Yoga – eher ein auf den westlichen Lebensstil angepasstes Yoga, das meist auf physische Fitness und weniger auf Meditation und Atmung ausgerichtet ist. Und so passiert es nicht selten, dass die in Deutschland bestehende Hemmschwelle, ein Matra zu rezitieren oder ein Om oder Shanti zu singen, in Indien mit Leichtigkeit überwunden wird. Weil man dieses dort, vor Ort, eher verinnerlicht. Mantren nicht nur nachsingt, sondern sie vielleicht sogar erstmals versteht.

Viele scheinheilige Gurus

Allerdings ist es angesichts des großen Angebots nicht einfach, in Indien einen guten Lehrer oder ein seriöses Yogazentrum zu finden. „Man muss schon genau recherchieren, welche Yogarichtung wo und in welcher Qualität angeboten wird“, sagt Christine May, Yogalehrerin aus München und für den Yoga-Spezialveranstalter Neue Wege oftmals in Indien unterwegs. „Selbst in Indien gibt es das große Spektrum von ’sehr gutem‘ bis hin zu dilettantischem und gar gefährlichem Yoga“, warnt auch der Dresdner Yogalehrer Roland Kühne. Raghunathan, Yogalehrer im Swaswara, einem Yoga-Resort in Indien, stimmt dem zu: „Es gibt in Indien viele scheinheilige Massen-Gurus, die eher Yoga-Verkäufer als Yoga-Lehrer sind.“

Ganz wichtig ist für Yogaübende, die im Ursprungsland des Yoga Erleuchtung suchen, sich klarzumachen, welchen der vielen Yoga-Stile sie überhaupt lernen möchten. Wer noch nie Yoga gemacht hat, „sollte erst einmal einen Kurs in Deutschland besuchen“, rät Anke Rebetje vom Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland (BDY). Doch egal, ob Vinyasa-, Ashtanga-, Power- oder Iyengar-Yoga, ob sanft oder schweißtreibend – „einen richtigen oder falschen Weg gibt es beim Yoga nicht“, sagt Raghunathan. „Wenn die Zeit reif ist, findet jeder Guru seinen Schüler – und jeder Schüler seinen Guru.“

Martina Hahn