Papua-Neuguinea: Das Sing Sing in Goroka

Goroka Sing Sing Singen, tanzen, wilde Blicke

Fehden zwischen en einzelnen Stämmen gehören in Papua Neuguinea zum Alltag. Doch wenn die Krieger in Goroka mit bunt bemalten Gesichtern, wilden Masken und spitzen Speeren in die Arena einmarschieren, muss niemand  Angst haben – in der Stadt im Hochland werden nur die besten Tänzer gesucht. Und: Solange in Goroka getanzt wird, schweigen die Waffen der Stammeskrieger.

Die Straße nach Goroka ist hervorragend ausgebaut – das ist selten in Papua Neuguinea. Auf ihr rasen Lastwagen von Exxon durch die Berge. Sie bringen Baumaterial zur größten Baustelle des Landes: Unter dem Dschungel des Hochlands liegt eines der größten Erdgasvorkommen der Welt. Es wird vom amerikanischen Energiekonzern ausgebeutet. Ab 2014 soll das Gas durch die Leitungen an die Küste fließen. Damit wird ein unermesslicher Reichtum ins Land gelangen. Geld, das – wie viele fürchten – nicht der Bevölkerung zu Gute kommen wird. Das Gas wird eher neue Konflikte schaffen denn alte lösen.

Goroka Sing Sing

Von Reichtum ist bis dato in Goroka nichts zu spüren. Ruhig und friedlich liegt die Kleinstadt mit ihren 20.000 Einwohnern inmitten des Hochlands – auf 1600 Meter, umgeben von fruchtbarem Land und gesegnet mit einem geradezu perfekten Klima. Tagsüber steigt die Temperatur regelmäßig bis an die 30 Grad Grenze. Nachts aber sinkt sie wegen der Höhenlage auf angenehme 12 oder 13 Grad.

Auf mich wirkt Goroka wie ein verschlafenes Provinzstädtchen. Für die Papuas aber ist es eines der großen Zentren – und Mitte September der wichtigste Ort des Landes.

Am Tag nach meiner Ankunft bricht der Sturm los: Tausende Menschen – Männer und Frauen, Kinder und Alte – strömen in die Stadt; lagern im Park und kampieren am Stadtrand. Sie alle sind Teilnehmer oder Besucher des Goroka Sing Sings. Bei diesem Tanz- und Kulturfestival kommen die Stämme aus ganz Papua zusammen. Drei Tage – von Freitag bis Sonntag – werden sie in den Straßen der Stadt und auf dem Goroka Show Ground feiern – auf einem riesigen Sportplatz, auf dem sonst das regionale Rugbyteam seine Spiele austrägt. Goroka Festival

Gelb sind die Gesichter der Huli Krieger bemalt, tief schwarz die des Rapako-Stamms. Auf dem Kopf sitzt ihnen eine weit ausladende Kopfbedeckung aus Gras und Moos. Ihre Köper sind mit feuchter Erde beschmiert, um den Hals tragen sie gelbe Ketten – und einen Halsschmuck aus Knochenstäbchen. Ein jedes  symbolisiert zehn geschlachtete Schweine und da die wichtige Statussymbole sind, sind die Rapakokrieger allesamt mächtige Männer. Laut singend und von Trommelschlägen unterstützt tanzen sie ihren rhythmischen Kriegstanz.

Ganz anders geschmückt und bemalt sind die Männer aus der Provinz Enga. Hier dominieren die Farben rot und gelb. Die dichten Vollbärte sind weiß gefärbt. Auf dem Kopf tragen sie eine Art roter Strickmütze, aufgepeppt mit unzähligen Vogelfedern. Die langen bunten Federn der Paradiesvögel  spielen beim Schmuck vieler Stämme eine wichtige Rolle: Je länger und bunter, desto besser. Nur daran, dass ein Stammeskrieger in einer Tanzpause das Handy aus dem Lendenschurz zieht, erkenne ich, dass die  Zivilisation auch hier schon ihre Spuren hinterlassen hat.Goroka Festival

Das erste Sing Sing in Goroka  organisierte die australische Provinzregierung  im Jahre 1957. Australien verwaltete Papua Neuguinea von 1949 bis 1975  als Treuhandgebiet. Das Ziel des Festes: Die verfeindeten Stämme des Hochlands sollten friedlich miteinander feiern. So jedenfalls hatten sich die Australier das vorgestellt. Nicht wer die tapfersten Krieger stellte, sondern  wer die besten Tänzer mit den schönsten Kostümen präsentierte, sollte entscheidend sein. Für die Sieger lobten die Australier stattliche Geldpreise aus.

Allerdings trat das genaue Gegenteil ein: In den Monaten nach der Veranstaltung bekämpften sich die Stämme besonders heftig. Erst nach einigen Jahren verstanden die Weißen, was sie mit den Sing Sing ungewollt angerichtet hatten: Es war der Geldpreise für die Sieger, der Streit auslöste. Den Unterlegenen war das Urteil der Jury egal. Sie forderten – mitunter mit Waffengewalt – den ihnen zustehenden Anteil am Preis. Auch deswegen wird heute allen Teilnehmern des Sing Sings ein Antrittsgeld überreicht, einen Preis für den Sieger gibt es nicht mehr.

Rasso Knoller

Goroka, Enga tribe

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Lesereisen Papua- Neuguinea.

Die letzten Papua

Literatur über Papua Neuguinea findet man auf dem deutschen Buchmarkt kaum.

Eine Ausnahme ist der farbenprächtige großformatige Bildband des italienischen Fotografen Iago Corazzo.

Er hat das Land bereist und dabei vor allem die Feste und Riten der Ureinwohner fotografiert. Ob der Tanz der Schlammmänner, die Jagd der Skelett-Krieger der Omo Bugamo oder die Brautwerbung bei den Ia Api – überall war Corazzo einfühlsam mit seiner Kamera dabei.

Den farbengewaltigen Hauptteil des Buches nehmen die Bilder des Sing-Sings in Enga ein – einem großen Fest bei dem sich die Stämme aus dem ganzen Land treffen.

Angereichert wird der Bildband durch eine ausführliche Einleitung, einfühlsam geschriebene Zwischentexte und aussagekräftige Bildunterschriften. Da es gegenwärtig keinen deutschsprachigen  Reiseführer über Papua Neuguinea gibt, sind diese Textstellen mehr als  nur Füllmaterial zwischen den Bildern. Für  potentielle Reisende sind sie Quelle interessanter Informationen..  rk

Iago Corazzo: Die letzten Papua, Kunst und Kultur der Ureinwohner Neuguineas, White Star Verlag, 286 Seiten, 38 Euro.

Picus Lesereise: Papua Neuguinea

Knoller.Papua-NeuguineaAuf seinen Reisen durch Papua-Neuguinea, das sich das Land der Überraschungen nennt, hat Rasso Knoller alte Männer besucht, die als Kinder mit dabei waren, als in den dreißiger Jahren die ersten Weißen ins Hochland kamen, er hat sich mit Kannibalen darüber unterhalten, wie Menschenfleisch schmeckt, und hat die Freundlichkeit von Straßenräubern auf dem Highlands Highway erlebt. Auf der Suche nach seltenen Paradiesvögeln bereiste er mit dem Boot die Sepikregion und erlebte dort die alten Bräuche der Flussbewohner mit. Er war beim »sing-sing« in Goroka – einem der größten Tanzfestivals des Landes – und erfuhr in den Dörfern des Hochlands, warum Schweine in Papua-Neuguinea mehr wert sind als Frauen und warum es zum Krieg führt, wenn Frauen untreu sind. Er bummelte über Märkte, bezahlte dort mit Muschelgeld und kaute mit den Einheimischen Betelnuss. Und er hat sich auf die Suche nach dem »Sanguma« gemacht, einem bösen Geist, der von Menschen Besitz nimmt und den man nur vertreiben kann, indem man den Menschen tötet, in dem er wohnt – weshalb Hexenverbrennungen in Papua-Neuguinea heute noch an der Tagesordnung stehen.