Island: Vulkaninsel im Atlantik

Jökulsarlon

Jökulsarlon

Willkommen auf der Insel der Gegensätze! Willkommen in einem Land, in dem Feuer und Eis Landschaften von atemberaubender Schönheit geschaffen haben!

Wer auf dem internationalen Flughafen Keflavík ankommt und sich mit Bus oder Mietwagen auf den Weg nach Reykjavík macht, wird gleich mit Islands vulkanischer Vergangenheit konfrontiert. Denn bis zu den Vororten der Hauptstadt führt die Straße durch ein rissiges, fast vegetationsloses Lavafeld. Bei trübem Wetter wirkt es trostlos und lebensfeindlich, aber schon einige wenige Sonnenstrahlen verwandeln es in eine faszinierende Märchenlandschaft. Doch dies ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die vielfältigen Formen des Vulkanismus, die allerorts auf den Besucher warten.

Kaum ein Land der Erde ist so abwechslungsreich wie Island, das geologisch noch in den Kinderschuhen steckt und sich deshalb permanent verändert – manchmal sogar höchst dramatisch durch gewaltige Vulkanausbrüche oder Gletscherläufe. Aber auch zwischen diesen Katastrophen bietet Island Spektakuläres: In den zahlreichen Hochtemperaturgebieten brodelt, dampft und zischt es unaufhörlich oder schießen Geysire ihre Wasserfontänen in den Himmel. Blubbernde Schlammtöpfe und Wasserlöcher, gelbe und ockerfarbene Fumarolen und Sinterablagerungen bilden unwirkliche Mondlandschaften. Farbenprächtige Liparitberge, düstere Aschekegel, bizarre Vulkane, sonderbare Pseudokrater, unauffällige Schildvulkane und immer wieder Lavafelder – mal schwarz, kahl und bedrohlich, dann wieder von dicken, grünen Moosteppichen überzogen, prägen weite Teile der Insel.

Neben den Vulkanen sind die Gletscher die größten Anziehungspunkte, denn allein der größte von ihnen, der Vatnajökull, ist größer als alle Gletscher Europas zusammengenommen. Unzählige eisige Zungen schieben sich von seinem gewaltigen Plateau zu Tal, bilden Abbrüche, Höhlen und Lagunen, auf denen bizarr erodierte Eisberge schwimmen.

Aber Island hat auch ein durchaus liebliches Gesicht, das man der fast baumlosen Insel im hohen Norden kaum zutrauen würde. Der schmale Küstenstreifen und einige Täler überraschen mit sattgrünen Wiesen, auf denen unzählige Schafe grasen. Und auch der Mývatn, eigentlich ein geologisch unruhiges, von Vulkanen geprägtes Gebiet, wirkt mit seinen Inseln, Buchten und Landzungen wie eine grüne Oase. Auf dem Wasser tummeln sich Singschwäne und die verschiedensten Entenarten, so dass selbst die ausgefressenen Lavatürme am Ufer kaum das liebliche Bild stören.

Lust auf Islands einzigartige Natur? Dann schauen Sie sich die Bilder an.

Westfjorde, Latrabjarg, Papageitaucher

Westfjorde, Latrabjarg, Papageitaucher

Westfjorde, Breidavik

Westfjorde, Breidavik

Solfatarengebiet Namafjall

Solfatarengebiet Namafjall

Solfatarengebiet am Namafjall

Solfatarengebiet am Namafjall

Snaefell

Snaefell

Seydisfjördur

Seydisfjördur

Seljalandsfoss

Seljalandsfoss

Schlucht Fjardargljufur

Schlucht Fjardargljufur

Papageitaucher, Vik i Myrdal

Papageitaucher, Vik i Myrdal

Ostfjorde, historisches Torfhaus Lindarbakki

Ostfjorde, historisches Torfhaus Lindarbakki

Ostfjorde, Gästehaus Mjoeyri am Eskifjördur

Ostfjorde, Gästehaus Mjoeyri am Eskifjördur

Myvatngebiet, Krafla

Myvatngebiet, Krafla

Landmannalaugar

Landmannalaugar

Jökulsarlon

Hochtemperaturgebiet Hveragerdi

Hochtemperaturgebiet Hveragerdi

Hochland, Hveravellir

Hochland, Hveravellir

Djupivogur

Djupivogur

Eskifjördur

Eskifjördur

Text und Fotos: Christian Nowak

Schweiz: Die Schatzalp, Thomas Mann’s Zauberberg

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Die Fahrt mit der Zahnradbahn, von der unterirdischen in die oberirdische, 1900 Meter hohe Graubündner Bergwelt, begann unerwartet gastfreundlich. Breit lächelnd sah mich der Mann im Kassenhäuschen an und fragte in typisch kehligem Schwyzerdütsch: „Warum wollen Sie bei mir bezahlen? Moment mal, erst einmal suche ich Sie auf der Gästeliste.“
Und Schwups, ohne weitere Worte, drehte sich die elektronische Schranke auf. Die Fahrt war kostenlos. Nach knappen sechs Minuten erreichte ich die Bergstation, und die Kabinentür zog sich wiederum wie durch Geisterhand beiseite. Dann Hopps, sechs Stufen, links durch die Schwingtür, und zehn Sekunden später tat sich ein atemberaubendes, zauberweißes Bergpanorama vor mir auf. Eine gigantische Bühnenkulisse.

Bild 2Das Einsinken im Neuschnee verlangsamte meinen Schritt, als wäre ich bereits Sanatoriums-Patient. Die abrupte Umstellung auf die dünne Höhenluft fühlte sich an wie Schwindel, wie auf Watte -Wolken wandern.
Vor hundert Jahren pries man die würzige Höhenluft der Schatzalp wie anderswo die Heilquellen. Wieder beschwerdefrei frei atmen zu können war für Tuberkulose-Patienten ein Zeichen von Freiheit und Genesung.
Bis zu Thomas Mann’s luxuriöser Sanatorienwelt war es ein Katzensprung. Keine hundert Meter. Über einen Wandelgang. Hier mussten täglich hüstelnde Kranke, zum Beispiel das von Thomas Mann so makaber beschriebene Grüppchen “Halbe Lunge“, auf und ab getappt sein.
Durch die bogenförmige Glastür warf ich einen Blick in die prachtvolle Jugendstil-Lobby. Auf der marmornen Theke, da wo einst illustre bourgeoise Patienten ihren Pass vorlegten oder ihre Rechnungen mit Geldbündeln beglichen, lag tatsächlich, behaglich ausgestreckt, ein echter schwarze Kater. Er schnurrte, als hätte man ihn mit der Gästebegrüßung beauftragt. Als ich durch die weiteren Glastüren rechts und links in die weißen Salons spähte, dachte ich unwillkürlich: Kein Wunder, das Thomas Mann tausend Romanseiten brauchte, um dieses mystische Berg-Jugendstil-Milieu so ausschweifend zu huldigen.

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Die Kategorisierung in Sterneklassen, ließ man mich wissen, würde das Gros der feinsinnigen Gäste als schnöde Normierung empfinden. Auf Perfektion pocht man nicht. Jede Restaurationsarbeit wird mit Bedacht überlegt, um den morbiden Charme nicht zu unterwandern.
Die Gästezimmer sind schlicht. Wie einst die Krankenzimmer. Die Messinglampen, die bollrigen Heizkörper und die eingebauten Kleiderschränke hat man im Original erhalten. Nur Bäder wurden im Zuge der Modernisierung in die Räume gezwängt. Ein kleines hölzernes Radio am Nachtkästchen ist für die Unterhaltung gedacht. Ein Flachbildschirm im Zimmer würde das Ambiente verfälschen.
Die Loggia mit Panorama-Bergblick ist der Schatz der spartanischen Zelle. Sechs Stunden am Tag, so lautete die Verordnung, hatte jeder Patient die Liegekur einzuhalten. Bei Wind und Wetter lag man eingehüllt in braune Kamelhaardecken, und sog die Luft wie Medizin ein.

Bild 4 Beim Bau von 1898 bis 1900, errichtete man hundert Meter oberhalb des Sanatoriums ein eigenes Kraftwerk. Jedes Zimmer verfügte vom ersten Tag an über elektrisches Licht. Vom Keller bis zum Dachboden wurde zentralgeheizt. Telefone installierte man auf allen Fluren.
Kaiser Wilhelm ließ sich in prophylaktischer Weitsicht, sollte er einmal Tuberkulose bekommen, eine noble Suite reservieren. Er kam nie nach Davos, aber man bezahlte über Jahrzehnte. In diesen Räumen ist heute noch das  damalige Mobiliar unberührt erhalten.
Die einstige Pracht ist in den Raucher-, Schach- und Musiksalons zu bewundern. Die meterhohen Jugendstilfenster, volle bunter Ranken und Blumen, sind im Original erhalten. Auf einige malte man Wolkengardinen, weil plüschig Textiles aus Hygienegründen nicht erlaubt war. Die Ölgemälde mit ihren romantischen Motiven sollten beruhigend auf die Psyche der Patienten einwirken.

 

Bild 5

Nur die kuschlig weißen Sofas sind neu. Ab 16.00 Uhr knistert das Kaminfeuer, und am Flügel klimpert eine bezaubernde rumänische Pianistin – mit und ohne Gäste – entspannt vor sich hin. Wer in der verträumt himmlischen Atmosphäre nüchterne Nachrichte aus der „Welt von unten“ möchte, kann sie im ehemaligen Röntgenzimmer auf einer Riesenleinwand sehen.

Wo denn tatsächlich der original Schauplatz für den Zauberberg war, hat Thomas Mann in weiser Voraussicht verschlüsselt. Das Luxussanatorium Schatzalp hat er als einzigen Handlungsort im Roman beim richtigen Namen genannt. Im „Berghof“, dem heutigem „Waldhotel“, litt und lebte nachweislich sein Protagonist Hans Castorp. Das Haus wurde 1911 als „Wald- Sanatorium Professor Jessen“ eröffnet.

Katja Mann begann hier am 22. März 1912 ihre sechsmonatige Kur auf Grund einer Lungenschwäche. Der Professor vermutete bei Thomas Mann während seines Davos Aufenthalts auch eine Tuberkulose. In seinen Aufzeichnungen steht: „Ich befand mich etwa zehn Tage dort oben, als ich mir bei feuchtem und kaltem Wetter auf dem Balkon einen lästigen Katarrh der oberen Luftwege zuzog.“ Na, was lag näher, als den Literaten umgehend als Patienten zu integrieren. Der Literat aber wehrte sich vehement. Sein Ansinnen war einzig und allein, das Milieu zu studieren, und die detaillierten Schilderungen seiner Frau noch illustrer zu Papier zu bringen.

Er schrieb: „Diese Krankenwelt dort oben ist von einer Geschlossenheit und einer einspinnenden Kraft, die Sie ein wenig gespürt haben werden, indem Sie meinen Roman lasen. Es ist eine Art von Lebens-Ersatz, der den jungen Menschen in relativ kurzer Zeit dem wirklichen, aktiven Leben vollkommen entfremdet. Luxuriös ist oder war alles dort oben, auch der Begriff der Zeit. Bei dieser Art von Kuren handelt es sich stets um viele Monate, die sich oft zu Jahren summieren.

Seine Anmerkung, wonach man im Winter die Leichen gefroren über die Bobbahn zu Tal schlitterte, sorgte in ganz Davon für Entrüstung. Dass es mit zur Kur gehörte, so eine Art Seelenklempner wie Dr. Korokowski zu konsolidieren, wollte man verschwiegen wissen. Fünfmaliges Fiebermessung als Lebensinhalt zu reduzieren, das ging zu weit. Die literarische Verarbeitung der amourösen Patienten-Episödchen fanden Sanatoriumsbetreiber ebenso geschmacklos. Bis sie merkten, dass der 1924 erschiene Roman „Der Zauberberg“ zum Muss der Gesellschaftsliteratur avancierte, Davos zum magnetischen Anziehungspunkt aufstieg.

Von 1950 bis 1954 ging es mit der Sanatoriumskultur steiler abwärts als auf der Bobbahn.

Die Erfindung des Penicillins brachte raschere Heilerfolge. Das Höhenklima war nicht mehr von Nöten und keiner wollte sich stundenlangen Liegekuren mit ungewissem Ausgang unterziehen. Mit der Erfindung von Antibiotika wurden die Sanatorien zu einem Schwanengesang einer Epoche, die sich überlebt hatte.

 

Text: Veronika Zickendraht

Fotos: Hotel Schatzalp

Schweden: Die Holzpferde von Nusnäs

 

Für Touristen ist das schwedische Nationaltier der Elch. Die Einheimischen bevorzugen das Pferd – eines aus Holz, hergestellt in Nusnäs.

Bill Clinton hat einen, Elvis Presley hatte einen, Frank Sinatra und Yassir Arafat auch. Die Rede ist von einem Dalahäst, einem Pferd aus Dalarna. Nein, kein lebendiges Pferd. Es ist aus Holz, rot oder blau bemalt und reich verziert. Mehr noch: Dalapferde sind eines der schwedischen Nationalsymbole, und deswegen erhält Lasse Olsson auch des öfteren Bestellungen der Regierung – die Holztierchen sind das ideale Geschenk für Staatsgäste.

Lasse Olsson gehört die „Dalapferdefabrik“ in Nusnäs in der Provinz Dalarna. Er ist der Sohn von Jannes Olsson, dem Erfinder der Holzpferde. 1928 hat dieser zusammen mit seinem Bruder Nils sein erstes Holzpferd geschnitzt. Gerade erst 15 und 13 Jahre alt waren die beiden damals, und doch schon die ersten professionellen schwedischen Holzpferdehersteller. „Anderes gab es damals auf dem Land auch nicht zu tun“, stellt Lasse Olsson trocken fest.

Auch heute ist die Herstellung eines Dalahästs noch Handwerk, allerdings wird ein Pferd nicht mehr nur von einer Person hergestellt, sondern es muss eine ganze Reihe von Arbeitsschritten durchlaufen, bevor es fertig ist. Zuerst werden die Umrisse der Pferdefiguren auf Holzblöcke aufgestempelt, dann mit der Stichsäge ausgesägt. Erst wenn die Grobform festgelegt ist, kommt das Schnitzermesser zum Einsatz. Diese Feinarbeit erledigen „für uns ungefähr 50 Rentner in Heimarbeit“, sagt Olsson. Dalapferdschnitzer sind in der Region angesehene Leute, und in manchen Familien wird der Beruf von Generation zu Generation weitervererbt. Anders als sonst, übernehmen hier aber nicht die Jungen das Geschäft, sondern die Alten. Erst wer aus dem Berufsleben ausgeschieden ist, wird Pferdeschnitzer.

Holzpferde als Nationalsymbol

Sobald die Holzpferde von ihrem Ausflug zu den Schnitzern zurück sind, bekommen sie ihre  Farbe. Es braucht schon seine Zeit, bis ein Dalapferd fertig ist und in den Verkaufsraum hinausgaloppieren kann.

Wie aber kam es eigentlich, dass aus den Holzpferden von Jannes und Nils solche Verkaufsschlager, sie gar zu einem nationalen Symbol wurden? Lasse Olsson schüttelt den Kopf ob meiner Frage, lacht und fordert mich auf: „Die nächste Frage, bitte“. Nicht einmal der Herr der schwedischen Holzpferde kennt die Antwort. Die Dalapferde sind zwar durchaus schön anzusehen, aber genau genommen eben doch nicht mehr als rot oder blau angemalte Holzfiguren. 100.000 verkauft Olsson davon jedes Jahr, und die gleiche Menge bringen auch die Cousins aus dem Laden gegenüber unters schwedische Volk. Obwohl rein rechnerisch inzwischen eigentlich in jedem schwedischen Wohnzimmer ein Dalapferd stehen müsste, lässt die Nachfrage bei Olssons nicht nach.

Rasso Knoller

 

Norwegen: Das ruhige Leben der Menschen in Kjerringøy

Einst kamen die Lofotenfischer in Scharen und machten Kjerringøy reich. Als dann der Fischhandel zusammenbrach, verfielen viele Gebäude. Mittlerweile ist aus dem alten Handelsplatz eines der schönsten Freilichtmuseen Norwegens geworden, das an Knut Hamsun und seine Nordlandromane erinnert. Doch die kleine Küstengemeinde inmitten schroffer Berge und der Lofotenwand in Sichtweite lebt nicht nur in der Vergangenheit. Die Kjerringøyer sind ungemein agil, sie malen, töpfern, bauen Nordlandboote, richten Kulturzentren ein und sanieren alte Rorbus.

Der Strandåtind auf Kjerringøy ist Karl Erik Harrs Hausberg. Schon rund 60 Mal hat er das markante Massiv gemalt, zu jeder Jahreszeit und bei allen erdenklichen Lichtstimmungen hat er den Berg auf die Leinwand gebannt. Kein Wunder, dass er gerade den Strandåtind zu seinem Lieblingsmotiv auserkoren hat, denn von der Terrasse seines kleinen, rot gestrichenen Holzhauses hat er einen traumhaften Blick auf die beeindruckende Bergkulisse von Kjerringøy und den alten Handelsplatz auf der gegenüber liegenden Landzunge.

Welch ein Platz zum Leben! In seinem Atelier liegen unzählige ausgedrückte Farbtuben herum, unverkennbar riecht es im ganzen Haus nach Ölfarbe. Harr hat einen unglaublichen Schaffensdrang und arbeitet meist an mindestens einem Dutzend Bildern gleichzeitig. An den Wänden hängen die fertigen und halbfertigen Werke, auf dem Boden stehen die grundierten Leinwände. Doch inmitten dieses Chaos fühlt sich Karl Erik Harr sichtlich wohl, arbeitet konzentriert und strahlt vollkommene Ruhe aus. Wenn er vor seinen Bildern hockt, sieht er mit seinem weißen Bart und der kleinen Brille wie ein alter Seebär aus, der mit haushohen Wellen in unzähligen Blautönen und weißen Schaumkronen kämpft.

Harr zählt schon lange zu den bekanntesten Künstlern Norwegens, mehr als 20 Bücher hat er bisher veröffentlicht, er hat Hamsuns Werke illustriert und schreibt Gedichte. Eine Auswahl seiner Bilder stellt er in seiner Galerie in Henningsvær auf den Lofoten aus. Ohne sein kleines Notizbuch geht Karl Erik Harr nirgendwohin. Computer und Laptops sind nicht seine Welt und so muss sich seine Sekretärin noch immer durch seine handschriftlichen Aufzeichnungen kämpfen. Tag für Tag setzt er sich in sein kleines Boot, das immer auf dem kleinen Sandstrand direkt vor seinem Haus liegt und rudert zum alten Handelsplatz von Kjerringøy hinüber. Bei schönem Wetter findet man ihn dann um die Mittagszeit vertieft in sein Notizbuch Kaffee trinkend und bei einem Stück Kuchen im Garten des Freilichtmuseums. Hier fühlt er sich anscheinend immer noch zu Hause, hat er doch früher in dem Museum gewohnt.

Bergriesen im Meer

Kjerringøy ist ein Platz zum Träumen. Eine Insel der Ruhe vor der nordnorwegischen Küste mit einer grandiosen Landschaft. Hier ist Hektik ein Fremdwort und die Kühe dürfen noch ungestört am Strand spazieren gehen. Auf der Seeseite schweift der Blick und findet erst wieder Halt an den mächtigen Bergen in der Ferne. Dazwischen liegt nur das dunkle Wasser des Vestfjord, das sich bis zur mächtigen Lofotenwand erstreckt. Beim Blick von der Küste ins Inselinnere fallen die schroffen Berge ins Auge, die fast 1000 Meter hoch direkt aus dem Meer aufragen und den Menschen seit jeher nur wenig Lebensraum ließen. Die meisten Besucher kommen zwar im Sommer, aber Kjerringøy hat das ganze Jahr über seine Reize.

Im Sommer lockt die Mitternachtssonne mit ihren unvergesslichen Lichtstimmungen und im Winter erstarrt das Wasser in den kleinen, flachen Buchten zu filigranen Eiswelten. Unentdeckt ist Kjerringøy zwar nicht mehr, dafür lockt das Museum doch zu viele Besucher an, die Insel ist aber noch lange nicht so überlaufen wie die Lofoten. Autos werden von der kleinen Fähre zwischen Festvåg und Misten nur in kleinen Portionen herüber gelassen, sie dosiert den Touristenstrom. So kommen die meisten nur für ein paar Stunden, um sich den alten Handelsort Kjerringøy anzuschauen und am Abend wieder in Richtung Bodø aufzubrechen. Zurück bleiben nur noch die Möwen, die dann die mit Gras bewachsenen Dächer besetzen und mit jedem zetern, der ihnen zu nahe kommt. Allzu Aufdringliche werden von ihnen mit Scheinangriffen in die Schranken gewiesen.

Wie zu Hamsuns Zeiten

Kjerringøy Gamle Handelssted ist ein wunderbar nostalgischer Ort, der sich seit Hamsuns Zeiten nicht verändert hat. Ein gutes Dutzend Holzhäuser in kräftigen Farben auf einer Landzunge, davor eine Landungsbrücke an der auch heute noch die Lofotenfischer anlegen könnten. Doch es dümpeln nur zwei kleine Ruderboote in dem glasklaren, türkisfarbenen Wasser des Fjordes. Früher machten die Fischer auf dem Weg zu den Lofoten hier Station und übernachteten im Handelshaus, dann lagen die Boote dicht gedrängt am Strand.

Das Geschäft mit dem Fischeinkauf und der Fischverarbeitung lief prächtig, die großen Heringsfänge machten den Ort reich. Begonnen hat dieser Aufschwung 1803, als Christian Lorentzen Sverdrup den Betrieb übernahm. Unter seinem Nachfolger Erasmus Benedict Zahl erlebte Kjerringøy dann seine Blütezeit. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts suchte sich der Handel neue Wege, Kjerringøy verlor an Bedeutung und 1955 musste am Ende auch der Kaufmannsladen schließen. Einige Jahre später übernahm dann die Provinz Nordland den weitgehend verfallenen Komplex und begann mit der Restaurierung der Gebäude.

Heute sind der Laden mit der silbernen Kasse, die gute Stube mit dem kunstvollen Ofen und den feinen Möbeln und die Küche mit Unmengen von feinem Porzellan wieder Schmuckstücke. Hamsun hat hier zwar nie gelebt oder gearbeitet, aber Kjerringøy war für ihn trotzdem ein wichtiger Ort. Erasmus Benedict Zahl war bekannt als Förderer unbekannter Talente, deshalb schrieb der junge Dichter, nachdem er „Der Rätselhafte“ und „Börger“ veröffentlicht hatte, an Nordnorwegens mächtigsten Mann und bat ihn um ein Stipendium. Zahl war nicht abgeneigt und so stand der 20-jährige Hamsun 1879 schließlich vor dem mächtigsten Mann Nordnorwegens. Hamsun wollte hinaus in die Welt und Dichter werden, dafür bekam er von dem Kaufmann als Starthilfe 2000 Kronen, damals eine stattliche Summe. Mit dem Geld in der Tasche fuhr er nach Süden und begann sich seinen Traum vom Schriftstellerdasein zu erfüllen.

Lebendige Filmkulisse

Ulf Mikalsen hat früher als Hausmeister in Kjerringøy gearbeitet. Mittlerweile lebt er mit seiner Frau Ingvild in einem alten Schulgebäude, das sie, nachdem sie jeden Balken und jedes Brett nummeriert hatten, auf einer Nachbarinsel abgebaut und danach in Kjerringøy wieder aufgebaut haben. Ulf ist einer der wenigen Nordlandbootbauer in Norwegen, der in monatelanger Handarbeit nach alten Bauplänen in seiner Werkstatt wahre Kunstwerke aus Holz entstehen lässt. Seine Boote begeistern durch die wunderschön geschwungene Form und mit dem hochgezogenem Bug und Heck wirken sie wie direkte Nachfahren der Wikingerschiffe.

In dem epischen Filmmelodram Jeg er Dina, das in den 1860er Jahren spielt und in Kjerringøy gedreht wurde, waren der alte Handelsplatz und Ulfs Boote unverzichtbare Requisiten. Er selbst durfte sich in dem Film auch als Schauspieler versuchen und zusammen mit Ingvilds Sohn Bjørn die Bootsmänner spielen. Ulf und Ingvild haben auch maßgeblichen Anteil an der Restaurierung und Eröffnung des neuen Kulturzentrums Zahlfjøsen, das gleich neben dem Freilichtmuseum liegt. Das große, wie eine Scheune wirkende rote Gebäude, wurde noch von Erasmus Zahl gebaut und beherbergt heute eine Bibliothek, ein Filmzentrum, eine Galerie und Ulfs Bootswerkstatt. Die zweite Etage dient als Museum, hier werden Filmausschnitte gezeigt, die nach Knut Hamsuns Werken gedreht wurden. Hamsunliebhaber können in rund 20 Ausschnitten schwelgen, von der Rarität aus dem Jahre 1921 bis zu ganz aktuellen Verfilmungen.

Entspricht Ulf ziemlich genau dem Bild des ruhigen, bedächtigen Nordnorwegers ist Ingvild ein überschäumendes Energiebündel mit immer neuen Ideen. Die gebürtige Kielerin, die über Bergen, Trondheim, Stockmarknes und Tromsø nach Kjerringøy kam, könnte mit ihrem Leben ganze Bücher füllen, scheint aber mittlerweile sesshaft geworden zu sein. Ingvild ist sie Keramikkünstlerin, ausgebildet in Bergen, deren Werke mittlerweile über ganz Nordnorwegen verstreut sind. Von den meisten Arbeiten kann sie Besuchern nur noch Fotos zeigen, aber das stört sie nicht weiter, denn in ihrer Werkstatt entstehen laufend neue, eigenwillige Kreationen. In diesem Sommer waren viele ihrer Keramikarbeiten im Kulturzentrum Zahlfjøsen zu sehen.

Text und Fotos: Christian Nowak

Finnland: Restaurant Day in Helsinki. Essen aus Nachbars Töpfen

Der Restaurant Day macht weltweit Furore. Überall kochen Nachbarn für Nachbarn. Erfunden hat man das Event aber in Helsinki. 

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Viermal im Jahr findet in Helsinki der Restaurant Day statt, dann werden Privatleute zu Köchen und zeigen was sie am Herd alles drauf haben.

Die Dame hatte mich durchs Wohnzimmerfenster zu sich herein gewinkt. Mitte dreißig war sie wohl, schwarze Haare und braune Augen. Sympathisch, sehr sympathisch sogar. Ich solle zu ihr kommen und mit ihr essen, hatte sie gesagt und mich dabei angelächelt. Die Tür stand offen. Aus der Küche rief sie mir zu, ich solle die Schuhe ausziehen. Ich tat wie geheißen und ging ich ins Wohnzimmer. K1024__MG_1997_4524

Da saßen sie dann, die anderen. Andrew aus Glasgow und seine Freundin Anne, Touristen auf der Durchreise. Lena, eine finnische Studentin. Meri, die Nachbarin der Gastgeberin. Und schließlich Wolfgang, „du kannst Wolfi zu mir sagen“, aus einem österreichischen Bergtal. Sie alle hatte die dunkelhaarige Schönheit ebenso wie mich in ihr Wohnzimmer gelockt.
Und dann kam sie, mit einer großen Platte voll Piroggen. Probieren sollten wir und so ihre Heimat kennenlernen.  Unsere Gastgeberin war, so sagte sie, in der ostfinnischen Stadt Joensuu geboren und Piroggen seien dort die Spezialität
Eine Pirogge, oder piirakka wie die Finnen sagen, ist eine mit Fleisch, Gemüse oder anderen Leckereien gefüllte Teigtasche, die man in ganz Osteuropa gerne isst. Die finnische Version, die karelische Pirogge, wird aus einem dünnen Roggenteig gemacht, der mit Milchreis gefüllt wird – früher, als es noch keine Reis in Finnland zu kaufen gab, bestand die Füllung aus Gerstenbrei.

K1024__MG_2027_4525Ein Gläschen Wein zur Pirogge gibt es auch. Der hat nichts mit Karelien zu tun, kommt aus Portugal und ist, wie Alkohol generell, in Finnland, ziemlich teuer. Die schöne Unbekannte verwöhnt uns. Mich sieht sie heute ebenso zum ersten Mal wie die anderen „Mitesser“, auch  diese hat sie von der Straße zu sich hereingewinkt.
Denn es ist Restaurant Day in Helsinki. Überall in der Stadt  wird gegessen und getrunken – aber nicht in Kneipen und Lokalen. Heute darf jeder kochen, der will und seine Speisen verkaufen, oder auch verschenken wie unsere Unbekannte hinterm Fenster. Sie sei Künstlerin, sagt Liisa und verrät schließlich doch noch ihren Namen. „Mir geht es nicht darum, Geld zu verdienen, ich will Leute kennenlernen“, lächelt sie und hebt ihr auf Glas uns, sagt „kippis“ und bringt ihren Gästen so auch das erste Wort Finnisch bei. „Prost“ meint der Finne, wenn er das sagt. Wolfi und ich schauen uns an. „Kipp es“, wie passend.

K1024__MG_2154_4531Den Restaurant Day haben die Helsinkier 2011 erfunden, jeder Hobbykoch und jeder Freizeit- Sommelier sollte an diesem Tag die Gelegenheit bekommen, sein eigenes „Restaurant“ zu eröffnen oder auch seinen eigenen „Weinkeller“. Eigentlich überrascht es, dass gerade die Finnen eine solche Idee hatten, eilt ihnen doch – nicht ganz zu Unrecht – der Ruf voraus,  eher zurückhaltend zu sein und nur selten Gäste zu sich nach Hause einzuladen. An vielen Häusern gibt es gar keine Klingeln – Zutritt nur mit Nummerncode –  und an denen, die Klingeln haben, werden sie abends abgestellt. Keine Chance für die Zeugen Jehovas und auch nicht für Freunde, die unangemeldet auf einen Sprung vorbeischauen wollen. Gastfreundschaft im mitteleuropäischen Sinne sieht anders aus. Gut, so wie offen und großzügig wie die  schöne Liisa gibt sich auch längst nicht jeder Gastgeber beim finnischen Restaurant Day.  An den Tisch in der guten Stube laden nur die wenigsten die fremden Gäste ein. Und kostenlos gibt‘s auch nur selten was.

K1024__MG_2118_4530Die meisten Hobbyköche bauen ihren Stand irgendwo in der Stadt auf, stellen einen Tisch vors Haus, packen ihn mit gefüllten Kochtöpfen voll oder legen einfach eine große Picknickdecke auf einer Wiese aus und präsentieren darauf die mitgebrachten Speisen. Manche errichten sogar Zelte – die sind dann klar im Vorteil, falls es regnet. Das Speise-Angebot reicht von Stullen bis Lachsfilet, von exotischen afrikanischen Gerichten bis zum Hamburger, dem „hampurilainen“,  der aus der Gefriertruhe direkt auf den Grill wandert. Große Kochkunst und Dilettantismus liegen mitunter eng  beieinander. Manchmal auch räumlich, wenn der  begnadete Hobbykoch auf Fast-Sterneniveau virtuos mit Pfannen und Töpfen hantiert und gleich neben ihm ein 15-jähriger für einen guten Zweck Würstchen brutzelt,– für neue Trikots für die B-Jugend im Fußballverein beispielsweise. Spaß haben sie aber alle, die beim Restaurant Day mitmachen. Käufer und Verkäufer. Und deswegen sind die Schlangen vor den improvisierten Ständen auch lang.

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Sizilianer auf Finnlandurlaub würden die Szenerie vermutlich nicht als besonders ausgelassen empfinden. Doch wer genau hinschaut, kann durchaus entdecken, dass an diesem Tag manche Dinge anders laufen als sonst – dass Menschen in der Warteschlange miteinander ins Gespräch kommen und ihre Plauderei sogar weiterführen, nachdem sie ihr Essen gekauft haben. Und, dass zwischen Kunden und Verkäufer nicht nur Geld und Speisen hin – und herwechseln, sondern auch freundliche Worte.
Angeblich baut auch ein Thüringer, der im finnischen „Exil“ lebt, an jedem Restaurant Day seinen Grill auf. Dann gibt es Bratwürste für die Helsinkier. So lernen nicht nur Deutsche und Österreicher – dank karelischer Piroggen – die finnische Kultur kennen, sondern auch Finnen die deutsche. Zumindest die deutsche Esskultur. Ich selbst habe den Mann mit den Rostbratwürstchen bei meinem Rundgang allerdings nicht entdeckt und so verlasse ich mich auf die Aussage meiner finnischen Freunde, die ihn “bisher jedes Mal gesehen haben“ und die sich sehr lobend über die Qualität seiner Grillware äußern. Das ist auch das Wichtigste, den Finnen muss es schließlich schmecken.

Von Rasso Knoller

Norwegen: Fragmente aus Johan Bojers Roman „Die Lofotfischer“

 

Wenn ganz Norwegen im Winterschlaf liegt, kommt Leben in die Inseln am Polarkreis und die Fischer gehen auf Dorschfang. Dann ist noch ein klein wenig von der hektischen Aktivität zu spüren, die hier Ende des 19. Jahrhunderts herrschte.

Schon seit Menschengedenken kommt im Winter der Dorsch zur Laichablage in die Gewässer vor den Lofoten. Und mit ihm kommen die Fischer aus allen Teilen des Landes. Auch heute noch, selbst wenn durch die jahrelange Überfischung die Quoten drastisch zurückgegangen sind. Wie es einst auf dem Vestfjord zuging, erzählt Johan Bojer in seinem Roman Die Lofotfischer. Es ist die Geschichte vom Kampf der Fischer um die Jahrhundertwende gegen Wind und Wellen, und von ihrer Suche nach Reichtum und Glück. Der Held ist Kristaver Myran, der mit seinem Sohn Lars, Henrik Rabben, Kaneles Gomon, Elezeus Hylla und Arnt Aasan in dem neu gekauften Boot Robbe auf Dorschfang geht. Fragmente aus Johan Bojers Roman Die Lofotfischer und Beobachtungen beim heutigen Dorschfang mischen sich zu einem Kaleidoskop der Lofoten zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

„Für Kristaver Myran war es ein großer Tag. Das, wonach er sich viele Jahre lang in aller Stille gesehnt hatte, war endlich Wirklichkeit geworden. Hier stand er als Führer seines eigenen Lofotbootes. Der bekannte Strand mit den kleinen Häusern verschwand und der frische Landwind trug die “Robbe” durch die Krappseen. Es ging den alten Weg nordwärts, Hunderte von Meilen in Sturm, Frost und Schneegestöber. Denselben Weg, den die Vorfahren seit langen, langen Zeiten gezogen waren.“

Auf Flakstadöya hat man Spuren der ersten Lofotenbewohner gefunden. An der Ostküste der Insel, in der Nähe von Napp, gibt es einen überhängenden Fels, der den Menschen wohl schon vor 6000 Jahren Schutz gegen Schlechtwetter bot. Und in Storbathallaren hinterließen sie eine steinzeitliche Müllkippe, die wie ein offenes Geschichtsbuch ist. So wissen wir heute, daß die Bewohner auf die Jagd gingen, aber auch schon Ziegen und Schafe als Haustiere hielten. Sie waren wahrscheinlich die ersten Lofotfischer, denn in ihrer Müllkippe fanden sich Fischgräten, Angelhaken und primitive Harpunenspitzen. Da die Lofoten zu dieser Zeit noch mit ausgedehnten Kiefern- und Birkenwäldern bedeckt waren, hatten sie auch genug Baumaterial für primitive Boote.

„Auf den Klippeninseln lagen mehrere kleine Hütten mit Rasendach, überragt von der Kirche, dem Krankenhaus, dem Seemannsheim, sowie dem weißen Wohnhaus des “Platzkönigs”. In den Sunden und im Hafen wiegte sich ein Wald von Masten, da lagen Dampfer, Segelschiffe, große und kleine Boote. Mehr als dreißig solcher Fischerplätze gab es auf den Lofoten, in dieser Jahreszeit waren sie alle wimmelnden Städten gleich. Hier waren Fischer von Norden und Süden zusammengeströmt und überwinterten auf einem Küstenstreifen von einigen hundert Meilen.“

Rorbuer gehören wie die wilden Berge und das Meer zum Bild der Lofoten. Es sind bunt gestrichene Holzhäuser, direkt am Wasser oder auf Pfählen über dem Wasser errichtet wurden. Heute werden viele von ihnen als luxuriöse Ferienwohnungen im Sommer an Touristen vermietet. Gebaut wurden sie aber für die Lofotfischer, die ersten wahrscheinlich schon von König Öystein, der im 12. Jahrhundert ein Einsehen mit den Fischern hatte. Trotzdem schliefen auch später noch viele Fischer unter ihren umgedrehten Booten, einen ganzen harten Winter lang. Die Rorbuer wurden von den Besitzern an die Fischer für eine ganze Saison vermietet, als Gegenleistung verkauften sie ihnen ihren Fisch. Die Lebensbedingungen in solch einer Rorbu müssen furchtbar gewesen sein. Sie bestanden aus einem Vorraum für die Gerätschaften und Vorräte und einem Raum, den sich eine ganze Bootsbesatzung, in der Regel 10 Mann, teilte. Hier wurde gekocht, gegessen, geraucht, getrunken und geschlafen. Hygiene war ein Luxus, für den der Lofotenwinter keinen Platz ließ. So stank die Rorbu wohl immer nach nassen Kleidern, Schweiß, Fisch und Tran. Am Abend muß die heiße und feuchte Luft im Innern zum Schneiden dick gewesen sein; am Morgen, wenn der Ofen runter gebrannt war, waren die gefrorenen Sachen von Rauhreif überzogen. Heute wohnen die meisten Fischer zwar beengt, aber doch recht komfortabel, auf ihren Booten.

„Endlich war der erste Fischtag, und lange bevor es hell wurde, lag die Fischerflotte in dichtem Schwarm vor der Ausfahrt in die offene See und wartete, daß die Signalflagge von der Aufsicht gehißt wurde. Die Ruder rieben sich knarrend aneinander, ein Boot rannte gegen den Nachbarn und wurde gleichzeitig von der anderen Seite eingepfercht. Schimpfworte und Flüche erfüllten die Luft, alle wollten zuerst hinaus. Jetzt geht die Flagge hoch, war vorher Gedränge, gibt es jetzt wirklich Spektakel, Ruder werden zerbrochen, Geheul und Geschrei ertönt, hier und da fährt ein Bootshaken in die Höhe, um zu schlagen.“

Der arktische Kabeljau wird von den Norwegern “Skrei” genannt, für uns ist es Dorsch. Nach Neujahr brechen Millionen Fische aus dem Eismeer zu einer Wanderung entlang der norwegischen Küste auf. Erst vor den Lofoten, und besonders im Vestfjord, finden sie ideale Laichbedingungen. Hier werden sie von den Lofotfischern schon erwartet. Einige Fische kommen aber noch zum Laichen und die Eier entwickeln sich zu Larven, die mit der Strömung nach Norden treiben. Ab April ernähren sie sich von Plankton, das sich jetzt sprunghaft vermehrt. Der Zug der Jungfische nach Norden dauert ungefähr drei Jahre, im Alter von sieben bis zehn Jahren werden die Fische geschlechtsreif, und der Kreislauf beginnt von Neuem. Gerät der Kabeljau vor den Lofoten nicht ins Netz, kann er viele Laichzüge unternehmen.

„Die Fischer ziehen mit jedem Angelwurf einen Dorsch an Bord, die Netze sind heute schwer beladen, die Männer ziehen und ziehen, der graue Strom, der über die Rolle geht, ist zottig vor Fischen, hier und da fällt einer herunter und schwimmt mit dem Bauch nach oben. Der Bootsführer stürzt fast kopfüber ins Wasser, wenn er ihn mit der Gaff wieder ins Boot reißt. Heute bleiben sie lange auf See, denn alle Fische müssen aus den Netzen genommen werden, damit diese von Neuem ausgelegt werden können.“

Der gefangene Fisch wurde sofort ausgenommen und paarweise an den Schwänzen zusammengebunden auf große Holzgestelle gehängt. Dort trocknete er in einigen Monaten zu Stockfisch. Die Köpfe wurden ebenfalls zum Trocknen aufgehängt und dann zu Fischmehl verarbeitet. Die Zungen gelten als Delikatesse und wurden traditionsgemäß von den Kindern herausgeschnitten. Aus der Leber wurde Tran gekocht, der Rogen eingesalzen und in Holztonnen gefüllt. Die beste Qualität der Stockfische wird auch heute noch nach Italien exportiert, wo er während der Fastenzeit gegessen wird. Afrika bekommt die minderwertigen Trockenfische und, falls Nigeria, einer der Hauptabnehmer, mal wieder in Finanznöten ist, reicht es nur zum Kauf der getrockneten Fischköpfe. Ein Teil des Fanges wurde früher zu Klippfisch verarbeitet, dazu wurden die Fische ausgenommen, gesalzen und auf den Klippen am Ufer zum Trocknen ausgebreitet. Heute werden zuerst die Kühlhäuser mit Kabeljaufilets gefüllt, bevor die Trockengestelle bestückt werden.

„Sie hatten seit einer Woche kein gekochtes Essen bekommen, sie hatten tagelang gehungert, jetzt mußten sie etwas anderes haben als Kaffee und Fladenbrot. “Mölje!” sagte einer. “Mölje!” stimmten die meisten ein. Das war ein Essen, und es war dieses Jahr noch nicht auf den Tisch gekommen. Henrik trug mehrere Schüsseln mit zerstückeltem Fladbröd herein, dann kam der Topf mit gekochter, dampfender Leber, von der er eine reichliche Portion auf jede Schüssel verteilte. Das Fett glänzte auf den Fladbrödhaufen, jetzt wurde Molkenkäse geschabt und darüber gestreut und schließlich wurde Sirup in langen goldenen Schlangen über das ganze gegossen. Dann wird alles mit dem Löffel verrührt, daß es wie ein Brei wird, Herrgott, das schmeckt!“

Die Lofotfischer brachten ihren Fang nach Bergen und deckten sich danach für ein Jahr mit Vorräten ein. War es ein schlechtes Jahr auf dem Lofot gewesen, mußte der Fischer anschreiben lassen. Da die schlechten Jahre überwogen, waren viele bald hoffnungslos verschuldet. Von 1250 bis 1550 war Bergen fest in der Hand deutscher Kaufleute. Die Hanse lieferte Getreide und diktierte die Preise für Stockfisch. Die großen Zeiten der Lofotfischer sind wohl für immer vorbei. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten bis zu 30.000 Fischer auf den Lofoten und Fänge von weit über 100.000 Tonnen pro Saison waren keine Seltenheit. Doch bald machte sich der Raubbau bemerkbar, und trotz staatlich limitierter Fangquoten ging es immer weiter bergab. Dann kamen die Seehunde und fraßen den Fischern angeblich die Dorsche weg. Aber die Seehunde verschwanden wieder, und die Dorsche wurden nicht mehr. Ende der achtziger Jahre kamen deshalb nur noch ungefähr 2000 Fischer im Frühjahr auf die Lofoten. Ihnen wurden gerade noch gut 10.000 Tonnen Kabeljau zugeteilt. Wer heute den Lofotfischfang sehen will, der muß genau hinschauen. In jedem Hafen ein paar Boote, eine Handvoll Fischfabriken, aber die hölzernen Gestelle bleiben lange leer. Von der brodelnden Hektik, wie sie um die Jahrhundertwende einst herrschte, ist nicht mehr viel zu spüren. Nur der Geruch nach Fisch ist geblieben und erinnert an bessere Zeiten.

„Konnte der Sturm noch schlimmer werden? Es war, als berste der rauchende Himmel in großen Rissen, aus denen Feuer hervor züngelte. Die langen, gelben Unwetterlichter am Himmel warfen seltsame Flammenstreifen auf das rauchende Meer. Wenn sie auf einen Wellenkamm hinauf pflügten und von der rasenden Fahrt der Wogen mitgerissen wurden, dann schien das Boot selber sich aus dem Meer emporzuheben und in der Luft zu fliegen. Es war, als verliere das Boot den Halt, an den es sich anklammern mußte. Und in einem solchen Augenblick geschah es, daß die “Robbe” vornüber in ein Wellental hinunterfuhr, sich dann gegen den Wind drückte und kenterte. Die Wellen schlugen darüber hin, aber jetzt war der Kiel nach oben gekehrt. Es ertönte ein Aufschrei von fünf Männern, als sie umschlugen. Sturm und Meer verschlang sie, dann war nichts mehr.“

Christian Nowak

 

Deutschland: Brandenburg für alle. Barrierefrei reisen

Zeuthen 06.06.2016 Fotos : YORCK MAECKE TMB Barrierefrei auf dem Boot.

Foto : Yorck Maecke, TMB Barrierefrei auf dem Hausboot

 

 

 

 

Ausgabe 2017des Magazins  für barrierefreies Reisen in Brandenburg erschienen

Neu in der diesjährigen Ausgabe, die jetzt im sechsten Jahr in Folg erschienen ist, sind Erlebnisberichte von Gästen, die den barrierefreien und für jedermann erreichbaren Ausflugszielen der einzelnen Reiseregionen Brandenburgs vorangestellt wurden. So berichtet der stark sehbehinderte Berliner Yannick von seiner Tour mit einem Oldtimer-Tandem und dem SUP-Board in Potsdam. Und die Rollstuhlfahrerin Judyta Smykowski beschreibt ihr unvergessliches Gefühl von Freiheit, als sie im Sommer das barrierefreie Hausboot Febomobil 990 von Kuhnle-Tours über die Gewässer des Dahme-Seenlandes steuerte. Aktuell nimmt das Heft auch Bezug auf das Lutherjahr 2017. So kann man sich beispielsweise in Jüterbog barrierefrei auf die Spuren der Reformation begeben. Pfarrer Bernhard Gutsche von der evangelischen Kirchengemeinde St. Nikolai gibt in dem Heft und bei einem Besuch lebendige Einblicke in die außergewöhnlichen Geschehnisse jener Zeit.
Insgesamt werden auf rund 100 Seiten ausgewählte Angebote für Rollstuhlnutzer, Gäste mit Seheinschränkungen, für gehörlose Menschen und Besucher mit Lernschwierigkeiten sowie Infos für Allergiker für einen erlebnisreichen Ausflug oder einen entspannten Urlaub im Bundesland Brandenburg und in der angrenzenden Mecklenburgischen Seenplatte präsentiert.
Noch mehr barrierefreie Urlaubsangebote – insgesamt über 800 – sind detailliert beschrieben im Internetportal www.barrierefrei-brandenburg.de. Hier kann die Broschüre auch als barrierefreies pdf kostenlos heruntergeladen werden, das auch für Leser mit Sehbehinderung gut geeignet ist. Ebenso ist die Broschüre auch kostenlos bei der TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH erhältlich. Telefon: 0331 – 200 47 47. Darüber hinaus wird das Spezial-Magazin ab März bundesweit über den Zeitschriftenhandel  zum Preis von 2,80 Euro vertrieben.

Deutschland: Harz – Die steilste Abfahrt nördlich der Alpen

K1024_Brockenbahn_in_Winterlandschaft__Harzer_TourismusverbandSchneesicher sind die Harzer Wintersportorte nicht. Doch sobald sich die weiße Pracht einstellt, bieten Harzer Loipen und Pisten, Rodelbahnen und Natureisflächen jede Menge Winterspaß.

Der erste Schnee fällt oft schon im Oktober. Zumindest auf dem höchsten und berühmtesten Berg des Harzes, dem 1141 Meter hohen Brocken. So auch in diesem Jahr. Bereits Mitte Oktober meldeten die Meteorologen von der Wetterwarte des Deutschen Wetterdienstes auf dem Brocken eine dünne Neuschneeschicht und posteten launig das Foto vom ersten Schneemann der Saison. Bis sich der ganze Oberharz in ein weißes Wintermärchenland verwandelt, gehen meistens noch etliche Wochen ins Land. Ein Garant für weiße Weihnachten ist auch der Oberharz mit Höhenlagen um 800 Meter schon seit den 1960er Jahren nicht mehr. Im Januar und Februar aber stehen die Chancen auf weiße Pracht noch immer ziemlich gut. Und wenn die Fremdenverkehrsbüros auf der Wintersport-Website die passenden Schneehöhen melden, zieht es nicht nur die Niedersachsen und Sachsen-Anhaltiner in ihre Berge. „Unsere Loipen und Pisten locken auch Hamburger und Berliner “, weiß Christin Faust vom Harzer Tourismusverband in Goslar. Mit dem Auto und auch mit Bahn oder Bus lassen sich die Wintersportorte in dem südlich von Braunschweig und Magdeburg gelegenen Mittelgebirge von Berlin aus in etwa drei Stunden erreichen. Spontan ein Hotelzimmer oder eine Ferienwohnung zu bekommen, ist in der Regel nicht schwer. „Die typischen Winterurlauber im Harz sind ja die Kurzentschlossenen“, so Christin Faust. „Die meisten buchen erst, wenn der Wetterbericht für die nächsten Tage Neuschnee und dann knackigen Frost und strahlenden Sonnenschein verspricht. Und denen können die Vermieter vor allem in den kleineren Orten immer noch Fremdenzimmer oder Appartements anbieten.“

K1024_Brockenkuppe_Winter__E._RonkainenWenn man Harzfans nach ihren Winterfavoriten befragt, fallen die Antworten ganz unterschiedlich aus. Für die einen gibt es nichts schöneres, als durch die verschneiten Wälder zu wandern, zum Beispiel auf dem sechs Kilometer langen Rundwanderweg bei Hohegeiß, der vorbei an der Alten Bobbahn durchs Wolfsbach- und durchs Gretchental führt. Andere, die mehr Action wollen, zieht es an den Wurmberg bei Braunlage. Hier liegt das größte Skigebiet des Harzes. Weil die Winterklientel heute anspruchsvoller ist, als noch vor 20 oder 30 Jahren, haben die Harzer hier vor ein paar Jahren die Infrastruktur nachgerüstet und der Natur hier und da nachgeholfen, um den Abfahrtspaß vielseitiger und attraktiver zu machen. Nun gibt es eine neue 1,2 Kilometer lange Piste am Osthang. Kenner loben die ideale Neigung, die zu flotten Carvingschwüngen animiert, Skiläufern und Snowboardern aber auch ganz gemütlich talwärts brettern lässt. Steil und „schwarz“ dagegen ist die neue Piste am Hexenritt, diese Direktverbindung vom Wurmberggipfel zur Mittelstation und ist selbst für Könner kein Spaziergang. Mit einem Gefälle von 60 Prozent sorgt sie – als steilste Skiabfahrt nördlich der Alpen – zumindest bei Nordlichtern für Adrenalinschübe. Anfänger können sich auf einer eigenen Piste ausprobieren, Snowboarder finden ihr Revier am Sonnenhang auf einen Freestyle-Parcours mit verschiedenen Features. Weil sich das größte Harzer Skigebiet vor allem als Freizeitziel für Familien empfehlen will, fehlt auch eine Snow-Tubing-Anlage nicht. In Schlauchreifen rutschen dort schon die Jüngsten jauchzend in den Abhang runter und liefern Bilder, wie sie die regionalen Fernsehsender lieben, wenn sich der norddeutsche Winter einstellt.

Ein Zug der Harzer Schmalspurbahn HSB fŠhrt zum Brocken (Aufgenommen am 7.2.10) Die Strecke zum hšchsten Harzgipfel ist das Zugpferd der HSB. Rund 700000 FahrgŠste nutzen jŠhrlich das Angebot mit dem Zug zum Brocken zu fahren. Auf der Pressekonferenz der HSB werden am Donnerstag den 11.02.10 die neuesten Zahlen des GeschŠftsjahres 2009 prŠsentiert.

Schnelles Gipfelglück

Lange Wartezeiten an den Wurmberg-Liften gehören erst einmal der Vergangenheit an. Eine neue Vierer-Sesselbahn verbindet Mittelstation und Gipfel. Seit dem Ausbau kann die Anlage nun 3000 bis 4000 Menschen pro Stunde auf den mit 971 Metern höchsten Berg Niedersachsens befördern. Um die weiße Saison ein wenig zu verlängern, haben die Betreiber der Wurmberg-Seilbahnen zudem in eine Beschneiungsanlage investiert. Sobald die Temperaturen unter null Grad sinken, können innerhalb von 72 Stunden fünfeinhalb  Pistenkilometer wintersporttauglich machen, ohne dass eine Flocke Naturschnee fällt.
Weniger idyllisch geht es bisweilen auf dem Parkplatz an der Mittelstation zu. Im Zuge der Modernisierung wurden hier 600 PKW-Stellplätze geschaffen. Doch an Wochenenden mit Bilderbuch-Winterwetter reichen die bei weitem nicht aus. Ab zehn Uhr ist meistens schon alles dicht. Zusätzliche Stellflächen will man aber nicht schaffen. Konflikte mit Umweltschützern wären vorprogrammiert. Wer sich den Parkstress ersparen will, muss frühaufstehen oder, wenn das keine Alternative ist, mit der Seilbahn anreisen, die den Ort Braunlage mit der Wurmberg-Mittelstation verbindet.

K1024_Am_Wurmberg_Braunlage__Wurmberg_AlmWer auf die Harzer Superlative verzichten kann, weder die steilste noch die – mit vier Kilometern längste Abfahrt zum Winterglück braucht, kann andere Orte ansteuern. Bad Sachsa, Hahnenklee, Hohegeiß, Sankt Andreasberg und Schulenberg betreiben ebenfalls Liftanlagen und präparierte Abfahrt-Pisten. Darüber hinaus locken, über den gesamten Harz verteilt, rund 500 Kilometer gespurte Langlaufloipen, Natureisflächen, Rodelberge und Rodelbahnen, auch solche, die abends beleuchtet werden. Eine der längsten Naturrodelbahnen kann Bad Harzburg für sich reklamieren, 1500 Meter lang ist das Vergnügen auf der alten Harzburger Molkenhaus Chaussee. Die Bergstation von Torfhaus, einem Ortsteil der Bergstadt Altenau, liegt in 820 Metern Höhe. Ski-Alpin- und Rodelpisten sind  hier zwar nur wenige hundert Meter lang. Dafür bietet sich bei der Talfahrt – klare Sicht vorausgesetzt – ein herrlicher Blick auf den Brocken. Den sagenumwobenen Hochharzgipfel kann man auch im Winter ganz bequem erreichen. Ab Schierke zuckelt die Schmalspurbahn durch die verschneite Märchenlandschaft. Oben angekommen hilft eine heiße Erbsensuppe gegen die klirrende Kälte.

Text: Susanne Kilimann
Fotos: Harz Tourismus

 

Italien: Turin – viel mehr als nur Fiat

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Wer bei Turin zuerst an Fiat denkt, kommt fünfzehn Jahre zu spät. In der Tat beherrschte Fiat zur Zeit der „Motorblüte“ fünfzig lange Jahre das wirtschaftliche Geschehen. Die 200 000 Mitarbeiter in den Siebzigern schrumpften zu einer Belegschaft von 10 000. Und die Roboter machen sich weiter breiter. Dass sich der Fokus so uneingeschränkt auf Autos konzentrierte, ist erstaunlich. Den barocken Reichtum der Altstadt kennt kaum einer. Dass man 18 Kilometer unter Marmor und Granitverzierten Arkaden sonnengeschützt wandeln kann, steht in keinem Shopping Guide.

bild-2-torino-palazzo-realeBei der Vereinigung Italiens 1861, wurde Turin zur Hauptstadt ernannt.

Abertausend Edle und Günstlinge zog es nach Turin. Allesamt  suchten sie die Nähe von König Viktor Emanuel II. Unversehrt prunken noch heute kilometerweit ihre historischen Palazzi und Residenzen. 14 Lust- und Jagdschlösser reihen sich wie Perlen auf. Der königliche Savoyen Palazzo an der Piazza Castello ist die kostbarste Krönung.
Apropos Perlen: Der Sohn König Umberto I. beschenkte seine streng religiöse Gattin Margherita nach jedem königlichen „Fehltritt“ mit einer Perlenkette. Sechzehn zählte man zuletzt an ihrem stolzen Hals. In einer freundlicheren Legende heißt es, dass anlässlich ihres Besuchs im armen Neapel, ihr zu Ehren ein Gericht kreiert wurde mit den Nationalfarben. Rot die Tomate, grün das Basilikum und weiß der Mozzarella.Die Pizza Margherita.
Kaum bekannt ist, dass sie als glühende Nationalistin den Aufstieg von Benito Mussolini, kurz bekannt als „Duce“, protegiert hatte. Der Ehrlichkeit halber sollte man auch erwähnen, dass Turin das Privileg Königssitz zu sein, schon vier Jahre später an Florenz abgeben musste.

bild-3-torino-palazzo-madamaDie Schönheit Turins schleicht sich langsam ins Herz

Vielleicht liegt es an den vielen autofreien Fußgängerzonen, dass man den Großstadtstress nicht spürt. Oder an der Harmonie der morbiden Farben, den pastellblauen verblichene Fensterläden und kunstvoll verzierten Balkongeländern. Von manchen Dachgärten rankt es grün. Aus brüchigen Mauerritzen sprießen Gräser. Die alten Kandelaber-Gaslaternen hat man gefühlvoll auf warmfarbene LEDs umgerüstet. Die Altstadt wurde schachbrettartig konzipiert, wie New York aufgebaut. Weniger hoch – dafür barock. Die Strassen haben klangvolle Namen wie Via Roma, Via Garibaldi, Via Cavour. Die Alleen nennen sich Corso.
Die Palazzi wie della Republica, Castello, Carlo Emanuele, Solferino beeindrucken durch die Eleganz der Arkaden und der großzügigen, für die Paraden gestalteten Weiten. Die schönste, im 17 Jh. erbaute Piazza San Carlo erinnert an den Markus Platz in Venedig. Es gibt nur weniger Touristen. Und die flatternden Tauben fehlen.

bild-4-caffe-fiorioDas „Turiner-Leben“ kann man wie in Wien in den Kaffeehäusern studieren. Im bekannten Café San Carlo oder das Café Torino kehrten in früheren Epochen Adelige und Politiker ein, um Ränke zu schmieden oder sich einfach nur dem Genuss von „Dolci“ kalorienunbeschwert hinzugeben.
Verzaubernd Italienisch, Sizilianisch wird’s, wenn Samstagabend Luigi schräg gegenüber vom Cafe Torino auf der Parkbank seine Mandola auspackt und vor sich hin zupft. Sein grauhaariger Freund Guiseppe, von Süden und Amore träumend, zu „Santa Lucia“ mit ihm summt.
Vor dem Cafe Torino glänzt ein aus Messing im Boden eingelassen Stier (Toro). Das Symbol der Stadt. Wer sich noch mehr Glück wünscht, sollte nicht versäumen sich darauf zu stellen. Kurz an den speziellen Wunsch denken und sich einmal um den Absatz drehen. Nebenbei, ein Espresso (Italienisch schlicht „il caffè“) passt zu jeder Tages- und Nachzeit. Den gibt es für einen Euro, inklusive charmantem Schwätzchen, im Stehen an der Bar.

bild-5-bicerin Auf Verführung war man in allen Epochen spezialisiert

Das Turiner Traditionsgestränk heißt „Bicerin“ (piemonteisch Gläschen). Heiße Schokolade, Espresso und obenauf Milch/Sahne, alles in einem im Gläschen. Seit 1763 trinken die Damen sonntags nach der Kirche auf der Piazza Consolata im Cafè Al Bicerin dies „Verwöhnungsschlückchen“. Selbst Friedrich Nietzsche und Alexandre Dumas waren zu Gast und sollen sich im Cafe den Morgen versüßt haben.
Auf Schokoladenkreationen und feinste Pralinen ist man besonders stolz. Sie sind und waren ein Teil der Turiner Lebenskunst. Die Haselnüsse wurden zu den besten der Welt gekürt.
Nicht verschämt braucht man Nutella erwähnen. Die Milchhändler der Stadt erzählten, dass der große Konditor, Pietro Ferrero, 1946 seine Kreation einem Missgeschick verdankte. Es handelte sich um Schokolade, die in der Hitze des Schaufenster schmolz und ungewollt zu Nutella zerfloss. Die Nougatcreme wurde einige Jahre später vom Sohn, Michele Ferrero im großen Stil produziert und wird heute auf jeden Frühstückstisch serviert.

bild-6-turin-und-die-alpen165 000 Bäume, davon 30 000 Jahrhunderte alte Platanen sorgen für Schatten und frisches Klima. Ein „grüner Spaziergang“ könnte an der Promenade des Po beginnen.Der längste Fluss Italiens zieht sich wie ein grünes Band durch Turin. Wo einst die Gerbereien, Wäschereien und Dockwerkstätten lagen, beleben heute trendige Bars und Discotheken das Nachtleben. Ab von der Via Murazzi del Po gondeln eineinhalb Kilometer zwei romantische Ausflugsboote Valentina & Valentino und legen am Steg des Borgo Medievale an. Ein Schloss im nostalgischen Stil des 15Jh. erbaut um 1884. In den Museumsräumen wird gezeigt, wie sich das Leben im Mittelalter abspielte. Im Garten drum herum pflanzte man vor einigen Jahren neu, was eine medievale Apotheke an Kräutern, Heilpflanzen, Obst und verträglichem Gemüse brauchte. Und wie einst, für die sinnliche Erbauung, Duftrosen dazu.

bild-7-verliebt-in-turinParco Valentino für Verliebte oder die, die es noch werden möchten

Zirka einen Kilometer vom Stadtkern entfernt, am linken Po-Ufer, liegt Turins beliebtester Landschaftspark. Voller exotischen Bäume., kleinen Bächlein, Steingärten, lauschigen Ecken und romantischen Lauben. Sich einfach in die Wiese legen und nur in die Wolken gucken, öffnet die Sinne. Man riecht den Duft der Akazien süßer, spürt sanfter das Gras schmeicheln und entdeckt die schön geformten Beine der vorbei spazierenden Italienerinnen Müßiggang nannten sie diesen Luxus, der nur den „Edlen“ vorbehalten war. Vielleicht der richtige Moment, um entspannt auf www.turismotorino.org zu gucken. Zu entscheiden, ob das heilige Grabtuch von Turin, das klassische Ägyptische Museum oder das Fussball Juventus-Museum spontan das Richtige wäre. Falls Regentropfen fallen sollten, keine Sorge, die Mole Antonelliana – das Filmmuseum hat nicht nur eine 167m hohe Aussichtsplattform, es ist dafür gemacht einen ganzen Tag interaktiv die Filmwelt zu erleben.

Text: Veronika Zickendraht

 

Lieber Alfa Romeo, statt Fiat? Dann ist dieser Italientext der Richtige für Sie

Italien: Targa Florio – Volksfest mit Motorengebrüll

Trüffel aus dem Piemont gibt es hier:

Italien: Trüffel – das weiße Gold des Piemonts

 

Färöer: Bizarre Felsen, bunte Häuser und jede Menge Schafe

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Grün und fast menschenleer – Die Inselgruppe der Färöer begeistert vor allem Naturliebhaber

Den ganzen Sommer über liegt Musik in der Luft: in der Hauptstadt Tórshavn ebenso wie in den verstreuten Dörfern oder in den von Wind und Wellen ausgewaschen Meeresgrotten. Grün und schroff liegen die Inseln mitten im Atlantik, ein Paradies für Schafe und Seevögel. Wer sich auf die traditionelle Küche der Färinger einlässt, wird mit intensiven Geschmackserlebnissen belohnt.

Färöer-Inseln, alle Dörfer liegen an der Küste

Alle Dörfer sind bunt und liegen an der Küste

In gemächlichem Tempo tuckert die „Norðlýsið“ aus dem Hafen. Heute herrscht Flaute, deshalb musste Kapitän Birgir Enni den Schiffsdiesel des historischen Schoners anwerfen, die Segel bleiben eingerollt. Die „Norðlýsið“ ist eine betagte Schönheit, 1945 in Tórshavn gebaut, ging sie lange auf Heringsfang, seit einigen Jahren schippert sie Touristen durch die Gewässer der Färöer-Inseln. An Backbord zieht die Halbinsel Tinganes vorbei, in den roten Holzhäusern mit Grassodendächern, die wie ein perfekt saniertes Freilichtmuseum wirken, residiert das Färöische Parlament Løgting. Im Sommer wirkt das Regierungsviertel der kleinen Inselnation verlassen, doch nach der Sommerpause nimmt eine der ältesten Volksvertretungen Europas mit einem großen Festakt wieder die Arbeit auf.

Färöer-Inseln, Ausbooten zum Höhlenkonzert auf der Insel Hestur

Färöer-Inseln, Ausbooten zum Höhlenkonzert auf der Insel Hestur

Birgir Enni, ein Seebär wie aus dem Bilderbuch, steuert den Gaffelschoner „Norðlýsið“ von Tórshavn um die Südspitze der Hauptinsel Stremoy und nimmt dann Kurs Nord auf die kleine Insel Hestur. Ziel ist eine der größten Höhlen an der Küste. Hier lässt Birger ausbooten, das letzte Stück bis zum haushohen Höhleneingang wird in Zodiacs zurückgelegt. Kaum ist das letzte Schlauchboot in der Höhle, beginnt das „Concerto Grotto“. Heute verzückt Heðin Ziska Davidsen mit seiner elektrischen Gitarre die Zuhörer. Nur ein schwacher Lichtschein fällt durch den fernen Höhleneingang, ansonsten ist es stockfinster. Die Höhlenwände sorgen für eine einmalige Akustik, untermalt wird das Gitarrenkonzert vom leisen Rauschen der Brandung, Musik und Meer verschmelzen so zu einem fast mystischen Klangerlebnis. Die Höhlenkonzerte sind Teil des alljährlichen Musikfestivals Summartónar, das nicht nur die Nächte in der Hauptstadt in einen Festivalrausch versetzt, auch in vielen kleinen Orten auf den Inseln stehen Folk, Jazz und Blues auf dem Programm.

Färöer-Inseln, Höhlenkonzert mit dem Gitarristen Heðin Ziska Davidsen

Höhlenkonzert mit dem Gitarristen Heðin Ziska Davidsen

Die Inselgruppe der Färöer liegt mitten im Atlantik zwischen Großbritannien, Norwegen und Island, die 18 Inseln gehören zwar zu Dänemark, besitzen aber eine gewisse Autonomie. Stolz sind die rund 50.000 Färinger auf ihre Inselwelt, als Dänen sehen sie sich nicht, eher als eigenständiges Volk, das direkt von den Wikingern abstammt und seine eigene Sprache spricht.

Die meisten Inseln erheben sich als schroffe, bizarre Felsen aus dem Meer. Oft sind sie in Nebel gehüllt, denn die Inselgruppe bekommt so gut wie jedes atlantische Tiefdruckgebiet ab. Doch wenn die Sonne durchbricht, leuchten die Färöer sattgrün unter einem stahlblauen Himmel – bis zum nächsten Regenschauer. Von den Berghängen plätschert das Wasser, im Laufe der Zeit hat es sich tiefe Rinnen gegraben. Fjorde und Schluchten reichen weit ins Landesinnere, die Küsten sind reich an Höhlen und Grotten. Schwindelerregend steil fallen die meisten Felswände zum Meer ab, auf winzigen Felsvorsprüngen brüten im Sommer Millionen von Seevögeln und veranstalten ein Höllenspektakel. Durch diese archaische Landschaft streifen einige Zehntausend Schafe, sie halten das saftige Gras kurz, sorgen aber auch dafür, dass auf den Inseln kein Baum wächst. An einigen Stellen werden Kartoffeln und Gerste angepflanzt, auf kleinen Feldern auch mal Rhabarber und Kohlrabi oder Mairübchen, die allerdings in dem feucht-kühlen Klima erst Anfang August geerntet werden können.

Färöer-Inseln, es gibt mehr Schafe als Menschen

Auf den Inseln gibt es mehr Schafe als Menschen

Kein Punkt auf den Inseln liegt weiter als fünf Kilometer vom Meer entfernt. Winzige Dörfer, die sich alle „bygd“ nennen liegen direkt an der Küste, die Häuser drängen sich in einer Bucht dicht aneinander, so, als ob sie Schutz vor Wind und Wetter suchen. Fast überall sieht man noch die alten Holzhäuser, mal kunterbunt, dann wieder schwarz geteert mit weißen Sprossenfenstern, auf dem Dach wächst Gras.

Jahrhunderte lang hat die Natur den Speiseplan diktiert, wobei Fisch und Lammfleisch die wichtigsten Energiequellen waren. Heute wird zwar fast alles aus Dänemark importiert, doch die alten Essgewohnheiten werden vielerorts noch gepflegt. Eine fermentierte und luftgetrocknete Schafskeule gilt immer noch als Delikatesse, auch wenn der ziemlich strenge Geruch so manchen Besucher abschreckt. Das Restaurant „Ræst“ in einem der schönsten und ältesten Gebäude von Tórshavn hat sich auf traditionelles Essen spezialisiert. Küchenchef Kári zaubert aus fermentiertem Lammfleisch, getrocknetem Fisch und Walblubber ein bemerkenswertes Siebengängemenü, das Nase und Gaumen lange in Erinnerung bleibt.

Färöer-Inseln, getrockneter Fisch gehört zu den traditionellen Speisen

Getrockneter Fisch gehört zu den traditionellen Speisen

Text und Fotos: Christian Nowak

Kroatien: Istriens Top 10 Sehenswürdigkeiten

Diese zehn Sehenswürdigkeiten sollten Sie in Istrien gesehen haben.

Weitere Informationen über Istrien auf
www.istrien7.com

 

Hier finden Sie weitere Top 10 Sehenswürdigkeiten

 

Schweden: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Stockholm

Dänemark: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Kopenhagen

Italien: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Rom

Frankreich: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Paris

Deutschland: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Berlin

Italien: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Venedig

 

Deutschland: Katalog – Reiseziele für Menschen mit Körperbehinderung

k1024_titelbildUrlaub mit dem Rollstuhl – kein Problem: neue und bewährte Reiseziele für Menschen mit Körperbehinderung stellt der  Bundesverbandes  Selbsthilfe Körperbehinderter in seinem kostenlosen Katalog „BSK-Urlaubsziele 2017“ vor. In diesem Katalog werden betreute Gruppenreisen sowie eine große Auswahl an Individualreisen in Deutschland, Europa und Übersee angeboten.
Der aktuelle Katalog kann gegen Zusendung eines adressierten und mit € 1,45 frankierten DIN A4-Rückumschlag angefordert werden beim: BSK e.V., Reiseservice, Altkrautheimer Straße 20, 74238 Krautheim . Weitere Infos auch unter www.reisen-ohne-barrieren.eu oder telefonisch: 06294 428150.

Viele weitere Informationen zum Thema finden Sie in unserer Rubrik Barrierefrei Reisen