Belgien: Die Mondlöscher von Mechelen

K800_Mechelen (7)Wer noch nie ein Gemälde von Peter Paul Rubens oder van Dyck im Original gesehen hat, der sollte sich auf den Weg nach Mechelen machen. Die kleine Stadt steckt voller Kunstwunder und Überraschungen.

Ganz genau weiß heute keiner mehr zu sagen, was damals wirklich geschah. Tatsache ist, dass Michail van Beethoven, 1684 in Mechelen geboren und reich geworden durch den Handel mit Mechelener Spitze, 1741 seine Heimatstadt verlassen musste, da er sich verspekuliert hatte, ruiniert war und seine Steuern nicht mehr zahlen konnte. In einer Nacht- und Nebelaktion floh der Urgroßvater des Komponisten mit seiner Familie nach Bonn und hinterließ ein ziemliches Loch in der Stadtkasse von Mechelen. Einer Steuersünde also verdanken wir, dass Ludwig van Beethoven in Bonn und nicht in Mechelen geboren wurde. Jahrzehntelang schien dieser Umstand den Stadtvätern nicht der Rede wert, heute aber ist man stolz darauf, dass die Vorfahren Beethovens aus Mechelen stammen. Eine Brücke über den Fluss Dijle trägt seinen Namen, es gibt eine Beethovenstraße und am Haverwerf, dem einstigen Binnenhafen der Stadt, ist ihm ein etwas sonderbares Denkmal gewidmet.

K800_Mechelen (10)Leichter Wind bewegt die Bäume, es ist ein schöner Frühlingstag. In den engen, verwinkelten Gassen hat die Zeit alles Nötige getan, um gerade Linien und rechte Winkel außer Kraft zu setzen. Mechelen, die kleine Stadt in Flandern (82 325 Ew.), ist voller Anmut. Vieles erinnert an die Gemälde alter flämischer Meister. Allein im Stadtzentrum gibt es acht prall mit Kunst gefüllte Kirchen. In der St. Rombouts-Kathedrale ist die „Kreuzigung Christi“ (1630) von Anthonis van Dyck zu bewundern, in der St. Jans-Kirche hängt ein „Triptychon“ (1617) von Peter Paul Rubens. Bilder, die in Deutschland längst in die Museen gewandert wären. Hier kann man sie am dem Ort bewundern, für den sie ursprünglich geschaffen wurden. Das macht sie noch ehrlicher und lebendiger. Auch an den drei wunderschönen Häusern, die unweit des Beethoven-Denkmals stehen, kann man nicht vorbeigehen. Das in Backstein erbaute barocke Haus St. Josef (1669) zeigt als farbigen Stuck den Hausherrn mit dem kleinen Jesus auf dem Arm. Das Haus daneben mit der hölzernen Fassade heißt „Das Teufelchen“ (um 1550) und den Abschluss bildet das farbenprächtige „Paradies“ (um 1530).

K800_Mechelen (30)Der Grote Markt ist das Zentrum der Stadt. An den Wochenenden ist der Platz schwarz vor Menschen und Buden, die Bauern der Umgebung bieten ihre Waren feil. Es geht zu wie an der Börse, lauthals wird gehandelt, gestritten, diskutiert, gelacht, Birnen und Äpfel wechseln den Besitzer, Kartoffeln und Porree, Mechelen ist das Gemüse- und Obstanbauzentrum Belgiens. Inmitten des hektischen Treibens steht eine Frau auf dem Sockel ihres Denkmals, und schaut dem Ganzen mit versteinerter Miene zu, Margarethe von Österreich, von 1507 bis 1530 Statthalterin der Burgundischen Niederlande, eines Staates, der lange vergessen ist. Die Fürstin machte Mechelen zu ihrer Hauptstadt. Berühmte Gelehrte und Künstler wie Erasmus von Rotterdam oder Albrecht Dürer verkehrten an ihrem Hof. Trotz Reichtum und Macht hatte Margarethe ein trauriges Leben. 24 Jahre war sie alt, als Philibert von Savoyen, ihr ach so geliebter Ehemann, tödlich verunglückte. Bis an ihr Lebensende trug sie die Witwentracht. Eine rote Rose liegt zu Füßen ihres Denkmals. Im Spiel von Licht und Schatten sieht es für einen Moment so aus, als würde sie lächeln.

K800_Mechelen (20)Dominiert wird der Grote Markt von der mächtigen Sankt Rombouts-Kathedrale. Ihr Turm, ein Riesending, sollte einmal mit 167 m der höchste Turm der Welt werden. Man wollte Gott so nah wie nur möglich sein. Chronische Geldnot, Pest und Cholera behinderten das fromme Werk. Nach beinahe 200 Jahren (1452-1529) hatte man 97,28 Meter geschafft. Irgendjemand fand, dies sei nun hoch genug, also stellte man den Bau für immer ein. Man hatte nicht einmal mehr Geld und Kraft, dem Turm eine Mütze aufzusetzen. Doch auch „der Unvollendete“ hat es zur Aufnahme in die Weltkulturerbeliste der UNESCO gebracht. Und zum Wahrzeichen Mechelens. Schuld daran ist u. a. ein Vorfall, der sich (angeblich) am 27. Januar 1687 zutrug. An diesem eiskalten, nebligen Tag verließ gegen Mitternacht ein Betrunkener die Kneipe, um nach Hause zu stolpern. Plötzlich guckte er auf, und schrie: „Der Turm brennt!“ Tatsächlich war der Rombouts-Turm in rotes Licht getaucht und qualmte. Sofort organisierte er eine Menschenkette. Eimer gingen von Hand zu Hand. Als man endlich die 514 Stufen geschafft hatte, stellte man fest, dass es überhaupt kein Feuer gab. Nebel und Mond hatten ihnen etwas vorgegaukelt. Zu allem Unglück verbreitete sich die „Heldentat“ in Windeseile. Seither haben die Bürger von Mechelen den Spitznamen „Maneblusser“ weg, die Mondlöscher.

K800_Mechelen (36)Ein paar Meter nur vom Grote Markt entfernt, die Altstadt von Mechelen ist winzig, liegt der Kleine und der Große Beginenhof. Häuschen aus roten, efeuberankten Ziegeln, weiß gefugt, davor Hausgärten mit Geranien, Malven und Rosen, ein seltsamer Zauber geht von diesen verschwiegenen Städtchen in der Stadt aus, die zurzeit der Kreuzzüge (13. Jh.) entstanden. Sie brachten zahllosen Männern den Tod. Was sollte nur aus den Witwen werden, aus den jungen, sehnsuchtsvollen Frauen? Alleine konnten sie ihr Leben nicht fristen, das ging damals nicht. Also taten sie sich zusammen, und gründeten eine wohltätige Schwesternschaft. Ohne klösterliches Gelübde und Ordensbindung. Sie versorgten sich selbst, pflegten Kranke, und übten tätige Nächstenliebe. In 13 Städten Flandern gibt es die Beginenhöfe, einige von ihnen werden mittlerweile als Altenheime genutzt, anderen sind Wohnungen oder Studentenheime. Auch ihre Aufgabe hat sich verändert, sie besteht heute darin, Touristenattraktion zu sein.

Text und Bild. Bernd Siegmund