Schweiz: Die Schatzalp, Thomas Mann’s Zauberberg

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Die Fahrt mit der Zahnradbahn, von der unterirdischen in die oberirdische, 1900 Meter hohe Graubündner Bergwelt, begann unerwartet gastfreundlich. Breit lächelnd sah mich der Mann im Kassenhäuschen an und fragte in typisch kehligem Schwyzerdütsch: „Warum wollen Sie bei mir bezahlen? Moment mal, erst einmal suche ich Sie auf der Gästeliste.“
Und Schwups, ohne weitere Worte, drehte sich die elektronische Schranke auf. Die Fahrt war kostenlos. Nach knappen sechs Minuten erreichte ich die Bergstation, und die Kabinentür zog sich wiederum wie durch Geisterhand beiseite. Dann Hopps, sechs Stufen, links durch die Schwingtür, und zehn Sekunden später tat sich ein atemberaubendes, zauberweißes Bergpanorama vor mir auf. Eine gigantische Bühnenkulisse.

Bild 2Das Einsinken im Neuschnee verlangsamte meinen Schritt, als wäre ich bereits Sanatoriums-Patient. Die abrupte Umstellung auf die dünne Höhenluft fühlte sich an wie Schwindel, wie auf Watte -Wolken wandern.
Vor hundert Jahren pries man die würzige Höhenluft der Schatzalp wie anderswo die Heilquellen. Wieder beschwerdefrei frei atmen zu können war für Tuberkulose-Patienten ein Zeichen von Freiheit und Genesung.
Bis zu Thomas Mann’s luxuriöser Sanatorienwelt war es ein Katzensprung. Keine hundert Meter. Über einen Wandelgang. Hier mussten täglich hüstelnde Kranke, zum Beispiel das von Thomas Mann so makaber beschriebene Grüppchen “Halbe Lunge“, auf und ab getappt sein.
Durch die bogenförmige Glastür warf ich einen Blick in die prachtvolle Jugendstil-Lobby. Auf der marmornen Theke, da wo einst illustre bourgeoise Patienten ihren Pass vorlegten oder ihre Rechnungen mit Geldbündeln beglichen, lag tatsächlich, behaglich ausgestreckt, ein echter schwarze Kater. Er schnurrte, als hätte man ihn mit der Gästebegrüßung beauftragt. Als ich durch die weiteren Glastüren rechts und links in die weißen Salons spähte, dachte ich unwillkürlich: Kein Wunder, das Thomas Mann tausend Romanseiten brauchte, um dieses mystische Berg-Jugendstil-Milieu so ausschweifend zu huldigen.

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Die Kategorisierung in Sterneklassen, ließ man mich wissen, würde das Gros der feinsinnigen Gäste als schnöde Normierung empfinden. Auf Perfektion pocht man nicht. Jede Restaurationsarbeit wird mit Bedacht überlegt, um den morbiden Charme nicht zu unterwandern.
Die Gästezimmer sind schlicht. Wie einst die Krankenzimmer. Die Messinglampen, die bollrigen Heizkörper und die eingebauten Kleiderschränke hat man im Original erhalten. Nur Bäder wurden im Zuge der Modernisierung in die Räume gezwängt. Ein kleines hölzernes Radio am Nachtkästchen ist für die Unterhaltung gedacht. Ein Flachbildschirm im Zimmer würde das Ambiente verfälschen.
Die Loggia mit Panorama-Bergblick ist der Schatz der spartanischen Zelle. Sechs Stunden am Tag, so lautete die Verordnung, hatte jeder Patient die Liegekur einzuhalten. Bei Wind und Wetter lag man eingehüllt in braune Kamelhaardecken, und sog die Luft wie Medizin ein.

Bild 4 Beim Bau von 1898 bis 1900, errichtete man hundert Meter oberhalb des Sanatoriums ein eigenes Kraftwerk. Jedes Zimmer verfügte vom ersten Tag an über elektrisches Licht. Vom Keller bis zum Dachboden wurde zentralgeheizt. Telefone installierte man auf allen Fluren.
Kaiser Wilhelm ließ sich in prophylaktischer Weitsicht, sollte er einmal Tuberkulose bekommen, eine noble Suite reservieren. Er kam nie nach Davos, aber man bezahlte über Jahrzehnte. In diesen Räumen ist heute noch das  damalige Mobiliar unberührt erhalten.
Die einstige Pracht ist in den Raucher-, Schach- und Musiksalons zu bewundern. Die meterhohen Jugendstilfenster, volle bunter Ranken und Blumen, sind im Original erhalten. Auf einige malte man Wolkengardinen, weil plüschig Textiles aus Hygienegründen nicht erlaubt war. Die Ölgemälde mit ihren romantischen Motiven sollten beruhigend auf die Psyche der Patienten einwirken.

 

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Nur die kuschlig weißen Sofas sind neu. Ab 16.00 Uhr knistert das Kaminfeuer, und am Flügel klimpert eine bezaubernde rumänische Pianistin – mit und ohne Gäste – entspannt vor sich hin. Wer in der verträumt himmlischen Atmosphäre nüchterne Nachrichte aus der „Welt von unten“ möchte, kann sie im ehemaligen Röntgenzimmer auf einer Riesenleinwand sehen.

Wo denn tatsächlich der original Schauplatz für den Zauberberg war, hat Thomas Mann in weiser Voraussicht verschlüsselt. Das Luxussanatorium Schatzalp hat er als einzigen Handlungsort im Roman beim richtigen Namen genannt. Im „Berghof“, dem heutigem „Waldhotel“, litt und lebte nachweislich sein Protagonist Hans Castorp. Das Haus wurde 1911 als „Wald- Sanatorium Professor Jessen“ eröffnet.

Katja Mann begann hier am 22. März 1912 ihre sechsmonatige Kur auf Grund einer Lungenschwäche. Der Professor vermutete bei Thomas Mann während seines Davos Aufenthalts auch eine Tuberkulose. In seinen Aufzeichnungen steht: „Ich befand mich etwa zehn Tage dort oben, als ich mir bei feuchtem und kaltem Wetter auf dem Balkon einen lästigen Katarrh der oberen Luftwege zuzog.“ Na, was lag näher, als den Literaten umgehend als Patienten zu integrieren. Der Literat aber wehrte sich vehement. Sein Ansinnen war einzig und allein, das Milieu zu studieren, und die detaillierten Schilderungen seiner Frau noch illustrer zu Papier zu bringen.

Er schrieb: „Diese Krankenwelt dort oben ist von einer Geschlossenheit und einer einspinnenden Kraft, die Sie ein wenig gespürt haben werden, indem Sie meinen Roman lasen. Es ist eine Art von Lebens-Ersatz, der den jungen Menschen in relativ kurzer Zeit dem wirklichen, aktiven Leben vollkommen entfremdet. Luxuriös ist oder war alles dort oben, auch der Begriff der Zeit. Bei dieser Art von Kuren handelt es sich stets um viele Monate, die sich oft zu Jahren summieren.

Seine Anmerkung, wonach man im Winter die Leichen gefroren über die Bobbahn zu Tal schlitterte, sorgte in ganz Davon für Entrüstung. Dass es mit zur Kur gehörte, so eine Art Seelenklempner wie Dr. Korokowski zu konsolidieren, wollte man verschwiegen wissen. Fünfmaliges Fiebermessung als Lebensinhalt zu reduzieren, das ging zu weit. Die literarische Verarbeitung der amourösen Patienten-Episödchen fanden Sanatoriumsbetreiber ebenso geschmacklos. Bis sie merkten, dass der 1924 erschiene Roman „Der Zauberberg“ zum Muss der Gesellschaftsliteratur avancierte, Davos zum magnetischen Anziehungspunkt aufstieg.

Von 1950 bis 1954 ging es mit der Sanatoriumskultur steiler abwärts als auf der Bobbahn.

Die Erfindung des Penicillins brachte raschere Heilerfolge. Das Höhenklima war nicht mehr von Nöten und keiner wollte sich stundenlangen Liegekuren mit ungewissem Ausgang unterziehen. Mit der Erfindung von Antibiotika wurden die Sanatorien zu einem Schwanengesang einer Epoche, die sich überlebt hatte.

 

Text: Veronika Zickendraht

Fotos: Hotel Schatzalp

Schweiz: Die stärksten Männer kommen aus Engelberg

Die stärksten Seilzieher kommen aus Engelberg -Titis  Bildnachweis: Engelberg-Titlis

Die stärksten Seilzieher kommen aus Engelberg -Titis Bildnachweis: Engelberg-Titlis

Die stärksten Seilzieher der Welt kommen aus Engelberg in der Zentralschweiz. Auch in Deutschland wird Tauziehen, das von 1900 bis 1920 sogar olympische Disziplin war, in verschiedenen Gewichtsklassen betrieben. Doch in der Liste der seit 1975 ausgetragenen Weltmeisterschaften liegt die Schweiz klar vorne – im Land selbst haben die Burschen vom Engelberger Seilziehclub schon 35 Schweizermeistertitel geholt. Derzeit trainieren sie für die kommende Saison, die Ende April beginnt. Das öffentliche Heimturnier findet vom 17. bis 19. Juli 2015 im Sporting Park Engelberg statt. Als erster Seilziehclub der Schweiz kann die Mannschaft auf eine lange Tradition zurückblicken, dabei begann alles mit einer gemeinen List …

Das Seil am Weidepflock

Herbst 1970. Die Engelberger messen sich auf heimischem Grund mit den Seilziehern aus Beckenried vom Vierwaldstättersee. Davor hatten die Burschen vom Klosterdorf dort beim Feuerwehrball haushoch verloren und wollen nun die Revanche unbedingt gewinnen. Je acht Mann auf beiden Seiten stemmen sich fest in die Erde und versuchen, das 32 Meter lange Seil über die Mittellinie zu ziehen. Vier Meter müssen sie insgesamt schaffen, doch die Markierung rückt kaum einen Zentimeter näher. Schon ewig scheint der Kampf zu dauern, die Kräfte schwinden. Als es allmählich dunkel wird, greifen die Engelberger zu einer List: Der erschöpfte Ankermann, der sich als Letzter des Teams das Seil normalerweise um den Körper legt, entdeckt hinter sich einen Weidepflock – und schlingt das Seilende darum. „Niemand hat’s bemerkt“, erinnert sich Hans Bünter, „die Beckenrieder zogen und zogen, konnten aber nichts mehr ausrichten.“ Am Tag danach gründet er mit seinem Team den SZC Engelberg, den ersten Seilziehclub der Schweiz.
Bünter, inzwischen über 70 Jahre alt und viele Jahre Geschäftsführer der Brunni-Bahnen Engelberg, war damals Skilehrer. Als Trainer der Mannschaft beschäftigte er sich aber zunehmend mit dem Seilziehen und 1974 trug das eigene Dorf sogar die Europameisterschaft aus. Schnell breiteten sich landesweit weitere Seilziehclubs aus, Bünter wurde Bundestrainer und sollte dies rund 20 Jahre lang bleiben. Seinem Team, das im Winter bei den Bergbahnen und im Sommer als Bauern arbeitete, stand damit plötzlich die weite Welt offen: Europa- und Weltmeisterschaften, Einladungen nach Israel, Südafrika oder in die Türkei. Das ist bis heute so.

Europameisterschaft in Belfast
Die diesjährigen Europameisterschaften 2015 finden Anfang September in Belfast statt. Doch dafür müssen sich auch die erfolgsverwöhnten Engelberger erst qualifizieren – entsprechend hart ist das Training: Bereits seit Dezember stählen die kräftigen, hochgewachsenen Burschen des SZC Engelberg ihre Muskeln. Beim Zirkeltraining in der Turnhalle vor den Toren des Benediktinerklosters stemmen sie Gewichte oder reihen zahllose Klimmzüge aneinander. Beim abschließenden Hockeyspiel geht’s recht derb zu, so dass Verletzungen schon mal vorkommen können.
Am Seil trainieren sie derzeit auf der Sandbahn in einer Halle: mit Baumharz an den Händen, stahlbesetzten Stiefeln und einem Bauchgurt. Denn beim Startkommando „Pull“ muss die Wirbelsäule einer enormen Belastung standhalten, wie bei einem Gewichtheber. Wenn Ende April die Meisterschaftsturniere beginnen, zählen aber nicht nur Kraft, Ausdauer und mentale Stärke sondern auch der Blick auf die Waage: In diesem Jahr tritt das Team in der Kategorie 640 Kilo, der sogenannten Königsklasse, an. Liegt das Mannschaftsgewicht nur ein Kilo darüber, werden alle acht Athleten disqualifiziert. Da hilft nur noch schnelles „Abschwitzen“ bis zum Nachwiegen.

„Gwunnä hemmr!“
Club-Mitgründer Hans Bünter feuert beim öffentlichen Heimspiel vom 17. bis 19. Juli 2015 im Sporting Park Engelberg auf jeden Fall „sein“ Team mit den grün-weißen Trikots und den kurzen schwarzen Hosen an. Einziger Haken: Es wird bei Tageslicht gezogen – keine Chance also für den Trick mit dem Weidepflock. Mit den Beckenriedern haben sich die Engelberger übrigens noch einmal gemessen – und gewonnen, diesmal ganz ohne List. Und dann erklang wieder ihr inzwischen gewohntes: „Gwunnä hemmr!“

Liechtenstein: Unbekanntes Weinland

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Weinland Liechtenstein? Das überrascht. Doch wer sich ein wenig Zeit nimmt, wird sich über die Vielfalt der Weinkultur in Liechtenstein wundern. 99 Winzer und die Hofkellerei des Fürsten von Liechtenstein pflegen über 20 verschiedene Rebsorten. Im klimatisch begünstigten Rheintal lässt der Föhn ausgezeichnete Weine reifen. Der Blauburgunder und der Müller-Thurgau bilden landesweit die Hauptsorten. Zusammen machen sie rund 75 Prozent der Erntemenge aus. Zweigelt und Blaufränkisch neben Regent, Maréchal Foch und Léon Millot sind weitere wichtige rote Rebsorten. Chardonnay, Sauvignon Blanc und Weiss- und Grauburgunder bringen ausgezeichnete sortentypische Weine hervor. Mit nur 26 Hektar Anbaugebiet ist die Menge an liechtensteinischen Weinen begrenzt. Weniger als ein Prozent wird exportiert.
Von den zahlreichen Winzern sind nur vier Berufswinzer. Erste Anlaufstelle für Weinkenner ist die Fürstliche Hofkellerei in Vaduz, wo man in der Vinothek die Eigenbauweine aus den fürstlichen Weinbergen verkosten und erwerben kann. Degustationen und individuelle Eigenkreationen bieten auch die Weingüter Castellum und Hoop in Eschen sowie Harry Zechs Weinbau Cantina in Schaanwald an.

Liechtensteiner Winzerfeste

Um auch in den Genuss der Weine der vielen Winzer, die im Nebenerwerb kleine Flächen bewirtschaften und ihre eigenen Weine keltern, lohnt sich ein Besuch der zahlreichen Winzerfeste im Herbst. Beispielsweise beim Weinfest der Winzergenossenschaft Triesen bei der historischen Kapelle St. Mamerta, am Unterländer Winzerfest mit der Krönung der Weinkönigin oder beim traditionellen Liechtensteiner Winzerfest im Vaduzer Städtle. Hier kann die ganze Vielfalt des Weinbaus in Liechtenstein verkosten. Ein wahrlich fürstlicher Genuss.

 

Schweiz: Hermann Hesse am Luganer See

Lugano

Spaziergänge auf den Spuren Hesses

Lugano: Zwischen Schnee bedeckten Gipfeln und üppig sprießenden Palmen im südlichen Tessin

Gegensätze ziehen sich an am Luganer See: Die üppig sprießenden Palmen und die schneebedeckten Berge, uralte Kirchlein und modernste Architektur, Dolce Vita und Extremsport. Das Tessin, die südlichste Region der Schweiz, ergänzt sich durch die Nähe zu Italien zu einer harmonischen Symbiose, die den Gast schnell gefangen nimmt und ihn nicht wieder loslässt.

Dieser Faszination ist bereits Hermann Hesse Anfang der 20. Jahrhunderts erlegen. Als „heruntergekommener Literat auf der Suche nach einer Bleibe“ kam der Deutsche 1919 nach Lugano und dessen Nachbarort Montagnola. Das kleine Örtchen bot ihm Inspiration für meisterliche Werke wie „Siddharta“, „Klingspors letzter Sommer“ oder auch „Steppenwolf“. Aber auch das nötige Maß an Ruhe und Erholung in der Natur. Weit konnte Hesse seinen Blick auf den Luganer See und die beiden Berge, den Monte San Salvatore und den Monte Brè schweifen lassen oder zu ausgedehnten Spaziergängen durch die Hügel rund um den See und die heutige Bankenmetropole in der Bucht wandern. Hesse in Lugano

Auf seinen Spuren sind zahlreiche Hesse-Fans Jahr für Jahr unterwegs. Und in diesem Jahr werden zu seinem 50. Todestag wohl noch mehr kommen. Sie pilgern nach Montagnola und ins Hesse-Museum, das unter der Leitung von Regina Bucher viel Wissenswertes über den Menschen, den Künstler und sein Werk zusammen getragen hat. Direkt neben der Casa Camuzzi, wo der Schriftsteller und Maler eine Bleibe fand, ist auf mehreren Stockwerken eine umfassende Schau mit Manuskripten und Briefen, Gemälden und seiner alten Schreibmaschine zu sehen. Und sie werden in Scharen an sein Grab auf dem kleinen Friedhof des Ortes pilgern. Per Audioguide mit Hesse im Ohr darf man sich aber auch zu „seinen“ Spaziergängen durch den Ort aufmachen, vorbei an Olivenbäumen, Zypressen und Maronenbäumen und mit seiner Faszination der Landschaft im Herzen.

Sicherlich hat bereits Hesse den faszinierenden Ausblick vom Monte Brè, den Hausberg der Luganesen genossen. Ob er auch des öfteren mit der Standseilbahn zum Gipfel auf 933 Metern Höhe gefahren ist? Seit 100 Jahren befördert die Bahn die Besucher nach oben, um von dort einen atemberaubenden Blick auf den Ceresio, das „Horn“ wie bereits die Etrusker den See bezeichneten, zu genießen. Und zum gegenüberliegenden Monte San Salvatore, den bereits seit 1890 eine Seilbahn für Ausflügler erschließt.

Ob Hesse bei seinen Besuchen in Lugano auch am traditionsreichen Grand Hotel Villa Castagnola, am Fuße des Monte Brè, vorbeigekommen ist? Das Haus, das 1880 von einer russischen Adelsfamilie als Winterresidenz erbaut worden war und schon wenige Jahre später als Hotel fungierte, bietet mit seinem fünf Sternen jeden nur erdenklichen Komfort. Und zudem noch von fast allen Zimmern aus einen herrlichen Blick auf den Luganer See und einen wunderbaren Park. Duftende Kamelien und das frische Gelb der Forsythien umgeben gerade im Frühling die hoch in den Himmel ragenden Palmen und die verschiedenen Kunstwerke im Park. Denn Familie Zorloni bietet Künstlern immer wieder die Gelegenheit, nicht nur im Freien, sondern bei wechselnden Ausstellungen auch im nahe gelegenen Restaurant „Arté“ ihre Werke bei kulinarischen Genüssen von Sternekoch Frank Oerthle zu präsentieren. Übrigens stammt er wie Hermann Hesse aus Calw im Schwarzwald.

Kunst trifft man in der Stadt am See auf vielfältige Weise. Und wer sich die Gassen der Altstadt oder den Park Giani, die grüne Lunge Luganos, nicht selbst erschließen möchte, hat mit Christa Branchi eine kompetente Führerin. Vorbei an moderner Architektur, vor allem aus der Feder des berühmten Mario Botta, geht es über den Markt- und Festivalplatz durch die Gässchen der Altstadt. Beim ehemaligen Nonnenkloster, das heute das Grand Café al Porto beherbergt, bekommt man Lust auf verführerische Schokoladenkreationen, wenige Meter weiter baumeln zahlreiche Riesensalami in der Eingangstür eines Geschäfts. Das Ziel ist aber die fast unscheinbare Kirche Santa Maria degli Angioli. Jede Kirche sei ein Schmuckkästchen, sagt Branchi. Aber dieses ist ein ganz besonderes: Der Lettner ist mit einem kompletten Kreuzigungsfresko von Bernardino Luini ausgemalt. Und ein „Abendmahl“-Fresko vervollständigt das Werk. Lugano

Das milde Klima am Luganer See hat schon vor Jahrzehnten wohlhabende Winterfrischler angelockt. Und in diesem Klima genießen nicht nur Tessiner und Touristen. „Die Region hat von allen Kontinenten Vegetation“, zählt Christa Branchi von der Bananenstaube bis zur Zaubernuss viele exotischen Pflanzen auf, die sich hier heimisch fühlen. Das Tessin ist aber schon immer eine arme Gegend gewesen, wo man aß, was die Natur einem bot. Diesem Grundsatz der regionalen, bodenständigen Küche haben sich auch viele der typischen Grotti verschrieben, wie das Grotto Morchino von Pier und Marion Olgiati in Pazzallo, hoch über Lugano. Selbst Hesse soll hier auf seinem Weg nach Carona gespeist haben. Nach einem kräftigen Risotto mit Zinkarlin-Käse aus dem Valle di Muggio und einer aromatischen Kastanienrolle darf man sich noch ein „Mez‘ e Mezzo“ gönnen. In einer Tessiner Tazzina, einer breiten Tasse, wird Rotwein mit Limo gemischt. So ist man gut gestärkt für eine Wanderung auf Hesses Spuren.

Diana Seufert

Weitere Informationen unter www.ticino.ch oder  www.villacastagnola.com

 

 

 

 

Schweiz: Auf Bärenpirsch in den Alpen

Im Schweizerischen Nationalpark sind wieder Luchse, Bartgeier und Braunbären heimisch – darunter Verwandte des berühmt-berüchtigten „Problem-Bären“ Bruno.

EmJay war unartig. Dieser Kerl hat keine Manieren! Vor allem, wenn ihm der Duft seiner Leibspeise in die Nase steigt: frischer Honig. Dann können auch verschlossene Fenster und Türen den Jungbären nicht zurückhalten. „Da möchte ich nicht dabei gewesen sein“, sagt der erzürnte Imker beim Anblick seines zerstörten Bienenhauses: die Scheiben zerbrochen, Holzbohlen zerfetzt, Türen aus den Angeln gerissen. Rund um den Schweizerischen Nationalpark im Engadin ist dieser Anblick keine Seltenheit mehr: Seit einigen Jahren ziehen wieder Braunbären durch den östlichsten Winkel des Landes. Sie stammen aus dem italienischen Trentino, wo die letzten Alpenbären überlebt haben – verstärkt durch ausgesetzte Tiere aus Slowenien, die den Bestand sichern sollen. Inzwischen wächst die Population und Jungtiere wandern ab, um sich ein eigenes Revier zu suchen.

Brotzeit mit Murmeltieren

„Dabei kommen bei manchen Urängste hoch“, sagt Nationalparkchef Prof. Dr. Heinrich Haller. „Die Leute fragen, warum wir jetzt wieder Bären brauchen, die wir doch eigentlich ausgerottet hatten.“ Im Jahr 1904 hatten Jäger den letzten Bären der Schweiz erlegt. Auch dieses Jahr erwarten die Ranger im Schweizerischen Nationalpark wieder pelzigen Besuch. Der 1914 gegründete, einzige Nationalpark der Schweiz ist ideal zur Tierbeobachtung: Rothirsche, Gämsen, Steinböcke, Adler und Murmeltiere lassen sich in der Hochgebirgsregion ungestört erleben. Mehrere Bartgeier-Paare brüten wieder rund um den Park. Seit einigen Jahren werden auch Luchse gesichtet, und im vorletzten Winter hinterließen Wölfe zum ersten Mal ihre Spuren. Sitz des Parks ist Zernez, auf den ersten Blick ein typisches Alpendorf, mit Bauernhöfen und weidenden Kühen, geraniengeschmückten Hotels und einer kleinen Kirche mit Spitzturm. Inmitten des Idylls fällt ein Fremdkörper ins Auge: zwei ineinander verschmolzene Würfel aus Beton, mit breiten, symmetrischen Fenstern und einem flachen Dach: das neue Besucherzentrum. Hier kann man sich einer geführten Wanderung anschließen oder ein Tagesprogramm maßschneidern lassen: Zum Frühstück einen Blick auf weidende Gämsen, zur Brotzeit eine Alm mit Murmeltieren, und später einen Bären.

Mutprobe Ameisenhaufen

„Gämsen und Murmeltiere sind kein Problem“, sagt Exkursionsleiter Peter Roth zu Beginn der Tour auf einem alten Saumpfad zur Alp Grimmels. „Einen Bären kann ich Ihnen aber nicht versprechen.“ Eigentlich könnte der ehemalige Parkranger seinen Ruhestand genießen. Stattdessen stapft Roth immer noch hin und wieder mit schmauchender Pfeife an der Seite von Besuchern durchs Gelände. Wo Städter zunächst nur Bäume und Berge sehen, entdeckt der Experte unzählige Spuren von Mensch und Tier: Er fokussiert sein Fernglas auf Schmelzöfen aus dem Mittelalter und Geschützstellungen des letzten Krieges, erklärt die wechselseitige Abhängigkeit zwischen dem Tannenhäher und den Zirbeln und pirscht vorsichtig an die scheuen Gämsen heran. Nach einer Weile können seine Zuhörer die Losung der Waldbewohner unterscheiden: Hell und rund? Ein Schneehase! Groß und dunkel? Ein Rothirsch! Klein und bröckelig? Eine Gams! Erst als es darum geht, die Hand in einen wuselnden Ameisenhaufen zu legen, um dann an der Ameisensäure zu schnuppern, geben einige auf.

Bruno und seine Familie

Roth war auch Zeuge, als 2005 der erste Braunbär auftauchte – mit Hunderten von Fans im Gefolge, die zum Public-Bären-Viewing anrückten. Sie tauften das Tier Lumpaz, Lausbub. Für die Wissenschafter war der Bär nur „JJ2“, englisch JayJay ausgesprochen. Die Initialen stehen für die Namen der Elterntiere Joze und Jurka. Doch Lumpaz verschwand noch im gleichen Jahr spurlos, vermutlich ein Opfer von Wilderern. Im folgenden Jahr nahm auch sein Bruder JayJay 1 ein unrühmliches Ende: Er ging als Problembär Bruno in die Geschichte ein – 2006 wurde er in Bayern erlegt. „Jurka hat Schuld“ hieß es danach: Die Bärenmutter war auf Nahrungssuche immer wieder in Ortschaften eingedrungen und hatte dieses Verhalten auch ihrem Nachwuchs beigebracht.

Die Alp Grimmels

Nach einer Stunde ist die Alp Grimmels erreicht. Schrill pfeifen die Murmeltiere zur Warnung und tauchen in ihre Höhlen ab. Die Wandergruppe lässt den Blick über das Postkarten-Panorama schweifen. „Die Entwicklung der Natur ohne menschliche Einflüsse nehmen wir hier besonders ernst“, sagt Roth. Für den Besucher bedeutet dies: keine Zelte, keine Hunde, keinen Lärm, kein Verlassen der Wege. Durch die strengen Regeln gibt es noch Täler, die seit Jahrzehnten von keinem Menschen betreten wurden. Nach dem Picknick folgt der Abstieg. Der letzte Winter sei besonders hart gewesen, erklärt Roth angesichts der verbliebenen Schneefelder am Wegesrand. Die aufmerksamen Blicke der Wanderer nach Bärenspuren bleiben heute jedoch vergeblich. „Das Engadin hat sich inzwischen gegen durchziehende Bären gewappnet“, sagt der Wanderführer: mit bärensicheren Mülleimern, besonders wehrhaften Hütehunden und Elektrozäunen für Bienenhäuser.

© Oliver Gerhard

Infos:

Anreise: Swiss Air fliegt von zahlreichen deutschen Städten nach Zürich (www.swiss.com). Weiter mit der Bahn nach Landquart. Von dort mit Rhätischer Bahn und Postauto bis nach Zernez. Die meisten Ausgangspunkte der Wanderungen sind mit dem Postbus erreichbar.

Hotels/Restaurants: Hotel Parc Naziunal, historischer Gasthof mitten im Nationalpark, Restaurant mit Wildgerichten und Bündner Küche, am Ofenpass, Zernez, Tel. 0041-81-856 12 26, www.ilfuorn.ch.

Hotel Bär & Post, familiäres Traditionshaus im Zentrum von Zernez, Restaurant mit internationaler und regionaler Küche, Tel. 0041-81-851 55 00, www.baer-post.ch.

Hotel Crusch Alba, frisch renovierte Zimmer in einem Haus aus dem 15. Jahrhundert, Restaurant mit Bündner Spezialitäten in historischen Räumen, Sta. Maria im Münstertal, Tel. 0041-81-858 51 06, www.hotel-cruschalba.ch.

Auskunft: Schweiz Tourismus, Rossmarkt 23, 60311 Frankfurt, Tel. 00800-100 200 30 (kostenlos), www.myswitzerland.com.

Schweiz: Silvesterchlausen

 

Nur im Appenzellerland wird der Beginn des neuen Jahres zwei Mal gefeiert – aus alter Tradition auch mit dem Silvesterchlausen

Um fünf Uhr in der Früh ist die Winternacht im Appenzellerland noch stockdunkel und klirrend kalt. Doch in einigen Wirtshäusern brennt schon Licht, denn hier machen sich die Silvesterchläuse fertig. Jede Gruppe besteht aus fünf bis acht Männern, die Einheimischen sagen dazu Schuppel. Die Männer schlüpfen in Frauenkleider mit weißen Spitzenschürzen oder in bunte Kniebundhosen aus Samt. Baumwollhauben werden gebunden, weiße Handschuhe angezogen, die lächelnde Larve mit der kleinen Blume im Mundwinkel gerichtet. Zum Schluss müssen noch die gewichtigen Kuhglocken, die Rollen und Schellen, geschultert und die riesigen Hüte aufgesetzt werden. Auf diesem Kopfschmuck – groß wie ein Wagenrad – ist ein ganzes bäuerliches Leben en miniature zu sehen. Kleine geschnitzte Figuren sind bei der täglichen Arbeit zu beobachten, manchmal tragen die Männer sogar ganze Almen auf dem Kopf. Der Vorrolli, der Anführer des Schuppel, trägt 13 Glocken vor Brust und Rücken und hat einen solch gewaltigen Kopfschmuck, das er nur noch im Entengang durch die Tür ins Freie kommt. Wenn dann endlich alles gerichtet ist, bricht die Truppe noch bei völliger Dunkelheit im Gänsemarsch auf und macht sich im Laufschritt auf den Weg zum ersten Bauernhof. Für die Chläuse wird es ein langer und anstrengender Tag, denn Masken und Glocken bringen es auf 30 Kilo und der Weg von Hof zu Hof, berauf, bergab durchs Tal und bis hinunter ins Dorf, ist weit.

Ein uralter Brauch

Hier in Urnäsch, einem kleinen Dorf mitten im schweizerischen Appenzellerland, am Fuße des Säntis, gehen die Uhren anders. Denn wenn überall woanders das neue Jahr schon fast zwei Wochen alt ist, wird hier noch einmal Silvester gefeiert und das obendrein noch mit einem einzigartigen Brauch, dem Silvesterchlausen. Die Wurzeln dieses Brauchtums kennt hier niemand mehr, vielleicht stammt es aus dem Mittelalter, vielleicht hat es aber auch einen heidnischen Ursprung. Die Kirche jedenfalls hat das Chlausen nie gerne gesehen. Früher lebten sie hier nach dem julianischen Kalender, doch als irgendwann der Papst, den sie als Protestanten sowieso nicht besonders mochten, den gregorianischen Kalender einführte und sich damit der Beginn des neuen Jahres verschob, feierten sie Silvester kurzerhand zwei Mal: Nach dem neuen Kalender am 31. Dezember, aber auch weiterhin nach dem alten am 13. Januar.

Gesang und Geläut

Auf jedem Hof werden die Chläuse freundlich empfangen, denn es ist eine besondere Ehre, ein Schuppel auf dem Hof zu Gast zu haben. Anfangs werden die Glocken und Schellen zum Klingen gebracht und dann stimmen sie ihr Zäuerli an, einen hohen Männergesang, der weit durchs Tal schallt und noch am ehesten einem Jodler ohne Worte ähnelt. Der Hausherr und seine Familie lauschen andächtig und ergriffen, auch die wenigen Zuschauer können sich der Faszination dieses eigenartigen Gesanges nicht entziehen. Drei Mal wiederholt sich das Schauspiel von Gesang und Geläut, dann wünschen die Chläuse allen mit kräftigem Händedruck ein gutes Neues Jahr. Zum Dank bekommen sie Glühwein, den sie mit einem Strohhalm durch die Maske trinken. Dezent nach Schweizerart wechselt bei dieser Gelegenheit ein Geldschein den Besitzer.

Schöne und wüste Chläuse

Gegen Mittag haben die Chläuse alle Einzelgehöfte besucht und nähern sich dem Dorf. Immer noch sieht man die einzelnen Gruppen von Haus zu Haus ziehen, mittlerweile aber unter den Augen vieler Zuschauer. Die feierliche Stimmung der dunklen, kalten Morgenstunden verwandelt sich immer mehr in ein Volksfest. Nun treffen auch die einzelnen Gruppen zusammen, die schönen Chläuse wetteifern mit den Schö-Wüschten und den Wüsten. Die wüsten Chläuse sind wahrscheinlich die ursprünglichsten und am spektakulärsten anzuschauen. Die Gesichter hinter Furcht einflößenden Masken verborgen, gleichen sie in ihren Umhängen aus Heu, Stroh, Reisig oder Ästen laufenden Bäumen und Büschen. Doch wenn sie ihre Glocken läuten und den melodischen Gesang anstimmen, geht von ihnen die gleiche Faszination aus. Die Schö-Wüschten schließlich sind eine Mischung aus den beiden anderen, bei ihren Kostümen sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Doch alle Kostüme bestehen aus Naturmaterialien, die Gesichter sind hinter Tannenzapfenmasken verborgen, die Umhänge bestehen aus Moos, Flechten oder Rinde. Am Nachmittag verlagert sich das Geschehen dann immer mehr in die Gasthäuser, wo die Schuppel mit den Gästen bis weit nach Mitternacht trinken und feiern und immer mal wieder ein Zäuerli zum Besten geben.

Christian Nowak

 

Schweiz: Beim Kaiser vom Bodensee

Thurgau Tourismus,  Ermatingen am Untersee

„Echt Schweiz – ganz ohne Berge“ ist das Motto des Kantons Thurgau am Ufer des Bodensees. In dieser uralten Kulturlandschaft haben seit Jahrhunderten Mönche ihre Klöster gebaut, Könige sich Residenzen und Künstler ihre Ateliers errichtet.

Die Landschaft ist licht und hübsch…Sie sollten einmal kommen“, schrieb Hermann Hesse, der viele Jahre in Gaienhofen auf der deutschen Seite am Untersee, dem westlichen Teil des Bodensees, lebte. Eine Empfehlung, die ebenso für den Kanton Thurgau gilt. Die liebliche Landschaft mit malerischen Dörfern und Schlössern, mit Obstplantagen und  Weinbergen hat einen eigenen Zauber.

Auf einer Landzunge gegenüber der Insel Reichenau liegt Ermatingen am Ufer des Untersee. Dass der beliebte Ferienort über Jahrhunderte ein Fischerdorf war, daran erinnern die sechzig Jahre alten und elf Meter langen Fischerkähne an der Uferpromenade. Heute fahren nur noch sieben Berufsfischer zum Netzfischen auf den See. Felchen, Egli oder Hecht und Seeforelle kann man dennoch in einem der zahlreichen Restaurants genießen – so im Fischerlokal „Seegarten“ oder dem mehr als 500 Jahre alten Hotel Adler. Ch. Seiffert, Hotel AdlerDas prachtvolle Fachwerkhaus mit einem bunten Freskenband, das1926 von einem spanischen Maler gemalt wurde, gilt als ältestes Restaurant der Schweiz. Im Gästebuch sind Namen vieler Prominenter zu finden – so Königin Hortense, die Schriftsteller Dumas und Hesse, Graf Zeppelin. Beim Bummel durch die schmalen Gassen bezaubern immer wieder die schönen Fachwerkhäuser, die Behäbigkeit oder Gemütlichkeit ausstrahlen. Manch idyllischer Winkel ist zu entdecken und über die kleinen Gärten am Ufer geht der Blick auf den See, auf dem unzählige weiße Segel in der Sonne blinken.

Bekannt geworden ist Ermatingen besonders durch den nahen Arenenberg, auf dem sich ein kleines Stück Weltgeschichte ereignete. Seit dem Mittelalter war der Arenenberg einer der begehrtesten Landsitze am Bodensee. Es war das Frühjahr 1816, als Königin Hortense de Beauharnais, Stieftochter und Schwägerin Napoleons I., nach ihrer Flucht aus Frankreich dieses bezaubernde Fleckchen Erde kennen lernte und beschloss, hier ihren kleinen Exil-Hofstaat zu errichten. Durch den Umbau der alten Schlossanlage entstand eine „Insel“ französischer Kultur am Bodensee. Nach dem Vorbild der berühmten Pariser Salons ihrer Mutter, der Kaiserin Josephine, gelang es ihr, auf dem Arenenberg ein internationales gesellschaftliches Leben im sonst so provinziellen Bodenseegebiet zu etablieren. Bedeutende Wissenschaftler, Politiker, Künstler wie List und Schriftsteller wie Chateaubriand, Duma und Delavigne waren hier zu Gast.

Thurgau Tourismus, Napoleonmuseum

 Rund um das Schloss ließ die botanisch interessierte Königin einen für damalige Verhältnisse spektakulären Park nach den wichtigsten Elementen zeitgenössischer Gartenbaukunst anlegen. Nach seinem Vorbild entstanden entlang des Bodensees bis nach Schaffhausen zahlreiche herrschaftliche Parkanlagen, die als „Cote Napoleon“, die napoleonische Küste bezeichnet wurden. In diesem Umfeld erlebte der junge Prinz Louis Napoleon und spätere Kaiser Napoleon III. einen Teil seiner Kindheit und Jugend. Später kehrte der letzte Monarch Frankreichs mit seiner Frau Eugenie hierher zurück, bevor er 1873 im Exil in England starb. Bis 1906 war der Arenenberg im Besitz der Bonapartes, dann schenkte Kaiserin Eugenie Schloss und Park dem Kanton Thurgau.

Als Napoleonmuseum lockt das schönste Schloss am Bodensee nun Besucher aus aller Welt an. Seinen französischen Charme hat das Ensemble bis heute bewahrt. Mehr als dreißig Räume können besichtigt werden. Und so flanieren die Gäste in Filzpantoffeln durch den Wintergarten und die Salons, das Boudoir und Schlafzimmer der Königin Hortense, bewundern die wertvollen Bücher in der Bibliothek und die mit edlem Porzellan gedeckte Tafel im Speisesaal, können am Schreibtisch des Kaisers Platz nehmen und vom prächtigen Salon der Kaiserin Eugenie die Aussicht auf den See genießen. Erst vor einigen Jahren entdeckt und frisch restauriert präsentiert sich das Kaiserbad im Prinzenflügel. Krönender Abschluss des Museumsbesuchs ist ein Spaziergang durch den Park mit seinen Fontänen, Grotten, dem Nymphäum und Wasserfällen. Immer wieder bezaubert der traumhafte Blick auf den See und die Insel Reichenau. Obwohl nur 12 Hektar groß, gehört der Park durch seine einzigartige Lage und Schönheit zu den bedeutenden europäischen Landschaftparks.

Christel Seiffert

 

Schweiz: Ladies Week in Engelberg

Skipass gratis

Egal ob mit der besten Freundin oder sogar dem Ehemann – in Engelberg befahren Frauen die Pisten des Schweizer Skidorados vom 18. bis 26. Januar 2014 gratis. So einfach geht’s: Weibliche Gäste, die ihre Unterkunft (Hotel oder Ferienwohnung) während der so genannten „Ladies Week“ für vier oder mehr Nächte in Engelberg buchen, bekommen einen Voucher zugesandt, mit dem sie ihren kostenlosen Skipass dann direkt im Tourist Center vor Ort abholen können und so mindestens 206 Schweizer Franken (166 Euro) sparen. Beim Ausleihen von Ski oder Snowboard erhält Frau ebenso einen Vorzugspreis und bezahlt anstatt dem Preis für vier Tage nur eine Gebühr für zwei Tage (analog dazu: fünf Tage mieten, drei bezahlen, sechs Tage mieten, vier bezahlen). Das macht eine weitere Ersparnis von 50 Schweizer Franken (40 Euro) pro Tag aus. Einzige Bedingung: Die Buchung muss für den oben genannten Zeitraum erfolgen und kann nur über Engelberg-Titlis Tourismus abgeschlossen werden.

Schweiz: Der Rheinfall von Schaffhausen

Micha L. Rieser

Zwei Perlen am Strom

Sie gehören zu den schönsten und besterhaltenen mittelalterlichen Städten im Land der Eidgenossen: das bezaubernde Schaffhausen und das märchenhafte Stein am Rhein

Da müssen wir rauf, sagt Patricia Seif und zeigt nach oben, wo die Turmspitze des Munot in den zartblauen Himmel ragt. Hoch über der Stadt gelegen, ist die Festung ist das Wahrzeichen Schaffhausens und ein beliebter Treffpunkt von Einheimischen und Touristen. Eine Autostraße und ein Treppengang führen nach oben. Wir gehen zu Fuß  treppauf und genießen immer wieder den Blick auf die Dächer der verwinkelten Altstadt . Ein Burggraben, auf dessen Rasen ein Rudel Hirsche weidet, umgibt den kreisrunden wuchtigen Bau. 25 Jahre habe es gedauert, bis die in Fronarbeit der Schaffhausener Bürger errichtete Festung 1589 fertig war, weiß unsere Stadtführerin zu berichten. Vom Innern der mächtigen Halle aus vier bis sechs Meter dicken Sandsteinquadern führt ein Wendelgang nach oben – keine Treppe, sondern ein breiter Weg, denn einst sollten Menschen und Güter durch Pferde auf die Zinne befördert werden.

Blick auf Schaffhausen  Foto: Christel Seiffert

 400 Jahre Tradition

Von jeher war der Turm bewohnt, und wenn der Munot-Wärter jeden Abend um neuen Uhr das „Glöggli“ schlug, war es das Zeichen, das die Stadttore geschlossen wurden. Mehr als vierhundert Jahre hat sich diese Tradition erhalten. Heute ist es Christian Beck, der genau um 21 Uhr fünf Minuten lang von Hand die Glocke schlägt. Mit seiner amerikanischen Frau und dem Pudel bewohne er die fünfeinhalb Zimmerwohnung im Turm, sagt Patricia. Von der Zinne bietet sich ein herrlicher Blick auf die Stadt, den Rhein und das Umland. Hier oben werde auch gern gefeiert – es gibt open-Air-Kino, Konzerte und Kinderfeste unter freiem Himmel. Ein besonderes Ereignis sei immer der Munotball in historischen Kostümen, schwärmt sie. Schon seit dem 19. Jahrhundert gibt es einen Munotverein, der sich um die Pflege und Erhaltung dieses Wahrzeichens kümmert. An seinen Gründer erinnert eine Gedenktafel auf der Zinne. Durch Weinberge führt eine schmale Treppe zur Unterstadt und zur Schifflände, an der Ausflugsdampfer für eine Rheinfahrt ankern. Dort ist der Güterhof ein neuer Treffpunkt der Schaffhausener. In einer ehemaligen Lagerhalle wurde vor fünf Jahren ein attraktives Restaurant mit offener Küche eröffnet. Von der großen Terrasse kann man wunderbar den Sonnenuntergang beobachten, weiß Frau Seif. Seit 2004 begleitet sie Gäste in deutsch, englisch, französisch und spanisch zu den Sehenswürdigkeiten Schaffhausens. Nach Jahren mit Mann und Kind im hektischen London genießt sie jetzt das Leben in der kleinen Stadt. Ganz bewusst hat sich die Familie das bezaubernde Schaffhausen als neue Heimat gewählt – hier sei es beschaulich, ländlich und der Weg zur Großstadt nicht weit. Patricias Mann arbeitet in Zürich und fährt täglich dorthin.

Stadt der 171 Erker

Einer der schönsten Erker  Foto: Christel SeiffertLebendiger Mittelpunkt Schaffhausens ist der blumen- und brunnengeschmückte Fronwagplatz. Im Mittelalter standen hier die Marktstände der Bauern, Bäcker und Metzger, im Fronwagturm mit der astronomischen Uhr befand sich die große Messwaage, mit der Güter gewogen wurden, die vom Schiff ausgeladen und unterhalb des Rheinfalls wieder aufgeladen werden mussten. Hier beginnt die autofreie Vordergasse, die nicht nur längste sondern auch schönste Straße der Altstadt. Mit ihren pastellfarbenen Häusern aus Spätgotik, Renaissance, Barock und Rokoko bezaubert sie jeden. Und es fällt schwer, den Blick von den prächtigen stuckverzierten Erkern zu lösen, die Ausdruck des Reichtums ihrer Hausbesitzer waren. Allein in der Vordergasse können 121 der insgesamt 171 Erker bewundert werden. Und die Plätze in den Erkern der Restaurants sind stets heiß begehrt, weiß die Stadtführerin.  „Die Lust zu sehen ohne gesehen zu werden treibt in dieser Stadt seltsame Blüten“, soll schon Goethe bei seiner Reise durch die Schweiz festgestellt haben. Jeden Sonnabendvormittag lockt der große Bauernmarkt Besucher aus der ganzen Umgebung in die Vordergasse. Dann flaniert man auch am prächtigsten Bürgerhaus, dem Haus der Ritter, vorbei. Seine  Fassadenbemalung gehört zu den bedeutendsten Renaissancefresken nördlich der Alpen. Mitte der 1930ger Jahre wurden die Originalfresken abgelöst, konserviert und sind nun im Museum zu Allerheiligen ausgestellt. Doch auch mit der meisterhaft neu erstellten Bemalung ist das Haus eine Augenweide und beliebtes Fotomotiv. Etwas Zeit sollte man sich auch nehmen für den Münsterplatz mit dem berühmten Kreuzgang und Münster zu Allerheiligen, dessen Turm als einer der schönsten Kirchtürme der Schweiz gepriesen wird.

Grandioses Schauspiel

Doch was wäre ein Besuch in Schaffhausen ohne die erfrischendste Touristenattraktion – den Rheinfall bei Neuhausen. Schon von Weitem hört man sein Donnern und Rauschen. Und es ist ein atemberaubendes Schauspiel zu sehen, wie sich gewaltige Wassermassen über die Felsen stürzen. Einem Vergleich mit den Victoriafällen würde er nicht Stand halten, aber immerhin – er ist der größte Wasserfall Europas: 150 Meter breit, 23 Meter hoch und rund 600.000 Liter Wasser fließen in jeder Sekunde hinunter. Nur der einsame Felsen in der Mitte, auf dem stolz die rote Fahne mit dem weißen Kreuz flattert, kann der tosenden Wasserkraft dauerhaft widerstehen. Dorthin fahren im Minutentakt die kleinen, meist überdachten Boote, nah an den zischenden und sprühenden Hexenkessel heran. Mutige steigen dann über Leitern ganz nach oben und erleben eine erfrischende „Dusche“. Für den Rückweg nach Schaffhausen empfiehlt Patricia Seif den Rhyfall-Express, einen kleinen roten Zug, der gemächlich bis zum Herrenacker in der Altstadt tuckert.

Wie aus einem Märchenbuch

Fronwagplatz   Foto: Christel SeiffertEs heißt, die Rheinfahrt von Schaffhausen nach Konstanz sei eine der schönsten Schifffahrten Europas. An Bord eines der eleganten Ausflugsschiffe zieht die grüne Flusslandschaft beschaulich langsam vorbei. Nach zwei Stunden ist Stein am Rhein erreicht. Ein Städtchen, als sei es einem Märchenbuch entstiegen. Kopfgepflasterte Straßen, um den Rathausplatz stehen dichtgedrängt reich bemalte Bürgerhäuser, benannt nach den Bildern, die sie schmücken. Da gibt es die Sonne, das Schwarze Horn, den Weißen Adler, Rothen Ochsen und Steinerner Trauben. Und Lore Vetterli weiß zu jedem eine Geschichte zu erzählen. So sei der Rothe Ochsen die älteste Taverne, der Weiße Adler dürfe sich rühmen, die frühesten erhaltenen Fassadenmalereien der Renaissance zu haben und der Lindwurm, das einzige Haus mit Empirfassade und einem Museum für bürgerliche Wohnkultur im 19. Jahrhundert, sei als „Europäisches Museum 1995“ ausgezeichnet worden. Ein eigenes kleines Stadtviertel bildet das Klostermuseum St. Georgen, bekannt als eine der besterhaltenen Klosteranlagen der Schweiz. Hoch über dem Städtchen thront die Burg Hohenklingen. Im 13. Jahrhundert von den Freiherrn von Klingen als Wehrburg erbaut, spielte sie im Dreißigjährigen Krieg eine wichtige Rolle als Wachposten. Trotz mehrfacher Restaurierung hat sie sich ihr mittelalterliches Aussehen bewahrt. Vom hölzernen Wehrgang bietet sich ein wunderschöner Blick auf das von seiner Stadtmauer umschlossene Städtchen am Rheinufer.   

Christel Seiffert

 

 

 

 

Schweiz: Ländlicher Charme in Gstaad und im Saanenland

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Auch Prominente suchen im Berner Oberland Erholung in der Natur der Schweizer Bergwelt

Madonna genießt einen unbeschwerten Skiurlaub, David Bowie holt sich hier Inspiration und Formel-1-Mogul Bernie Ecclestone hat gleich ein ganzes Hotel gekauft: Das kleine Bergdorf Gstaad im Berner Oberland lebt von und mit den Schönen und Reichen dieser Welt. Aber auch sie suchen, wie die anderen Gäste auch, Erholung in der faszinierenden Natur der Zentralschweiz, wo Traditionen noch selbstverständlich gelebt werden.

Zugegeben – Gstaad und die Prominenz werden mittlerweile in einem Atemzug genannt. Und sie gehen schon seit Jahrzehnten eine Symbiose ein, die für beide Seiten gut ist. So wurde das kleine Bergdorf mit gerade mal 7000 Einwohnern nicht nur in Europa ein bekannter Magnet für alle, die Rang und Namen und natürlich den entsprechenden Geldbeutel haben – begründet auch auf der Außenstelle der Privatschule „Le Rosey“. Da kann es schon mal passieren, dass man Schauspielerin Anne Hathaway im Restaurant oder Bernie Ecclestone in der Pizzeria trifft. Die Gstaader sind das gewohnt und zücken keine Kameras, die Promis schätzen die Diskretion, die dort allerorten an den Tag gelegt wird.

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Ländlicher Charme im Saanenland

Doch auch für den kleineren Geldbeutel sind der Ort an der Saane und die Region ein lohnendes Ziel. Denn trotz der wohlhabenden Klientel hat sich das Saanenland seinen ländlichen Charme bewahrt, ganz nach dem Motto „Come up, slow down“. Alte Häuser, mit viel Holz im Chaletstil erbaut, bestimmen das Bild im autofreien Ortskern. Und die typischen Bauernhäuser mit den doppelten Treppenaufgängen und den reichen Verzierungen der Fassade zeugen vom ursprünglichen Leben der Bewohner. Im „Alten Gstaad“ finden sich noch Häuser aus dem 17. Jahrhundert, die den großen Brand 1898 überstanden haben.

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Einer, der dem Charme von Gstaad und der Kraft der Berge erlegen ist, war der Violinist und Dirigent Yehudi Menuhin (1916-1999). Auf dem sanften Hügel wohnte er über viele Jahre hinweg mit seiner Familie und begründete 1957 das Musikfestival, das in den Sommermonaten mit zahlreichen Konzerten in der Region Saanenland erfreut. Aber auch auf den Spuren des Philosophen Menuhin darf man wandeln: Der nach ihm benannte Philosophenweg startet an der 1402 erbauten evangelischen Kirche in Gstaad und führt über mehrere Stationen in den Nachbarort Saanen. Mit dem sehenswerten nostalgischen Zug kann man dann die Rückreise antreten.

Mit der Gondel zum Gipfel

Saftig grüne Alpen, glückliche Kühe an den Hängen, die sich Gras und Kräuter schmecken lassen: Die sonnenverwöhnte Region Saanenland ist ein kleines Idyll wie aus dem Bilderbuch. Und sie verströmt Ruhe und Gelassenheit. Mit den Gondeln und Sesselliften, die im Winter die Skifahrer in die weiße Pracht bringen, kommt man genüsslich in Richtung Gipfel. Bei einer Wanderung auf dem über 300 Kilometer langen Wegenetz und den 150 Kilometer ausgeschilderten Radwegen steht die eigene Naturerfahrung im Vordergrund. Etwa vom Rinderberg bei Zweisimmen vorbei am Hornfluh bis zum Horneggli mit dem Naturlehrpfad bei Schönried oder über die Höhenzüge von Wasserngrat und Wispile. Den Blick auf die Alpengipfel der zahlreichen 3000er, auf Geltengletscher und Glacier 3000 und in die Täler sollte man genießen – und unterwegs die einfache, aber köstliche Verpflegung der Alphütten. Oder man holt sich ein Rad und fährt auf gut ausgebauten Radwegen zum Lauenensee. Das Naturschutzgebiet mit den saftigen Wiesen um den See lockt Touristen und Einheimische ans grün-blaue Wasser, die hier die Seele baumeln lassen.

Die alpine Naturverbundenheit bestimmt heute noch das Leben der Menschen. Wer einen ganz besonderen Einblick in den Alltag auf den Bergen erhaschen möchte, logiert nach einer zweistündigen Wanderung auf Alp Turnels, zwischen Wasserngrat und Giferspitz. Schlafen auf dem Heuboden und das Leben der Senner kennenzulernen, ist nicht nur für Kinder eine tolle Erfahrung.

Echter Schweizer Käse

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In die Geheimnisse der Hobelkäseherstellung weihen die Senner Jakob und Erika Zumstein die Besucher gerne ein, nachdem sie mit einem zünftigen Älplerzmorge auf den Tag eingestimmt worden sind. Währenddessen werden 300 Liter Milch im Kupferkessel durch die Zugabe von Lab dick. Mit einer speziellen Käseharfe wird diese Milch dann mit Hand „zerschnitten“ und die Käsekörner, typisch für den Hüttenkäse, werden sichtbar. „Mit jeder Minute wird er reifer“, weiß der Senn, der zwischendurch probiert. „Der Käse muss quietschen, dann ist er richtig.“ Dazu braucht man die Wärme des Holzofens und Geduld. Nach gut einer Stunde holen er und seine Frau mit einem Tuch die Käsekörner aus der Molke und drücken sie in die vorbereitete Form. Zwei große Laibe sind die Ausbeute. Die werden gepresst, damit die Flüssigkeit heraustritt, und wandern am nächsten Tag ins Salzbad. Wer selbst ein ganz besonderes Bad nehmen will, kann im Holzzuber vor der Hütte wie Cleopatra in warmer Molke das herrliche Bergpanorama genießen.

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Acht Wochen verbringen die beide auf der Alp, Jakob Zumstein bereits seit 46 Jahren. Und jeden Tag machen sie Käse. Nach der entsprechenden Reifezeit kauft die Genossenschaft Molkerei Gstaad die wertvollsten Käse auf und lagert sie für weitere zwei Jahre in der Käsegrotte. Jürg Romang, Präsident der Genossenschaft, gewährt einen Einblick ins Reich des Hobelkäses. 8000 Laibe trocknen hier bei 65 Prozent Luftfeuchtigkeit im ehemaligen Wasserreservoir. „Der Käse ist das Gold der Berge und der König der Lebensmittel“, schwärmt der Landwirt. Und er verrät: Hobelkäse, der mit einem speziellen Hobel dünn geschnitten wird, muss mindestens 18 Monate gereift sein. Vorher heißt er schlicht Alpkäse.

„Ohne Idealismus geht es nicht“, sagt Romang. Rund 100 Alphütten im Saanenland haben einen Senner, und jeder hat seine eigenen Finessen bei der Käseherstellung. Die könne man in der landwirtschaftlichen Schule in Wochenkursen lernen, wichtig sei aber die tägliche Übung und Erfahrung, weiß der Käser.Die besten der Zunft treten übrigens mit ihren Naturprodukten im September bei der jährlichen Käsemeisterschaft an.

Diana Seufert

Schweiz: Bergfahrt mit der Rhätischen Bahn

Gemächlich geht es mit dem Berninaexpress zwischen St. Moritz in der Schweiz und dem italienischen Tirano durch die Bünder Berge. Vor 100 Jahren wurde die Linie in Betrieb genommen.

Sterne muss Annamaria Albin nicht sammeln. Die Chefin des Hotels „Belvedere“ auf Alp Grüm hat nicht „nur“ zwei oder drei, sondern derer gleich millionenfach. „Zumindest bei klaren Nächten“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Auf 2189 Metern Höhe kann man die Graubündener Bergluft und einen überwältigenden Blick ins Val Poschiavo genießen. Nebenan rauscht der Wasserfall am Piz Palü, wo das Schmelzwasser des Gletschers in die Tiefe saust. Das kleine Berghotel ist eine der höchst gelegensten Übernachtungsmöglichkeiten an der Bahnstrecke der weltbekannten Bernina-Linie. Vor 100 Jahren wurde die eingleisige Bahnstrecke zwischen dem schweizerischen St. Moritz, vorbei an den Bündner Bergen, Gletschern und kühlen Bergseen bis zu den Palmen ins italienische Tirano gebaut.

55 Tunnels, 196 Brücken und Steigungen von bis zu 70 Promille meistert der Zug mit Leichtigkeit, wenn er sich an den Berghängen entlang schlängelt. Seit Sommer 2008 gehört die Strecke zum Unesco Welterbe, ebenso ein Teil der Schwesterbahn, der Albula-Linie von Chur nach St. Moritz.

Nicht nur Bahnreisende sind vom Bernina-Express fasziniert. Überall werden Fotoapparate gezückt, wenn der rote Zug der Rhätischen Bahn vorbeizieht. Bei einer Geschwindigkeit von etwa 30 Stundenkilometern bietet er ein lohnendes Fotomotiv vor einer atemberaubenden Kulisse aus Gipfeln und Gletschern. In Serpentinen geht es dem Ziel entgehen. Entschleunigt. Mit viel Zeit zum Sein. Ohne die Hektik des Alltags. Manchmal dreht der Bernina-Express eine „Ehrenrunde“, etwa im Kreisviadukt bei Brusio, um an Höhe zu gewinnen und die Steigung überhaupt meistern zu können.

Natürlich kann man gemütlich in den Zug steigen. Von St. Moritz aus dauert die 60 Kilometer lange Fahrt zur Endstation nach Tirano zweieinhalb Stunden. Wer sich den Fahrtwind um die Ohren wehen lassen will, setzt sich in den Panorama-Aussichtswagen. Die offenen Waggons bieten einen wunderbaren Rundumblick.

Das grandiose Panorama der Schweizer Berge lockte schon im 19. Jahrhundert die Erholungssuchenden ins Engadin und seine Seitentäler. Entlang der alten Passstraße ins Veltlin nach Italien wurde deshalb Anfang des 20. Jahrhunderts eine Bahntrasse errichtet. Von Beginn an elektrifiziert, bot sie den Ausflüglern viele Möglichkeiten, die Bergwelt auf eigenen Faust zu erkunden.

Schon damals war das „Belvedere“ auf Alp Grüm ein kleines Hotel, im Jugendstil und mit viel Charme. „Reisende aus aller Welt haben sich in den Gästebüchern verewigt“, erzählt Wirtin Annamaria Albin, die sich seit 14 Jahren von Ende Mai bis Mitte Oktober um das Wohl ihrer Gäste kümmert. „Einfache Leute kamen damals, aber auch Herzöge und Prinzessinnen, Weltenbummler und Schriftsteller.“ Und auch Thomas Mann soll auf der Hütte gewesen sein. Vielleicht hat auch er auf der kleinen Terrasse vor dem Eingang den Blick aufs Berninamassiv und ins weite Tal schweifen lassen, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu genießen, ehe sich ein Nebelschleier sanft auf die Landschaft gelegt hat.

Luxus braucht man bei dieser herrlichen Aussicht nicht. „Wer das will, soll in der Stadt bleiben“, meint die Wirtin mit Nachdruck und zeigt den Gästen die Zimmer im alpinen Flair, mit Waschschüssel und Etagenduschen. Dafür darf man am nächsten Morgen den Sonnenaufgang in der Bergwelt genießen und sich von den ersten Strahlen in der Nase kitzeln lassen.

Es geht immer bergab von Alp Grüm aus. Mit der Bahn sind es bis nach Tirano 22 Kilometer, aber 1800 Höhenmeter, durch dunkelgrüne Wälder und Almwiesen zum Endbahnhof ins Tal. Und die bewältigen viele Gäste immer mehr auch mit dem Rad. Schließlich kann man an Bahnhöfen oder in Sportgeschäften die Drahtesel leihen. Spezielle Wägen für den Radtransport und zahlreiche Möglichkeiten zum Stop haben die Strecke für Biker interessant gemacht.

Ein Familienurlaub der sportlichen Art lockt vor allem Jugendliche in die Berge. „Einfach nur super“ finden die 14- und 16-jährigen Jungs einer deutschen Familie die geschotterten Pisten  entlang der Bahnlinie, spornen lautstark ihre Mutter an. Vom Gegenwind lassen sie sich nicht schrecken und nehmen die „anspruchsvollsten Passagen“ rund um Alp Grüm gleich ein zweites Mal in Angriff. Sie haben ihren Spaß an den „Querfeldein-Strecken“, die für so manchen erwachsenen Anfänger eine Herausforderung sind.

Ein kurzer Abstecher nach Cavaglia zum Gletschergarten oder nach Poschiavo ist allemal lohnenswert. Die Herrschaftshäuser und die wundervolle Piazza erzählen von der Blüte der beschaulichen Handwerkerstadt an der Passstraße, die Felder duften herrlich nach Kräutern für die berühmten Schweizer Bonbons.

Ruhe und Beschaulichkeit findet man am Lej da Staz, zwischen St. Moritz und Pontresina. Der kleine See hat sich zum idealen Ausflugsziel in der Natur gemausert. Wer höher hinaus will, radelt zum Gletscher Diavolezza oder genießt den sagenhaften Blick von der 3300 Meter hohen Bergstation am Corvatsch. Denn für 13 Anlagen der Bergbahnen der Destination Engadin-St.Moritz gilt: Wer mehr als zwei Übernachtungen in einem der über 80 Partnerhotels bucht, fährt umsonst mit der Bergbahn. Das atemberaubende Panorama auf Bergketten und die Seenlandschaft lassen garantiert jedes Herz höher schlagen.

Diana Seufert

Schweiz: Mediterraner Zauber im Tessin

Tessin, Insel Brissago

Das Tessin, die Sonnenstube der Schweiz

Lago Maggiore – schon der Klang weckt Sehnsucht…. nach Sonne und Wärme, Palmen und Blütenpracht. Kein Wunder, dass Herrmann Hesse sich im Tessin wohl fühlte und 43 Jahre hier lebte. „Sie ist so wunderbar schön, und vom Alpinen bis ganz zum Südlichen ist alles da“, schwärmte der Nobelpreisträger für Literatur über seine Wahlheimat im Südzipfel der Schweiz.

Ein Hauch von Italien weht durch Locarno, die charmante Stadt am Ufer des Lago Maggiore. Hier wird italienisch gesungen und mediterran gespeist, man flaniert auf der palmenbestandenen Uferpromenade mit Blick auf schneebedeckte Gipfel, sitzt in einem der zahlreichen Straßencafés, trinkt einen Espresso und genießt die Leichtigkeit des Lebens. Locarno ist nicht nur die Stadt mit dem mildesten Klima der Schweiz, es darf sich auch rühmen, einen der größten und schönsten Stadtplätze zu haben. Die Piazza Grande, umgeben von pastellfarbenen Häusern in typisch lombardischem Stil, hinter deren Arkaden sich Cafés und Restaurants aneinander reihen, ist lebendiger Mittelpunkt Locarnos. Besonders im Sommer wird die Piazza Grande zur großen Open-Air-Bühne. Seit 1946 treffen sich im August für zehn Tage Regisseure, Filmschaffende und Kinofans zum Internationalen Filmfestival. „Es sei ein einzigartiges Ambiente, wenn tausende abends unterm Sternenhimmel auf der großen Freiluftbühne die neuesten Streifen ansehen“, schwärmt Stadtführerin Maria Pia Aerne.. Im Juli reisen seit einigen Jahren Rock- und Popfans aus vielen Ländern an, wenn bei „Moon and Stars“ die Piazza Grande zum schönsten Konzertsaal unter freiem Himmel wird. Weltstars wie Santano, Bryan Adams und Lenny Kravitz sind gern hier zu Gast.

Locarno im TessinBeim Schlendern durch die engen Gassen der verwinkelten Altstadt bezaubert manches der alten Häuser mit ihren blumenreichen Innenhöfen. Zeugen einer großen Vergangenheit sind die Wallfahrtskirche Madonna del Sasso und das Castello Visconti aus dem 13. Jahrhundert mit seinem schönen Innenhof und reich mit Intarsien verzierten Decken. Einst Residenz der Mailänder Familie Visconti und Sitz der Landvögte, beherbergt es heute ein Museum, das auch an den 1925 beschlossenen Locarno-Pakt erinnert. Ein gern besuchtes Schmuckstück im Grünen ist  der Kamelienpark, in dem 900 verschiedene Arten dieser Blume bewundert werden können.

James Bond sprang in die Tiefe

Reizvoll ist auch die Umgebung Locarnos, denn das idyllische Val Versasca ist fast zum Greifen nah. Vom Stadtzentrum fährt der Postbus – auch ein Stück Schweizer Kulturgut – hinauf in das 25 Kilometer lange Tal. Schon die Fahrt auf kurvenreicher Strecke durch die grünbewaldete Bergwelt ist ein Erlebnis: vorbei am Staudamm , dessen 220 Meter hohe Mauer zu den höchsten Europas gehört und von der James Bond im Film „Golden Eyes“ ins Leere sprang. Vorbei an winzigen Bergdörfern mit Häusern aus grauen Bruchsteinen und entlang des Flusses, der in wilden Kaskaden bergab strömt. Ein Highlight ist Lavertezzo mit seiner schönen Kirche im Barockstil und dem Ponte die Salti. Die mittelalterliche Brücke mit ihren Doppelbögen gehört zu den meistfotografierten Sehenswürdigkeiten Tessins. Besonders an dieser Stelle macht der Fluss seinem Namen “verde aqua – grünes Wasser“ alle Ehre, denn hier strahlt er zwischen glattgeschliffenen Felsbrock in tiefstem smaragdgrün. In steilen Serpentinen schlängelt sich die Straße weiter bergauf durch das Tal, das bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts von der Außenwelt nahezu abgeschnitten war. Das pittoreske Sonogno – überragt von der schneebedeckten Spitze des 3.038 Meter hohen Pena –  ist das letzte der Versascadörfer. Manche Häuser sind verlassen, denn die Menschen sind einst ausgewandert, weil ihr Tal sie nicht mehr ernähren konnte. Heute ist Sonogno bekannt als Dorf der Wollfärberinnen, die ihre mit Naturfarben gefärbten Handarbeiten in den kleinen Souvenirläden anbieten. Auch als Ausgangspunkt für Wanderungen hinunter ins Tal ist es beliebt. Und manchmal gibt es dabei überraschende Begegnungen, wenn eine Herde schwarzer Ziegen sich mitten unter die Wanderer mischt und sie ein Stück des Weges begleitet.

Ascona, die Perle des Tessin

An einer sanft geschwungenen Bucht am Nordufer des Lago Maggiore liegt Ascona, das auch als „Perle“ und „Sonnenstube“ des Tessin bezeichnet wird. Es ist die Heimatstadt von Maria Pia und für sie das Schönste aller Städtchen. Ihre Begeisterung kann man verstehen. Malerisch erstreckt sich die berühmte Piazza Giuseppe Motta mit ihren zahlreichen Cafés, Restaurants und den markanten Platanen am Seeufer. Hier möchte man verweilen, den Blick auf die magische Schönheit des Sees genießen, die Seele baumeln lassen. Eindrucksvoll erhebt sich am Anfang des Platzes das Schloss der Griglioni aus dem 13. Jahrhundert, heute als Castello Seeschloss ein exklusives Hotel mit Terrasse und Seeblick. Im historischen Kern des Städtchens mit zahlreichen Zeugen aus Mittelalter und Renaissance bezaubert ein Netz von schmalen Gässchen mit Kunstgalerien und kleinen, originellen Geschäften. Der die Altstadt überragende Campanile der Kirche Santi Pietro e Paolo mit ihren Fresken aus dem 15. Jahrhundert ist das Wahrzeichen des einstigen Fischerdörfchens.

Blick auf Ascona, TessinVon der Seepromenade steigt man auf den grünen Hügel oberhalb Asconas, der als Monte Verita zur Legende wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die Pianistin Ida Hofmann und der belgische Industrielle Henry Oedenkoven den Berg für 150 000 Franken gekauft. Dort wollten sie eine neue Lebensphilosophie etablieren, befreit von allen Fesseln, mit gesunder Ernährung und im Einklang mit der Natur leben. Die Kolonie wurde Sanatorium Monte Verita genannt und stand allen offen, die Erholung und nach dem Sinn des Lebens suchen. Scharen von Künstlern, Visionären, Schriftstellern und Persönlichkeiten des Kulturlebens folgten dem Ruf auf den „Berg der Wahrheit“. Auch Herrmann Hesse gehörte 1907 zu den Gästen, die hier neue Kraft tanken wollten. Wahrscheinlich begann schon damals seine Faszination für die Tessiner Seen- und Berglandschaft, die er später in zahlreichen Erzählungen, Gedichten und Aquarellen so eindrucksvoll beschrieben hat. Und die ihn schließlich 1919 für immer nach Montagnola führte. 1920 löste sich die Gruppe auf, die Gründer des Monte Verita wanderten nach Brasilien aus. Einige Jahre später übernahm Baron von der Heydt, Bankier Kaiser Wilhelm II. und bedeutender Kunstsammler, den Monte Verita und ließ 1928 ein Hotel im Bauhaus-Stil errichten, das noch heute auch als Kongress- und Kulturzentrum genutzt wird. Nur noch wenige Spuren der „Balabiott“, der Nakttänzer, wie die Einheimischen die „Naturmenschen“ nannten, sind erhalten. Zwei der Licht-Luft-Hütten wurden restauriert und die Casa Selma in ein kleines Museum verwandelt. Neu hinzu gekommen sind vor einigen Jahren der Energie-Weg mit Mandala und ein Teehaus mit kleiner Teeplantage, die von einem japanischen Zen-Garten umgeben ist. „Das Museum mit der Dokumentation zur Geschichte des Monte Verita wird gerade restauriert und ist erst ab 2013 wieder zugänglich“, bedauert die Stadtführerin. Dennoch lohnt sich der treppenreiche Aufstieg oder die Fahrt mit dem Auto auf den Berg, denn der Blick auf Ascona und den Lago Maggiore bis zu den Brissago Inseln ist überwältigend. Insel Brissago

Schwimmende Gärten

Ein Ausflug zu den schwimmenden Gärten des Tessin gehört zum Programm jedes Urlaubers. Wie zwei im See verankerte Schiffe ruhen die beiden grünen Eilande im Lago Maggiore. Während die kleinere Insel nicht betreten werden darf, weil seltene Pflanzen hier ungestört gedeihen sollen, ist die größere der Botanische Garten des Kantons. Ein kleines Paradies mit 1700  Pflanzenarten aus allen Kontinenten der Erde. Maria Pia ist oft hier und kennt die Geschichte des Gartens.  Als Baronin Antoinette Saint-Leger 1885 mit ihrem Ehemann die Insel gekauft hatte, sei er ganz von einheimischen Pflanzen überwuchert gewesen. Die leidenschaftliche Naturfreundin begann sofort, Wege anzulegen, blühende Pflanzen, Sträucher und Bäume zu pflanzen. Das besonders milde Klima am Lago Maggiore ermöglichte, dass auch empfindliche subtropische Pflanzen das ganze Jahr im Freien wachsen können. Und so entstand im Lauf der Jahrzehnte ein einzigartiges botanisches Kunstwerk. 1927 erwarb der Hamburger Kaufmann Max Emden die Isola Grande und ließ sich ein Palais mit weißem Carrara-Marmor erbauen. Dabei mussten die Architekten das Gebäude der Pracht des Gartens anpassen, der unverändert blieb. Bis 1940 residierte Emden auf der Insel, die zehn Jahre später als Botanischer Garten Tessins für die Öffentlichkeit zugänglich wurde. Seitdem können Besucher hier eine spannende botanische Weltreise machen – indische Lotosblumen, japanische Kamelien oder Federballprotee aus Südafrika bewundern, sich an Sumpfzypressen aus Florida, Akazien aus Australien und Bambus aus Japan erfreuen. Und von der Terrasse des Restaurants den Blick in den Garten und die zauberhafte Atmosphäre am See genießen.

Christel Seiffert