Montenegro: Cetinje – Liebeserklärung an ein friedliches Örtchen

Cetinje 8 Souvenirhändler a

Zwei kurvenreiche Straßen führen von der Küste Montenegros hinauf zur alten Königsstadt Cetinje auf 700 Meter Höhe, die eine von Budva, die andere von Kotor. Auf der Panoramastraße zwischen Kotor und der früheren Hauptstadt Montenegros reiht sich eine Serpentine an die andere, 25 sind es insgesamt. Eine hat unübersehbar die Form eines „M“, eine Liebeserklärung des österreichischen Straßenbauers an Königin Milena. Sie war die Gattin des Fürsten Nikola (1860 bis 1918), der sich 1910 aus Anlass seines 50-jährigen Regierungsjubiläums zum König krönen ließ.

Schon vorher hatten 14 Staaten in Cetinje Botschaften etabliert, deren Villen noch heute das Bild der kleinen Stadt prägen. Die historischen, zum Teil heruntergekommenen oder gar ganz vernagelten Hausfassaden in allen nur erdenklichen Stilen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zeugen von einer ereignisreichen Geschichte. Nikola, auch Nikita genannt, erfreute sich an europäischen Höfen großer Wertschätzung – nicht so sehr als bedeutender Herrscher, sondern eher als „Schwiegervater Europas“: Sechs seiner Töchter hatte er geschickt verheiratet, davon eine mit König Victor Emanuel von Italien.

Ein bescheidener „Palast“

Der frischgebackene König ließ seine 1867 erbaute Residenz ausbauen, jedoch blieb sie in Aussehen und Ausmaß bescheiden, wie alles in Cetinje. Sie gleicht eher einem Landhaus als einem „Palast“, wie die Bevölkerung das Gebäude nennt. Es ist Ziel eines jeden Ausflugs nach Cetinje, denn hier ist seit 1926 das Staatsmuseum untergebracht, auch König Nikolas Museum genannt. Es bietet einerseits einen – allerdings bruchstückhaften – Überblick über die Geschichte des kleinen Landes. Aber viel interessanter sind die Wohnräume der fürstlichen bzw. königlichen Familie mit originalen Möbeln, Haushaltsgeräten und Kleidern.

Cetinje 7 Museum PalastIm Gegensatz zu den vielen Fahnen, die von den Türken erbeutet wurden, sind die meisten Waffen keine Kriegsbeute, sondern wie viele Bilder und das meiste Mobiliar Geschenke europäischer Herrscher. Das erweckt den Eindruck, dass der König seinen Hof nur durch die wohlwollenden Zuwendungen seiner ausländischen Kollegen aufrecht erhalten konnte.

Auch Nikolas Vorvorgänger Petar II. Petrovic Njegos (1830-1851) ließ in Cetinje eine Residenz bauen, mit der 1838 begonnen wurde und „Biljarda“ genannt wurde und heute ebenfalls ein Museum ist. Es zeigt ebenfalls weniger montenegrinische Geschichte in ihren Zusammenhängen, sondern bleibt eher ein Sammelsurium von allerdings zum Teil erstaunlichen Ausstellungs- und Erinnerungsstücken. Dazu zählt der Billardtisch, den sich der Fürstbischof aus Österreich kommen ließ und der dem von einer Wehrmauer und vier Rundtürmen umgebenen Regierungssitz seinen Namen gab.

Maler, Poet, Krieger

Petar II. wird von vielen in Montenegro wie ein Heiliger verehrt. Was für ein Mann! Als er ahnte, dass er sterben würde, ließ sich der Herrscher über Montenegro auf sein venezianisches Fauteuil binden – das auch in der „Bilharda“ ausgestellt ist – und über Saumpfade vom Küstenort Kotor heim nach Cetinje tragen. Das war 1851, und als Peter II. an Tuberkulose starb, war er erst 38 Jahre alt. Doch es war ihm gelungen, die rivalisierenden montenegrinischen Stämme zusammenzuführen und zu einer Nation zu einigen. Noch heute pilgern die Montenegriner zu Tausenden zu seinem Mausoleum im Lovcen-Gebirge, um den Volksheld zu ehren.

Cetinje 9 alte PrachtSein Leben lieferte den Stoff in Hülle und Fülle, aus dem Legenden gewoben werden. Der Fürstbischof – erst sein Nachfolger sorgte für die Trennung von Kirchen- und Staatsamt – war ein stattlicher Mann, zwei Meter acht groß und breitschultrig, ein Herrscher nach dem Geschmack des Volkes, grausam und gerecht. So ließ er die abgeschlagenen Köpfe besiegter Türken zur Schau stellen, und er hielt öffentlich unter einer Kastanie Gericht. Der Herrscher war auch ein gebildeter Mann, der die großen Werke der Weltliteratur in ihrer Originalsprache zu lesen verstand. Beeindruckend ist seine Bibliothek im Njegos-Museum. Neben Schillers Werke steht Mohls „Polizeywissenschaft“, von Rottecks „Allgemeine Weltgeschichte“ und Voltairsche Staatskunst.

Die Reformierung des Serbischen Alphabets ging auf seine Initiative zurück. Petar II. betätigte sich auch als Maler und Poet. Im Museum sind noch Feder, Tintenfass und Fragmente des Originalmanuskripts zu seinem Hauptwerk ausgestellt, dem „Bergkranz“. Das Buch, das in 76 Sprachen übersetzt wurde, gilt als eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse der Region Serbien-Montenegro und handelt von der „montenegrinischen Vesper“. Das ist eine vornehme Umschreibung der Tatsache, dass einer von Petars Vorgängern, Danilo I., alle Türken abschlachten ließ, derer man in Montenegro habhaft werden konnte.

Revolver in der Wiege

Der Kampf gegen die türkische Besatzungsmacht währte Jahrhunderte. In ihren Befreiungskämpfen sind die Montenegriner den Bewohnern der Sfakia auf Kreta vergleichbar, deren gebirgige Heimat die Türken ebenso wenig völlig unter ihre Kontrolle brachten wie die Bergwelt Alt-Montenegros. Wie einst bei den Sfakioten wuchs jeder männliche Montenegriner zu einem Krieger heran, heldenhaft und von einem ungeschriebenen Ehrenkosex geprägt. Der ließ ihn die Frauen und Töchter der Gegner verschonen und selbst dem ärgsten Feind Gastfreundschaft gewähren. Schon den männlichen Babys legten die Väter einen Revolver in die Wiege, damit sie tüchtige Krieger würden.

Cetinje 3 Vernageltes HausBis zum Bau der „Biljarda“ diente das Muttergottes-Kloster, auch St. Peterskloster genannt, als Residenz des Metropolitan von Montenegro. Das heutige Aussehen erhielt das Kloster in der Mitte der 30-er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Es steht in der Nähe eines früheren, längst zerstörten Klosters, das 1484 von Ivan Crnojevic gegründet worden war und in seinen Mauern zwei Kirchen beherbergte, die größere Marien- und die kleinere Petruskirche. Ivan Crnojevic war der Herrscher über die Zeta, des bis zum früheren Titograd – dem heutigen Podgora – reichenden Gebietes nördlich des Skutarisees. Er flüchtete vor den Türken aus der damaligen Hauptstadt Zabljak in das Karstbecken zu Füßen des Gebirges. Dort gründete er die Stadt, die ihren Namen vom Flüßchen Cetinje hat, das früher hier floss, aber wohl im 17. Jahrhundert in den Karstspalten der Ebene von Detinje für immer verschwand.

Sitz des Präsidenten

Lange hielt die neue Siedlung den Türken nicht stand, die Ende des 17. Jahrhunderts das Kloster zerstörten. Es wurde noch mehrfach zerstört und wieder aufgebaut. Das orthodoxe Kloster besitzt eine sehenswerte Schatzkammer. Zu deren unermesslichem Reichtum zählen die Ornate der Metropoliten und aller Fürstbischöfe aus dem Hause Petrovic von 1696 bis 1851, außerdem eine Ikonensammlung mit heimischen und russischen Werken aus dem 16. bis 18. Jahrhunderts, Kelche und anderes Kirchengerät und ein wertvoller Bestand an kirchlichen Handschriften. Aber auch über die (Kriegs-)Geschichte informiert die gut geordnete und aufbereitete Klostersammlung. Und stolz werden wieder erbeutete Türkenfahnen präsentiert.

Cetinje 6 StraßenszeneDabei ist Centinje heute ein friedliches Örtchen. Nur ab und zu kehrt ein wenig Rummel ein, wenn die Touristen von den Küstenorten die kleine Stadt in den Bergen heimsuchen. Nach dem Besuch von ein, zwei Museen, dem Kauf eines Souvenirs in einem der wenigen Shops und einem Erfrischungsgetränk in einem Straßencafé in der Innenstadt fahren sie wieder zurück. Und Cetinje versinkt wieder im Dornröschenschlaf. Aber – doch nicht ganz: Die frühere Hauptstadt ist heute immer noch der Sitz des Präsidenten der Republik Montenegro.

Horst Schwartz

 

 

Montenegro: Sveti Stefan – Frieden um einen hohen Preis

Sveti Stefan 1

An Romantik ist die kreisrunde Hotelinsel Sveti Stefan vor der Küste Montenegros nur schwer zu übertreffen: Steinhäuser mit roten Dächern verstecken sich zwischen Olivenbäumen und Zypressen, enge Gassen, unterbrochen von vielen Treppen, schlängeln sich einen Hügel hinauf, Durchgänge eröffnen immer wieder neue Ausblicke. Restaurants säumen eine Piazza, zwei Kirchen verleihen dem früheren Fischerdorf Authentizität.

Sveti Stefan 2Schon viele Prominente haben dieses Ambiente genossen, Schauspielerinnen wie Sophia Loren und Doris Day, ihre Kollegen Kirk Douglas und Sylvester Stallone, Politiker von Brand bis Berlusconi. Solche Besuche sickern immer erst im Nachhinein durch, die Etikette der noblen Anlage verbietet es, mit Prominenten-Besuchen PR zu machen.

Dabei sind Promis Teil des Erfolgsrezepts. Schon als die frühere wehrhafte Fischerinsel, deren erste Bebauung aus dem 15. Jahrhundert stammt, 1960 als Hotelanlage eröffnet wurde, kamen die britischen Royals als Paten zu Besuch. Dass Tito auf der Feudalinsel bei Budva immer wieder Quartier nahm, war eine Selbstverständlichkeit.

 40 Zentimeter dicke Mauern

Nach dem Zerfall Jugoslawiens und den Balkankriegen stand es nicht gut um die Sveti Stefan 3Hotelanlage, die mit dem Festland durch einen schmalen Damm verbunden ist. Welcher Investor war bereit, die Unsummen zur Restaurierung der Gebäude mit ihren 40 Zentimeter dicken Mauern und den strengen Denkmalschutzauflagen zu zahlen? Nach einer weltweiten Ausschreibung pachtete schließlich die piekfeine Gruppe Aman Resorts die Hotelinsel für 30 Jahre vom Staat Montenegro.

Im Juli 2010 war Wiedereröffnung. Heute hat die Anlage nur 58 Gästezimmer, früher bot sie 250 Gästen Platz. 50 Zimmer, Cottages und Suiten liegen auf der Insel, sechs in der Villa Milocer auf dem Festland direkt vor der Insel. Sie war von 1934 bis 1936 als Sommerresidenz für die damalige jugoslawische Königin Marija errichtet und von Aman schon drei Jahre vor der Hotelinsel übernommen worden. Zwei weitere Zimmer beherbergt die benachbarte Villa Marija.

Topquartier für 3.000 Euro

Noch sei die Kapazität der Hotelinsel nicht ganz ausgeschöpft, verrät Kevin Brooke, der Generalmanager. In nächster Zeit soll sie um etwa ein Drittel erhöht werden, mehr aber auch nicht. Sechs Cottages auf der Insel besitzen Spa-Räume für exquisite Behandlungen. Zwei Pools sorgen für Erfrischung. Mehrere Tavernen, Restaurants und Bars bewirten Gäste auf der Insel, drei weitere auf dem Festland.

Sveti Stefan 4Aman betreibt 24 Luxusresorts in Asien und den USA, in Marokko und der Türkei. Aman ist ein Wort aus dem Sanskrit und bedeutet Frieden. Und äußerst friedlich ist die Insel Sveti Stefan, wie schon Claudia Schiffer – so wird Besuchern diskret bedeutet – befand. Der Frieden hat seinen Preis: Das billigste Zimmer kostet 750 Euro – pro Nacht, versteht sich, Mehrwertsteuer, Service und Versicherung noch nicht eingeschlossen. Das Top-Quartier heißt Sveti Stefan Suite und besitzt einen eigenen Pool. Kostenpunkt: 3.000 Euro.

Horst Schwartz