Island: Vulkaninsel im Atlantik

Jökulsarlon

Jökulsarlon

Willkommen auf der Insel der Gegensätze! Willkommen in einem Land, in dem Feuer und Eis Landschaften von atemberaubender Schönheit geschaffen haben!

Wer auf dem internationalen Flughafen Keflavík ankommt und sich mit Bus oder Mietwagen auf den Weg nach Reykjavík macht, wird gleich mit Islands vulkanischer Vergangenheit konfrontiert. Denn bis zu den Vororten der Hauptstadt führt die Straße durch ein rissiges, fast vegetationsloses Lavafeld. Bei trübem Wetter wirkt es trostlos und lebensfeindlich, aber schon einige wenige Sonnenstrahlen verwandeln es in eine faszinierende Märchenlandschaft. Doch dies ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die vielfältigen Formen des Vulkanismus, die allerorts auf den Besucher warten.

Kaum ein Land der Erde ist so abwechslungsreich wie Island, das geologisch noch in den Kinderschuhen steckt und sich deshalb permanent verändert – manchmal sogar höchst dramatisch durch gewaltige Vulkanausbrüche oder Gletscherläufe. Aber auch zwischen diesen Katastrophen bietet Island Spektakuläres: In den zahlreichen Hochtemperaturgebieten brodelt, dampft und zischt es unaufhörlich oder schießen Geysire ihre Wasserfontänen in den Himmel. Blubbernde Schlammtöpfe und Wasserlöcher, gelbe und ockerfarbene Fumarolen und Sinterablagerungen bilden unwirkliche Mondlandschaften. Farbenprächtige Liparitberge, düstere Aschekegel, bizarre Vulkane, sonderbare Pseudokrater, unauffällige Schildvulkane und immer wieder Lavafelder – mal schwarz, kahl und bedrohlich, dann wieder von dicken, grünen Moosteppichen überzogen, prägen weite Teile der Insel.

Neben den Vulkanen sind die Gletscher die größten Anziehungspunkte, denn allein der größte von ihnen, der Vatnajökull, ist größer als alle Gletscher Europas zusammengenommen. Unzählige eisige Zungen schieben sich von seinem gewaltigen Plateau zu Tal, bilden Abbrüche, Höhlen und Lagunen, auf denen bizarr erodierte Eisberge schwimmen.

Aber Island hat auch ein durchaus liebliches Gesicht, das man der fast baumlosen Insel im hohen Norden kaum zutrauen würde. Der schmale Küstenstreifen und einige Täler überraschen mit sattgrünen Wiesen, auf denen unzählige Schafe grasen. Und auch der Mývatn, eigentlich ein geologisch unruhiges, von Vulkanen geprägtes Gebiet, wirkt mit seinen Inseln, Buchten und Landzungen wie eine grüne Oase. Auf dem Wasser tummeln sich Singschwäne und die verschiedensten Entenarten, so dass selbst die ausgefressenen Lavatürme am Ufer kaum das liebliche Bild stören.

Lust auf Islands einzigartige Natur? Dann schauen Sie sich die Bilder an.

Westfjorde, Latrabjarg, Papageitaucher

Westfjorde, Latrabjarg, Papageitaucher

Westfjorde, Breidavik

Westfjorde, Breidavik

Solfatarengebiet Namafjall

Solfatarengebiet Namafjall

Solfatarengebiet am Namafjall

Solfatarengebiet am Namafjall

Snaefell

Snaefell

Seydisfjördur

Seydisfjördur

Seljalandsfoss

Seljalandsfoss

Schlucht Fjardargljufur

Schlucht Fjardargljufur

Papageitaucher, Vik i Myrdal

Papageitaucher, Vik i Myrdal

Ostfjorde, historisches Torfhaus Lindarbakki

Ostfjorde, historisches Torfhaus Lindarbakki

Ostfjorde, Gästehaus Mjoeyri am Eskifjördur

Ostfjorde, Gästehaus Mjoeyri am Eskifjördur

Myvatngebiet, Krafla

Myvatngebiet, Krafla

Landmannalaugar

Landmannalaugar

Jökulsarlon

Hochtemperaturgebiet Hveragerdi

Hochtemperaturgebiet Hveragerdi

Hochland, Hveravellir

Hochland, Hveravellir

Djupivogur

Djupivogur

Eskifjördur

Eskifjördur

Text und Fotos: Christian Nowak

Schweden: Die Holzpferde von Nusnäs

 

Für Touristen ist das schwedische Nationaltier der Elch. Die Einheimischen bevorzugen das Pferd – eines aus Holz, hergestellt in Nusnäs.

Bill Clinton hat einen, Elvis Presley hatte einen, Frank Sinatra und Yassir Arafat auch. Die Rede ist von einem Dalahäst, einem Pferd aus Dalarna. Nein, kein lebendiges Pferd. Es ist aus Holz, rot oder blau bemalt und reich verziert. Mehr noch: Dalapferde sind eines der schwedischen Nationalsymbole, und deswegen erhält Lasse Olsson auch des öfteren Bestellungen der Regierung – die Holztierchen sind das ideale Geschenk für Staatsgäste.

Lasse Olsson gehört die „Dalapferdefabrik“ in Nusnäs in der Provinz Dalarna. Er ist der Sohn von Jannes Olsson, dem Erfinder der Holzpferde. 1928 hat dieser zusammen mit seinem Bruder Nils sein erstes Holzpferd geschnitzt. Gerade erst 15 und 13 Jahre alt waren die beiden damals, und doch schon die ersten professionellen schwedischen Holzpferdehersteller. „Anderes gab es damals auf dem Land auch nicht zu tun“, stellt Lasse Olsson trocken fest.

Auch heute ist die Herstellung eines Dalahästs noch Handwerk, allerdings wird ein Pferd nicht mehr nur von einer Person hergestellt, sondern es muss eine ganze Reihe von Arbeitsschritten durchlaufen, bevor es fertig ist. Zuerst werden die Umrisse der Pferdefiguren auf Holzblöcke aufgestempelt, dann mit der Stichsäge ausgesägt. Erst wenn die Grobform festgelegt ist, kommt das Schnitzermesser zum Einsatz. Diese Feinarbeit erledigen „für uns ungefähr 50 Rentner in Heimarbeit“, sagt Olsson. Dalapferdschnitzer sind in der Region angesehene Leute, und in manchen Familien wird der Beruf von Generation zu Generation weitervererbt. Anders als sonst, übernehmen hier aber nicht die Jungen das Geschäft, sondern die Alten. Erst wer aus dem Berufsleben ausgeschieden ist, wird Pferdeschnitzer.

Holzpferde als Nationalsymbol

Sobald die Holzpferde von ihrem Ausflug zu den Schnitzern zurück sind, bekommen sie ihre  Farbe. Es braucht schon seine Zeit, bis ein Dalapferd fertig ist und in den Verkaufsraum hinausgaloppieren kann.

Wie aber kam es eigentlich, dass aus den Holzpferden von Jannes und Nils solche Verkaufsschlager, sie gar zu einem nationalen Symbol wurden? Lasse Olsson schüttelt den Kopf ob meiner Frage, lacht und fordert mich auf: „Die nächste Frage, bitte“. Nicht einmal der Herr der schwedischen Holzpferde kennt die Antwort. Die Dalapferde sind zwar durchaus schön anzusehen, aber genau genommen eben doch nicht mehr als rot oder blau angemalte Holzfiguren. 100.000 verkauft Olsson davon jedes Jahr, und die gleiche Menge bringen auch die Cousins aus dem Laden gegenüber unters schwedische Volk. Obwohl rein rechnerisch inzwischen eigentlich in jedem schwedischen Wohnzimmer ein Dalapferd stehen müsste, lässt die Nachfrage bei Olssons nicht nach.

Rasso Knoller

 

Norwegen: Das ruhige Leben der Menschen in Kjerringøy

Einst kamen die Lofotenfischer in Scharen und machten Kjerringøy reich. Als dann der Fischhandel zusammenbrach, verfielen viele Gebäude. Mittlerweile ist aus dem alten Handelsplatz eines der schönsten Freilichtmuseen Norwegens geworden, das an Knut Hamsun und seine Nordlandromane erinnert. Doch die kleine Küstengemeinde inmitten schroffer Berge und der Lofotenwand in Sichtweite lebt nicht nur in der Vergangenheit. Die Kjerringøyer sind ungemein agil, sie malen, töpfern, bauen Nordlandboote, richten Kulturzentren ein und sanieren alte Rorbus.

Der Strandåtind auf Kjerringøy ist Karl Erik Harrs Hausberg. Schon rund 60 Mal hat er das markante Massiv gemalt, zu jeder Jahreszeit und bei allen erdenklichen Lichtstimmungen hat er den Berg auf die Leinwand gebannt. Kein Wunder, dass er gerade den Strandåtind zu seinem Lieblingsmotiv auserkoren hat, denn von der Terrasse seines kleinen, rot gestrichenen Holzhauses hat er einen traumhaften Blick auf die beeindruckende Bergkulisse von Kjerringøy und den alten Handelsplatz auf der gegenüber liegenden Landzunge.

Welch ein Platz zum Leben! In seinem Atelier liegen unzählige ausgedrückte Farbtuben herum, unverkennbar riecht es im ganzen Haus nach Ölfarbe. Harr hat einen unglaublichen Schaffensdrang und arbeitet meist an mindestens einem Dutzend Bildern gleichzeitig. An den Wänden hängen die fertigen und halbfertigen Werke, auf dem Boden stehen die grundierten Leinwände. Doch inmitten dieses Chaos fühlt sich Karl Erik Harr sichtlich wohl, arbeitet konzentriert und strahlt vollkommene Ruhe aus. Wenn er vor seinen Bildern hockt, sieht er mit seinem weißen Bart und der kleinen Brille wie ein alter Seebär aus, der mit haushohen Wellen in unzähligen Blautönen und weißen Schaumkronen kämpft.

Harr zählt schon lange zu den bekanntesten Künstlern Norwegens, mehr als 20 Bücher hat er bisher veröffentlicht, er hat Hamsuns Werke illustriert und schreibt Gedichte. Eine Auswahl seiner Bilder stellt er in seiner Galerie in Henningsvær auf den Lofoten aus. Ohne sein kleines Notizbuch geht Karl Erik Harr nirgendwohin. Computer und Laptops sind nicht seine Welt und so muss sich seine Sekretärin noch immer durch seine handschriftlichen Aufzeichnungen kämpfen. Tag für Tag setzt er sich in sein kleines Boot, das immer auf dem kleinen Sandstrand direkt vor seinem Haus liegt und rudert zum alten Handelsplatz von Kjerringøy hinüber. Bei schönem Wetter findet man ihn dann um die Mittagszeit vertieft in sein Notizbuch Kaffee trinkend und bei einem Stück Kuchen im Garten des Freilichtmuseums. Hier fühlt er sich anscheinend immer noch zu Hause, hat er doch früher in dem Museum gewohnt.

Bergriesen im Meer

Kjerringøy ist ein Platz zum Träumen. Eine Insel der Ruhe vor der nordnorwegischen Küste mit einer grandiosen Landschaft. Hier ist Hektik ein Fremdwort und die Kühe dürfen noch ungestört am Strand spazieren gehen. Auf der Seeseite schweift der Blick und findet erst wieder Halt an den mächtigen Bergen in der Ferne. Dazwischen liegt nur das dunkle Wasser des Vestfjord, das sich bis zur mächtigen Lofotenwand erstreckt. Beim Blick von der Küste ins Inselinnere fallen die schroffen Berge ins Auge, die fast 1000 Meter hoch direkt aus dem Meer aufragen und den Menschen seit jeher nur wenig Lebensraum ließen. Die meisten Besucher kommen zwar im Sommer, aber Kjerringøy hat das ganze Jahr über seine Reize.

Im Sommer lockt die Mitternachtssonne mit ihren unvergesslichen Lichtstimmungen und im Winter erstarrt das Wasser in den kleinen, flachen Buchten zu filigranen Eiswelten. Unentdeckt ist Kjerringøy zwar nicht mehr, dafür lockt das Museum doch zu viele Besucher an, die Insel ist aber noch lange nicht so überlaufen wie die Lofoten. Autos werden von der kleinen Fähre zwischen Festvåg und Misten nur in kleinen Portionen herüber gelassen, sie dosiert den Touristenstrom. So kommen die meisten nur für ein paar Stunden, um sich den alten Handelsort Kjerringøy anzuschauen und am Abend wieder in Richtung Bodø aufzubrechen. Zurück bleiben nur noch die Möwen, die dann die mit Gras bewachsenen Dächer besetzen und mit jedem zetern, der ihnen zu nahe kommt. Allzu Aufdringliche werden von ihnen mit Scheinangriffen in die Schranken gewiesen.

Wie zu Hamsuns Zeiten

Kjerringøy Gamle Handelssted ist ein wunderbar nostalgischer Ort, der sich seit Hamsuns Zeiten nicht verändert hat. Ein gutes Dutzend Holzhäuser in kräftigen Farben auf einer Landzunge, davor eine Landungsbrücke an der auch heute noch die Lofotenfischer anlegen könnten. Doch es dümpeln nur zwei kleine Ruderboote in dem glasklaren, türkisfarbenen Wasser des Fjordes. Früher machten die Fischer auf dem Weg zu den Lofoten hier Station und übernachteten im Handelshaus, dann lagen die Boote dicht gedrängt am Strand.

Das Geschäft mit dem Fischeinkauf und der Fischverarbeitung lief prächtig, die großen Heringsfänge machten den Ort reich. Begonnen hat dieser Aufschwung 1803, als Christian Lorentzen Sverdrup den Betrieb übernahm. Unter seinem Nachfolger Erasmus Benedict Zahl erlebte Kjerringøy dann seine Blütezeit. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts suchte sich der Handel neue Wege, Kjerringøy verlor an Bedeutung und 1955 musste am Ende auch der Kaufmannsladen schließen. Einige Jahre später übernahm dann die Provinz Nordland den weitgehend verfallenen Komplex und begann mit der Restaurierung der Gebäude.

Heute sind der Laden mit der silbernen Kasse, die gute Stube mit dem kunstvollen Ofen und den feinen Möbeln und die Küche mit Unmengen von feinem Porzellan wieder Schmuckstücke. Hamsun hat hier zwar nie gelebt oder gearbeitet, aber Kjerringøy war für ihn trotzdem ein wichtiger Ort. Erasmus Benedict Zahl war bekannt als Förderer unbekannter Talente, deshalb schrieb der junge Dichter, nachdem er „Der Rätselhafte“ und „Börger“ veröffentlicht hatte, an Nordnorwegens mächtigsten Mann und bat ihn um ein Stipendium. Zahl war nicht abgeneigt und so stand der 20-jährige Hamsun 1879 schließlich vor dem mächtigsten Mann Nordnorwegens. Hamsun wollte hinaus in die Welt und Dichter werden, dafür bekam er von dem Kaufmann als Starthilfe 2000 Kronen, damals eine stattliche Summe. Mit dem Geld in der Tasche fuhr er nach Süden und begann sich seinen Traum vom Schriftstellerdasein zu erfüllen.

Lebendige Filmkulisse

Ulf Mikalsen hat früher als Hausmeister in Kjerringøy gearbeitet. Mittlerweile lebt er mit seiner Frau Ingvild in einem alten Schulgebäude, das sie, nachdem sie jeden Balken und jedes Brett nummeriert hatten, auf einer Nachbarinsel abgebaut und danach in Kjerringøy wieder aufgebaut haben. Ulf ist einer der wenigen Nordlandbootbauer in Norwegen, der in monatelanger Handarbeit nach alten Bauplänen in seiner Werkstatt wahre Kunstwerke aus Holz entstehen lässt. Seine Boote begeistern durch die wunderschön geschwungene Form und mit dem hochgezogenem Bug und Heck wirken sie wie direkte Nachfahren der Wikingerschiffe.

In dem epischen Filmmelodram Jeg er Dina, das in den 1860er Jahren spielt und in Kjerringøy gedreht wurde, waren der alte Handelsplatz und Ulfs Boote unverzichtbare Requisiten. Er selbst durfte sich in dem Film auch als Schauspieler versuchen und zusammen mit Ingvilds Sohn Bjørn die Bootsmänner spielen. Ulf und Ingvild haben auch maßgeblichen Anteil an der Restaurierung und Eröffnung des neuen Kulturzentrums Zahlfjøsen, das gleich neben dem Freilichtmuseum liegt. Das große, wie eine Scheune wirkende rote Gebäude, wurde noch von Erasmus Zahl gebaut und beherbergt heute eine Bibliothek, ein Filmzentrum, eine Galerie und Ulfs Bootswerkstatt. Die zweite Etage dient als Museum, hier werden Filmausschnitte gezeigt, die nach Knut Hamsuns Werken gedreht wurden. Hamsunliebhaber können in rund 20 Ausschnitten schwelgen, von der Rarität aus dem Jahre 1921 bis zu ganz aktuellen Verfilmungen.

Entspricht Ulf ziemlich genau dem Bild des ruhigen, bedächtigen Nordnorwegers ist Ingvild ein überschäumendes Energiebündel mit immer neuen Ideen. Die gebürtige Kielerin, die über Bergen, Trondheim, Stockmarknes und Tromsø nach Kjerringøy kam, könnte mit ihrem Leben ganze Bücher füllen, scheint aber mittlerweile sesshaft geworden zu sein. Ingvild ist sie Keramikkünstlerin, ausgebildet in Bergen, deren Werke mittlerweile über ganz Nordnorwegen verstreut sind. Von den meisten Arbeiten kann sie Besuchern nur noch Fotos zeigen, aber das stört sie nicht weiter, denn in ihrer Werkstatt entstehen laufend neue, eigenwillige Kreationen. In diesem Sommer waren viele ihrer Keramikarbeiten im Kulturzentrum Zahlfjøsen zu sehen.

Text und Fotos: Christian Nowak

Finnland: Restaurant Day in Helsinki. Essen aus Nachbars Töpfen

Der Restaurant Day macht weltweit Furore. Überall kochen Nachbarn für Nachbarn. Erfunden hat man das Event aber in Helsinki. 

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Viermal im Jahr findet in Helsinki der Restaurant Day statt, dann werden Privatleute zu Köchen und zeigen was sie am Herd alles drauf haben.

Die Dame hatte mich durchs Wohnzimmerfenster zu sich herein gewinkt. Mitte dreißig war sie wohl, schwarze Haare und braune Augen. Sympathisch, sehr sympathisch sogar. Ich solle zu ihr kommen und mit ihr essen, hatte sie gesagt und mich dabei angelächelt. Die Tür stand offen. Aus der Küche rief sie mir zu, ich solle die Schuhe ausziehen. Ich tat wie geheißen und ging ich ins Wohnzimmer. K1024__MG_1997_4524

Da saßen sie dann, die anderen. Andrew aus Glasgow und seine Freundin Anne, Touristen auf der Durchreise. Lena, eine finnische Studentin. Meri, die Nachbarin der Gastgeberin. Und schließlich Wolfgang, „du kannst Wolfi zu mir sagen“, aus einem österreichischen Bergtal. Sie alle hatte die dunkelhaarige Schönheit ebenso wie mich in ihr Wohnzimmer gelockt.
Und dann kam sie, mit einer großen Platte voll Piroggen. Probieren sollten wir und so ihre Heimat kennenlernen.  Unsere Gastgeberin war, so sagte sie, in der ostfinnischen Stadt Joensuu geboren und Piroggen seien dort die Spezialität
Eine Pirogge, oder piirakka wie die Finnen sagen, ist eine mit Fleisch, Gemüse oder anderen Leckereien gefüllte Teigtasche, die man in ganz Osteuropa gerne isst. Die finnische Version, die karelische Pirogge, wird aus einem dünnen Roggenteig gemacht, der mit Milchreis gefüllt wird – früher, als es noch keine Reis in Finnland zu kaufen gab, bestand die Füllung aus Gerstenbrei.

K1024__MG_2027_4525Ein Gläschen Wein zur Pirogge gibt es auch. Der hat nichts mit Karelien zu tun, kommt aus Portugal und ist, wie Alkohol generell, in Finnland, ziemlich teuer. Die schöne Unbekannte verwöhnt uns. Mich sieht sie heute ebenso zum ersten Mal wie die anderen „Mitesser“, auch  diese hat sie von der Straße zu sich hereingewinkt.
Denn es ist Restaurant Day in Helsinki. Überall in der Stadt  wird gegessen und getrunken – aber nicht in Kneipen und Lokalen. Heute darf jeder kochen, der will und seine Speisen verkaufen, oder auch verschenken wie unsere Unbekannte hinterm Fenster. Sie sei Künstlerin, sagt Liisa und verrät schließlich doch noch ihren Namen. „Mir geht es nicht darum, Geld zu verdienen, ich will Leute kennenlernen“, lächelt sie und hebt ihr auf Glas uns, sagt „kippis“ und bringt ihren Gästen so auch das erste Wort Finnisch bei. „Prost“ meint der Finne, wenn er das sagt. Wolfi und ich schauen uns an. „Kipp es“, wie passend.

K1024__MG_2154_4531Den Restaurant Day haben die Helsinkier 2011 erfunden, jeder Hobbykoch und jeder Freizeit- Sommelier sollte an diesem Tag die Gelegenheit bekommen, sein eigenes „Restaurant“ zu eröffnen oder auch seinen eigenen „Weinkeller“. Eigentlich überrascht es, dass gerade die Finnen eine solche Idee hatten, eilt ihnen doch – nicht ganz zu Unrecht – der Ruf voraus,  eher zurückhaltend zu sein und nur selten Gäste zu sich nach Hause einzuladen. An vielen Häusern gibt es gar keine Klingeln – Zutritt nur mit Nummerncode –  und an denen, die Klingeln haben, werden sie abends abgestellt. Keine Chance für die Zeugen Jehovas und auch nicht für Freunde, die unangemeldet auf einen Sprung vorbeischauen wollen. Gastfreundschaft im mitteleuropäischen Sinne sieht anders aus. Gut, so wie offen und großzügig wie die  schöne Liisa gibt sich auch längst nicht jeder Gastgeber beim finnischen Restaurant Day.  An den Tisch in der guten Stube laden nur die wenigsten die fremden Gäste ein. Und kostenlos gibt‘s auch nur selten was.

K1024__MG_2118_4530Die meisten Hobbyköche bauen ihren Stand irgendwo in der Stadt auf, stellen einen Tisch vors Haus, packen ihn mit gefüllten Kochtöpfen voll oder legen einfach eine große Picknickdecke auf einer Wiese aus und präsentieren darauf die mitgebrachten Speisen. Manche errichten sogar Zelte – die sind dann klar im Vorteil, falls es regnet. Das Speise-Angebot reicht von Stullen bis Lachsfilet, von exotischen afrikanischen Gerichten bis zum Hamburger, dem „hampurilainen“,  der aus der Gefriertruhe direkt auf den Grill wandert. Große Kochkunst und Dilettantismus liegen mitunter eng  beieinander. Manchmal auch räumlich, wenn der  begnadete Hobbykoch auf Fast-Sterneniveau virtuos mit Pfannen und Töpfen hantiert und gleich neben ihm ein 15-jähriger für einen guten Zweck Würstchen brutzelt,– für neue Trikots für die B-Jugend im Fußballverein beispielsweise. Spaß haben sie aber alle, die beim Restaurant Day mitmachen. Käufer und Verkäufer. Und deswegen sind die Schlangen vor den improvisierten Ständen auch lang.

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Sizilianer auf Finnlandurlaub würden die Szenerie vermutlich nicht als besonders ausgelassen empfinden. Doch wer genau hinschaut, kann durchaus entdecken, dass an diesem Tag manche Dinge anders laufen als sonst – dass Menschen in der Warteschlange miteinander ins Gespräch kommen und ihre Plauderei sogar weiterführen, nachdem sie ihr Essen gekauft haben. Und, dass zwischen Kunden und Verkäufer nicht nur Geld und Speisen hin – und herwechseln, sondern auch freundliche Worte.
Angeblich baut auch ein Thüringer, der im finnischen „Exil“ lebt, an jedem Restaurant Day seinen Grill auf. Dann gibt es Bratwürste für die Helsinkier. So lernen nicht nur Deutsche und Österreicher – dank karelischer Piroggen – die finnische Kultur kennen, sondern auch Finnen die deutsche. Zumindest die deutsche Esskultur. Ich selbst habe den Mann mit den Rostbratwürstchen bei meinem Rundgang allerdings nicht entdeckt und so verlasse ich mich auf die Aussage meiner finnischen Freunde, die ihn “bisher jedes Mal gesehen haben“ und die sich sehr lobend über die Qualität seiner Grillware äußern. Das ist auch das Wichtigste, den Finnen muss es schließlich schmecken.

Von Rasso Knoller

Norwegen: Fragmente aus Johan Bojers Roman „Die Lofotfischer“

 

Wenn ganz Norwegen im Winterschlaf liegt, kommt Leben in die Inseln am Polarkreis und die Fischer gehen auf Dorschfang. Dann ist noch ein klein wenig von der hektischen Aktivität zu spüren, die hier Ende des 19. Jahrhunderts herrschte.

Schon seit Menschengedenken kommt im Winter der Dorsch zur Laichablage in die Gewässer vor den Lofoten. Und mit ihm kommen die Fischer aus allen Teilen des Landes. Auch heute noch, selbst wenn durch die jahrelange Überfischung die Quoten drastisch zurückgegangen sind. Wie es einst auf dem Vestfjord zuging, erzählt Johan Bojer in seinem Roman Die Lofotfischer. Es ist die Geschichte vom Kampf der Fischer um die Jahrhundertwende gegen Wind und Wellen, und von ihrer Suche nach Reichtum und Glück. Der Held ist Kristaver Myran, der mit seinem Sohn Lars, Henrik Rabben, Kaneles Gomon, Elezeus Hylla und Arnt Aasan in dem neu gekauften Boot Robbe auf Dorschfang geht. Fragmente aus Johan Bojers Roman Die Lofotfischer und Beobachtungen beim heutigen Dorschfang mischen sich zu einem Kaleidoskop der Lofoten zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

„Für Kristaver Myran war es ein großer Tag. Das, wonach er sich viele Jahre lang in aller Stille gesehnt hatte, war endlich Wirklichkeit geworden. Hier stand er als Führer seines eigenen Lofotbootes. Der bekannte Strand mit den kleinen Häusern verschwand und der frische Landwind trug die “Robbe” durch die Krappseen. Es ging den alten Weg nordwärts, Hunderte von Meilen in Sturm, Frost und Schneegestöber. Denselben Weg, den die Vorfahren seit langen, langen Zeiten gezogen waren.“

Auf Flakstadöya hat man Spuren der ersten Lofotenbewohner gefunden. An der Ostküste der Insel, in der Nähe von Napp, gibt es einen überhängenden Fels, der den Menschen wohl schon vor 6000 Jahren Schutz gegen Schlechtwetter bot. Und in Storbathallaren hinterließen sie eine steinzeitliche Müllkippe, die wie ein offenes Geschichtsbuch ist. So wissen wir heute, daß die Bewohner auf die Jagd gingen, aber auch schon Ziegen und Schafe als Haustiere hielten. Sie waren wahrscheinlich die ersten Lofotfischer, denn in ihrer Müllkippe fanden sich Fischgräten, Angelhaken und primitive Harpunenspitzen. Da die Lofoten zu dieser Zeit noch mit ausgedehnten Kiefern- und Birkenwäldern bedeckt waren, hatten sie auch genug Baumaterial für primitive Boote.

„Auf den Klippeninseln lagen mehrere kleine Hütten mit Rasendach, überragt von der Kirche, dem Krankenhaus, dem Seemannsheim, sowie dem weißen Wohnhaus des “Platzkönigs”. In den Sunden und im Hafen wiegte sich ein Wald von Masten, da lagen Dampfer, Segelschiffe, große und kleine Boote. Mehr als dreißig solcher Fischerplätze gab es auf den Lofoten, in dieser Jahreszeit waren sie alle wimmelnden Städten gleich. Hier waren Fischer von Norden und Süden zusammengeströmt und überwinterten auf einem Küstenstreifen von einigen hundert Meilen.“

Rorbuer gehören wie die wilden Berge und das Meer zum Bild der Lofoten. Es sind bunt gestrichene Holzhäuser, direkt am Wasser oder auf Pfählen über dem Wasser errichtet wurden. Heute werden viele von ihnen als luxuriöse Ferienwohnungen im Sommer an Touristen vermietet. Gebaut wurden sie aber für die Lofotfischer, die ersten wahrscheinlich schon von König Öystein, der im 12. Jahrhundert ein Einsehen mit den Fischern hatte. Trotzdem schliefen auch später noch viele Fischer unter ihren umgedrehten Booten, einen ganzen harten Winter lang. Die Rorbuer wurden von den Besitzern an die Fischer für eine ganze Saison vermietet, als Gegenleistung verkauften sie ihnen ihren Fisch. Die Lebensbedingungen in solch einer Rorbu müssen furchtbar gewesen sein. Sie bestanden aus einem Vorraum für die Gerätschaften und Vorräte und einem Raum, den sich eine ganze Bootsbesatzung, in der Regel 10 Mann, teilte. Hier wurde gekocht, gegessen, geraucht, getrunken und geschlafen. Hygiene war ein Luxus, für den der Lofotenwinter keinen Platz ließ. So stank die Rorbu wohl immer nach nassen Kleidern, Schweiß, Fisch und Tran. Am Abend muß die heiße und feuchte Luft im Innern zum Schneiden dick gewesen sein; am Morgen, wenn der Ofen runter gebrannt war, waren die gefrorenen Sachen von Rauhreif überzogen. Heute wohnen die meisten Fischer zwar beengt, aber doch recht komfortabel, auf ihren Booten.

„Endlich war der erste Fischtag, und lange bevor es hell wurde, lag die Fischerflotte in dichtem Schwarm vor der Ausfahrt in die offene See und wartete, daß die Signalflagge von der Aufsicht gehißt wurde. Die Ruder rieben sich knarrend aneinander, ein Boot rannte gegen den Nachbarn und wurde gleichzeitig von der anderen Seite eingepfercht. Schimpfworte und Flüche erfüllten die Luft, alle wollten zuerst hinaus. Jetzt geht die Flagge hoch, war vorher Gedränge, gibt es jetzt wirklich Spektakel, Ruder werden zerbrochen, Geheul und Geschrei ertönt, hier und da fährt ein Bootshaken in die Höhe, um zu schlagen.“

Der arktische Kabeljau wird von den Norwegern “Skrei” genannt, für uns ist es Dorsch. Nach Neujahr brechen Millionen Fische aus dem Eismeer zu einer Wanderung entlang der norwegischen Küste auf. Erst vor den Lofoten, und besonders im Vestfjord, finden sie ideale Laichbedingungen. Hier werden sie von den Lofotfischern schon erwartet. Einige Fische kommen aber noch zum Laichen und die Eier entwickeln sich zu Larven, die mit der Strömung nach Norden treiben. Ab April ernähren sie sich von Plankton, das sich jetzt sprunghaft vermehrt. Der Zug der Jungfische nach Norden dauert ungefähr drei Jahre, im Alter von sieben bis zehn Jahren werden die Fische geschlechtsreif, und der Kreislauf beginnt von Neuem. Gerät der Kabeljau vor den Lofoten nicht ins Netz, kann er viele Laichzüge unternehmen.

„Die Fischer ziehen mit jedem Angelwurf einen Dorsch an Bord, die Netze sind heute schwer beladen, die Männer ziehen und ziehen, der graue Strom, der über die Rolle geht, ist zottig vor Fischen, hier und da fällt einer herunter und schwimmt mit dem Bauch nach oben. Der Bootsführer stürzt fast kopfüber ins Wasser, wenn er ihn mit der Gaff wieder ins Boot reißt. Heute bleiben sie lange auf See, denn alle Fische müssen aus den Netzen genommen werden, damit diese von Neuem ausgelegt werden können.“

Der gefangene Fisch wurde sofort ausgenommen und paarweise an den Schwänzen zusammengebunden auf große Holzgestelle gehängt. Dort trocknete er in einigen Monaten zu Stockfisch. Die Köpfe wurden ebenfalls zum Trocknen aufgehängt und dann zu Fischmehl verarbeitet. Die Zungen gelten als Delikatesse und wurden traditionsgemäß von den Kindern herausgeschnitten. Aus der Leber wurde Tran gekocht, der Rogen eingesalzen und in Holztonnen gefüllt. Die beste Qualität der Stockfische wird auch heute noch nach Italien exportiert, wo er während der Fastenzeit gegessen wird. Afrika bekommt die minderwertigen Trockenfische und, falls Nigeria, einer der Hauptabnehmer, mal wieder in Finanznöten ist, reicht es nur zum Kauf der getrockneten Fischköpfe. Ein Teil des Fanges wurde früher zu Klippfisch verarbeitet, dazu wurden die Fische ausgenommen, gesalzen und auf den Klippen am Ufer zum Trocknen ausgebreitet. Heute werden zuerst die Kühlhäuser mit Kabeljaufilets gefüllt, bevor die Trockengestelle bestückt werden.

„Sie hatten seit einer Woche kein gekochtes Essen bekommen, sie hatten tagelang gehungert, jetzt mußten sie etwas anderes haben als Kaffee und Fladenbrot. “Mölje!” sagte einer. “Mölje!” stimmten die meisten ein. Das war ein Essen, und es war dieses Jahr noch nicht auf den Tisch gekommen. Henrik trug mehrere Schüsseln mit zerstückeltem Fladbröd herein, dann kam der Topf mit gekochter, dampfender Leber, von der er eine reichliche Portion auf jede Schüssel verteilte. Das Fett glänzte auf den Fladbrödhaufen, jetzt wurde Molkenkäse geschabt und darüber gestreut und schließlich wurde Sirup in langen goldenen Schlangen über das ganze gegossen. Dann wird alles mit dem Löffel verrührt, daß es wie ein Brei wird, Herrgott, das schmeckt!“

Die Lofotfischer brachten ihren Fang nach Bergen und deckten sich danach für ein Jahr mit Vorräten ein. War es ein schlechtes Jahr auf dem Lofot gewesen, mußte der Fischer anschreiben lassen. Da die schlechten Jahre überwogen, waren viele bald hoffnungslos verschuldet. Von 1250 bis 1550 war Bergen fest in der Hand deutscher Kaufleute. Die Hanse lieferte Getreide und diktierte die Preise für Stockfisch. Die großen Zeiten der Lofotfischer sind wohl für immer vorbei. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten bis zu 30.000 Fischer auf den Lofoten und Fänge von weit über 100.000 Tonnen pro Saison waren keine Seltenheit. Doch bald machte sich der Raubbau bemerkbar, und trotz staatlich limitierter Fangquoten ging es immer weiter bergab. Dann kamen die Seehunde und fraßen den Fischern angeblich die Dorsche weg. Aber die Seehunde verschwanden wieder, und die Dorsche wurden nicht mehr. Ende der achtziger Jahre kamen deshalb nur noch ungefähr 2000 Fischer im Frühjahr auf die Lofoten. Ihnen wurden gerade noch gut 10.000 Tonnen Kabeljau zugeteilt. Wer heute den Lofotfischfang sehen will, der muß genau hinschauen. In jedem Hafen ein paar Boote, eine Handvoll Fischfabriken, aber die hölzernen Gestelle bleiben lange leer. Von der brodelnden Hektik, wie sie um die Jahrhundertwende einst herrschte, ist nicht mehr viel zu spüren. Nur der Geruch nach Fisch ist geblieben und erinnert an bessere Zeiten.

„Konnte der Sturm noch schlimmer werden? Es war, als berste der rauchende Himmel in großen Rissen, aus denen Feuer hervor züngelte. Die langen, gelben Unwetterlichter am Himmel warfen seltsame Flammenstreifen auf das rauchende Meer. Wenn sie auf einen Wellenkamm hinauf pflügten und von der rasenden Fahrt der Wogen mitgerissen wurden, dann schien das Boot selber sich aus dem Meer emporzuheben und in der Luft zu fliegen. Es war, als verliere das Boot den Halt, an den es sich anklammern mußte. Und in einem solchen Augenblick geschah es, daß die “Robbe” vornüber in ein Wellental hinunterfuhr, sich dann gegen den Wind drückte und kenterte. Die Wellen schlugen darüber hin, aber jetzt war der Kiel nach oben gekehrt. Es ertönte ein Aufschrei von fünf Männern, als sie umschlugen. Sturm und Meer verschlang sie, dann war nichts mehr.“

Christian Nowak

 

Färöer: Bizarre Felsen, bunte Häuser und jede Menge Schafe

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Grün und fast menschenleer – Die Inselgruppe der Färöer begeistert vor allem Naturliebhaber

Den ganzen Sommer über liegt Musik in der Luft: in der Hauptstadt Tórshavn ebenso wie in den verstreuten Dörfern oder in den von Wind und Wellen ausgewaschen Meeresgrotten. Grün und schroff liegen die Inseln mitten im Atlantik, ein Paradies für Schafe und Seevögel. Wer sich auf die traditionelle Küche der Färinger einlässt, wird mit intensiven Geschmackserlebnissen belohnt.

Färöer-Inseln, alle Dörfer liegen an der Küste

Alle Dörfer sind bunt und liegen an der Küste

In gemächlichem Tempo tuckert die „Norðlýsið“ aus dem Hafen. Heute herrscht Flaute, deshalb musste Kapitän Birgir Enni den Schiffsdiesel des historischen Schoners anwerfen, die Segel bleiben eingerollt. Die „Norðlýsið“ ist eine betagte Schönheit, 1945 in Tórshavn gebaut, ging sie lange auf Heringsfang, seit einigen Jahren schippert sie Touristen durch die Gewässer der Färöer-Inseln. An Backbord zieht die Halbinsel Tinganes vorbei, in den roten Holzhäusern mit Grassodendächern, die wie ein perfekt saniertes Freilichtmuseum wirken, residiert das Färöische Parlament Løgting. Im Sommer wirkt das Regierungsviertel der kleinen Inselnation verlassen, doch nach der Sommerpause nimmt eine der ältesten Volksvertretungen Europas mit einem großen Festakt wieder die Arbeit auf.

Färöer-Inseln, Ausbooten zum Höhlenkonzert auf der Insel Hestur

Färöer-Inseln, Ausbooten zum Höhlenkonzert auf der Insel Hestur

Birgir Enni, ein Seebär wie aus dem Bilderbuch, steuert den Gaffelschoner „Norðlýsið“ von Tórshavn um die Südspitze der Hauptinsel Stremoy und nimmt dann Kurs Nord auf die kleine Insel Hestur. Ziel ist eine der größten Höhlen an der Küste. Hier lässt Birger ausbooten, das letzte Stück bis zum haushohen Höhleneingang wird in Zodiacs zurückgelegt. Kaum ist das letzte Schlauchboot in der Höhle, beginnt das „Concerto Grotto“. Heute verzückt Heðin Ziska Davidsen mit seiner elektrischen Gitarre die Zuhörer. Nur ein schwacher Lichtschein fällt durch den fernen Höhleneingang, ansonsten ist es stockfinster. Die Höhlenwände sorgen für eine einmalige Akustik, untermalt wird das Gitarrenkonzert vom leisen Rauschen der Brandung, Musik und Meer verschmelzen so zu einem fast mystischen Klangerlebnis. Die Höhlenkonzerte sind Teil des alljährlichen Musikfestivals Summartónar, das nicht nur die Nächte in der Hauptstadt in einen Festivalrausch versetzt, auch in vielen kleinen Orten auf den Inseln stehen Folk, Jazz und Blues auf dem Programm.

Färöer-Inseln, Höhlenkonzert mit dem Gitarristen Heðin Ziska Davidsen

Höhlenkonzert mit dem Gitarristen Heðin Ziska Davidsen

Die Inselgruppe der Färöer liegt mitten im Atlantik zwischen Großbritannien, Norwegen und Island, die 18 Inseln gehören zwar zu Dänemark, besitzen aber eine gewisse Autonomie. Stolz sind die rund 50.000 Färinger auf ihre Inselwelt, als Dänen sehen sie sich nicht, eher als eigenständiges Volk, das direkt von den Wikingern abstammt und seine eigene Sprache spricht.

Die meisten Inseln erheben sich als schroffe, bizarre Felsen aus dem Meer. Oft sind sie in Nebel gehüllt, denn die Inselgruppe bekommt so gut wie jedes atlantische Tiefdruckgebiet ab. Doch wenn die Sonne durchbricht, leuchten die Färöer sattgrün unter einem stahlblauen Himmel – bis zum nächsten Regenschauer. Von den Berghängen plätschert das Wasser, im Laufe der Zeit hat es sich tiefe Rinnen gegraben. Fjorde und Schluchten reichen weit ins Landesinnere, die Küsten sind reich an Höhlen und Grotten. Schwindelerregend steil fallen die meisten Felswände zum Meer ab, auf winzigen Felsvorsprüngen brüten im Sommer Millionen von Seevögeln und veranstalten ein Höllenspektakel. Durch diese archaische Landschaft streifen einige Zehntausend Schafe, sie halten das saftige Gras kurz, sorgen aber auch dafür, dass auf den Inseln kein Baum wächst. An einigen Stellen werden Kartoffeln und Gerste angepflanzt, auf kleinen Feldern auch mal Rhabarber und Kohlrabi oder Mairübchen, die allerdings in dem feucht-kühlen Klima erst Anfang August geerntet werden können.

Färöer-Inseln, es gibt mehr Schafe als Menschen

Auf den Inseln gibt es mehr Schafe als Menschen

Kein Punkt auf den Inseln liegt weiter als fünf Kilometer vom Meer entfernt. Winzige Dörfer, die sich alle „bygd“ nennen liegen direkt an der Küste, die Häuser drängen sich in einer Bucht dicht aneinander, so, als ob sie Schutz vor Wind und Wetter suchen. Fast überall sieht man noch die alten Holzhäuser, mal kunterbunt, dann wieder schwarz geteert mit weißen Sprossenfenstern, auf dem Dach wächst Gras.

Jahrhunderte lang hat die Natur den Speiseplan diktiert, wobei Fisch und Lammfleisch die wichtigsten Energiequellen waren. Heute wird zwar fast alles aus Dänemark importiert, doch die alten Essgewohnheiten werden vielerorts noch gepflegt. Eine fermentierte und luftgetrocknete Schafskeule gilt immer noch als Delikatesse, auch wenn der ziemlich strenge Geruch so manchen Besucher abschreckt. Das Restaurant „Ræst“ in einem der schönsten und ältesten Gebäude von Tórshavn hat sich auf traditionelles Essen spezialisiert. Küchenchef Kári zaubert aus fermentiertem Lammfleisch, getrocknetem Fisch und Walblubber ein bemerkenswertes Siebengängemenü, das Nase und Gaumen lange in Erinnerung bleibt.

Färöer-Inseln, getrockneter Fisch gehört zu den traditionellen Speisen

Getrockneter Fisch gehört zu den traditionellen Speisen

Text und Fotos: Christian Nowak

Berlin: Claudia Kerns liest Geschichten über Island

K1024_island_claudia_kerns_berlin_160913Eines Tages entscheidet sich Claudia Kerns, ihr Leben umzukrempeln. Raus aus dem Alltagstrott. Spontan geplant findet sie sich nur wenige Zeit später auf einer Insel im Atlantik wieder – in der REW in Berlin/Pankow erzählt sie von Island und ihrem neuen Leben….

Mehr zu Claudia Kerns hier:

https://www.facebook.com/events/494675620735811/

Mehr zu Island hier:

Island: Extreme Landschaften am Polarkreis

Und hier:

Island: Wandern in Landmannalaugar

 

Finnland: Åland – Die Champagnerinsel

Aland-Impression1 verkleinert60,6 Grad nördliche Breite, 19,55 Grad östliche Länge: Der teuerste und älteste Schaumwein der Welt kommt nicht etwa aus Frankreich, sondern von dem Archipel Åland mitten in der Ostsee!
Mund-geblasen, klobig und moosgrün. Von einem Etikett ist weit und breit nichts zu sehen, dafür scheint der Staub der Jahrhunderte an der bauchigen Flasche zu kleben. Dreckig ist sie, um ganz ehrlich zu sein. Was auf den ersten Blick wie ein längst überfälliger Kandidat für die Altglas-Sammlung wirkt, ist einem Paar aus Singapur einen Weltrekord wert – 30 000 Euro haben die beiden bei einer Auktion 2011 dafür hingelegt. Moment mal, 30 000 Euro? Man hat ja schon viel gehört von den Spleens der Superreichen aus Fernost, aber das ist dann doch ein bisschen … verrückt, oder? Alles eine Frage der Relation halten die Experten des französischen Auktionshauses Artcurial dagegen – schließlich handelt es sich bei dem Inhalt besagter Flasche um den ältesten Champagner der Welt. Ein Veuve Clicquot, vermutlich Jahrgang 1839.

Entdeckung eines Wracks

Der Reihe nach. Juli 2010. Alles fängt damit an, dass acht Männer und Frauen einen Tauchgang planen. Die Gruppe um Anders Näsman ist eine Art moderner Schatzsucher-Trupp. Die Profi-Taucher leben auf Åland, einer Inselgruppe am Eingang zum Bottnischen Meerbusen, die zu Finnland gehört, auch wenn ihre Einwohner Schwedisch sprechen. Die Ostsee ist das Heimat-Revier der Taucher. Hier grasen sie die dunklen Tiefen nach versunkenen Schiffswracks ab. An jenem Morgen albern sie herum, was sie wohl diesmal hochholen werden … Diamanten? Kisten voller Gold? Von einem befreundeten Fischer haben sie einen Tipp bekommen. Der will ein Wrack gesichtet haben, das noch keiner kennt. Die Crew nähert sich der beschriebenen Stelle, und tatsächlich ortet ihr Sonar in knapp fünfzig Metern Tiefe einen Schatten, der wie ein zweimastiges Segelschiff aussieht – scheinbar aufrecht auf dem Meeresboden stehend. Erregung breitet sich aus. Die Taucher schlüpfen in ihre Ausrüstung, gehen runter. Zuerst ist die Sicht noch gut, doch dann wird es trüb. Zwei, drei Meter, weiter können sie nicht sehen. Und doch … ein Segelschiff, wie vermutet! Sogar der circa 600 Kilogramm schwere Ziegelherd steht noch und ist bemerkenswert gut erhalten. Die Taucher finden einen Krug mit Olivenöl, eine Kaffeekanne, ein paar Teller der schwedischen Porzellanmanufaktur Rörstrand. 40 Minuten können die Taucher unter Wasser bleiben. Anders Näsman will schon wieder abdrehen, da wirft er noch schnell einen Blick in den hinteren Teil des Schoners … und entdeckt etwa 30 intakte Glasflaschen. „Ich wusste sofort, dass es sich um Champagner handeln musste, weil die Flaschen diese ganz spezifische Form hatten“, erzählt Anders Näsman später. Noch während er auftaucht, überlegt er: „Was sollen wir mit einem solchen Fund anstellen?“

Schwierige Bergung

Die åländischen Behörden erteilen den Tauchern die Erlaubnis, eine Flasche zu bergen, um so das Alter des Schiffs zu bestimmen. Champagner ist ein „hoch explosives“ Gut. Während der Taucher langsam mit der Flasche hochsteigt, merkt er, dass der Korken sich bewegt. Was tun? Ihm bleibt nichts anderes übrig, als den Daumen draufzupressen. Doch an Bord ist der Korken nicht mehr zu halten. Mit lautem Knall schießt er in die Luft, und so sind die Taucher die Ersten, die den wertvollen Tropfen kosten – aus Plastikbechern. Süß ist er, sehr süß sogar. Als nächste darf die lokale Sommelière Ella Grüssner Cromwell-Morgan ran. „Anders rief mich an und sagte, sie hätten da was aus einem Schiffswrack geholt, was ich probieren müsse“, erinnert sich die aparte Weinexpertin mit einem Schmunzeln. „Ich dachte nur: Das wird ja eine schöne Plörre sein!“ Weit gefehlt. Ella schnuppert, probiert und schwärmt: „Der Champagner hatte ein Bouquet von reifen Früchten, goldenen Rosinen und einem Hauch Tabak. Obwohl der Wein so unglaublich alt war, schmeckte er wunderbar frisch. Die Süße war perfekt in die Säure eingebunden.“ Tatsächlich scheint die Ostsee dem prickelnden Wein optimale Lagerbedingungen geboten zu haben: wenig Salzgehalt, kühl, ruhig und dunkel. Die Druckverhältnisse in 50 Metern Tiefe entsprachen mit fünf Bar in etwa dem Druck innerhalb der Flaschen. Perfekt!

Champagner aus der Zeit der Veuve Clicquot

Champagnerflaschen im Wrack verkleinertWas danach passiert, klingt wie die reinste Abenteuergeschichte. Erst mal muss festgestellt werden, wie viele Flaschen auf dem Boden des Schiffswracks schlummern. 30 hat Näsman beim ersten Tauchgang entdeckt, 162 werden es am Ende sein. Darunter übrigens auch vier Bierflaschen. 145 Flaschen werden nach und nach identifiziert – es sind Veuve Clicquot, Heidsieck und Juglar. Letztere ist eine Champagnermarke, die heute nicht mehr existiert. Sie ist 1829 im Haus Jacquesson aufgegangen. Die Åländer kontaktieren die Leute von Veuve Clicquot und berichten von ihrem Fund. In Reims reagiert man ungläubig. Champagner aus der Ostsee? Nie im Leben! Åland? Nie gehört! Wo soll das sein? Die Franzosen breiten eine Karte aus. Da wo die Inselgruppe angeblich liegen soll, ist nur blaues Wasser zu sehen. Åland gibt es nicht. Erst als Dominique Demarville, Kellermeister von Veuve Clicquot, die erste Flasche, die aus dem Wrack geborgen wurde, verkostet, malen die Franzosen ein dickes Kreuz in die Ostsee. Jetzt prangt auch auf ihrer Karte Åland, die Champagnerinsel! Die Schärengruppe wirkt mit ihren roten Holzhäuschen, den stillen Seen und den zahllosen Schäfchen, die wie weiße Sahnekleckse in die ansonsten grasgrüne Landschaft getupft sind, wie das reinste Astrid Lindgren Paradies. Hier geht das Leben einen gemächlichen Gang, doch damit ist es vorbei, als „die Fremden“ kommen. Im August 2010 reisen zwei Mitarbeiter von Veuve Clicquot in die Hauptstadt Mariehamn. Der Önologe Francois Hautekeur und die Historikerin Fabienne Moreau. Sie helfen den åländischen Fachleuten, den beinahe 200 Jahre alten Champagner umzukorken. Bei der heiklen Operation, die mit viel Fingerspitzengefühl durchgeführt werden muss, herrscht eine euphorische Stimmung. Der älteste erhaltene Champagner der Welt! Noch trinkbar! Von der legendären Witwe Clicquot selbst produziert! Wer glaubt, das berühmte Champagnerhaus hätte ohnehin von jedem seiner Jahrgänge ein paar Exemplare im Keller lagern, der irrt. „Die ältesten Flaschen, die wir haben, stammen aus dem Jahr 1905, also lange nach dem Tod von Madame Clicquot“, sagt Fabienne Moreau. Barbe-Nicole Clicquot Ponsardin, wie der vollständige Name der berühmten Witwe lautet, war eine bemerkenswerte Frau. Ihrer Zeit weit voraus, übernahm sie nach dem frühen Tod ihres Mannes 1805 die Leitung des Champagnerhauses kurzerhand selbst. Sie erfand neue Herstellungsverfahren, exportierte ihren Wein weltweit und machte ihren Namen zu einer berühmten Marke. Mit ihrem Konkurrenten Moët lieferte sie sich ein wahres Kopf an Kopf-Rennen, um den russischen Markt zu erobern.

Spitzenpreise bei Auktion

Und der Zarenhof in Sankt Petersburg könnte auch das Ziel des bis heute namenlosen åländischen Wracks gewesen sein. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging ohnehin ein Großteil der französischen Champagnerproduktion in den Osten. Die Russen waren verrückt nach dem prickelnden Luxuswein – je süßer, desto besser. „In heutigen Champagnern befinden sich maximal 15 Gramm Zucker pro Liter. Der Champagner aus dem Wrack enthält aber 140 Gramm pro Liter. Es ist ein Dessertwein“, erklärt der schwedische Fachmann Richard Juhlin.

Champagne_Foto_Daniel-Eriksson-verkleinertAufgeregt fieberte er der zweiten Auktion im Juni 2012 entgegen, denn er hat die 79 Flaschen des Funds, die noch trinkbar sind, klassifiziert. Zwei Flaschen des Schiffs-Champagners, der legal der autonomen åländischen Regierung gehört, wurden bereits im Jahr zuvor versteigert – die eine zu besagtem Rekordpreis von 30 000 Euro. Nun schreibt man den 8. Juni 2012. Der Schauplatz: Alandica Kultur- und Kongress-Zentrum, Mariehamn. Elf weitere Flaschen des ältesten Champagners der Welt stehen zum Verkauf. Wird ein neuer Rekord aufgestellt? Zum Ersten, zum Zweiten, zum … Nein. Als Auktionator Arnaud Oliveux den Hammer sausen lässt, geht die teuerste Flasche für 15 000 Euro weg. Natürlich ein Veuve Clicquot. Trotzdem gibt’s lange Gesichter. Ob man zu viele Flaschen in die Auktion gegeben hat? Drei Flaschen, die unter Wert versteigert wurden, ziehen die Veranstalter wieder zurück.

Insgesamt wird eine Summe von 109 280 Euro erzielt. Das Geld fließt in Umweltschutzprojekte in der Ostsee, der Champagner ähnlich wie im vergangenen Jahr nach Übersee. Bis auf jene Flasche, die als einzige nicht per Telefon oder Internet ersteigert wird, sondern von einem strohblonden Mann im Saal. Es ist Christian Ekström, einer der Taucher, die das Wrack entdeckt haben. Warum kauft ausgerechnet er seinen eigenen Fund? „Weil diese Flasche auf Åland bleiben soll“, erklärt er. „Und weil ich sie in meinem Pub in Godby ausstellen möchte. Sie wird zu einem ganz bestimmten Anlass geöffnet werden.“ Zu welchem, will er noch nicht sagen. Jetzt geht er erst mal mit seinen Taucher-Freunden feiern.

Aland-Impression3 verkleinert Kollege Anders Näsman verrät zum Abschied noch eins: Als nächstes werden sie ein weiteres Schiffswrack suchen, das alten Wein an Bord gehabt haben müsste. Welches Schiff? Wo? „Es ist in der Ostsee. Mehr sage ich nicht!“ Und dann dreht er sich um, greift nach einem Glas Champagner und führt es mit verschmitztem Lächeln an die Lippen.

Text: Alexa Christ, Fotos: Visit  Åland (2), Daniel Eriksson(2)

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Island: Die leidenschaftlichen Fußballer von der Vulkaninsel

Island, Lava am Myvatn, Foto C. NowakSeit der EM 2016 wissen es alle: Die Isländer können auch Fußball spielen. Als Außenseiter ins Turnier gegangen, stehen sie nach dem sensationellen Sieg gegen England im Viertelfinale.

„Komm und träume mit uns von einer Insel, einer Welt mit Wasser im Überfluss, mit natürlichen Ressourcen, die sich ständig erneuern, mit sauberer Energie und unberührter Natur, wo der Mensch in Harmonie mit der Umwelt lebt. Komm und träume mit uns von einer Insel an der Grenze der bewohnbaren Welt, vom Golfstrom umarmt, von Thermalwasser erwärmt und von Vulkanen beheizt. Komm und träume mit uns von einer Insel der Neuzeit, mit modernster Technologie und althergebrachten Traditionen, einer Insel mitten zwischen der Alten und der Neuen Welt. Komm und träume mit uns von Island, wo Träume wahr werden.“ Es ist zwar schon einige Jahre her, dass Island mit dieser Liebeserklärung auf der EXPO 2000 in Hannover für sich warb, doch auch heute könnte man den Charme der abgeschiedenen Insel im Atlantik kaum besser beschreiben.

Die Republik Island (isländisch: Lýðveldið Ísland) liegt im Nordatlantik nur wenig unterhalb des Polarkreises zwischen 63 und 66 Grad nördlicher Breite sowie 13 und 24 Grad westlicher Länge. Island ist Europas westlichstes Land, nur knapp 300 km von Grönland entfernt, bis zu den Faröer-Inseln sind es rund 400 Kilometer, nach Schottland rund 800 Kilometer und nach Norwegen rund 1000 Kilometer. Mit einer Fläche von 103.000 Quadratkilometern, dies entspricht in etwa der Größe der ostdeutschen Bundesländer, ist Island nach Großbritannien die zweitgrößte Insel Europas. Außerdem gilt sie als größte Vulkaninsel der Welt.

Eine Landschaft der Extreme

Große Teile sind von Wüsten, Vulkanen und Gletschern geprägt und wirken gleichermaßen faszinierend wie unwirtlich. Rund zwölf Prozent der Landesfläche sind von Gletschern bedeckt; mit dem Vatnajökull besitzt Island den größten Gletscher Europas. Insgesamt sind rund zwei Drittel der Insel Ödland, nur rund ein Viertel ist von meist karger Vegetation bedeckt, landwirtschaftlich nutzbar sind sogar nur zwei Prozent. So ist es nicht verwunderlich, dass Island mit gut 300.000 Einwohnern äußerst dünn besiedelt ist. Die Bevölkerungsdichte verteilt sich innerhalb des Landes sehr unterschiedlich: Rund ein Drittel der Isländer lebt im Großraum Reykjavik, der Rest in der Nähe der Küste, das Landesinnere ist vollkommen menschenleer. Die höchsten Berge erreichen rund 2000 Meter (Hvannadalshnjúkur 2119 Meter, Bárðarbunga 2000 Meter); die größten Seen sind Þórisvatn (83 Quadratkilometer) und Þingvallavatn (82 Quadratkilometer); der höchste Wasserfall (190 Meter) ist der Glymur im Botnsá, doch viel beeindruckender ist der nur 44 Meter hohe Dettifoss, der als wasserreichster Fall Europas gilt.

Island, Pingvellir Nationalpark, Allmännerschlucht, Foto C. NowakText und Fotos: Christian Nowak

 

Christian Nowak: Merian Momente Island

Island: Extreme Landschaften am Polarkreis

Inside the Vulcano

Abstieg in die Magmakammer

Reykjavík, die nördlichste Hauptstadt der Welt, ist nur zwei bis drei Flugstunden von Deutschland entfernt und lässt sich bequem an einem verlängerten Wochenende erkunden. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, kann spektakuläre Ausflüge in die Umgebung machen: In eine ausgebrannte Magmakammer einfahren, zwischen den Kontinenten abtauchen oder dampfende Solfatarenfelder erkunden.

Jules Vernes Helden begannen ihre „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ am isländischen Vulkan Snæfellsjökull. Alles nur Science Fiction? Nicht mehr, denn mittlerweile können sogar Touristen das Innere eines Vulkans erleben. Zwar nicht bis zum Mittelpunkt der Erde, aber immerhin bis in eine Tiefe von 120 m, was auch schon ziemlich beeindruckend ist.

Inside the Vulcano nennt sich das kleine Abenteuer und beginnt mitten in Reykjavík. Mit dem Kleinbus geht es in rund einer Dreiviertelstunde ins Bláfjöll, in die Blauen Berge, südöstlich der Hauptstadt. Bis zum Vulkan Þríhnúkagígur, ein Name, der für nichtisländische Zungen kaum auszusprechen ist und soviel wie Dreigipfelkrater bedeutet, sind es dann noch knapp eine Stunde Fußmarsch – hauptsächlich über mit Moos bedeckte Lavafelder.

Inside the Vulcano, Foto C. Nowak (3)

Farbiges Gestein im Innern dr Magmakammer

Zum Schluss geht es noch einige Meter steil bergauf, dann steht man am Kraterrand. Über den ist eine Art Leiter gelegt ist, an der ein Korb hängt, so wie ihn Fensterputzer an Hochhäusern verwenden. Fünf Touristen und der Guide passen in den Korb, den man über eine schwankende Leiterkonstruktion erreicht. An Stahlseilen schwebt der Korb dann mit den staunenden Touristen und einem mulmigen Gefühl in die Tiefe. Anfangs ist die Öffnung so eng, dass der Korb immer wieder an den Wänden anstößt und mit den Händen in die richtige Richtung dirigiert werden muss. Doch dann weitet sich die Öffnung zu einer riesigen, schwach beleuchteten Halle und frei schwebend geht es 120 m in die Tiefe. So sieht also ein Vulkanschlot von innen aus, durch den irgendwann mal glühend heißes, flüssiges Gestein an die Oberfläche geschleudert worden ist. Sechs oder sieben Minuten dauert der Schwebezustand, bis die allerdings wie im Fluge vergehen, denn das Innere des Vulkanschlots leuchtet in allen Farben. Das geschmolzene und in bizarren Formen wiedererstarrte Gestein ist mal gelb, dann violett oder sogar leuchtend rot. Das Loch durch das der Korb sich hindurchgezwängt hat, ist bald nur noch ein winzig kleiner Lichtpunkt in weiter Ferne zu erkennen, es ist wirklich ein Abstieg ins Erdinnere. Rund eine Dreiviertelstunde können Besucher am Grund der vor 4000 Jahren ausgebrannten Magmakammer bleiben und sich in der Magmakammer umschauen, bevor sie wieder in den Korb einsteigen müssen und wieder ans Tageslicht gebracht werden.

Schnorcheln zwischen den Kontinenten

Im Þingvellir-Nationalpark kann man nicht nur wandern sondern auch in eiskaltem Gletscherwasser Schnorcheln. Das Wasser ist kristallklar und die Sicht beträgt mehr als 100 Meter, was weltweit einmalig ist.

Für diese unglaubliche Unterwassersicht gibt es zwei Gründe: Das Wasser hat das ganze Jahr über eine Temperatur um 2° C und es ist das Schmelzwasser des rund 50 km entfernten Langjökull, das jahrelang durch das Lavagestein geflossen ist und dabei gefiltert wurde. Die Silfra-Spalte, die in den Þinvallavatn mündet, ist durch das Auseinanderdriften der Nordamerikanischen und Eurasischen Platte entstanden. Jedes Jahr wird die Spalte rund sieben Millimeter breiter.

Bevor man allerdings ans Schnorcheln denken kann, muss man sich erstmal warm anziehen: eine mühselige Prozedur! Lange Unterwäsche, warme Socken, dann erst zwängt man sich in den Dry Suit. Jetzt nur noch Handschuhe, Mütze, Taucherbrille, Schnorchel und Flossen, dann kann es endlich losgehen. Das Wasser ist wirklich eiskalt, man merkt es sofort im Gesicht und nach einer Weile werden auch Hände und Füße kalt. Aber es lohnt sich, vor allem wenn die Sonne scheint. Denn dann fluoreszieren die fadenförmigen Algen an den Felsen in einem unwirklichen Grün. Durch das unglaublich klare Wasser verliert man jegliches Gefühl für die Tiefe. Am Ende der Spalte lässt man sich dann noch eine Weile durch die flache Silfra-Lagune treiben, bevor es wieder an Land geht, wo Kekse und heißer Kakao warten.

Pingvellir Nationalpark, Allmännerschlucht

Pingvellir Nationalpark, Allmännerschlucht

Unterwegs auf der Rauchhalbinsel

Die Halbinsel Reykjanes bildet den südwestlichen Zipfel Islands. Hier begann mit der Landnahme von Ingólfur Arnason die Besiedlung der Insel, doch für Ackerbau und Viehzucht war die Gegend nicht besonders geeignet, denn es ist eine der unruhigsten Gegenden Islands.

Schon beim Anflug auf den internationalen Flughafen Keflavík sind die meist kahlen und trostlosen Lavaflächen auszumachen. An einigen Stellen steigt Rauch auf, weshalb der Name der Halbinsel mit „Rauchspitze“ oder „Rauchhalbinsel“ durchaus passend gewählt wurde. Auch die größte Attraktion Islands, die Blaue Lagune, ein Thermalbad mit herrlich warmem, milchig-blauem Wasser inmitten einer bizarren Vulkanlandschaft, ist ein Produkt der im Untergrund brodelnden Hitze.

Reykjanes, Geothermalgebiet Gunuhver

Reykjanes, Geothermalgebiet Gunuhver

Weit weniger bekannt und lange nicht so überlaufen wie die Blaue Lagune ist das Hochtemperaturgebiet am Kap Reykjanes. Der Leuchtturm weist nicht nur den Schiffen den Weg, auch von Land aus ist er weithin sichtbar und posiert auf einem Vulkanhügel als perfektes Fotomotiv. Im Hintergrund dampft das Geothermalgebiet Gunnuhver. Vom Küstenplateau, das von bizarr erodierten Felsen eingerahmt wird, ist der Vogelfelsen Eldey im Meer zu sehen. Hier lebten die letzten Riesenalke bevor sie 1844 ausgestorben sind. Eine Skulptur erinnert an die imposanten Vögel, ein ausgestopftes Exemplar befindet sich im Institut für Naturgeschichte in Reykjavík.

Reykjanes, Riesenalk

Reykjanes, Riesenalk

Nach einem Spaziergang erreicht man das Geothermalgebiet Gunnuhver, das erst in den 1960er-Jahren durch ein Erdbeben entstandenen ist. Erst seit Kurzem gibt es sichere Holzbohlenwege, von denen aus man sich die blubbernden Schlammtöpfe und die bunten Schwefelfelder anschauen kann.

Text und Fotos: Christian Nowak

 

Mehr über Island haben wir hier:
www.weltreisejournal.de/2014/01/02/island-rauchschwaden-am-muckensee

Und hier:
www.weltreisejournal.de/2013/08/13/island-schlammtopfe-und-solfataren

 

Schweden: Mit Schneeschuhen durchs sommerliche Moor

Foto C. Nowak-Bei Värnamo, Store Mosse Nationalpark, Wanderung mit Schneeschuhen

Der Store Mosse Nationalpark liegt in der historischen Region Småland einige Kilometer nordwestlich von der Kleinstadt Värnamo. Innerhalb des Nationalparks breitet sich eines der größten Moorgebiete Schwedens aus, eine liebliche Landschaft mit Hochmooren, Niedermooren, Seen und kleinen Wäldern. Auf geführten Schneeschuhwanderungen gelangt man im Sommer in Gebiete, die sonst nicht zu erreichen sind.

Unsere kleine Gruppe trifft sich an einem schönen Sommertag auf einem Waldparkplatz am Rande des Store Mosse Nationalparks. Unter fachkundiger Leitung wollen wir eine ganz besondere Moorwanderung unternehmen. Als Erstes bekommt jeder ein Fernglas, eine Lupe und ein Paar Schneeschuhe. So für alle Eventualitäten gerüstet, schlendern wir, die Schneeschuhe noch in der Hand, in den hügeligen Kiefernwald.

Foto C. Nowak-Värnamo, Im Store Mosse Nationalpark, Wanderung mit Schneeschuhen

Vorneweg geht Cornelia vom Informationszentrum des Nationalparks, erklärt dabei den Unterschied zwischen Blaubeeren, Preiselbeeren und Krähenbeeren, spürt Pilze, Libellen und Käfer auf. Sie erläutert auch die Entstehung des Store Mosse. Vor rund 18 000 Jahren begann das Eis der letzten Eiszeit zu schmelzen und bildete reißende Flüsse und große Seen. Sand und Moränenmaterial wurden mitgerissen und blieben schließlich in den Seen liegen. Besonders große Eisblöcke schmolzen erst viel später und bildeten Hohlformen im Gelände, die sogenannten Toteislöcher. Als erstes besiedelten Gräser, Kräuter und Flechten das vom Eis befreite Land, vor rund 11 000 Jahren wuchsen dann die ersten Kiefern und Haselnüsse.

Einige Tausend Jahre später wurde das Klima milder und feuchter, die Sandheide versumpfte und die ersten Torfmoose überzogen die Landschaft. Stetig wuchs der Moorboden in die Höhe, bis der Wasserstand sank und die Pflanzen den Kontakt zum Grundwasser verloren, aus dem Niedermoor wurde so ein Hochmoor, ein sehr nährstoffarmer Lebensraum. Heute besteht der Store Mosse Nationalpark aus mehreren von Sanddünen getrennten Hochmooren und Niedermooren.

Foto C. Nowak-Värnamo, Store Mosse Nationalpark

Erste Schritte mit Schneeschuhen

Bald kommen wir aus dem Kiefernwald ins Moor, doch noch laufen wir bequem über Bohlenwege. Am Ufer des Svartgölen Sees endet dann der Bohlenweg an einem schönen Picknickplatz. Ab hier kommen die Schneeschuhe zum Einsatz. Noch etwas zögerlich springen wir einer nach dem anderen auf den feuchten, federnden Moosboden und sind überrascht, dass wir kaum einsinken. Anfangs sind die XXL-Füße etwas ungewohnt, doch wenn man etwas breitbeinig geht und die Knie etwas höher hebt, klappt es ganz gut.

Früher wurde im Store Mosse Torf abgebaut, wovon heute aber kaum noch etwas zu sehen ist. Pflanzen haben es im Moor wegen der nährstoffarmen Böden schwer. In den mäßig nassen Senken wachsen gelbgrüne und grüne Torfmoose sowie der fleischfressende Sonnentau. Er kann sich mit Hilfe seiner klebrigen Blätter, die Verdauungsenzyme ausscheiden, einen Teil seiner Nährstoffe aus kleinen Insekten beschaffen. Die richtig nassen Bereiche hingegen bieten höheren Pflanzen kaum eine Nahrungsgrundlage. An relativ trockenen Stellen wachsen Heide, Glockenheide, Moosbeeren, Wollgras, Zwergbirken und Krüppelkiefern. Die Krüppelkiefern werden wegen der Nährstoffmangels zwar nur mannshoch, können aber trotzdem einige Hundert Jahre alt sein. In ihren Stämmen liegen die Jahresringe so dicht beieinander, dass man ihr Alter oft nur mit einem Mikroskop bestimmen kann.

Foto C. Nowak-Värnamo, Store Mosse Nationalpark, Schneeschuhwanderung

Vom Svartgölen See laufen wir zum Vitgölen, nehmen in seinem tiefschwarzen Wasser ein Bad, machen an seinem Ufer Picknick und stapfen schließlich zurück zum Ausgangspunkt. Dank der Schneeschuhe ist zwar keiner im Morast versunken, aber die Schuhe sind pitschnass und riechen noch tagelang nach Moor. Da bei jedem Schritt zudem Wasser an den Schneeschuhen hängenbleibt, sind auch Hose und Jacke völlig durchnässt. Keiner von uns hat eine Gehtechnik gefunden, die das verhindert, was an diesem sonnigen, warmen Sommertag aber niemanden gestört hat.

Christian Nowak

Foto C. Nowak-Värnamo, See im Store Mosse Nationalpark

Foto C. Nowak-Värnamo, Store Mosse Nationalpark, Wandern mit Schneeschuhen

Foto C. Nowak - Värnamo, Store Mosse Nationalpark, Wanderung mit Schneeschuhen