Deutschland/Dänemark: Mit dem Rad von Berlin nach Kopenhagen

Der Radfernweg Berlin – Kopenhagen führt durch die Mecklenburgische Seeplatte, alte Residenzstädte, die Hansestadt Rostock und über die Ostsee bis in die dänische Hauptstadt.

Wir treffen uns am Brandenburger Tor, dem Wahrzeichen Berlins, früher Symbol der Teilung und des Mauerfalls, heute Touristenmagnet und Mittelpunkt der zusammengewachsenen Hauptstadt. Von hier wollen wir den Radfernweg Berlin – Kopenhagen in Angriff nehmen. Offiziell beginnt er zwar knapp zwei Kilometer weiter östlich am Schlossplatz, doch bei den rund 630 Kilometern, die vor uns liegen, fällt die kleine Abkürzung kaum ins Gewicht.

Auf den ersten Kilometern zeigt sich Berlin mit Reichstagskuppel, Regierungsviertel und Hauptbahnhof modern und weltstädtisch, doch schon bald geht es dann bis zur Stadtgrenze fast nur noch am Wasser entlang. Hohenzollernkanal, Havel, Nieder Neuendorfer See und die Oder-Havel-Wasserstraße bilden den gelungenen Auftakt dieser grün-blauen Radtour, denn bis nach Kopenhagen schlängelt sich der Radweg durch unzählige Wälder und Felder und verläuft über lange Strecken am Wasser.

Wohlwollend nehmen wir schon nach wenigen Kilometern zur Kenntnis, dass sich die Initiatoren dieses Radfernweges sehr viel Mühe mit der Streckenführung gegeben haben. Denn wir radeln fast immer auf wenig befahrenen Straßen oder sogar autofreien Wald- und Uferwegen. Und auch der Straßenbelag wird diese Woche zur Genusstour machen, denn die Reifen rollen überwiegend über makellosen Asphalt, sodass die Fahrt nach Kopenhagen selbst auf dem Rennrad kein großes Problem wäre.

Doch wir lassen uns Zeit, denn rechts und links des Weges gibt es soviel zu sehen, dass wir die Fahrt alle paar Kilometer unterbrechen könnten. In Oranienburg wartet das älteste Barockschloss der Mark Brandenburg, das als Landsitz für die Frau des Großen Kurfürsten, Louise Henriette, gebaut wurde. 2009 war der historische Schlosspark Teil der Landesgartenschau, die unter dem Motto „Traumlandschaften einer Königin“ stand. Zumindest noch in diesem Jahr sind die liebevoll gestalteten Themengärten im Schlosspark zu besichtigen. Jenseits der bedrückenden Gedenkstätte Oranienburg-Sachsenhausen wird es schnell ländlich, dichte Wälder und Felder, die ihre Farbe mit der Jahreszeit von sattem Grün zu kräftigem Goldgelb ändern, aber auch Bauernhöfe, Dörfer und kleine Städte ziehen vorbei.

Ein Stück Industriegeschichte

Kurz nach Zehdenick führt der Radfernweg durch eine heute menschenleere Tonstichlandschaft, die auf den Ziegeleipark Mildenberg einstimmt. Mehr als 50 Seen, alles ehemalige und später geflutete Tontagebaue, sind entlang der Havel in eine wunderbar grüne Landschaft eingebettet. Von den 1890er Jahren ziemlich genau 100 Jahre lang war Mildenberg einer der wichtigsten Orte der Ziegelproduktion in ganz Europa. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass hier einst mehr als 5000 Menschen arbeiteten und rauchende Schlote die Luft verpesteten.

Vor allem das schnell wachsende Berlin der Gründerzeit hatte einen unersättlichen Bedarf an gebrannten Ziegeln und die kamen zum Großteil aus Mildenberg. Wichtigstes Relikt aus dieser Zeit ist der gewaltige Ringofen, der wegen seiner genialen Konstruktion ununterbrochen Tag und Nacht brennen konnte. Ab dem kleinen Ort Himmelpfort, in dem jedes Jahr ab Mitte November unzählige Briefe an den Weihnachtsmann beantwortet werden, radeln wir praktisch von See zu See, von denen viele bei schönem Wetter zum Baden einladen. Stolpsee, Röblinsee, Menowsee, Ellbogensee, Plättinsee, Gobenowsee, Woblitzsee und Zierker See bringen uns schließlich nach Neustrelitz.

Größte Sehenswürdigkeit der 1733 von den Herzögen von Mecklenburg-Strelitz gegründeten barocken Stadt ist ihr quadratischer Marktplatz, von dem sternförmig acht gerade Straßen in die Haupt- und Nebenhimmelsrichtungen abgehen. Hier steht auch das klassizistische Rathaus, das nach Plänen des Schinkelschülers Friedrich Wilhelm Buttel errichtet wurde. Auch nach Neustrelitz ist das Wasser allgegenwärtig, es sind die Seen der Mecklenburgischen Seenplatte. Nach einem kurzen Stück durch den Müritz Nationalpark führt ein wenige hundert Meter langer Abstecher zur Quelle der Havel, die von hier mehr als 300 Kilometer unter anderem durch Berlin und Brandenburg fließt, bevor sie bei Havelberg in die Elbe mündet.

Das Trojanische Pferd von Ankershagen

Der kleine Ort Ankershagen, im 12.Jahrhundert von Siedlern gegründet, ist ein typisches Angerdorf, hier befindet sich das weltweit einzige Heinrich-Schliemann-Museum. Auch wenn es von den Räumlichkeiten eher klein ist, zählt es doch zu den bedeutendsten Museen Mecklenburg-Vorpommerns. Diese Anerkennung verdankt es in erster Linie seinem Direktor Dr. Reinhard Witte, der sich seit Jahren der Schliemann-Forschung verschrieben hat, die seiner Meinung nach noch lange nicht abgeschlossen ist. Genügend Material für viele weitere Jahre der Forschung gibt es mit Sicherheit, denn Schliemann frönte während seines ganzen Lebens einer regelrechten Sammelleidenschaft, sein Nachlass besteht unter anderem aus rund 80 000 Briefen.

Das Museum befindet sich in einem schönen Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert, einst war es das Pfarrhaus von Ankershagen. Hier verbrachte Heinrich Schliemann, Sohn eines Pfarrers, acht Jahre seiner Kindheit. In seiner Autobiografie beschreibt er auch Ankershagen, den Ort seiner Jugend, die Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert, das Hügelgrab aus der Bronzezeit und das Ritterschloss, all das kann man auch heute noch besichtigen. Schon als Achtjähriger soll er in Ankershagen davon geträumt haben, irgendwann einmal Troja auszugraben. Vor dem Museum steht symbolträchtig ein großes hölzernes Trojanisches Pferd, in den Innenräumen fallen sofort die Nachbildungen aus dem Schatz des Priamos ins Auge.

Auf kleinen Straßen geht es nun durch Felder und kleine Dörfer an der Grenze des Nationalpark Müritz entlang bis nach Federow. Die Nationalpark-Information bietet je nach Jahreszeit Adlersafaris, Vogelstimmenführungen oder Radtouren durch das Kerngebiet des Nationalparks. Doch der Höhepunkt ist die Live-Übertragung aus einem Fischadlerhorst. Der Horst befindet sich an der Spitze eines Strommastes, eine Kamera mit Zoom- und Schwenkfunktion vermittelt hautnahe Einblicke in das Familienleben der Fischadler, ohne die Tiere beim Brutgeschäft zu stören. Im Laufe der Jahre sind so einmalige Aufnahmen auch vom Füttern der Jungtiere entstanden. Wer will, kann sich natürlich auch die Fischadler in der Natur anschauen, doch selbst mit einem guten Fernglas ist der Adlerhorst immer noch relativ klein und längst nicht so imposant wie aus der Kameraperspektive.

Über Waren, Krakow, Güstrow und Schwaan führt uns der Radweg nach Rostock und ans Meer, das wir von nun an kaum noch aus den Augen verlieren werden. Mit jedem Atemzug füllen sich die Lungen mit frischer Luft, feine Nasen können das Meer schon riechen und im Gesicht ist der Wind zu spüren. Stadtbrand und Zweiter Weltkrieg haben der Hansestadt Rostock arg zugesetzt, doch einige historische Giebelhäuser und Backsteinkirchen konnten rekonstruiert werden, auch das Rathaus am Neuen Markt und die Reste der Stadtmauer sind sehenswert.

Die Kreidefelsen von Møn – fast schöner als Rügen

Doch wir wollen schnell auf die Fähre und in knapp zwei Stunden hinüber nach Dänemark. Der Fährhafen Gedser besitzt wenig Reiz, lohnender ist der Abstecher zu den herrlichen Sandstränden von Marielyst. Die Inseln Falster und Lolland sind bretteben und wenig abwechslungsreich, deshalb entschließen wir uns, den rund 50 Kilometer langen Abstecher um die Insel Møn zu machen.

Vor allem wegen der Kreideklippen, als kilometerlange, senkrechte Wand steigen sie aus dem Meer, von einem Buchenwald gekrönt, der sich bis an die Abbruchkante wagt. Der Abstieg auf endlosen Treppen hinab zum Strand gleicht einer Zeitreise durch 70 Millionen Jahre Erdgeschichte, konserviert in der Kreide. Unten angekommen können sich die Augen dann nicht satt sehen an dem Farbendreiklang aus weißer Kreide, blauem Himmel und grünem Buchenwald. Zurück auf dem Radfernweg ist die Stadt Køge das nächste Ziel, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen. Aus dieser Zeit sind vor allem um den Marktplatz noch viele alte Häuser erhalten geblieben. In der Nørregade, Brogade, Vestergade und Kirkestræde, den kleinen Straßen rund um den weitläufigen Marktplatz, fallen immer wieder wunderschöne alte Fachwerkhäuser ins Auge.

Besuch bei der Kleinen Meerjungfrau

Doch nun lockt Kopenhagen, die wohl charmanteste Stadt Skandinaviens und Ziel des Radfernweges. Kopenhagen hat viel zu bieten, viel mehr als die Kleine Meerjungfrau und den Tivoli. Im Zentrum gibt sich Kopenhagen als weltstädtische Metropole, hier schlägt aber nur eines der vielen Herzen der Stadt. Was uns sofort auffällt, sind die vielen Radfahrer, mehr als ein Drittel der Pendler sollen mit dem Rad unterwegs sein, auch Anzug oder High Heels fahren in Kopenhagen Rad. Fast jede Straße hat einen Radweg oder Radstreifen und eine Grüne Welle für Radfahrer gibt es auch – davon können Autofahrer in Dänemarks Hauptstadt nur träumen.

Ungewohnt ist auch die Disziplin der Kopenhagener, jeder benutzt den Radweg und an roten Ampeln wird fast ausnahmslos gehalten. Die Stadtbesichtigung fällt viel zu kurz aus – denn für Kopenhagen braucht man mindestens zwei oder besser drei Tage. Um einige der rund 100 Museen anzuschauen, über die Einkaufsstraße Strøget zu schlendern, einen Kaffee vor der bunten Häuserzeile von Nyhavn zu trinken, die Marmorkirche und Schloss Amalienborg anzuschauen, die neue Oper zu bewundern oder dem Freistaat Christiania einen Besuch abzustatten. Es gibt viele Gründe, um wieder nach Kopenhagen zu kommen.

Christian Nowak

 

 

Dänemark: Winterfreuden auf Rømø

Rasso Knoller, Familie am Sønderstrand auf Rømø

Über eine Million Feriengäste kommen pro Jahr nach Rømø. Die meisten von buchen ihre Urlaub aber für den Sommer, im Winter hat man die kilometerlangen Strände ganz für sich allein.   

Spaziergänger mit Hund am Sønderstrand auf Rømø

Der Wind pfeift ums Haus. Der Regen klatscht gegen die Scheiben. Perfektes Urlaubswetter auf der dänischen Insel Rømø. So müssen wir wenigstens kein schlechtes Gewissen haben, wenn das Frühstück mal wieder etwas länger dauert – ein paar Stunden länger. Erst kurz vor der Tagesmitte räumen wir Teller und Tassen in den Geschirrspüler. Die Küche in unserem dänischen Ferienhaus ist deutlich größer als die zu Hause, das Esszimmer mit dem langen Holztisch so gemütlich, dass uns erst mal nichts in die Winterkälte hinaustreibt. „Ein offener Kamin, eine Sauna und ein gutes Fernsehprogramm – wenn sie das bekommen, sind die deutschen Feriengäste zufrieden“, sagt Bodil Glistrup Thomsen, die Tourismuschefin der Insel. Offenbar wird das alles auf Rømø geboten, denn die Gäste von jenseits der nur wenige Kilometer südlich gelegenen Grenze stellen die größte Besuchergruppe.  

Dünen bei Lakolk auf Rømø

Einen offenen Kamin hat auch unser Haus. Jetzt am Morgen knistert darin noch kein Feuer.  Am Abend aber werden wir ihn anzünden – und uns nach dem Saunagang davor kuscheln. Die Aussage der Tourismuschefin, das Fernsehprogramm betreffend,  überprüfen wir deswegen nicht – immerhin, ein schicker Apparat steht im Wohnzimmer.

Mit dem Lenkdrachen am Strand 

Am Nachmittag klart das Wetter dann doch auf, also schnell aus dem Haus und hinunter zum Strand. Der zieht sich  auf knapp 20 Kilometern an der gesamten Westküste der Insel entlang – und ist so breit, dass man im Sommer sein Auto direkt neben Sonnenschirm und -liege parken kann. Obwohl dann der Strand zu einer offiziellen Straße wird, bleibt für die Badenden genügend Platz.
Jetzt, im Winter, lässt man sein Fahrzeug ohnehin besser am Parkplatz an der Strandeinfahrt stehen. Der Regen der vergangenen Tage hat den Sand in Matsch verwandelt, und so mancher abenteuerlustige Fahrer kann seinen Strandausflug nur mit Hilfe des örtlichen Abschleppunternehmers beenden.
Die Drachensteiger sind schon da, als wir zum Strand kommen. Nicht so viele wie im Sommer,  wenn ein ganzer Strandabschnitt für sie gesperrt wird und tausende Lenkdrachenfreunde zum berühmten Drachenfestival im September nach Rømø kommen. Ein halbes Dutzend Mutige trotzen der Kälte  und werden dafür mit einer steten Brise belohnt. Lustig flattern die bunten Fluggeräte  im Winterwind. Wir aber suchen keine sportlichen Herausforderungen, belassen es bei einem Spaziergang – den Wind im Gesicht und die Nachbarinsel Sylt im Blick. Die Sonne lugt durch die Wolkenfetzen und sorgt für magische Lichterspiele.

Hundefreunde Sønderstrand auf Rømø
Ein Paar mit Labrador spaziert in der Ferne am Meer entlang. Hand in Hand, der Hund ein paar Schritte voraus. Wie in einem Scherenschnitt heben sich die Drei vom Horizont ab. Der Wind zaubert uns rote Farbe ins Gesicht und bläst die Alltagsgedanken aus dem Kopf. Das Meer bietet den Augen Auslauf, nichts, das sich ihnen in den Weg stellt. Die Wasseroberfläche wird zur Projektionsfläche der eigenen Träume. Lediglich ein Fischkutter tuckert langsam durchs Bild.

Dänischer Fisch vom deutschen Koch 

Nach zwei Stunden ist der  Wind dann doch durch die Kleidung gekrochen. Doch bevor wir ins kuschelige Ferienhaus zurückkehren, steht ein Abstecher in den Hauptort Havneby auf dem Programm. Im Sommer stehen die Feriengäste hier in langen Schlangen an der Kasse des örtlichen Lebensmittelladens, und einen Tisch im Restaurant bucht man dann lieber schon am Vortag. Ab September kehrt aber Ruhe ein, und Havneby wirkt ein bisschen wie ein Geisterort. Nur, dass hier die Häuser nicht wirklich verlassen sind – und nirgends Türen und Fenster im Wind schlagen. In Havneby ist alles nur winterfest gemacht, die Wohnungen stehen nur zeitweise leer. Im Sommer kehren die Gäste dann wie Zugvögel zu tausenden zurück. Im Winter gibt es keine Platzprobleme im Restaurant. Man sitzt mit den wenigen Einheimischen zusammen im Lokal, und weil jetzt jeder viel Zeit hat, kommt es schnell zu einem grenzüberschreitenden Dialog.

Sonnenuntergang auf Rømø
In Holms Røgeri&Restaurant serviert man den besten Fisch auf der Insel – zubereitet von einem deutschen Koch, der nach Dänemark ausgewandert ist. So jedenfalls nennt er das. Genau genommen ist er nur aus dem Nachbarlandkreis jenseits der Grenze hierher gezogen. Rund 50 Kilometer von seinem Geburtsort entfernt kocht er jetzt –  in Dänemark. Nur eine halbe Stunde ist man mit dem Auto nach Deutschland unterwegs und doch sind die Unterschiede groß. Das spüren nicht nur Urlauber. Das bestätigt auch der Koch.Viel entspannter gehe es zu im Nachbarland, sagt er. Deswegen will er hier bleiben und hat für sich und seine Familie auf Rømø ein Haus gekauft. Die Tochter ist Leichtathletin und trainiert für Olympia. Irgendwann will sie da mal an den Start gehen – für Dänemark. 

Text und Bild: Rasso Knoller

Grönland: Im Hundeschlitten durchs ewige Eis

Fotograf: Thomas Bauer

 Abenteuer am Rand der bewohnbaren Welt

»Awwuuuii«, ruft Inuuta mit mächtigem Bass und lässt die Peitsche über den Köpfen seiner dreizehn pechschwarzen Hunde knallen. Und nochmals: »Awwuuuii«, als ich auf den Schlitten steige und auf einem Bärenfell Platz nehme. Unter der arktischen Sonne scheinen Millionen Eiskristalle, die die Walrossbucht bis zum Horizont bedecken, einander Morsezeichen zuzufunken. Selbst durch die Gläser der Sonnenbrille hindurch schmerzt das gleißende Weiß die Augen. Reglos liegt die gigantische Ebene vor meinen Blicken: ein endloses Blatt unbeschriebenes Papier, das jemand um den Erdball gewickelt hat.

 800 Kilometer bis Ittoqqortoormiit

Es ist nicht einfach, nach Ittoqqortoormiit zu gelangen. Der kleinste und entlegenste Distrikt Grönlands befindet sich über achthundert Kilometer entfernt von der nächstgelegenen Siedlung, Tasilak. Verkehrsverbindungen über Land gibt es nicht. Von Herbst bis weit ins Frühjahr hinein kann man ausschließlich auf dem Luftweg anreisen: von Reykjavik mit einer Propellermaschine, dann per Hubschrauber über das größte Fjordsystem der Erde hinweg. 1925 gründeten siebzig Wagemutige die Siedlung, da ihnen an dieser Stelle besonderes Jagdglück vergönnt war. Bis heute ist Ittoqqortoormiit die Heimat von Jägern geblieben. Seine Bewohner haben gelernt, unter harschesten Bedingungen zu überleben.

Fotograf Thomas Bauer

Ein drittes Mal lässt Inuuta sein weit schallendes »Awwuuuii« hören, ehe er sich zu mir umdreht. »Ready?«, fragt er mich. Als ich nicke, ruft er etwas nach vorn, das wie »geck« klingt. Im selben Moment staubt überall um uns herum Schnee auf. Dreizehn Energiebündel stemmen sich mit vollem Körpergewicht in die Riemen. Wie ein Kaninchen springt der Schlitten hakenschlagend über das Eis. Sofort stürzt sich der Fahrtwind auf mich. Eisdurchzogene Luft prasselt gegen meine Wangen, nistet in Nase und Mund. Wie ein Raubtier fällt sie über die Ritze her, die sich nach jeder Drehung meines Kopfes zwischen der Mütze und der Schneebrille auftut. Hastig stülpe ich eine Skimaske über das Gesicht, dabei muss ich aufpassen, dass ich nicht seitwärts vom Schlitten falle, der nach wie vor den Schneesalsa tanzt.

Weißgrau ist die Erde

Alle halbe Stunde dreht sich Inuuta zu mir um, als wolle er sich vergewissern, dass ich noch immer hinter ihm sitze. Er ist kein Mann der Worte; schwer rumpeln diese seine Kehle empor. Ohnehin sperrt sich Ostgrönländisch dem europäischen Sprachenverständnis; es knarzt wie eine defekte Tür im Wind. Unter uns knirscht das Eis wie Meeresbrandung, in die der Schlittenlenker seine kehligen Kommandos ruft. Der Himmel ist weißgrau, und weißgrau ist auch die Erde, auf der wir uns bewegen. Als seien wir samt dreizehn Hunden und einem fünfhundert Kilogramm schweren Schlitten in einen gigantischen Milchtopf gefallen.

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Nach anfänglichen Schwierigkeiten mag ich das einseitige Menü, das uns die Arktis Tag für Tag auftischt. Stolz werfe ich mich in die Brust, als sei ich ein direkter Nachkomme von Erik dem Roten. Dieser kam um das Jahr 983 nach Grönland. Von ihm stammt die Landesbezeichnung: Mit der Mär vom »grünen Land« wollte er Siedler auf die Insel locken. Nun also trete ich in seine Fußstapfen, und ich habe keine Angst! Ich habe drei Spezialunterwäschen an, darüber eine wattierte Hose, zwei Fleece-Oberteile, zwei windabweisende Jacken und über alldem noch einen gefütterten Winteranzug. Damit sehe ich ein wenig aus wie die Taliban-Ausgabe des Rocksängers Meat Loaf, der sich den Künstlernamen »Fleischklops« aufgrund seiner Leibesfülle gegeben hat. Das Erstaunliche ist, dass ich trotzdem noch immer friere. Vielleicht war Erik der Rote, der auf manchen Zeichnungen mit nacktem Oberkörper abgebildet ist, doch ein zäherer Hund als ich.

Bei minus 42 Grad übers Eismeer

Allerdings fahren Inuuta und ich direkt auf dem Eismeer; das Thermometer zeigt minus zweiundvierzig Grad Celsius an. Ich spüre, wie sich das Blut aus meinen Zehen und Fingerspitzen zurückzieht, und mir wird klar, dass die nordische Einöde niemals gezähmt werden kann. Aus Dschungeln können wir Felder machen, schroffe Berge mit Skipisten überziehen, sogar die Wucht des Meeres lassen wir für uns arbeiten. Doch wer von uns kann eine Leere beherrschen? Wer kann die drückende, sich von allen Seiten aufdrängende Abwesenheit füllen, und mit wem oder was?

In allen Himmelsrichtungen liegen bis zum Horizont Eis und Schnee, eine unbegreifliche Weite und die Ahnung, dass dieses Land uns nicht bei sich haben will. Dass es uns höchstens duldet, aber eigentlich auf andere Lebewesen ausgerichtet ist: auf Eisbären und Walrosse und Moschusochsen, unförmige, fellbehangene Kolosse – vielleicht auch auf die Dämonen und Geister, die die Inuit seit jeher im Inlandeis vermuten.

Fotograf: Thomas Bauer

Immerhin setzt Inuuta der Unwirtlichkeit der Landschaft einen rudimentären Luxus entgegen. Während einer Pause entzündet er einen Petroleumkocher, auf dem wir »arktischen Toast« zubereiten. Dafür rammen wir tiefgefrorenen Toastscheiben ein Messer in die Seite, halten sie über die Flamme und belegen sie anschließend mit halbgefrorenem Dosenfleisch, dessen Haltbarkeitsdatum auf Zeiten verweist, in denen Gerhard Schröder Kanzler war. Als weiteren »Leckerbissen« kramt Inuuta Eisbärfleisch hervor, das wir genauso zubereiten. Es schmeckt wie eine Mischung aus alter Schuhcreme und einem trockenen Lederlumpen.

In Inuuta spiegelt sich der Grundrhythmus der Arktis. Routinemaßnahmen – Hunde abschnallen, Schnee schmelzen, Lager bereiten – reihen sich aneinander, werden aber unvermittelt unterbrochen von Momenten höchster Spannung. Wer in dem Bruchteil der Sekunde, in dem eine Robbe auftaucht, ein Riss durchs Eis fährt, die Konturen eines Bären im Schnee sichtbar werden, nicht das Richtige tut, geht unter. Tagelang hält das Leben den Atem an, um ein auf das Extremste komprimierte Erleben plötzlich umso lauter hinauszuschreien. Wochenlang Claude Monets Wasserpflanzen, dann plötzlich Edvard Munchs Schrei. Monatelang »Das Traumschiff«, dann ohne Vorwarnung Bruce Willis. Das ist der Takt, den dieses gigantische Land allen Lebewesen vorgibt.

Keine Schmusehunde vor dem Schlitten    

Die Schlittenleine ist bis kurz vor dem Zerreißen gespannt, als wir unsere Fahrt fortsetzen. Mit jeder Faser ihres Körpers verkörpern die Hunde, woraufhin ihre Rasse in einem über zweitausendjährigen evolutionären Auswahlprozess getrimmt wurde: unglaubliche Lasten bei brutaler Kälte durch eine lebensfeindliche Einöde ohne festen Boden zu ziehen. Entgegen einer weitverbreiteten Meinung haben die knapp dreißigtausend grönländischen Schlittenhunde nichts mit Huskies zu tun. Schon gar nicht ähneln sie den verzärtelten Züchtungen, die in unsere Breiten leben. Stattdessen stammen sie direkt vom Wolf ab und können daher nicht bellen. Wenn sie raufen, schlagen sie einander die Zähne in die Flanke. Ohne zu zögern würden sie einen ausgewachsenen Bären angreifen. Bei minus fünfzig Grad legen sie sich in den Schnee und schlafen. Am nächsten Morgen ist ihr Fell mit einer Eisschicht überzogen. Sie stehen auf, schütteln die eisige Hülle ab und freuen sich aufs Weiterziehen. Eine Vermischung mit Artgenossen, die südlich des Polarkreises aufwachsen, zöge drakonische Strafen nach sich. An nordgrönländische Schlittenhunde darf nichts Weiches, nichts Zurückhaltendes, nichts Zweifelndes kommen.

Inuutas Leithund, ein zotteliges Muskelpaket, weiß, dass die Peitsche des Schlittenlenkers nicht bis zu ihm reicht. Diese braucht es auch nicht, da das Tier augenblicklich auf die raubeinigen Angaben seines Herrchens reagiert. Obwohl der Leithund am weitesten von Inuuta entfernt läuft, ist die Bindung zwischen diesen beiden am stärksten. Ihr Vertrauen in den jeweils anderen ist der Kitt, der die Hundeschlitteneinheit zusammenhält. »Er sieht zwar wild aus«, gibt Inuuta zu, als wir uns bei einer Pause je zwei Tafeln Schokolade einverleiben, »doch eigentlich kann mein Leithund richtig zutraulich sein. Überzeug dich selbst!«.

Der Leithund sträubt die Haare und lässt ein grollendes Gurgeln hören, als ich mich ihm nähere. Vorsichtig lege ich ihm meine Hand auf den Rücken. Gewaltige Muskeln arbeiten direkt unter seiner Haut. Als er die Pfote hebt, um sie mir in die Hand zu legen, wölbt sich der Bizeps nach außen, und als er sich spielerisch an meinen Beinen reibt, muss ich mein Gewicht fest in den Boden stemmen, um nicht zur Seite geschoben zu werden. Grönländische Schlittenhunde sind die Arnold Schwarzeneggers ihrer Art.

Kleiner "Schwarzenegger"

Kleiner „Schwarzenegger“

Wilde Dreizehn

Und ich bin im selben Moment ein Teil des Gespanns geworden. Ja, ich möchte am liebsten nur noch auf schneeumrankten Schlitten vorwärtsgleiten, gezogen von Inuutas »wilder Dreizehn«! Als sie merken, dass wir die Pause beenden, stimmen die Hunde ein melodiöses Jodeln an. Aufrecht stehen Inuuta und ich auf dem Schlitten, wie ein Surfbrett wollen wir ihn heute über das Eismeer jagen: vorneweg die schwarze Wolke und dahinter wir, aufrecht wie die Wikinger. Inuuta blickt mich an, und zum ersten Mal meine ich etwas wie Anerkennung in seinem Gesicht zu erkennen. Er nickt mir kaum merklich zu. Ich ziehe die Mützen tief ins Gesicht und drücke meine Schneebrille fest auf die Augen. »Geck«, rufe ich dann nach vorn.

 Mit einem hellen Vibrieren spannt sich das Seil. Überall um uns herum staubt Schnee auf. Der Schlitten tanzt über das Eis, und wir sind wieder unterwegs, werfen uns neuen grandiosen Abenteuern entgegen.

 Thomas Bauer Thomas Bauer

 

Dänemark: Kopenhagen – Die handliche Hauptstadt

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Tivoli, Foto: Cees van Roeden

Kopenhagen ist handlich. Die dänische Hauptstadt macht es Besuchern leicht, sie zu erobern. Die Innenstadt ist so klein, dass man fast alle Sehenswürdigkeiten zu Fuß entdecken kann. Schnell fühlen sich Besucher heimisch. Die Stadt am Øresund macht einen weltoffenen Eindruck, die Bewohner sind alles andere als nordisch-verschlossen. An Sonnentagen fühlen sich Besucher, die über den Strøget bummeln, der Lebensader der Stadt und mit 1,8 Kilometern längsten Einkaufsstraße Europas, bei all den Straßencafés und Straßenmusikern in eine südliche Stadt versetzt. Dass es auch in Kopenhagen in den letzten Jahren die sozialen Verwerfungen gegeben hat wie in anderen Metropolen auch – so hat sich das einst so tolerante Dänemark das strengste Ausländerrecht der EU zugelegt – fällt im Alltag nicht auf.

Das perfekte Touristenziel

Zugegeben: Unter den In-Zielen auf dem Kontinent läuft Barcelona dem kleinen Kopenhagen spielend den Rang ab. Aber ganz gerecht ist das nicht. Wenn diese Stadt nicht existierte, hätten Touristiker sie als Städtedestination erfinden müssen. Denn Kopenhagen ist alles: eine Shoppingstadt par excellence, eine Metropole voller Sehenswürdigkeiten, Kirchen und Museen, eine gastronomische Hochburg und eine perfekte Destination für Familien. Selbst wer Royales schätzt, kommt hier auf seine Kosten. Doch der Reihe nach:

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Shopping in Kopenhagen ist ein so großes Vergnügen, weil das Angebot im Vergleich zu anderen Städtezielen durch typisch Dänisches und zugleich Originelles ergänzt wird: durch Design. Was dänisches Design auszeichnet, genial im Großen, überraschend praktisch im Kleinen, verrät am schnellsten Illums Bolighus – nicht zu verwechseln mit dem berühmten Kaufhaus Illum ganz in der Nähe – am Amagertorv, einem der ungezählten quirligen Plätze der Stadt.

Drei Tage reichen nicht aus, um nur die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Kopenhagens abzuhaken. Ein Muss ist der Vergnügungspark Tivoli mitten in der Stadt, der 30.000 Besucher und mehr am Tag anzieht. Einer von ihnen, Michael Jackson, war seinerzeit so fasziniert von den 25 historischen Karussells, den vielen Lichtern und 400.00 Blumen, der überbordenden Gastronomie mit 30 Restaurants und 10.000 Sitzplätzen, dass er den 1874 gegründeten Park kurzerhand kaufen, in Kisten packen und in die USA verschiffen wollte.

Mehr als nur die Kleine Meerjungfrau

The Little Mermaid

Foto: Rasmus Flindt Pedersen

Die meistfotografierte Maid der Stadt ist die Kleine Meerjungfrau, die – überraschend klein – auf einem Findling an der Uferpromenade Langelinie sitzt. Künstlerisch wertvollere Plastiken birgt die Ny Carlsberg Glyptotek, das größte Museum der Stadt mit einer der berühmtesten Gemäldesammlung auf dem ganzen Globus. Wer’s eine Nummer kleiner mag, sollte die intimste Gemäldesammlung der Stadt besuchen, Den Hirschsprungske Samling mit meisterhaften Werken der immer noch zu wenig bekannten genialen Skagenmaler.

Ob historisch oder hochmodern: Wer beeindruckende Architektur schätzt, wird beim Spaziergang in Kopenhagen so manchen Abstecher machen – zum Schwarzen Diamanten beispielsweise, dem hypermodernen Erweiterungsbau der Königlichen Bibliothek, oder hinaus zu Kopenhagens neuestem Stadtteil Ørestad. Dort liegt VM Bjerget, der „WW Berg“, eine villenartige Wohnsiedlung, die pyramidenartig elf Stockwerke aufsteigt. An historischen Gebäuden ist Kopenhagen unendlich reich, denn die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg nicht bombardiert. Die Börse, das Kastell, die Christians Kirke, die Liste der sehenswerten Gebäude ließe sich noch ellenlang fortsetzen.

Von Nyhavn nach Christiania

Idyllisch ist die Szenerie am Nyhavn, dem Stichkanal, den Christian V. im 17. Jahrhundert vom Hafen bis zum Kongens Nytorv anlegen ließ. Einst sündige Meile, ist die historische Häuserzeile mit ihren touristisch herausgeputzten einstigen Mastrosenkneipe beliebter und den historischen Schiffen, die hier vor Anker liegen, Treffpunkt der Kopenhagen-Touristen. Für junge Stadturlauber besitzt die legendäre „Freistadt“ Christiania eine große Anziehungskraft, in der die Bewohner seit vier Jahrzehnten – mehr oder weniger erfolgreich – mit alternativen Lebensformen experimentieren. Auch hier gibt es durchaus idyllische Ecken. Aber Achtung: Wer hier ungeniert fotografiert, kann sich schnell großen Ärger einhandeln.

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Ob eine Billig-Pizza in Christiania oder im multikulturellen Stadtviertel Nørrebro oder ein – sündhaft teures – Dinner im Restaurant Kadeu mit einem Michelin-Stern: In Kopenhagen ist der Tisch reich gedeckt. Hier gibt es übrigens mehr Sternerestaurants als in jeder anderen skandinavischen Stadt. Typisch dänisch ist das Smørrebrød, was eigentlich „Butterbrot“ bedeutet, aber viel mehr ist. Alles, was aus dem Meer kommt, wird zum Smørrebrød verarbeitet, von Krabben bis zum Kaviar, außerdem Schinken, Käse, Eier… Urlaubern reichen zwei, drei dieser köstlichen, aber keineswegs billigen Kreationen, um von der frohkost-Zeit (Lunch) bis zum middag (Dinner) durchzuhalten. Ältestes und berühmtestes Smørrebrød-Restaurant ist Ida Davidsen in der Store Kongensgade 70. Die Speisekarte, mehr ein Zettel, mit 150 Angeboten ist 1,40 Meter lang.

Ein Bett für jeden Geldbeutel

Das Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten ist so vielfältig wie die ganze Stadt. Es reicht von Quartieren für junge Leute wie die Cab Inns über solide, meist gemütliche und geschmackvoll ausgestattete Mittelklassehäuser – originell ist das Copenhagen Admiral (Tolbodgade 24-28) in einem 200 Jahre alten, umgebauten Speicher – bis hin zu Luxushäusern. Allen voran das Flaggschiff D’Angleterre am Kongens Nytorv. Wer von den Großen dieser Welt etwas auf sich hält, steigt hier ab. Alfred Hitchcock drehte hier Szenen zu seinem Thriller „Der zerrissene Vorhang“. Noch in keinen Film sondern gerade mal ins Internet hat es das Hotel Babette Guldsmeden geschafft, das vierte Kopenhagener Haus der Guldsmeden-Hotelgruppe, die sich auf nachhaltig und unter strengsten ökologischen Gesichtspunkten geführte Boutique- Hotels spezialisiert hat. Kein Wunder: Es ist gerade erst eröffnet worden. Alle Zimmer im Babette Guldsmeden sind mit balinesischen Möbeln, Himmelbetten und Original-Kunstwerken ausgestattet.

Eine kinderfreundliche Stadt

Auch das macht Kopenhagen so liebenswert: Kinder jeden Alters sind immer und überall willkommen, selbst in den „vornehmsten“ Hotels. Das äußert sich nicht in überzogener Herzlichkeit, sondern darin, dass stets an den Nachwuchs gedacht wird. So besitzen die vielen übers Stadtgebiet verteilten Würstchenbuden selbstverständlich ein zusätzliches, tiefer hängendes Ablagebrett, das Kinder gut erreichen können. Spielecken bei Behörden, in Museen, in Banken und Geschäften sind eine Selbstverständlichkeit. So fällt es Kopenhagen-Touristen leichter als in anderen Städten, ihre Kinder mit auf den Citytrip mitzunehmen.

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Foto: Kim Hansen, Louisiana Museum of Modern Art

Zu sehen und zu unternehmen gibt es für die Kleinen und Kleinsten auch abgesehen vom Tivoli mehr als genug – eine Hafenrundfahrt beispielsweise, ein Besuch in Nordeuropas größtem Aquarium Den Blaa Planet oder ein Nachmittag im Experimentarium City mit Spaß und Spiel auf 3000 Quadratmetern. Und da gibt es ja noch das Königliche Kopenhagen. Schloss Rosenborg, ein Renaissanceschloss wie aus dem Märchenbuch, fasziniert Eltern wie Kinder gleichermaßen – der Rittersaal, das Schreibzimmer Christians IV., die Kronjuwelen in der Schatzkammer. Im – eigentlich aus vier Palais bestehenden – Schloss Amalienborg, der königlichen Residenz, dürfen die kostbar, aber überladen ausgestatteten Privatgemächer zweier Könige besichtigt werden. Wenn die Königin anwesend ist, findet um 12 Uhr mittags die Wachablösung im großen Stil statt. Die Garde zieht jeden Tag von ihrer Kaserne quer durch die Stadt bis zum Schloss.

Königin Margrethe II. ist äußerst beliebt. Seit 42 Jahren im Amt, ist sie volksnah und bescheiden geblieben und hat sich auch als Designerin, Grafikerin und Bühnenbildnerin einen Namen gemacht. Für die Kettenraucherin, die aber seit ein paar Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit raucht, ist es selbstverständlich, dass ihre Luxuskarosse an der Ampel bei Rot hält und auf Grün wartet – zum Gaudi der Touristen, die dann einmal eine leibhaftige Königin aus der Nähe sehen können. Ein wahres Volksfest ist der Geburtstag der Königin am 16. April, bei dem ihr Tausende, fähnchenbewaffnete Verehrer vor dem Schloss zujubeln. In Dänemark, so spötteln Zyniker, sind auch die Gegner der Monarchie Royalisten.

Horst Schwartz

Dänemark: Leuchtturm in den Dünen

Rubjerg Knude, Visit Denmark

„Warum baut man einen Leuchtturm mitten in die Sanddünen? Die Antwort auf diese Frage bekommen Urlauber in Nordjütland aus dem Munde eines „echten Vendelbos“. So nennen sich die Einheimischen im hohen Norden Dänemarks. Naturführer wie Jakob Kofoed machen mit Interessierten unter anderem Touren entlang der Küste und auf die Wanderdüne Rubjerg Knude. Sie ist noch etwa 100 Meter hoch und wandert mit hoher Geschwindigkeit weiter. Vor wenigen Jahren verschüttete sie auch den Leuchtturm Rubjerg Knude Fyr unter sich. Heute ist er wieder freigelegt und bietet Material für viele Geschichten.

Rasso Knoller: Nordeuropa – Porträt einer Region

785 Nordeuropa USDänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und das weit draußen im Atlantik gelegene Island werden auch unter dem Begriff »Nordeuropa« zusammengefasst: Fünf Länder, die auf eine lange gemeinsame aber nicht immer harmonische politische Vergangenheit zurückblicken können. Ein gut ausgebautes Sozialsystem, lange Zeit vordere Plätze im PISA-Vergleich der Schulen und erfolgreiche Frauen in Politik und Wirtschaft – auf der Habenseite haben die Nordlichter vieles gemeinsam. Aber genauso groß wie die Gemeinsamkeiten sind auch die Unterschiede. Neidisch blicken die klammen Isländer auf den norwegischen Ölreichtum, kopfschüttelnd kommentieren die Schweden die dänische Alkoholpolitik, irritiert reagieren die Finnen auf die dänische Wortgewalt. Und die Rivalität zwischen Norwegen und Finnland auf der einen und Schweden auf der anderen Seite ist ohnehin legendär. Erstmals stellt Rasso Knoller  die nordischen Fünf gemeinsam vor.

Dänemark: Zum Eurovision Song Contest nach Kopenhagen

Vom 6. bis 10. Mai 2014 findet in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen der Eurovision Song Contest statt.  Die gelungene Mischung aus Prachtbauten und Einkaufstraßen lädt zu einem abwechslungsreiche nStadtbummel ein.

Der beste Ausgangspunkt für einen Stadtrundgang ist der Rathausplatz, denn hier schlägt das Herz der dänischen Hauptstadt. Der gut 100 Jahre, alte, imposante Klinkerbau des Rathauses ist das beherrschende Gebäude und besitzt eine starke Ähnlichkeit mit dem Palazzo Publico im toskanischen Siena. Über dem Eingang wacht die vergoldete Statue von Bischof Absalon mit Schwert und Bischofsstab über die von ihm 1167 gegründete Stadt.

Auf dem Dach sind weitere Figuren zu sehen, die die Nachtwächter der Stadt darstellen. Wer ein wenig Kondition besitzt, kann den höchsten Turm der Stadt erklimmen und nach 300 Stufen einen schönen Blick über Kopenhagen und den nahen Øresund genießen. Neben dem Rathaus stehen auf der einen Seite auf einer schlanken Säule zwei Lurenbläser und richten ihre Instrumente gen Himmel, auf der anderen sitzt der Märchendichter Hans Christian Andersen in Bronze gegossen. Seine Knie sind von den vielen Kindern, die darauf für ein Erinnerungsfoto Platz genommen haben, schon ganz blank gescheuert.

Alle lieben den Tivoli

Nur paar Schritte über die Straße befindet sich der Eingang zum Tivoli, neben der Kleinen Meerjungfrau das bekannteste Wahrzeichen Kopenhagens. Bei seiner Eröffnung 1843 lag der Tivoli noch außerhalb der Stadt, heute bildet er eine grüne Insel inmitten der dänischen Hauptstadt. Karussell, Achterbahn und Riesenrad, feine Restaurants, gebrannte Mandeln, Zuckerwatte, Popcorn und die feine Michaelsen Schokolade, das ist die Tivoli-Mischung, die immer noch die Besucher begeistert.

Platz ist knapp im Tivoli, jeder Quadratmeter ist kostbar. Während über den Köpfen die Achterbahn rumpelnd durch die Kurven saust, lutschen die Besucher auf den Parkbänken seelenruhig ihr Softeis. Danach geht’s ins verrückte Spiegellabyrinth, auf den fliegenden Teppich, zum Drachen, zur Galeere und zu den wilden Schwänen. Gleichzeitig spielt im Promenadenpavillon das Symphonieorchester klassische Musik und auf der chinesischen Pfauenbühne treibt Pierrot seine Späße. Den Auftritt des stummen weißen Dieners gibt es schon seit der Eröffnung des Parks.

Anfangs war er eine Notlösung, denn der König hatte jede politische Äußerung im Theater verboten, gegen ein Pantomimentheater hatte er aber nichts einzuwenden. Den ersten Pierrot hat der Schauspieler Volkertsen jahrzehntelang mit Hingabe gespielt. Nach seinem Abgang bekam er gegenüber der Bühne ein Denkmal gesetzt. Von dem schaut er mit seinem rot geschminkten Mund, dem weißen Gesicht und den schwarzen Knopfaugen den Besuchern auf den Kopf. Wer sich vergnügt, möchte auch gut essen, kein Problem im Tivoli, denn die Auswahl ist so groß, dass die Entscheidung schwer fällt. Das Angebot reicht von den Nobelrestaurants „Balkonen“ und „Divan“ bis zur kleinen Waffelbäckerei.

Auf dem Strøget

Nach dem Tivoli geht es zum Strøget – zum Strich, doch diesen Straßennamen gibt es auf keinem Stadtplan. Die belebteste Einkaufsmeile der Stadt beginnt am Rathausplatz als Frederiksberggade, geht dann in Nygade, Vimmelskaftet, Amagertorv und Østergade über und endet schließlich am Kongens Nytorv.

Die Frederiksberggade ist der jüngste Teil vom Strøget. Weil hier bei einem Großfeuer 1728 die meisten der alten Häuser den Flammen zum Opfer fielen, wurden beim Wideraufbau die verwinkelten Straßen begradigt und verbreitert. Deshalb führt die Frederiksberggade heute geradlinig bis zum Gammeltorv und Nytorv. Ein Stück weiter liegt auf der linken Seite der Gråbrødretorv, der schönste und lebendigste Platz Kopenhagens. Hier haben die Franziskaner im 13. Jahrhundert ihr erstes Kloster gebaut. Wegen ihrer grauen Kutten wurden sie “Graue Brüder” genannt, was dem Platz seinen Namen gab. Mitten auf dem Platz und in den schön renovierten Bürgerhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert gibt es zahlreiche Restaurants und Kneipen, in denen häufig Livemusik gespielt wird.

-DK, Kopenhagen, Rathausplatz, Lurenbläser

Durch den Kringlegangen, vorbei an der Helligåndskirke, ist man vom Platz der Grauen Brüder schnell wieder in Höhe des Amagertorv auf dem Strøget. Der Amagertorv ist kein abgeschlossener, gemütlicher Platz, eher nur eine Ausbuchtung des Strøget, die gut an dem Storchenbrunnen zu erkennen ist. Wer genau hinschaut, erkennt zwar keine Störche sondern Reiher, die mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Brunnen sitzen, doch für die Kopenhagener ist es seit jeher der Storchenbrunnen. Hier haben die Straßenkünstler ihre Bühne und liegen einige der besten Shoppingadressen.

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Illums Kaufhaus, Jensens Silberschmiede, edle Boutiquen und Larsens Tabakhandel sind die Aushängeschilder. Auch Royal Copenhagen ist hier zu finden. Die Erzeugnisse der Königlichen Porzellanmanufaktur werden im Mathias Hansens Gård, einem der ältesten Häuser der Stadt mit prächtiger Fassade und Stufengiebel angeboten. Mit schmalem Geldbeutel bleibt der Besuch im obersten Stockwerk, im Café Royal Copenhagen, das Kaffee und Kuchen auf königlichem Porzellan serviert. Links zweigt vom Amagertorv die Købmagergade, eine weitere Einkaufsmeile, und rechts der Højbro Plads, mit Blick auf Slotsholmen mit Schloss Christiansborg, ab.

Auf Slotsholmen, der Schlossinsel, protzt Kopenhagen mit seiner Geschichte. Sie ist die Keimzelle der Stadt und bildet seit rund 1000 Jahren auch das Zentrum der Macht. Von Bischof Absalons Burg bis Schloss Christiansborg spannt sich der historische Bogen. In den Kellern des mächtigen, vierflügeligen Schlosses mit seinem 90 Meter hohen Turm und der Fassade aus Bornholmer Granit sind noch die 900 Jahre alten Mauern der ersten Burg zu besichtigen, die Bischof Absalon an dieser Stelle errichten ließ.

Heute drängen sich auf Slotsholmen auf engstem Raum das Parlament, die Ministerien, das oberste Gericht, die Empfangssäle der Königin, die Königliche Bibliothek sowie einige Museen. Der Strøget endet schließlich am Kongens Nytorv, dem neuen Markt des Königs. Zentrum des größten Platzes der Innenstadt ist das Reiterstandbild König Christian V., der im 17. Jahrhundert den Nytorv zum Mittelpunkt der schnell wachsenden Stadt machte.

Im Laufe der Jahrhunderte entstanden um den Platz mehrere repräsentative Palais: Schloss Charlottenborg im holländischen Barockstil, Det Kongelige Teater, das ehrwürdige Kaufhaus Magasin du Nord und die Nobelherberge Hotel d’Angleterre. Vor dem neoklassizistischen Bau des Königlichen Theaters sind Statuen von Adam Oehlenschläger, dem Autor der dänischen Nationalhymne und vom norwegischen Komödiendichter Ludvig Holberg zu sehen.

Von Nyhavn nach Frederiksstaden

Vom Kongens Nytorv ist schon der kurze Nyhavn Kanal zu sehen, den ebenfalls König Christian V. in Auftrag gegeben hat, da er einen Stichkanal zu seinem neuen Königlichen Markt wünschte.

Seit dem 18. und 19. Jahrhundert sind beide Seiten des Kanals von bunten Giebelhäusern gesäumt. Die nostalgischen Holzsegelschiffe am Kai runden das Bild ab und machen Nyhavn zu einem der beliebtesten Fotomotive Kopenhagens. Auf der Sonnenseite des Kanals reiht sich Kneipe an Kneipe, wetteifern die Restaurants, um die Gunst der Touristen, die in Scharen kommen. Nichts deutet mehr darauf hin, dass Nyhavn zu Zeiten Hans Christian Andersens, der einst in den Häusern Nr. 18 und 67 wohnte, ein zwielichtiger Rotlichtbezirk war, ein Treffpunkt für Seeleute aus aller Welt, die in dunklen Hafenkneipen und Bordellen ihre Heuer durchbrachten.

Nördlich von Nyhavn beginnt der Stadtteil Frederiksstaden, der seinen Namen und sein Aussehen König Frederik V. verdankt, der sich mit zahlreichen Prachtbauten ein Denkmal gesetzt hat. Das ganze Viertel entstand nach Plänen des damaligen Hofbaumeisters Nicolai Eigtved, die rechtwinklig angelegten Straßen, die Rokoko Fassaden, die Marmorkirche und Schloss Amalienborg wurden von ihm entworfen. Mit ihrer mächtigen Kuppel ist die Marmorkirche – deren offizieller Name Friedrichskirche ist – eines der markantesten Bauwerke Kopenhagens.

Der 1740 begonnene Bau sollte ursprünglich sogar den Petersdom in Rom übertreffen und aus edlem norwegischem Marmor gebaut werden. Doch das Projekt war so nicht zu finanzieren, erst durch die Gelder des Industriellen C.F. Tietgen konnte die Bauruine 1894 schließlich fertig gestellt werden – aus Kostengründen wurde dabei allerdings nicht Marmor sondern Kalkstein verwendet. Mit einem Kuppeldurchmesser von 33 Metern zählt sie aber trotzdem noch zu den größten Kirchen in Europa.

© Christian Nowak, Dänemark, Kopenhagen, Schloss Amalienborg

Der Monumentalbau bildet den Abschluss einer vom Hafen über Schloss Amalienborg verlaufenden Ost-West-Achse und sollte den Mitte des 18. Jahrhunderts neu angelegten Stadtteil Frederiksstaden krönen. Die Amaliegade, gesäumt von typischen Eigtved-Häusern, führt zum Schloss Amalienborg, der Residenz des dänischen Königshauses seit 1794. In der Mitte des Schlossplatzes sitzt König Frederik auf seinem bronzenen Pferd und blickt stolz auf die Marmorkirche mit ihrer grüngoldenen Kuppel. Der achteckige Schlossplatz wird von vier Rokoko-Gebäuden – Palais Schack, Palais Brockdorff, Palais Levetzau und Palais Moltke – begrenzt, in denen heute die königliche Familie residiert.

Wenn Königin Margrete II. zu Hause ist, weht der Dannebrog über ihrem Domizil. Ihr zu Ehren wird dann auch der große Wachwechsel zelebriert, eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen die dänische Monarchie sich prunkvoll gibt, sonst bevorzugt die Königin eher ein volkstümliches Auftreten. Vom Schlossplatz sind es nur wenige Schritte zum Wasser, wo sich ein schöner Blick auf die neue Kopenhagener Oper im Stadtteil Christianshavn bietet. Die Fakten des 2005 eröffneten Opernhauses sind beeindruckend: 14 Stockwerke, davon fünf unterirdisch, sechs Bühnen, Platz für 1400 Zuschauer und eine supermoderne Bühnentechnik.

Das Geld, immerhin umgerechnet rund 335 Millionen Euro, hat der Großreeder und Milliardär McKinney Møller spendiert, den Entwurf des kühnen Hauses Stararchitekt Henning Larsen gemacht. Unverwechselbares Erkennungszeichen der Oper ist das weit in Richtung von Schloss Amalienborg überstehende Dach. Die Kopenhagener sind über das Geschenk begeistert, besitzen sie nun endlich, wie Finnland, Schweden und Norwegen eine repräsentative Nationaloper.

Klein-Amsterdam

Nicht nur die neue Oper lohnt einen Besuch in Christianshavn. Der gesamte Stadtteil ist vom Wasser umgeben, wie Finger drängen sich die Kanäle zwischen die Häuser. Liebevoll restaurierte Packhäuser und moderne Neubauten mit viel Glas ergeben eine sehenswerte Mischung. Alte Holzsegler und moderne Segelboote und Yachten lassen den Spitznamen Klein-Amsterdam durchaus zutreffend erscheinen. Das höchste Bauwerk in Christianshavn ist der Turm der Erlöserkirche.

Das Besondere an dem Turm ist seine außen liegende Wendeltreppe, die mit zunehmender Höhe immer schmaler wird und die sich bis unter die vergoldete Weltkugel mit der Christusfigur in 90 Metern Höhe schraubt. Schwindelfreiheit vorausgesetzt genießen Besucher bei gutem Wetter einen fantastischen Ausblick auf die Stadt. Nach einer Legende soll der Erbauer, Laurids de Thurah, Selbstmord begangen haben und vom Turm gesprungen sein, als er realisierte, dass die Treppe statt im Uhrzeigersinn gegen diesen verlief. Doch de Thurah starb friedlich in seinem Bett – arm und vergessen. Der filigrane Barockaltar in der Kirche stammt von dem Schweden Nicodemus Tessin dem Jüngeren.

Christian Nowak

Dänemark: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Kopenhagen

1 Rundetårn

Über den stufenlosen, 209 Meter langen Wendelgang den Rundturm besteigen und den Blick über die Stadt schweifen lassen.

2 Christiansborg Slot

In diesem Schloss tagt das dänische Parlament, und hier empfängt die Königin ihre Gäste. Die prächtigen Empfangsräume dürfen besucht werden.

3 Nyhavn

Auf der lebendigen Promenade des »Neuhafens« lässt sich der Tag in einem der vielen Restaurants wunderbar ausklingen.

4 Hafenrundfahrt

Mit dem Wasserbus die am Hafen gelegenen Sehenswürdigkeiten entdecken und das Stadtpanorama während der Bootsfahrt genießen.

5 Amalienborg Slot und Wachablösung

Am Wohnort der königlichen Familie findet jeden Tag um 12 Uhr die Wachablösung statt.

6 Kleine Meerjungfrau

Die bronzene Figur von Edvard Eriksen ist das Wahrzeichen der Stadt.

7 Tivoli

Der traditionsreiche Freizeitpark liegt mitten in der Stadt.

8 Nationalmuseet

Die Ausstellungen zur Geschichte Dänemarks sind außergewöhnlich präsentiert; die ethnografische Sammlung lässt sogar Museumsmuffel staunen.

9 Ny Carlsberg Glyptotek

Eine der bedeutendsten Sammlungen antiker Kunst in einem herrlichen Ambiente: Das Museum zählt zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Kopenhagens.

10 Statens Museum for Kunst

Beeindruckendes Zusammenspiel von historischem Gebäude und modernem Anbau: Die Nationalgalerie präsentiert die Meister dänischer Malkunst.

 

 

Dänemark: Der Freistaat Christiania in Kopenhagen

Christiania ist das Kontrastprogramm zu Kopenhagens Königsschlössern und zur Kleinen Meerjungfrau.

Seit den 1970er Jahren ist der Freistaat Christiania auf einem ehemaligen Kasernengelände ein Sammelbecken alternativer Lebensformen. In dem autofreien Stadtteil ohne Hausnummern und Straßennamen leben knapp 1000 Menschen. Jeder kennt jeden und Spitznamen oder Vornamen genügen für ein Miteinander. Die staatliche Autorität lehnen sie vehement ab, leben nach eigenen Gesetzen und Vorstellungen – und haben deshalb permanent Ärger mit dem Staat.

Aber auch ein Freistaat kommt nicht ohne ein paar klare Regeln aus: Keine harten Drogen, keine Waffen und keine Gewalt. Bis alle Christianitter die Notwendigkeit dieser einfachen Regeln verinnerlicht hatten, mussten sie viel Lehrgeld zahlen. Meistens ging es um Haschisch, eines der Reizthemen zwischen Staat und Freistaat. Mittlerweile toleriert die Polizei zwar den Verkauf von Hasch in Christiania, aber legalisiert ist der Handel deshalb noch lange nicht. Durch die Pusherstreet ziehen die unverwechselbaren, würzigen Rauchschwaden und in den kleinen Buden werden die braunen Tafeln wie Schokolade verkauft.

Doch das Gleichgewicht ist äußerst labil und so ganz traut man dem Frieden nicht. Mittlerweile ist auch der Freistaat ziemlich zahm geworden und ein Bummel durch Christiania ist fester Bestandteil für viele Kopenhagenbesucher. An Wochenenden überschwemmen manchmal ganze Busladungen das ehemalige Kasernengelände, dann fühlen sich die Bewohner wie im Zoo und müssen ihre Mischung aus dörflichem und alternativem Leben von unzähligen Videokameras und Fotoapparaten ablichten lassen.

Denn Christiania ist immer noch exotisch und ein Anachronismus zum Rest Dänemarks mit seinen perfekt getrimmten Vorgärten. In Christiania wird man von grellen Graffitis und chaotischer Unordnung und ziemlich viel rostendem Schrott empfangen. Doch schon allein wegen der phantasievollen Häuser, die jede Norm sprengen, lohnt sich der Besuch.

Christian Nowak

Dänemark: Die Kleine Meerjungfrau – Kopenhagens Wahrzeichen

Kleine Meerjungfrau, Visit Denmark

Etwa 15 Minuten dauert der Weg von Kopenhagens berühmtem Hafenbecken Nyhavn mit den historischen Schiffen und den bunten, alten Häuserfassaden zum Wahrzeichen der dänischen Hauptstadt. Am Ende eines sanften Rundbogens, den die Promenade Langelinie hier schreibt, sitzt die Kleine Meerjungfrau auf einem Findling. Halb Mensch, halb Meereswesen wartet sie seit genau 100 Jahren auf ihren Prinzen – am 23. August 1913 wurde Den Lille Havfrue feierlich der dänischen Öffentlichkeit übergeben.

Die Überraschung der oft weit gereisten Besucher ist immer wieder so groß wie die nach dem 1837 erschienen Märchen gleichen Namens von Hans Christian Andersen entstandene Skulptur klein: Nur 125 Zentimeter misst die Bronzefigur – ein Geschenk des Bierbrauers und Kunstmäzens Carl Jacobsen („Carlsberg“) an seine Heimatstadt Kopenhagen. Auch im Sommer 2013 sieht die „Havfrue“ jung aus wie damals, am Tag ihrer Einweihung. 15 Jahre alt ist sie laut Märchendichter Andersen. Ihre Schönheit wirkt bescheiden. War so bescheiden auch Ballerina Ellen Price, die 1909 die Hauptrolle im Ballett „Die Kleine Meerjungfrau“ am Königlichen Theater tanzte? Nach ihr schuf Bildhauer Edvard Eriksen (1876–1959) der Überlieferung nach sein Kunstwerk. Doch angeblich wollte die Tänzerin nicht nackt Modell stehen – und so trägt die Jubilarin zwar ihr Gesicht mit den sanften Zügen. Doch für den Körper sprang angeblich Edvardsens Frau Eline ein.

Geliebt – und verwundet
Doch an die große kleine Jubilarin reichen alle diese Arbeiten nicht heran. Doch so be- und geliebt das dänische Nationalsymbol auch ist, musste die „Havfrue“ in ihrem langen Leben dennoch schon turbulente Zeiten durchmachen – sogar enthauptet wurde sie schon. Und das gleich mehrfach. 1964 war die 175 kg schwere Skulptur erstmals kopflos: Wer dahinter steckte, ist bis heute unklar. 1984 fehlte ihr ein Arm – die Täter meldeten sich freiwillig. 1998 war es erneut der Kopf, der verschwand. Die Anklage gegen einen verdächtigten Fotografen musste fallengelassen werden. Am 11. September 2003 wurde die Kleine Meerjungfrau komplett vom Sockel gerissen, wohl mit Hilfe von Sprengstoff. Freiwillig verlassen hat die millionenfach Fotografierte ihren Stammplatz in Kopenhagen aber nur ein Mal: Ein halbes Jahr lang war die „Havfrue“ anlässlich der Expo 2010 zu Gast in Schanghai – ihre einzige Reise.

 

Picus Lesereisen: Trolle, Schnee und Saunakult

Picus Lesereisen Trolle, Schnee und SaunakultWenn bereits zwei Menschen am selben Seeufer Einheimische von Überbevölkerung sprechen lassen, wenn in der gesunden Sauna Würstchen am heißen Stein vor sich hin brutzeln und das eine oder andere kühle Bier dazu getrunken wird, und wenn erwachsene Männer mit Hingabe debattieren können, wo genau nun der Weihnachtsmann herkommt, dann ist es unübersehbar: Die Skandinavier haben ihre eigenen Sitten. Dieser Sonderband stellt eine Auswahl von Texten aus den erfolgreichen Bänden der Reihe Picus Lesereisen zu den Lebensgewohnheiten, Traditionen und Naturschönheiten Dänemarks, Finnlands, Norwegens und Schwedens dar. Sie entführen nicht nur in einsame Hütten oder zu Abenteuern unter freiem Himmel, sondern auch mitten hinein in den Trubel von mitternächtlichen Shoppingtouren und zu einem mittelalterlichen Wikingermarkt. Dabei lernt man die wundersamen Besonderheiten der Finnen kennen, erfährt, warum in Schweden alle »duktig« sind, staunt über die Fortschrittlichkeit der norwegischen Königsfamilie und ergründet das Geheimnis, warum das dänische Hotdog einfach am besten schmeckt. Mit Beiträgen von: Rasso Knoller, Nina Freydag, Franz Lerchenmüller, Barbara Schaefer und Helge Sobik.

Lesereise: Kulinarium Skandinavien

1038Kulinarische Wagnisse und ausgefallene Spezialitäten wie »lutefisk« oder »surströmming« stehen mitunter auf dem Speiseplan der skandinavischen Küche, aber auch Köstlichkeiten wie »smørrebrød« oder Meeresfrüchte aller Art. Die Autorinnen und Autoren des Sammelbands begeben sich auf Entdeckungsreise und erzählen nicht nur von den Erfolgen der schwedischen Kochnationalmannschaft und von dem dänischen Klassiker »Dyrlægens Natmad«, sondern auch von skandinavischen Alkoholbräuchen und der allgegenwärtigen Tasse Kaffee. Begeben Sie sich auf eine abenteuerliche, vielfältige Reise durch das kulinarische Skandinavien! Mit Beiträgen von Anne Helene Bubenzer, Barbara Denscher, Nina Freydag, Gabriele Haefs, Rasso Knoller, Franz Lerchenmüller, Barbara Schaefer und Helge Sobik.