Picus Lesereisen: Inseln des Nordens

Cover Inseln des NordensDas sind Inselträume: Gletscher, die Eisberge ins Meer schicken, Berge, die aus dem Inland-Eis ragen, Pferde mit Mähnen, die im Wind wehen, die Farben des Nordlichts und des Packeises. Jedenfalls dann, wenn die Inseln im hohen Norden liegen und Spitzbergen oder Lofoten, Island, Färöer oder Grönland heißen. Auf den arktischen Inseln erfüllten sich Barbara Schaefer und Rasso Knoller ihre eigenen Träume und befragten die Einheimischen, wie sie leben und wovon sie träumen.
Barbara Schaefer begab sich auf die Spuren starker Frauen in hohen Breiten. So fuhr sie etwa in Grönland mit Hundeschlitten hinaus und ließ sich von Schamanen von früher erzählen. In Spitzbergen hörte sie sich Eisbären-Geschichten an, in Island schleppte sie einen Heißluftballon in einen erloschenen Krater, töltete durch Dauerregen und ließ sich Sagen erzählen.
Rasso Knoller bewunderte zusammen mit einem Maler auf den Lofoten die Farben des Nordlichts, war mit Walfängern unterwegs, besuchte den legendären Torwart der Färöer, der 1990 seinem Land den Sieg gegen Österreich sicherte, und geriet ins Schwärmen, als die beliebteste Sängerin der Inseln ihm ihre schönsten Lieder vorsang.

Pressestimmen

 

»In kurzen Reportagen fangen die Autoren den Reiz des Nordens ein. Eindringlich schildern sie die Schönheit der Landschaften und laden dazu ein, diese Inseln selbst einmal zu besuchen; vielleicht vergisst ja der eine oder andere auch, nach Hause zu fahren.« –Augsburger Allgemeine, 9. Februar 2010»Die Frage danach, was Menschen – insbesondere Frauen – eigentlich hinauszieht ins eisige, lebensfeindliche Weiß der Arktis, beantwortet die bekannte Reisejournalistin Barbara Schaefer zu Beginn des Buches auf fulminante, amüsante und anschauliche Weise mittels eigener Erlebnisse auf Grönland und durch Bezüge zu anderen ›Eisfrauen‹. Nicht nur als Leserin fängt man sofort Feuer und legt das Buch nicht mehr aus der Hand, bis man es verschlungen hat.« –Panorama, 1. Dezember 2009

 

»Die kurzen Geschichten ziehen den Leser in ihren Bann. Und auch nachdem man das Buch geschlossen hat, lassen einen die Eindrücke, die im Norden erlebt werden wollen, nicht mehr los. Sie warten geduldig, wie die stillen blau-weiß glitzernden Kathedralen des Meeres… « –Nordis, 2. November 2009

 

»Dafür weckt das Buch umso mehr die Reiselust, man entwickelt ein Gefühl dafür, was die Reize dieser rauen Gegend wirklich ausmacht.« –ReiseJournal, 15. August 2009

 

 

 

 

 

 

Grönland: Im Hundeschlitten durchs ewige Eis

Fotograf: Thomas Bauer

 Abenteuer am Rand der bewohnbaren Welt

»Awwuuuii«, ruft Inuuta mit mächtigem Bass und lässt die Peitsche über den Köpfen seiner dreizehn pechschwarzen Hunde knallen. Und nochmals: »Awwuuuii«, als ich auf den Schlitten steige und auf einem Bärenfell Platz nehme. Unter der arktischen Sonne scheinen Millionen Eiskristalle, die die Walrossbucht bis zum Horizont bedecken, einander Morsezeichen zuzufunken. Selbst durch die Gläser der Sonnenbrille hindurch schmerzt das gleißende Weiß die Augen. Reglos liegt die gigantische Ebene vor meinen Blicken: ein endloses Blatt unbeschriebenes Papier, das jemand um den Erdball gewickelt hat.

 800 Kilometer bis Ittoqqortoormiit

Es ist nicht einfach, nach Ittoqqortoormiit zu gelangen. Der kleinste und entlegenste Distrikt Grönlands befindet sich über achthundert Kilometer entfernt von der nächstgelegenen Siedlung, Tasilak. Verkehrsverbindungen über Land gibt es nicht. Von Herbst bis weit ins Frühjahr hinein kann man ausschließlich auf dem Luftweg anreisen: von Reykjavik mit einer Propellermaschine, dann per Hubschrauber über das größte Fjordsystem der Erde hinweg. 1925 gründeten siebzig Wagemutige die Siedlung, da ihnen an dieser Stelle besonderes Jagdglück vergönnt war. Bis heute ist Ittoqqortoormiit die Heimat von Jägern geblieben. Seine Bewohner haben gelernt, unter harschesten Bedingungen zu überleben.

Fotograf Thomas Bauer

Ein drittes Mal lässt Inuuta sein weit schallendes »Awwuuuii« hören, ehe er sich zu mir umdreht. »Ready?«, fragt er mich. Als ich nicke, ruft er etwas nach vorn, das wie »geck« klingt. Im selben Moment staubt überall um uns herum Schnee auf. Dreizehn Energiebündel stemmen sich mit vollem Körpergewicht in die Riemen. Wie ein Kaninchen springt der Schlitten hakenschlagend über das Eis. Sofort stürzt sich der Fahrtwind auf mich. Eisdurchzogene Luft prasselt gegen meine Wangen, nistet in Nase und Mund. Wie ein Raubtier fällt sie über die Ritze her, die sich nach jeder Drehung meines Kopfes zwischen der Mütze und der Schneebrille auftut. Hastig stülpe ich eine Skimaske über das Gesicht, dabei muss ich aufpassen, dass ich nicht seitwärts vom Schlitten falle, der nach wie vor den Schneesalsa tanzt.

Weißgrau ist die Erde

Alle halbe Stunde dreht sich Inuuta zu mir um, als wolle er sich vergewissern, dass ich noch immer hinter ihm sitze. Er ist kein Mann der Worte; schwer rumpeln diese seine Kehle empor. Ohnehin sperrt sich Ostgrönländisch dem europäischen Sprachenverständnis; es knarzt wie eine defekte Tür im Wind. Unter uns knirscht das Eis wie Meeresbrandung, in die der Schlittenlenker seine kehligen Kommandos ruft. Der Himmel ist weißgrau, und weißgrau ist auch die Erde, auf der wir uns bewegen. Als seien wir samt dreizehn Hunden und einem fünfhundert Kilogramm schweren Schlitten in einen gigantischen Milchtopf gefallen.

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Nach anfänglichen Schwierigkeiten mag ich das einseitige Menü, das uns die Arktis Tag für Tag auftischt. Stolz werfe ich mich in die Brust, als sei ich ein direkter Nachkomme von Erik dem Roten. Dieser kam um das Jahr 983 nach Grönland. Von ihm stammt die Landesbezeichnung: Mit der Mär vom »grünen Land« wollte er Siedler auf die Insel locken. Nun also trete ich in seine Fußstapfen, und ich habe keine Angst! Ich habe drei Spezialunterwäschen an, darüber eine wattierte Hose, zwei Fleece-Oberteile, zwei windabweisende Jacken und über alldem noch einen gefütterten Winteranzug. Damit sehe ich ein wenig aus wie die Taliban-Ausgabe des Rocksängers Meat Loaf, der sich den Künstlernamen »Fleischklops« aufgrund seiner Leibesfülle gegeben hat. Das Erstaunliche ist, dass ich trotzdem noch immer friere. Vielleicht war Erik der Rote, der auf manchen Zeichnungen mit nacktem Oberkörper abgebildet ist, doch ein zäherer Hund als ich.

Bei minus 42 Grad übers Eismeer

Allerdings fahren Inuuta und ich direkt auf dem Eismeer; das Thermometer zeigt minus zweiundvierzig Grad Celsius an. Ich spüre, wie sich das Blut aus meinen Zehen und Fingerspitzen zurückzieht, und mir wird klar, dass die nordische Einöde niemals gezähmt werden kann. Aus Dschungeln können wir Felder machen, schroffe Berge mit Skipisten überziehen, sogar die Wucht des Meeres lassen wir für uns arbeiten. Doch wer von uns kann eine Leere beherrschen? Wer kann die drückende, sich von allen Seiten aufdrängende Abwesenheit füllen, und mit wem oder was?

In allen Himmelsrichtungen liegen bis zum Horizont Eis und Schnee, eine unbegreifliche Weite und die Ahnung, dass dieses Land uns nicht bei sich haben will. Dass es uns höchstens duldet, aber eigentlich auf andere Lebewesen ausgerichtet ist: auf Eisbären und Walrosse und Moschusochsen, unförmige, fellbehangene Kolosse – vielleicht auch auf die Dämonen und Geister, die die Inuit seit jeher im Inlandeis vermuten.

Fotograf: Thomas Bauer

Immerhin setzt Inuuta der Unwirtlichkeit der Landschaft einen rudimentären Luxus entgegen. Während einer Pause entzündet er einen Petroleumkocher, auf dem wir »arktischen Toast« zubereiten. Dafür rammen wir tiefgefrorenen Toastscheiben ein Messer in die Seite, halten sie über die Flamme und belegen sie anschließend mit halbgefrorenem Dosenfleisch, dessen Haltbarkeitsdatum auf Zeiten verweist, in denen Gerhard Schröder Kanzler war. Als weiteren »Leckerbissen« kramt Inuuta Eisbärfleisch hervor, das wir genauso zubereiten. Es schmeckt wie eine Mischung aus alter Schuhcreme und einem trockenen Lederlumpen.

In Inuuta spiegelt sich der Grundrhythmus der Arktis. Routinemaßnahmen – Hunde abschnallen, Schnee schmelzen, Lager bereiten – reihen sich aneinander, werden aber unvermittelt unterbrochen von Momenten höchster Spannung. Wer in dem Bruchteil der Sekunde, in dem eine Robbe auftaucht, ein Riss durchs Eis fährt, die Konturen eines Bären im Schnee sichtbar werden, nicht das Richtige tut, geht unter. Tagelang hält das Leben den Atem an, um ein auf das Extremste komprimierte Erleben plötzlich umso lauter hinauszuschreien. Wochenlang Claude Monets Wasserpflanzen, dann plötzlich Edvard Munchs Schrei. Monatelang »Das Traumschiff«, dann ohne Vorwarnung Bruce Willis. Das ist der Takt, den dieses gigantische Land allen Lebewesen vorgibt.

Keine Schmusehunde vor dem Schlitten    

Die Schlittenleine ist bis kurz vor dem Zerreißen gespannt, als wir unsere Fahrt fortsetzen. Mit jeder Faser ihres Körpers verkörpern die Hunde, woraufhin ihre Rasse in einem über zweitausendjährigen evolutionären Auswahlprozess getrimmt wurde: unglaubliche Lasten bei brutaler Kälte durch eine lebensfeindliche Einöde ohne festen Boden zu ziehen. Entgegen einer weitverbreiteten Meinung haben die knapp dreißigtausend grönländischen Schlittenhunde nichts mit Huskies zu tun. Schon gar nicht ähneln sie den verzärtelten Züchtungen, die in unsere Breiten leben. Stattdessen stammen sie direkt vom Wolf ab und können daher nicht bellen. Wenn sie raufen, schlagen sie einander die Zähne in die Flanke. Ohne zu zögern würden sie einen ausgewachsenen Bären angreifen. Bei minus fünfzig Grad legen sie sich in den Schnee und schlafen. Am nächsten Morgen ist ihr Fell mit einer Eisschicht überzogen. Sie stehen auf, schütteln die eisige Hülle ab und freuen sich aufs Weiterziehen. Eine Vermischung mit Artgenossen, die südlich des Polarkreises aufwachsen, zöge drakonische Strafen nach sich. An nordgrönländische Schlittenhunde darf nichts Weiches, nichts Zurückhaltendes, nichts Zweifelndes kommen.

Inuutas Leithund, ein zotteliges Muskelpaket, weiß, dass die Peitsche des Schlittenlenkers nicht bis zu ihm reicht. Diese braucht es auch nicht, da das Tier augenblicklich auf die raubeinigen Angaben seines Herrchens reagiert. Obwohl der Leithund am weitesten von Inuuta entfernt läuft, ist die Bindung zwischen diesen beiden am stärksten. Ihr Vertrauen in den jeweils anderen ist der Kitt, der die Hundeschlitteneinheit zusammenhält. »Er sieht zwar wild aus«, gibt Inuuta zu, als wir uns bei einer Pause je zwei Tafeln Schokolade einverleiben, »doch eigentlich kann mein Leithund richtig zutraulich sein. Überzeug dich selbst!«.

Der Leithund sträubt die Haare und lässt ein grollendes Gurgeln hören, als ich mich ihm nähere. Vorsichtig lege ich ihm meine Hand auf den Rücken. Gewaltige Muskeln arbeiten direkt unter seiner Haut. Als er die Pfote hebt, um sie mir in die Hand zu legen, wölbt sich der Bizeps nach außen, und als er sich spielerisch an meinen Beinen reibt, muss ich mein Gewicht fest in den Boden stemmen, um nicht zur Seite geschoben zu werden. Grönländische Schlittenhunde sind die Arnold Schwarzeneggers ihrer Art.

Kleiner "Schwarzenegger"

Kleiner „Schwarzenegger“

Wilde Dreizehn

Und ich bin im selben Moment ein Teil des Gespanns geworden. Ja, ich möchte am liebsten nur noch auf schneeumrankten Schlitten vorwärtsgleiten, gezogen von Inuutas »wilder Dreizehn«! Als sie merken, dass wir die Pause beenden, stimmen die Hunde ein melodiöses Jodeln an. Aufrecht stehen Inuuta und ich auf dem Schlitten, wie ein Surfbrett wollen wir ihn heute über das Eismeer jagen: vorneweg die schwarze Wolke und dahinter wir, aufrecht wie die Wikinger. Inuuta blickt mich an, und zum ersten Mal meine ich etwas wie Anerkennung in seinem Gesicht zu erkennen. Er nickt mir kaum merklich zu. Ich ziehe die Mützen tief ins Gesicht und drücke meine Schneebrille fest auf die Augen. »Geck«, rufe ich dann nach vorn.

 Mit einem hellen Vibrieren spannt sich das Seil. Überall um uns herum staubt Schnee auf. Der Schlitten tanzt über das Eis, und wir sind wieder unterwegs, werfen uns neuen grandiosen Abenteuern entgegen.

 Thomas Bauer Thomas Bauer

 

Rasso Knoller: Nordeuropa – Porträt einer Region

785 Nordeuropa USDänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und das weit draußen im Atlantik gelegene Island werden auch unter dem Begriff »Nordeuropa« zusammengefasst: Fünf Länder, die auf eine lange gemeinsame aber nicht immer harmonische politische Vergangenheit zurückblicken können. Ein gut ausgebautes Sozialsystem, lange Zeit vordere Plätze im PISA-Vergleich der Schulen und erfolgreiche Frauen in Politik und Wirtschaft – auf der Habenseite haben die Nordlichter vieles gemeinsam. Aber genauso groß wie die Gemeinsamkeiten sind auch die Unterschiede. Neidisch blicken die klammen Isländer auf den norwegischen Ölreichtum, kopfschüttelnd kommentieren die Schweden die dänische Alkoholpolitik, irritiert reagieren die Finnen auf die dänische Wortgewalt. Und die Rivalität zwischen Norwegen und Finnland auf der einen und Schweden auf der anderen Seite ist ohnehin legendär. Erstmals stellt Rasso Knoller  die nordischen Fünf gemeinsam vor.

Grönland: Rock ’n’ Roll in der Diskobucht

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Neun Monate ist kein Durchkommen rund um Grönland. Aber dann kann man an Bord eines Expeditionsschiffes das Wunder des arktischen Sommers hautnah erleben.

Zart taucht die Mitternachtssonne die stille, arktische Landschaft aus Fels, Eis und Meer in magisches Licht – goldfarben wie schmelzendes Edelmetall. Morgens, Schlag acht Uhr kracht, bebt und vibriert es. Voller Schwung schlägt der Bug der ‚MS Disko II hart auf die Wellen, unsanft werden die Passagiere geweckt. „Zur Abwechselung tanzen wir jetzt Rock ’n’ Roll, doch bei der Einfahrt in die Diskobucht ist das Wasser wieder sanft und süß“, tönt heiter und beschwingt die Stimme des Kapitäns über das Mikrofon.

1.Kamiken.jpgDabei haben sich die Gäste in den vergangenen Tagen wahrlich nicht gelangweilt. Sie haben den längsten Fjord der Welt, den Kangerlussuaqfjord, durchfahren, in Sisimiut erstmals arktisches Festland betreten. In Ukkusissat, 500 Kilometer nördlich des Polarkreises, tanzten sie mit Grönlands Ureinwohnern, den Inuits. An der Gletscherfront des Eqip Sermia schauten sie begeistert den Eiskolossen zu, wie sie mit donnerndem Getöse ins Meer kalbten. Doch der sechste Tag an Bord soll den Höhepunkt bringen.

Einfahrt in den Eisfjord

Sehnsuchtsziel ist der sagenhafte Kangia Ilulissat Eisfjord an der Westküste. Aber noch tänzelt die Disko II, Eisklasse 1A, vorbei an Schären nach Süden. Aus den Orten hört man ab und an das Heulen der Hunde. Plötzlich verändert sich etwas. Je mehr das Schiff in die spiegelglatte Diskobucht vordringt, umso größer und häufiger werden die Eisberge. Im Licht der Morgensonne strahlen sie blau, türkis und weiß wie Diamanten. Bizarre Skulpturen, manche höher als 100 Meter. Wie Fregatten unter vollen Segeln treiben sie dicht an der Reling vorbei hinaus in den arktischen Eisgarten. Kameras werden vors Auge gehalten, klamme Finger fummeln am Auslöser. Es zoomt und blitzt, schließlich will man die Zauberwelt im Bild festhalten.

4.Hundeschlitten.jpgUnd es kommt noch besser, als diese vier Worte ertönen: „Whales on the left!“ Kapitän Jesper stoppt die Maschinen, hundert Meter weiter bricht die Wasseroberfläche ungestüm auf. „Er bläst, er bläst“, ruft er den ersten Wal persönlich aus. Der Wassernebel des meterhohen Atemstrahls glitzert in der Sonne wie Blattgold. Ein zweiter und dritter Blas folgen, dann tauchen gewaltige, grauschwarze Rücken auf. Finnwale! Abwechselnd wedeln sie mit ihren imposanten Flossen, um dann blitzschnell und elegant in der Tiefe zu verschwinden. „Was für ein Anblick“, murmelt eine Dame aus Bremen und wippt verzückt auf ihren Zehen.

Walfleisch und Stockfisch

Blau ist der Himmel, grün, rot oder gelb leuchten in Ilulissat die Giebelhäuser aus dänischer Kolonialzeit. Im Sommer, wenn die Tage kein Ende nehmen, nimmt hier das Leben der 5000 Einwohner seinen gewohnten Lauf: Grönlandfrauen präparieren auf Gestellen Walfleisch und Stockfisch für den Winter. Kajaks werden ausgebessert und neu mit Robbenhaut bespannt, Schlittenhunde sonnen sich auf porösem Basaltgestein. Wie bei uns die Autos, parken hier neben den Häusern Holz- und Motorschlitten. Davor sitzen die Männer und rauchen Pfeife.

7.Trachtenpaar.jpgHeute, am Nationalfeiertag, grüßen Jung und Alt freundlich die Besucher. Die Grönländerinnen tragen ihre zauberhafte, spitzen- und perlenverzierte Tracht und Kamiken, beinlange, mit Eisbärenfell gefütterte Stiefel. Ganze Familien sind in traditionelle Seehund-Kleidung gehüllt. „An die 1000 Euro kostet eine Frauentracht, alles Handarbeit“, verrät Bürgermeister Antan während er mit Fahnenträgern zur Zionskirche zieht. Einsam thront sie auf einem Felsplateau direkt am Meer. Der Innenraum ist in den Farben Weiß, Türkis und Gelb gehalten – Symbole für Schnee, Eisberge und Sonne. Leise, wie die Landschaft, dringen Kirchenlieder nach draußen bis zu den Kajakfahrern, die im Eiswasser Eskimorollen vorführen. Jugendliche springen übermütig in die alten Frauenboote, die Umiaqs, in denen früher Nomadenmütter mit ihren Kindern von Siedlung zu Siedlung fuhren.

Einladung zum Kaffeemik

„Die Sommerzeit müsse man ausnutzen. Die Menschen sind fröhlich und ausgelassen und das Land bekommt Farbe – weiße, gelbe, pinkfarbene Blüten bedecken den Boden wie kostbare Teppiche“, freut sich das Inuitpaar Ajako und Nivi. Vergnügt schauen sie den Tanzpaaren vor dem Knud Rasmussen-Museum zu.

6.Eisbären-Design.jpg„Ein ehrenvolles Andenken an unseren großen Polar- und Grönlandforscher (1879-1933). Er liebte uns und das Land und machte unsere Insel draußen bekannt“, sagt Ajako und lädt spontan zum „Kaffeemik“ ein. Dabei erzählt er aus seinem bewegten Jägerleben: 74 Eisbären habe er erlegt, Wale und Ringelrobben – sie waren ideale Jagdbeute für alle Bedürfnisse des Lebens. „Heute haben sie keine wirtschaftliche Bedeutung mehr. Die jungen Leute lernen lieber in der Schule und wollen Jobs im Tourismus oder in der IT-Branche.“

Die Wiege der Eisberge

Endlich! Der Flug im Helikopter über den Kangia-Eisfjord. Es ist der Höhepunkt, lässt alles ringsum vergessen. Einer der Mythen Grönlands liegt in seiner ganzen Erhabenheit und kalten Schönheit unter uns – 11 Kilometer breit und über 40 lang. Seit 2004 ist die Wiege der Eisberge UNESCO-Weltnaturerbe. Die Jahrtausende alten Schneemassen werden von der 50 Kilometer entfernten Abbruchkante des Sermeq Kujalleq-Gletschers mit Urgewalt ständig hierher geschoben, um dann ihren Weg hinaus aufs Meer anzutreten. Die Größten davon, nahezu 1000 Meter dick, schaffen es bis zur amerikanischen Küste. Einer dieser „Nomaden“ erwischte die „Titanic“ vor gut 100 Jahren.

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„Der Gletscher bricht pro Tag soviel Eis ab, wie New York in einem Jahr verbraucht“, erklärt der Pilot und dreht gekonnt eine Extraschleife für die Fotografen: Auf riesigen Eisschollen tummeln sich Robben in aquamarinblauen Seen, die sich durch die wärmenden Sonnenstrahlen gebildet haben.

Der Blick auf die zerklüfteten Eisfelder des Fjords ist überwältigend und ähnelt an diesem Tag dem Paradies, das sich mancher Naturliebhaber von seiner Reise in arktische Gewässer erträumt hat. Hier begreift man auch das berühmte Zitat von Rasmussen: „Gebt mir Winter, gebt mir Hunde, dann könnt ihr den Rest behalten“.

Katharina Büttel

Grönland:Kreuzfahrt ins Land der Eisberge

Eisberge Grönland

Auf dem Weg nach Grönland muss auch der moderne Kreuzfahrer einigen Herausforderungen widerstehen, sei es einem übervollen Buffet auf dem Schiff oder einem Orkan im rauen Nordmeer. Am Ende aber warten Grönlands Eisberge, die Kathedralen des Meeres, auf die Schiffsurlauber.

Frau Uhrmacher steht als erste am Buffet. Die grauhaarige Dame in den Sechzigern hat ihren Teller gut gefüllt. Kein Wunder: Der Küchenchef auf der MS Ocean Nova kommt aus Österreich, und er macht dem ausgezeichneten Ruf seiner Landesküche alle Ehre.

Nach eineinhalb Tagen bei Windstärke 12 sind die Mägen geleert und die Passagiere ausgehungert. Doch seit das Schiff an der westgrönländischen Küste entlangfährt scheint die Sonne. Keiner der 74 Passagiere denkt mehr an den zurückliegenden Tag, als sich das 73 Meter lange Schiff durch die Dänemark Straße quälte. Als es ächzend gegen die Wellen ankämpfte, die hoch über dem Deck zusammenschlugen.

Erik der Rote und Edvard Grieg

Fast drei Wochen ist die MS Ocean Nova auf den Spuren von Erik dem Roten von Kopenhagen in Richtung Grönland unterwegs. Das jedenfalls verspricht der Katalog des Veranstalters Lernidee Reisen. Doch so ganz stimmt das nicht. Denn tatsächlich war Erik nie in Kopenhagen. Er lebte ungefähr um das Jahr 950 in Norwegen. Von dort musste seine Familie nach Island fliehen, weil sein Vater in seiner Heimat einen Mord begangen hatte. Der Jähzorn lag offenbar in der Familie, denn auch Erik erschlug einen Mann und wurde nach Grönland verbannt. Eisberg vor grönl. Südküste

Obwohl die MS Ocean Nova zu Beginn der Reise weit abseits der historischen Route fährt, werden sich die Passagiere gern an die ersten Tage an Bord zurückerinnern – vor allem an das ruhige Meer. Die Sonne strahlt, als die MS Ocean Nova in Bergen – der angeblich regenreichsten Stadt Europas – vor Anker geht.

Die Hansestadt Bergen, bekannt wegen des Kaufmannviertels Bryggen,  ist eine Stadt der Musik. Einmal im Jahr findet ein großes Musikfestival statt und von hier stammte auch Edvard Grieg, Norwegens bekanntester Komponist. Auch deswegen führt der Landgang nach Troldhaugen, dorthin wo der Meister von 1885 bis zu seinem Tod im Jahre 1907 wohnte und arbeitete.

Die Reisenden haben noch die Griegs Peer-Gynt Suite im Ohr, als das  Schiff hinaus ins Nordmeer aufbricht. Die Färöer sind sein Ziel. Als die MS Ocean Nova im Hafen von Thorshavn einläuft, begrüßen die Inseln die Passagiere mit Sonnenschein, nur um von da an im schnellen Wechsel Regen, Schneeregen und  Hagel zu bieten – alles, was das Wetter in seinem Spektrum vorsieht, ein Jahr im Schnelldurchlauf. Wolkenfetzen ziehen um die steilen Berge, die Sonne kämpft gegen sie an, behält für kurze Zeit die Oberhand und taucht die Hänge in mildes Licht.

Später in Island ist der Aufenthalt nur kurz – aber doch lange genug für eine Bustour zu drei Sehenswürdigkeiten die stellvertretend für das stehen, was Island bekannt gemacht hat: Thingvellir, Geysir und Gullfoss – also die Wiege der Demokratie, Geysire und mächtige Wasserfälle. Auch den inzwischen weltberühmten Eyjafjallajökull sehen wir, allerdings nur in der Ferne und in friedlicher Ruhe.Island, Gullfoss

Ins Zauberland der Eisberge

Und dann geht es hinüber nach Grönland durch die berüchtigte Dänemarkstraße. Sturm und schlechtes Wetter sind in der Meerenge zwischen Island und Grönland normal. Aber einen Orkan hat selbst Kapitän Niels Kallesen hier noch nie erlebt. Und der alte Haudegen, der sein Schiff mit kurzärmligem Oberhemd und in Lederpantoffeln kommandiert, hat schon einige Abenteuer durchgestanden. Seine Reederei hat ihn für ein paar Wochen aus dem Ruhestand zurückholt.

Die MS Ocean Nova hat aber schon kniffligere Situationen gemeistert. Im Februar 2009 wurde über sie in der Tagesschau berichtet –  sie war in der  Antarktis in der Nähe eines Gletschers auf Grund gelaufen. Die Gäste an Borde blieben zwar unverletzt, doch der Urlaub war für sie zu Ende. Sie mussten auf ein anderes Schiff evakuiert werden. MS Ocean Nova

Der Kapitän hatte es den Passagieren versprochen und der Wettergott hat Wort gehalten. „Sobald wir das Kap Farvel umrundet haben, scheint die  Sonne“, hatte Kallesen angekündigt. Und tatsächlich: Nur wenige Seemeilen nachdem das Schiff den südlichsten Punkt Grönlands umrundet hat, legt sich der Orkan.

Und dann tauchen ganz weit „backbord voraus“ – die ersten Eisberge auf.  Zwei schwimmende Kathedralen, die je nach Sonneneinstrahlung ihre Farbe verändern. Blau, weiß, grün und dann wieder blau. Unwirklich sehen sie aus, wie Gäste aus einer anderen Welt.

Gegrillter Lachs vor Gletscherzunge

Auf der Fahrt nach Norden steigen wir immer wieder in die Zodiacs. Die Beiboote bringen uns zu Ausflügen an Land. Etwa zur alten Kryolith Mine von Ivitut. Sie ist seit 1987 verweist und erinnert als Geisterstadt an bessere Zeiten. Wenn aber ein Kreuzfahrtschiff anlegt, fährt jemand aus dem fünf Kilometer entfernten Ort Kangilinnguit über den Berg und öffnet für die Passagiere das Museum. Man ist stolz  auf die Vergangenheit. Der Ort wirkt so, als hätte man ihn erst vor kurzem fluchtartig verlassen. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Mine liegen noch die Lohnabrechnungen auf dem Tisch. In einem der Häuser steht eine Bierflasche auf dem Tisch, so als wäre derjenige der sie geleert hat, nur eben mal kurz vor die Tür gegangen.

Kurz vor Ende der Reise legt das Schiff in der Hauptstadt Nuuk an. Schön ist die 15.000 Einwohner Hauptstadt Grönlands wahrlich nicht. Moderne Zweckbauten bestimmen das Bild. Nur am alten Hafen stehen noch ein paar der alten roten und gelben Holzhäuser, die so typisch sind für die Dörfer und Städte in Grönland. Dort liegt auch das Nationalmuseum. Absolut sehenswert sind dort die Eismumien von Qilakitsoq. Unter einem Steinhügel wurden in der westgrönländischen Gemeinde acht unglaublich gut erhaltene und mit Robbenfellen bekleidete Mumien gefunden. Ihr Todesdatum schätzt man ungefähr auf das Jahr 1475. Bei der Mumie eines vier Monate alten Babys, schaut jeder Besucher instinktiv zweimal hin. Das mumifizierte Kind sieht so aus als würde es nur schlafen. Als müsste es gleich aufwachen und nach seiner Mutter schreien. Vermutlich aber wurde das Baby lebend neben seiner toten Mutter begraben. Das war damals durchaus üblich. Ohne Eltern hatte ein Kleinkind keine Überlebenschance. Und in einer Natur, die kaum genug für das eigene Überleben hergab, wurden elternlose Kinder nur selten von Fremden adoptiert. Nuuk Nationalmuseum, Eismumie

Wer sich nach dem Museumsbesuch noch ein paar Wünsche erfüllen lassen will, wirft in den riesigen roten Briefkasten unten am Hafen einen Brief an den Weihnachtsmann ein. Einer meiner Wünsche geht gleich bei der Ausfahrt aus dem Nuukfjord in Erfüllung. Zwei Wale begleiten minutenlang unser Schiff, bevor sie sich dann mit einem wuchtigen Schlag der Schwanzflosse in die Tiefe verabschieden.

Noch beeindruckender ist der Evighedsfjord in den die MS Ocean Nova als nächstes einfährt. Direkt aus dem Meer ragen einige der höchsten Berge Grönlands, teilweise über 2000 Meter hoch, in den strahlend blauen Himmel. Am Ende des Fjords kalbt ein Gletscher ins Meer. Dort lässt der Kapitän auf Deck das Abschiedsessen auftragen. Gegrillten Lachs, zubereitet von dem jungen, österreichischen Koch. Trotz des Sonnenscheins zieht es kühl herüber vom Eis des Gletschers. Doch davon lässt ich Kapitän Kallesen nicht abschrecken. Wie immer trägt er seine offenen Lederslipper und das kurzärmlige Hemd. Frau Uhrmacher hat sich das Teller vollgepackt und balanciert zurück zu ihrem Stuhl. Sie setzt sich, stellt sich das Teller auf den Schoß und schneidet sich ein großes Stück von dem gegrillten Lachs ab.

Rasso Knoller

Eisberg vor der grönländischen Südküste

 

Grönland: INUK – Der erste grönländische Film in deutschen Kinos

Erzählt wird die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, die zwei Menschen zurück ins Leben holt. In der grönländischen Hauptstadt Nuuk lebt der Junge Inuk ein nicht ganz einfaches Leben. Allein gelassen von seiner Mutter und ihrem Freund gerät er immer mehr außer Kontrolle, so dass er von den Behörden schließlich nach Uummannaq geschickt wird. Hier begegnet er Ikuma, einem wortkargen Jäger, dessen mysteriöse Vergangenheit ihm Rätsel aufgibt. Gemeinsam begeben sie sich auf eine einsame und doch heilsame Reise in die weiße Wildnis.

Auf der gefährlichen Robbenjagd im ewigen Eis lernen die beiden nicht nur einander, sondern auch sich selbst ganz neu kennen. Jenseits des Polarkreises, zwischen Eislandschaften und Gletscherpässen tauchen beide tief in die Geschichte der Inuit ein. Beide müssen verstehen lernen, dass die Erinnerung zum Schlüssel für die Zukunft werden kann. Die Hauptperson findet nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu den Traditionen Grönlands zurück: der Fahrt mit dem Hundeschlitten und der Jagd. Uummannaq bietet einen Mix aus Moderne und Ursprünglichkeit, aus „städtischem“ Leben und rauer Natur.

Uummannaq gilt als einer der Orte, an denen das echte und mystische Grönland noch lebendig ist. Etwa 1.300 Menschen leben hier auf 12 Quadratkilometern, bunte Häuser erstrecken sich am Fuße schroffer Felsen, Eisberge treiben um die Insel und Wale tummeln sich im Wasser. „Der Robbenherzförmige“ bedeutet Uummannaq auf deutsch, benannt nach dem Aussehen des fast 1.200 Meter hohen Berges, der die Landschaft prägt. Die Inuit leben von der Fischerei und der Robbenjagd, dennoch hat auch hier die Moderne Einzug erhalten: die Kajaks wurden von Motorbooten abgelöst und Fußball beim FC Malamuk Uummannaq hat sich zu einer der beliebtesten Freizeitaktivitäten entwickelt.

Naturliebhaber erleben die Insel bei Wandertouren oder Kajakausflügen, im Winter bieten die Einwohner Hundeschlittentouren für Touristen an. Die Insel ist aber nicht nur wegen des Einklangs von Ursprünglichkeit und Moderne sowie für Naturerlebnisse bekannt. Hier liegt auch das Polar Institute und zeigt unter anderem eine Ausstellung über den deutschen Pionier der Polarforschung Alfred Wegener, der 1930 auf einer Grönlandexpedition ums Leben kam.