Russland: 6 Pluspunkte für Skiferien in Sotchi

 

Bild 1Rosa Khutor, nur einen Katzensprung von Sotchi am schwarzen Meeren entfernt, ist der feinste Wintersportort Russlands. Tief im westlichen Kaukasus hat man 2014 am Reißbrett eine Musterstadt für die olympischen Spiele geschaffen, der es noch an Patina fehlt, die sich aber schon heute allemal sehen lassen kann.

Unsere Dolmetscherin Galina Nisitarova unterstrich ihre Ausführungen in jedem dritten Satz mit Attributen wie am höchsten, am weitesten, am schnellsten. Gleich ob es um die Lage des Kurortes, die Qualität der Pisten oder den Service in den Hotels handelte. Lediglich die europäischen Besucherzahlen hinkten den Superlativen ein wenig hinterher. Zurzeit jedenfalls sind sie statistisch (noch) nicht erwähnenswert.

Dabei gibt es in Rosa Chutor 94 Kilometer perfekt präparierte Pisten. Davon sogar 13 Kilometer FIS zertifiziert. Manche Abfahrten sind bis spät in die Nacht beleuchtet. Die 27 Lifte und Seilbahnen sind von berühmten Herstellern, so steht es im Prospekt. In der Tat, das Umsteigen von einer Gondel in die nächste geht trotz der im Schnitt täglich 9000 Besucher reibungslos und flott. Die Schneequalität ist pulvriger als in den Alpen. Das verdankt man der Meeresbrise und dem mediterranen Klima, das hier am Meer, knapp 50 km entfernt, vorherrscht.

 

  1. Bild 2. Wer schon fünfzig Mal in Bayern oder Tirol war, sollte einen Schwenk nach Sotschi wagen. Das Abenteuer ist kalkulierbar. Auf der rot gepflasterten Promenade beiderseits des rauschenden Gebirgsflusses Msymta, verirrt sich keiner. Die Brand-Shops vermitteln ein Gefühl, als flaniere man in Kitzbühel. Alles ist vom Feinsten und noch ein bisschen teurer. Als Putin 2002 mit dem österreichischen Präsidenten Klestil in Tirol Ski fuhr, war er so angetan, dass er beschloss, ein „Alpen-Szenario“ im Kaukasus zu schaffen.

 

  1. K1024_Rosa Chutor (16)Wer Romantik liebt, kommt voll auf seine Kosten. Die Fassaden der 14 drei bis vier Sterne tragenden Hotels entlang der Promenade gestaltete man in einer Art „Zuckerbäcker-Architektur“. Sie erinnern an Disneyland. Bei Tageslicht mit nüchternem Auge betrachtet kam mir das Wort Kitsch leicht über die Lippen. Bei nächtlicher Stille und tausendfacher Beleuchtung kippte meine Kritik um in Verzauberung. Als dann noch zentimetergroße Schneeflocken fielen, verliebte ich mich in die Märchenwelt. Statt Autolärm einen rauschenden Gebirgsfluss zu hören, wann und wo hat man das schon?

 

  1. K1024_Rosa kleine Kamera (17) Autos braucht man nicht, man fährt Bahn, Gondel oder Lift. Die Infrastruktur in Rosa-Khutor ist perfekt. Vom Flughafen fährt in kurzen Takten eine Bahn, die einen in 45 Minuten fast ins Zentrum von Rosa Khutor bringt. Für die letzten 800 Meter Taxifahrt kann man noch ein Auge zudrücken. Die Seilbahnen sind allesamt nur ein paar hundert Meter von den Hotels entfernt und bis 23.00 Uhr in Betrieb. Wenn man sich dafür entscheidet, im Olympiadorf auf 1600 Meter Abendbrot zu essen, kann man zehn Minuten später – bei bester Aussicht – den Aperitif im Tal genießen.

 

  1. K1024_Rosa kleine Kamera (45)Dem Meer und dem milden Klima so nah. Wer dem Frost hinter sich lassen möchte,kann mit dem Bus in 40 Minuten in Sotschi sein, sich bei Frühlingstemperaturen am Meer entspannt die Bäderarchitektur der berühmten Sanatorien von Matsesta ansehen. Stalin schwor auf die Heilkraft dieser Quelle. Der gesamte Regierungsapparat übersiedelte manche Jahre wegen seiner geschwächten Gesundheit mit ins milde Sotschi. Der Botanische Garten gehört zu den drei sehenswertesten im ganzen Land. Oleander, Mandelblüten und die gelben Mimosen, sie alle blühen schon reichlich früh in den ersten Märztagen, kann man in den vielenParkanlagen der Stadt bewundern.

 

 

  1. K1024_Rosa Chutor (35)Rosa Khutor ist leistbar. Wer es klug anstellt, kann schon Packages mit Flug und 7 Tage im Drei Sterne Hotel für 750,- Euro bei pulexpress.de oder go-east.de buchen. Condor plant für den Winter 2017/2018 Direktflüge von Berlin-Schönefeld nach Sotschi. Die Flugzeit beträgt knappe drei Stunden. So kann die Anfahrtszeit mit einer Reise in die Alpen konkurrieren. Den Skipass von morgens um 9.00 bis 23.00 Uhr gibt es ab 25.- Euro. Ein großes bayrisches Bier wird für sechs Euro frisch gezapft von strahlenden jungen russischen Mädeln in roten Dirndlkleider serviert. Bayrische Küche steht hoch im Kurs.

 

  1. K1024_Rosa Chutor (31) Rosa Khutor ist ein jungfräulicher Wintersportort für europäische Touristen. Aus dem Russischen übersetzt hat es den bezaubernden Namen: „Rose – abseits des Weges“. Es ist die gehobene russische Mittelschicht, die die Ski-Hänge bevö Modebewusst, brandorientiert gekleidet und gut geschminkt für Selfis. Weit entfernt vom Image der “All-inclusiv-Jogginghosen tragenden Touristen“. Und noch eins soll nicht unerwähnt bleiben. Man hat ein Herz für Kinder. Die Hälfte der eleganten Lobbys sind offene Spielwiesen für die Jüngsten.

 

Text : Veronika Zickendraht

Fotos :Bernd Siegmund, Rosaski-Tourism

Russland: St. Petersburg – Der Mann, der goldene Eier legte

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Jeden Tag das gleiche Lärmstück. Punkt zwölf, auf die Minute genau, gibt die große Kanone der Peter-Pauls-Festung einen Schuss ab. Brüllend fegt der Schall auf die Stadt zu, knallt gegen die ersten Häuser, wird in tausende Stücke zerrissen und lässt sich schließlich vom irdischen Verkehrslärm der großen Stadt fressen. High noon in Sankt Petersburg.
„Admiralsstunde“ nennen die Petersburger dieses kriegerische Zeitzeichen. Angeblich diente der Schuss zur Zarenzeit dem Festungskommandanten, einem Admiral, als willkommenes Signal, sich genüsslich hundert Gramm Wodka vor dem Essen zu genehmigen.

k1024_wodka-museum-1Diese und andere nette Geschichtchen über den hochprozentigen Freund der Russen erfährt man im Wodka-Museum von Sankt Petersburg. Zu finden ist dieses unterhaltsame Institut auf dem Konnogwardejski Boulevard Nr. 4. Hier wurde zusammengetragen, was die Welt schon immer über der Russen liebstes Wässerchen wissen wollte. Angeblich waren es fromme Mönche, die einen aus Wein gebrannten Schnaps von Konstantinopel ins Zarenreich schleppten. Das anfangs als Heilmittel getrunkene Wunder-Wasser stieß sofort auf begeisterte Kehlen. Da es in Russland keine Weintrauben gab, tat man Roggen ins Destilliergerät. 1478 führte Zar Iwan III. (1440-1505) das Staatsmonopol auf die Herstellung von „Brotwein“ ein. 1903 gab es allein in St. Petersburg 40 Wodka-Brennereien. Und alle hatten gut zu tun.

k1024_wodka-museum-6So ist es bis heute geblieben. Sämtliche Versuche, die zur Volkskrankheit ausufernde Wodka-Lust einzudämmen, scheiterten. Ein erstes Verbot 1914 hob Stalin zehn Jahre später auf. Auch die „trockene“ Politik des Alkoholverächters Gorbatschow wurde mit Einfallsreichtum unterlaufen. Man brannte sich den Schnaps einfach zuhause. Ein Gummihandschuh, über die Brennapparatur gestülpt, signalisierte den Erfolg. Hatte sich der aufgeblasen, war der Wodka fertig. Weil die Konstruktion wie eine winkende Hand aussah, hieß der Selbstgebrannte im Volksmund „Gruß an Gorbatschow“.

k1024_alltag-in-st-peter-19Das Kunstwerk St. Petersburg, die Kopfgeburt Peter des Ersten, steckt voller kleiner und großer Sehenswürdigkeiten. Die meisten der durch den Krieg schwer beschädigten baulichen Kunstwerke sind längst mustergültig restauriert. In alter Pracht erstanden ist der Peterhof, berühmt vor allem wegen seiner schönen Brunnen. Einzigartig auch das Katharinen-Palais in Puschkin, dem ehemaligen Zarskoje Sjelo. Hier verbrachte die Zarenfamilie die Sommer. Zu den prunkvollsten Räumen zählte das weltberühmte, vielleicht auf Ewig verschwundene, inzwischen mit Akribie nachgestaltete Bernsteinzimmer. Seit 2013 gibt es sogar das erste Privat-Museum in der Stadt. Es ist dem Juwelier Fabergé gewidmet.

k1024_peter-und-pauls-festung-7Seine edlen, reizvollen Kleinodien waren in Gold und Edelsteine gefasste Liebeserklärungen, die Mann seiner Freundin schenkte. Präsentiert wird die Arbeit des Goldschmieds im noblen Schuwalow-Palais am Ufer des Fontanka. In der alten Stadtvilla sind etwa 4000 Kunstwerke von Weltrang zu sehen. Darunter Juweliererzeugnisse, Gemälde und Ikonen. Den Höhepunkt bilden die neun Fabergé-Eier, die der Juwelier für die Zarenfamilie gefertigt hatte. Den Grundstock für diese einmalige Sammlung erwarb der russische Oligarch Viktor Wechselsberg 2004 bei einer Sotheby-Auktion. Die „Ostereier“ kosten ihm rund 100 Millionen Dollar.

k1024_faberge-5Unweit des Museums verläuft Sankt Petersburgs berühmteste Straße, der Newski-Prospekt. Gleich zu Beginn des Boulevars, hinter der Admiralität, rücken die Häuserzeilen bis auf 25 Meter zusammen. Hier ist die alte City mit ihren Banken und Geschäften schmal wie ein Fluss an seiner Quelle. Das ändert sich, je tiefer die Straße in das Weichbild der Stadt eindringt. Zwischen der Nadel der Admiralität und dem Alexander-Newski-Kloster am Ende der fast 5 km langen Straße geht es zu, wie auf den Seiten eines eleganten Bildbandes. Fein herausgeputzte Damen flanieren zwischen den historischen Edelfassaden, junge, dynamische Männer, denen man die erste Dollarmillion ansieht, fahren ihren ausländischen Schlitten spazieren. Sankt Petersburg ist wieder Russlands „Fenster zum Westen“.

k1024_alltag-in-st-peter-28Vor dem Gostiny Dwor, dem großen Warenhaus auf dem Newski, bieten Monarchisten Bilder des letzten Zaren an, Straßenmusikanten singen traurige Balladen und junge Dichter rezitieren mit Herzblut ihre Werke. Mehr als alle anderen Gestalten passen sie hierher. Der Newski ist die Heimat der Dichter. Hier ist der Ort, wo alle russischen Romane beginnen oder enden. Die erfundenen und die wirklichen. Meinte zumindest Egon Erwin Kisch nach einem Besuch im Literaten-Cafe auf dem Newski-Prospekt Nr. 18. Dostojewski und Gogol verkehrten hier, Alexander Puschkin zählte zu den Stammkunden. Das Café war der letzte Ort, an dem er lebend gesehen wurde. Am 27. Januar 1837 verließ Puschkin seine Wohnung „An der Moika 12“, traf er sich im Café mit seinem Sekundanten Dansas, und gemeinsam gingen sie über das Eis zum Ort des Duells – an das Flüsschen Tschornaja. – Der Rest des Dramas ist bekannt. Einige Tage nach Puschkins Tod deklamierte Lermontow im Café das soeben verfasste Gedicht „Der Tod des Dichters“.

k1024_newa-fahrt-36Heute verkehren im Café vor allem Studenten und Touristen. Die berühmten Gäste von einst haben sich ins Schattenreich zurückgezogen. Am Ende ihres geliebten Newski trifft man sie alle wieder: auf dem Friedhof des Alexander-Newski-Klosters.

Text und Fotos: Bernd Siegmund

Ebenfalls von unserem Russlandexperten Bernd Siegmund ist der folgende Beitrag

Russland: Weliki Nowgorod, ein Besuch in der russischen Provinz

Und mehr über St. Petersburg gibt es hier:

Russland: St. Petersburg – Venedig des Nordens

 

Rumänien: Dracula – Liebe auf den ersten Biss

k1024_transsilvanien-31Ungefähr eine Stunde hinter Zarnesti, die Straßen durch den Wald werden immer enger und die Schlaglöcher tiefer, erreicht unser Kleinbus endlich Bären-Land. Von einem sicheren Hochstand aus werden wir Meister Petz zu Gesicht bekommen. Hoffentlich! 40 Euro kostet der Augenschmaus. Eine gut zweihundert Meter breite Lichtung, umstanden von Mischwald, liegt vor uns. Förster Andrei Ciocan flüstert, dass er zwar nichts garantieren könne, sich aber ziemlich sicher sei, dass sie kommen werden. Der Grund für seine Zuversicht heißt Mais, Gemüse und Schokolade. Er hat leckeres Bärenfutter ausgelegt.

k1024_braunbaeren-4Und wirklich, nach zwanzig Minuten etwa taucht der erste Bär aus dem Dunkel des Waldes auf, ein mittelgroßes Tier, vielleicht 250 kg schwer. Es ist mucksmäuschenstill auf dem Hochstand. Niemand wagt zu atmen oder gar zu hüsteln. Vorsichtig, ganz vorsichtig nach allen Seiten witternd, betritt der braune Zottelpelz die Lichtung und steuert die ausgelegten „milden Gaben“ an. Bären sehen nicht sonderlich gut, aber sie haben ein feines Gehör und einen ausgeprägten Geruchssinn. Offenbar hat er uns nicht bemerkt. Er setzt sich gemütlich an den „gedeckten Tisch“ und beginnt zu fressen.

k1024_braunbaeren-2Zirka 50 Bären leben in den Wäldern des Piatra-Craiului-Gebirges. Für Wald-Spaziergänger sind sie eine ernsthafte Gefahr. Zwar nimmt der Bär in der Regel vor dem Menschen Reißaus, aber es gibt Situationen, in denen es heikel werden kann. Wenn er sich gestört fühlt beispielsweise, Junge hat oder verletzt ist. In keinem anderen Land Europas findet man eine solche Dichte von Karnivoren, von Fleischfressern. 4500 Bären, 2500 Wölfe und 1500 Luchse zählt die Statistik in den Wäldern der Karpaten. Wo sonst in Europa kann man diese Tiere in freier Wildbahn beobachten?

Wir sind in Transsilvanien, zu gut Deutsch: in Siebenbürgen. Der Nationalpark Königstein (Piatra Craiului) ist unser Wanderrevier. Gebirgsbäche schlängeln sich durch wildromantische Täler, aus geheimnisvollen Mooren tönt das Quaken der Frösche, wie Inseln der Zivilisation liegen einsame Dörfer in der Landschaft. Die Natur ist von einer seltsamen, anrührenden Schönheit. Da die Wälder wirtschaftlich kaum genutzt werden, gehen die Bäume hier in der Regel an Altersschwäche ein. Niemand räumt die toten Riesen weg. Käfer, Pilze, Würmer, Flechten, Moose und Mikroorganismen nehmen sich ihrer an. Schon bald wächst aus dem Totholz neues Leben. Uhren messen hier nicht die Zeit, sie messen die Ewigkeit.

k1024_transsilvanien-83Im Frühsommer sind die Wiesen übersät mit Wildblumen. Das erste Gras des Jahres wird gemäht, die Bauern sind bei der Heuernte. Alles geschieht von Hand. Mit Sensen, hölzernen Rechen und Forken. Von früh bis abends ist das Dengeln der Sensen zu hören.

k1024_transsilvanien-58Unser Wanderprogramm durch den Nationalpark Königstein ist anspruchsvoll, aber nichts für Hochleistungssportler. Das tägliche Laufpensum liegt bei ca. 15 km, Höhenunterschiede von 400, 500 m sind normal. Wir wohnen in der „Villa Hermani“, einer kleinen Öko-Pension in Magura. Das Essen ist sehr gut, das Abendbier wohltemperiert und Wanderführer Thomas Oyntzen von der Alpinschule Innsbruck (ASI), ein echter Siebenbürger Sachse, tut alles, um die Wandergruppe bei Laune zu halten. Mit Humor, mit Bauernschläue und Autorität. „Ich kenne hier jeden Steg, jede Abkürzung, jede Gefahr“, sagt er. „Deshalb treffe ich im Gebirge die Entscheidungen. Ich weiß, was für die Gruppe gut ist.“ Sein häufigster Satz während der Wanderungen lautete: „Wir sind gleich da!“ Das stimmte nie. Wir wussten es alle. Trotzdem war es ein guter Satz.

Höhepunkt der Reise war die Wanderung von Magura, unserem kleinen Gebirgsdorf, nach Bran, ins sagenumwobene Dracula-Schloss. Leider spielte das Wetter nicht mit. Strahlend gelb hing die Sonne am Himmel. Gehört hätten sich wenigsten Nebelschwaden und feiner Nieselregen. Obwohl, es ist ja nicht mal sicher, dass der berüchtigte Blutsauger jemals in Bran gewesen war. Dichtung und Wahrheit liegen weit auseinander. Das ist Bram Stokers Schuld. Dem irischen Schriftsteller (1847-1912) diente Fürst Vlad Draculea Tepesz (1431-1476), der berühmte „Pfähler“, der seine Feinde auf Pfähle spießte, als Vorlage für sein Buch (1897) über die  Kunstfigur des Vampirs Dracula. „Sein Gesicht war raubvogelartig; Die Stirn war hoch … die Augenbrauen dicht, sein Mund sah hart und grausam aus; die Zähne waren scharf und ragten über die Lippen vor. Der allgemeine Eindruck war der einer außerordentlichen Blässe.“

k1024_draculas-schloss-7Dracula bekam erst Farbe ins Gesicht, wenn er einem attraktiven Mädchen an den zarten Hals ging, erklärt der Führer den Touristen aus aller Welt. Dann führt er sie an jene Lagerstatt, auf die der Vampir angeblich die Schönen bat, deren Blut er trinken wollte. „Stets war es Liebe auf den ersten Biss“, versichert er. Und indem er es sagt, schieben sich Wolken vor die Sonne, und es beginnt ganz fein zu nieseln.

Text und Fotos: Bernd Siegmund

 

 

Mehr zu Rumänien:

Rumänien: Reiterurlaub in den Karpaten, Teil 1

 

Tschechien: Český Krumlov, das Goldstück an der Moldau

Cesky Krumlov Photographer: Libor Svacek;

Cesky Krumlov © Libor Svacek

Gleich ob in Peking, Tokio oder Seoul, für die junge Bildungsschicht ist Český Krumlov ein Begriff. Mit großem Augenaufschlag und den einleitenden Worten „a magic place“ wird man verzaubert schwärmen. Jahr für Jahr kommen Hunderttausende, die mit ihren „Schloss Hintergrund Selfies“ zu Hause beste PR machen. Wer glaubt, unsere asiatischen Freunde würden die europäischen Touristen mit Träger-T-Shirt und Plastiksandalen kopieren, der irrt. Bestgeschminkt und feinst gekleidet, präsentieren sie sich vor Postkartenmotiven. Jedes Schloss und jede Ruine, gleich aus welcher Epoche, speichern sie unter „Europan-Style“ ab. Wie stark sie an der Historie interessiert sind, bleibt offen. Wie einst ihre Eltern den Mercedes Stern, präsentieren sie heute ihre „Doku-Show“. Europäische UNESCO Kultur Highlights besucht zu haben, ist ein  Zeichen ihres gehobenen Lebensstils. Vienna, Salzburg, Hallstatt, Krumlau und dann noch ein Schuss Florenz.

Als Aschenputtel neue Kleider bekam,….

Bis 1989 war Krumlow eine schmutzige Stadt. Eine der größten osteuropäischen Papier- Kombinate pustete ungefiltert Chemie in die Luft und Säure in die Moldau. Ein Bad im Fluss hätte die Haut verätzt. Der Flossfahrer Michael, der heute heiter die Besucher durch das saubere, wenn auch durch den Eisengehalt bräunlich schimmernde Wasser schifft, lacht über das früher wechselnde Farbspiel. „Mal grün, mal blau, aber häufig überwog das Rot, weil man zu viele politische Pamphlete druckte.“
Als man dann 1992 die Stadt zum UNESCO Kulturerbe erhob, wurde über Nacht jeder graue Stein zum Juwel. Wie die Moldauschlinge die Stadt umrundet und bei Hochwasser in die Häuser drang, floss das Geld der Investoren in jedes baufällige Gebäude. Die Bürgerhäuser wurden zu Pensionen. Mit Mauerdurchbrüchen schaffte man bis zu 50 Zimmer. Das Jesuiten Kloster „hübschte “ man zum fünf Sterne Hotels auf. Die Gästezimmer verschönerten die Maler mit traditioneller böhmischer Schablonenmalerei. Für die Salons schaffte man Gründerzeit-Möbel aus aller Welt herbei. Die sozialistische Tristesse verflog über Nacht, als wäre das Ostregime nur eine unwillkommene Windböe gewesen.

Slavnostní otebření Hradního muzea v Českém Krumlově, 10.1.2011

Das Burgmuseum

  Femme fatale und leicht bekleidete Wäschermädchen

In der Blütezeit, Ende des 19.Jahrhundert, “als Böhmen noch bei Österreich war,“,.wie es so schön im Wienerlied besungen wird, war die Stadt ähnlich begehrt. ….
Der böhmische Fotograf Josef Seidl und später sein Sohn Franz ließen keines der romantischen Postkartenmotive aus. Mit unwiederbringlichem Fleiß hinterließen sie der Nachwelt 120 000 Landschaftsfotografien. Über Jahrzehnte sichtete man die auf dem Dachboden des Ateliers sorgsam verwahrten Filme, und stellte das Archiv online zur Verfügung.

Atelier Seidel po rekonstrukci 2008-06 FOTO: Libor Svacek, Kaplicka 447, 381 01 Cesky Krumlov, CZ. E-mail: box@fotosvacek.cz

Atelier Seidel, © Libor Svacek

Fotografie war in der Zeit von 1880 bis 1938 ein innovatives Geschäft. Kolorieren, retuschieren auf feinster Pappe mit Rahmen verewigen, schaffte für die Familie Seidl und ihre 19 Mitarbeiter beträchtlichen Wohlstand.Was heute als Hintergrundmotiv für „Selfie Porträts“ in den sozialen Netzen um die Welt flirrt, zierte damals die feinen Bürgerstuben. Egon Schiele, ein Sohn böhmischen Krumaus nannte eines seiner wichtigsten Werke “die tote Stadt“. Erst als er in die Kunstgeschichte einging, wurde er geachtet. Seine Aktzeichnungen und sein Lebenswandel passten nicht in das prüde Bürgertum. Dabei besteht der reizvollste Teil der Stadtgeschichte aus unzähligen Episödchen. Eine Reihe davon erzählt von den Chorherren des Stifts und Moldau’s leichtbekleideten Wäschermädchen, die für ihre Schönheit und Dreistigkeit sprichwörtlich wurden. Alma Mahler-Werfel, die große Femme fatale, die Gustav Mahler ehelichte und von Walter Gropius, Klimt, Kokoschka und einer Reihe großer Männer mehr verehrt wurde, hatte ihr Refugium im heutigen Hotel Bellevue. Ihre drei Salons spiegeln das einstige Flair wieder und für den, der es sich leisten kann, sind sie als Suite zu mieten.
Die Widersprüchlichkeit der Charaktere und die Lebensart der Südböhmen lassen sich in den literarischen Werken von Franz Kafka nachempfinden. Auch die trivialen Geschichten, das schlichte Gemüt des braven Soldaten Schweik, werden in den urigen Kneipen seiner Zeit wieder lebendig.

Nur auf den ersten Blick ist die Stadt überschaubar.

Das 13 000 Einwohner Städtchen mit seinen letztjährlich gezählten 1.5 Millionen Besuchern, ist komplett autofrei. Alle Straßen und Gassen sind wie im Mittelalter Kopfsteinen gepflastert. Das Bild der Stadt dominiert die Schlossanlage, mit seinen in verschieden Epochen erbauten fünf Höfen. Mit jedem Hof vergrößerte sich der Reichtum und die Bedeutung der Stadt stieg.

Ein bedeutendes Adelsgeschlecht Böhmens waren die Rosenberger. 1302 fielen ihnen die Burg und die Besitzungen zu. Sie waren stolz auf die Zugehörigkeit zum italienischen Adelsgeschlecht der Orsini (zu deutsch Bär) Ihr Wappen zierte ein Bär. Seit Beginn ihrer Herrschaft bis heute tappen tief im Burggraben die Braunbären auf und ab.

Advent a Vánoce v Českém Krumlově 2010

Der Bärengraben

 

Die Adelsfamilie Eggenberg übernahm 1662 das Schloss. Sie waren als die besten Bierbrauer Böhmens bekannt. Die Brauerei wurde 1991 rekapitalisiert. Den Gerstensaft braut man von alters her, nach gleicher Rezeptur. Und heute fließt das Bier, dank der durstigen Touristen reichlicher denn je zuvor.

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Die geschäftstüchtigen Fürsten von Schwarzenberg residierten ab 1719 und blieben bis nach dem zweiten Weltkrieg in der Burg. Mit ihren Silbermienen verhalfen sie sich und der Stadt zu beachtlichen Reichtum. Sie hatten 5 Söhne. Ihr Wappen ist die fünfblättrige Rose, Jedes Blatt steht für einen Sohn. Ein allen bekannter Nachfahre ist der ehemalige tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg.
Ein Český Krumlov Besuch lässt sich Schritt für Schritt mit der goldenen Karte, die alle Highlights einschliesst, planen. Es gibt allerdings noch eine erlebnisreiche Variante. Man schlendert ziellos, lässt sich auf das mittelalterliche Flair ein und entdeckt, was kein Führer empfiehlt. Erlaubt sich zu träumen, vergisst die Jahreszahlen und staunt kindlich. Steht früh auf und genießt die Stadt touristenfrei im Morgentau. Erlebt sie gähnend, wie eine verschlafene Geliebte, bevor sie die Fensterläden ihrer Souvenir Geschäfte öffnet. Reflektiert die Schönheit bei einem Mittags-Nickerchen. Verdaut die Würste, den Rostbraten und das Bier. Wandelt Nachmittags von einer weltberühmten Konditorei in die andere, bis man die 15 verschiedenen Strudelsorten durchprobiert hat.
Český Krumlov ist eine Stadt, die nicht lauthals mit „Magic“ zu locken braucht. Ihr vergilbter Charme berührt die Herzen der Feinfühligen ungewollt.

Text: Veronika Zickendraht

Mehr zu Tschechien gibt es hier:

Tschechien: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Prag

Und hier:

Tschechien: Ein Spaziergang durch Prag (Teil 1)

Und hier auch:

Tschechien: Ein Spaziergang durch Prag (Teil 2)

 

 

 

Russland: Weliki Nowgorod, ein Besuch in der russischen Provinz

K1024_Nowgorod (33)Gestreichelt von der frühen Junisonne zeigt sich Nowgorod; die älteste Stadt Russlands, von ihrer freundlichsten Seite. Die breiten Straßen sind gesäumt von stattlichen Bäumen, das Stadtbild wirkt gepflegt, die Wohnhäuser, vier- und sechsgeschossig, könnten ein wenig mehr Farbe vertragen. 218.717 Einwohner leben hier. So lauten die letzten Zahlen. Damit ist Nowgorod, 180 km südöstlich von St. Petersburg gelegen, auch nach russischen Statistiken eine Großstadt. Und doch hat man das Gefühl, sich in tiefer Provinz zu befinden, Gast einer kleinen, gemütlichen Stadt zu sein.

K1024_Nowgorod (49)Dass dem nicht so ist, wird einem spätestens beim Anblick der zahlreichen Kirchen klar, die das weitläufige Stadtbild prägen. 70 sollen es im gesamten Nowgoroder Oblast sein. Meinte unsere Reiseführerin. Mehr als in jedem anderen russischen Gebiet. Aber sie war sich nicht ganz sicher, was die Zahl anbelangt. Vielleicht sind es auch nur neunundsechzig. Auf eine mehr oder weniger kommt es ja nun wirklich nicht an. In der Altstadt jedenfalls stehen 38 Kirchen und Klöster. Die meisten dieser frommen Häuser sind arbeitslos, einige verkünden noch aktiv das Wort Gottes, andere (so die Heilig-Geist-Kirche) haben sich in ein staatliches Archiv verwandelt. Angesichts dieser geistlichen Fülle nimmt sich der einstige Heilsbringer Lenin geradezu bescheiden aus auf seinem leicht ramponierten Denkmalssockel.

K1024_Nowgorod (12)Der breite, fischreiche Wolchow, der dem nahen Ilmensee entspringt, trennt Nowgorod in die Sophienseite und in die Handelsseite. Eine Fußgänger-Brücke verbindet beide Ufer. Auf der Sophienseite steht der Kreml, der touristische Höhepunkt der Stadt. Erstarrt in steinerner Schönheit wachsen die Zwiebeltürme der St. Sophien-Kathedrale in den Himmel. Ihr Anblick projiziert beim Betrachter eine Fülle nostalgischer Bilder, die sich alle um das alte Russland drehen. Erbaut zwischen 1045 und 1050 war die Kathedrale der Heiligen Sophia stets mehr als „nur“ ein Gotteshaus. In ihr wurden die Nowgoroder Fürsten gewählt, Kriege erklärt, Staatsposten verteilt. Die größte, die vergoldete Kuppel, trägt ein Kreuz, auf dem eine Taube sitzt. In einer Sage wird prophezeit, das Nowgorod niemals untergehen werde, solange es die Taube gibt. Sicherheitshalber hat man sie aus Metall gefertigt.

K1024_Nowgorod (8)Auch das Tor zum Westeingang der Kathedrale ist aus Metall. Auf zwei hölzerne Türflügel geschlagen erzählen 26 Bronzetafeln die Christus-Geschichte. Bis heute weiß niemand zu sagen, wie dieses 3,60 m hohe und 2,40 m breite Kunstwerk nach Nowgorod gelangte. Bekannt ist nur, das die Bronzetafeln um 1150 in Magdeburg gegossen wurde. Übrigens darf allein der Metropolit durch die „Magdeburger Tür“ die Kathedrale betreten. Sie ist für Otto Normalgläubiger seit ewig verschlossen.

Nowgorod gilt als Wiege Russlands. Auf diese Tatsache sind die Einwohner stolz. Für sie ist nur der ein echter Russe, der in hier geboren wurde. Sagen sie in selbstironischer Distanz.

K1024_Nowgorod (40)859 erstmals urkundlich erwähnt, gehörte die Stadt drei Jahrhunderte zur Kiewer Rus (9. – 12. Jh.), danach wurde sie Hauptstadt einer feudalen Kaufmanns- und Bojaren-Republik. Die Macht des Nowgoroder Fürsten wurde von der Volksversammlung (Wetsche) kontrolliert. Gelegen am Schnittpunkt wichtiger Handelswege pflegte Nowgorod beste Beziehungen zur Hanse. Man exportierte Holz, Flachs, Honig, Wachs, Leder und Pelze. Und importierte Edelmetalle, Salz, Tuche, Fisch, Schmuck und allerlei Tand. Um den Warenstrom zu bewältigen, richtete sich die Hanse sogar ein eigenes Kontor in Nowgorod ein. Handel machte die Stadt reich. Ehrfurchtsvoll nannte man in Russland Nowgorod „Gospodin“, „Herr Groß-Nowgorod“. Aber erst 1999, zum 1140. Geburtstag, erhielt die Stadt offiziell den Namenszusatz „Weliki“, Groß. Auf das achtungsvolle „Herr“ allerdings wurde verzichtet. Es passt nicht mehr in unsere Zeit. Wer weiß, zu welchen Höhen des Ruhms es das lebendige Geschichtsbuch Nowgorod noch gebracht hätte, wäre da nicht Zar Peter der Große gewesen, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, im Sumpf der Newa das prächtige St. Petersburg zu erbauen. Nowgorod stürzte aus den Himmel einer Quasi-Hauptstadt auf den harten Boden der Provinz.

K1024_Nowgorod (26)„Das ist lange her“, meinte Viktoria Selivyorstova, Besitzerin des gemütlichen Restaurants „Dom Berga“, in dem wir genussvoll zu Mittag gegessen haben. Die Stadt, so erzählte sie, hat alles, was man braucht, um gut zu leben. Und was braucht man? Eine Badeanstalt. Eine Philharmonie. Zwei Theater. Museen. Hotels. Ein Gourmetrestaurant. Galerien. Touristen (im vorigen Jahr wurden 200.831 gezählt, darunter 28.257 ausländische). Einen Italiener.

K1024_Nowgorod (1)Einen Nachtclub, ein Irish Pub mit 8 Bier- und 30 Whisky-Sorten, ein Teehaus, ein europäisches Kaffeehaus und natürlich ein Restaurant wie das ihre, in dem Chefkoch Michail Nekrasov es vortrefflich versteht, den Gaumen der Gäste zu kitzeln. Mit Bliny, das sind mit Pilzen oder Fleisch gefüllte Pfannkuchen. Mit gedünsteten Flusskrebsen. Und einer Gulaschsuppe im Steinguttopf. Und schließlich: Beef Stroganoff. Nach Art der Provinz. Viktoria Selivyorstova hat recht! In Nowgorod lässt es sich gut leben. – Zumindest als Gast.

Text und Fotos: Bernd Siegmund

 

Mehr Russland im WeltreiseJournal: http://www.weltreisejournal.de/2013/07/15/russland-st-petersburg-venedig-des-nordens/

Und noch einmal: http://www.weltreisejournal.de/2015/07/14/russland-noch-mal-schnell-nach-moskau/

Mehr von unserem Russlandexperten Bernd Siegmund lesen Sie hier:

Russland: St. Petersburg – Der Mann, der goldene Eier legte

 

Bulgarien: Die Reise zu den Rosen

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Der Auftakt der Verführung war ein leuchtend rotes Rosenposter. Von Touristen gern frequentierten Hackeschen Markt in Berlin. An einem Stand voller rot rosa leuchtender Fläschchen und Gläschen. Hergestellt von der Expertin Ekaterina, mit Blütengirlande im Haar.
Kopfschüttelnd:„Nein, nicht zu süß, die Wildrose ist einen Hauch bitter. Wie Bitterschokolade! Oh, haben sie schon jemals Rosenschokolade gekostet?“ Und schwups eine Sekunde später, zerlief ein Rippchen davon im Mund der neugierigen Fragestellerin. Knäckebrot mit Rosenmarmelade bestreichend, umgarnte Ekaterina mit ihrer Verführungskunst. „Riechen sie hier, fühlen sie da. Möchten sie den Rosensirup für das morgendliche Müsli kosten,….?“

Ins Tal der Rosen

Dem kritischen guckenden Gatten flüsterte sie im Puderzuckertonfall fast ins Ohr: „Sensitivität und Sinnlichkeit sind die Basiszüge, die Rosenliebhaber so an sich haben.“ Inzwischen durfte die rechte Hand der „fast schon Kundin“ erleben wie sich Rosencreme auf ihrer Haut anfühlt. Das dieser Samstagmorgen nasskalt war, der Wind zog, zählte nicht mehr. Nach der schnöden „Kaufabwicklung“, Geldwechseln hin und her, kam sie auf die „Verzauberungen“ auf ihren Rosenreisen zu sprechen. Jährlich zweimal verführt sie Touristen zu einer Reise in ihre Heimat, ins Tal der wilden Rosen, 150 km von der bulgarischen Hauptstadt Sofia entfernt. In der Zeit der Rosenernte im Mai/Juni sind alle Dörfer von einem Duft erfüllt, der sich in Haare und Kleider zieht.

Ekaterina weiß  „Wissen sie, die Rosen machen etwas mit den Menschen. Manche blühen richtig auf. Sie entkrampfen, sie werden weich. Auf meinen Rosenreisen erlebe ich, dass Menschen die beim Hinflug noch froh wären wenn der Sitz neben ihnen frei bliebe, genau diese vormals „Eisigen“, auf der Heimreise ihren Sitznachbarn intimste „Episödchen“ erzählen. Von Rosen bleibt eben niemand unberührt.

Bild 2 DamasznerrosenIm Tal der Damazener-Rosen,zwischen Sredna Gora und den Nordhängen des Balkangebirges, liegt Bulgariens Rosenparadies. Ab 20. Mai beginnt die Erntezeit. Eine Rosenreise ist ein Abenteuer. Ekaterina El Batal bucht für ihre höchstens zwei Dutzend Gäste im Jahr Pensionen bei Rosenbauern. Bekocht werden die Gäste aus dem Gemüsegärtchen hinterm Haus. Und wenn schon Fleisch, dann das gackernde Huhn vom Nachbarn nebenan.

Teurer Duft

Die um das kleine Handwerksstädtchen Kalofer herum geernteten Rosenblätter sollen die Ölqualität der türkischen, iranischen und afghanischen, haushoch übertreffen. Etwa 75 % des Rosenöls weltweit wird in Bulgarien gewonnen. Für einen Liter Rosenöl braucht man mehr als 3 Tonnen Blütenblätter. Früher tauschten die Händler ein Kilo Rosenöl für ein Kilo Gold. Heute liegt der Preis bei 7000 €. Versierte Pflücker schaffen bis zu 70 Kilo Blüten an einem Tag. Geerntet wird kurz bevor die Sonne aufgeht bis 11 Uhr. Bis dahin enthält die Blüte eine gute Öl-Konzentration. Der Lohn liegt um die 15 €. Meist arbeiten Roma-Familien, vom Schulkind bis zur Oma, auf den Feldern. Vorsichtig müssen sie sein, denn die Rosen haben noch viele Dornen. Anders als die domestizierten, auf edel getrimmten Gartensorten. Man sagt mit dem Verlust der Dornen ging der Verlust des Duftes einher.

Bild 4 ggertete RosenWie der Duft in die Flasche kommt:

Zunächst werden die Rosenblüten in einem Kessel gekocht, der Dampf mit dem ätherischen Öl wird gekühlt und das grüne 1. Öl wird in einem Florentiner-Gefäß separiert. In einem zweiten Destillationsvorgang wird dann das verbliebene Rosenwasser ein zweites Mal gekocht. Das dabei entstehende gelbe 2. Öl wird mit dem 1.Öl zum dann fertigen Rosenöl gemischt.
Damit ist der wertvollste  Basisstoff für Chanel No.5 gesichert. Christian Dior, Nina Ricci, Kenzo, Givenchy und Gucci gehören zu den weltbekannten Marken, die alle Rosenöl als einen wesentlichen Bestandteil für ihre Parfüme verwenden.

Bild 3 Rosenmaske 

Auch die Rosenreisenden sitzen nachmittags nicht untätig vor ihren Rosenblütenblätterkörben. Unter freien Himmel, im allgegenwärtigen Duft der Rosen, folgen sie Ekaterinas Anleitungen zur Erstellung von Rosencreme, Zahnputzcreme mit Blütenblätterstaub und dem Gebirgsrosensalz. Nach Sonnenuntergang geht es an den Herd. Zum Rühren der Rosenkonfitüre, des Rosenhonigs und des Sirups.

Text: Veronika Zickendraht
Fotos: Ekaterina El Batal

 

Estland: Urwüchsige Natur auf Saaremaa und Hiiumaa

Auf den beiden größten estnischen Inseln Saaremaa und Hiiumaa ist die Natur noch intakt. Urwüchsige Strände und schroffe Küsten, weite Wälder und kleine Dörfer werben wieder um Besucher. Es gibt aber auch ein Kurbad mit Tradition und die schönste Burg des gesamten Baltikums.

Ein Sommertag wie eine Postkarte, mit einem blauen Himmel, der im unvergleichlichen Licht des Nordens strahlt. Ohne Knitter und Falten breitet sich die glitzernde Folie des Meeres bis zum Horizont aus. Im Schritttempo manövriert die Fähre durch das seichte Wasser der Ostsee, immer in der Hoffnung auf die nötige Handbreit Wasser und dem Kiel. 1500 Inseln soll es vor Estlands Küste geben, einige von durchaus stattlicher Größe, die meisten jedoch nur namenlose Winzlinge. Vom Eis polierte Schärenbuckel, die kaum die Nase aus dem Wasser bekommen. Unser Ziel Hiiumaa zählt zu den Großen, ist nach Saaremaa die Nummer Zwei der estnischen Inselwelt.

Insel der Riesen

Hiiumaa, die Insel der Riesen, so lautet eine der Deutungen des Namens, ist zu drei Vierteln von Sand, Wäldern und Mooren bedeckt. An der Küste mischt sich das Salz des Ostseewindes mit dem Duft von Wacholder zu einem belebenden Cocktail. Mit dem Auto schafft man die Inselrunde bequem an einem Tag. Doch wer will das schon? Estnische Inseln verführen zur Langsamkeit und so bleibt man besser ein oder zwei Wochen. Selbst der Hauptort Kärdla, nicht mehr als ein großes Dorf, strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Jubel, Trubel, Heiterkeit und laute Disconächte – Fehlanzeige. Die Esten stört es nicht, sie leisten sich ein kleines Häuschen irgendwo inmitten der Natur und lassen sich von der Langsamkeit des Inseldaseins verwöhnen. An den sonnigen Tagen des Jahres gehen sie an die fast menschenleeren, urwüchsigen Sandstrände, spazieren entlang der Klippen oder genießen von der Terrasse den Blick in die Ferne.

Auf den Spuren eines Riesen

In die Ferne zur Nachbarinsel Saaremaa zog es auch den Riesen Leiger. Deshalb machte er sich daran, einen Damm zu bauen. Stein auf Stein warf er ins Wasser, doch irgendwann verlor er die Lust. Mehr als zwei Kilometer ragt Leiger’s Werk, der Sääretirp, im Süden Hiiumaas ins Meer. Wer sich bis zum letzten Stein der Landzunge vorwagt, ist zwar noch lange nicht auf Saaremaa, kann aber das unbeschreibliche Gefühl genießen, mitten in der Ostsee zu stehen.

Kuren in Kuressaare

Estlands liebste Ferieninsel ist Saaremaa. Immerhin ein wenig größer als das Saarland, doch nur von 40 000 Menschen bewohnt – da bleibt genügend Platz für Wiesen, Wald und Wacholder. Fünfzig Jahre Dornröschenschlag als militärisches Sperrgebiet haben ihr die sowjetischen Besatzer verordnet. Während dieser Zeit brauchten selbst die Esten für ihre Lieblingsinsel eine Sondergenehmigung. Keine leichte Zeit für die Insulaner, aber die Natur hat profitiert. Wurde verschont von Bausünden und Industrieanlagen und konnte so ihren herben nordischen Charme kultivieren.

Früher waren hier alle Fischer oder Seeleute, heute liegt für viel die Zukunft im Tourismus. Mit Besuchern hat man schließlich Erfahrung, denn schon vor 100 Jahren war die Inselhauptstadt Kuressaare ein nobles Kurbad, in dem man sich mit Heilschlamm von allerlei Wehwehchen kurieren lassen konnte. Das geht auch heute wieder, wobei schon lange nicht mehr nur Heilschlamm auf dem Programm steht. Wellness ist mittlerweile auch in Kuressaare das Maß der Dinge. Vom herben Charme der Sowjetzeit befreit, haben die Kurhotels längst Sternekomfort und können nun wieder auf dem internationalen Markt mithalten.

Das Drumherum ist allemal konkurrenzfähig: Die Promenade direkt am Meer, einige Dutzend pittoreske alte Holzhäuser, ein runder Marktplatz mit Restaurants und Kneipen, eingerahmt von uralten Gassen mit winzigen Häusern. Und natürlich die Bischofsburg aus dem 14. Jahrhundert, wie aus dem Bilderbuch, mit fensterlosen, abweisenden Mauern, umgeben von Wällen und Wassergräben. Sie darf sich getrost „Schönste Burg des Baltikums“ nennen.

Eiderenten und Findlinge

Und der Rest der Insel? Ländlich verträumt, erstaunlich groß und mehr als nur einen kurzen Ausflug wert. Mehr als 800 Windmühlen gab es einst auf Saaremaa, keine 100 Jahre ist es her. Eine Handvoll ist geblieben, doch sie taugen nur noch als Fotomotiv, denn Mehl mahlen sie schon lange nicht mehr. Der Meteoritenkrater von Kaali, immerhin der größte Europas, gibt sich, versteckt zwischen Bäumen, geheimnisvoll und mystisch. Beim Einschlag des dicken Brockens vor wahrscheinlich 4000 Jahren müssen sich die Menschen gewaltig erschrocken haben. Seitdem gilt Kaali in der Mythologie als „Grab der Sonne“.

Nicht mystisch sondern einfach nur schön breitet sich die Inselwelt des Nationalparks Vilsandi vor der Westküste Saaremaas aus. Ein Paradies für Eiderenten, Gänse, Kegelrobben, Orchideen – und Naturliebhaber. Und auch hier liegen wieder unzählige Findlinge im flachen Wasser. Ein Riese hat wohl Murmeln gespielt. Nur das Aufräumen hat er vergessen. Man muss ihm dankbar für diese Unordnung sein, denn dies ist der schönste Platz, um auf den Sonnenuntergang zu warten. Und darauf hoffen, dass die Steine im spiegelglatten Wasser anfangen, rot zu leuchten.

Christian Nowak

 

Russland: Noch mal schnell nach Moskau

Impressionen einer Kurzreise

P1140850Wer glaubt, in Russland gingen bald die Lichter aus, wird noch warten müssen. Moskau blinkt und glitzert. Die Reichtums-Show läuft rund. Das Traditions-Kaufhaus GUM am Roten Platz, Baubeginn 1888, ein Designer-Tempel mit 200 Luxusgeschäften, prunkt Nacht für Nacht mit tausenden von Lampen, als ob’s Weihnachten wäre. In keiner Metropole der Welt soll es mehr Millionäre geben. Nur ein bisschen Angst hat man. Bei Veranstaltungen am Roten Platz kontrolliert man jeden Besucher und jede Handtasche. Zur Sicherheit an den Pforten des GUM’s ein zweites Mal.
Die Frage, ob die europäischen Sanktionen spürbar seien, perlt an Moskaus City ab. Fast alle stehen zu Präsident Wladimir Putin. Er ist der ungekrönte Zar. Das altslawische „Wlad“ steht für Herrscher, die zweite Silbe „mir“ für Welt, Frieden oder Ordnung. Wladimir, der Herrscher der Welt. Sieht er sich so?
P1140804Sein neues Moskau jedenfalls hat sich vom Jahre 2005 bis heute durch Eingemeindung der Randbezirke von ca.1000 km² auf 2500 km² ausgedehnt. Die Einwohnerzahl vermehrt sich monatlich. Heute schätzt man Moskau auf 13 bis zu 20 Millionen Menschen. Dank Putin ist die City sauber, grün und sicher. Und doch, die Schere zwischen Arm zu Reich klafft tief. Akademiker haben oftmals Renten von 1000 Rubel (€ 90,-). Als arm gilt, wer unter 8000 Rubel monatlich zum Leben hat. Viele alte Menschen bessern sich nachts in der Stoleshnikov pereulok, eine der teuersten Einkaufsstraßen Europas, ihre Rente auf. Mit Schaufel und Besen bewaffnet, sind sie jedem kleinen Seidenpapierschnipsel hinterher.

Sanktionen hin oder her, in Einschnitten ist man geübt.
Der Schweizer Käse fällt aus. Bei Kleinkindern greifen Mütter neuerdings zu Trockenmilchpulver. Warum? Eine russische Kuh muss heute mehr geben, als ihr zuträglich ist. Bakterien freie Milch wird nur durch reichlich Chemie erreicht.
Bio kommt in der Massentierhaltung nicht vor. Die russische Landwirtschaft wächst nicht wie die Immobilienbranche. Schon gar nicht auf Grund von Sanktionen.

Susdal, ein heiliger Ort des Goldenen Rings, eine 230 km Tagesspritztour weit von Moskau.
P1140981Vor der Romantik-Kulisse, goldenen Zwiebeltürmen mit russisch-orthodoxen Kreuzen, postiert sich die Biker-Gang für ein Gruppenfoto. Nachtwölfe, behauptet der Moskauer Biker Wladimir seien sie alle. Er ist Rentner. Ende Vierzig. Behinderungen sieht man ihm nicht an. Braucht er auch nicht. Er war Polizist. Da zählt ein Berufsjahr für zwei. Nebenjob sei Ehrensache. Was er genau macht? Eine riskante Frage. Er spricht nur ein deutsches Wort. Jeden übersetzten Satz bestätigt er mit: „GENAU“. Nach Berlin wollen sie alle. Einstimmiges Nicken. Ihr „Leitwolf„ hat Berlin in 24 Stunden geschafft.
Ah, und apropos Krise. Ihre Meinung: Hunger & Not kannten ihre Großmütter. Vladimir’s Eltern standen 1991 vor einem Marmeladeglas voll eng gerollter, hart abgesparter Scheine. 25 Jahre Traum vom Lada. Über Nacht – Asche.
Im Sommer 1998 hat der Rubel das Fünffache an Wert verloren. Die Aktien haben sich 2008 halbiert. Wer will da heute über fehlenden Käse reden?
Ob der Wodka das Volksproblem Nr.1 sei? Die kleine blutjunge Süße von Vladimir auf ihren 23 cm Plateau-High-Heels zwitschert tröstend: “Sie müssen ihn nicht trinken. Sie sind eine Frau. Meine Mutter hat sich damit nur die Ohrläppchen eingerieben, wenn sie zu erfrieren drohten. Oma hat den Gummibaum mit Wodka gedüngt. Seine Äste sind sooo geworden.“ Bildlich dehnt sie ihre Arme in vergleichbare Weite – und schwankt. Vladimir fängt sie auf und zieht sie rettend an seine über und über tätowierte Brust.
Alle lachen.
Vielleicht über mich?

Veronika Zickendraht

Statt Moskau, lieber St. Petersburg?

Russland: St. Petersburg – Der Mann, der goldene Eier legte

 

Baltikum: Drei Länder auf einen Streich

Drei Länder – Litauen, Lettland, Estland – drei Metropolen, drei Kulturhauptstädte und vieles mehr in einem Urlaub

Auftakt und wahrhaftig eine Augenweide ist Vilnius. Wie in einem Freilichtmuseum scheint hier alles Geschichte zu atmen. Mit einem Gewirr malerischer Gassen und Straßen, verwinkelten Innenhöfen, liebevoll restaurierten Bürger- und Kaufmannshäusern und prächtigen Kirchen bezaubert die Altstadt. Nicht von ungefähr wird Vilnius als eine der schönsten Barockstädte Europas Gepriesen. Am intensivsten spürt man ihr Herz am Kathedralenplatz. Da treffen sich Einheimische und Touristen, Liebespaare und Straßenmusikanten, Pflastermaler und Skateboarder.

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Mit ihrer Säulenhalle sieht die strahlend weiße klassizistische Kathedrale eher wie ein Tempel aus. Von hier sind es nur ein paar Schritte zum Burgberg mit dem Gediminas-Turm, dem Wahrzeichen der Stadt. Ein Aufstieg auf den 48 Meter hohen Berg lohnt sich. Weit geht der Blick über die in Grün eingebetteten Dächer der Altstadt und über das breite Flußband der Neris auf die Hochhäuser der Neustadt. Mehr als vierzig Kirchen stehen in der Altstadt auf engstem Raum beieinander. Die berühmteste und schönste ist die backsteinrote Annakirche. Man kann sich nicht sattsehen an ihren filigranen Türmchen, Erkern und Spitzbogenbändern. Selbst Napoleon war bei seinem Russlandfeldzug so fasziniert von ihr, dass er sie am liebsten nach Paris mitgenommen hätte. Ein eigener Stadtteil in der Altstadt ist die Universität. Beim Bummel durch das Campusgelände beeindruckten Fassaden in barocker Pracht, Innenhöfe und piazzaartige Freiflächen.

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Unweit von Vilnius gelegen gehört Trakai zu den bedeutenden Sehenswürdigkeiten Litauens. Einst war das Städtchen – auf einer malerischen Halbinsel im Galve-See gelegen und umgeben von einer herrlichen Wald- und Seenlandschaft – die Hauptstadt des Landes. Heute ist es mit der der ältesten erhaltenen Wasserburg ein Schauplatz litauischer Geschichte. In den Sommermonaten locken Musikveranstaltungen, Theateraufführungen und ein Mittelalterfestival Heerscharen von Besuchern an. Durch  eine weite, ebene Landschaft von sanfter Schönheit führt der Weg nordwärts zum Berg der Kreuze. Seit mehr als sechshundert Jahren ist er ein Symbol für Nationalstolz, Widerstand und Frömmigkeit: nur ein Hügelchen von höchstens zehn Metern Höhe, aber übersät mit einem Dschungel von zehntausenden großen und kleinen Kreuzen, behängt mit Bildern, Rosenkränzen und Botschaften. 

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Fast unbemerkt ist aus Litauen Lettland geworden. Und in Rundale bleibt Zeit, ein barockes  Prachtschloß zu besichtigen. Die einstige Sommerresidenz für die kurischen Herzöge wird auch oft als „Versailles an der Ostsee“ bezeichnet. Dann ist Riga erreicht, das sich nicht nur als Kulturhauptstadt 2014 fein herausgeputzt hat. Die größte Stadt des Baltikums ist eine charmante Melange aus hanseatischer Backsteingotik und der schwelgerischen Pracht von mehr als achthundert Jugendstilhäusern. Alle Sehenswürdigkeiten der historischen Altstadt lassen sich bequem zu Fuß erkunden. Man schlendert durch die kopfsteingepflasterten Straßen und enggedrängten Gassen, genießt die Pracht der alten Wohn- und herrschaftlichen Gildehäuser. Ein Juwel und das wohl meistfotografierte Bauwerk ist das Schwarzhäupterhaus aus dem 14. Jahrhundert mit seiner fantastischen niederländischen Renaissancefassade.

Seiffert, Schwarzhäupterhaus in Riga

In backsteinrotem Glanz erstrahlt das palazzoartige Gebäude der imposanten Rigaer Börse. Unweit davon in einer schmalen Seitengasse sind drei kleine Häuser die Attraktion. Die sogenannten „Drei Brüder“ sind ein bezauberndes Ensemble von drei Wohnhäusern aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Das prächtigste ist der „mittlere“ Bruder, der 1646 erbaut wurde. Der größte und stets belebte Platz der Altstadt ist der Domplatz, an dem sich ein großer Biergarten und die beliebtesten Straßencafés befinden. An seinem Rand erhebt sich die Kathedrale, der größte Kirchenbau des Baltikums, die für ihre wertvolle Walker-Orgel berühmt ist. Hier ein Konzert zu hören oder an der Uferpromenade der Daugava den Sonnenuntergang zu erleben, könnte der krönende Abschluss eines erlebnisreichen Tages sein. Zu den restaurierten Kleinoden gehört auch das historische Speicherviertel, das in ein modernes Kulturzentrum mit Galerien, Restaurants und trendigen Cafés verwandelt wurde. Doch das Schönste, das Riga unverwechselbar macht, sind seine Boulevards, die von vierstöckigen Jugendstilbauten gesäumt sind.

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Der Faszination dieser mit Feen, Fratzen und Drachen überreich verzierten Fassaden kann sich niemand entziehen. Viele dieser herrlichen Art-Nouveau-Prunkbauten sind vorbildlich restauriert, allein zwanzig von ihnen hat der berühmte Architekt Michail Eisenstein gebaut. Nach soviel Sehenswertem im „Paris des Ostens“ bietet ein Ausflug in den wildromantischen Gauja-Nationalpark mit einer Kanu- oder Floßfahrt auf der Gauja eine willkommene Abwechslung.

Immer an der Rigaer Bucht entlang geht die Fahrt weiter nach Estland. Es ist die kleinste der drei Baltenrepubliken, doch ihre Küste ist 3.800 Kilometer lang und hat Tausendfünfhundert vorgelagerte Inseln. Saaremaa, die größte von ihnen und nur per Fähre oder Flugzeug erreichbar, ist ein Paradies für Naturliebhaber: unberührte Wälder, Wacholderheiden, schroffe Küsten, Sandstrände an kleinen Buchten, idyllische Abgeschiedenheit.

Seiffert, Windmühlen auf SaaremaaDas beschauliche Kuressaare ist die einzige Stadt – ein kleines Kurbad mit schönen alten Holzhäusern und der mächtigen Bischofsburg aus dem 14. Jahrhundert. Einst waren die hölzernen Windmühlen das Wahrzeichen von Saaremaa, heute sind nur noch einige erhalten. Als Touristenattraktion gilt auch der große Kaali-Meteoritenkrater. Zurück auf dem Festland und weiter quer durchs Land. Ein Bummel durch Tartu, die zweitgrößte Stadt und geistiges Zentrum des Landes mit ihrer Universität, die zu den ältesten Nordeuropas zählt. Dann ist der Peipussee erreicht, durch den die Grenze zu Russland verläuft, so groß wie ein Meer. Endlose Kilometer fährt man an seinem Westufer entlang, vorbei an kleinen Dörfern und Buchten versteckt in Dünen. Hoch im Norden erstreckt sind Lahemaa, der älteste Nationalpark. Ein Naturkleinod mit dichten Wäldern, Seeen, Mooren und zahlreichen Buchten und Halbinseln, die wie Finger ins Meer ragen. In dieser einzigartigen Landschaft sind einige der alten deutschbaltigen Gutshäuser  aufwendig restauriert worden. So auch das Vihula Manor, ein charmantes und luxoriöses Ensemble aus Herrenhaus und 26 Gebäuden in einem großen Landschaftspark mit gigantischen Bäumen, einem Seerosenteich mit kleinen Inseln und weißen Holzbrücken. Hier ist Zeit, die Seele baumeln zu lassen, spazieren zu gehen, mit dem Fahrrad oder in der Kutsche die Umgebung zu erkunden. 

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Eine knappe Autostunde weiter betört Tallinn mit mittelalterlichem Charme und skandinavischem Flair. Nur eine kleine Metropole, aber reich an hanseatischer Geschichte und mit einer Altstadt, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Der Domberg mit dem Langen Hermann, dem größten erhaltenen Turm der alten Burg, mit der ehrwürdigen Domkirche aus dem 13. Jahrhundert und zahlreichen Stadtpalästen, ist Schauplatz estnischer Geschichte und Gegenwart. Denn im ehemaligen Schloss tagt heute das Parlament. Daneben lockt die Alexander-Newski-Kathedrale mit ihren markanten Zwiebeltürmen Gläubige und Schaulustige an. Unverzichtbar ist ein Gang zur Domberg-Aussichtsplattform. Von hier bietet sich ein atemberaubender Blick über die Dächer und Türme der Altstadt und die Skyline der Moderne  bis zum Meer. Vom Domberg kann man auf der PIKK, einer der ältesten und längsten Straßen, bis zum Hafen laufen. Immer wieder fesseln dabei die prächtigen Fassaden der alten Kaufmanns- und Gildehäuser – eine schöner als die andere – den Blick. Damals wie heute ist der Rathausplatz mit dem prächtigen gotischen Rathaus und umgeben von zahlreichen Restaurants und Straßencafés der quirlige Mittelpunkt der Altstadt. Nur ein fünf-Minuten-Spaziergang von der Altstadt entfernt liegt das Geschäftsviertel mit Wolkenkratzern aus Glas und Stahl, Shopping-Centren, unzähligen Restaurants und Bars.

Text und Fotos: Christel Seiffert

Litauen: Bernstein an der Küste

Bernsteintee. Lithuanian State Department of Tourism

Gesund mit Bernsteintee

Legenden um den Bernstein
Der Legende nach handelt es sich beim angespülten Bernstein um Überreste des Unterwasserschlosses der Meereskönigin Jurate. Mit ein wenig Glück lässt sich bei einem Spaziergang an den Ostseestränden noch ein Stück des Palastes finden. Die besten Chancen dafür bestehen Wissenschaftlern zufolge im kleinen Örtchen Karkle zwischen Klaipeda und Palanga.

Bernstein am Ostseestrand ©Lithuanian State Department of Tourism-1Lohnenswert ist auch der Besuch von Juodkrante (dt. Schwarzort) auf der Kurischen Nehrung, der Fundort des größten archäologische Bernsteinschatzes mit Erzeugnissen aus dem Neolithikum. Der Fund enthält über 400 Bernsteinschmuckstücke, darunter besonders wertvolle Menschen- und Tierfiguren. Die Sammlung wird in verschiedensten Museen weltweit ausgestellt. Eine Kopie befindet sich im Bernsteinmuseum Palanga.

Besondere Ausstellungsstücke
Wer bei einem Strandspaziergang nicht fündig wird, hat im Bernsteinmuseum in Palanga die Möglichkeit, rund 4.500 Bernstein-Exponate zu bewundern. Einige der interessantesten Stücke der Ausstellung sind Steine mit Einschlüssen kleiner Insekten oder Käfer. Das Museum ist im geräumigen Palast der Grafen Tiskevicius mit dem angrenzenden Botanischen Garten untergebracht, auf dessen Terrasse zum Ende des Sommers regelmäßig Konzerte und Dichterlesungen stattfinden. In den offenen Bernsteinwerkstätten von Palanga können Besucher Künstlern bei der Arbeit über die Schulter blicken. Auch der kleine Kurort Nida auf der Kurischen Nehrung bietet im Bernsteinmuseum interessante Steine verschiedenster Farben. In der angrenzenden Galerie Mizgiris können Schmuckstücke aus der Hand hiesiger Künstler erworben werden.

Balsam für die Seele
Wer denkt, Bernstein fände seine Verwendung lediglich als Dekoartikel oder Schmuckstück, liegt falsch. Durch die enthaltene Bernsteinsäure werden dem Stein auch gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. Für Bernsteintherapien werden Aufgüsse aus Bernsteinsäure, -öl oder -pulver hergestellt. Und auch von innen heraus kann man den Bernstein in Form von Tee wirken lassen. Neben der wissenschaftlich bewiesenen Heilwirkung hält man den Bernstein in Litauen für einen guten Schutz gegen das Böse und glaubt, dass er die Kreativität fördert, Glück bringt sowie inneren Frieden und Selbstvertrauen verleiht. 

 

Deutschland: 200 Wege über das Meer

VFF Fährfolder 2014

Auf über 200 Seerouten bringen die europäischen Fährgesellschaften Urlauber und Geschäftsreisende bequem, sicher und entspannt an ihr Ziel. Für die schnelle Reiseplanung hat der Verband der Fährschifffahrt und Fährtouristik e. V. die praktische Broschüre „Fähren, Routen, Reedereien“ für 2014 neu aufgelegt. Das Streckennetz von 26 Reedereien ist darin übersichtlich auf Routenkarten dargestellt: über Nord- und Irische See, Ostsee, durch das Mittelmeer und jetzt neu: über das Schwarze Meer.

Deutschland wird auf 17 Fährrouten mit Skandinavien, Russland und dem Baltikum verbunden, die Passagen starten unter anderem in Kiel, Travemünde und Rostock. Insgesamt 95 Strecken im Norden listet die Broschüre auf, dazu gehören auch die Nordsee-Verbindungen ab Dänemark, Holland, Belgien und Frankreich mit Kurs auf die Britischen Inseln, nach Norwegen sowie bis nach Island. Für das westliche und östliche Mittelmeer gibt die Broschüre einen Überblick über 90 internationale und nationale Fährpassagen. Neu aufgenommen wurden Fährverbindungen im Schwarzen Meer, zum Beispiel ab Odessa über Sotschi, die Stadt der Winterolympiade 2014, bis ins georgische Batumi.

Viele Wege führen zum Fährticket: Die Übersicht der Reedereien wird ergänzt um Buchungstelefonnummern, E-Mail-, Internet- und Facebook-Adressen der Fährreedereien. Smartphone-Nutzer werden über QR-Codes direkt auf die Seiten der Fährgesellschaften gelotst oder auf die Homepage des VFF: Hier sind unter dem Navigationspunkt „Buchung“ gleich mehrere reedereiübergreifende Buchungsportale zu finden.

VFF Fährfolder 2014_Die Routen im Norden

VFF Fährfolder 2014_Die Routen im Süden

Lettland: Kulturhauptstadt Riga

Foto: Nowak, Lettland, Riga, LaimauhrRiga singt. Riga liest. Und Riga leuchtet. Im Jahr 2014 ist Riga nämlich Kulturhauptstadt Europas und bietet jede Menge spannende Veranstaltungen. Zum Beispiel die „World Choir Games“, zu denen 20 000 Sänger aus neunzig Ländern erwartet werden. Den ganzen Juli schmettern überall in der Stadt Chöre nach Herzenslust.  Auch zum Auftakt des Jahres sind die Straßen voll. Ende Januar wird eine internationale Menschenkette Bücher von Hand zu Hand aus der alten „Lettischen Nationalbibliothek“ in die neue im „Palast des Lichtes“ reichen, einem spektakulären Bau am Ufer der Daugava. Und im November wird Riga beim größten Lichterfest Europas eine ganz Woche lang von lettischen Lichtkünstlern illuminiert. 

Text: Ku-No-Kulturnotizen, Foto: Christian Nowak