Polen: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Polen

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 1 Łazienki-Park in Warschau/Warszawa

Inmitten des großartigen Parks steht auf einer künstlich angelegten Insel ein Palais, das ein wahrhaftiges Kleinod des polnischen Klassizismus darstellt.

2 Krakau/Kraków

Von den vielen historischen Denkmälern der alten Königsstadt sind besonders sehenswert: das Königsschloss, der Marktplatz mit den Tuchhallen und die Marienkirche mit dem Altar von Veit Stoß.

3 Breslau/Wrocław

Ein grandioser Marktplatz, sehenswerte Kirchen und die angenehme Atmosphäre verlocken zu einem ausgedehnten Besuch.

4 Posen/Poznań

Kulturell hat Posen einiges zu bieten. Und nicht nur das: Besonders der schöne Alte Markt hat viel Flair.

5 Danzig/Gdańsk

Das reiche Danziger Bürgertum ließ in der Langen Gasse und der Rechtstadt herrliche Renaissancebauten erschaffen. Nach dem Krieg wurde die Pracht minutiös rekonstruiert.

6 Misdroy/Międzyzdroje auf Wolin

Um das traditionsreiche Ostseebad auf der Insel Wolin erstrecken sich über 35 Kilometer herrliche Sandstrände.

7 Die Dünen von Łeba

Wüstenlandschaft an der Ostsee: Die sich bewegenden Sanddünen sind bis zu 44 Meter hoch.

8 Zoppot/Sopot

Der einst mondäne Kurort gilt heute als die Sommerhauptstadt Polens. Dutzende von Restaurants, Bars und Nachtclubs sorgen für Partylaune.

9 Marienburg/Malbork

Die imposante Residenz des Deutschen Ritterordens aus dem 13. Jahrhundert liegt malerisch am Ufer des Nogat.

10 Paddeln auf der Krutynia ab Sorquitten/Sorkwity

Diese einzigartige Paddeltour führt durch Masuren, wo sich zwischen sanften Hügeln und endlosen Wäldern Tausende Seen erstrecken – immerhin 17 davon liegen auf der Strecke.

 

Ungarn: Budapest, im Park der gestürzten „Helden“

Das „Denkmal der Räterepublik“ .Fotograf: Bernd Siegmund

Wer in Budapest in einem Kaffeehaus sitzt, egal, ob es ein berühmtes ist wie das „Gerbeaud“ oder ein ganz „normales“, der hat für geraume Zeit dem hektischen Alltag Adieu gesagt. Die Kaffeesüchtigen sitzen in gemütlicher Runde, plaudern über Gott und die Welt, geben sich dem braunschwärzlichen Getränk hin und sind für einen kurzen, glücklichen Augenblick mit sich und der Welt zufrieden. Und weil dieses Gefühl so wichtig ist für den Seelenzustand des Menschen, umspannt ein großes Netz aus Koffein-Tankstellen (die Statistik spricht von über 600) die Budapester Innenstadt. Für einen Euro bekommt man seinen Herzschrittmacher verpasst. Die kleinen Cafés in Budapest sind so etwas wie die Nahtstelle zwischen den Touristen und den Einheimischen. Hier erfährt man auch, was man sich unbedingt ansehen sollte.

Straßencafés In Budapest. Fotigraf: Bernd Siegmund

Und unbedingt ansehen sollte man sich den Momento-Park im XXII. Budapester Bezirk, der direkt an der alten Landstraße nach Wien liegt (Ecke Balatoni útca – Szabadkai útca). Im Gegensatz zu anderen untergegangenen sozialistischen Staaten hat Ungarn die künstlerische Hinterlassenschaft aus vier Jahrzehnten Sozialismus nicht mit Stumpf und Stiel ausgerottet, weder Lenins Kopf eingegraben, noch Dimitroffs Gesicht zerstört. Die eisernen Helden der Arbeiterbewegung stehen wie in einem Panoptikum im Park der Statuen und freuen sich ihres Lebens. Geöffnet hat das Kabinett tonnenschwerer Revolutionsschinken täglich von 10.00 Uhr morgens bis zum Sonnenuntergang.

Ausgedacht hat sich diesen interessanten Umgang mit der Geschichte der Literaturhistoriker László Szörényi, der 1989 vorschlug, einen „Lenin-Garten“ zu errichten, in dem alle Lenin-Denkmäler Ungarns versammelt und ausgestellt werden sollten. Über die Idee wurde in der Bevölkerung zwei Jahre lang emotional gestritten und kontrovers diskutiert. Heraus kam die Erkenntnis, dass man weder die Geschichte noch die Kunst-Ergüsse der untergegangenen Zeit wie Müll entsorgen kann. Damit war das Schicksal der Denkmäler besiegelt, die in den vierzig Jahren des Sozialismus eine hervorragende Rolle auf den öffentlichen Straßen und Plätzen des Landes gespielt hatten. Sie durften weiterleben, fanden Asyl im Park der Statuen.

Lenin-Statue Fotograf. Bernd Siegmund

Beauftragt mit dem Bau der „Denkmal-Sammelstelle“ wurde der Architekt Ákos Eleöd, der die Form eines Achtecks wählte, um den Figuren eine neue Heimstatt zu geben. Weder Baum noch Strauch verstellen den Blick auf die monumentalen Männer, die sich stramm und mit revolutionärer Disziplin links und rechts der Hauptachse des Parks aufgestellt haben. Es sind über vierzig Exponate. Die Palette reicht von der bescheidenen Erinnerungstafel über ein Pionierdenkmal bis hin zur Stürmerfigur, die mit aufgerissenem Mund die revolutionären Massen in den Kampf führte. Auch den sechs Meter hohen „Soldaten der Befreiung“, der jahrzehntelang auf dem Gipfel des Gellért-Berges stand, hat es hierher verschlagen

Bernd Siegmund: Touristen auf aller Welt bestaunen im Momento-Park die Zeugnisse einer untergegangenen Welt.„Es ist schön, dass die ‚Bücherverbrennung‘ bei uns ausblieb“, schrieb 1994 Ákos Eleöd, der Architekt. Er habe versucht, die einzelnen Werke in der Freiluft-Ausstellung korrekt und ohne Ironie zu zeigen. Als Dokumente sozusagen, die den Geist entlarven, in dessen Namen sie einst geboren wurden. Es ist interessant, zu sehen, wie unbefangen die Besucher des Parks mit dem ideologischen Altmetall umgehen. Die ausländischen Touristen und Einheimischen, viele junge Menschen sind darunter, bestaunen die Figuren, als besuchten sie einen Dino-Park. Anders verhält es sich mit dem Stiefelpaar, das, sozusagen als Ausrufezeichen, vor dem Momento-Park steht. Die Stiefel gehörten einst Stalin. Seine acht Meter hohe und 65 Zentner schwere Bronzefigur stand bis 1956 auf dem Dach der Ehrentribüne im Zentrum Budapests. Von hier oben winkten die Hohepriester der Partei bei feierlichen Aufmärschen und Militärparaden dem Volk zu. Stalin wurde am 23. Oktober 1956 während des Ungarn-Aufstands von den Aufständischen vom Sockel geholt. Nur seine Stiefel blieben stehen. Sie wurden zum Symbol des Ungarnaufstandes. Und waren fortan Zielscheibe der Budapester, die ihre harmlosen Witze darum machten. Wer erwartet voller Sehnsucht den Nikolaus? Stalin! Er hat seine Stiefel bereits im Oktober herausgestellt. Naja. Das Stiefelpaar jedenfalls, eine authentische Kopie des verstümmelten Denkmals, erinnert einprägsamer als das Kollektiv der Revolutionsfiguren an eine schlimme Epoche Ungarns, die nie vergessen werden darf.

Bernd Siegmund

Ukraine: Lenin im Venedig der Ukraine

Knoller, Vilkovo: Angler im Morgengrauen.

Eigentlich wäre Vilkovo durchaus eine Reise wert. Das „Venedig des Ukraine“ ist das Tor zum Donaudelta. Trotzdem bleiben Pelikane, Schwäne und Gänse weitgehend unter sich.   

Fotograf: Rasso Knoller,  Erinnerung an alte Zeiten: Das Lenindenkmal im ukrainischen Ort VilkovoDie Stadtführerin bringt es auf den Punkt: „In Vilkovo passiert nichts“, sagt Ludmilla. „Hier gibt es nur zwei Sehenswürdigkeiten, das  Fischerdenkmal und das Lenindenkmal“, erzählt sie weiter.  Das Leninmonument habe man vor ein paar Jahren abreißen wollen, aber dafür habe das Geld gefehlt. Jetzt lasse man den silbernen Koloss einfach stehen. Für die Touristen sei er ja ein schönes Fotomotiv, so Ludmilla.
Das wenige Geld, das man in Vilkovo hat, hat man offenbar für die Renovierung der beiden Stadtkirchen ausgegeben. Die orthodoxe St. Nikolaus Kirche strahlt frisch gestrichen in sattem Gelb. Die der Gottesmutter  Maria geweihte katholische Kirche hält mit einem fetten Blaugrün dagegen. Ansonsten ist nicht viel Buntes zu sehen in der Stadt.
Wer arbeiten kann, geht weg. „Die Jungen schauen, dass sie woanders einen Job kriegen“, sagt Ludmilla. Noch zählt Vilkovo 9000 Einwohner, aber von  Jahr zu Jahr werden es weniger. Das Hotel Venedig hat inzwischen geschlossen – auch das Restaurant mit demselben Namen empfängt schon lange  keine Gäste mehr.
Immerhin, ein Gemischtwarenladen hält noch die Stellung Sein Name macht Hoffnung – Glamour heißt er. Eigentlich ist Vilkovo ja ein Touristenort. Das ist gar nicht so überraschend, denn das Donaudelta vor den Stadttoren steht auf der  Liste des Weltnaturerbes der UNESCO.  Wegen seiner Kanäle nennt sich das Vilkovo stolz das „Venedig der Ukraine“. Boote sind das wichtigste Verkehrsmittel – statistisch gesehen besitzt jeder Einwohner zwei davon.

Mit dem Boot zur Donaumündung

Von Vilkovo aus schippert man hinaus zum Deltader Donau. Da die aber mehrere Mündungsarme hat, verteilt sich auch das touristische Geschäft. Zum Leidwesenfür die Menschen in Vilkovo fahren die meisten Touristen nach „nebenan“, nach Rumänien.  

Knoller, Donaufischer im ukrainischen Vilkovo

Gemächlich tuckert das Boot die Donau hinab. Es zieht vorbei an Anglern und anFischreihern. Die stehen am Ufer und  haben dasselbe Ziel – möglichst viele Fische fangen. Und davon gibt es reichlich im Donaudelta. Schleie, Hecht, Hausen, Zander und Karpfen, listet Ludmilla die unterschiedlichen Fischarten auf. Und erzählt weiter, dass ein Hausen früher über 100 Jahre alt und bis zu zwei Tonnen schwer werden konnte. So lange hält heute kein Fisch mehr durch. Irgendwann geht er in die Netze der Fischer. Die schwersten Hausen wiegen heute immerhin auch noch um die 200 Kilo. Welse können sogar bis 300 Kilo schwer und bis zu 4 ½ Meter lang werden. „Das sind die gefräßigsten Fische in der Donau“, sagt Ludmilla. Die seltensten aber sind die Störe. Sie sind inzwischen strengstens geschützt. Ihr Kaviar ist bei den Reichen und Superreichen eine gefragte Delikatesse. Auf dem Schwarzmarkt werden 1200 Dollar fürs Kilo bezahlt. Da das in der Ukraine weit mehr als einem Monatslohn entspricht, ist die Versuchung groß, durch einen kleinen Gesetzesbruch schnell reich zu werden. Viele Fischer scheren sich deswegen nicht um das Verbot. 

Knoller, Guide Ludmilla am 0 Km-MarkerWährend Ludmilla ihre Geschichten erzählt,erreicht das Boot die Donaumündung. Dort paddeln Schwäne, Gänse, Kormorane und Pelikane im Wasser  – eigentlich ein Paradies für Vogelfreunde. Doch die wenigen Touristen, die hierher kommen, interessieren sich nur am Rande für die Vögel. Sie wollen den mannsgroßen 0-Kilomter-Marker fotografieren, der das offizielle Ende der Donau anzeigt. Jenseits des Markers beginnt das Schwarze Meer.

„Wer die Null durchsteigt, darf sich etwas wünschen und dieser Wunsch geht dann auch in Erfüllung“, verspricht Ludmilla. Damit sich ihr Glück nicht als allzu flüchtig erweist, steigt sie vorsichtshalber gleich zweimal durch die Null.    

Rasso Knoller

Litauen: Die historische Altstadt von Vilnius

Vilnius, Gotischer Winkel

Trendy und chic: Auch Litauens Hauptstadt Vilnius hat alten Staub von sich geschüttelt. Die historische Altstadt zählt zu den schönsten Europas.

Der weite Domplatz von Vilnius mit der schneeweißen Kathedrale, die mit ihren dorischen Säulen eher wie ein griechischer Tempel wirkt, bildet das pulsierende Herz der Stadt und dient im Sommer als große Freilichtbühne. Hier laufen alle Fäden zusammen, hier beginnt auch die schönste Flaniermeile der Stadt, der Gediminas-Prospekt. Zwischen dem separat stehenden Glockenturm, der schon von Weitem ins Auge fällt, der Kathedrale und der Reiterstatue von Fürst Gediminas flanieren Einheimische und Touristen gleichermaßen, suchen Jugendliche und Straßenkünstler nach Aufmerksamkeit. Die Jungs mit Skateboard und coolen Sonnenbrillen, die Mädchen in Miniröcken und abenteuerlich hochhackigen Schuhen – trendy und chic ist mittlerweile auch in Litauens Hauptstadt angesagt.

Vilnius, Kathedrale

In Vilnius wurden seit jeher die wichtigsten Kapitel der litauischen Geschichte geschrieben. Das vorerst letzte während der Kundgebungen zur Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Auch die Menschenkette durch das gesamte Baltikum, einer der emotionalen Höhepunkte während der Loslösung von der Sowjetunion begann auf dem Kathedralenplatz.

Schönheitskur nach westlichem Vorbild

Die mit Stuck verzierten Fassaden haben längst ihre Patina abgelegt, Cafés, Boutiquen und Geschäfte laden zum Bummeln ein und in den vielen Straßencafés genießt man die milden Sommernächte und das litauische Bier. So hat auch der Gediminas-Prospekt mittlerweile eine komplette Schönheitskur hinter sich. Vergessen sind die Zeiten als die Geschäftsstraße einen recht traurigen Eindruck machte und an die Sowjetzeit erinnerte. Jetzt hat sie sich zu einem Schmuckstück und einem modernen Boulevard westlichen Formats gewandelt.

Vilnius, KathedraleDoch Vilnius hat noch viel mehr zu bieten, denn glücklicherweise hat es den Zweiten Weltkrieg und die Sowjetzeit ohne große Schäden an der Bausubstanz überstanden und besitzt deshalb heute eine der größten und schönsten historischen Altstädte in Osteuropa. Viele Baustile haben die Stadt beeinflusst, von der mittelalterlichen Gotik bis zum Neoklassizismus, doch weite Teile der Altstadt sind ein Produkt des Spätbarocks nach den verheerenden Bränden im 17. und 18. Jahrhundert. Überraschend viel hat sich in den Jahren seit der Unabhängigkeit getan, denn bei einem Stadtbummel sieht man kaum noch verwahrloste Häuser oder Kirchen. Die engen Gassen säumen wunderschöne alte Wohnhäuser mit aufwändigen Fassaden, unzählige Kirchen und eine der ältesten Universitäten Europas, die fast schon ein eigenes Stadtviertel bildet.

Napoleon und die St. Annenkirche

Wer sich die Mühe macht und den steilen Burgberg bis zum achteckigen Gediminas-Turm hinaufsteigt, der überblickt große Teile der Altstadt. Ins Auge fallen sofort die nahe Kathedrale und die vielen Kirchtürme. Einer der architektonischen Höhepunkte ist die im 16. Jahrhundert begonnene St. Annenkirche, die zusammen mit der Benediktinerkirche den gotischen Winkel bildet. Schon Napoleon war von dem filigranen Bauwerk aus roten Backsteinen so begeistert, dass er sie am liebsten zerlegt und mit nach Frankreich genommen hätte.

Christian Nowak

Vilnius, Gotischer Winkel

 

Tschechien: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Prag

1 Wenzelsplatz

Der Boulevard auf der Neustadt offenbart zwei Gesichter: tagsüber überwiegend geschäftig, abends eher erotisch.

2 Gemeindehaus

Der Höhepunkt des Prager Jugendstils zeigt das Repräsenta-tionshaus der Gemeinde Prag mit sehenswertem Kaffeehaus.

3 Altstädter Ring

Der vermutlich schönste Platz des Landes ist das Herz der Altstadt. Hier ziehen die Apostel an der Astronomischen Uhr am Altstädter Rathaus stündlich ihre Runden.

4 Karlsbrücke

Die frisch restaurierte steinerne Brücke mit ihren Statuen ist eines der Wahrzeichen von Prag und überquert die Moldau, die Halbinsel Kampa und den Teufelsbach.

5 Kleinseitner Ring

Der Hauptplatz des romantischen Viertels Kleinseite mit der prächtigen Barockkirche St. Nikolaus verbindet als Teil des Krönungswegs die Karlsbrücke mit der Prager Burg.

6 Prager Burg

Die größte bewohnte Burganlage der Welt lenkte die Geschicke des Landes über 1000 Jahre. Weithin sichtbar ist die St.-Veits-Kathedrale, berühmt das Goldene Gässchen.

7 Strahov-Kloster

Das größte Kloster Tschechiens ist vor allem durch die sehenswerte Bibliothek mit dem Philosophischen und dem Theologischen Saal bekannt.

8 Josefov

Im jüdischen Viertel erinnern der Alte Jüdische Friedhof und eine Reihe von Synagogen an die Bedeutung der jüdischen Gemeinde innerhalb der Prager Bevölkerung.

9 Vyšehrad

Die zweite Burg in Prag ist weniger bekannt, doch angesichts des Ehrenfriedhofs und der 1000 Jahre alten Bauten sehr interessant.

10 Palastgärten

Die Gärten zwischen Prager Burg und der Kleinseite offenbaren eine unerwartete Ruhezone mit Blick auf die roten Dächer der Kleinseite.

 

Reise-Handbuch Baltikum

Litauen – Dunkle Wälder, stille Seen und weiße Dünen: So zeigt sich das größte der drei baltischen Länder. Handelsstädtchen, weite Moore, aber auch Burgen und Kirchen setzen Akzente. Ein Ziel auf der Kurischen Nehrung ist der Künstlerort Nida. – Lettland – Das vitale Riga beeindruckt mit seiner Geschichte, seiner Altstadt und den Jugendstilbauten. Im Landesinneren sind Nationalparks und das „Land der blauen Seen“, aber auch Schlösser und Burgen zu entdecken. Aktivurlauber schätzen den Gauja-Nationalpark in seiner Vielfalt. – Estland – Das kleinste und am nördlichsten gelegene Land im Baltikum besitzt eine lange Küste mit schönen Stränden und dichte Wälder. Tallinn ist Wirtschaftszentrum sowie kultureller Mittelpunkt und Ganzjahresziel. Die Inseln Saaremaa und Hiiuma bezaubern mit herbem Charme.

Christian Nowak: DuMont Reise-Taschenbuch Reiseführer Estland

Der Reiseführer im Taschenbuchformat Seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991 hat die kleinste und nördlichste der drei baltischen Ostseerepubliken einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt. Entstanden ist ein moderner europäischer Staat und ein attraktives Reiseziel. Motor der Erneuerung ist die Hauptstadt Tallinn, deren mittelalterlich geprägter und meisterlich restaurierter Altstadtkern mit nordischem Charme und pulsierendem Nachtleben lockt. Außerhalb der Städte besitzt Estland viel unverbrauchte Natur und bodenständige Ursprünglichkeit – Massentourismus ist hier noch ein Fremdwort. Um Fauna, Flora, Menschen und Städte zu erleben, bietet sich das DuMont Reise-Taschenbuch Estland als unentbehrlicher Begleiter an. Umfassend und sachkundig werden die schönsten Reiseziele präsentiert – von der zerklüfteten Inselwelt im Westen über das dynamische Tallinn bis hin zur Hermansfestung an der Narva im estnisch-russischen Grenzgebiet. Darf es eine Wanderung durch dichte Kiefernwälder oder ausgedehnte Moorlandschaften im Endla-Naturschutzgebiet oder lieber eine Kanutour im Soomaa-Nationalpark sein? Oder sind vielleicht doch eher ein Altstadtbummel in Tallinn oder Baden am Bärensee angesagt? Wonach Ihnen auch der Sinn stehen mag, Estland wird Sie mit seiner frischen, etwas anderen Art überraschen. Skandinavien-Experte Christian Nowak bereist die baltischen Länder seit rund zehn Jahren regelmäßig. Dabei sind zahlreiche Reiseführer, Artikel und ein stattliches Bildarchiv über die Region entstanden. Besonders Estland hat es ihm aufgrund seiner Ähnlichkeit mit Skandinavien angetan. Daher sind Sie bei unserem Autor in allerbesten Händen, um sich gezielt zu den Highlights der Region führen zu lassen. Und zu seinen ganz persönlichen Lieblingsorten! Auf 10 Entdeckungstouren können Sie aktiv Neues entdecken, hinter die Kulissen schauen, eine ganz persönliche Beziehung zum Land entwickeln. Ausgewählte Adressen, jeweils mit einem aussagekräftigen Schlagwort bewertet, und zahlreiche Infos für alle, die Wert auf eine aktive und kreative Reisegestaltung legen, bieten das Rüstzeug für jeden, der individuell unterwegs sein möchte. Der Magazinteil beleuchtet mit frischer journalistischer Kompetenz die für das Reiseziel relevanten Themen und vermittelt ein lebendiges, aber auch kritisches Porträt Estlands. 10 x Auf Entdeckungstour ! Tallinner Design-Highlights – Kreativszene und coole Locations Marzipan aus Tallinn – begehrte Köstlichkeit mit Tradition Der estnische Nationalstein prägt Landschaft und Architektur Auf den Spuren des estnischen Goethe – Anton Hansen Tammsaare Die Altgläubigen am Peipus-See – Leben nach alten Riten Tartu – Stadt der Denkmäler Der Energiepfad in Rõuge – Umwelttechnik mit einfachen Mitteln Zu Fuß und per Kanu durch den Soomaa-Nationalpark Berühmtheiten in Haapsalu – wo Peter Tschaikowski komponierte Die Kirche von Karja – Skulpturen, die Geschichten erzählen Die Karten Satellitenaufnahme von Estland Übersichtskarte mit den Highlights des Landes 4 Citypläne und Detailkarten: sämtliche Adressen sind darin anhand eines farbigen Nummernsystems verortet Plus: Extra-Reisekarte zum Herausnehmen

Christian Nowak: DuMont Bildatlas Baltikum – Estland, Lettland, Litauen

Estland, Lettland, Litauen – Der DUMONT Bildatlas stellt die baltischen Hauptstädte vor, die modern sind, zugleich aber kostbare Schätze ihrer Vergangenheit bergen. Alle drei Länder sind dünn besiedelt und mit ihren wunderbaren Landschaften und herrlichen Küsten ein Traumziel für Naturliebhaber. Sechs Kapitel beinhalten eine Vielzahl an reisepraktischen Tipps rund um Ausflüge und Märkte, Museen und Wellness sowie ausgesuchte Hotels und Restaurants mit allen wichtigen Anschriften, Öffnungszeiten und Internet- Links. Fundierte Hintergrundreportagen und Specials greifen aktuelle und interessante Themen auf. Dazu erleichtern detaillierte Reisekarten die Orientierung vor Ort. Die Topziele sind zusätzlich mit Hinweisnummern versehen, die sich im Text der Infoseiten eines jeden Kapitels wiederfinden. Das abschließende Servicekapitel bündelt noch einmal alle wichtigen Fakten zur Reise.

Tschechien: Ein Spaziergang durch Prag (Teil 1)

Prager Neustadt und Altstadt

Wir beginnen unseren Rundgang morgens am Wenzelsplatz (Václav­ské náměstí) bei der Metrostation Muzeum. Die wohl älteste Neustadt der Welt legte einst Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert an, als die übrigen drei historischen Stadtteile Altstadt, Burgviertel und Kleinseite für den Wohnbedarf der aufstrebenden böhmischen Hauptstadt nicht mehr ausreichten. So verwundert es kaum, dass die Straßen der Neustadt wesentlich größer geplant wurden als der Rest des damaligen Prags. Die Neustadt verfügt über drei zentrale Plätze, die bei ihrer Gründung nach konkreten Aufgaben benannt wurden: Der Wenzelsplatz hieß damals Rossmarkt, der Karlsplatz (Karlovo náměstí) war seinerzeit der Viehmarkt und der Senovážné náměstí heißt heute noch Heuwaageplatz.

Östlich der Neustadt verlief bis ins späte 18. Jahrhundert eine Stadtmauer zur Abgrenzung der historischen Stadt. Heute thront am oberen Ende des Wenzelsplatzes das Nationalmuseum (Národní muzeum) aus dem Jahre 1890, dessen Neorenaissance-Fassade der Ostfassade des Louvre nachempfunden wurde. Vom Eingang des Museums schaut man über den Wenzelsplatz und kann sich die Menschenmengen vorstellen, die sich hier während der Samtenen Revolution im November 1989 versammelt hatten. Das Hauptgebäude wird bis Juni 2015 aufwendig restauriert. Ein großer Teil der Sammlungen ist im daneben gelegenen Neuen Gebäude zu sehen, dem einstigen Parlament der ČSFR.

Am Wenzelsdenkmal, der Statue des böhmischen Landes­patrons, Fürst Wenzel I., auf seinem Pferd, umgeben von vier böhmischen Landesheiligen, verabreden sich die Prager. Und weil es sehr viele gleichzeitig sind, wird noch »am Kopf« bzw. »am Schwanz« hinzugefügt. Das eingravierte Datum 28. Oktober 1918 bezieht sich auf die Gründung der Tschechoslowakei. Ein paar Schritte weiter markiert eine Opferstelle den Punkt, an dem sich der Student Jan Palach 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings verbrannte.

Den boulevardartigen Wenzelsplatz umgeben heute große Geschäfte, einige Luxushotels sowie eine Vielzahl von Restaurants und Imbissbuden. Das meistfotografierte Gebäude ist mit Sicherheit das 1905 erbaute Grand Hotel Evropa mit seiner prachtvollen Jugendstilfassade und dem üppigen Art-Nouveau-Café auf der rechten Straßenseite.

Eine Besonderheit erlaubt das Bummeln sogar bei Regen: Fast jeder zweite Häuserblock verfügt über eine Passage mit weiteren Geschäften und einem Durchgang zur nächsten überdachten Arkade. Sehenswert ist vor allem die im Stil der Moderne errichtete Lucerna-Passage mit herrlichem Kino, riesigem Konzertsaal und einem altertümlichem Café in der ersten Etage. Auffallend ist eine Kopie des Wenzelsdenkmals, das allerdings auf dem Kopf steht. Den Palast errichtete der Großvater des ehemaligen Präsidenten Václav Havel im Jahre 1920.

Über den Ausgang in die Vodičkova-Straße gelangt man schräg gegenüber in die Světozor-Passage, die in eine unerwartete Oase führt, den Franziskanergarten (Františkánská zahrada). Er gehört zum gleichnamigen, noch heute von Mönchen bewohnten Kloster. Die dahinterliegende Maria-Schnee-Kirche sollte nach Plänen Karls IV. das größte Gotteshaus der Stadt werden. Aufgrund der Hussitenkriege wurden diese Pläne verworfen. Der Franziskanergarten mündet in den kleinen Jungmannplatz (Jungmannovo náměstí), praktisch hinter dem unteren Teil des Wenzelsplatzes gelegen. Josef Jungmann verfasste im Zeitalter der nationalen Wiedergeburt Mitte des 19. Jahrhunderts als erster ein Tschechisch-Deutsches Wörterbuch – bis dahin wurde Tschechisch nur in Dienstbotenkreisen gesprochen.

Der Platz erlaubt einen Blick in die Nationalstraße, die bis heute die Neustadt von der Altstadt trennt. Vorne links fällt das Palais Adria auf, ein Multifunktionsgebäude im Stil des Rondokubismus von 1925, das an venezianische Paläste erinnern soll. Am hinteren Ende der Nationalstraße schimmert die goldene Kuppel des Nationaltheaters (Národní divadlo) durch. Es entstand 1881 als erste Bühne für tschechische Aufführungen und wurde aus Spendengeldern finanziert, brannte jedoch nach der ersten Aufführung teilweise nieder und wurde 1883 feierlich wieder eröffnet.

Unser Weg führt jedoch vom Jungmannplatz über die Straße des 28. Oktober (28. října) zum unteren Teil des Wenzelsplatzes, der häufig als Goldenes Kreuz bezeichnet wird, denn der gesamte Wenzelsplatz mit der Verlängerung in die Straße Na Můstku bildet mit den beiden Querstraßen ein lateinisches Kreuz. In Richtung Osten promeniert man entlang der Straße Am Graben (Na Příkopě), wo früher tatsächlich ein Graben die Altstadt von der Neustadt trennte. Diese Straße war einst der Korso der deutschen Bevölkerung, während die Tschechen auf der Nationalstraße flanierten.

Die Grabenstraße mündet in den lang gestreckten Platz der Republik (Náměstí Republiky), der vom Gemeindehaus (Obecní dům), einem Musterbeispiel des Prager Jugendstils von 1911, dominiert wird. Ein Muss ist der Besuch des Kaffeehauses im linken Flügel mit herrlichem Interieur und leckeren Torten. Hier beginnt jährlich am 12. Mai das Musikfestival »Prager Frühling« mit Smetanas Liederzyklus »Mein Vaterland«, dessen zweiter Teil »Die Moldau« weltberühmt ist. Der Name des Platzes erinnert an die Ausrufung der ersten Tschechoslowakischen Republik in diesem Gebäude im Oktober 1918.

An das Gemeindehaus schließt sich der Pulverturm (Prašná brána) an, den wir am Nachmittag genauer betrachten und besteigen. Gegenüber zeigt das Theater U Hyberna im einstigen Kloster der Hyberner überwiegend Musicals. Links daneben befindet sich in einer umgebauten Kaserne das neue Palladium, das größte Shoppingparadies im Zentrum. Rechts vor dem Palladium führt die Straße Na Poříčí in die weniger touristisch frequentierten Teile der Neustadt. Der Weg lohnt sich für die Mittagspause im Café vom Hotel Imperial mit seinen hohen Decken und den herrlichen Art-decó-Fliesen.

Durch die Altstadt

Der zweite Teil der Stadttour beginnt, wo der erste geendet hat, am Platz der Republik. Das Gemeindehaus dort steht an der Stelle des einstigen Königshofs an der Grenze zwischen Alt- und Neustadt. Der Weg von hier über Altstädter Ring, Karlsgasse und Karlsbrücke zur Prager Burg wird Krönungsweg genannt. Der 1475 gebaute gotische Pulverturm (Prašná brána) war Bestandteil der alten Stadtmauer. Wer mehr über die Prager Türme erfahren möchte, sollte die Ausstellung auf halber Höhe der 186 Stufen besuchen.

Durch den Pulverturm hindurch führt die Zeltnergasse (Celetná) direkt bis zum Altstädter Ring. Das auffallendste Gebäude ist das orangefarbene »Haus zur Schwarzen Mutter Gottes« mit dem Museum des tschechischen Kubismus (Muzeum českého kubismu). Der visionäre Architekt Josef Gočár wählte 1912 den geometrischen Stil des Kubismus, der sich zwischen Jugendstil und Art déco einreiht. Sehenswert ist das Grand Café Orient in der ersten Etage mit seinem kubistischen Interieur. Über den Obstmarkt (Ovocný trh) führt uns das Kopfsteinpflaster zum Ständetheater (Stavovské divadlo), in dem Wolfgang Amadeus Mozart 1787 seinen »Don Giovanni« uraufführte. Heute gehört die Bühne zum Nationaltheater und gibt neben Musiktheater auch Schauspiel und Ballett.

Die Geheimnisse der Altstadt offenbaren sich nicht entlang der touristischen Trampelpfade, sondern in versteckten Gassen, deshalb verläuft der weitere Weg entlang der Rittergasse (Rytířská) am prächtigen Hauptgebäude der Sparkasse (Česká Spořitelna) vorbei bis zum Kohlenmarkt (Uhelný trh), der gerne als »Prager Montmartre« bezeichnet wird, weil die einheimischen Künstler auf dem Platz ihre Gemälde und Portraits anfertigen.

Der Weg folgt der Michaelsgasse (Michalská), beleuchtet von romantischen Gaslaternen. Nach Überqueren der Melantrichova, die den Wenzelsplatz direkt mit dem Altstädter Ring verbindet, gelangt man in die Ledergasse (Kožná). Gleich am ersten Haus auf der linken Seite verrät eine Gedenktafel, dass hier der »rasende Reporter« Egon Erwin Kisch (1885–1948) wohnte. Über die Eisengasse (Železná) erreicht man nach einigen Schlenkern den faszinierendsten Platz der Stadt, den Altstädter Ring (Staroměstské náměstí). Um die Statue des Reformators Jan Hus gruppiert sich ein Ensemble aus mittelalterlichen Fassaden, der Teyn- und der St.-Nikolauskirche sowie dem gotischen Altstädter Rathaus (Staroměstská radnice) mit dem 69 Meter hohen Rathausturm. Vor der berühmten Astronomischen Uhr am Turm finden sich zur vollen Stunde Hunderte Besucher ein, um den Apostelumzug zu erleben.

Vom Altstädter Ring aus gibt es mehrere Möglichkeiten für Abstecher. Wir entscheiden uns für den dahinter gelegenen Teynhof (Týn), erreichbar durch eine Gasse links der gotischen Teynkirche. Die fahrenden Händler mussten hier einst eine Gebühr entrichten, bevor sie ihre Waren zum Verkauf auf den Altstädter Ring bringen durften. Auf dem ruhigen Plätzchen, das auch als »Ungelt« bekannt ist, hat man Gelegenheit für eine kleine Pause.

Die vornehme Shoppingmeile Pariser Straße (Pařížská) verbindet den Altstädter Ring mit der Moldau und streift dabei das jüdische Viertel. Mit ihren noblen Geschäften von Cartier über Hermès bis Louis Vuitton erinnert sie an einen Pariser Boulevard mit entsprechender Kaufkraft.

Nach Verlassen des Altstädter Rings, links vorbei an der weißen Nikolauskirche, zeigt sich gleich dahinter auf der rechten Seite die Büste des lange verkannten Schriftstellers Franz Kafka (1883–1924). Weil hier einst sein Geburtshaus stand, trägt der kleine Platz seinen Namen. Durch die Plattnergasse (Platnéřská) gelangen wir zum Mariannenplatz (Mariánské náměstí) mit dem Magistrat, der Prager Stadtverwaltung, der die einstigen selbstständigen Rathäuser der vier historischen Stadtteile vereint. Darüber hinaus dominiert die Städtische Bibliothek (Městská knihovna) den Platz.

Gegenüber dem Magistrat beginnt das Areal des Klementinum, das im 13. Jahrhundert als Dominikanerkloster erbaut wurde und in dem die Jesuiten die Karl-Ferdinand-Universität einrichteten. Inzwischen dient der Komplex als Sitz der Staatsbibliothek. Sehenswert sind vor allem der Turm mit der Wetterwarte sowie die Spiegelkapelle, in der täglich Konzerte stattfinden.

Einer der Ausgänge führt auf die Karlsgasse (Karlova), die den Altstädter Ring mit der Karlsbrücke verbindet und meist hoffnungslos überfüllt ist, was Taschendieben das Handwerk erleichtert. Die Gasse mündet in den Kreuzherrenplatz (Křižovnické náměstí) mit der Statue Kaiser Karls IV. vor der Kirche des heiligen Franziskus. Dort beginnt die 515 Meter lange und zehn Meter breite Karlsbrücke (Karlův most), deren Bau 1357 anstelle der eingestürzten Judithbrücke durch Peter Parler begonnen wurde. Sie ruht auf 16 Pfeilern, von denen zwei bei einer Flut im Jahre 1890 eingestürzt waren. Gleich auf dem ersten Pfeiler thront der gotische Altstädter Brückenturm (Staroměstská mostecká věž). Erst im 18. Jahrhundert wurden die Statuen entlang der Brücke auf die Pfeiler gesetzt. Was man sich bei der bronzenen Nepomukstatue in der Mitte der Brücke wünscht, soll in Erfüllung gehen.

Den 2. Teil des Stadtrundganges durch Prag lesen Sie hier

 

Tschechien: Ein Spaziergang durch Prag (Teil 2)

Prager Kleinseite und Burgviertel

Die heutige Stadttour widmet sich ausschließlich der linken Moldau­seite mit den historischen Stadtteilen Kleinseite und Hradčany, dem Burgviertel. Die Kleinseite entstand 1257, als sich deutsche Handwerker unterhalb der Prager Burg ansiedelten und ein kleines Quartier gründeten. Nach dem großen Brand von 1541 änderten sich Charakter und Aussehen der Kleinseite, weil der Adel seine Paläste nunmehr direkt unter der Burg errichtete.

Vom Ausgangspunkt, der Metrostation Malostranská, geht es durch die Valdštejnská zum Valdštejnské náměstí mit dem Haupteingang des monumentalen Palais Waldstein (Valdštejnská palác), das General Albrecht von Waldstein im 16. Jahrhundert errichten ließ und in dem heute der tschechische Senat residiert. Besucher werden nur am Wochenende eingelassen. Vom Innenhof des Palasts gelangt man in den zugehörigen Wallenstein-Garten (Valdštejnská zahrada) mit Grotte, Teich und einer Statuenallee. Auf dem erholsamen Areal zeigen sich gelegentlich ein paar Pfauen. Wir verlassen den Garten über den Ausgang in die Straße Letenská, die am neuen Luxushotel »The Augustine« vorbei direkt in den Kleinseitner Ring führt.

Der Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) verbindet Brückengasse (Mostecká) und Nerudagasse (Nerudova) als Teil des Krönungswegs von der Karlsbrücke zur Prager Burg. Das auffallendste Bauwerk ist zweifelsohne der hochbarocke St.-Nikolaus-Dom (Chrám sv. Mikuláše na Malé Straně), erbaut von Vater und Sohn Dientzenhofer. Sehenswert ist das 1500 Quadratmeter große Deckenfresko mit den Stationen des heiligen Nikolaus, des Beschützers der Kaufleute und Seefahrer.

Der freistehende Kirchturm belohnt den Aufstieg mit einer tollen Aussicht auf Kleinseite und Prager Burg. Drei weitere Bauten am Kleinseitner Ring fallen auf: das einstige Kleinseitner Kaffeehaus vor dem St.-Nikolaus-Dom, in dem Rilke seine »Larenopfer« schrieb und in dem heute eine US-amerikanische Kette coffee to go verkauft; das einstige Rathaus der Kleinseite mit der kupferfarbenen Kuppel und an der oberen Platzseite das Palais Liechtenstein (Lichtenštejnský palác) mit auffallender klassizistischer Fassade, in dem heute die Akademie der musischen Künste ihren Sitz hat.

Auf der Brückengasse (Mostecká) schlendert man durch die Kleinseitner Brückentürme – der niedrigere gehörte einst zur Judithbrücke, der Vorläuferin der Karlsbrücke. Nach der Überquerung des Teufelsbaches (Čertovka) geht es rechts hinunter auf die Kampa-Halbinsel, ein verträumtes Plätzchen mit kleinen Restaurants und einem Park mit weiter Aussicht auf Altstadt und Karlsbrücke. Von den einst vorhandenen Mühlen ist nur noch ein Mühlrad übrig geblieben. Die Prager genießen die Sonnenstrahlen auf diesem romantischen Flecken. Am Ende des Parks führen die Straßen Říční und Všehrdova zur Hauptstraße Újezd.

Mit der Seilbahn kann man von hier aus auf den Laurenziberg (Petřín) schweben, den »Berg der Prager Verliebten«, mit einem 60 Meter hohen Aussichtsturm, der 1891, zwei Jahre nach dem Pariser Eiffelturm errichtet wurde. Wer will, kann auch zu Fuß die 299 Stufen erklimmen, um den Blick über das Prager Dächermeer zu genießen.

Auf der Hauptstraße, die im weiteren Verlauf Richtung Kleinseitner Ring und später Karmelitergasse (Karmelitská) heißt, gelangt man zur Kirche St. Maria de Victoria (Kostel Panny Marie Vítězné). Auf der rechten Seite im Kirchenschiff steht die 47 Zentimeter große Wachsstatue »Prager Jesulein«, die Polyxena von Lobkowitz dem Orden der Karmeliterinnen stiftete und die noch heute eine Vielzahl wertvoller Kleider geschenkt bekommt.

Gegenüber liegt das Tschechische Museum der Musik (České muzeum hudby) in der einstigen Maria-Magdalena-Kirche. Das zum Nationalmuseum gehörende Haus thematisiert die Geschichte der Musik, sehenswert ist besonders die Eingangshalle.

Der Vormittagsrundgang endet am Malteserplatz (Maltézské náměstí), einige Schritte hinter dem Musikmuseum, wo sich der Malteserorden im 12. Jahrhundert niedergelassen hatte, um den Zugang zur Judithbrücke zu sichern. Auf der Südseite steht der Nostitz-Palast, in dem das Kulturministerium residiert. Im Café de Paris genau gegenüber kann man eine Mittagspause einlegen.

Burgviertel

Der Rundgang durch das Viertel der Prager Burg (Pražský hrad) ist erst am Nachmittag sinnvoll, weil vormittags die Touristenscharen, die per Reisebus unterwegs sind, durch die Anlage strömen. Kurz etwas zur Begriffsklärung: Die deutsche Literatur bezeichnet mit dem Hradschin nur die Burg, dabei steht Hradčany eigentlich für das gesamte Burgviertel.

Wir beginnen diese Stadttour am Platz Pohořelec, auf Deutsch »Brandstätte«. Oberhalb des Platzes thront das Strahov-Kloster (Strahovský klášter), das bedeutendste seiner Art in Tschechien. Die wertvolle Bibliothek bewahrt im Theologischen und Philosophischen Saal mehr als 200 000 Bände auf und war bereits in mehreren internationalen Filmen wie dem James-Bond-Streifen »Casino Royale« zu sehen. Am Ende des Klosterareals liegt eine Aussichtsterrasse mit tollem Blick auf Kleinseite und Laurenziberg.

Durch einen kleinen Durchgang geht es zurück auf den Platz zum Wallfahrtsort Loreto (Loreta), der im 17. Jahrhundert während der Gegenreformation gegründet wurde. In der Mitte steht die Nachbildung der Casa Santa aus dem italienischen Loreto. In der ersten Etage des Westflügels kann die zwölf Kilogramm schwere Monstranz »Prager Sonne« mit 6222 Diamanten bestaunt werden. Gegenüber steht das 150 Meter breite Palais Czernin (Černínský palác), das seit 1934 als Außenministerium fungiert. Es erreichte traurige Berühmtheit durch den Dritten Prager Fenstersturz, als im Februar 1948 der letzte nichtkommunistische Minister Jan Masaryk unter ungeklärten Umständen aus dem Fenster stürzte.

Hinter den beiden Sehenswürdigkeiten und nach der Černínská beginnt die Gasse Neue Welt (Nový Svět), die nach der Samtenen Revolution viele Künstler anzog, die an den offenen Fenstern malten. Diese sind nur noch selten anzutreffen, dafür herrscht aber eine unglaubliche Ruhe kurz vor der so stark frequentierten Prager Burg.

Von der Hinterseite her überqueren wir den Hradschiner Platz (Hradčanské náměstí). Auf diesem lang gezogenen Platz breitete sich der Adel mit seinen Palästen aus. Markant sind vor allem das Erzbischöfliche Palais (Arcibiskupský palác) sowie die beiden zur Nationalgalerie gehörenden Paläste von Sternberg und Schwarzenberg. Vor der Burg steht die Statue von Tomáš Garrigue Masaryk, dem Staatsgründer der Tschechoslowakei.

Die tausend Jahre alte Prager Burg (Pražský hrad) diente als Sitz der Könige und Kaiser und ist seit 1918 Amtsstube der Staatspräsidenten. Die größte Burganlage Mitteleuropas wurde mehrfach erweitert und umgebaut. Kaiserin Maria Theresia leitete eine große Umgestaltung ein, die den kompletten vorderen Teil im Wiener Rokokostil erscheinen lässt, die letzten Veränderungen fanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt. Das Areal ist eigentlich gar nicht als Burg auszumachen, denn es hat weder Befestigungen noch einen Graben.

Der Haupteingang der Burganlage befindet sich im ersten Burghof, wo auch täglich um 12 Uhr die große Wachablösung stattfindet. Vom ersten in den zweiten Burghof gelangt man durch das barocke Matthias­tor (Matyášova brána). Der rechte Teil des zweiten Burghofs gehört dem Büro des Präsidenten; wenn er sich im Land befindet (nicht auf der Burg!), wird eine Fahne auf dem Dach gehisst. Der sehenswerte Spanische Saal im zweiten Burghof ist nur zu großen Anlässen oder Konzerten zugänglich.

An der Stelle der einstigen Veitsrotunde legte Karl IV. im Jahre 1344 den Grundstein für den Bau der prachtvollen St.-Veits-Kathedrale (Katedrála sv. Víta), die mit 124 Metern Länge, 33 Metern Höhe und 60 Metern Breite das größte Kirchenschiff des Landes besitzt. Die Krönungskirche der böhmischen Könige und bedeutendste Kirche Tschechiens bauten die beiden berühmten Architekten Matthias von Arras und Peter Parler, der Baumeister der Karlsbrücke.

Der vordere Teil mit den beiden neogotischen Türmen wurde allerdings erst 1929 vollendet. Hier fanden mit Karl IV., Ferninand I. und Rudolf II. gleich drei Kaiser ihre letzte Ruhestätte. Der wichtigste Raum ist die Wenzelskapelle in der Mitte auf der rechten Seite. Von hier kann der 96,5 Meter hohe Südturm mit seiner barocken Zwiebelspitze über 287 Stufen bestiegen werden. Etwas dahinter ruht der Brückenheilige Johannes von Nepomuk in einer silbernen Gruft.

Besonders sehenswert ist die sogenannte »Goldene Pforte« an einem nicht genutzten Ausgang an der südlichen Fassade: Ein Mosaik mit einer Million Elementen aus Glas, Gold und Halbedelsteinen stellt das Jüngste Gericht dar. Erst im Jahre 2000 konnte das Werk mittels Druckstrahl aus überwiegend gemahlenen Nussschalen freigelegt werden, nachdem es über Jahrhunderte hinter einer Oxidationsschicht verborgen war.

Der Alte Königspalast (Starý královský palác) im dritten Burghof südlich der Kathedrale wurde ursprünglich für Ritterturniere errichtet, die im gotischen Wladislaw-Saal mit beeindruckendem Rippengewölbe veranstaltet wurden. Bis ins 16. Jahrhundert wohnten die Herrscher des Landes in diesem Palast. Im Ludwigsflügel ereignete sich der »Zweite Prager Fenstersturz«, der 1618 den Dreißigjährigen Krieg auslöste. Heute finden hier die Präsidentenwahlen statt.

Die romanische Georgsbasilika (Klášter sv. Jiří) hinter dem Dom wurde bereits 920 unter Vratislav I., der hier auch bestattet wurde, errichtet. Die barockisierte Fassade der mehrfach umgebauten Basilika stammt allerdings aus dem 17. Jahrhundert. Das daneben liegende Kloster beherbergt eine Dependance der Nationalgalerie, die böhmische Kunst des 19. Jahrhunderts zeigt.

Das Goldene Gässchen (Zlatá ulička) mit den pittoresken Häusern in der Außenwand der Burganlage wurde zur Zeit des wissenschaftlich interessierten Kaisers Rudolf II. von Alchimisten bewohnt. Er war besessen von dem Gedanken, Gold herzustellen und den Trank des ewigen Lebens zu finden – stattdessen wurde dabei Sliwowitz, ein Zwetschgenobstbrand, entdeckt. In dem kleinen blauen Häuschen Nummer 22 wohnte 1916/17 einst Franz Kafka, um in Ruhe schreiben zu können. Das Goldene Gässchen wurde 2011 renoviert und um eine Dauerausstellung ergänzt. Von der Abgeschiedenheit zu Kafkas Zeiten ist beim täglichen Besucheransturm leider keine Spur mehr.

Das Areal der Prager Burg verfügt über mehrere Bildergalerien und kleinere Museen. Besonders eindrucksvoll ist ein Besuch der Burg am Abend, wenn kaum noch Menschen unterwegs sind und die Anlage eine mystische Atmosphäre ausstrahlt.

Durch den Hinterausgang verlässt man die Prager Burg. Es gibt zwei Möglichkeiten für den Abstieg zur Metrostation Malostranská: Klassisch geht es geradeaus über die alte Schlossstiege bis nach unten. Alternativ lohnt sich der Spaziergang durch den erst 2008 wiedereröffneten Weinberg des heiligen Wenzel (Svatováclavská vinice, Staré zámecké schody 6/251) mit einem gastronomischen Stopp in der Villa Richter. Den besten Sitzplatz bietet das Glashaus mit toller Aussicht auf die Kleinseite.

Den ersten Teil des Stadtspazierganges Prag lesen Sie hier

 

Estland: Harmonie von Mittelalter und Moderne in Tallinn

Tallinns Altstadt ist UNESCO Weltkulturerbe

Quicklebendiger Mittelpunkt der Altstadt ist der Raekoja Plats mit dem gotischen Rathaus aus dem 15. Jahrhundert und einem Ensemble gut erhaltener, mittelalterlicher Häuser. Wer sich die Mühe macht, die dunkle und nach oben hin immer schmaler werdende Wendeltreppe des schlanken Rathausturmes zu besteigen, wird mit einem schönen Blick auf das mittelalterliche Städtchen, den Hafen und die Bucht von Tallinn belohnt. Das Gewirr der roten Dächer wird von mehreren Kirchtürmen durchstoßen, von denen die Olaikirche und die Nikolaikirche ihre Türme am weitesten in den Himmel recken. Auch die prächtigen Kuppeln der Alexander-Nevski-Kathedrale auf dem Domberg sind gut auszumachen. Von oben erkennt man auch die Reste der Stadtmauer, die Tallin früher zu einer der mächtigsten Festungen in Nordeuropa machte. Heute ist der Verteidigungsring löchrig, denn nur noch rund die Hälfte der einst 46 Verteidigungstürme ist erhalten geblieben. Trotzdem erfüllt die Stadtmauer auch heute noch ihren Zweck und grenzt die Altstadt gegen das moderne Tallinn ab.

Unterstadt und Domberg

Das sommerliche Tallinn ist eine Stadt zum Schlendern, Shoppen und Genießen. Die engen, mit Kopfsteinen gepflasterten Gassen sind gesäumt von wunderschönen alten Häusern. In den verwinkelten Altstadtgassen finden Besucher unzählige Antiquitätenhändler, Galerien, Kunsthandwerksbetriebe, Cafés, Kneipen und Restaurants. Über das Kurze Bein, eine steile Rampe, oder das Lange Bein, die nicht ganz so steile Aufstiegsvariante, erreicht man von der Unterstadt den Domberg. Früher lebten nur die Ritter auf dem 50 Meter hohen Felsen der Oberstadt. Unten wohnten die Kaufleute und das gemeine Volk, denen jeden Abend die Tore zur Oberstadt vor der Nase zugeknallt wurden. Kein Wunder, dass blutige Auseinandersetzungen zwischen Ober- und Unterstadt keine Seltenheit waren. Eindrucksvoll präsentieren sich heute auf dem Domberg die St. Marienkirche, die Alexander-Nevski-Kathedrale und das Schloss.

Für Schlemmer und Genießer

Im Sommer ist das Angebot an Restaurants, Kneipen und Cafés in der Tallinner Altstadt überwältigend. Draußen sitzen ist angesagt, auf hölzernen Terrassen, die in fast jeder Straße und auf jedem Platz zu finden sind. Stimmungsvoll mittelalterlich geht es im Olde Hansa zu. In dem dreistöckigen Restaurant stimmt einfach alles, vom Ambiente bis zum Essen. Dunkle Räume, nur spärlich von Kerzen erhellt, die Bedienung in mittelalterlichen Kostümen, die Speisekarten mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet. Schon das Brot und die Vorspeisen sind ein Gedicht, gewöhnungsbedürftig dagegen das Honigbier und der Kräuterwein.

Ins Balthasar sollte man nur gehen, wenn man keine Angst vor Mundgeruch hat, denn hier wird vom Appetizer bis zum Dessert reichlich Knoblauch serviert. Das erste und einzige Knoblauch-Restaurant Tallins ist in einem der ältesten Gebäude der Stadt untergebracht und überzeugt durch ein dezentes und edles Interieur mit viel Holz. Seinen Namen bekam es von dem Schriftsteller und Historiker Balthasar Russow, der hier gewohnt und viel Wissenswertes über die Geschichte Estlands vom 12. bis zum 16. Jahrhundert zusammengetragen hat.

Das Café Tristan und Isolde im Erdgeschoss des Rathauses wirkt innen auf den ersten Blick beengt und durch die Steinmauern etwas düster, doch bei schlechtem Wetter wird es bei ruhiger Musik und Kerzenlicht hier richtig gemütlich. Bei schönem Sommerwetter sind die Tische zwischen den Rathaussäulen der bessere Platz, denn von hier aus kann man dem Treiben auf dem Rathausplatz zuschauen.

Immer einen Besuch wert ist auch das Maiasmokk, das älteste Café der Stadt. Auf der kleinen Terrasse sitzt man etwas abseits des Trubels und auch innen ist das Maiasmokk, was soviel wie süßer Zahn bedeutet, klein und gemütlich. Die Kuchenauswahl ist eher bescheiden, dafür sind die Piroggen wirklich lecker.

Weiße Nächte und Altstadtfestival

Aus historischen Aufzeichnungen weiß man, dass die Tallinner schon im 14. Jahrhundert Stadtfeste gefeiert haben, bei denen die besten Bogenschützen und die schönsten Frauen gekürt wurden. Dann geriet diese Tradition lange in Vergessenheit, bis sie 1982 wiederbelebt wurde. Seitdem gibt es jedes Jahr Anfang Juni wieder ein Altstadtfestival. Für die Tallinner ist es der Beginn des Sommers, denn Anfang Juni steigen die Temperaturen schon auf sommerliche Werte und die berühmten weißen Nächte lassen die Stadt in einem samtweichen Licht erstrahlen. Für das Altstadtfest wird auf dem Rathausplatz eine große Bühne aufgebaut, auf der bis spät in den Abend live Musik gespielt wird. Dann schlendern unzählige Besucher durch die Gassen und die Freiluftcafés und Restaurants machen einen Großteil ihres Jahresumsatzes. Kunsthandwerker bieten Mittelalterliches an, Schmuck und Schmiedewaren, eigenwillige Hüte und allerlei Krimskrams.

Jenseits der Altstadtmauern

Verlässt man die Altstadt und geht zum Viruplatz, taucht man in das moderne Tallinn ein. Statt enger Gassen und ruhiger Fußgängerzonen rollt hier der Berufsverkehr auf breiten Straßen. Statt mittelalterlicher Architektur fast nur nüchterne, stark von der Sowjetzeit geprägte Plattenbauweise. Einige dieser architektonischen Sünden haben mittlerweile ein Facelifting erhalten. Doch bei einer Fahrt in die Trabentenstädte bleibt die Schönheit endgültig auf der Strecke, hier zeigt Tallinn sein zweites Gesicht. Überall fallen die Versäumnisse der letzten 50 Jahre ins Auge, hier wartet noch vieles auf die Sanierung.

Trotzdem gibt es auch außerhalb der Altstadtmauern einiges Sehenswerte. So das Freilichtmuseum Rocca al Mare, das nordöstlich vom Zentrum direkt am Meer liegt und seinen eigenwilligen Namen einem reichen Tallinner Kaufmann und Italienliebhaber verdankt. Auf dem weitläufigen Gelände stehen rund 70 historische Gebäude aus allen Teilen Estlands. Richtig Leben kommt in das Freilichtmuseum am Wochenende, wenn die farbenprächtigen Trachtengruppen kommen und zu traditioneller Musik tanzen.

Nicht weit vom Freilichtmuseum entfernt befindet sich der ehemalige Sommersitz von Zar Peter I., den er zu Ehren seiner Frau Katharina „Jekaterinental“ genannt hat. Das mittlerweile prachtvoll renovierte Schloss Kadriorg gilt als einer der schönsten Barockbauten im ganzen Baltikum. Auch das Interieur ist sehenswert, besonders der Raum über dem Foyer mit seiner Stuckdecke und den Wand- und Deckengemälden. Von dem umgebenden Park ist erst ein Teil wieder im Originalzustand, sonst herrscht noch Wildwuchs.

Auf dem Weg zum Piritafluss kommt man an der riesigen Sängerbühne vorbei, auf der 30.000 Sänger gleichzeitig auftreten können. An der Mündung des Piritaflusses ist das Olympische Segelzentrum zu besichtigen, das allerdings seit den Spielen von 1980 viel von seiner Attraktivität verloren hat. Gleich nebenan stehen die Ruinen des Birgittinenklosters, einst das größte Nonnenkloster Estlands. Besonders beeindruckend präsentiert sich die Ruine der dreischiffigen Klosterkirche, die im 16. Jahrhundert während der Belagerung der Stadt zerstört wurde. Heute stehen zwar nur noch die Außenmauern, aber der Westgiebel ragt beeindruckend in den Himmel.

Christian Nowak

Lettland: Die Schöne an der Daugava

Schwarzhäupter nannten sich früher die unverheirateten Kaufleute, die sich zu Gilden zusammenschlossen und in Rīga eine wichtige Rolle spielten. Ihr prachtvolles Haus war immer einer der Brennpunkte des kulturellen Lebens und zeugte vom Reichtum der Besitzer. Hier wurden Konzerte gegeben und hohe Gäste empfangen, außerdem beherbergte es eine der größten Sammlungen wertvoller Silbergegenstände. Doch der Zweite Weltkrieg beendete jäh diese Ära, denn am 29. Juni 1941 wurde das Schwarzhäupterhaus vollständig zerstört.

Während der Sowjetzeit hatten die Rīgaer dann andere Sorgen und so wurde das Wahrzeichen der Altstadt am Rathausplatz erst nach der Unabhängigkeit wieder aufgebaut und im Dezember 1999 feierlich eingeweiht. Heute ist seine reich verzierte Backsteinfront wieder ein Schmuckstück und in vielerlei Hinsicht ein Symbol für den Willen Rīgas, die schönste Metropole des Baltikums zu werden.

Diesem Ziel ist die lettische Hauptstadt schon ein gutes Stück näher gekommen, denn zum 800-jährigen Jubiläum im Jahre 2001 hat sich die Jugendstilstadt an der Daugava mächtig herausgeputzt und auch in den Jahren danach hat sich schon wieder viel verändert. Einen schönen Blick auf die Stadt mit ihren vielen unterschiedlichen Kirchtürmen kann man von einer der Brücken über die Daugava werfen, die das alte Rīga von den Neubauvierteln trennen.

Natürlich zieht es die meisten Besucher in die Altstadt, in die Einkaufsstraßen, in die nach dem Grau der Sowjetzeit schon längst bunte Farben und der Konsum eingezogen sind. Immer gut besucht sind auch die vielen gemütlichen Restaurants und Kneipen. Ein Bummel durch die oft mit Kopfsteinen gepflasterten Gassen der Altstadt führt zwangsläufig zum Dom, dem größten Gotteshaus des Baltikums, zum Schloss, das einst als Ordensburg gebaut wurde und zu den Resten der alten Stadtmauer mit dem Pulverturm. Auch Petrikirche, Jakobikirche, Schwedentor, verschiedene Gildehäuser und das alte Zollgebäude sind einen Abstecher wert.

Am Brivibas Bulvaris, einer der Lebensadern der Stadt, reckt die schlanke Freiheitsstatue, eines der symbolträchtigsten Wahrzeichen Rīgas, ihre Arme in den Himmel. In den Händen hält sie drei goldene Sterne als Symbol der historischen Provinzen Kurzeme, Latgale und Vidzeme. In den 1930er Jahren errichtet, war sie immer ein unübersehbares Zeichen für das Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit, so war es auch nur logisch, dass zu ihren Füßen viele Demonstrationen gegen die Sowjetunion stattfanden. Es mag nicht das schönste Wahrzeichen der Stadt sein, aber für die Rīgaer ist es das Wichtigste.

Genügend Zeit sollte man sich für die vielen, oft wunderschönen Jugendstilfassaden nehmen, denn nirgendwo sonst findet man so viele frisch restaurierte Jugendstilhäuser wie hier. Entstanden sind sie in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, als Rīga einen regelrechten Bauboom erlebte. Es war die Zeit des Jugendstils, und deutsche und lettische Architekten schufen prachtvolle Mietshäuser, allen voran Michail Eisenstein, der Vater des bekannten Regisseurs Sergej Eisenstein. Seine unverkennbare Handschrift trägt auch die schönste Rīgaer Jugendstilstraße, die Alberta Iela, mit sechs von ihm entworfenen, prachtvollen Mietshäusern. Aber auch viele andere Straßen nördlich der Altstadt sind sehenswert, denn die Fassaden mit den opulenten Ornamenten, Löwenköpfen und Phantasiegestalten erstrahlen fast alle wieder in neuem Glanz.

Christian Nowak