Russland: St. Petersburg – Der Mann, der goldene Eier legte

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Jeden Tag das gleiche Lärmstück. Punkt zwölf, auf die Minute genau, gibt die große Kanone der Peter-Pauls-Festung einen Schuss ab. Brüllend fegt der Schall auf die Stadt zu, knallt gegen die ersten Häuser, wird in tausende Stücke zerrissen und lässt sich schließlich vom irdischen Verkehrslärm der großen Stadt fressen. High noon in Sankt Petersburg.
„Admiralsstunde“ nennen die Petersburger dieses kriegerische Zeitzeichen. Angeblich diente der Schuss zur Zarenzeit dem Festungskommandanten, einem Admiral, als willkommenes Signal, sich genüsslich hundert Gramm Wodka vor dem Essen zu genehmigen.

k1024_wodka-museum-1Diese und andere nette Geschichtchen über den hochprozentigen Freund der Russen erfährt man im Wodka-Museum von Sankt Petersburg. Zu finden ist dieses unterhaltsame Institut auf dem Konnogwardejski Boulevard Nr. 4. Hier wurde zusammengetragen, was die Welt schon immer über der Russen liebstes Wässerchen wissen wollte. Angeblich waren es fromme Mönche, die einen aus Wein gebrannten Schnaps von Konstantinopel ins Zarenreich schleppten. Das anfangs als Heilmittel getrunkene Wunder-Wasser stieß sofort auf begeisterte Kehlen. Da es in Russland keine Weintrauben gab, tat man Roggen ins Destilliergerät. 1478 führte Zar Iwan III. (1440-1505) das Staatsmonopol auf die Herstellung von „Brotwein“ ein. 1903 gab es allein in St. Petersburg 40 Wodka-Brennereien. Und alle hatten gut zu tun.

k1024_wodka-museum-6So ist es bis heute geblieben. Sämtliche Versuche, die zur Volkskrankheit ausufernde Wodka-Lust einzudämmen, scheiterten. Ein erstes Verbot 1914 hob Stalin zehn Jahre später auf. Auch die „trockene“ Politik des Alkoholverächters Gorbatschow wurde mit Einfallsreichtum unterlaufen. Man brannte sich den Schnaps einfach zuhause. Ein Gummihandschuh, über die Brennapparatur gestülpt, signalisierte den Erfolg. Hatte sich der aufgeblasen, war der Wodka fertig. Weil die Konstruktion wie eine winkende Hand aussah, hieß der Selbstgebrannte im Volksmund „Gruß an Gorbatschow“.

k1024_alltag-in-st-peter-19Das Kunstwerk St. Petersburg, die Kopfgeburt Peter des Ersten, steckt voller kleiner und großer Sehenswürdigkeiten. Die meisten der durch den Krieg schwer beschädigten baulichen Kunstwerke sind längst mustergültig restauriert. In alter Pracht erstanden ist der Peterhof, berühmt vor allem wegen seiner schönen Brunnen. Einzigartig auch das Katharinen-Palais in Puschkin, dem ehemaligen Zarskoje Sjelo. Hier verbrachte die Zarenfamilie die Sommer. Zu den prunkvollsten Räumen zählte das weltberühmte, vielleicht auf Ewig verschwundene, inzwischen mit Akribie nachgestaltete Bernsteinzimmer. Seit 2013 gibt es sogar das erste Privat-Museum in der Stadt. Es ist dem Juwelier Fabergé gewidmet.

k1024_peter-und-pauls-festung-7Seine edlen, reizvollen Kleinodien waren in Gold und Edelsteine gefasste Liebeserklärungen, die Mann seiner Freundin schenkte. Präsentiert wird die Arbeit des Goldschmieds im noblen Schuwalow-Palais am Ufer des Fontanka. In der alten Stadtvilla sind etwa 4000 Kunstwerke von Weltrang zu sehen. Darunter Juweliererzeugnisse, Gemälde und Ikonen. Den Höhepunkt bilden die neun Fabergé-Eier, die der Juwelier für die Zarenfamilie gefertigt hatte. Den Grundstock für diese einmalige Sammlung erwarb der russische Oligarch Viktor Wechselsberg 2004 bei einer Sotheby-Auktion. Die „Ostereier“ kosten ihm rund 100 Millionen Dollar.

k1024_faberge-5Unweit des Museums verläuft Sankt Petersburgs berühmteste Straße, der Newski-Prospekt. Gleich zu Beginn des Boulevars, hinter der Admiralität, rücken die Häuserzeilen bis auf 25 Meter zusammen. Hier ist die alte City mit ihren Banken und Geschäften schmal wie ein Fluss an seiner Quelle. Das ändert sich, je tiefer die Straße in das Weichbild der Stadt eindringt. Zwischen der Nadel der Admiralität und dem Alexander-Newski-Kloster am Ende der fast 5 km langen Straße geht es zu, wie auf den Seiten eines eleganten Bildbandes. Fein herausgeputzte Damen flanieren zwischen den historischen Edelfassaden, junge, dynamische Männer, denen man die erste Dollarmillion ansieht, fahren ihren ausländischen Schlitten spazieren. Sankt Petersburg ist wieder Russlands „Fenster zum Westen“.

k1024_alltag-in-st-peter-28Vor dem Gostiny Dwor, dem großen Warenhaus auf dem Newski, bieten Monarchisten Bilder des letzten Zaren an, Straßenmusikanten singen traurige Balladen und junge Dichter rezitieren mit Herzblut ihre Werke. Mehr als alle anderen Gestalten passen sie hierher. Der Newski ist die Heimat der Dichter. Hier ist der Ort, wo alle russischen Romane beginnen oder enden. Die erfundenen und die wirklichen. Meinte zumindest Egon Erwin Kisch nach einem Besuch im Literaten-Cafe auf dem Newski-Prospekt Nr. 18. Dostojewski und Gogol verkehrten hier, Alexander Puschkin zählte zu den Stammkunden. Das Café war der letzte Ort, an dem er lebend gesehen wurde. Am 27. Januar 1837 verließ Puschkin seine Wohnung „An der Moika 12“, traf er sich im Café mit seinem Sekundanten Dansas, und gemeinsam gingen sie über das Eis zum Ort des Duells – an das Flüsschen Tschornaja. – Der Rest des Dramas ist bekannt. Einige Tage nach Puschkins Tod deklamierte Lermontow im Café das soeben verfasste Gedicht „Der Tod des Dichters“.

k1024_newa-fahrt-36Heute verkehren im Café vor allem Studenten und Touristen. Die berühmten Gäste von einst haben sich ins Schattenreich zurückgezogen. Am Ende ihres geliebten Newski trifft man sie alle wieder: auf dem Friedhof des Alexander-Newski-Klosters.

Text und Fotos: Bernd Siegmund

Ebenfalls von unserem Russlandexperten Bernd Siegmund ist der folgende Beitrag

Russland: Weliki Nowgorod, ein Besuch in der russischen Provinz

Und mehr über St. Petersburg gibt es hier:

Russland: St. Petersburg – Venedig des Nordens

 

Russland: Weliki Nowgorod, ein Besuch in der russischen Provinz

K1024_Nowgorod (33)Gestreichelt von der frühen Junisonne zeigt sich Nowgorod; die älteste Stadt Russlands, von ihrer freundlichsten Seite. Die breiten Straßen sind gesäumt von stattlichen Bäumen, das Stadtbild wirkt gepflegt, die Wohnhäuser, vier- und sechsgeschossig, könnten ein wenig mehr Farbe vertragen. 218.717 Einwohner leben hier. So lauten die letzten Zahlen. Damit ist Nowgorod, 180 km südöstlich von St. Petersburg gelegen, auch nach russischen Statistiken eine Großstadt. Und doch hat man das Gefühl, sich in tiefer Provinz zu befinden, Gast einer kleinen, gemütlichen Stadt zu sein.

K1024_Nowgorod (49)Dass dem nicht so ist, wird einem spätestens beim Anblick der zahlreichen Kirchen klar, die das weitläufige Stadtbild prägen. 70 sollen es im gesamten Nowgoroder Oblast sein. Meinte unsere Reiseführerin. Mehr als in jedem anderen russischen Gebiet. Aber sie war sich nicht ganz sicher, was die Zahl anbelangt. Vielleicht sind es auch nur neunundsechzig. Auf eine mehr oder weniger kommt es ja nun wirklich nicht an. In der Altstadt jedenfalls stehen 38 Kirchen und Klöster. Die meisten dieser frommen Häuser sind arbeitslos, einige verkünden noch aktiv das Wort Gottes, andere (so die Heilig-Geist-Kirche) haben sich in ein staatliches Archiv verwandelt. Angesichts dieser geistlichen Fülle nimmt sich der einstige Heilsbringer Lenin geradezu bescheiden aus auf seinem leicht ramponierten Denkmalssockel.

K1024_Nowgorod (12)Der breite, fischreiche Wolchow, der dem nahen Ilmensee entspringt, trennt Nowgorod in die Sophienseite und in die Handelsseite. Eine Fußgänger-Brücke verbindet beide Ufer. Auf der Sophienseite steht der Kreml, der touristische Höhepunkt der Stadt. Erstarrt in steinerner Schönheit wachsen die Zwiebeltürme der St. Sophien-Kathedrale in den Himmel. Ihr Anblick projiziert beim Betrachter eine Fülle nostalgischer Bilder, die sich alle um das alte Russland drehen. Erbaut zwischen 1045 und 1050 war die Kathedrale der Heiligen Sophia stets mehr als „nur“ ein Gotteshaus. In ihr wurden die Nowgoroder Fürsten gewählt, Kriege erklärt, Staatsposten verteilt. Die größte, die vergoldete Kuppel, trägt ein Kreuz, auf dem eine Taube sitzt. In einer Sage wird prophezeit, das Nowgorod niemals untergehen werde, solange es die Taube gibt. Sicherheitshalber hat man sie aus Metall gefertigt.

K1024_Nowgorod (8)Auch das Tor zum Westeingang der Kathedrale ist aus Metall. Auf zwei hölzerne Türflügel geschlagen erzählen 26 Bronzetafeln die Christus-Geschichte. Bis heute weiß niemand zu sagen, wie dieses 3,60 m hohe und 2,40 m breite Kunstwerk nach Nowgorod gelangte. Bekannt ist nur, das die Bronzetafeln um 1150 in Magdeburg gegossen wurde. Übrigens darf allein der Metropolit durch die „Magdeburger Tür“ die Kathedrale betreten. Sie ist für Otto Normalgläubiger seit ewig verschlossen.

Nowgorod gilt als Wiege Russlands. Auf diese Tatsache sind die Einwohner stolz. Für sie ist nur der ein echter Russe, der in hier geboren wurde. Sagen sie in selbstironischer Distanz.

K1024_Nowgorod (40)859 erstmals urkundlich erwähnt, gehörte die Stadt drei Jahrhunderte zur Kiewer Rus (9. – 12. Jh.), danach wurde sie Hauptstadt einer feudalen Kaufmanns- und Bojaren-Republik. Die Macht des Nowgoroder Fürsten wurde von der Volksversammlung (Wetsche) kontrolliert. Gelegen am Schnittpunkt wichtiger Handelswege pflegte Nowgorod beste Beziehungen zur Hanse. Man exportierte Holz, Flachs, Honig, Wachs, Leder und Pelze. Und importierte Edelmetalle, Salz, Tuche, Fisch, Schmuck und allerlei Tand. Um den Warenstrom zu bewältigen, richtete sich die Hanse sogar ein eigenes Kontor in Nowgorod ein. Handel machte die Stadt reich. Ehrfurchtsvoll nannte man in Russland Nowgorod „Gospodin“, „Herr Groß-Nowgorod“. Aber erst 1999, zum 1140. Geburtstag, erhielt die Stadt offiziell den Namenszusatz „Weliki“, Groß. Auf das achtungsvolle „Herr“ allerdings wurde verzichtet. Es passt nicht mehr in unsere Zeit. Wer weiß, zu welchen Höhen des Ruhms es das lebendige Geschichtsbuch Nowgorod noch gebracht hätte, wäre da nicht Zar Peter der Große gewesen, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, im Sumpf der Newa das prächtige St. Petersburg zu erbauen. Nowgorod stürzte aus den Himmel einer Quasi-Hauptstadt auf den harten Boden der Provinz.

K1024_Nowgorod (26)„Das ist lange her“, meinte Viktoria Selivyorstova, Besitzerin des gemütlichen Restaurants „Dom Berga“, in dem wir genussvoll zu Mittag gegessen haben. Die Stadt, so erzählte sie, hat alles, was man braucht, um gut zu leben. Und was braucht man? Eine Badeanstalt. Eine Philharmonie. Zwei Theater. Museen. Hotels. Ein Gourmetrestaurant. Galerien. Touristen (im vorigen Jahr wurden 200.831 gezählt, darunter 28.257 ausländische). Einen Italiener.

K1024_Nowgorod (1)Einen Nachtclub, ein Irish Pub mit 8 Bier- und 30 Whisky-Sorten, ein Teehaus, ein europäisches Kaffeehaus und natürlich ein Restaurant wie das ihre, in dem Chefkoch Michail Nekrasov es vortrefflich versteht, den Gaumen der Gäste zu kitzeln. Mit Bliny, das sind mit Pilzen oder Fleisch gefüllte Pfannkuchen. Mit gedünsteten Flusskrebsen. Und einer Gulaschsuppe im Steinguttopf. Und schließlich: Beef Stroganoff. Nach Art der Provinz. Viktoria Selivyorstova hat recht! In Nowgorod lässt es sich gut leben. – Zumindest als Gast.

Text und Fotos: Bernd Siegmund

 

Mehr Russland im WeltreiseJournal: http://www.weltreisejournal.de/2013/07/15/russland-st-petersburg-venedig-des-nordens/

Und noch einmal: http://www.weltreisejournal.de/2015/07/14/russland-noch-mal-schnell-nach-moskau/

Mehr von unserem Russlandexperten Bernd Siegmund lesen Sie hier:

Russland: St. Petersburg – Der Mann, der goldene Eier legte

 

Russland: Noch mal schnell nach Moskau

Impressionen einer Kurzreise

P1140850Wer glaubt, in Russland gingen bald die Lichter aus, wird noch warten müssen. Moskau blinkt und glitzert. Die Reichtums-Show läuft rund. Das Traditions-Kaufhaus GUM am Roten Platz, Baubeginn 1888, ein Designer-Tempel mit 200 Luxusgeschäften, prunkt Nacht für Nacht mit tausenden von Lampen, als ob’s Weihnachten wäre. In keiner Metropole der Welt soll es mehr Millionäre geben. Nur ein bisschen Angst hat man. Bei Veranstaltungen am Roten Platz kontrolliert man jeden Besucher und jede Handtasche. Zur Sicherheit an den Pforten des GUM’s ein zweites Mal.
Die Frage, ob die europäischen Sanktionen spürbar seien, perlt an Moskaus City ab. Fast alle stehen zu Präsident Wladimir Putin. Er ist der ungekrönte Zar. Das altslawische „Wlad“ steht für Herrscher, die zweite Silbe „mir“ für Welt, Frieden oder Ordnung. Wladimir, der Herrscher der Welt. Sieht er sich so?
P1140804Sein neues Moskau jedenfalls hat sich vom Jahre 2005 bis heute durch Eingemeindung der Randbezirke von ca.1000 km² auf 2500 km² ausgedehnt. Die Einwohnerzahl vermehrt sich monatlich. Heute schätzt man Moskau auf 13 bis zu 20 Millionen Menschen. Dank Putin ist die City sauber, grün und sicher. Und doch, die Schere zwischen Arm zu Reich klafft tief. Akademiker haben oftmals Renten von 1000 Rubel (€ 90,-). Als arm gilt, wer unter 8000 Rubel monatlich zum Leben hat. Viele alte Menschen bessern sich nachts in der Stoleshnikov pereulok, eine der teuersten Einkaufsstraßen Europas, ihre Rente auf. Mit Schaufel und Besen bewaffnet, sind sie jedem kleinen Seidenpapierschnipsel hinterher.

Sanktionen hin oder her, in Einschnitten ist man geübt.
Der Schweizer Käse fällt aus. Bei Kleinkindern greifen Mütter neuerdings zu Trockenmilchpulver. Warum? Eine russische Kuh muss heute mehr geben, als ihr zuträglich ist. Bakterien freie Milch wird nur durch reichlich Chemie erreicht.
Bio kommt in der Massentierhaltung nicht vor. Die russische Landwirtschaft wächst nicht wie die Immobilienbranche. Schon gar nicht auf Grund von Sanktionen.

Susdal, ein heiliger Ort des Goldenen Rings, eine 230 km Tagesspritztour weit von Moskau.
P1140981Vor der Romantik-Kulisse, goldenen Zwiebeltürmen mit russisch-orthodoxen Kreuzen, postiert sich die Biker-Gang für ein Gruppenfoto. Nachtwölfe, behauptet der Moskauer Biker Wladimir seien sie alle. Er ist Rentner. Ende Vierzig. Behinderungen sieht man ihm nicht an. Braucht er auch nicht. Er war Polizist. Da zählt ein Berufsjahr für zwei. Nebenjob sei Ehrensache. Was er genau macht? Eine riskante Frage. Er spricht nur ein deutsches Wort. Jeden übersetzten Satz bestätigt er mit: „GENAU“. Nach Berlin wollen sie alle. Einstimmiges Nicken. Ihr „Leitwolf„ hat Berlin in 24 Stunden geschafft.
Ah, und apropos Krise. Ihre Meinung: Hunger & Not kannten ihre Großmütter. Vladimir’s Eltern standen 1991 vor einem Marmeladeglas voll eng gerollter, hart abgesparter Scheine. 25 Jahre Traum vom Lada. Über Nacht – Asche.
Im Sommer 1998 hat der Rubel das Fünffache an Wert verloren. Die Aktien haben sich 2008 halbiert. Wer will da heute über fehlenden Käse reden?
Ob der Wodka das Volksproblem Nr.1 sei? Die kleine blutjunge Süße von Vladimir auf ihren 23 cm Plateau-High-Heels zwitschert tröstend: “Sie müssen ihn nicht trinken. Sie sind eine Frau. Meine Mutter hat sich damit nur die Ohrläppchen eingerieben, wenn sie zu erfrieren drohten. Oma hat den Gummibaum mit Wodka gedüngt. Seine Äste sind sooo geworden.“ Bildlich dehnt sie ihre Arme in vergleichbare Weite – und schwankt. Vladimir fängt sie auf und zieht sie rettend an seine über und über tätowierte Brust.
Alle lachen.
Vielleicht über mich?

Veronika Zickendraht

Statt Moskau, lieber St. Petersburg?

Russland: St. Petersburg – Der Mann, der goldene Eier legte

 

Russland: St. Petersburg – Venedig des Nordens

Wie ein stumpfer Keil teilt die Wassilij-Insel den Fluss in Kleine und Große Newa. Am Bug des Schiffes thront die Börse, ein antiker Tempel mit strahlend weißen dorischen Säulen. Über dem Haupteingang der Meeresgott Neptun als Kapitän, vor sich nur noch die beiden roten Rostra-Säulen, eigenartige Leuchttürme, aus denen Schiffsschnäbel herauswachsen. Strelka, das Zünglein, nennen die Petersburger diesen grandiosen Aussichtspunkt. Oft kräuselt hier der Wind das Wasser der Newa zu kleinen Wellen, die sich an den granitenen Ufern brechen und so das Gefühl vermitteln, der Kulisse der Stadt langsam näher zu kommen.

Die Schöne an der Newa

Was für ein Panorama! Zur Linken die Haseninsel mit der Peter-Paul-Festung, unverwechselbar durch den spitzen, vergoldeten Turm der Kathedrale. Es ist die Keimzelle der Stadt, denn die Grundsteinlegung der Festung vor 300 Jahren ist auch die Geburtsstunde St. Petersburgs. Zur Rechten ist das gegenüber liegende Ufer der Newa mit einer lückenlosen Reihe pastellfarbener Paläste bestückt. An erster Stelle der barocke Winterpalast, die ehemalige Residenz der Zaren. Der späte Nachmittag ist die beste Zeit für einen Besuch der Strelka, denn dann lässt die tief stehende Sonne mit ihrem warmen Licht die grün-weiße Säulenfassade und die goldenen Verzierungen des Winterpalastes erglühen, ein Anblick, von dem man sich nur schwer losreißen kann.

Ein Museum der Superlative

Das Innere des Winterpalastes übertrifft dann noch die kühnsten Erwartungen. Riesige Säle mit verschwenderisch vergoldeten Säulen, aufwändige Deckenmalereien und schwergewichtige Kandelabern lassen erahnen, in welchem Luxus die Zaren einst residiert haben. Hier zeigt Russland, was es zu bieten hat. Der Winterpalast gibt die ideale Bühne für eine der größten Kunstsammlungen der Welt, die Eremitage. Ein Museum der Superlative mit über 350 Räumen und vielen Dutzend Gemälden von Rembrandt, Rubens, Picasso, Breughel, Cezanne, Matisse, Picasso, Gauguin und unzähligen anderen Künstlern von Weltruf.

Auch an anderen Superlativen fehlt es dieser Stadt wahrlich nicht, die seit einigen Jahren auf mehrheitlichen Wunsch ihrer Bewohner wieder St. Petersburg heißt. Doch die meisten Bewohner nennen die Schöne an der Newa nur liebevoll Piter. Oft fühlt man sich in St. Petersburg wie in einem Freilichtmuseum der Architektur, in keiner anderen Stadt sind die Prachtbauten so harmonisch aufeinander abgestimmt, nirgends ist die städtebauliche Konzeption so klar ersichtlich. Kein Wunder, denn die alte Hauptstadt des Russischen Reiches entsprang allein der Phantasie eines Mannes, ihres Gründers Peter I.

Bis heute ist St. Petersburg, im Gegensatz zu Moskau, fast unverändert geblieben, weder Krieg, noch deutsche Belagerung oder 70 Jahre Sozialismus konnten ihr etwas anhaben. Der gesamte Stadtkern ist so erhalten, wie er einst im 18. Jahrhundert vom Zaren und seinen genialen Baumeistern geplant worden ist. In einem gewaltigen Kraftakt wurde sie damals dem sumpfigen Newadelta abgerungen, um Russland ein Fenster nach Europa zu öffnen. Noch heute wirkt die Stadt wie ein faszinierendes Gesamtkunstwerk, hat Ähnlichkeit mit vielen Hauptstädten Europas und ist doch eine zutiefst russische Stadt geblieben.

Mit Venedig hat St. Petersburg das Netz der Kanäle, den sumpfigen Untergrund, die vielen künstlichen Fundamente und die prachtvollen Paläste gemeinsam. Kein Wunder, dass sich die Stadt gerne selbstbewusst als Venedig des Nordens bezeichnet.

Die Isaakskathedrale, immerhin der drittgrößte Kuppelbau der Welt, kann sich als Symbol der Macht mit dem Petersdom in Rom messen und auch der Schlossplatz, der vom Winterpalast und dem halbkreisförmigen Generalstabsgebäude begrenzt wird, erreicht fast die Dimensionen des Petersplatzes.

St. Petersburg ist aber auch eine nordische Stadt, mit dem Wasser verzahnt wie Helsinki und Stockholm. Im Sommer teilt St. Petersburg zudem mit den skandinavischen Metropolen die weißen Nächte, in denen es kaum dunkel wird. Dann glühen die pastellfarbenen Fassaden der Paläste mit unwirklicher Intensität. Dieses samtige Licht des nordischen Sommers lässt die Menschen aufleben und sie den langen Winter vergessen. Zu später Stunde flanieren sie an den Ufern der Newa, treffen sich zum Picknick im Sommergarten, schauen auf die Newa-Brücken, die pünktlich für die großen Schiffe aufgeklappt werden und bevölkern in Scharen den Alexander-Nevski-Prospekt.

Neues Leben auf dem Nevski

Fast fünf Kilometer lang ist der Nevski, bildet eine Achse, die zwei völlig verschiedene Städte, die imperiale Residenz der Zaren und das Leningrad der Nachkriegszeit verbindet. Von den hässlichen Schlafstädten, erreicht man irgendwann den Nevski-Prospekt und nähert sich auf dem Boulevard mit jedem Kilometer ein Stück dem alten, dem originalen St. Petersburg.

Den Weg ins Zentrum der Macht weist die Admiralität, die man schon aus der Ferne an ihrer goldenen Nadelspitze erkennt. So wird der Spaziergang auf dem Nevski zu einer Reise in die Vergangenheit, die bis zu Peter dem Großen führt. Zumindest das letzte Stück sollte man auf dem Nevski-Prospekt zu Fuß zurücklegen, sich so dem Kern der Stadt mit Muße nähern, auch wenn am Abend die Füße schmerzen.

Kaum betritts Du den Newski, riecht’s schon nach Bummeln, schrieb der russische Schriftsteller Gogol im 19. Jahrhundert, als sich die breite, schnurgerade Straße zu einer der mondänsten und berühmtesten Flaniermeilen der Welt mauserte. Auch heute herrscht wieder Gedränge auf den breiten Trottoirs, alte Frauen verkaufen Blumen, Portraitmaler und Straßenmusikanten suchen ihr Publikum. Doch die Petersburger flanieren nicht mehr über den Nevski, sie haben es eilig. Menschentrauben drängen aus der Metro, hetzen nach Hause oder zur Arbeit, kaum jemand wirft einen Blick in die neuen Boutiquen oder das Antiquitätengeschäft mit dem edlen Porzellan. Konsum ist nach den Jahren des grauen Einerleis zwar wieder möglich, doch für die meisten sind die Preise unerschwinglich.

Auch die schönsten Kaufhäuser der Stadt, die Einkaufsgalerie Passasch und das riesige Gostinyi Dwor, das einen ganzen Häuserblock einnimmt, sind wieder auferstanden in dem unerschütterlichen Glauben an eine bessere Zukunft. Vor der klassizistischen Kasaner Kathedrale und beim Denkmal Katharinas der Großen am Ostrowski-Platz weitet sich die Prachtstraße und bietet müden Besuchern Bänke zur Rast. Gegenüber erblickt man ein besonders schönes Jugendstilgebäude in dem einst der Delikatessenladen untergebracht war.

Auch wenn viele Prachtbauten St. Petersburgs einen neuen Anstrich bekommen haben, leuchten noch längst nicht alle Kostbarkeiten in frischen Pastelltönen. Der Blick ins Innenleben der Stadt, in die verwinkelten Hinterhöfe mit ihren verschachtelten Durchgängen ist schonungslos. Überall noch Spuren jahrzehntelanger Vernachlässigung, hier wird es noch lange dauern, bis St. Petersburg die grauen Jahre abgeschüttelt hat.

Russische Alltagsimpressionen

Wer nach dem St. Petersburg der Einheimischen, abseits der großen Sehenswürdigkeiten sucht, der muss nur einen Abstecher in die Querstraßen des Nevski machen. In die unzähligen Läden, Restaurants und Imbissbuden verirrt sich kaum ein Tourist, hier lebt die quirlige Fünf-Millionen-Metropole ihr ganz privates Leben. Hier trinkt man nach der Arbeit Bier und Wodka am Kiosk. Hier schmecken die Blinis, mit allerlei Leckerem gefüllte Pfannkuchen, noch typisch russisch.

Oder man stürzt sich in das Gewimmel der Metro, fährt mit den Massen auf endlosen Rolltreppen in die Tiefe, steigt in einen der klapprigen Wagen, die im Zwei-Minuten-Takt in die Bahnhöfe rumpeln und macht so für einige Rubel eine unterirdische Sightseeingtour. Am besten mit der Linie Eins zu Bahnhöfen, die mit nostalgischen Kandelabern und kitschigem sozialistischen Pressglas geschmückt sind. Im Untergrund findet man den predigenden Lenin oder den versonnen sinnierenden Puschkin.

Bei der Station Wladimirskaja wartet einer der größten Bauernmärkte von St. Petersburg, der Kusnetschnyi Rynok. Vor dem Eingang der Markthalle bietet ein Spalier alter Frauen die bescheidenen Spezialitäten ihrer Küchen und Gärten feil. Ein Glas Sauerkraut oder Gurken, ein Kürbis oder einige Eier sollen die karge Rente aufbessern. Drinnen herrscht fast orientalische Betriebsamkeit. Honig in ungewöhnlichen Geschmacksrichtungen wird auf kleinen Papierfetzen zum Kosten angeboten. Getrocknete Früchte und Nüsse aus den warmen Südprovinzen türmen sich zu Pyramiden. Obst und Gemüse bergeweise, frischer Quark, Butter, Sahne und Käse, auch frisches Fleisch im Überfluss. Natürlich darf auch Kaviar nicht fehlen. Roter und schwarzer jeder Qualität wartet in Schüsseln auf Käufer. Hier ist St. Petersburg eine russische Stadt, die den Alltag zu meistern versucht.

Sie bekommen nicht genug von St.Petersburg?
Hier gibt es mehr Lesefutter:
http://www.weltreisejournal.de/2016/11/16/russland-st-petersburg-der-mann-der-goldene-eier-legte/