Tschechien: Český Krumlov, das Goldstück an der Moldau

Cesky Krumlov Photographer: Libor Svacek;

Cesky Krumlov © Libor Svacek

Gleich ob in Peking, Tokio oder Seoul, für die junge Bildungsschicht ist Český Krumlov ein Begriff. Mit großem Augenaufschlag und den einleitenden Worten „a magic place“ wird man verzaubert schwärmen. Jahr für Jahr kommen Hunderttausende, die mit ihren „Schloss Hintergrund Selfies“ zu Hause beste PR machen. Wer glaubt, unsere asiatischen Freunde würden die europäischen Touristen mit Träger-T-Shirt und Plastiksandalen kopieren, der irrt. Bestgeschminkt und feinst gekleidet, präsentieren sie sich vor Postkartenmotiven. Jedes Schloss und jede Ruine, gleich aus welcher Epoche, speichern sie unter „Europan-Style“ ab. Wie stark sie an der Historie interessiert sind, bleibt offen. Wie einst ihre Eltern den Mercedes Stern, präsentieren sie heute ihre „Doku-Show“. Europäische UNESCO Kultur Highlights besucht zu haben, ist ein  Zeichen ihres gehobenen Lebensstils. Vienna, Salzburg, Hallstatt, Krumlau und dann noch ein Schuss Florenz.

Als Aschenputtel neue Kleider bekam,….

Bis 1989 war Krumlow eine schmutzige Stadt. Eine der größten osteuropäischen Papier- Kombinate pustete ungefiltert Chemie in die Luft und Säure in die Moldau. Ein Bad im Fluss hätte die Haut verätzt. Der Flossfahrer Michael, der heute heiter die Besucher durch das saubere, wenn auch durch den Eisengehalt bräunlich schimmernde Wasser schifft, lacht über das früher wechselnde Farbspiel. „Mal grün, mal blau, aber häufig überwog das Rot, weil man zu viele politische Pamphlete druckte.“
Als man dann 1992 die Stadt zum UNESCO Kulturerbe erhob, wurde über Nacht jeder graue Stein zum Juwel. Wie die Moldauschlinge die Stadt umrundet und bei Hochwasser in die Häuser drang, floss das Geld der Investoren in jedes baufällige Gebäude. Die Bürgerhäuser wurden zu Pensionen. Mit Mauerdurchbrüchen schaffte man bis zu 50 Zimmer. Das Jesuiten Kloster „hübschte “ man zum fünf Sterne Hotels auf. Die Gästezimmer verschönerten die Maler mit traditioneller böhmischer Schablonenmalerei. Für die Salons schaffte man Gründerzeit-Möbel aus aller Welt herbei. Die sozialistische Tristesse verflog über Nacht, als wäre das Ostregime nur eine unwillkommene Windböe gewesen.

Slavnostní otebření Hradního muzea v Českém Krumlově, 10.1.2011

Das Burgmuseum

  Femme fatale und leicht bekleidete Wäschermädchen

In der Blütezeit, Ende des 19.Jahrhundert, “als Böhmen noch bei Österreich war,“,.wie es so schön im Wienerlied besungen wird, war die Stadt ähnlich begehrt. ….
Der böhmische Fotograf Josef Seidl und später sein Sohn Franz ließen keines der romantischen Postkartenmotive aus. Mit unwiederbringlichem Fleiß hinterließen sie der Nachwelt 120 000 Landschaftsfotografien. Über Jahrzehnte sichtete man die auf dem Dachboden des Ateliers sorgsam verwahrten Filme, und stellte das Archiv online zur Verfügung.

Atelier Seidel po rekonstrukci 2008-06 FOTO: Libor Svacek, Kaplicka 447, 381 01 Cesky Krumlov, CZ. E-mail: box@fotosvacek.cz

Atelier Seidel, © Libor Svacek

Fotografie war in der Zeit von 1880 bis 1938 ein innovatives Geschäft. Kolorieren, retuschieren auf feinster Pappe mit Rahmen verewigen, schaffte für die Familie Seidl und ihre 19 Mitarbeiter beträchtlichen Wohlstand.Was heute als Hintergrundmotiv für „Selfie Porträts“ in den sozialen Netzen um die Welt flirrt, zierte damals die feinen Bürgerstuben. Egon Schiele, ein Sohn böhmischen Krumaus nannte eines seiner wichtigsten Werke “die tote Stadt“. Erst als er in die Kunstgeschichte einging, wurde er geachtet. Seine Aktzeichnungen und sein Lebenswandel passten nicht in das prüde Bürgertum. Dabei besteht der reizvollste Teil der Stadtgeschichte aus unzähligen Episödchen. Eine Reihe davon erzählt von den Chorherren des Stifts und Moldau’s leichtbekleideten Wäschermädchen, die für ihre Schönheit und Dreistigkeit sprichwörtlich wurden. Alma Mahler-Werfel, die große Femme fatale, die Gustav Mahler ehelichte und von Walter Gropius, Klimt, Kokoschka und einer Reihe großer Männer mehr verehrt wurde, hatte ihr Refugium im heutigen Hotel Bellevue. Ihre drei Salons spiegeln das einstige Flair wieder und für den, der es sich leisten kann, sind sie als Suite zu mieten.
Die Widersprüchlichkeit der Charaktere und die Lebensart der Südböhmen lassen sich in den literarischen Werken von Franz Kafka nachempfinden. Auch die trivialen Geschichten, das schlichte Gemüt des braven Soldaten Schweik, werden in den urigen Kneipen seiner Zeit wieder lebendig.

Nur auf den ersten Blick ist die Stadt überschaubar.

Das 13 000 Einwohner Städtchen mit seinen letztjährlich gezählten 1.5 Millionen Besuchern, ist komplett autofrei. Alle Straßen und Gassen sind wie im Mittelalter Kopfsteinen gepflastert. Das Bild der Stadt dominiert die Schlossanlage, mit seinen in verschieden Epochen erbauten fünf Höfen. Mit jedem Hof vergrößerte sich der Reichtum und die Bedeutung der Stadt stieg.

Ein bedeutendes Adelsgeschlecht Böhmens waren die Rosenberger. 1302 fielen ihnen die Burg und die Besitzungen zu. Sie waren stolz auf die Zugehörigkeit zum italienischen Adelsgeschlecht der Orsini (zu deutsch Bär) Ihr Wappen zierte ein Bär. Seit Beginn ihrer Herrschaft bis heute tappen tief im Burggraben die Braunbären auf und ab.

Advent a Vánoce v Českém Krumlově 2010

Der Bärengraben

 

Die Adelsfamilie Eggenberg übernahm 1662 das Schloss. Sie waren als die besten Bierbrauer Böhmens bekannt. Die Brauerei wurde 1991 rekapitalisiert. Den Gerstensaft braut man von alters her, nach gleicher Rezeptur. Und heute fließt das Bier, dank der durstigen Touristen reichlicher denn je zuvor.

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Die geschäftstüchtigen Fürsten von Schwarzenberg residierten ab 1719 und blieben bis nach dem zweiten Weltkrieg in der Burg. Mit ihren Silbermienen verhalfen sie sich und der Stadt zu beachtlichen Reichtum. Sie hatten 5 Söhne. Ihr Wappen ist die fünfblättrige Rose, Jedes Blatt steht für einen Sohn. Ein allen bekannter Nachfahre ist der ehemalige tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg.
Ein Český Krumlov Besuch lässt sich Schritt für Schritt mit der goldenen Karte, die alle Highlights einschliesst, planen. Es gibt allerdings noch eine erlebnisreiche Variante. Man schlendert ziellos, lässt sich auf das mittelalterliche Flair ein und entdeckt, was kein Führer empfiehlt. Erlaubt sich zu träumen, vergisst die Jahreszahlen und staunt kindlich. Steht früh auf und genießt die Stadt touristenfrei im Morgentau. Erlebt sie gähnend, wie eine verschlafene Geliebte, bevor sie die Fensterläden ihrer Souvenir Geschäfte öffnet. Reflektiert die Schönheit bei einem Mittags-Nickerchen. Verdaut die Würste, den Rostbraten und das Bier. Wandelt Nachmittags von einer weltberühmten Konditorei in die andere, bis man die 15 verschiedenen Strudelsorten durchprobiert hat.
Český Krumlov ist eine Stadt, die nicht lauthals mit „Magic“ zu locken braucht. Ihr vergilbter Charme berührt die Herzen der Feinfühligen ungewollt.

Text: Veronika Zickendraht

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Tschechien: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Prag

Und hier:

Tschechien: Ein Spaziergang durch Prag (Teil 1)

Und hier auch:

Tschechien: Ein Spaziergang durch Prag (Teil 2)

 

 

 

Tschechien: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Prag

1 Wenzelsplatz

Der Boulevard auf der Neustadt offenbart zwei Gesichter: tagsüber überwiegend geschäftig, abends eher erotisch.

2 Gemeindehaus

Der Höhepunkt des Prager Jugendstils zeigt das Repräsenta-tionshaus der Gemeinde Prag mit sehenswertem Kaffeehaus.

3 Altstädter Ring

Der vermutlich schönste Platz des Landes ist das Herz der Altstadt. Hier ziehen die Apostel an der Astronomischen Uhr am Altstädter Rathaus stündlich ihre Runden.

4 Karlsbrücke

Die frisch restaurierte steinerne Brücke mit ihren Statuen ist eines der Wahrzeichen von Prag und überquert die Moldau, die Halbinsel Kampa und den Teufelsbach.

5 Kleinseitner Ring

Der Hauptplatz des romantischen Viertels Kleinseite mit der prächtigen Barockkirche St. Nikolaus verbindet als Teil des Krönungswegs die Karlsbrücke mit der Prager Burg.

6 Prager Burg

Die größte bewohnte Burganlage der Welt lenkte die Geschicke des Landes über 1000 Jahre. Weithin sichtbar ist die St.-Veits-Kathedrale, berühmt das Goldene Gässchen.

7 Strahov-Kloster

Das größte Kloster Tschechiens ist vor allem durch die sehenswerte Bibliothek mit dem Philosophischen und dem Theologischen Saal bekannt.

8 Josefov

Im jüdischen Viertel erinnern der Alte Jüdische Friedhof und eine Reihe von Synagogen an die Bedeutung der jüdischen Gemeinde innerhalb der Prager Bevölkerung.

9 Vyšehrad

Die zweite Burg in Prag ist weniger bekannt, doch angesichts des Ehrenfriedhofs und der 1000 Jahre alten Bauten sehr interessant.

10 Palastgärten

Die Gärten zwischen Prager Burg und der Kleinseite offenbaren eine unerwartete Ruhezone mit Blick auf die roten Dächer der Kleinseite.

 

Tschechien: Ein Spaziergang durch Prag (Teil 1)

Prager Neustadt und Altstadt

Wir beginnen unseren Rundgang morgens am Wenzelsplatz (Václav­ské náměstí) bei der Metrostation Muzeum. Die wohl älteste Neustadt der Welt legte einst Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert an, als die übrigen drei historischen Stadtteile Altstadt, Burgviertel und Kleinseite für den Wohnbedarf der aufstrebenden böhmischen Hauptstadt nicht mehr ausreichten. So verwundert es kaum, dass die Straßen der Neustadt wesentlich größer geplant wurden als der Rest des damaligen Prags. Die Neustadt verfügt über drei zentrale Plätze, die bei ihrer Gründung nach konkreten Aufgaben benannt wurden: Der Wenzelsplatz hieß damals Rossmarkt, der Karlsplatz (Karlovo náměstí) war seinerzeit der Viehmarkt und der Senovážné náměstí heißt heute noch Heuwaageplatz.

Östlich der Neustadt verlief bis ins späte 18. Jahrhundert eine Stadtmauer zur Abgrenzung der historischen Stadt. Heute thront am oberen Ende des Wenzelsplatzes das Nationalmuseum (Národní muzeum) aus dem Jahre 1890, dessen Neorenaissance-Fassade der Ostfassade des Louvre nachempfunden wurde. Vom Eingang des Museums schaut man über den Wenzelsplatz und kann sich die Menschenmengen vorstellen, die sich hier während der Samtenen Revolution im November 1989 versammelt hatten. Das Hauptgebäude wird bis Juni 2015 aufwendig restauriert. Ein großer Teil der Sammlungen ist im daneben gelegenen Neuen Gebäude zu sehen, dem einstigen Parlament der ČSFR.

Am Wenzelsdenkmal, der Statue des böhmischen Landes­patrons, Fürst Wenzel I., auf seinem Pferd, umgeben von vier böhmischen Landesheiligen, verabreden sich die Prager. Und weil es sehr viele gleichzeitig sind, wird noch »am Kopf« bzw. »am Schwanz« hinzugefügt. Das eingravierte Datum 28. Oktober 1918 bezieht sich auf die Gründung der Tschechoslowakei. Ein paar Schritte weiter markiert eine Opferstelle den Punkt, an dem sich der Student Jan Palach 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings verbrannte.

Den boulevardartigen Wenzelsplatz umgeben heute große Geschäfte, einige Luxushotels sowie eine Vielzahl von Restaurants und Imbissbuden. Das meistfotografierte Gebäude ist mit Sicherheit das 1905 erbaute Grand Hotel Evropa mit seiner prachtvollen Jugendstilfassade und dem üppigen Art-Nouveau-Café auf der rechten Straßenseite.

Eine Besonderheit erlaubt das Bummeln sogar bei Regen: Fast jeder zweite Häuserblock verfügt über eine Passage mit weiteren Geschäften und einem Durchgang zur nächsten überdachten Arkade. Sehenswert ist vor allem die im Stil der Moderne errichtete Lucerna-Passage mit herrlichem Kino, riesigem Konzertsaal und einem altertümlichem Café in der ersten Etage. Auffallend ist eine Kopie des Wenzelsdenkmals, das allerdings auf dem Kopf steht. Den Palast errichtete der Großvater des ehemaligen Präsidenten Václav Havel im Jahre 1920.

Über den Ausgang in die Vodičkova-Straße gelangt man schräg gegenüber in die Světozor-Passage, die in eine unerwartete Oase führt, den Franziskanergarten (Františkánská zahrada). Er gehört zum gleichnamigen, noch heute von Mönchen bewohnten Kloster. Die dahinterliegende Maria-Schnee-Kirche sollte nach Plänen Karls IV. das größte Gotteshaus der Stadt werden. Aufgrund der Hussitenkriege wurden diese Pläne verworfen. Der Franziskanergarten mündet in den kleinen Jungmannplatz (Jungmannovo náměstí), praktisch hinter dem unteren Teil des Wenzelsplatzes gelegen. Josef Jungmann verfasste im Zeitalter der nationalen Wiedergeburt Mitte des 19. Jahrhunderts als erster ein Tschechisch-Deutsches Wörterbuch – bis dahin wurde Tschechisch nur in Dienstbotenkreisen gesprochen.

Der Platz erlaubt einen Blick in die Nationalstraße, die bis heute die Neustadt von der Altstadt trennt. Vorne links fällt das Palais Adria auf, ein Multifunktionsgebäude im Stil des Rondokubismus von 1925, das an venezianische Paläste erinnern soll. Am hinteren Ende der Nationalstraße schimmert die goldene Kuppel des Nationaltheaters (Národní divadlo) durch. Es entstand 1881 als erste Bühne für tschechische Aufführungen und wurde aus Spendengeldern finanziert, brannte jedoch nach der ersten Aufführung teilweise nieder und wurde 1883 feierlich wieder eröffnet.

Unser Weg führt jedoch vom Jungmannplatz über die Straße des 28. Oktober (28. října) zum unteren Teil des Wenzelsplatzes, der häufig als Goldenes Kreuz bezeichnet wird, denn der gesamte Wenzelsplatz mit der Verlängerung in die Straße Na Můstku bildet mit den beiden Querstraßen ein lateinisches Kreuz. In Richtung Osten promeniert man entlang der Straße Am Graben (Na Příkopě), wo früher tatsächlich ein Graben die Altstadt von der Neustadt trennte. Diese Straße war einst der Korso der deutschen Bevölkerung, während die Tschechen auf der Nationalstraße flanierten.

Die Grabenstraße mündet in den lang gestreckten Platz der Republik (Náměstí Republiky), der vom Gemeindehaus (Obecní dům), einem Musterbeispiel des Prager Jugendstils von 1911, dominiert wird. Ein Muss ist der Besuch des Kaffeehauses im linken Flügel mit herrlichem Interieur und leckeren Torten. Hier beginnt jährlich am 12. Mai das Musikfestival »Prager Frühling« mit Smetanas Liederzyklus »Mein Vaterland«, dessen zweiter Teil »Die Moldau« weltberühmt ist. Der Name des Platzes erinnert an die Ausrufung der ersten Tschechoslowakischen Republik in diesem Gebäude im Oktober 1918.

An das Gemeindehaus schließt sich der Pulverturm (Prašná brána) an, den wir am Nachmittag genauer betrachten und besteigen. Gegenüber zeigt das Theater U Hyberna im einstigen Kloster der Hyberner überwiegend Musicals. Links daneben befindet sich in einer umgebauten Kaserne das neue Palladium, das größte Shoppingparadies im Zentrum. Rechts vor dem Palladium führt die Straße Na Poříčí in die weniger touristisch frequentierten Teile der Neustadt. Der Weg lohnt sich für die Mittagspause im Café vom Hotel Imperial mit seinen hohen Decken und den herrlichen Art-decó-Fliesen.

Durch die Altstadt

Der zweite Teil der Stadttour beginnt, wo der erste geendet hat, am Platz der Republik. Das Gemeindehaus dort steht an der Stelle des einstigen Königshofs an der Grenze zwischen Alt- und Neustadt. Der Weg von hier über Altstädter Ring, Karlsgasse und Karlsbrücke zur Prager Burg wird Krönungsweg genannt. Der 1475 gebaute gotische Pulverturm (Prašná brána) war Bestandteil der alten Stadtmauer. Wer mehr über die Prager Türme erfahren möchte, sollte die Ausstellung auf halber Höhe der 186 Stufen besuchen.

Durch den Pulverturm hindurch führt die Zeltnergasse (Celetná) direkt bis zum Altstädter Ring. Das auffallendste Gebäude ist das orangefarbene »Haus zur Schwarzen Mutter Gottes« mit dem Museum des tschechischen Kubismus (Muzeum českého kubismu). Der visionäre Architekt Josef Gočár wählte 1912 den geometrischen Stil des Kubismus, der sich zwischen Jugendstil und Art déco einreiht. Sehenswert ist das Grand Café Orient in der ersten Etage mit seinem kubistischen Interieur. Über den Obstmarkt (Ovocný trh) führt uns das Kopfsteinpflaster zum Ständetheater (Stavovské divadlo), in dem Wolfgang Amadeus Mozart 1787 seinen »Don Giovanni« uraufführte. Heute gehört die Bühne zum Nationaltheater und gibt neben Musiktheater auch Schauspiel und Ballett.

Die Geheimnisse der Altstadt offenbaren sich nicht entlang der touristischen Trampelpfade, sondern in versteckten Gassen, deshalb verläuft der weitere Weg entlang der Rittergasse (Rytířská) am prächtigen Hauptgebäude der Sparkasse (Česká Spořitelna) vorbei bis zum Kohlenmarkt (Uhelný trh), der gerne als »Prager Montmartre« bezeichnet wird, weil die einheimischen Künstler auf dem Platz ihre Gemälde und Portraits anfertigen.

Der Weg folgt der Michaelsgasse (Michalská), beleuchtet von romantischen Gaslaternen. Nach Überqueren der Melantrichova, die den Wenzelsplatz direkt mit dem Altstädter Ring verbindet, gelangt man in die Ledergasse (Kožná). Gleich am ersten Haus auf der linken Seite verrät eine Gedenktafel, dass hier der »rasende Reporter« Egon Erwin Kisch (1885–1948) wohnte. Über die Eisengasse (Železná) erreicht man nach einigen Schlenkern den faszinierendsten Platz der Stadt, den Altstädter Ring (Staroměstské náměstí). Um die Statue des Reformators Jan Hus gruppiert sich ein Ensemble aus mittelalterlichen Fassaden, der Teyn- und der St.-Nikolauskirche sowie dem gotischen Altstädter Rathaus (Staroměstská radnice) mit dem 69 Meter hohen Rathausturm. Vor der berühmten Astronomischen Uhr am Turm finden sich zur vollen Stunde Hunderte Besucher ein, um den Apostelumzug zu erleben.

Vom Altstädter Ring aus gibt es mehrere Möglichkeiten für Abstecher. Wir entscheiden uns für den dahinter gelegenen Teynhof (Týn), erreichbar durch eine Gasse links der gotischen Teynkirche. Die fahrenden Händler mussten hier einst eine Gebühr entrichten, bevor sie ihre Waren zum Verkauf auf den Altstädter Ring bringen durften. Auf dem ruhigen Plätzchen, das auch als »Ungelt« bekannt ist, hat man Gelegenheit für eine kleine Pause.

Die vornehme Shoppingmeile Pariser Straße (Pařížská) verbindet den Altstädter Ring mit der Moldau und streift dabei das jüdische Viertel. Mit ihren noblen Geschäften von Cartier über Hermès bis Louis Vuitton erinnert sie an einen Pariser Boulevard mit entsprechender Kaufkraft.

Nach Verlassen des Altstädter Rings, links vorbei an der weißen Nikolauskirche, zeigt sich gleich dahinter auf der rechten Seite die Büste des lange verkannten Schriftstellers Franz Kafka (1883–1924). Weil hier einst sein Geburtshaus stand, trägt der kleine Platz seinen Namen. Durch die Plattnergasse (Platnéřská) gelangen wir zum Mariannenplatz (Mariánské náměstí) mit dem Magistrat, der Prager Stadtverwaltung, der die einstigen selbstständigen Rathäuser der vier historischen Stadtteile vereint. Darüber hinaus dominiert die Städtische Bibliothek (Městská knihovna) den Platz.

Gegenüber dem Magistrat beginnt das Areal des Klementinum, das im 13. Jahrhundert als Dominikanerkloster erbaut wurde und in dem die Jesuiten die Karl-Ferdinand-Universität einrichteten. Inzwischen dient der Komplex als Sitz der Staatsbibliothek. Sehenswert sind vor allem der Turm mit der Wetterwarte sowie die Spiegelkapelle, in der täglich Konzerte stattfinden.

Einer der Ausgänge führt auf die Karlsgasse (Karlova), die den Altstädter Ring mit der Karlsbrücke verbindet und meist hoffnungslos überfüllt ist, was Taschendieben das Handwerk erleichtert. Die Gasse mündet in den Kreuzherrenplatz (Křižovnické náměstí) mit der Statue Kaiser Karls IV. vor der Kirche des heiligen Franziskus. Dort beginnt die 515 Meter lange und zehn Meter breite Karlsbrücke (Karlův most), deren Bau 1357 anstelle der eingestürzten Judithbrücke durch Peter Parler begonnen wurde. Sie ruht auf 16 Pfeilern, von denen zwei bei einer Flut im Jahre 1890 eingestürzt waren. Gleich auf dem ersten Pfeiler thront der gotische Altstädter Brückenturm (Staroměstská mostecká věž). Erst im 18. Jahrhundert wurden die Statuen entlang der Brücke auf die Pfeiler gesetzt. Was man sich bei der bronzenen Nepomukstatue in der Mitte der Brücke wünscht, soll in Erfüllung gehen.

Den 2. Teil des Stadtrundganges durch Prag lesen Sie hier

 

Tschechien: Ein Spaziergang durch Prag (Teil 2)

Prager Kleinseite und Burgviertel

Die heutige Stadttour widmet sich ausschließlich der linken Moldau­seite mit den historischen Stadtteilen Kleinseite und Hradčany, dem Burgviertel. Die Kleinseite entstand 1257, als sich deutsche Handwerker unterhalb der Prager Burg ansiedelten und ein kleines Quartier gründeten. Nach dem großen Brand von 1541 änderten sich Charakter und Aussehen der Kleinseite, weil der Adel seine Paläste nunmehr direkt unter der Burg errichtete.

Vom Ausgangspunkt, der Metrostation Malostranská, geht es durch die Valdštejnská zum Valdštejnské náměstí mit dem Haupteingang des monumentalen Palais Waldstein (Valdštejnská palác), das General Albrecht von Waldstein im 16. Jahrhundert errichten ließ und in dem heute der tschechische Senat residiert. Besucher werden nur am Wochenende eingelassen. Vom Innenhof des Palasts gelangt man in den zugehörigen Wallenstein-Garten (Valdštejnská zahrada) mit Grotte, Teich und einer Statuenallee. Auf dem erholsamen Areal zeigen sich gelegentlich ein paar Pfauen. Wir verlassen den Garten über den Ausgang in die Straße Letenská, die am neuen Luxushotel »The Augustine« vorbei direkt in den Kleinseitner Ring führt.

Der Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) verbindet Brückengasse (Mostecká) und Nerudagasse (Nerudova) als Teil des Krönungswegs von der Karlsbrücke zur Prager Burg. Das auffallendste Bauwerk ist zweifelsohne der hochbarocke St.-Nikolaus-Dom (Chrám sv. Mikuláše na Malé Straně), erbaut von Vater und Sohn Dientzenhofer. Sehenswert ist das 1500 Quadratmeter große Deckenfresko mit den Stationen des heiligen Nikolaus, des Beschützers der Kaufleute und Seefahrer.

Der freistehende Kirchturm belohnt den Aufstieg mit einer tollen Aussicht auf Kleinseite und Prager Burg. Drei weitere Bauten am Kleinseitner Ring fallen auf: das einstige Kleinseitner Kaffeehaus vor dem St.-Nikolaus-Dom, in dem Rilke seine »Larenopfer« schrieb und in dem heute eine US-amerikanische Kette coffee to go verkauft; das einstige Rathaus der Kleinseite mit der kupferfarbenen Kuppel und an der oberen Platzseite das Palais Liechtenstein (Lichtenštejnský palác) mit auffallender klassizistischer Fassade, in dem heute die Akademie der musischen Künste ihren Sitz hat.

Auf der Brückengasse (Mostecká) schlendert man durch die Kleinseitner Brückentürme – der niedrigere gehörte einst zur Judithbrücke, der Vorläuferin der Karlsbrücke. Nach der Überquerung des Teufelsbaches (Čertovka) geht es rechts hinunter auf die Kampa-Halbinsel, ein verträumtes Plätzchen mit kleinen Restaurants und einem Park mit weiter Aussicht auf Altstadt und Karlsbrücke. Von den einst vorhandenen Mühlen ist nur noch ein Mühlrad übrig geblieben. Die Prager genießen die Sonnenstrahlen auf diesem romantischen Flecken. Am Ende des Parks führen die Straßen Říční und Všehrdova zur Hauptstraße Újezd.

Mit der Seilbahn kann man von hier aus auf den Laurenziberg (Petřín) schweben, den »Berg der Prager Verliebten«, mit einem 60 Meter hohen Aussichtsturm, der 1891, zwei Jahre nach dem Pariser Eiffelturm errichtet wurde. Wer will, kann auch zu Fuß die 299 Stufen erklimmen, um den Blick über das Prager Dächermeer zu genießen.

Auf der Hauptstraße, die im weiteren Verlauf Richtung Kleinseitner Ring und später Karmelitergasse (Karmelitská) heißt, gelangt man zur Kirche St. Maria de Victoria (Kostel Panny Marie Vítězné). Auf der rechten Seite im Kirchenschiff steht die 47 Zentimeter große Wachsstatue »Prager Jesulein«, die Polyxena von Lobkowitz dem Orden der Karmeliterinnen stiftete und die noch heute eine Vielzahl wertvoller Kleider geschenkt bekommt.

Gegenüber liegt das Tschechische Museum der Musik (České muzeum hudby) in der einstigen Maria-Magdalena-Kirche. Das zum Nationalmuseum gehörende Haus thematisiert die Geschichte der Musik, sehenswert ist besonders die Eingangshalle.

Der Vormittagsrundgang endet am Malteserplatz (Maltézské náměstí), einige Schritte hinter dem Musikmuseum, wo sich der Malteserorden im 12. Jahrhundert niedergelassen hatte, um den Zugang zur Judithbrücke zu sichern. Auf der Südseite steht der Nostitz-Palast, in dem das Kulturministerium residiert. Im Café de Paris genau gegenüber kann man eine Mittagspause einlegen.

Burgviertel

Der Rundgang durch das Viertel der Prager Burg (Pražský hrad) ist erst am Nachmittag sinnvoll, weil vormittags die Touristenscharen, die per Reisebus unterwegs sind, durch die Anlage strömen. Kurz etwas zur Begriffsklärung: Die deutsche Literatur bezeichnet mit dem Hradschin nur die Burg, dabei steht Hradčany eigentlich für das gesamte Burgviertel.

Wir beginnen diese Stadttour am Platz Pohořelec, auf Deutsch »Brandstätte«. Oberhalb des Platzes thront das Strahov-Kloster (Strahovský klášter), das bedeutendste seiner Art in Tschechien. Die wertvolle Bibliothek bewahrt im Theologischen und Philosophischen Saal mehr als 200 000 Bände auf und war bereits in mehreren internationalen Filmen wie dem James-Bond-Streifen »Casino Royale« zu sehen. Am Ende des Klosterareals liegt eine Aussichtsterrasse mit tollem Blick auf Kleinseite und Laurenziberg.

Durch einen kleinen Durchgang geht es zurück auf den Platz zum Wallfahrtsort Loreto (Loreta), der im 17. Jahrhundert während der Gegenreformation gegründet wurde. In der Mitte steht die Nachbildung der Casa Santa aus dem italienischen Loreto. In der ersten Etage des Westflügels kann die zwölf Kilogramm schwere Monstranz »Prager Sonne« mit 6222 Diamanten bestaunt werden. Gegenüber steht das 150 Meter breite Palais Czernin (Černínský palác), das seit 1934 als Außenministerium fungiert. Es erreichte traurige Berühmtheit durch den Dritten Prager Fenstersturz, als im Februar 1948 der letzte nichtkommunistische Minister Jan Masaryk unter ungeklärten Umständen aus dem Fenster stürzte.

Hinter den beiden Sehenswürdigkeiten und nach der Černínská beginnt die Gasse Neue Welt (Nový Svět), die nach der Samtenen Revolution viele Künstler anzog, die an den offenen Fenstern malten. Diese sind nur noch selten anzutreffen, dafür herrscht aber eine unglaubliche Ruhe kurz vor der so stark frequentierten Prager Burg.

Von der Hinterseite her überqueren wir den Hradschiner Platz (Hradčanské náměstí). Auf diesem lang gezogenen Platz breitete sich der Adel mit seinen Palästen aus. Markant sind vor allem das Erzbischöfliche Palais (Arcibiskupský palác) sowie die beiden zur Nationalgalerie gehörenden Paläste von Sternberg und Schwarzenberg. Vor der Burg steht die Statue von Tomáš Garrigue Masaryk, dem Staatsgründer der Tschechoslowakei.

Die tausend Jahre alte Prager Burg (Pražský hrad) diente als Sitz der Könige und Kaiser und ist seit 1918 Amtsstube der Staatspräsidenten. Die größte Burganlage Mitteleuropas wurde mehrfach erweitert und umgebaut. Kaiserin Maria Theresia leitete eine große Umgestaltung ein, die den kompletten vorderen Teil im Wiener Rokokostil erscheinen lässt, die letzten Veränderungen fanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt. Das Areal ist eigentlich gar nicht als Burg auszumachen, denn es hat weder Befestigungen noch einen Graben.

Der Haupteingang der Burganlage befindet sich im ersten Burghof, wo auch täglich um 12 Uhr die große Wachablösung stattfindet. Vom ersten in den zweiten Burghof gelangt man durch das barocke Matthias­tor (Matyášova brána). Der rechte Teil des zweiten Burghofs gehört dem Büro des Präsidenten; wenn er sich im Land befindet (nicht auf der Burg!), wird eine Fahne auf dem Dach gehisst. Der sehenswerte Spanische Saal im zweiten Burghof ist nur zu großen Anlässen oder Konzerten zugänglich.

An der Stelle der einstigen Veitsrotunde legte Karl IV. im Jahre 1344 den Grundstein für den Bau der prachtvollen St.-Veits-Kathedrale (Katedrála sv. Víta), die mit 124 Metern Länge, 33 Metern Höhe und 60 Metern Breite das größte Kirchenschiff des Landes besitzt. Die Krönungskirche der böhmischen Könige und bedeutendste Kirche Tschechiens bauten die beiden berühmten Architekten Matthias von Arras und Peter Parler, der Baumeister der Karlsbrücke.

Der vordere Teil mit den beiden neogotischen Türmen wurde allerdings erst 1929 vollendet. Hier fanden mit Karl IV., Ferninand I. und Rudolf II. gleich drei Kaiser ihre letzte Ruhestätte. Der wichtigste Raum ist die Wenzelskapelle in der Mitte auf der rechten Seite. Von hier kann der 96,5 Meter hohe Südturm mit seiner barocken Zwiebelspitze über 287 Stufen bestiegen werden. Etwas dahinter ruht der Brückenheilige Johannes von Nepomuk in einer silbernen Gruft.

Besonders sehenswert ist die sogenannte »Goldene Pforte« an einem nicht genutzten Ausgang an der südlichen Fassade: Ein Mosaik mit einer Million Elementen aus Glas, Gold und Halbedelsteinen stellt das Jüngste Gericht dar. Erst im Jahre 2000 konnte das Werk mittels Druckstrahl aus überwiegend gemahlenen Nussschalen freigelegt werden, nachdem es über Jahrhunderte hinter einer Oxidationsschicht verborgen war.

Der Alte Königspalast (Starý královský palác) im dritten Burghof südlich der Kathedrale wurde ursprünglich für Ritterturniere errichtet, die im gotischen Wladislaw-Saal mit beeindruckendem Rippengewölbe veranstaltet wurden. Bis ins 16. Jahrhundert wohnten die Herrscher des Landes in diesem Palast. Im Ludwigsflügel ereignete sich der »Zweite Prager Fenstersturz«, der 1618 den Dreißigjährigen Krieg auslöste. Heute finden hier die Präsidentenwahlen statt.

Die romanische Georgsbasilika (Klášter sv. Jiří) hinter dem Dom wurde bereits 920 unter Vratislav I., der hier auch bestattet wurde, errichtet. Die barockisierte Fassade der mehrfach umgebauten Basilika stammt allerdings aus dem 17. Jahrhundert. Das daneben liegende Kloster beherbergt eine Dependance der Nationalgalerie, die böhmische Kunst des 19. Jahrhunderts zeigt.

Das Goldene Gässchen (Zlatá ulička) mit den pittoresken Häusern in der Außenwand der Burganlage wurde zur Zeit des wissenschaftlich interessierten Kaisers Rudolf II. von Alchimisten bewohnt. Er war besessen von dem Gedanken, Gold herzustellen und den Trank des ewigen Lebens zu finden – stattdessen wurde dabei Sliwowitz, ein Zwetschgenobstbrand, entdeckt. In dem kleinen blauen Häuschen Nummer 22 wohnte 1916/17 einst Franz Kafka, um in Ruhe schreiben zu können. Das Goldene Gässchen wurde 2011 renoviert und um eine Dauerausstellung ergänzt. Von der Abgeschiedenheit zu Kafkas Zeiten ist beim täglichen Besucheransturm leider keine Spur mehr.

Das Areal der Prager Burg verfügt über mehrere Bildergalerien und kleinere Museen. Besonders eindrucksvoll ist ein Besuch der Burg am Abend, wenn kaum noch Menschen unterwegs sind und die Anlage eine mystische Atmosphäre ausstrahlt.

Durch den Hinterausgang verlässt man die Prager Burg. Es gibt zwei Möglichkeiten für den Abstieg zur Metrostation Malostranská: Klassisch geht es geradeaus über die alte Schlossstiege bis nach unten. Alternativ lohnt sich der Spaziergang durch den erst 2008 wiedereröffneten Weinberg des heiligen Wenzel (Svatováclavská vinice, Staré zámecké schody 6/251) mit einem gastronomischen Stopp in der Villa Richter. Den besten Sitzplatz bietet das Glashaus mit toller Aussicht auf die Kleinseite.

Den ersten Teil des Stadtspazierganges Prag lesen Sie hier