Kroatien: Wenn Saphirblau auf Gold und Weiß trifft

_DSC0098Die Insel Krk in der Kvarner Bucht ist ein Paradies nicht nur für den entspannten Familienurlaub

Der Blick aufs Meer und die Nachbarinseln ist fantastisch. Die Insel Krk in der Kvarner Bucht ist nicht nur die größte der Adria, sondern auch ein kleines Paradies für Urlauber.

Die Insel mit dem für Mitteleuropäer unaussprechlichen Namen genießt gerade bei Familien eine besondere Anziehungskraft. Das liegt wohl auch an den vielen schönen Stränden der „goldenen Insel“ und dem saphirblauen, glasklaren Wasser, das zum Baden einlädt. Fische ziehen hier ihre Kreise und haben sich wohl an die vielen Besucher schon gewöhnt. Sie lassen sich zumindest von den Zweibeinern nicht stören. Mit Badelatschen, Schnorchel und Taucherbrille gehen große und kleine Urlauber auf Erkundungstour in die Unterwasserwelt. Denn durch die steinigen Strände bleibt das Wasser stets angenehm sauber.

Die Inselhauptstadt Krk im Westen ist ein schmucker Ort mit einer großen Historie. Die gut erhaltene Stadtmauer zeugt von einer langen Geschichte. Ein Spaziergang durch die engen Gassen der autofreien Altstadt ist gerade im Sommer angenehm, die Häuser spenden genügend Schatten. Vorbei am runden venezianischen Turm und dem Kastel kommt man unausweichlich an den breiten Hafen mit seinen Yachten, die hier zigfach vor Anker liegen. Die Fischer, die nach dem Fang ihre Netze flicken, lassen sich vom Trubel der Touristenströme nicht beeindrucken.

Ein Augenmerk sollte man auf die Kirche Sv. Kvirin legen. An das im romanischen Stil im 11. Jahrhundert gebaute zweistöckige Gebäude schmiegt sich ein drittes Kirchenschiff an. Doch das wird heute als Durchgang zur Straße genutzt. Betreten kann man das Gotteshaus über den Glockenturm. Auch die Marienkathedrale, die gleich nebenan liegt und damit genau gegenüber dem Bischofspalast, ist ein kleines Schmuckstück. Sie wurde auf den Überresten einer römischen Therme errichtet.

P1120259Oliven und Feigen kosten

Der Gang durch die Ribarska Straße führt zum Vela Placa, dem Platz vor der Hauptwache. An Markttagen darf man genüsslich zwischen den Ständen schlendern und die heimischen Produkte, von köstlichen Feigen über Oliven bis zu Lavendel schnuppern, kosten und sich damit eindecken.

Über die gut ausgebaute Hauptverkehrsstraße durch das Hügelland der Insel, vorbei an Olivenhainen und Kiefernwäldchen, gelangt man in den Süden, nach Baska. Straßenhändler sitzen am Rand unter dicken Feigenbäumen und bieten Gemüse und Obst feil. Für den schnellen Imbiss oder das Abendessen eine frische Variante. Manch älterer Herr lässt sich vom Versuch der Touristen, ihre Kroatisch-Kenntnisse anzubringen, wenig beeindrucken. Man sollte sich also nicht gleich abschrecken lassen. Die enge Verbindung Istriens und der Kvarner Bucht zu Italien und der k. und k.-Monarchie hat auch hier ihre Spuren hinterlassen: Italienisch hat der Senior eher verstanden als kroatisches Kauderwelsch.

Die wenig bewaldeten Karstfelsen wirken so unwirtlich und vermitteln das Gefühl, mitten in eine Filmkulisse geraten zu sein. Bei Jurandvor wird der Besucher von einem steinernen Wahrzeichen begrüßt, einem Buchstaben des glagolithischen Alphabets. Mitten in der Landschaft zieht dieses Zeichen aus weißem istrischen Kalkstein die Blicke auf sich, das der Künstler Ljubo de Karina geschaffen hat. Das bescheidene Örtchen sollte man aber nicht links liegen lassen, sondern zur Kirche Sv. Licija abbiegen. Im Innern findet sich nicht nur ein bemerkenswerter Stein mit einer glagolithischen Inschrift, sondern am Eingangsturm auch die kroatische Flagge in Stein gemeißelt.

Umrahmt von Karstbergen

Baska in der weitläufigen Bucht wird von weißen Karstbergen umrahmt. Der Badeort, der schon vor über 2000 Jahren von den Illyrern besiedelt worden ist, lässt sich am besten von der Kirche Sv. Istvan, hoch über dem Ortskern überblicken. Ein Friedhof umgibt das Gotteshaus in luftiger Höhe. Wer zu Fuß den schmalen Weg vom Tal hinauf geschafft hat, wird mit einer grandiosen Aussicht auf die Nachbarinseln Rab, Goli Otok und Prvic und zur Küstenlinie des Festlands belohnt.

_DSC0007Kroatien ist bekannt für gute Campingplätze, die gerade für Familien eine breite Palette an Unterhaltung und Entspannung bieten. Wer nach Krk nicht mit eigenem Zelt oder Wohnwagen anreisen möchte, findet in den Anlagen von Camping Adriatic by Valamar vom geräumigen Familienzelt bis zum Mobilheim mit Klimaanlage und Spülmaschine ganz unterschiedliche Möglichkeiten – je nach Geschmack. Wer beides miteinander verbinden will, bucht ein Glampingzelt: Geräumig und mit allem Komfort ausgestattet, vermittelt es dennoch die Atmosphäre des Zeltens. Im fünf Sterne Camping Resort Krk – mit wunderbarem Blick auf die historische Altstadt – steht es direkt neben dem Kiesstrand. So wird man morgens von Möwenkreischen und Wellenplätschern geweckt und kann am Abend perfekt den Sonnenuntergang am Strand genießen. Die neuen Wasserspielplätze und -rutschen der Anlage begeistern nicht nur den Nachwuchs, gleich nebenan sorgt ein Spa-Bereich mit Massage und Beauty für Entspannung bei den Eltern. Animation, Hobbyraum und eine Sportzone sind zusätzliche Annehmlichkeiten auf dem elf Hektar großen Gelände, umgeben von Pinien und Oliven. Nachhaltigkeit wird hier beim Ökocamping großgeschrieben, wo Solarenergie und Elektromobilität verstärkt genutzt werden.

Text und Fotos: Diana Seufert

Spanien: Keine Fiesta ohne Pintchos und Pimientos

Architektonisches Meisterwerk - das Guggenheim in Bilbao von Frank Gehry.Eine Radtour durchs Baskenland von Bilbao bis San Sebastían begeistert Feinschmecker, Kultur- und Naturinteressierte.

Vor gut hundert Jahren, als das Erz die Stadt reich machte, wurden in Balbao prächtige Jugendstil-Häuser gebaut, eine Art-Déco-Markthalle, das modernste Theater Europas. Mit dem industriellen Niedergang mutierte Bilbao zur hässlichsten Stadt Europas.

Vor 20 Jahren dann die wunderbare Wiederauferstehung. Frank O. Gehry erbaute am Ufer des Río Nervíon das Guggenheim-Museum. Ein Gebäude, mal wie ein Fisch, mal wie ein Schiff oder eine geöffnete Blüte, im Schuppenkleid aus Titan. Es folgten Metro, Brücken, Hotels, Flughafen – von Architekten wie Santiago Calatrava und Norman Foster. Die Touristen kehrten zurück, Bilbao ist schön und boomt.

Louise Bourgois Spinnenskluptur 'Mama' vor dem GuggenheimUnd da ist die Altstadt mit den „Siete Callas“, der Kathedrale, der Plaza Unamuno, den Cafés Iruna und Boulevardar. Kulinarisch sind die Basken eh nicht zu toppen: nirgends auf der Welt gibt es mehr Sterneköche auf engstem Raum. Deren Einfälle kopieren die Chefs der  Tapas-Bars – dicht an dicht in der Altstadt -, wo sich bis zum frühen Morgen das feiernde Volk bei leckeren Pinchos, den Tapas, Bier und Sidra drängt.

Die raffinierte Kulinarik, die museale Kultur und die herrliche Natur erfahren die Radler auf der Reise durch die drei baskischen Provinzen Gipuzkoa, Bizkaia und Araba. Per Fahrrad kann ein ganzer Landstrich mit eigener Kraft, selbstgewähltem Tempo und allen sinnlichen Genüssen erlebt werden.

In Portugalete setzt uns die höchste Schwebefähre der Welt, Unesco-Welterbe, über den Nervíon. Familien sind unterwegs, belagern im Badeort Getxo die Tapas-Theken, probieren Häppchen mit Tintenfisch und Knoblauch, Ei und Kräutern, Chorizo und Bacalao (Kabeljau). Wir steigen die Treppen hinauf zum Dorfplatz, sitzen mit unseren Tellern unter schattigen Platanen, die Musik spielt und Künstler preisen ihre Werke an – Biergarten auf Baskisch.

Fahrt über die Römerbrücke von Puente de la ReinaVorbei an der Hauptstadt Vitoria Gasteiz radeln wir am Stausees Umbalse de Ullibarri entlang. Auf 700 Meter müssen wir, der Elektroradler schiebt den Ganghebel in die vierte Dimension und hoch geht’s. Die erste Station auf unserer „Vuelta de Espana“ ist erreicht: wir ‚residieren‘ und speisen fürstlich in einem Renaissance-Palast, heute ein Parador, ein staatlich geführtes Luxushotel. Über die Terrasse schlingern köstlich Düfte von Steaks und gegrilltem Seehecht.

Auf 1020 Meter bringt uns der Begleitbus auf das Hochplateau der Sierra de Urbasa. Es ist kühl, die Windjacke tut gut. Hinab geht’s konzentriert auf welligem Relief; über uns Gänsegeier. Es riecht nach Kiefern, wir rauschen an Buchenwäldern und sattgrünen Adlerfarnen vorbei. Heidekraut blüht, tausende Herbstzeitlose, dazwischen Wildpferde. Findlinge quer überm Weg markieren die Grenze zu Navarra.

Richtung Estella geht der Märchenwald über in leuchtend grüne Wiesen, Holunderbüsche ducken sich, eine Schafherde zieht hügelaufwärts. Am Horizont die Steinabbrüche der Sierra de Santiago de Loquiz.

In und um Estella zeigt sich Navarras Historie: romanische Kirchen, Klöster und Paläste. „Estella la bella“ heißt es bis heute. Man konkurrierte sogar mit den Pilgerstädten Burgos und Pamplona.

In Puenta de la Reina vereinigen sich zwei Jakobswege.Nach langer Abfahrt mit Kiefernduft um die Nase der nächste Höhepunkt: im kleinen Puente de la Reina vereinen sich die beiden Jakobswege Camino Navarro und Camino Aragonés und führen über die sechsbogige Römerbrücke nach Santiago de Compostela. Im Ortskern enge Gassen, stattliche Adelspaläste mit großen Portalen. In der Iglesia de Santiago zieht eine Jakobusskulptur im Pilgergewand die Blicke auf sich.

Die Sonne wärmt, der Wind kühlt, die Fahrt über offenes Hügelland ist ein Vergnügen. Wie eine Fata Morgana sitzt die Wehranlage El Cerco im Dunst über dem Dorf Artajona. Vor dem Anstieg ins Weinparadies um Tudela noch eine Siesta unter Hibiskusbäumen.

Musiker in der ehemaligen Residenzstadt OliteOlite – der kleine Ort mit der großen Burg südlich von Pomplona! Carlos III. ließ um 1600 über einem Meer von Rebstöcken sein Schloss errichten, eine rechte Disneyburg: Türmchen, Wendeltreppen, Wehrgänge und Höfe ineinander verschachtelt, ein riesiges Gewölbe mit hängenden Gärten.

Während die Navarreser draußen zu Ehren ihres Stadtpatrons Stiere durch die Gassen treiben, die Leute singen und tanzen, mundet drinnen in der Burg-Bar ein kräftiger Roter aus der Bodega Ochoa. Zwischen Ritterrüstungen und Wandteppichen wird am Abend bei schwerem, roten Crianza getafelt. Der Speisezettel des Landes: Fisch und Meeresgetier, Wildschwein, Ente und Lamm, Schinken, Schnecken, Schafs- und Ziegenkäse, Gemüse und fangfrische Langusten.

Auf dem Artxueta. In der Ferne das gewaltige Urbasa-Massiv, in der romanischen Kirche der Klosteranlage San Miguel in Excelsis der Altaraufsatz mit den meisterlichen Emaille-Medaillons. Die Abfahrt bei steifer Brise ist nicht ohne, Regen erschwert das Kurven. Gang durch ein urbaskisches Dorf  mit typischen Bruchsteinhäusern. Am Fluss unter  alten Bäumen erwartet uns ein Picknick vom Feinsten: Käse, Salamis, Schinken vom schwarzen Schwein, fois gras mit Pinienkernen, Salate, Weiß-, Rotweine, kühler Cava.

Durchs grüne Valle del Rìo Ezkurra begleiten uns hohe Felswände und das Gemurmel des Flusses. Mit dem Geruch regennasser Erde radeln wir unserer Unterkunft aus dem 18. Jahrhundert entgegen. Die Piementos de Padron, gegrillte grüne Paprikas, bleiben unvergessen.

am Strand des französichen BaskenortesÜber eine lange Kette von Hügeln und Sare mit den weißen Häusern „reiten“ wir ins französische St. Jean de Luz ein, liebster Badeort der Franzosen an der Südwestküste: frische Luft, Strandpromenade, Cafés im Ortskern, baskische Souvenirs.

Der letzte schweißtreibende Tag führt nach Hondarribia. Das Fisch-Menü mit dem kühlen Weißen direkt am Golf von Bizkaya begeistert alle. Zu Fuß erreichen wir den Monte Ulia, die Concha-Bucht mit der Pracht von San Sebastían liegt uns zu Füßen. Gegenüber, vom Monte Urgull, hält Christus seine Hand segnend über die Bucht.

Text und Fotos: Katharina Büttel

Infos

Land und Leute: Das Baskenland liegt im Nordosten Spaniens an der Grenze zu Frankreich. Die reizvolle Costa Vasca bietet Buchten und weite Strände; das Bergland streckt sich bis zum oberen Ebro, Mittelgebirge im Landesinneren. Höchster Gipfel ist der Pico de Aitzgorri mit 1549 m. Die Herkunft der Basken ist bis heute ungeklärt; ihre Sprache, Euskera, noch immer rätselhaft, sie ist mit keiner anderen Sprache verwandt. Die Basken feiern gern, 300 Gäste bei Hochzeiten sind keine Seltenheit. Viel Zeit verbringen sie beim Essen – mehr in den Pintxos-Bars (sprich Pinchos) und Landgasthöfen als zuhause.

Anreise: Eigenanreise z.B. mit der Lufthansa ab Berlin über München nach Bilbao. www.lufthansa.com;  mit der Bahn (lange Fahrtzeit) oder mit dem Auto.

Verkehrsmittel: Fahrräder mit 8 Gängen werden vom Veranstalter gestellt. Ein Elektrorad kostet je nach Reiselänge ca. 145 Euro Miete. Alle Räder sind mit zwei Radtaschen am Hinterrad versehen.

Unterkünfte: Während der gesamten Reise wird in kleineren Häusern mit Flair – meist in historischen Gemäuern – gewohnt.

Essen: Die Küche zählt zu der besten Spaniens, Experten sagen der Welt. Der Ruf der baskischen Köche ist so groß, dass Spitzenrestaurants in Madrid sie anfragen. Der Klassiker unter den Pintxos: tortilla espagnola, Kartoffelomelett. Auch die raciones, ein Teller mit Schinken, Manchego-Käse, gefüllten Paprikas. Spezialität ist der bacalao (Stockfisch) a la Vizacaína mit getrockneten Tomaten und Schinken; Seehechtbäckchen mit grüner Soße u.a. In den sidrerías dreht sich alles um Apfelwein; in den asadores Lamm oder Spanferkel aus dem Holzofen. An den Küsten, aber auch im Landesinneren, haben Fischgerichte höchstes Niveau.. Rosadas de Navarra-Weine sind sehr bekannt, Rioja-Rotweine zählen zur Weltspitze. Feine Weißweine aus der verdejo-Traube kommen aus Rueda.

Reiseliteratur: DUMONT-Reisehandbuch „Nordspanien und der Jakobsweg“ mit großer Faltkarte, 22,99 Euro, www.dumontreise.de

Veranstalter: bei ROTALIS Reisen kostet die 8-tägige (7 Nächte) Rad-Rundtour im DZ 1.750 Euro/Pers./F/A bei eigener Anreise. Das tägliche Picknick kostet inkl. Wein ca. 16 Euro/Pers./Tag. Rotalis bietet Radtouren in fast ganz Europa, Südafrika, Vietnam, Kuba an.

ROTALIS Reisen, A-4780 Schärding; info@rotalis.com; www.rotalis.com

Italien: Turin – viel mehr als nur Fiat

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Wer bei Turin zuerst an Fiat denkt, kommt fünfzehn Jahre zu spät. In der Tat beherrschte Fiat zur Zeit der „Motorblüte“ fünfzig lange Jahre das wirtschaftliche Geschehen. Die 200 000 Mitarbeiter in den Siebzigern schrumpften zu einer Belegschaft von 10 000. Und die Roboter machen sich weiter breiter. Dass sich der Fokus so uneingeschränkt auf Autos konzentrierte, ist erstaunlich. Den barocken Reichtum der Altstadt kennt kaum einer. Dass man 18 Kilometer unter Marmor und Granitverzierten Arkaden sonnengeschützt wandeln kann, steht in keinem Shopping Guide.

bild-2-torino-palazzo-realeBei der Vereinigung Italiens 1861, wurde Turin zur Hauptstadt ernannt.

Abertausend Edle und Günstlinge zog es nach Turin. Allesamt  suchten sie die Nähe von König Viktor Emanuel II. Unversehrt prunken noch heute kilometerweit ihre historischen Palazzi und Residenzen. 14 Lust- und Jagdschlösser reihen sich wie Perlen auf. Der königliche Savoyen Palazzo an der Piazza Castello ist die kostbarste Krönung.
Apropos Perlen: Der Sohn König Umberto I. beschenkte seine streng religiöse Gattin Margherita nach jedem königlichen „Fehltritt“ mit einer Perlenkette. Sechzehn zählte man zuletzt an ihrem stolzen Hals. In einer freundlicheren Legende heißt es, dass anlässlich ihres Besuchs im armen Neapel, ihr zu Ehren ein Gericht kreiert wurde mit den Nationalfarben. Rot die Tomate, grün das Basilikum und weiß der Mozzarella.Die Pizza Margherita.
Kaum bekannt ist, dass sie als glühende Nationalistin den Aufstieg von Benito Mussolini, kurz bekannt als „Duce“, protegiert hatte. Der Ehrlichkeit halber sollte man auch erwähnen, dass Turin das Privileg Königssitz zu sein, schon vier Jahre später an Florenz abgeben musste.

bild-3-torino-palazzo-madamaDie Schönheit Turins schleicht sich langsam ins Herz

Vielleicht liegt es an den vielen autofreien Fußgängerzonen, dass man den Großstadtstress nicht spürt. Oder an der Harmonie der morbiden Farben, den pastellblauen verblichene Fensterläden und kunstvoll verzierten Balkongeländern. Von manchen Dachgärten rankt es grün. Aus brüchigen Mauerritzen sprießen Gräser. Die alten Kandelaber-Gaslaternen hat man gefühlvoll auf warmfarbene LEDs umgerüstet. Die Altstadt wurde schachbrettartig konzipiert, wie New York aufgebaut. Weniger hoch – dafür barock. Die Strassen haben klangvolle Namen wie Via Roma, Via Garibaldi, Via Cavour. Die Alleen nennen sich Corso.
Die Palazzi wie della Republica, Castello, Carlo Emanuele, Solferino beeindrucken durch die Eleganz der Arkaden und der großzügigen, für die Paraden gestalteten Weiten. Die schönste, im 17 Jh. erbaute Piazza San Carlo erinnert an den Markus Platz in Venedig. Es gibt nur weniger Touristen. Und die flatternden Tauben fehlen.

bild-4-caffe-fiorioDas „Turiner-Leben“ kann man wie in Wien in den Kaffeehäusern studieren. Im bekannten Café San Carlo oder das Café Torino kehrten in früheren Epochen Adelige und Politiker ein, um Ränke zu schmieden oder sich einfach nur dem Genuss von „Dolci“ kalorienunbeschwert hinzugeben.
Verzaubernd Italienisch, Sizilianisch wird’s, wenn Samstagabend Luigi schräg gegenüber vom Cafe Torino auf der Parkbank seine Mandola auspackt und vor sich hin zupft. Sein grauhaariger Freund Guiseppe, von Süden und Amore träumend, zu „Santa Lucia“ mit ihm summt.
Vor dem Cafe Torino glänzt ein aus Messing im Boden eingelassen Stier (Toro). Das Symbol der Stadt. Wer sich noch mehr Glück wünscht, sollte nicht versäumen sich darauf zu stellen. Kurz an den speziellen Wunsch denken und sich einmal um den Absatz drehen. Nebenbei, ein Espresso (Italienisch schlicht „il caffè“) passt zu jeder Tages- und Nachzeit. Den gibt es für einen Euro, inklusive charmantem Schwätzchen, im Stehen an der Bar.

bild-5-bicerin Auf Verführung war man in allen Epochen spezialisiert

Das Turiner Traditionsgestränk heißt „Bicerin“ (piemonteisch Gläschen). Heiße Schokolade, Espresso und obenauf Milch/Sahne, alles in einem im Gläschen. Seit 1763 trinken die Damen sonntags nach der Kirche auf der Piazza Consolata im Cafè Al Bicerin dies „Verwöhnungsschlückchen“. Selbst Friedrich Nietzsche und Alexandre Dumas waren zu Gast und sollen sich im Cafe den Morgen versüßt haben.
Auf Schokoladenkreationen und feinste Pralinen ist man besonders stolz. Sie sind und waren ein Teil der Turiner Lebenskunst. Die Haselnüsse wurden zu den besten der Welt gekürt.
Nicht verschämt braucht man Nutella erwähnen. Die Milchhändler der Stadt erzählten, dass der große Konditor, Pietro Ferrero, 1946 seine Kreation einem Missgeschick verdankte. Es handelte sich um Schokolade, die in der Hitze des Schaufenster schmolz und ungewollt zu Nutella zerfloss. Die Nougatcreme wurde einige Jahre später vom Sohn, Michele Ferrero im großen Stil produziert und wird heute auf jeden Frühstückstisch serviert.

bild-6-turin-und-die-alpen165 000 Bäume, davon 30 000 Jahrhunderte alte Platanen sorgen für Schatten und frisches Klima. Ein „grüner Spaziergang“ könnte an der Promenade des Po beginnen.Der längste Fluss Italiens zieht sich wie ein grünes Band durch Turin. Wo einst die Gerbereien, Wäschereien und Dockwerkstätten lagen, beleben heute trendige Bars und Discotheken das Nachtleben. Ab von der Via Murazzi del Po gondeln eineinhalb Kilometer zwei romantische Ausflugsboote Valentina & Valentino und legen am Steg des Borgo Medievale an. Ein Schloss im nostalgischen Stil des 15Jh. erbaut um 1884. In den Museumsräumen wird gezeigt, wie sich das Leben im Mittelalter abspielte. Im Garten drum herum pflanzte man vor einigen Jahren neu, was eine medievale Apotheke an Kräutern, Heilpflanzen, Obst und verträglichem Gemüse brauchte. Und wie einst, für die sinnliche Erbauung, Duftrosen dazu.

bild-7-verliebt-in-turinParco Valentino für Verliebte oder die, die es noch werden möchten

Zirka einen Kilometer vom Stadtkern entfernt, am linken Po-Ufer, liegt Turins beliebtester Landschaftspark. Voller exotischen Bäume., kleinen Bächlein, Steingärten, lauschigen Ecken und romantischen Lauben. Sich einfach in die Wiese legen und nur in die Wolken gucken, öffnet die Sinne. Man riecht den Duft der Akazien süßer, spürt sanfter das Gras schmeicheln und entdeckt die schön geformten Beine der vorbei spazierenden Italienerinnen Müßiggang nannten sie diesen Luxus, der nur den „Edlen“ vorbehalten war. Vielleicht der richtige Moment, um entspannt auf www.turismotorino.org zu gucken. Zu entscheiden, ob das heilige Grabtuch von Turin, das klassische Ägyptische Museum oder das Fussball Juventus-Museum spontan das Richtige wäre. Falls Regentropfen fallen sollten, keine Sorge, die Mole Antonelliana – das Filmmuseum hat nicht nur eine 167m hohe Aussichtsplattform, es ist dafür gemacht einen ganzen Tag interaktiv die Filmwelt zu erleben.

Text: Veronika Zickendraht

 

Lieber Alfa Romeo, statt Fiat? Dann ist dieser Italientext der Richtige für Sie

Italien: Targa Florio – Volksfest mit Motorengebrüll

Trüffel aus dem Piemont gibt es hier:

Italien: Trüffel – das weiße Gold des Piemonts

 

Portugal: Wohin man blickt Azulejos

 

Unterwegs in einem kleinen Land mit großer Geschichte und edlem Wein

P1050466Für viele ist sie die eigentliche Hauptstadt – Porto, die Stadt am Rio Duoro, die dem Land seinen Namen gab, wo der Portwein „erfunden“ wurde. Ihre Kirchen zählen zu den Schönsten, die Museen zu den Modernsten, der alte Bahnhof Estacao de Sao Bento mit seinen 30.000 weißblauen Azulejosfliesen zu den Prächtigsten seiner Art. In der hügeligen Innenstadt, die seit Mitte der 90ger Jahre zum UNESCO Weltkulturerbe gehört und die 2011 Kulturhauptstadt war, bezaubern fantasievolle Jugendstilfassaden. Auf einem Hügel hoch über der Stadt thront die mächtige Kathedrale Sé aus dem 12. Jahrhundert. Von hier geht der Blick über das faszinierende Gewirr der  roten Dachlandschaft tief unten. Weltstädtisch gibt sich die Handelsmetropole in der imposanten Avenida dos Aliado, einer Prachtstraße mit dem markanten Rathaus, Bankpalästen, herrschaftlichen Häusern mit Stuckfassaden und der Reiterstatue Dom Pedro IV. Hier kann man erahnen, wie das alte portugiesische Sprichwort „In Porto wird gearbeitet, in Lissabon gelebt“ entstand. Das Herz der Stadt schlägt jedoch am intensivsten in Ribeira, dem ältesten Stadtviertel am Rio Duoro. Mit seinem Gewirr von winzigen auf- und absteigenden Gassen, Treppen und seinen pastellfarbenen Häusern, den zahlreichen Restaurants und Bars an der Plaza Ribeira versprüht es ein mediteran-südländisches Flair.

P1050476Spektakulär überspannt die doppelstöckige stählerne Ponte Dom Luis I., erbaut von einem Mitarbeiter Gustave Eiffels, den Rio Duoro, auf dem die Barcos Rabelos an die große alte Zeit erinnern, als sie zum Transport der Portofässer dienten. In Vila Nova de Gaia, auf der anderen Flußseite, sind die meisten Portweinkellereien zu finden. Und was wäre Porto ohne den Besuch einer solchen und die Verkostung dieses berühmten Rebensaftes.

Nach der zweitgrößten Stadt Portugals geht es auf kurvenreicher Straße ostwärts in die idyllische Gegend der Weinberge am Duoro-Fluß, die als Weltnaturerbe gepriesen wird. In Arouca, dem kleinen Provinzstädtchen am Fuße der Serra da Freita, werden die Wanderstiefel geschnürt. Durch Kastanien- und Eichenwälder, entlang des lieblichen Tals des  Bestanca-Flusses geht es bergauf bergab. Abseits touristischer Routen und durch historische Schieferdörfer aus grauem Granit, die dank eines umfassenden Programms saniert und wiederbelebt werden. Von der in bunten Farben blühenden Heidelandschaft auf dem Kamm der 900 Meter hohen Serra da Freita geht der Blick hinunter in eine grüne Hügellandschaft mit weit verstreut liegenden weißen Dörfern.

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Universität von Coimbra © Andreas Trepte

Unser nächstes Ziel ist Coimbra, die ehemalige Hauptstadt. Schon aus der Ferne kann man sehen, wie sich die Stadt am nördlichen Ufer des Rio Mondego kontrastreich auftürmt, gekrönt vom Uhrenturm der Universität. Er ist das Wahrzeichen Coimbras und die Universität eine Stadt in der Stadt. Durch die uralte Porta Ferrea gelangt man hinein in den großen rechtwinkligen Universitätsplatz, der an drei Seiten von würdevollen weißen Gebäuden gesäumt wird. Ein ehemaliges Schloss mit Freitreppe führt zum Herz der Alma mater. Schon 1290 gegründet gehört die Universität neben Paris, Salamanca, Bologna und Oxford zu den fünf  ältesten der Welt. Geradezu atemlos macht die Pracht der drei ineinander gehenden riesigen Säle der Biblioteca Joanina mit ihren mehr als 300.000 Büchern, Inkunabeln und Handschriften. Studentisches Leben prägt noch immer das Bild der Stadt. Überall sind die jungen Leute in ihrer Capa e Batina, einem schwarzen bodenlangem Umhang, zu sehen. Besonders am ersten Maiwochenende feiern die 35.000 Studenten den Abschluss des Studienjahres ausgelassen mit einem Festumzug durch die ganze Stadt. Unweit des Universitätskomplexes erheben sich die beiden Kathedralen. Die Sé Velha aus dem 12. Jahrhundert ist eines der bedeutendsten romanischen Bauwerke. Vier Jahrhunderte später wurde die sehenswerte Neue Kathedrale errichtet, in deren ehemaliger großer Sakristei das originellste Cafe der Stadt, das „Cafe Santa Crus“, beliebter Treffpunkt der Studenten und Einheimischen ist. In Coimbra sollte man gut zu Fuß sein. Über rutschigem Kopfsteinpflaster geht es auf und nieder durch winklige Gassen, über steile Treppen, durch mittelalterliche Torbögen. Und überall sind Azulejos gegenwärtig – an Häuserfassaden, in Kirchen innen und außen, in Palästen, auf Wänden und Brunnen, Fußböden und Restaurants. Die weißblauen oder farbigen Fliesen erzählen Geschichten und sind seit Jahrhunderten bezaubernder und kostbarer Schmuck des ganzen Landes.

DSC03425Noch viel älter sind die Kunstwerke, die im 17 Kilometer entfernten Conimbriga, der bedeutendsten römischen Ruinenstadt Portugals, bewundert werden können. Bereits seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. von den Römern besiedelt, entstand hier eine Stadt mit Forum, Tempeln, Thermen und Aquädukt. Nach ihrem Niedergang versandet und  bis heute erst zu 20 Prozent wieder ausgegraben, zeugen die Ruinen vom hohen Lebensstandard dieser eleganten Stadt mit ihren wundervoll erhaltenen großflächigen Mosaikböden.
Weiter südwärts auf den Spuren der Geschichte Portugals nach Batalha. Einem kleinen Städtchen, das mit dem Dominikanerkloster Mosteiro da Batalha das bedeutendste Nationalmonument des Landes beherbergt. Errichtet nach dem Sieg der Schlacht anno 1385 über Kastilien mit der Portugal seine Unabhängigkeit sicherte, ist es steinerner Ausdruck des Nationalstolzes. Die mächtige Klosteranlage in gotisch-manuelinischem Stil beeindruckt mit ihrer überwältigenden Ornamentfülle. Obwohl zwei Jahrhunderte an ihr gebaut wurde, ist sie nie ganz fertig geworden, denn einige Kapellen ragen ohne Dach in den Himmel. Wie Batalha verdankt auch der unweit gelegene winzige Ort Alcobaca seine Entstehung und Ruhm dem  Zisterzienserkloster, das ebenfalls zum Weltkulturerbe gehört. Bereits im 12. Jahrhundert gegründet wird es als das größte und gewaltigste Bauwerk der portogiesischen Gotik gepriesen. Seine Geschichte ist in den ehrwürdigen Hallen durch beeindruckende großflächige Azulejos nachlesbar. Ein besonderer Anziehungspunkt sind auch die Sarkophage des portugiesischen „Romeo-und-Julia-Liebespaares“ Ines de Castro und Dom Pedro I. Weiter geht es nach Obidos, einem mittelalterlichen Juwel mit vollständig erhaltenem Stadtkern. Die wie ein Adlernest auf einem Felsrücken hockende weiße Stadt ist Idylle pur. Beim Rundgang auf der zinnenbewehrten Burgmauer geht der Blick über rote Ziegeldächer bis zu den Türmen der Festung. Ganz schmal sind die kopfsteingepflasterten Gassen, in deren Nischen, Winkeln und Treppchen sich so manches blumengeschmückte Patrizierhaus, zahlreichen Geschäfte, Lädchen und Restaurants verbergen. Hier würde man gern noch etwas verweilen, doch Lissabon wartet.
P1050653„Ein leuchtendes Meer von Häusern, wie Trauben über die Hügel verteilt“, so beschreibt Fernando Pessoa, Portugals berühmter Schriftsteller, sein Lissabon. Der Faszination dieser Stadt, die sich auf mehr als sieben Hügeln und überragt von der wuchtigen Kathedrale ausbreitet, kann sich wohl niemand entziehen. Tief unten, an der breiten Mündung des Tejo, steht Lissabons Wahrzeichen – die Torre de Belem. Von diesem historischen Ort waren einst die Abenteurer in See gestochen, um die Welt zu entdecken. Heute entdecken Besucher hier im Hieronymuskloster ein Meisterwerk manuelinischen Baustils, das mit seinem prächtigen Südportal, filigranen Türmen und dem zweistöckigen Kreuzgang fast orientalisch anmutet. Torre und Kloster sind Schätze des Weltkulturerbes. Lissabon hat zahlreiche grandiose Bauwerke zu bieten, doch sein Charme versteckt sich in einem Labyrinth von Straßen und Gassen, Treppen, lauschigen Plätzen, dem ständigen auf und nieder, seinen immer neuen und überraschenden Aussichten. Die berühmteste Flaniermeile ist die anderthalb Kilometer lange Avenida da Liberdade – ein dicht mit Laubbäumen und Palmen gesäumter Boulevard, an dem sich ein Geschäft an das andere reiht. Für viele Lisboar ist der Rossio mit dem Standbild für Dom Pedro IV. der schönste Platz – umgeben von Cafes und mit seinem herrlichen schwarzweißen wellenförmigen Straßenpflaster. Sehenswert ist auch der Elevator de Santa Justa, ein uriger gusseiserner Fahrstuhlturm mit Cafe unter freiem Himmel, der minutenschnell die Innenstadt mit dem oberen Viertel Bairro Alto verbindet. Dort hinauf rumpelt auch die „electrico“, eine nostalgische sonnengelbe Straßenbahn. In abenteuerlichen Haarnadelkurven, rasanten Auf- und Abfahrten schafft sie es bis in die Alfama, das pittoreske älteste Stadtviertel mit dem Castelo de Sao Jorge, wo Lissabon 1255 zur Hauptstadt erklärt wurde.

Nur 25 Kilometer von der Metropole entfernt – und seit 1995 UNESCO Kulturlandschaft und Weltkulturerbe – liegt Sintra. Eine üppig grüne Bergwelt mit Maurenburg und Pena-Palast, einem portugiesischen „Neuschwanstein“. Das romantische Städtchen mit Herrenhäusern und Palästen ist ein magischer Ort, der lange im Gedächtnis bleibt.

Text und Fotos: Christel Seiffert

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Portugal: Porto – Portugals Schönste

Bild 1TitelfotoFalls Sie Lissabon schon kennen, kommen Sie nach Porto, der zweitgrößten Stadt Portugals. Sie ist wahrlich nicht die zweite Wahl. Die koloniale Vergangenheit ist auf jeder bemalten Majolika-Kachel präsent. Was rein urbane Reize anbelangt, setzt Porto Lissabon sogar noch eins drauf. 1996 wurde die Altstadt zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt.

Detailverliebte Historiker diskutieren, ob die Altstadt eine der anziehendsten Metropolen Europas sei. Vielleicht sogar eine der reizvollsten der Welt? Jedes reichlich verzierte Balkongeländer ist ein Unikat. Die würdigen Edelholz-Portale der Handelshäuser eine Machtdemonstration.
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Die blau weiß gekachelten Fayencewände aus der Hochkultur der Araberzeit erzählen von der Macht und den Dramen der Großen, damals wie heute dem kleinen Volk. Wer den Bahnhof Sáo Bento besucht, braucht kein Geschichtsbuch aufschlagen. Die gesamte Halle ist ein bebildertes Monument. Wer nicht lesen kann, kann sehen. Wer sich getraut, mit offenen Mund zu staunen, wird von gleicher Berührung gepackt, die Neuankömmlingen über Jahrhunderte ein tief gezogenes Ohhhh….. entlockte.

Zu den „must to see“ zählen die Kathedrale von Porto, der Bischofspalast, die Residenz des Infanten, der Vitória-Hügel und der Torre dos Clérigos, mit seinen stolzen 76 Metern.

1896 baute man den schönsten Buchladen der Welt.

Bild 3 Buchladen TreppeDer Buchhandlung Lello e Irmão (deutsch: Buchhandlung Lello und Bruder).wird ein Einfluss auf die Harry-Potter-Welt nachgesagt. Die Autorin Joanne K. Rowling lebte Anfang der 1990er Jahre einige Zeit in Porto, lehrte Englisch und soll sich auch in der Buchhandlung Lello aufgehalten haben. Zentral im Gebäude ist die rote Wendeltreppe, die sich in den Romanen spiegelt. Das Büchersortiment ist breit und International. Kein Tag soll vergehen, an dem weniger als 1500 Besucher kommen. Der Geschäftserfolg liegt heute an den 3 Euro Eintrittspreisen, der fair beim Kauf von Büchern und Postkarten vergütet wird.

 

In der Rua das flores träumt man wieder und macht Soap-Operas daraus
Eine Straße, die Anfang des 16 Jahrhunderts erbaut wurde, und in der vorerst nur Adeligen der Zutritt gewährt wurde. Bis sich dann die bürgerliche Bevölkerung vordrängte und die Geschäftigkeit zu blühen brachte. In den letzten Jahren gab es ein Comeback mit kleinen feinen Geschäften. Die damaligen Werkstätten der Kesselschmiede, Schuhmacher und Schlosser haben Gourmet-, Schokoladen-, Glasbläser-Läden Platz gemacht. Korkprodukte und vielen andere kleine kuriose handgemachte portugiesische Feinheiten zeigen, wie innovativ man ist. Die Szene der Straßenkünstler wächst. Die Kreativen haben hier ihr Zuhause gefunden. Der Mix von fein restauriert und noch auf Wiederbelebung wartenden Häusern hat eine besondere Anziehung. Ein Flair von Neubeginn, der nicht vom großen Kommerz der großen Ketten gestreift wird.

Triefender Reichtum
In der Tat hatte Portugal, dank der Kolonien, einen Gold- und Silberrausch. Die koloniale Ausbeutung ist an barocken Kirchenaltären, buchstäblich in Form von dick aufgetragenem Plattgold, hängen geblieben. Strenge Hierarchien bestimmten den sozialen Umgang. Deshalb ist die Franziskus-Kirche dreigeteilt. Die reiche Seite für die Adeligen und später für die Bürgerlichen. Die linke Seite fürs Volk. Bis dann ein Gesetz aufkam. Zwei Kirchen durften nicht aneinander grenzen. Ob aus Gründen um mit den Armen nicht auf Tuchfühlung zu kommen oder ein Hauch von puritanischer Christlichkeit wehte, man weiß es nicht. Wie man den Fall gelöst hat, ist kurios. Man baute eine schmale eiserne Tür dazwischen. Ein Feigenblatt, das symbolisierte, da wäre noch Raum dazwischen.

Bild4 AltstadtZimmer zu vermieten steht in der Altstadt an allen Ecken
Halbverfallene reichverzierte Herrenhäuser stehen leer und wirken Abbruchgefährdet. Der Grund: Bis in die achtziger Jahre gab es ein Gesetz von Miete auf Lebenszeit. 100 m² Meter für 10,- Euro oder ähnlich. Heute werden die Häuser hochpreisig angeboten und zu Wohn-Juwelen, handwerklich perfekt restauriert. Zudem kann man sich Porto leisten. Wann haben Sie den letzten Espresso unter einem Euro getrunken? In den Seitenstraßen von Porto eine Normalität.

Die Stadt Porto ist Namensgeber für das Land
Portus cale heißt lateinisch „ruhiger Hafen“. Bereits in der Spätbronzezeit (8. Jh. v. Chr.) baute man die ersten Siedlungen entlang des Flusses Douro. Schon damals gab es Schiffsverkehr bis ins Mittelmeer. Heinrich der Seefahrer ist einer der berühmtesten Söhne Portos. Von den Römern übernahm man den Weinanbau. 1654 ließen sich die ersten Engländer in Porto nieder und lehrten die Kelterei des süßen Portweins. Sie machten mit ihrer Monopolstellung blendende Geschäfte .Ein süffigen Stoff, der später sogar mit Brandy verschnitten wurde. Und der bei einem Glas zu viel für einen fürchterlichen Rausch und noch grimmigeren Kater sorgte.

Bild5 TramStadt-& Strandferien
Wenn sie es irgendwie einrichten können, bleiben sie länger. Wie in Lissabon gondeln auch in Porto die Straßenbahnen quietschend durch die kurvigen Altstadt Straßen. Nehmen Sie die Tram Nr.1 an der heiligen Franziskuskirche, oder die Tram Nr.18 an der Karmeliterkirche und fahren Sie bis zur Mündung des Douro in den Atlantik. An die Foz-Mündung, wo der Sand weiß ist und in Cafes wie im Praia da Luz die Meeresluft und der Ausblick auf den Atlantik beleben. Die Wassertemperaturen sind bescheiden. Man schwimmt bei 18-22 Grad. Die frische Brise vom Atlantik ist im Hochsommer sehr geschätzt. Für den Rückweg in den Altstadt Stadtkerns Ribeira braucht man etwa 45 Minuten. Entspannt immer am Südufer der Promenade entlang, vorbei Portwein Kellern- und Lagerhäusern. Noch immer schaukeln im Duoro die alten bemalten Portwein Kähne vor sich hin. Mit einem aufgespannten Sonnenschirmchen könnte man meinen, man wäre dreihundert Jahre früher dran.

Bild6 BarsDonnerstag-Freitag-Samstagnacht bleibt keiner allein
Lernen Sie nur einen Satz, und man wird den Arm um Sie legen. Boa noite, tudo Bem? (Guten Abend, wie geht’s?). Die Ausgehmeile von Porto ist die Galerias de P.aris. Zu empfehlen sind die Bars Prassa, Pitch, Casa do Livro, Fé, Radio, GinClub und Rend vouz. Genau genommen spielt sich das Leben vor der Tür ab. Sobald das Wetter lau wird, geht man vors Lokal. Die Straße war für die Portugiesen schon immer das „soziale Wohnzimmer“. Die Bars sind schick, aber die Anziehungskraft liegt bei den Gästen. Kaumwo kommt man schneller in Kontakt. Es könnte sei, dass Sie mehr Einladungen bekommen, als sie annehmen können. Wenn Sie nach Hause eingeladen werden, könnte es einfach sein, dass man Sie bekochen möchte. Portugiesische Herzen sind für jeden weit. Fremd bleibt man nur, falls man dies wünscht.

Text: Veronika Zickendraht, Fotos: Vist Porto

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Oder hier:

Portugal: Zum Seele-Baumeln nach Madeira

 

Spanien/Mallorca: Zeit für Palmas stille Seiten

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Wer bislang nur Mallorca im Sommer kennt, sollte auch mal in der Nebensaison hier landen, um ganz neue Seiten der Baleareninsel zu entdecken.
Ein typisch mallorquinischer Tag zu kühleren Jahreszeiten kann so aussehen: Man sitzt in einem der hübschen Cafés auf der Plaza Major und liest in aller Ruhe Zeitung. Bei Sonnenschein, strahlend blauem Himmel und milden 15 Grad. Gerade eben wird der „Cortado“ – ein Milchkaffee im Glas – serviert. Später bricht man zum Stadtbummel auf, schlendert durch schmale Gassen, überquert kleine Plätze und steuert früher oder später die Avinguda Rey Jaume III an, die Top-Einkaufsmeile der Stadt.

K1024_Palza Palma 6Hier locken die Auslagen von Nobelboutiquen und Juweliergeschäften. Auffällig ist die große Zahl der Schuhläden. In den Vitrinen ziehen edle Stiefel, ausgefallene Pumps und klassische Herrenschuhe alle Blicke auf sich. Kein Wunder, Mallorca ist seit Jahrhunderten die Insel der Lederspezialisten. Die Schuhdesigner der Insel bereichern die internationale Schuhmode immer wieder mit einem „letzten Schrei“. So schneiden die mallorquinischen Schuhmacher seit vielen Jahrzehnten alte Autoreifen als Material für die Gummiprofile der „Mallorcasandalen“ zurecht. Irgendwann haben Fashionscouts das Schuhwerk mit den dicken Gummisohlen entdeckt – und plötzlich liefen Modefreaks in Mailand, Paris und New York damit herum.

K1024_Paprikakiosk 6Pause in einer der vielen Tapasbars: Viel besser als überteuerte Touristenmenüs sind die herzhaften Kleinigkeiten, etwa Queso: Manchego, Mahón und Piris gehören zu Spaniens Käseköstlichkeiten. Dazu schwarze Oliven, frisches Brot und ein paar Scheiben Jamón, luftgetrockneter Schinken. Wenn ein Kaffee genügt, bietet sich ein Abstecher zum Passeig Maritimo an – Palmas Promenade mit einem tollen Blick über den imposanten Jachthafen.
Es regnet- na und?
An kühlen Regentagen lenken die Wellnessangebote der Hotels ab. 5-Sterne Häuser mit umfangreichen Programmen gibt es auf der Baleareninsel in großer Zahl. Gerade mal neun Kilometer von Palma entfernt liegt das „Mardavall Hotel & Spa“, das in puncto Wellness zu den führenden Häusern der Insel gehört. Der Spa-Bereich erstreckt sich über sagenhafte 4700 Quadratmeter, die Palette der Anwendungen reicht von Thalasso bis zur Traditionellen Chinesischen Medizin.

Aber auch Urlauber, die in schlichteren Pensionen oder Hotels Quartier bezogen haben, können sich in der Inselhauptstadt von Kopf bis Fuß verwöhnen lassen. Palmas neues Day Spa lockt mit einem umfangreichen Wohlfühl-Angebot: Sauna, Solarium und Pool, Hot-Stone- und Hydromassagen und sogar ein Türkisches Bad sorgen
Kulturprogramm
Palmas Museen sind es ebenfalls wert, dass man ihnen den einen oder anderen Urlaubstag widmet. Das Museu de Mallorca zum Beispiel, wo Interessantes über die jahrtausendealte Zivilisationsgeschichte der Insel zu erfahren ist. Oder die Fundación Juan March. Das Haus präsentiert zeitgenössische spanische Kunst und die Werke der ganz Großen: Picasso und Miró. Palmas Kathedrale La Seu hat es ebenfalls verdient, dass sich Inselbesucher reichlich Zeit für sie nehmen.

K1024_Kathedrale Mallorca 6Der spanische König Jaume I. ließ das mächtige Gotteshaus zu Beginn des 13. Jahrhunderts errichten, nachdem ein Bündnis christlicher Könige die islamischen Maurenherrscher aus diesem Teil Spaniens vertrieben hatte. Große Baumeister haben im Laufe der Jahrhunderte ihre Spuren in La Seu hinterlassen. Portale, Altar und Taufkapelle im Stil ihrer Zeit gestaltet. Die Restaurierungsarbeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden von Spaniens großem Architekten Antoni Gaudì geleitet. Die baulichen Veränderungen im Innenraum waren einschneidend und verblüffend modern. Der damalige Bischof von Palma muss – zumindest in ästhetischen Fragen – ein Avantgardist gewesen sein.

An hohen Festtagen können Palmas Gottesdienstbesucher mit illustren Gästen rechnen. Die königliche Familie kommt öfter mal auf die Baleareninsel und besucht dann selbstverständlich die Messe in La Seu.

Text: Susanne Kilimann
Fotos: Rasso Knoller

Mit 6237 Fotos in fünf Minuten um die Welt

Kien Lam war 343 Tage unterwegs, hat 17 Länder besucht und 6237 Fotos gemacht. Schauen Sie sich die Höhepunkte seiner Reise  in knapp fünf Minuten an.

Griechenland: Spinalonga – Die Insel des Todes

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Die Leprakranken haben Spinalonga bei Kreta längst verlassen

Als Annika Zeferis und Alan Haldane zum ersten Mal ihr neues Boot ausprobieren, wählen sie den Weg rund um die Insel Spinalonga. Die gute Stimmung verfliegt, als Annika zwei Falken entdeckt, die über dem venezianischen Kastell ihre Kreise drehen. Ihr schaudert. „Spinalonga beunruhigt Dich?“ fragt Haldane, „das ist doch nur eine alte Lepra-Kolonie.“ Annika schüttelt den Kopf: „Es ist ein Platz des Todes.“ Und wieder schauderte ihr.

Der Dialog ist eine Schlüsselszene einer Fernsehserie, die vor Jahrzehnten in Großbritannien zum Straßenfeger wurde. Wenn sie lief, lief nichts mehr zwischen Dover und Land’s End. Die Manager der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr in London und Athen rieben sich die Hände. Denn die Fernsehserie „Wo Pays the Ferryman?“ spielte auf Kreta und spülte eine Unmenge britischer Touristen auf die Insel, die mit eigenen Augen sehen wollten, wo Annika, die Griechin, und Haldane, der Brite, um ihr Glück kämpften. Der Titel des Films spielt auf den Fährmann Charon an, der in der griechischen Mythologie in der Unterwelt die Toten über den Fluss Acheron bringt und dafür Geld fordert. Im Archäologischen Museum von Agios Nikolaos, nicht weit von Spinalonga entfernt, ist ein antiker Schädel ausgestellt, der zwischen den Zähnen eine Silbermünze trägt – Lohn für den Fährmann.

Spinalonga gibt es zweimal

Eigentlich gibt es Spinalonga in der weiten Bucht des Ferienortes Elounda an Kretas Nordostküste gleich zweimal. Zum einen das kleine Eiland, das heute als Ausflugsziel unter diesem Namen bekannt ist und von den Griechen auch Kalidona genannt wird. Zum anderen die benachbarte große Halbinsel gleichen Namens. Die Venezianer waren es, die letztere „Spina longa“ nannten, „langer Dorn“. Wesentlich früher als die Herrschaft der Venezianer über Kreta lag die Blütezeit der Halbinsel, die mit dem Festland durch einen Damm verbunden ist. Hier lag in klassisch-griechischer Zeit die Stadt Oulos, die heute im Wasser versunken ist. Aber ihre Reste sind vom Land aus gut zu erkennen.

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Das Eiland Spinalonga dürfte wohl durch einen Vulkanausbruch von der Halbinsel getrennt worden sein. Seine strategische Bedeutung wurde von den Venezianern erst 375 Jahre, nachdem sie Kreta erobert bzw. buchstäblich erkauft hatten, erkannt. Erst 1579 besiedelten sie die Insel und errichteten dort eine Festung – bestes venezianisches Festungshandwerk wie an so vielen Stellen auf Kreta, das über vier Jahrhunderte ohne nennenswerte Schäden überstand. Die Venezianer ließen sich auch etwas einfallen, um den schwächsten Punkt der Insel zu umgehen: Auf Spinalonga gab und gibt es keine Brunnen. So versahen sie die Hausdächer mit Wasserscheiden und sammelten das Regenwasser in großen Zisternen. Sie sind heute noch zu sehen.

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Niemand weiß, ob es die Furcht vor dem mit 35 Kanonen ausgestatteten Bollwerk war oder pure Nachlässigkeit: Die Insel wurde von den Türken erst besetzt, als es für sie auf Kreta seit Jahrzehnten nichts mehr zu erobern gab: 1715. Zum Vergleich: Heraklion fiel nach 20-jähriger Belagerung bereits 1669. Über 1000 türkische Familie machten es sich in den Häusern der Venezianer bequem. Mit der Idylle war es vorbei, als Kreta 1889 einen autonomen Status erhielt. 1903 beschloss die Inselregierung, Spinalonga zur Leprakolonie zu machen. Kranke aus ganz Griechenland wurden hierher gebracht, die bis dahin als Ausgestoßene völlig isoliert in Erdlöchern, Höhlen oder primitiven Hütten gelebt hatten. Es gab für sie keine Arbeit und keine medizinische Versorgung.

Geborgenheit in der Gruppe

Auf Spinalonga dagegen fanden sie die Geborgenheit in einer Gruppe. Zwar mussten sie auch hier jahrzehntelang ohne Arzt auskommen, und Wasser und Essen wurde nur unregelmäßig vom Festland herübergebracht. Aber dieses karge Leben musste ihnen lebenswerter vorkommen als das als Aussätzige fernab der dörflichen Gemeinschaft. Eine solche schufen sie sich auf der nur 440 Meter langen und 250 Meter breiten Insel. Paläste aus venezianischer Zeit wurden als Krankenhäuser genutzt, die kleineren Baute zu Wohnhäusern und Geschäften ausgebaut. Schließlich gab es auf Spinalonga Tavernen, eine Kirche, eine Theatergruppe und eine eigene Zeitung. Der schriftstellernde Soldat Erhart Kästner („Kreta“) besuchte die Insel im Zweiten Weltkrieg und stellte fest: „Die Kranken haben sich im Alten zurechtgenistet. Es hat sich so etwas wie ein Dorf in der alten Festung entwickelt, eine Gemeinde, die für sich dahinlebt.“

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Das Leben in der Leprakolonie war seit den 30iger Jahren leichter geworden. Die Regierung ließ elektrisches Licht installieren, baute Labors und ein regelrechtes Krankenhaus. Jetzt kamen regelmäßig Ärzte auf die Insel, um die Kranken zu betreuen. 1948 wurden die zweistöckigen Wohnblöcke errichtet, die Besucher heute noch sehen. Sie wirken wie Fremdkörper zwischen venezianischen und türkischen Bauresten.

Neuer Hype mit Hislop

Die letzten Leprakranken verließen die Insel 1957 und wurden in ein Athener Krankenhaus gebracht. Seitdem ist Spinalonga unbewohnt. Die Gebäude verfallen, aber einige sind bemerkenswert gut erhalten. An einigen Stellen wirken die schmalen Gassen der Insel so, als wären die Bewohner erst kürzlich fortgezogen. Bei gutem Wetter erwacht die Insel zu neuem Leben. Hunderte von Ausflüglern, die von Agios Nikolaos mit großen Ausflugsbooten anreisen, durchstreifen die Gassen, blicken in alte Handwerksläden und bewundern die von wild wachsenden Pflanzen überwucherten Festungsbauten. In den letzten Jahren sind auch viele Griechen unter den Ausflüglern. Denn war es ein paar Jahre ruhig geworden um die Leprainsel, entfachte der Roman „The Island“ von Victoria Hislop, der auf Spinalonga spielte einen neuen Ansturm. Das Buch wurde in 20 Sprachen übersetzt und ist auch auf Deutsch mit dem Titel „Insel der Vergessenen“ erschienen. Seitdem das griechische Fernsehen die Geschichte der Britin Alexis Fielding , die die Wurzeln ihrer griechischen Mutter sucht, in 26 Folgen verfilmte, interessiert sich auch fast jeder Grieche für Spinalonga.

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Wer allerdings die verwunschene Insel auf eigene Faust entdecken möchte, sollte die großen Ausflugschiffe meiden. Er findet im kleinen Ort Plaka, der Spinalonga genau gegenüber liegt und fast nur einen Steinwurf weit entfernt ist, ein Motorboot und einen Ex-Fischer, der ihn hinüberbringt. In früheren Jahren musste man suchen und fast betteln, um einen Bootsführer zu finden, was natürlich die Preise in die Höhe trieb. Heute haben die Männer von Plaka aus der Krise ihre Lehre gezogen: Sie haben eine Genossenschaft gegründet und verkaufen Tickets zu Einheitspreisen, wobei sich die Verkäufer nach einem festen Plan abwechseln. Nur alleine und nicht in lärmenden Gruppen lässt sich die Atmosphäre der Insel erfassen. Für den, der allein durch das Geisterdorf schlendert, wird der Tod begreifbarer als auf irgendeinem Friedhof. Bei der Rückfahrt lassen vielleicht auch ihn die Falken, die über der Festung kreisen, schaudern. Und er ist froh, dass der Fährmann nicht Charon heißt, sondern Nikos, Jannis oder Kostas.

Text und Fotos: Horst Schwartz

 

Portugal: Die Azoren – Vulkane, Wetterkapriolen und Wanderlust

Azoren_Das Innenleben des Kraters erkunden auf Corvo_Ines Klima

Das Kraterinnere auf Corvo

Sie haben sich durch den Wetterbericht einen Namen gemacht und sind auch unter Seglern ein Begriff. Die neun Inseln der Azoren ragen 1500 km von Portugal und 3500 km von der amerikanischen Küste entfernt aus dem Atlantik – vulkanisch, grün, still und von unbeschreiblichem Zauber.

Unter uns das rauschende Rollen des Atlantiks, vor uns der Wanderpfad am wirklich aüßersten Ende Europas. Wir sind auf der Insel Flores, die westlichste der Azoren-Inseln, die niederschlagreichste, die grünste. „Wir gehen heute die Traumvariante von Norden nach Süden,“ Oliver ist unser Azorenbegleiter für die nächsten zwei Wochen und strahlt. „Das geht nur bei trockenem Wetter, wenn es nicht zu glitschig ist.“ Und bald wissen wir auch, warum. Bis zu 200 Meter tief fallen die überwucherten Klippen ins Meer. Der Saumpfad zwischen Ponta Delgada und Faja Grande ist so etwas wie ein Pflichtprogramm für Azoren-Wanderer.

Rund 10 km Länge hat der ehemals einzige Verbindungsweg vom Norden in den Süden der Insel, am Anfang Hortensien-gesäumt und sattgrüne Weiden durchquerend, später hoch über türkisblauem Meer. Über uns ragen die üppig bewachsenen Hänge steil in den Himmel, bis zu 700 Meter über Meeresniveau, immer wieder durchziehen Rinnsale den Weg. Mit einem Auge also jeden Tritt kontrollieren, mit dem anderen auf das unendliche Meer schauen. Ein Blick in die Weiten des Atlantiks, wir sind hier 2000 km von Europa und rund 3000 von der amerikanischen Küste entfernt. Und weil heute die Sicht so gut ist, zeigt sich auch der absolut westlichste Punkt von Europa, die winzige vorgelagerte Insel „Ilheu de Monchique“.

„Und wenn man jetzt eine gerade Linie nach Norden zieht, wo würden wir dann herauskommen?“ Wir haben wieder einmal in Geografie nicht aufgepasst. „An der Ostküste Grönlands“. Oliver liebt solche Fragen und „seine Azoren“. Vor einigen Jahren ist er aus Österreich hierher gekommen und will nie mehr woanders leben, er ist dem Zauber der Inseln erlegen. Zwischen Papyrus, Girlandenblumen, Lorbeerbäumen und Riesenhahnenfuß schlängelt sich der letzte Teil des Weges am Bergrücken über dem Atlantik dahin.

Azoren_Wir sind die einzigen Wanderer entlang dieser Route auf Sao Jorge_Ines Klima

Wandern auf Sao Jorge

Nach rund drei Stunden Gehzeit taucht die Kirche von Ponta de Faja vor unseren Augen auf, ein leuchtend weißer Akzent im Grün der Wiesen. Das Azorentief ist heute (welch ein Glück!) wo anders zu Gast. Faja Grande, der westlichste Ort Europas, heißt uns im sanften Abendlicht mit den letzten Strahlen der Sonne willkommen. Ein Esel und ein paar Kühe säumen den Weg zum Abendessen im einzigen Restaurant des Ortes (200 Einwohner), dort wartet ein typisches Gericht auf uns – der Bacalhau (Stockfisch), von dem man auf den Azoren mehr als 100 Zubereitungsarten kennt.

Corvo ist ein Krater mit Stadt

Am nächsten Tag schon wieder Wetter-Glück, beim Frühstück reißt es auf und im Nordosten ist die Nachbarinsel von Flores zu sehen. Corvo ist die kleinste der Azoren-Inseln und hat so ihre Eigenheiten. Sie besteht erstens praktisch nur aus einem Vulkan mit riesigem Krater und ist zweitens nur bei relativ ruhigem Seegang zu erreichen. „Optimales Wetter heute.“ Carlos, unser Bootsmann zwinkert uns aufmunternd zu und so genau wissen wir noch nicht, was er damit meint. Wasserfest gekleidet und mit Rettungsjacken versehen sitzen wir im 20-Mann-Boot, die Finger festgekrallt am Haltegriff, doch nach kurzer Zeit legt sich die Anspannung und wir schippern durch die leichte Brise. Hin und wieder ein paar Gischtspritzer, Carlos hat alles im Griff und in einem perfekten Tanz mit den Wellen bringt er uns 25 km nach Vila Nova do Corvo.

Das ist die Haupstadt der Insel und zugleich auch der einzige Ort der Insel (mit gezählten 490 Einwohnern). Die einzige Straße bringt es auf stattliche sieben Kilometer Länge. Das reicht, denn am Ende der Straße wartet der „Caldeirao“, der übermächtige Riesenkrater mit seinem grünen Schlund, in den man hinabsteigen kann zu den schillernden Kraterseen. „En la terra e nao en la luna“ (Auf der Erde und nicht auf dem Mond), so wird der Riesenkrater von Corvo (rund 3,5 km Umfang) beschrieben. Beim Abstieg in den Kratergrund ziehen Sonne und Wolken über den Krater und setzen Lichtakzente in die grünen Moose, Gräser und Flechten. Staunend beobachten wir das Schauspiel, so schön, dass es fast unwirklich erscheint.

Azoren_Zufriedene Kühe auf Flores, im Hintergrund die Nachbarinsel Corvo_Ines Klima

Zufriedene Kühe auf Flores, im Hintergrund die Nachbarinsel Corvo

Rund 200 Höhenmeter geht es bergab zu den fünf Vulkanseen, vorbei an weidenden Kühen und einzelnen Felsblöcken. Wenn das Kameraklicken unserer Gruppe den Highlight-Faktor wiedergibt, dann liegt dieser Krater gut im Rennen. Wieviele Fotos muss man eigentlich machen, um diesen Anblick festzuhalten? Am besten die Augen schließen und für immer ins Gedächtnis brennen. Der Wolkenkranz am Haupt des Caldeirao sitzt auch heute fest und beim Aufstieg bekommen wir ein weiteres Krater-Phänomen zu spüren – der Wind jagt mit rund 80 Stundenkilometern über den Rand hinweg. Auf den Azoren sind Wind und Wetterwechsel allgegenwärtig, die archaische Kraft der Natur und ihre Schönheit sind selten so intensiv zu spüren wie hier auf den Inseln. Corvo ist nicht nur die nördlichste, sondern auch die kleinste der Azoren-Inseln, geboren aus einem einzigen Vulkan, der vor zwei Millionen Jahren das letzte Mal aktiv war.

Der höchste Berg von Portugal – eine launische Diva

Oliver, unser Wanderführer, ist zufrieden. „Für morgen ist gutes Wetter angesagt, ganz so wie wir es brauchen – für den Pico“. Wir sind inzwischen auf der Insel Pico angekommen und am Abend zeigt sich der gleichnamige Gipfel von seiner besten Seite. Am nächsten Tag werden wir den höchsten Berg Portugals erklimmen. 2351 Meter ragt er über dem Meer auf, eine imposante Erscheinung auf der gebirgigen Insel. Seine Flanken reichen bis weit ans Meer hinunter und auch am nächsten Morgen bei der Anfahrt zeigt uns der Pico sein schönstes Lächeln – an seinen Schultern trägt er einen Wolkenflausch wie eine Stola. „So schön und klar hab ich den Pico noch selten gesehen“, Oliver ist guter Dinge und wir sind früh dran, der prognostizierte Schlechtwettereinbruch am späten Nachmittag ist in weiter Ferne. Im neuen Schutzhaus auf 1225 Metern (Casa da Montanha) herrscht um neun Uhr Himalaya-Atmosphäre.

Wir Pico-Besteiger müssen uns (mit Passnummer) in eine Liste eintragen, letzte Kontrollen von Oliver – genug zu Trinken und zu Essen, gute Schuhe, Kleidung zum Wechseln, Stöcke. Kondition und Bergtauglichkeit hat er bei den anderen Wanderungen schon (unauffällig) gecheckt – immerhin sind mehr als 1000 Höhenmeter zu bewältigen, auf teils losem Vulkangestein. Wir sind mit GPS ausgerüstet, nur für den Fall, also alles ok. Und dass wir mit einem leichten Wolkendunst losgehen ist auf dieser Höhe auch ganz normal. „Oberhell“ lautet die fachgemäße Devise unserer Gruppe, als wir später in ein Wolkenband eintauchen, „spätestens am Krater scheint dann wieder die Sonne“. Nicht nur ich bin felsenfest von dieser Theorie überzeugt, auch Barometer und Satellitenwetter waren dieser Meinung.

Azoren_Traumhafte Wanderpfade mit Blick auf die Fajas, Sao Jorge_InesKlima

Traumhafte Wanderpfade mit Blick auf die Fajas, Sao Jorge

Wie es der unberechenbare „Pico“ dann geschafft hat, innerhalb von kürzester Zeit sein sonniges Antlitz zu verdunkeln, ist eine dieser aufregenden Azoren-Geschichten. Innerhalb kürzester Zeit brauen sich graphitgraue Wolken über uns zusammen. Regengüsse von oben, unten, hinten und vorne zugleich, Windböen aus allen Richtungen – auf 2150 Metern war jedenfalls Schluss mit der Tour. Die Temperatur abrupt gesunken, Kraterrand und Gipfel in einem Gemisch aus Regen, Nebel, Wolken verschwunden. Azorentiefgebräu in Reinkultur und wir mittendrin. Unsere wasserfeste Kleidung hat da wohl etwas missverstanden, sie klebt nun direkt an der Haut und regnet es mich jetzt von innen heraus an oder fühlt sich das nur so an?

Im Gänsemarsch folgen wir Oliver zurück zum Schutzhaus, er ist azoreanisch geeicht, bewahrt Ruhe, sieht die Markierungspfosten (auch im Nebel), reicht uns die Hand an nunmehr rutschigen Abstiegsstellen und im Schutzhaus angekommen fühlt sich der Wetterumschwung gleich wieder halb so schlimm an. Immerhin haben wir die Kraterhöhe erreicht, den Pico gesehen (bei der Anfahrt!) und zurück in unserem Ort Lajes (rund 20 km entfernt) scheint schon wieder die Sonne, als wäre nichts geschehen.

Vielfalt am Ende Europas

Wir sind verwundert und beeindruckt zugleich, die Intensität und die Vielfalt der Natur auf den Azoren ist unvergleichlich. Dank Oliver können wir mittlerweile nicht nur Girlandenblumen, japanische Sicheltannen, Baumheide und den krausblättrigen Klebsamen voneinander unterscheiden, sondern sind auch kulinarisch in den Variantenreichtum der Inseln eingedrungen. Fische (Thunfisch, Drückerfisch, Zackenbarsch, Haifisch, Degenfisch), Herzmuscheln und „Lapas“ (Napfschnecken“) werden verkostet und natürlich der Klassiker der Hauptinsel Sao Miguel – der „Cozido das Furnas“. Nie gehört? Es handelt sich dabei um eine Spezialität, die den rauchenden heißen Quellen von Furnas entsteigt.

Azoren_Stromsparend  kochen im Cozido auf der Insel Sao Miguel_Ines Klima

Stromsparend kochen im Cozido auf der Insel Sao Miguel

Ein Eintopf aus diversen Fleisch- und Gemüsesorten, der sechs Stunden lang in einem Erdloch mit Vulkanhitze gegart wird. Den Cuzido gibt es nur in Furnas, ein eigener Gemeindebediensteter bewacht die versenkten Töpfe, damit jeder auch seinen richtigen zurückbekommt. Wenn es was Besonderes zu feiern gibt, kommt die Familie nach Furnas und versenkt einen Topf fürs Festmahl. „Als mein Onkel aus Boston neulich zu Besuch war, erzählt uns Nuno, unser Busfahrer, „haben wir den ganzen Tag und die halbe Nacht hier verbracht – mit unserem Cuzido. Bei einer richtigen Familienfeier gehört das einfach dazu.“ Unser Topf wird ins Restaurant geliefert und dort verspeist. Ein Augen- und Gaumenschmaus und eine Riesenfreude für alle. Apropos Freude – die unglaubliche Lebendigkeit und Freundlichkeit der Azoreaner ist mindestens so intensiv zu spüren wie die ungezähmte Natur und die Farbenpracht jeder Insel.

Die Fajas – ein fruchtbares Schauspiel im Meer

Und weil jede Insel ihren speziellen Reiz hat, noch ein Blick auf Sao Jorge, die Wanderinsel schlechthin. Wie ein langgestrecktes Meeresungeheuer liegt die 56 km lange und nur 8 km breite Insel da, der Bergrücken in der Mitte erreicht Höhen bis zu 1000 Metern. Der Reiz der Insel liegt jedoch in ihrer Küstenformation, rund 70 „Fajas“ gibt es auf Sao Jorge. So werden die vorgelagerten Schwemmkegel genannt, die vom Meer aus besiedelt wurden und lange Zeit nur über steile Saumpfade erreichbar waren. Heute sind die Fajas begehrte Wanderziele. Unsere Tour von der Faja dos Vimes an der Südküste der Insel zur Faja de Sao Joao führt uns über rund 10 km im Auf und Ab quasi durchs Paradies.

Zum Start ein Kaffe von Senor Nunes (der Kaffee stammt aus der hauseigener Kaffeeplantage). Zwischen Drachenbäumen, Weinreben, Feigen und Bananen sowie Wasserfällen mit Quellwasser geht es rund vier Stunden lang bis zur Faja des Sao Joao. Und dann steht plötzlich Manuel vor uns , 77-jährig und mit lachenden Augen und nimmt die ganze Gruppe einfach mit zur Privatverkostung in sein Häuschen. Sein wundervoller Rebensaft paart sich mit der Sonne und dem Wohlgefühl der Wanderlust. Azoren Lebensfreude und Gastfreundschaft pur.

Text und Fotos: Ines Klima

Italien: Targa Florio – Volksfest mit Motorengebrüll

Foto. rasso knoller Giulietta auf Strecke

Mit dem modernen Alfa Romeo Giulietta auf der alten Strecke der Targa Florio

„Kinder und Haustiere einsperren“ So lautete die Anweisung, bevor die Boliden bei der Targa Florio auf Sizilien an den Start gingen. Das Weltreisejournal traf Nino Vaccarella, Schulleiter, Ex-Rennfahrer und Held der Sizilianer, der das legendäre Straßenrennen dreimal gewann.

 

Foto: Knoller,  Nico Vaccarella

Nino Vaccarella

Wir haben eine Verabredung morgens um elf Uhr. „Signor Vaccarella kommt sicher gleich zurück“, sagt der Portier am Eingang eines Mietshauses am Stadtrand von Palermo. „Er ist nur mal kurz raus, einen Kaffee trinken.“ Und dann kommt er uns entgegen, der Mann, der in den 1960er und 70er Jahren vor allem auf den Motorsportseiten italienischer Zeitungen gefeiert wurde: Nino Vaccarella. Inzwischen ist der Ex-Rennfahrer 80 Jahre alt. Aber wer einmal alte Fotos von ihm gesehen hat, erkennt ihn schon von weitem: Grazile Figur, schmales Gesicht, markante Nase. Und noch immer trägt er das gleiche Sonnenbrillenmodell, das er schon damals trug, als er mit Ferrari- und Alfa Romeo-Boliden um Ruhm, Ehre und Preisgelder fuhr. Der kleine alte Herr ruft den Fahrstuhl, bittet uns in eine Drei-Zimmer-Wohnung, deren größter Raum einem privaten Rennsportmuseum gleicht: Wände, Regale, Schreibtisch und Beistelltischchen sind über und über mit Pokalen, Urkunden, Fotos und gerahmten Zeitungsausschnitten dekoriert.
In Italien und vor allem auf Sizilien ist der 80-jährige ein Held – ein „ganz Großer“, sagen Menschen, die jung waren, als Vaccarella in Le Mans und auf dem Nürburgring Erfolge feierte – und natürlich bei der Targa Florio, jenem legendären Straßenrennen auf Sizilien, das Vaccarella dreimal gewann – 1965 mit einem Ferrari 275 P2, 1971 mit dem Alfa Romeo T33/3, seinem Lieblingswagen, und 1975 noch einmal mit einem Alfa. Wenn er von alten Zeiten und der Targa spricht, gestikuliert Vaccarella, fast so, als säße er nicht in der Ecke seines weichen Sofas – sondern just in einem jener Boliden, die er einst mit Geschick und einer gewissen Todesverachtung über die Pisten jagte.

Foto: rasso knoller, Plakat mit Vaccarella Autogramm

Wer genau hinschaut findet es: Nico Vaccarellas Autogramm auf einem alten Poster

Sein Bein zuckt und der Fuß scheint auf ein Pedal unsichtbares zu drücken. Auch den rechten Arm hält er nicht lange still. Während er den Konkurrenzkampf zwischen Porsche- und Alfa-Piloten schildert, macht er sich an einem imaginären Schaltknüppel zu schaffen. Die Targa Florio-Strecke gehörte zum härtesten, was man einem Rennfahrer abverlangen konnte, sagt Vaccarella. Pro Rennen wurde die 72 Kilometer lange Runde etwa ein Dutzend Mal gefahren. Insgesamt waren rund 900, zum Teil haarnadelspitze Kurven zu meistern. „Wir bekamen blutige Hände vom Schalten und weil das Lenkrad kaum zu halten war“, erinnert sich der Sizilianer. „Job der Fahrer-Frauen war es, die geschundenen Hände des Liebsten beim Boxenstopp mit Mullbinden zu bewickeln.“

Foto: rasso knoller,  Strecke der Targa Florio

Durch diese Landschaft rasten die Helden der Targa mit ihren Sportwagen

Nino Vaccarella gehörte nie zur Garde der Profi-Fahrer. Im Hauptberuf war der hochtalentierte Rennpilot, den Porsche seinerzeit gern ins Team geholt hätte, Direkter eines Gymnasiums in Palermo. Und wenn Ferrari oder Alfa die Teams zu Testfahrten einbestellte, nahm er sich ein paar Tage frei.

Foto: Rasso Knoller Vaccarella schreibt Autogramme

Vaccarella schreibt ein Autogramm. Foto aus dem Museo Targa Florio.

 

Als Direktor Vaccarella in den 1950er Jahren seine erste Targa fuhr, hatte die schon eine lange Tradition. 1906 hatte Vicenzo Florio, ein sizilianischer Industrieller, das Rennen ins Leben gerufen. Bei der ersten Targa waren gerade mal zehn Wagen am Start. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Rennen zu einer der wichtigsten Rennsportveranstaltungen in Europa. Alles, was in der Automobilszene Rang und Namen hatte, kam, um auf den schmalen Straßen der Madonie-Bergregion das Können von Mensch und Material zu demonstrieren: Fiat, Bugatti, Peugeot, Mercedes, Ferrari, Maserati, Lancia und Porsche nahmen an der Markenmeisterschaft teil, und die Sieger-Liste der Targa-Florio liest sich wie ein Lexikon einstiger Rennfahrer-Berühmtheiten: Achile Varzi, Stirling Moss, Joakim Bonnier, Hans Herrman und Graham Hill, Jo Stiffer, Willy Mairesse – auch „Kamikaze-Willy“ genannt, Vic Elford und Herbert Müller. Enzo Ferrari wurde zum Chefwerksfahrer der Alfa-Crew ernannt, nachdem er 1920 den zweiten Platz bei dem renommierten sizilianischen Rennen hatte.
K1024_Museo Vincenzo FlorioFür die Sizilianer war das Rennen vor allem ein großes Volksfest, das mit südländischerLeidenschaft gefeiert wurde. Schon Tage vor dem großen Rennen pilgerten Tausende zur Strecke, campierten an Plätzen mit besonders guter Sicht. Zuvor waren Gemeindebedienstete mit Trommeln durch die Dörfer gezogen: „Kinder und Haustiere einsperren“, lautete die Aufforderung, die praktisch die einzige Sicherheitsvorkehrung war, bevor die Renngeschosse mit heulenden Motoren durch die sonst so beschauliche Bergregion donnerten. Am Renn-Sonntag schließlich säumten Hunderttausende die Strecke und bildeten lebendige Leitplanken. „Die Zuschauer standen so dicht am Straßenrand, dass sie unsere Wagen mit ihrer Kleidung polierten“, erinnert sich Vaccarella. „Manche Fans waren so verrückt, dass sie sich auf den Boden legten, um jedes Mal, wenn ihr Lieblingsfahrer vorbeikam, einen seiner Autoreifen zu berühren.“ Das Herz der Sizilianer schlug für die italienischen Teams. „Aber wenn ein Rennfahrer von der Piste abkam, war’s ganz egal, welche Marke er fuhr“, beteuert er: „Dann packten ein paar starke Männer an und hievten den Wagen auf den Asphalt zurück.“
Gründer Vicenzo Florio hatte seine „Targa“ stets als eines der sichersten Rennen deklariert – und begründete das mit den vergleichsweise geringen Geschwindigkeiten, die den schmalen kurvenreichen Bergstraßen geschuldet waren.

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Mit 300 km/h und mehr konnten die Fahrer hier nur auf der rund sechs Kilometer langen Gerade nahe des Start- und Zielpunkts bei Buonfornello brettern. Dennoch kostete auch das sizilianische Rennspektakel einigen das Leben: 1926 verlor Giulio Massetti, ein italienischer Adliger die Kontrolle über seinen französischen Delage. 1971 raste Fulvio Tandoi mit seinem Renault Alpine gegen einen Baum. Nachdem 1977 zwei Zuschauer bei einem Unfall ums Leben kamen, wurde die Serie – nach 61 ausgetragenen Rennen – eingestellt.
„Das war gut so“, sagt Vaccarella. „Im Nachhinein betrachtet, war das der reine Irrsinn, wie wir da mit dem Leben gespielt haben.“ Er selbst ist glimpflich davon gekommen, obwohl er in den 1970ern auf dem Nürburgring schwer verunfallte. Eine Armamputation drohte, dann aber konnte der Arm doch noch gerettet werden.

Foto: Rasso Knoller, Giulietta und alter Lancia vor Tribüne

Die alte Tribüne bei Cerda

In den Bergdörfern der Madonie ist es wieder still geworden. Die Boxenanlagen und die Tribüne nahe dem Städtchen Cerda sind Überbleibsel aus den glorreichen Tagen. In Cerda und in Collesano halten Targa-Florio-Museen die Erinnerung an das Spektakel und die Rennfahrerprominenz wach (http://www.museotargaflorio.it/ und http://www.targaflorio.info) „Gewöhnliche“ Touristen kommen selten hier her. Aber Porsche-, Ferrari- und Alfa-Clubs fahren – in Markenhistorie schwelgend und teilweise mit Schrittgeschwindigkeit – öfter mal die inzwischen reichlich ramponierte Targa-Strecke ab. Nino Vaccarello, der heute einen Fiat Punto fährt, zieht es nur noch selten hierher.

Text: Susanne Kilimann
Fotos: Rasso Knoller

 

Italien: Trüffel – das weiße Gold des Piemonts

Trüffelsuchhund, Foto: Susanne Kilimannwein

Jedes Jahr im Herbst dreht sich im piemontesischen Städtchen Alba alles um „tartufi bianchi“, die begehrten weißen Trüffel. In diesem Jahr sind sie mit Kilopreisen ab 2000 Euro so günstig, wie lange nicht.
Wir treffen die beiden in einem Eichenwäldchen unweit des piemontesischen Städtchens Alba: Gianni Monchiero, ein Mitfünfziger mit wettergegerbtem Gesicht und Silberschläfen, Cordhose und jägergrüner Allwetterjacke und Lilla, seine Kollegin – eine weiße Jagdhündin mit milchkaffeebraunen Flecken im Fell. Gemeinsam wollen wir auf Trüffelsuche gehen. Denn jetzt, im Herbst, sprießen sie wieder, die begehrten weißen Trüffel, Edelpilze, für die Feinschmecker in aller Welt ein kleines oder größeres Vermögen zahlen. „Beika bin, Lilla! Beika bin“, ruft Gianni seiner Hündin zu, das ist Piemontesisch und heißt so viel wie „Schau schön hin“. Mit wedelndem Schwanz setzt sich die Hündin in Bewegung, schnüffelt in dem herabgefallenen Laub, entfernt sich immer mehr von ihrem Begleiter, der ihr mit seinem Werkzeug, einer Art Hammer, folgt. Plötzlich fängt Lilla an zu buddeln, zunächst sacht, dann mit Eifer, der Blätter und den Waldboden klümpchenweise aufwirbeln lässt. Die Hündin hat einen Trüffel aufgespürt und jetzt muss sich Gianni sputen, damit das Tier den edlen Pilz nicht selber aus der Erde holt und frisst. Ein Spurt und der Gianni packt seine Hündin, lobt und steckt ihr ein paar Hundecracker zu. Die kosten ein paar Cent. Der Fund, von dem Lilla nun ablässt, ist e Zehntausend mal mehr wert.
K1024_sk trueffel1Ganz vorsichtig und auf Knien hockend stochert der zierliche Mann den Trüffel aus der Erde. Nach ein paar Minuten hält er eine bräunliche Knolle in der Hand. Etwa fünfzig Gramm wiegt sie wohl. Auf dem Trüffelmarkt in Alba zahlt die Kundschaft in diesem Herbst etwa 100 Euro für einen „Tuber magnatum pico“ dieser Größe. Verglichen mit anderen Jahren ist das wenig. Aber Angebot und Nachfrage regulieren den Preis und in diesem Herbst ist das Trüffelangebot groß – denn der Sommer war ziemlich verregnet im Piemont, was zwar schlecht für den Wein aber gut für Pilze und somit auch für Trüffel ist. „In dem Moment, im dem der Trüffel reif ist, will er gefunden werden“, erklärt uns der Profi. „Und deshalb verströmt er einen intensiven Duft.“ Den kann die menschliche Nase nicht wahrnehmen, solange der Pilz noch in der Erde steckt. Hundeschnauzen aber werden vom Aroma regelrecht betört. Trotzdem eigne sich nicht jeder Hund für die Trüffelsuche, sagt Gianni. Der Hund müsse ein Faible für Pilze haben. „Sie müssen ihm schmecken, sonst hat das ganze Training keinen Sinn“, sagt der Trüffelsucher, der nicht nur mit seiner mit Lilla durch die Nuss- und Eichenhaine streift rund um Alba, sondern im nahegelegenen Roddi auch eine Schule für Trüffelhunde betreibt. Bis aus dem talentierten Welpen dann ein perfekter Trüffelhund geworden ist, dauert es drei bis vier Jahre, fügt er hinzu. Die Frage, ob man im Piemont auch mit Schweinen nach den Edelpilzen sucht, verneint der Trüffelsucher. Hunde seinen viel umgänglicher. „Und außerdem kann man sie mit ins Auto nehmen – und die Schweine nicht. “
Rund 5000 Trüffelsucher schwärmen im Piemont, dem nordwestlichen Zipfel Italiens, von etwa Ende September bis Januar aus, um nach dem „weißen Gold“ zu suchen. Die meisten tun das in der Nacht. Und das hat mehr als einen Grund. Zum einen gehen viele tagsüber noch einem anderen Beruf nach. Zum anderen wollen Trüffelsucher vermeiden, dass sich ein Kollege an seine Fersen heftet. Fundstellen werden so geheim gehalten. Denn es geht um viel Geld und die Konkurrenz ist groß.

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Wer ein paar Knollen gefunden hat, verkauft sie an Restaurants und Feinkostgeschäfte der Region– oder bietet sie der Kundschaft auf dem Trüffelmarkt in Alba an. Der findet von Mitte Oktober bis Mitte November statt und dann kommen Zehntausende von Feinschmeckern aus dem In- und Ausland in das schmucke 35 000-Einwohner-Städtchen, darunter immer mehr Touristen aus Fernost. In der Markthalle kann man an Dutzenden Ständen frische Pasta mit Trüffel und Trüffelsalami verkosten – und bei Gefallen kaufen. Für diese Produkte werden allerdings die schwarzen Sommertrüffel verwendet. „Tartufi bianchi“ werden nicht gekocht, nicht in Teig- und nicht in Wurstwaren gemischt. Sie werden ausschließlich roh gegessen – in hauchdünnen Scheibchen über die Pasta, über feinstes Schabefleisch oder über eine Suppe gerieben. Auf einer warmen Basis entfaltet sich ihr Aroma optimal, erklärt Maurilio Garola, einer der Spitzenköche des Piemonts, die das interessierte Publikum bei Workshops an Messewochenenden in die Kunst der Trüffelküche einweihen. Sein Tipp ist eine pürierte Gemüsesuppe mit pochiertem Ei. „So wie sie schon meine Großmutter gekocht hat“, sagt Garola. Gekrönt wird die einfache, bäuerliche Speise mit paar Gramm des „weißen Golds“. Workshop-Teilnehmer dürfen probieren und dazu an einem ausgezeichneten Rotwein, einem 2010er Barbaresco, nippen.

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Nebenan, im Trüffelseminar, erklären Experten, wie man gute von nicht so guten Trüffeln unterscheiden kann. Die Oberfläche des perfekten Edelpilzes gibt beim Druck mit dem Daumen ein kleines bisschen nach. Wichtigster Qualitätsindikator aber ist der Geruch. Der soll möglichst komplex sein, gleichzeitig an Pilz und Knoblauch, Honig und Heu erinnern. Am besten verzehrt man den weißen Trüffel sofort. Wenn es sein muss lässt er sich aber in Papier gewickelt und in den Kühlschrank gepackt bis zu zehn Tage konservieren. Dann ist es mit der Herrlichkeit in jedem Fall vorbei. Wer sich nicht sicher ist, ob die erworbene Ware frisch und ihren Preis wert ist, kann auf dem Trüffelmarkt von Alba die Trüffeljury befragen.

K1024_sk trueffel3Die Juroren schauen und schnuppern und wenn den Juroren die Ware für zu alt und überbezahlt befinden, geht man gemeinsam zum Verkäufer – der muss den zu teuer verkauften Pilz zurücknehmen und der Kunde bekommt sein Geld zurück. „Das kommt nicht oft vor“, beteuert Trüffel-Juror Giovanni de Castelli. Aber ab und zu versuche der ein oder andere Verkäufer eben doch, der ahnungslosen Kundschaft alte Ware anzudrehen.
Abends, wenn der Stände der Trüffelhändler abgeräumt und die Tore der Messe geschlossen sind, herrscht Hochbetrieb in den einfachen Trattorien und den schicken Restaurants. Auch im „Piazza Duomo“, dem einzigen Restaurant im Piemont, das sich mit drei Michelin Sternen schmücken kann. In dem Gourmet-Tempel wird das Trüffel-Menü für 150 Euro angeboten – wobei die Trüffelmenge, die man sich dabei über Fleisch oder Nudeln reiben lässt, noch nicht inbegriffen ist. Dass die Trüffel der Region heute bei Feinschmeckern in aller Welt so hoch im Kurs stehen, hat nicht nur mit ihrer Qualität, sondern auch mit kreativem Marketing zu tun. Seit den 1940er Jahren wird in Alba ein Trüffelpreis an eine illustre Persönlichkeit vergeben. Die amerikanische Aktrice Rita Hayworth war die erste, der die Ehre zuteil geworden ist. Auch Alfred Hitchcock hat den Preis einst bekommen. Für den Trüffelpreis 2014 hat man den deutschen Regisseur Werner Herzog auserkoren.

Text und Fotos: Susanne Kilimann

Portugal: Ab sofort gehört der „Cante Alentejano“ zum Weltkulturerbe der UNESCO

Cante Alentejano

Cante Alentejano

Es geht um die Arbeit auf den Feldern, um Liebe, um Einsamkeit, um Traurigkeit. Zugleich aber geht es auch um das gemeinsame Singen. Denn in den meisten Dörfern des Alentejo gibt es bis heute einen der Männerchöre, die den traditionellen Cante pflegen – polyphon und ohne Instrumentalbegleitung vorgetragen.
Am 27. November 2014 nahm die UNESCO, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, den Cante Alentejano in ihre Liste des Immateriellen Weltkulturerbes auf.
Der Cante Alentejano, ein mehrstimmiger Chorgesang, der von Amateuren und fast immer in Tracht vorgetragen wird, unterscheidet sich von anderen Chorgesängen vor allem durch sein langsames Tempo und seinen charakteristischen harmonisch-monotonen Takt. Durch die Kraft seiner Melodien und die ausdrucksstarke Poetik seiner Verse spiegelt er auf ganz besondere Art und Weise die Seele des Alentejo und seiner Menschen wider.
Das wahrscheinlich berühmteste Cante-Lied ist Zeca Afonsos „Grândola, Vila Morena“, das 1974 zur Hymne der portugiesischen Nelkenrevolution wurde.
Die Aufnahme des Cante in die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste (seit drei Jahren gehört übrigens auch der portugiesische Fado dazu) löste in Portugal große Begeisterung aus.
Vítor Silva, der Präsident der Tourismusbehörde des Alentejo, meint dazu: „Diese Auszeichnung des Cante stellt nicht nur die internationale Anerkennung der einzigartigen Kultur des Alentejo dar, sondern auch eine Ehrung seiner Menschen.“