Ukraine: Schwarzmeer und der Strom der Kosaken

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Für Entdeckungsreisen in die Ukraine empfiehlt sich eine Flusskreuzfahrt auf dem Dnjepr: von Odessa über die Krim bis Kiew, ohne Kofferpacken und Hotelwechsel.

Die Einstimmung auf das Außergewöhnliche beginnt in Odessa, der wichtigsten Hafenstadt der Ukraine. Am Fuße der legendären Freitreppe aus Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potjomkin“ von 1925 liegt die „Lomonosov“ im silbrigglänzenden Wasser des Schwarzen Meeres. In zwölf Tagen fährt das Flussschiff über Stauseen, durch spektakuläre Kanäle und Schleusen zu prachtvollen Städten und mondänen Kurorten, vorbei an endlosen Uferwäldern durch ländliche Provinz. Welch eine Erlebnisfülle liegt dazwischen.

2.MS Lomonosov.jpgAm liebsten möchte man sofort die 192 Stufen hinauflaufen zum Primorski Boulevard, der Prunkmeile Odessas, wo von einem Granitsockel herab der ehemalige Statthalter Richelieu grüßt. Erst aber werden die Kabinen bezogen.

“Odessa war eine Stadt der Wissenschaften und Kultur, ein Eldorado für Schriftsteller“, erzählt Reiseleiterin Svetlana am nächsten Morgen mit Witz und Esprit in gutem Deutsch. „Puschkin, Gogol, Gorki arbeiteten hier; Leo Tolstoi schrieb sein Epos „Krieg und Frieden“, David Oistrach musizierte am Konservatorium. Heute fühlen sich Musiker, Sänger und Dirigenten von Weltrang geehrt, hier arbeiten zu dürfen“. Stolz führt sie durch die von hohen Akazien gesäumte Puschkinstraße in die mit opulenten Skulpturen geschmückte, historische Einkaufspassage „Passash“. Kurz darauf stehen wir vor der wunderschön restaurierten Oper. Sie verführt geradezu zu einem Besuch am Abend – kein Problem, Karten sind schnell besorgt.

Sveta drängt – es gibt so viel zu zeigen. Den großen Markt zum Beispiel. 1.Katharina-Platz.jpgDer wuchert und frisst sich durch ein weitläufiges Stadtviertel hinter dem prunkvollen Jugendstilbahnhof. „Markt ist für Einheimische Schlaraffenland. Der junge Geldadel findet und bekommt hier alles. In den eleganten Boutiquen jedoch – das Durchschnittseinkommen der Ukrainer liegt bei 600 Euro! – kaufen westliche Touristen und Neureiche aus Moskau“, sagt sie und warnt: „Kaviar kauft man nicht von Straßenhändlern. Was kann passieren: aufmachen, gucken, was ist drin – Schuhcreme!“

In den Parks tanzen und singen Einheimische voller Lebensfreude. Kastanien- und Lindenalleen, belebte Plätze, klassizistische Fassaden in Cremegelb, Zartgrün und Altrosa verleihen der Stadt etwas Leichtes, Flirrendes, Mediterranes. Selbst als der Himmel einbricht über Odessa, schwindet der Zauber nicht. Sveta will weiter: Die Kathedrale aus weißem Marmor ist ein Muss und die Wohnhäuser aus der Chruschtschow-Ära ohne Fahrstühle. „Seht, deswegen sehe ich nicht so schlecht aus…“. Sie lacht und schlängelt ihre Gruppe an Hochzeitspaaren, Straßenbahnen und erstaunlich vielen Stretchlimousinen vorbei zum Standbild der Zarin Katharina II. Sie gründete die Stadt und mit dem Bau eines neuen Hafens 1792 brachte sie den Handel mit den Mittelmeerländern in Schwung.

3.Treppe Oper

Alle Wege führen nach Rom, in Odessa führen alle Platanen zum Hafen. Im Abendlicht schiebt sich die „Lomonosov“ sanft und leise vom Kai ins Schwarze Meer. Während die Hafenlichter immer kleiner werden, genießen die Passagiere ihr erstes Dinner an Bord. Köstliches aus aller Welt kreiert Chefkoch Matthias aus Weimar, Lena aus Kiew zaubert ukrainische Spezialitäten wie „Chicken Kiew“ oder roten und grünen Borschtsch.

Das 1979 in der DDR gebaute und ganz neu umgebaute Schiff bietet den Gästen durchweg Komfort und Ambiente auf 5-Sterne-Niveau. Deluxe- und Standardkabinen liegen außen, sind bis zu 19 Quadratmeter groß und haben Fenster zum Öffnen.

20.Schwarzmeer-Chor.jpgErster Landgang ist in Sewastopol, der „Heldenstadt“ auf der Krim. Am Denkmal für Gefallene des Zweiten Weltkriegs marschieren Schüler und Schülerinnen im Stechschritt. Die Deutschen legten die Stadt in Schutt und Asche, Stalin ließ sie nach Kriegsende großzügig wieder aufbauen. In durchaus vorzeigbarem russischen Klassizismus, mit weißen Säulen und viel Grün dazwischen. Bis 1992 war Sewastopol eine „verbotene“ Stadt, die nur mit Genehmigung zu betreten war. Unter dem von Kanälen durchzogenen Berg in der Balaklava-Bucht wurden in Docks U-Boote hochgeheim gewartet und in riesigen Felshallen atomare Sprengköpfe montiert. Heute liegen dort lediglich Kriegsschiffe der einst stolzen Schwarzmeerflotte.

Jalta – Spielplatz der reichen „Neuen Ukrainer“ – lebt in mediterranem 26a.Kosakenreiter.jpgKlima und Blütenpracht. Villen und Adelspaläste ziehen sich an den Hängen hin, die palmenbestandene Promenade bietet viel Kitsch, aber auch prestigeträchtige Boutiquen und palastartige Sanatorien für verdiente Arbeiter. Im Weißen Palast von Livadija, dem einstigen Sommerpalast der Zaren, ordneten am berühmten ‚Runden Tisch‘ Stalin, Churchill und Roosevelt die Nachkriegswelt neu. Heute drängen sich Scharen von Touristen durch die Prachtsäle und Parkanlagen.

Die fast echten Kosaken auf der sagenumwobenen Insel Choritsa am Unterlauf des Dnjepr bemühen sich, vor Touristen mit waghalsigen Reitkünsten, Lanzen und scharfen Klingen, ihrem Mythos von Freiheit, Abenteuer und Abstinenz von Frauen gerecht zu werden. Als sie Ende des 17. Jahrhunderts hier ihr Kosakenlager gründeten, waren Frauen in ihren Dörfern verboten; selbst Zarin Katharina durfte die Insel nicht betreten. Man vergnügte sich lieber mit Bier und der ukrainischen Volksmedizin Wodka.

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Ein Tag an Bord der „Lomonosov“: Gemächlich fließt der Dnjepr, die Sonne brennt, der Wind kühlt. Im Liegestuhl auf dem Sonnendeck meditieren mit Krimsekt im Glas und netten Menschen um einen herum. Herrlich. Das Schiff bietet den Luxus und die Bequemlichkeit eines ganz Großen, ist aber klein, fein und familiär. Ein Extra-Toast auf die Service-Crew aus der Ukraine: sie lässt keinen Wunsch unerfüllt.

Das Schiff gleitet durch ein stilles Land, das mit Natur nur so protzen kann. Der Fluss, an manchen Stellen bis zu 40 Kilometer breit, teilt die Ukraine in zwei Hälften: das rechtsufrige Steppenland gehörte bis ins 18. Jahrhundert zu Polen-Litauen, auf der anderen Seite genossen die Kosaken ein Jahrhundert lang Autonomie innerhalb Russlands.

Die Hauptstadt Kiew grüßt die Schiffsgäste von weitem aus dichtem Grün mit der Silberstatue „Mutter Heimat“. Die goldenen Kuppeln der Sophienkathedrale, „Hagia Sophia“ genannt, überstrahlen die prachtvolle Stadt. In Erinnerung bleibt sie als pulsierende, großzügig angelegte, überaus grüne Metropole, die der Dnjepr in Nord-Süd-Fließrichtung teilt.

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Auf der linken Uferseite schrauben sich die Neubauten von „Klein-Manhattan“ in den Himmel, rechtsufrig pulsiert die Altstadt Podil mit Künstlercafés, Literatenkneipen und hippen Lädchen. In der Oberstadt ist man als Besucher überwältigt von den goldglänzenden Kirchen- und Klosterkomplexen in Pastelltönen, den reich dekorierten Häusern im klassizistischen Gewand mit schmiedeeisernen Portalen und Arkaden. Auf dem 16 Kilometer langen Prospekt des Sieges, der von Häusern im Zuckerbäckerstil gesäumt ist, glaubt man sich auf den Champs Elysées. Sind es jene langbeinigen, hüftrollenden Wesen auf Highheels, die so selbstbewusst über das Pflaster stöckeln?

Text und Fotos Katharina Büttel

 

Ukraine: Lenin im Venedig der Ukraine

Knoller, Vilkovo: Angler im Morgengrauen.

Eigentlich wäre Vilkovo durchaus eine Reise wert. Das „Venedig des Ukraine“ ist das Tor zum Donaudelta. Trotzdem bleiben Pelikane, Schwäne und Gänse weitgehend unter sich.   

Fotograf: Rasso Knoller,  Erinnerung an alte Zeiten: Das Lenindenkmal im ukrainischen Ort VilkovoDie Stadtführerin bringt es auf den Punkt: „In Vilkovo passiert nichts“, sagt Ludmilla. „Hier gibt es nur zwei Sehenswürdigkeiten, das  Fischerdenkmal und das Lenindenkmal“, erzählt sie weiter.  Das Leninmonument habe man vor ein paar Jahren abreißen wollen, aber dafür habe das Geld gefehlt. Jetzt lasse man den silbernen Koloss einfach stehen. Für die Touristen sei er ja ein schönes Fotomotiv, so Ludmilla.
Das wenige Geld, das man in Vilkovo hat, hat man offenbar für die Renovierung der beiden Stadtkirchen ausgegeben. Die orthodoxe St. Nikolaus Kirche strahlt frisch gestrichen in sattem Gelb. Die der Gottesmutter  Maria geweihte katholische Kirche hält mit einem fetten Blaugrün dagegen. Ansonsten ist nicht viel Buntes zu sehen in der Stadt.
Wer arbeiten kann, geht weg. „Die Jungen schauen, dass sie woanders einen Job kriegen“, sagt Ludmilla. Noch zählt Vilkovo 9000 Einwohner, aber von  Jahr zu Jahr werden es weniger. Das Hotel Venedig hat inzwischen geschlossen – auch das Restaurant mit demselben Namen empfängt schon lange  keine Gäste mehr.
Immerhin, ein Gemischtwarenladen hält noch die Stellung Sein Name macht Hoffnung – Glamour heißt er. Eigentlich ist Vilkovo ja ein Touristenort. Das ist gar nicht so überraschend, denn das Donaudelta vor den Stadttoren steht auf der  Liste des Weltnaturerbes der UNESCO.  Wegen seiner Kanäle nennt sich das Vilkovo stolz das „Venedig der Ukraine“. Boote sind das wichtigste Verkehrsmittel – statistisch gesehen besitzt jeder Einwohner zwei davon.

Mit dem Boot zur Donaumündung

Von Vilkovo aus schippert man hinaus zum Deltader Donau. Da die aber mehrere Mündungsarme hat, verteilt sich auch das touristische Geschäft. Zum Leidwesenfür die Menschen in Vilkovo fahren die meisten Touristen nach „nebenan“, nach Rumänien.  

Knoller, Donaufischer im ukrainischen Vilkovo

Gemächlich tuckert das Boot die Donau hinab. Es zieht vorbei an Anglern und anFischreihern. Die stehen am Ufer und  haben dasselbe Ziel – möglichst viele Fische fangen. Und davon gibt es reichlich im Donaudelta. Schleie, Hecht, Hausen, Zander und Karpfen, listet Ludmilla die unterschiedlichen Fischarten auf. Und erzählt weiter, dass ein Hausen früher über 100 Jahre alt und bis zu zwei Tonnen schwer werden konnte. So lange hält heute kein Fisch mehr durch. Irgendwann geht er in die Netze der Fischer. Die schwersten Hausen wiegen heute immerhin auch noch um die 200 Kilo. Welse können sogar bis 300 Kilo schwer und bis zu 4 ½ Meter lang werden. „Das sind die gefräßigsten Fische in der Donau“, sagt Ludmilla. Die seltensten aber sind die Störe. Sie sind inzwischen strengstens geschützt. Ihr Kaviar ist bei den Reichen und Superreichen eine gefragte Delikatesse. Auf dem Schwarzmarkt werden 1200 Dollar fürs Kilo bezahlt. Da das in der Ukraine weit mehr als einem Monatslohn entspricht, ist die Versuchung groß, durch einen kleinen Gesetzesbruch schnell reich zu werden. Viele Fischer scheren sich deswegen nicht um das Verbot. 

Knoller, Guide Ludmilla am 0 Km-MarkerWährend Ludmilla ihre Geschichten erzählt,erreicht das Boot die Donaumündung. Dort paddeln Schwäne, Gänse, Kormorane und Pelikane im Wasser  – eigentlich ein Paradies für Vogelfreunde. Doch die wenigen Touristen, die hierher kommen, interessieren sich nur am Rande für die Vögel. Sie wollen den mannsgroßen 0-Kilomter-Marker fotografieren, der das offizielle Ende der Donau anzeigt. Jenseits des Markers beginnt das Schwarze Meer.

„Wer die Null durchsteigt, darf sich etwas wünschen und dieser Wunsch geht dann auch in Erfüllung“, verspricht Ludmilla. Damit sich ihr Glück nicht als allzu flüchtig erweist, steigt sie vorsichtshalber gleich zweimal durch die Null.    

Rasso Knoller