Ungarn: Budapest, im Park der gestürzten „Helden“

Das „Denkmal der Räterepublik“ .Fotograf: Bernd Siegmund

Wer in Budapest in einem Kaffeehaus sitzt, egal, ob es ein berühmtes ist wie das „Gerbeaud“ oder ein ganz „normales“, der hat für geraume Zeit dem hektischen Alltag Adieu gesagt. Die Kaffeesüchtigen sitzen in gemütlicher Runde, plaudern über Gott und die Welt, geben sich dem braunschwärzlichen Getränk hin und sind für einen kurzen, glücklichen Augenblick mit sich und der Welt zufrieden. Und weil dieses Gefühl so wichtig ist für den Seelenzustand des Menschen, umspannt ein großes Netz aus Koffein-Tankstellen (die Statistik spricht von über 600) die Budapester Innenstadt. Für einen Euro bekommt man seinen Herzschrittmacher verpasst. Die kleinen Cafés in Budapest sind so etwas wie die Nahtstelle zwischen den Touristen und den Einheimischen. Hier erfährt man auch, was man sich unbedingt ansehen sollte.

Straßencafés In Budapest. Fotigraf: Bernd Siegmund

Und unbedingt ansehen sollte man sich den Momento-Park im XXII. Budapester Bezirk, der direkt an der alten Landstraße nach Wien liegt (Ecke Balatoni útca – Szabadkai útca). Im Gegensatz zu anderen untergegangenen sozialistischen Staaten hat Ungarn die künstlerische Hinterlassenschaft aus vier Jahrzehnten Sozialismus nicht mit Stumpf und Stiel ausgerottet, weder Lenins Kopf eingegraben, noch Dimitroffs Gesicht zerstört. Die eisernen Helden der Arbeiterbewegung stehen wie in einem Panoptikum im Park der Statuen und freuen sich ihres Lebens. Geöffnet hat das Kabinett tonnenschwerer Revolutionsschinken täglich von 10.00 Uhr morgens bis zum Sonnenuntergang.

Ausgedacht hat sich diesen interessanten Umgang mit der Geschichte der Literaturhistoriker László Szörényi, der 1989 vorschlug, einen „Lenin-Garten“ zu errichten, in dem alle Lenin-Denkmäler Ungarns versammelt und ausgestellt werden sollten. Über die Idee wurde in der Bevölkerung zwei Jahre lang emotional gestritten und kontrovers diskutiert. Heraus kam die Erkenntnis, dass man weder die Geschichte noch die Kunst-Ergüsse der untergegangenen Zeit wie Müll entsorgen kann. Damit war das Schicksal der Denkmäler besiegelt, die in den vierzig Jahren des Sozialismus eine hervorragende Rolle auf den öffentlichen Straßen und Plätzen des Landes gespielt hatten. Sie durften weiterleben, fanden Asyl im Park der Statuen.

Lenin-Statue Fotograf. Bernd Siegmund

Beauftragt mit dem Bau der „Denkmal-Sammelstelle“ wurde der Architekt Ákos Eleöd, der die Form eines Achtecks wählte, um den Figuren eine neue Heimstatt zu geben. Weder Baum noch Strauch verstellen den Blick auf die monumentalen Männer, die sich stramm und mit revolutionärer Disziplin links und rechts der Hauptachse des Parks aufgestellt haben. Es sind über vierzig Exponate. Die Palette reicht von der bescheidenen Erinnerungstafel über ein Pionierdenkmal bis hin zur Stürmerfigur, die mit aufgerissenem Mund die revolutionären Massen in den Kampf führte. Auch den sechs Meter hohen „Soldaten der Befreiung“, der jahrzehntelang auf dem Gipfel des Gellért-Berges stand, hat es hierher verschlagen

Bernd Siegmund: Touristen auf aller Welt bestaunen im Momento-Park die Zeugnisse einer untergegangenen Welt.„Es ist schön, dass die ‚Bücherverbrennung‘ bei uns ausblieb“, schrieb 1994 Ákos Eleöd, der Architekt. Er habe versucht, die einzelnen Werke in der Freiluft-Ausstellung korrekt und ohne Ironie zu zeigen. Als Dokumente sozusagen, die den Geist entlarven, in dessen Namen sie einst geboren wurden. Es ist interessant, zu sehen, wie unbefangen die Besucher des Parks mit dem ideologischen Altmetall umgehen. Die ausländischen Touristen und Einheimischen, viele junge Menschen sind darunter, bestaunen die Figuren, als besuchten sie einen Dino-Park. Anders verhält es sich mit dem Stiefelpaar, das, sozusagen als Ausrufezeichen, vor dem Momento-Park steht. Die Stiefel gehörten einst Stalin. Seine acht Meter hohe und 65 Zentner schwere Bronzefigur stand bis 1956 auf dem Dach der Ehrentribüne im Zentrum Budapests. Von hier oben winkten die Hohepriester der Partei bei feierlichen Aufmärschen und Militärparaden dem Volk zu. Stalin wurde am 23. Oktober 1956 während des Ungarn-Aufstands von den Aufständischen vom Sockel geholt. Nur seine Stiefel blieben stehen. Sie wurden zum Symbol des Ungarnaufstandes. Und waren fortan Zielscheibe der Budapester, die ihre harmlosen Witze darum machten. Wer erwartet voller Sehnsucht den Nikolaus? Stalin! Er hat seine Stiefel bereits im Oktober herausgestellt. Naja. Das Stiefelpaar jedenfalls, eine authentische Kopie des verstümmelten Denkmals, erinnert einprägsamer als das Kollektiv der Revolutionsfiguren an eine schlimme Epoche Ungarns, die nie vergessen werden darf.

Bernd Siegmund