Frankreich: Korsikas Höhepunkte

Calvi

Auf Korsika gibt es Blutrache, die Siesta, politische Intrigen, den aromatischen Käse Casjiu Merzzu, wilde Schweine, Esskastanien und alterslose Greise, die einfach nur zuschauen, wie die Zeit vergeht. Den Korsen sagt man nach, sie seien Individualisten von überschäumendem Temperament, doch gleichzeitig beherrscht und gelassen in ihrem Gehabe, gastfreundlich, ihren Freunden treu, heimatverbunden, redegewandt und mutig – aber auch leicht beleidigt. Das ist die Quintessenz des Kultcomic „Asterix auf Korsika“. Recht hat der kleine Gallier, denn treffender kann man die Ile de Beauté, die Insel der Schönheit, wie die Franzosen Korsika nennen, kaum beschreiben.

Italienisches Flair im Norden

Bastia gibt sich geschäftig. Vor allem auf der Place Saint-Nicolas und am alten Hafen. Die weite Place Saint-Nicolas verströmt südländisches Flair, wirkt aber nicht unbedingt typisch korsisch, man wähnt sich eher in Italien. Hier trifft man sich zum Flanieren, zu einem Aperitif im Café, am Wochenende zum Flohmarktbesuch oder zu einem der Konzerte im Pavillon. Natürlich kommen auch die Boulespieler hierher und werfen mit stoischer Ruhe ihre Kugeln. Wer lieber einen Schaufensterbummel machen möchte, kein Problem, denn die Shoppingmeilen, der Boulevard Paoli und die Rue César Campinchi sind nur wenige Schritte entfernt.

BastiaZwei winzige Leuchttürme rahmen den alten Hafen mit seinen Jachten und Fischerbooten ein. Die hoch aufragenden Häuser der Altstadt Terra Veccia erinnern mit ihren bunten Fensterläden an ein ärmliches Dorf in Ligurien, im Hintergrund sind die Ausläufer des Pinto-Massivs zu erkennen. Überragt werden die Häuserschluchten von der Fassade der Barockkirche Saint-Jean Baptiste, dem Wahrzeichen Bastias. Hier lag einst die Keimzelle der Stadt.

Im alten Hafen reiht sich ein Restaurant ans andere, sie locken mit exklusiven Meeresfrüchteplatten, aber auch günstigen Touristenmenüs. Ein Drei-Gänge-Menü muss es aber schon sein, man ist schließlich in Frankreich. Zum Auftakt trinkt man statt des französischen Pastis lieber den korsischen Traditionsapéritif Cap Corse, den Myrtenlikör Murtellina oder den Kastanienlikör Castagnja. Als Vorspeise steht fast immer die Charcuterie Corse, eine Auswahl deftiger Wurst- und Schinkensorten auf der Speisekarte. Alternativ kommen eine kräftige Leberpastete oder eine Suppa Corsa infrage. Zum Hauptgericht sind Wildschwein, Lamm oder Zicklein immer eine gute Wahl. Als Nachspeise beliebt sind würziger Schaf- und Ziegenkäse. Der König der korsischen Käse ist der Brocciu, der vorzüglich mit Feigenmarmelade mundet. Als Alternative bieten sich Fiadone, die korsische Vairante des Käsekuchens oder die Torta Castagnina, ein süßer Kuchen aus Kastanienmehl an. Im alten Hafen bleibt jeder gerne länger sitzen, genießt die in warmes Licht getauchte Kulisse und lässt den Abend bei einer Flasche Wein oder einem Cocktail ausklingen.

Von L’Île Rousse nach Calvi

In Saint-Florent und L’Île Rousse, westlich von Bastia, geht es im Sommer fast wie in Saint Tropez zu. Im Hafen von Saint-Florent liegen Segelboote und Jachten dicht an dicht, auf der Promenade flanieren die Reichen, in den Clubs und Bars lässt man sich den Champagner munden. Die Altstadt von L’Île Rousse ist ebenso voll wie der Stadtstrand, wer viel Trubel mag, ist hier genau richtig.

Zwischen den beiden Städten ist nur Wüste – der Désert des Agrigates. Noch vor 100Calvi Jahren breitete sich hier fruchtbares Land aus, heute gibt es nur noch kahle Felsen und undurchdringliche Macchia. Doch an der Küste liegt ein Traumstrand am anderen, unvergesslich ist der Anblick der Plage de Saleccia mit seinem schneeweißen Sandstrand und dem azurblauen, glasklaren Wasser. Wer Robinson spielen will, kommt mit dem Boot, nimmt eine der Allradpisten oder bricht zu Fuß auf dem Küstenweg in die Einsamkeit auf.

Die Suche nach einem Traumstrand geht aber auch bequemer, denn im Sommer fährt die Tramway de Balagne mehrmals täglich auf der Strecke von L’Île Rousse nach Calvi. Ohne Eile ruckelt die Schmalspurbahn durch eine wunderschöne Landschaft, tutet vor jeder Kurve und hält unterwegs an rund einem Dutzend Strände.

Weithin sichtbar thront die mächtige Zitadelle von Calvi auf einem ins Meer ragenden Felsen, sie gilt als eines der imposantesten Bauwerke aus der Genuesenzeit. Zu ihren Füßen liegt der Jachthafen, in dem es ähnlich mondän wie an der Côte d’Azur zugeht. In den Bars und Restaurants trifft man sich nach einem Tag am Strand und lässt den Tag ausklingen.

Fruchtbare Hügel und kariöse Felsen

IMG_5184_DxO-klein-Les CalanchesNur wenige machen einen Abstecher ins Hinterland, in die fruchtbaren Hügel der Balagne, die bis zu den Gebirgsmassiven Zentralkorsikas reichen. Dank der guten Böden gedeihen im Garten Korsikas Zitrusfrüchte, Oliven und Vermentinu-Trauben der Spitzenklasse. Uralte Dörfer wie Sant’ Antonio, mit windschiefen Häusern aus Natursteinen, thronen wie Adlerhorste auf Bergrippen. Früher war es für die Bewohner wichtig, seeräuberische Sarazenen rechtzeitig auszumachen und sich in ihrer uneinnehmbaren Festung zu verbarrikadieren. Heute genießen Besucher den Rundumblick von der Küste bis zu den Bergen des Monte Grosso.

Zwischen Porto und Piana wird es spektakulär. An diesem Küstenabschnitt wird nicht gebadet sondern gestaunt. In unzähligen Kurven schlängelt sich die Straße durch die eigentümliche Felslandschaft der Calanche de Piana. Es ist die Steilküste der zerfressenen Felsen, ein Gebirge der kariösen Steine. Je nach Tageszeit erscheinen die Felsen Rot, Rosa oder Braun. Nur wenig Fantasie ist nötig, um allerlei Gesichter und Figuren, wie zusammen gekrümmte Löwen oder gehörnte Teufelsköpfe, in ihnen zu erkennen.

Auf Napoleons Spuren

Ajaccio, die größte Stadt Korsikas, verehrt noch heute Nepoleon Bonaparte. Sein AjaccioGeburtshaus, die Casa Buonaparte, ist heute Museum, im Rathaus wird seine Totenmaske ausgestellt, auf der Place de Gaulle zeigt er sich mit seinen vier Brüdern als römischer Imperator, auf der Place Maréchal Foch gibt er den Ersten Konsul, mit Löwen zu seinen Füßen. Höhepunkt des Napoleonkults ist die Place d’Austerlitz, die Heldentaten vor ihm in Stein gemeißelt, wacht er am Ende einer Triumphtreppe auf einem Sockel mit strengem Blick und Dreispitz über seine Geburtsstadt.

Aber auch wer mit Napoleon nichts am Hut hat, sollte sich für Ajaccio Zeit nehmen. Wegen Korsikas größter Kunstsammlung im Musée Fesch, dem bunten Markt auf dem Square Campinchi, der Einkaufsstraßen Cours Napoléon und Rue du Cardinal Fesch und dem mediterranen Treiben auf den mit Palmen und Platanen bestandenen Plätzen der Stadt.

Sandstrände und traumhaft schöne Buchten

An der Ostküste wartet das Kontrastprogramm. Von der Alsani-Mündung über Aléria bis nach Solenzara erstreckt sich die Plaine Orientale. Hier beginnen die Berge erst einige IMG_6298_DxO-klein-PinarelloKilometer hinter der fruchtbaren Schwemmlandebene des Tavignano und lassen Platz für Weinstöcke, Obstbäume, Weiden und Wiesen. Die gesamte Ostküste ist die Badewanne Korsikas, denn ein Sandstrand reiht sich an den anderen. Jeder Küstenabschnitt schmückt sich mit einem klangvollen Namen: Im Norden liegt die Costa Verde, die grüne Küste, um Aléria die Costa Serena, die heitere Küste, daran schließt sich die Côte des Nacres, die Perlmutt-Küste, an. Hinter dem Strand bleibt noch Platz für Dutzende Villages de Vacances, Campingplätze, Feriendörfer, Bungalowanlagen, FKK-Zentren und private Ferienhäuser.

Im Gegensatz zur Ostküste mit ihren rund 80 Kilometer langen Sandstränden ist die Südküste stärker gegliedert. Kleine Buchten werden immer wieder von vorspringenden, felsigen Landzungen unterbrochen. Jede dieser Buchten besitzt ihren ganz eigenen Charme. Doch überall gibt es glasklares, türkisfarbiges Wasser und einen feinkörnigen Strand, der von Felsen, Dünen und Pinienwäldern eingerahmt wird. Fotogen sind sie alle, die Buchten von Rondinara und Pinarellu, traumhaft auch die Plage de Santa Giulia und die Plage de Palombaggia südlich von Porto Veccio.

Bonifacio, die schönste Stadt Korsikas, thront im Süden der Insel auf einem hohenBonifacio Kreidefelsen. Die exponierte, früher strategisch ungemein wichtige Lage am Südzipfel Korsikas weckte über Jahrhunderte Begehrlichkeiten und machte Bonifacio immer wieder zum Zankapfel zwischen Pisa, Genua und Frankreich. Die scheinbar uneinnehmbare Zitadelle am höchsten Punkt mit ihren abweisenden Mauern hat die unruhigen Zeiten bis heute überdauert. Die Zukunft einiger Häuser scheint dagegen fraglich, denn sie stehen so dicht an der Kante der von Wind und Wellen zerfressenen Steilküste, dass ihr Absturz nur eine Frage der Zeit scheint. Im Winter ist Bonifacio fast menschenleer, doch ab Juni kommt wieder Leben in die schöne Kulisse, öffnen Restaurants und Souvenirläden und bald darauf füllen sich die Straßen wieder mit Touristen.

Christian Nowak

 

Großbritannien: London Camden Market

London, Camden Market

Märkte der Möglichkeiten

Auf Londons bekanntesten Markt im Künstlerviertel Camden drängen sich Einheimische und Touristen an den Ständen vorbei. Das Angebot ist breit und reicht vom Porzellanteller mit dem Konterfei der Queen bis zur Tower Bridge in Plastik – Made in China. Neben geschmacklosen Souvenirs wird aber vor allem Individuelles und Kreatives verkauft: Maßgeschneiderte Kleider in extravaganten Schnitten und Farben, Hüte mit verwegenem Design und Hosen mit Schlag. Oder Tische und Stühle aus Holz oder Metall – auf jeden Fall aber selbst gemacht. Antiquitäten, Uniformen aus alten Armeebeständen oder dem Theaterfundus, Schuhe aus der Zeit des Rokoko und das neuste Liegefahrrad aus einer Werkstatt aus Südengland. Auf dem Camden Market gibt es nichts, was es nicht gibt.

Renner sind aber gegenwärtig T-Shirts mit den Motiven des Graffiti Künstlers Banksy, der mit viel Ironie die Londoner Szene beobachtet. In seinen Bildern werfen die Streetfighter beispielsweise nicht mit Steinen sondern Blumen. Banksy Graffiti

Bluse in Rot und Orange

Ein kleiner Vietnamese hält an einem Kleiderstand ein Tuch hoch – eine improvisierte Umkleidekabine – hinter dem ein spanische Touristin eine Bluse in gewagter Farbkombination anprobiert. Rot und Orange zusammen steht nicht jedem. Doch die junge Frau aus Valencia kann sie aber tragen. 40 Pfund wechseln den Besitzer. 50 Euro für ein Einzelteil, da kann man nicht meckern.

Mark, der Händler am Nebenstand, ist gleichzeitig auch der Designer der Kleider, die er verkauft. Und er näht sie auch selbst zusammen. Ausgangsmaterial für die eng auf den Körper geschnittenen Teile sind Männerhosen, die er zerschnippelt und wieder neu zusammensetzt. Mit seinen auffälligen Kreationen wolle er einen Gegenpol zum Einheitslook setzen, sagt Mike. „Das Geschäft läuft gut. Von der Wirtschaftskrise spüre ich nichts”, sagt er. Auch bei der Spanierin scheint das Geld noch locker zu sitzen. Als ich sie etwas später zufällig wiedersehe, trägt sie schon drei Taschen in der Hand.

Biltong von der Insel

Eng und hektisch geht es in Camden zu – auf dem Maltby Street Market im Stadtteil Bermondsey hat man dagegen viel Platz. Hierher kommen die Gourmets der britischen Hauptstadt, um sich mit den besten Rohwaren zu versorgen. Schnäppchen sucht man aber vergebens – Qualität hat hier ihren Preis.

Die Händler reisen aus dem ganzen Land an. Nick Greef beispielsweise kommt von der, vor der Südküste gelegenen,  Isle of  Wight, um sein Biltong zu verkaufen. Biltong, luftgetrocknetes Fleisch, kennt man sonst nur aus Südafrika. Greef  produziert seines aus dem Fleisch freilaufender Rinder von seiner kleinen Insel.

Einige Meter weiter, bei Tozino, verkauft man spanischen Schinken, hauchzart und unter dem Motto “slices of heaven”. Maltby Market

Gleich nebenan bietet dann ein norwegischer Einwanderer “organic smoked salmon” an – 5 Pfund für 100 Gramm, macht mehr als 75 Euro fürs Kilo. Doch der Preis schreckt hier niemanden. Im Gegenteil: Der Stand ist lange vor Marktschluss leergekauft.

In Neal’s Yard Dairy stehen Kunden für Käse an. Dutzende Sorten stehen zur Auswahl. Besonders beliebt ist der würzige „Stichelton cheese“  aus der Käsehauptstadt des Landes.

In der St. John Bakery, die mit dem gleichnamigen Sternelokal sowohl den Namen, als auch den Besitzer teilt, wird das beste Brot der Stadt verkauft. Selbst strenge deutsche Tester sind nach dem Biss in die knusprige Kruste begeistert. Vielleicht sogar noch besser sind die Süßspeisen. Die Londoner Version der “Berliner Pfannkuchen” ist üppig mit Sahne gefüllt und deckt spielend den Tageskalorienbedarf eines erwachsenen Mannes. Mit dem Süßteil in der Hand geht es um die Ecke zum Monmouth Coffee. Der Kaffeeröster ist eine Londoner Institution. Nur um im Monmouth einen Cappuccino oder Latte zu trinken, reist so mancher Londoner aus dem anderen Ende der Stadt an. Wer nicht nur auf die rustikalen Bänke vor dem Laden seinen Kaffee schlürfen will, kann die edlen Bohnen auch hier kaufen und zu Hause den Kaffeeduft durch die Wohnung ziehen lassen.

Den Marktbummel alkoholisch beendet man schließlich bei “The Kernel”. Das Pale Ale der Mikrobrauerei mit einem ordentlichen Alkoholgehalt von 5,7 Prozent ist der Favorit der meisten Marktbesucher.

The Kernel

Und wo wohnt man wenn man in London unterwegs ist?

Der Ferienhausbroker Housetrip (https://www.housetrip.com/) vermittelt Wohnungen in besten Lagen zum günstigen Preis. So wird der Londonaufenthalt erschwinglich und es bleibt genügend Geld fürs Shopping.

Rasso Knoller

Info:

Maltby Street Market,www.maltbystreet.com

Monmouth Coffee, www.monmouthcoffee.co.uk

Nick&Sarah Greff, www.isleofwightbiltong.co.uk

Tozino, www.tozino.com

St. John Bakery, www.stjohnbakerycompany.com

Neals Yard Dairy,www.nealsyarddairy.co.uk

The Kernel, http://thekernelbrewery.com

 

Von London gleich weiter nach Cardiff?

Großbritannien/Wales: Cardiff – Kultur statt Kohle

 

Niederlande: Ein Pottwal finanziert seine eigene Ausstellung

Schädel Pottwal_Copyright Ecomare

 

Ein Pottwal, der im Dezember 2012 unweit der niederländischen Wattenmeerinsel Texel tot auf einer Sandbank strandete, hat das benötigte Geld für seine Ausstellung buchstäblich selber mitgebracht.  Bei der Untersuchung des Kadavers fanden die Forscher nämlich rund  Kilo Amber – ein wertvoller Stoff, der bei der Produktion teurer Parfums eingesetzt wird. Amber wird im Darm mancher Pottwale produziert und dies zumeist nur in sehr kleinen Mengen. Aufgrund seines hohen Werts wird es auch ‚schwimmendes Gold‘ genannt.

Wal-Saal

Mit Hilfe des Erlöses, der beim Verkauf der ungewöhnlich großen Menge Amber erzielt werden konnte, wurde im Texeler Naturkundemuseum Ecomare nun ein beeindruckender Wal-Saal eröffnet, in dem der berühmte Pottwal sowie andere auf Texel gestrandete Wale ausgestellt sind. Der völlig in Blau gehaltene Raum hält für kleine und große Besucher ein interaktives Walerlebnis bereit, das landesweit seinesgleichen sucht. Damit hat das Ecomare, das bereits weit über die Inselgrenzen hinaus als herausragendes naturkundliches Bildungszentrum bekannt ist, eine weitere Attraktion hinzugewonnen.

Hautnahes Erlebnis

In der neuen, spannenden Ausstellung läuft man im wahrsten Sinne des Wortes durch die Skelette der Wale hindurch, während man akustisch von ihren Rufen umgeben ist. Besonders beeindruckend ist der rund 15 Meter lange Pottwal-Schädel. Ausgestattet mit 52 Zähnen im Unterkiefer vermittelt er auf einzigartige Weise ein Bild von der enormen Größe dieses friedlichen Meeresbewohners. In einer kleinen Vitrine hält der einer Unterwasserwelt nachempfundene Saal zudem eine besondere Sehenswürdigkeit bereit: ein Stück des originalen Pottwal-Ambers. Neben den Knochen von insgesamt sechs gestrandeten Walen und Delphinen gibt es im neuen Wal-Saal auch noch einiges Wissenswertes rund um die Meeressäuger zu sehen und entdecken. So zeigt die Evolutionswand über die ganze Breite des Raumes den Stammbaum der verschiedenen Wal-Arten – hier sind alle Wale der Welt dargestellt. Des Weiteren sind hier lebensechte Modelle von Ur-Walen zu sehen – wie z.B. dem Ambulocteus, ein prähistorischer Wal mit Beinen.

 

 

 

Mit 6237 Fotos in fünf Minuten um die Welt

Kien Lam war 343 Tage unterwegs, hat 17 Länder besucht und 6237 Fotos gemacht. Schauen Sie sich die Höhepunkte seiner Reise  in knapp fünf Minuten an.

Frankreich: Im Land der Ketzer

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Wohnen am Canal du Midi.

Land der Katharer zwischen Pyrenäen und Mittelmeer. In den Städten, Dörfern und in den Köpfen der Menschen ist die Geschichte von vor 800 Jahren allgegenwärtig. Überall stehen mittelalterliche Burgen – Zeugen unruhiger Vergangenheit. Wanderungen und Radtouren entschleunigen in grandiosen Kulissen.

Wir sind spät dran – schon schiebt sich das fahlgelbe Licht der Burglaternen unter die letzten Sonnenstrahlen – und wollen die bilderbuchschöne Festung Carcassonne noch bei Tage erleben. Vorm Abendhimmel stehen die 52 Ziegeltürme der alten Grafenstadt, die sich hoch über dem Fluss Aude erhebt. So begeistert war Walt Disney, dass er Carcassonne zur Vorlage für seinen Schneewittchen-Film nahm.

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Oldtimer im mittelalterlichen Carcassonne.

Die Stadt, im 19. Jahrhundert nach langem Verfall restauriert, ist heute Unesco-Weltkulturerbe: erstaunlich lebendig mit den Straßencafés, Restaurants, lauschigen Plätzen, einem Museum, dem Grafenschloss und der Kathedrale. In den engen Gassen, zwischen dicken Mauern und Türmen, malt sich der Reisende seine mittelalterliche Festung. Die Einzigartigkeit und der – blutige – Hauch des längst Vergangenen nehmen ihn gefangen.

Carcassonne war Marktplatz der Kelten, gehörte Römern, Westgoten, Sarazenen, Franken und war im 12. und 13. Jahrhundert geistliches Zentrum der Katharer, der „Reinen“. Eine der überall zwischen Goslar, Toulouse und Mailand aufkeimenden christlichen Erneuerungsbewegungen. Ihre Führer im „Pays Cathare“, heute Departement Aude, die „guten Männer“ und „guten Frauen“, sahen sich als die wahren Nachfolger der Apostel. Sie predigten Keuschheit, verabscheuten Korruption, lebten asketisch in Armut, lehnten die Sakramente und das Kreuz ab. In Übereinstimmung mit Volk, Adel und Landesherren verweigerten sie der Kirche den Zehnten. Rom sah sich in Lehre und Macht gefährdet. Bald brannten in Europa die Scheiterhaufen und gegen die „Albigenser“, wie sie vom Vatikan bezeichnet wurden, rief 1209 der damalige Papst Innozenz III. zum Kreuzzug auf.

Die Katharer wurden verfolgt, massakriert und verbrannt. Ihre „guten Männer“ flohen in die Berge und auf die etwa zwanzig Burgen, die nach und nach von den Kreuzrittern erobert wurden. Den Rest erledigte die Inquisition: 1321 wurde der letzte Katharer auf den Scheiterhaufen gestellt.

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Bei Lapradelle auf 700 Meter Höhe thront Burg Puilaurens in wilder Berglandschaft.

Vom verschlafenen Lapradelle wandern wir bei Regen auf das 700 Meter hoch gelegene Château Puilaurens und lassen uns die Besonderheiten der Militärarchitektur erklären. Fantastisch ist der Ausblick in die wilde Berg-Kulturlandschaft der Corbières, deren Schönheit und Geschichte immer mehr Besucher anzieht.

Heute ragen die Burgenruinen wie hohle Zähne in den blauen Himmel. Quéribus, Peyrepertuse, Thermes, Puilaurens und Montségur sind die fünf berühmtesten in dem karstigen Land, das fasziniert mit wilden Flüssen, zerklüfteten Bergen, reicher Flora, mit Menhiren und kleinen Dörfern mit ländlichen Kneipen und Weinkellern. An Weinen wie dem Corbière oder einem Musquat de St. Jean sollte man nicht vorbei gehen.

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Eingang zum Hotel ‚Château des Ducs de Joyeuse‘ in Couiza.

Rennes-le-Château – ein zum Verlieben schönes Dorf auf einem Bergrücken nahe den Pyrenäen – ist eine vergessene Katharer-Bastion. Im Jahr 1885 kam dort bettelarm ein Priester, ein gewisser Bérenger Saunière, an und alsbald wegen seines aufwändigen, teils lockeren Lebenswandels – wie „Gott in Frankreich“! – und seiner enormen Bautätigkeit ins Gerede. Die wenigen Einwohner fragten sich: „Woher nur hat er die finanziellen Mittel für die teuren Renovierungsarbeiten an der Dorfkirche St. Maria Magdalena und für Neubauten wie seine Luxusvilla „Bethania“, eine Bibliothek mit Aussichtsturm und eine Orangerie mit Glasveranda?“ Man spekulierte, Saunière habe einen Katharer-Schatz – eine Schale mit echten Goldstücken – gehoben, was so abwegig im Tal der Burgen nicht schien. Sein Geheimnis nahm er mit ins Grab.

Spannender ist die zweite Geschichte: Die düstere Dorfkirche, im Jahre 1059 Maria Magdalena geweiht, blieb lange unbeachtet. Das änderte sich gründlich, als vor gut 12 Jahren ein Buch erschien, dessen Grundidee auf der mysteriösen Geschichte des Gotteshauses basiert: nämlich Dan Browns „Da Vinci Code“, meistverkaufter Roman aller Zeiten.

Ein paar Autominuten von Saunières Kirche entfernt liegt unser nächstes Domizil, das zu einer Luxusherberge umgebaute Château des Ducs de Joyeuse mit vier gewaltigen Rundtürmen aus dem 16. Jahrhundert. Dem Baustil entsprechend, wird später im Innenhof stilvoll ein „Renaissance-Diner“ serviert.

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Radtour im Naturpark Sainte Lucie.

Nach soviel Geschichte ist eine Radtour durch einen der drei Naturparks der Region Languedoc-Roussillon wie eine Offenbarung. Ranger Roland führt uns durch den Parc Naturel „La Narbonnaise en Méditerranné“. Die Corbières-Berge im Rücken, fahren wir durch Weingärten mit herrlich süßen Trauben bis sich eine horizontlose, sonnendurchflutete Weite auftut. Vor uns liegen glitzernde Salzseen, die wir über kleine Dämme problemlos abradeln. Wir mäandern um Tümpel, Teiche und Seen, zwischen Möwen, Reihern, gar Flamingos. Im kleinen Fischerdorf Cabane de Sigean überrascht Roland mit einem selbstgemachten Picknick, ein kulinarischer Paukenschlag an diesem verträumten Platz mit Sonne, Fischfang und Meer. Ein Boot bringt uns zur Ile de l’Autes. Von ihrem Hügel beglückt der Blick über die Küstenseen und das Mittelmeer.

In Narbonne, dem alten Handelsplatz und Hauptstadt der gleichnamigen römischen Provinz, hat man auf dem Marktplatz vor der burgartigen Kathedrale St. Just zehn Meter der römischen „Via Domitia“ freigelegt. Von hier ans Meer zu den kilometerlangen Sandstränden sind es nur wenige Autominuten ebenso wie zum nahen See Bages-Sigean mit seinen Flamingos.

Stille Morgenstimmung in Le Somail. Im Dörfchen mit 450 Einwohnern gibt es drei Malerateliers und – man staune – eine Bibliothek von 50 000 Bänden, zusammengetragen von einem Pariser Buchhändler.

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Willkommen an Bord! Kapitän Ruud.

Dann beginnt unser kurzes Abenteuer Canal du Midi, Unesco-Kulturerbe. Von der römischen Bogenbrücke tuckert Kapitän Ruud sein Holzboot parallel zu schattenspendenden Platanen-, Pappel- und Zypressenalleen, immer mit Durchblicken auf kleine Dörfer, wie man sie von den Impressionisten kennt. An den Ufern liegen nostalgische Kanalfrachter und – Vergnügen der Freizeitkapitäne – bunt angestrichene Hausboote. „Bevor Ludwig XIV., der Sonnenkönig, im Jahr 1681, nach 14 Jahren Bauzeit den Kanal zwischen Sète am Mittelmeer und Bordeaux am Atlantik einweihen konnte, mussten die Schiffer ganz Spanien umrunden – 3000 Kilometer gegen knapp 500, was für eine Ersparnis“, erzählt Ruud. Wir passieren gemächlich Wiesen und Felder, ducken uns unter kleinen Brücken, genießen die Langsamkeit. Ach, hätten wir doch mehr Zeit! Die Weinkeller und die Ausflugslokale am Wasser locken – klar, man muss wiederkommen.

Text und Fotos: Katharina Büttel

Frankreich: Ein Garten – wie gemalt

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Seit gut 90 Jahren ist er tot, begehrt und beliebt ist er bis heute: Der Maler Claude Monet (1840-1926), Ikone der modernen Malerei und „das wunderbarste Auge, seit es Maler gibt“, sagte Cézanne von ihm. Die Chance, bekannte und weniger bekannte seiner Bilder zu bewundern, gibt es jetzt im Frankfurter Städel Museum in der Ausstellung „Claude Monet und die Geburt des Impressionismus“- zusammen mit knapp 100 weiteren Meisterwerken seiner Maler-Kollegen des frühen Impressionismus. In der Normandie schuf Monet die wuchernde Vorlage für seine impressionistischen Werke: den Garten von Giverny.

Giverny ist Monet: es war Liebe auf den ersten Blick. Auf einer Bahnfahrt entdeckte er das kleine, unbedeutende Straßendorf Giverny in der Normandie. Das glitzernde Licht auf der Epte, dem winzigen Nebenfluss der Seine, die malerischen Bauerngärten, das satte Grün ringsum taten es ihm an. Im April 1883 bezog er dort mit seiner Familie ein Landhaus mit Atelier und einem großen Obst- und Blumengarten – „in der Gewissheit, niemals eine so schöne Landschaft wiederzufinden“.

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Eigentlich wollte er nur ein paar Blumen züchten, als Motive in Schlechtwetterperioden – wenn das Malen in der freien Natur unmöglich war. Doch als er auf Reisen die Blütenpracht südländischer Gärten kennenlernte, war er fasziniert. Er kaufte exotische Pflanzen und komponierte Blüten zu ungewöhnlichen Farbspielen, ganz so, als wären die Gesetze der Natur Farbgesetze. Bald arbeitete er mit fünf Gärtnern an der Gestaltung seines Blütentraums. Er pflanzte Kletterrosen und setzte Kapuzinerkresse zu ihren Füßen, platzierte Stauden von Iris und weißem Mohn zwischen japanische Ziersträucher, bestückte Beete mit Tulpen, Narzissen, Vergissmeinnicht und Veilchen, mit Rittersporn, Phlox, Margeriten und Chrysanthemen. Er pflanzte, was farbig harmonierte und minutiös in die Blütenfolge passte. Seine ganze Kraft steckte er nun darein, seinen Garten zu malen.

2.Monet-Portrait.jpgSo schuf er Gemälde, auf denen seine Motive geradezu wuchern. Er suchte den flüchtigen Augenblick zu erfassen, das Licht in seinem Garten in Giverny, die Spiegelungen auf der Oberfläche des Teiches und die fliehenden Schatten. Seine besondere Liebe galt dem künstlich angelegten Wassergarten samt Seerosenteich und der von Glyzinien überwucherten, japanischen Holzbrücke – Motiv zahlreicher Gemälde. Er war getragen von der Idee, dem Lauf der Natur, dem Prozess von Reifen und Vergehen, dem Wandel der Farbigkeit zu folgen. 1926, im Alter von 86 Jahren, verstarb er in Giverny.

Seit 1982 stehen Monets Haus und Garten – sorgsam in den von ihm geschaffenen Zustand zurückversetzt – für Interessierte aus aller Welt offen. Am günstigsten für einen Besuch ist meist die Mittagszeit, wenn die vielen Touristen die umgebenden Restaurants besetzen.

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Claude Monets altrosa getünchtes Haus ist seit langem Museum und strahlt mit seinen acht verschiedenfarbig ausgemalten Zimmern, dem Stilmix aus japanischen Holzschnitten, asiatischen Lackmöbeln und normannischen Schränken noch immer Heiterkeit und Lebendigkeit aus. Vor allem das sonnengelbe Esszimmer: Hier kann man sich Monet mit Rauschebart und großkrempigem Strohhut als großzügigen Gastgeber vorstellen: er, der barocke Genussmensch, zelebrierte Tafelrunden am riesigen Tisch mit seiner großen Familie und den Malerfreunden wie Auguste Renoir, Edgar Degas, Camille Pissarro oder Alfred Sisley – mit kulinarischen Köstlichkeiten aus Früchten, Gemüse und den Kräutern seines Gartens. Den Tisch verschwenderisch dekoriert mit Blüten in allen Farben – durch die offenen Fenster wabert der Duft der Rosen. Auch in diesem Augenblick, wie in seiner Malerei, setzte Monet auf Farbe und die Lichtreflexe eines Sommertages.

Text und Fotos:Katharina Büttel

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8.blau-pink Phlox.jpg7.rosa Hibiskus.jpg10.Rosenstöcke, Hut.jpg3.Seerosenteich.jpg

Niederlande: Texel, die Insel auf der der Krieg am längsten dauerte

Das Luftfahrt- und Kriegsmuseum in Texel.  © VVV Texel

Das Luftfahrt- und Kriegsmuseum in Texel. © VVV Texel

 

Nirgendwo in Europa dauerte der 2. Weltkrieg so lange wie auf Texel: Erst am 20. Mai 1945, rund zwei Wochen nach der offiziellen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, endeten die Kampfhandlungen auf der größten westfriesischen Insel. Mit der Besetzung der Niederlande wurden auch auf Texel mehrere Einheiten deutscher Soldaten stationiert. Während ein großer Teil der Männer von der Insel nach Assen deportiert wurde, blieb die restliche Bevölkerung von Texel jedoch weitgehend von Kriegsentbehrungen verschont. Im Februar 1945 wurde dann das 822. Georgische Infanteriebataillon – das im Wesentlichen aus Kriegsgefangenen bestand – auf Texel stationiert. In diesem Bataillon kam es in der Nacht vom 5. auf den 6. April 1945 zu einem Aufstand der Georgier, bei dem fast alle der 400 auf der Insel stationierten deutschen Soldaten im Schlaf getötet wurden. Die Folge war der so genannte Russenkrieg, in dem die vom Festland zu Hilfe eilenden deutschen Truppen die Aufständischen bekämpften. Viele georgischen Soldaten und mehr als einhundert Inselbewohner kamen dabei ums Leben.
Am 20.Mai finden nun überall auf Textel Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung statt. Ein Korso mit historischen Armeefahrzeugen fährt dabei durch alle Inseldörfer. Am Flughafen von Texel erinnert das Luftfahrts- und Kriegsmuseum u.a. mit einer Ausstellung an den Russenkrieg.

Niederlande: Die Neue Wildnis kommt in deutsche Kinos

Sonnenuntergang in Flevoland_Quelle EMS Films

Sonnenuntergang in Flevoland_Quelle EMS Films

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Donnerstag den 9. April startet der niederländische Dokumentarfilm Die Neue Wildnis in den deutschen Kinos. Mit fast zwei Jahren Produktionszeit ist das Werk die aufwendigste niederländische Dokumentation aller Zeiten. Aus den 380 Stunden Filmmaterial, das zahlreiche Kamerateams produziert haben, ist ein etwa 97 Minuten langes Meisterwerk über die Schönheit der niederländischen Natur in der Provinz Flevoland entstanden.

Die neue Wildnis in Flevoland

Kämpfende Hirsche_Quelle EMS Films

Kämpfende Hirsche_Quelle EMS Films

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alles steht im Zeichen der Natur in Europas größtem Naturgebiet, den Oostvaardersplassen in der jüngsten niederländischen Provinz Flevoland. Zwar wurde die Provinz von Menschenhand geschaffen, indem Land trockengelegt und dem Meer abgerungen wurde, aber sie ist doch eine der unberührtesten Naturlandschaften Europas. Bei der Trockenlegung der zwölften Provinz der Niederlande gab es zuerst Pläne, die Oostvaardersplassen zu einem Industriegebiet zu machen. Da der Boden aber zu nass war, entschied man sich dafür, der Natur ihren Lauf zu lassen. Somit gilt Flevoland als das Resultat des größten Einpolderungsprojektes aller Zeiten.
Überall in dieser niederländischen Provinz wandert man auf ehemaligem Meeresgrund und das trockenen Fußes, obwohl das Land im Schnitt fünf Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Ein halbes Jahrhundert nach der Einpolderung sind auf diesem einstigen Meeresboden prächtige Naturgebiete entstanden. Flora und Fauna schufen sich ihre eigenen Lebensräume, wodurch heute ein Sumpfgebiet mit Mooren, Weideland und einer vielseitigen Tierwelt, darunter Wildpferde und hunderte Vogelarten entstand. Besucher können in dieser einzigartigen Region beispielsweise die holländischen „Big Five“, die „Fünf Großen“ der neuen Wildnis in den Oostvaarderplassen entdecken, die Stille im ruhigen Herzen des Horsterwolds erfahren oder sich im Waterloopbos bei einer Wanderung durch die dortige Testanlage der Deltawerke für die Häfen von Vlissingen und Lagos überraschen lassen. Die Natur der Oostvaardersplassen lieferte die Kulisse für den preisgekrönten Naturfilm Die Neue Wildnis. Der Film zeigt prächtige Bewegtbilder dieses einzigartigen Stücks Wildnis und lädt Besucher dazu ein, die unerwartete Natur in diesem „neuen Land“ zu entdecken.

Rennende Wildpferde_Quelle EMS Films

Rennende Wildpferde_Quelle EMS Films

Niederlande: Der späte Rembrandt im Amsterdamer Rijksmuseum

Rembrandt Selbstportrait

Kein anderes Museum auf der Welt besitzt eine größere Rembrandt-Sammlung als das Rijksmuseum in Amsterdam. Ab dem 12. Februar 2015 widmet es sich nun – in frisch und aufwendig renoviertem Gewand – zum ersten Mal dem Spätwerk des legendären holländischen Meisters. Die gemeinsam mit der Londoner National Gallery konzipierte Ausstellung „Rembrandt: Die letzten Jahre“ zeigt rund 100 Werke Rembrandt van Rijns, darunter 40 Gemälde, aber auch zahlreiche Zeichnungen und Drucke. Museen aus aller Welt (auch jene, die ihre kostbaren Bestände sonst so gut wie nie verleihen) waren von dem Konzept so überzeugt, dass sie ihre Meisterwerke auf Reisen schickten – zuerst nach London, der ersten Station der Schau, dann nach Amsterdam.

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Rijksmuseum Amsterdam

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gibt es nun die Möglichkeit, einen umfassenden Überblick über Rembrandts Schaffen von ca. 1651/52 bis zu seinem Tode 1669 zu erhalten. Wim Pijbes, Direktor des Rijksmuseum, ist sich sicher: „Diese Ausstellung über sein Leben wird einer neuen Generation die Meisterschaft von Rembrandt nahebringen, der größten Persönlichkeit in der niederländischen Kunst des Goldenen Zeitalters und möglicherweise dem berühmtesten aller Holländer.“

Auch wenn sich vieles schon in seinem Frühwerk andeutet, der späte Rembrandt – der die inneren Konflikte der Menschen auf die Leinwand bringt und die Kunst mit seinem Pinselstrich revolutioniert – ist der wahre Rembrandt, das macht die Ausstellung eindrücklich klar. Einst einer der renommiertesten und bestbezahlten Maler Hollands, ist Rembrandts letztes Lebensdrittel von Krisen, finanziellen Problemen und tragischen persönlichen Verlusten gekennzeichnet. Mitte der 1650er Jahre muss er Konkurs anmelden, sein luxuriöses Haus und seine bedeutende Kunstsammlung werden versteigert, sein ebenso monumentales wie düsteres Gemälde „Die Verschwörung des Claudius Civilis“ (einst eigens für das Amsterdamer Rathaus angefertigt) stößt auf Ablehnung und wird kurzerhand wieder abgehängt.

The Conspiracy of the Batavians by Rembrandt. Nationalmuseum Stockholm

Die Verschwörung des Claudius Civilis

1663 stirbt seine Lebensgefährtin Hendrickje Stoffels, einige Jahre später verliert er auch seinen Sohn Titus. Gleichzeitig zählen diese späten Jahre zu seinen produktivsten; die Werke, die in dieser Zeit entstehen, zu seinen bedeutendsten. Rembrandts Maltechnik wird mit dem Alter freier, radikaler und rauer, er experimentiert mit Farbe und Licht und zeigt immer wieder Personen in einer starken, emotionalen Innerlichkeit. Die Gemälde, die in diesen Jahren entstehen – u. a. „Der Segen Jakobs“, „Die Verschwörung des Claudius Civilis“, oder „Selbstbildnis mit zwei Kreisen“ – prägen das weltweite Rembrandtbild bis heute. Und sie haben die folgenden Künstlergenerationen nachhaltig beeinflusst.

Als Vincent van Gogh Rembrandts Gemälde „Isaak und Rebecca“, meist „Die Judenbraut“ genannt, 1885 zum ersten Mal im Rijksmusem erblickt, meint er beeindruckt, dass er am liebsten zehn Jahre seines Lebens hergeben würde, wenn er dafür, mit nichts als einem Stückchen trockenen Brot, vierzehn Tage vor dem Bild verbringen dürfte. Heute ist „Die Judenbraut“ einer von vielen Höhepunkten im Rahmen der Ausstellung über Rembrandts imposantes Spätwerk.

De Joodse bruid, Rijksmuseum

Die Judenbraut

Doch nicht nur das Rijksmuseum widmet sich dem künstlerischen Schaffen Rembrandts – ganz Amsterdam steht in diesen Tagen im Zeichen des womöglich „berühmtesten aller Holländer“, der in dieser Stadt einen Großteil seines Lebens verbrachte. Eine Reihe von Ausstellungen, Stadtrundgängen und Bootstouren zu jenen Orten, an denen der Künstler lebte und bis zu seinem Tod 1669 arbeitete, einschließlich des Rembrandt-Museums (Rembrandthuis) und der Westkirche (Westerkerk), in welcher er begraben wurde, stehen auf dem Programm.

Nora Kalweit

Frankreich: Der Westen Korsikas zwischen Calvi und Ajaccio

Offiziell gilt Kolumbus als Entdecker Amerikas. Auch wenn er nur durch Zufall auf den neuen Kontinent gestoßen ist, denn eigentlich wollte er ja nach Indien segeln. Genau genommen hat er Amerika aber nur wiederentdeckt, denn schon 500 Jahre vor ihm war höchstwahrscheinlich schon der Isländer Leif Eriksson dort. Soweit sind sich die Historiker einig, doch bei Kolumbus‘ Geburtsort streiten sie sich, ob er nun Spanier, Italiener, Portugiese oder gar Franzose war. Lange schien Genua die besten Argumente zu haben und verwies auf das Testament des genuesischen Seefahrers in spanischen Diensten.

Doch auch die Korsen sind felsenfest davon überzeugt, dass Kolumbus in Calvi geboren wurde. Sie verweisen auf die angeblichen Reste seines Geburtshauses in der Zitadelle und um ihren Anspruch zu untermauern, haben sie kurzerhand eine Straße und einen Platz nach ihm benannt. Seit dem 550jährigen Jubiläum der Entdeckung Amerikas 1992 gibt es an der Außenmauer der Zitadelle auf dem Place Christophe Colomb eine Bronzebüste in einem halben Boot. Da bis jetzt selbst die gentechnische Untersuchung seiner Knochen keine eindeutige Klärung brachte, darf sich Calvi wohl noch eine Weile als Geburtsort des großen Entdeckers fühlen.

Eigentlich hat Calvi das Heischen nach Aufmerksamkeit gar nicht nötig, denn die Stadt und ihre Umgebung gelten als Côte d’Azur Korsikas. Die mächtige Zitadelle thront weithin sichtbar auf einem ins Meer ragenden Felsen und gilt mit der von Bonifacio als imposantestes Bauwerk aus der Genuesenzeit. Auch der Jachthafen und der Quai Landry am Fuß der Festungsmauern brauchen sich vor der Côte d’Azur auf dem Festland nicht zu verstecken. In den Bars und Restaurants herrscht im Sommer Hochbetrieb, hier trifft man sich am Abend nach einem Strandtag in der Bucht von Calvi. Dass es am Quai eher mondän als volkstümlich zugeht, überrascht nicht bei den meist großen Jachten im Hafen.

Der Garten Korsikas

Zwischen den beiden Touristenzentren Calvi und L’Île Rousse erstreckt sich die Balagne. Eingeklemmt zwischen zwei wüstenhaften Gebieten, im Nordosten der Désert des Agrigates und im Südwesten der Balagne Déserte, breitet sich ein fruchtbares Hügelland bis zu den Gebirgen Zentralkorsikas aus. Dank der guten Böden gedeihen im Garten Korsikas Zitrusfrüchte, Oliven und Vermentinu-Trauben der Spitzenklasse. Doch selbst hier können die Menschen kaum noch von der Landwirtschaft leben, deshalb sind viele in die Städte oder gleich aufs Festland gezogen und haben ihre Felder der Maccia überlassen.

Nur wenige Touristen machen sich von den Stränden ins Hinterland auf, zu den kleinen Dörfern mit uralten, windschiefen Häusern aus Natursteinen, die oft wie Adlernester auf Bergrippen und Hügelkuppen thronen. Früher waren die rund zwei Dutzend Dörfer der Balagne durch den Anbau von Zitronen, Clementinen, Orangen und Mandeln relativ wohlhabend, heute sind die landwirtschaftlichen Erzeugnisse zwar immer noch gefragt, doch eine wirtschaftliche Bedeutung haben sie kaum noch. Nur der Tourismus bietet eine Chance, dass die wunderschönen Dörfer nicht noch weiter überaltern und entvölkern.

Die Küste der kariösen Felsen

Zwischen Porto und Piana schlängelt sich die Straße kurvenreich durch die bizarre Felslandschaft der Calanche de Piana, überall möchte man anhalten und atemlos auf das Gebirge der kariösen Steine schauen. Schon in Porto sind nicht der Ort oder der Strand die größte Attraktion, sondern die roten, zerfressenen Felsen der Steilküste, die bei Sonnenuntergang regelrecht zu glühen anfangen. Noch viel dramatischer sind die Calanche de Piana, hier erreichen die Verwitterungen, die Steine wie Bienenwaben aussehen lassen, ihren Höhepunkt. Je nach Tageszeit erscheinen die Felsen in allen Rot-, Rosa- und Brauntönen, wer nur etwas Fantasie besitzt, erkennt allerlei Gesichter und Figuren. Einer Legende nach sollen die Tafoni sogar ein Werk des Teufels sein. Kein Wunder also, dass sie auch so manchen Literaten beeindruckt haben. Der korsische Dichter Pierre Bonardi schrieb:„ Felsen des Gemetzels, ein letztes Aufbäumen blutverschmierter Gladiatoren, eine ganze Armee von vor Blut triefenden Tieren und Männern sind dort, dem Stoß des Monte-Cinto und des Monte Rotondo Widerstand leistend.“

Die Heimat des Großen Korsen

In Ajaccio begegnet man Napoleon auf Schritt und Tritt. Seine Präsenz ist so auffällig, dass man sich irgendwann fragt, womit der französische Kaiser diese unverblümte Huldigung eigentlich verdient hat. Er wurde zwar hier am 15. August 1769 geboren, doch schon mit neun Jahren verließ er die Stadt in Richtung Festland. Seine weiteren Aufenthalte in Ajaccio waren nicht unbedingt von Liebe geprägt und kurz. Immerhin machte er seine Geburtsstadt 1811 zur Hauptstadt Korsikas, negierte aber gleichzeitig ihre Autonomieansprüche. Nicht gerade beliebt machte er sich durch die Zwangsrekrutierung Tausender Korsen für seine Armee. Auch sein Bruder Lucien war für negative Schlagzeilen gut, als er einen Aufstand blutig niederschlug. Als Napoleon mit all seinen Großmachtplänen gescheitert war und 1814 abdanken musste, war die Freude in Ajaccio groß.

Heute ist sein Geburtshaus in der Rue Saint-Charles ein vielbesuchtes Museum. Interessant ist der weitverzweigte Stammbaum, der verdeutlicht, über welche Macht der Napoleon-Clan einst verfügte. Der gegenwärtige Chef des Hauses Bonaparte, Prinz Charles Napoleon, auch Napoleon VII. genannt, hat nur einige Jahre in der Lokalpolitik mitgemischt und sich dann frustriert auf das Festland abgesetzt. Im Rathaus huldigt man dem großen Korsen mit Devotionalien wie der bronzenen Totenmaske. Auf der Place de Gaulle zeigt er sich mit seinen vier Brüdern als römischer Imperator, auf der Place Maréchal Foch gibt er den Ersten Konsul, mit Löwen zu seinen Füßen. Höhepunkt des Napoleonkults ist die Place d’Austerlitz, die Heldentaten vor ihm in Stein gemeißelt, wacht er am Ende einer Triumphtreppe auf einem Sockel mit strengem Blick und Dreispitz über seine Geburtsstadt. Als Dank an ihn und seine Sippe gibt es auch noch den Cours Napoleon, die Rue Bonaparte, die Rue du Roi de Rome, die Rue Letizia und die Rue du Cardinal Fesch.

Christian Nowak

Niederlande: Van Nelle Fabriek in Rotterdam wird Weltkulturerbe

VanNelle Fabrik Rotterdam_Quelle Rotterdam PartnersDas Komitee des UNESCO-Weltkulturerbes zeichnete im Juni die „Van Nelle Fabriek“ mit dem Status „Weltkulturerbe“ aus. Dies ist eine weltweite Anerkennung des einzigartigen und universellen Wertes der ehemalige Kaffee-, Tee und Tabakfabrik, die zwischen 1925 und 1931 erbaut wurde.

Das Industriegelände der Van Nelle Fabrik – ein Ensemble von miteinander verbundenen Gebäuden – ist eines der Highlights der industriellen Architektur aus dem 20. Jahrhundert. Bereits kurze Zeit nach dem es entworfen und erbaut wurde, beschrieben prominente Architekten die Fabrik als „den schönsten Anblick der modernen Zeit“ (Le Corbusier, 1932) und „ein Gedicht aus Stahl und Glas“ (Robertsen und Yerbury, 1930). Der amtierende Rotterdamer Bürgermeister Ahmed Aboutaleb erklärte, dass „die Van Nelle Fabrik definitiv eines der historischen Symbole ist. Ein Bauwerk einzigartig in seiner Form und Material und aus der sozialen Perspektive seiner Zeit weit voraus.“

VanNelleausderLuft_Quelle Rotterdam Partners

Der Bauherr, Kees van der Leeuw, sowie die Architekten Johannes Brinkmann und Leendert van der Vlugt hatten sich als Ziel gesetzt, die „ideale Fabrik“ zu entwerfen: funktional, gut aussehend und offen. Natürliches Licht wurde verwendet, um ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ein Beweis für die Sorge um das körperliche und geistige Wohlbefinden der Mitarbeiter – zu dieser Zeit kein selbstverständliches Merkmal der Industrie.

Die erfolgreiche Sanierung der Fabrik wurde zwischen 1999 und 2006 vorgenommen, unter der Leitung des Bauherrs Volker Wessels. Wessel de Jonge fungierte als koordinierender Architekt. Die UNSECO würdigte die Tatsache, dass die sorgfältige Restaurierung die ursprüngliche Form des Komplexes erhalten hat. Besucher und neue Unternehmen können so nachvollziehen, welchen Reiz die Van Nelle Fabriek ausmacht.

VanNelle Fabrik Innenansicht Quelle Rotterdam Partners

Für die Niederlande ist es nicht die erste Auszeichnung als Weltkulturerbe. Neben den Amsterdamer Grachten, den Mühlen von Kinderdijk, dem Beemster Polder, dem Schokland, dem Wattenmeer, dem Rietveld-Schröder-Haus, dem D.F. Wouda Dampfschöpfwerk und der Stellung von Amsterdam, darf sich nun auch die Van Nelle Fabriek Weltkulturerbe nennen.

Frankreich: Das Ecomusée d’alsace im Elsass wird zum Adventsdorf

Seufert,

Noch ist der Teig für die Plätzchen ein bisschen klebrig. „Einfach noch weiter kneten“, sagen Manon Morgen und Funda Kara. Bredala, die für das Elsass typischen Plätzchen, wollen sie mit den Besuchern zaubern. Es ist kalt in der guten Stube. Rauch zieht aus dem Ofen in den Raum. Gemütlichkeit sieht anders aus. Die beiden jungen Frauen tragen keine flotten Shirts und lässige Jeans, sondern Kleider mit weiten Schürzen, die Haare unter einer hübschen Haube züchtig versteckt.

Im Ecomusée d’alsace, Foto: Diana Seufert

Im Ecomusée d’alsace, Foto: Diana Seufert

Sie und weitere 150 Freiwillige wollen das elsässische Dorfleben wie vor 100 Jahren wieder zum Leben erwecken. Das Ecomusée d’Alsace von Ungersheim – das Freilichtmuseum wenige Kilometer nördlich von Mulhouse – steht derzeit ganz im Zeichen von Weihnachten.
Stimmungsvoll sind die mehr als 70 Häuser geschmückt und verbreiten eine heimelige Atmosphäre. Draußen kräht der Hahn lauthals, während drinnen im großen Haus zusammen mit den Besuchern die Plätzchen ausgestochen oder aus süßem Hefeteig Manalas, Hefemänner, geformt werden. Nicht nur Kinder machen sich gerne ans Werk. Auch viele Erwachsene holten sich so die Erinnerungen an schöne Kindertage wieder zurück.
Im Ecomusée d’alsace, Foto: Diana Seufert Vor 30 Jahren öffnete das Freilichtmuseum im Oberelsass seine Pforten und ist seither zum Besuchermagnet geworden. Fast 200 000 Gäste zählt man jährlich. Und schon bei der Eröffnung der Weihnachtsschau, die bis 4. Januar geht, strömen die Besucher in Scharen. Sie lassen sich gefangen nehmen von der interessanten Symbiose zwischen historischen Häusern und der Moderne, die immer wieder miteinander verwoben werden.
„Unser Museum ist einzigartig“, schwärmt Direktor Eric Jacob. Denn es werden nicht nur über 40 000 Exponate aus dem Alltag ausgestellt, sondern hier wird das Dorfleben Anfang des 20. Jahrhunderts lebendig. Drei Häuser seien sonntags regelmäßig bewohnt, erzählt er. „Wir wollen die Zeiten nicht verklären, sondern authentisch darstellen und Emotionen vermitteln.“ Das ist dem Direktor wichtig.
Durch die Häuser streifen, einen Blick in die Spezerei mit den historischen Spielsachen und der hübschen Puppenstube werfen, Schmied und Wagner, Schuhmacher und Töpfer über die Schulter schauen oder selbst beim Backen und Töpfern Hand anlegen: Die Besucher sollen eintauchen in die Welt der Vorfahren, die bei weitem nicht so romantisch war, sondern harte, mühevoller Arbeit und Entbehrung bedeutete. Um Holz zu sparen, trafen sich die Familien eines Dorfes früher reihum in den einzelnen Häusern. Während die Frauen für das Essen zuständig waren oder auch strickten, fertigen die Männer unterschiedliche Bastelarbeiten an. „Das war einfach das Fernsehen vor vielen Jahrzehnten“, sagt Jacob.

Seufert,  Ecomusée d’Alsace
Einer der 150 Freiwilligen ist Guy Macchi. Der 66-jährige Sundgauer ist gelernter Mauer und hat beim Wiederaufbau der Häuser geholfen. Bei der Kutschenfahrt über das weitläufige Gelände gerät er ins Schwärmen. „Wir wollten die alten Gebäude nicht verfallen lassen“, erzählt er mit einem Leuchten in den Augen. Das älteste Gebäude, ein Wohnhaus aus Turckheim, ist von 1492. Auf das Fachwerk mit den verschiedenen Konstruktionen lenkt er den Blick. Gleich neben dem Wohnturm von Mulhouse schmiegt sich ein Fischerhaus von 1520 an den kleinen See, den sich die Enten erobert haben. Jetzt im Winter müssen sie das Wasser nicht mit den Störchen teilen. Im Frühjahr dagegen kommen wieder mehr als 30 Brutpaare zurück und bauen ihre Nester auf den Dächern weiter aus. „Das kann auch ein Problem werden“, macht Experte Macchi deutlich. Denn so ein Nest wiegt mehrere Hundert Kilogramm. „Eine schwere Last für so ein altes Haus.“
Ecomusée d’Alsace, SeudertAnfang der 1980er Jahre wurden die ersten Häuser auf das zehn Hektar große Dorf „umgepflanzt“. Mit 19 Gebäuden startete das Museum, nun sind es über 70. „Die alten Häuser können uns Antworten geben für das Zusammenleben der Menschen für die Zukunft.“ Davon ist Jacob überzeugt. Und deshalb entsteht inmitten der historischen Gebäude eines aus dem 21. Jahrhundert aus Holz und Lehm, an dem Interessierte gerne mithelfen können. Zum Gelände, dessen Fläche sich vervierfacht hat, gehören auch Wald, Streuobstwiesen mit 215 diversen historischen Apfelsorten, Rebland, Kräuter- und Gemüsegärten sowie Seen.
Ecomusée d’Alsace, SeufertWeihnachtliche Atmosphäre verströmt das Museum allerorten – nicht nur in den drei Gärten, die dem Christkind, dem Nikolaus und dem bösen Hans Trapp, dem elsässischen Knecht Ruprecht, gewidmet sind. Die Blicke zieht vor allem das blaue Haus des Christkinds und dessen zauberhafter Garten auf sich: mysteriös, poetisch und geheimnisvoll zugleich. Die Krippe der Handwerker wird auch schnell zum Besuchermagnet, die Geschichte des Weihnachtsbaums gibt neue Einblicke auf die grünen Zweige und das abendliche Schauspiel erinnert an die Geburt des Jesuskindes – Weihnachtsstimmung ohne kommerziellen Kitsch und blinkende Lichterketten.

Text und Fotos: Diana Seufert
Info
Das Ecomusée d’Alsace
Im Freilichtmuseum im Elsass, zwischen Colmar und Mulhouse, haben Besucher seit 1984 die Möglichkeit, in den historischen Häusern das dörfliche Leben kennenzulernen. 150 Freiwillige und 40 hauptamtliche Mitarbeiter vermitteln ein authentisches Bild. Mittlerweile ist es eines der bedeutendsten Museen Europas.
Zu erreichen ist das Gelände nicht nur mit dem Auto, sondern auch per Zug über Straßburg oder Mulhouse an den Bahnhof Bollwiller. Wer will, kann sich von dort mit der Pferdekutsche abholen lassen und im Hotel im Museum übernachten.
Geöffnet hat das Freilichtmuseum bis 4. Januar und macht danach wieder im Frühjahr auf.